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Full text of "Briefe von Theodor Billroth"

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Hannover und Leipzig, 


Hahnfhe Budhhandlung. 


Ei | 1895. | | 
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Erau Holrath Billrofh. 


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iner der größeften Chirurgen feiner Zeit zu fein, wie es 
RS Theodor Billvoth war, genügt nicht, um Intereffe für 
feine Briefe zu erweden. Erwägt man, daß diefer Mann 
zuerft den Muth hatte, in der Chirurgie die volle Wahrheit zu fagen, 
indem er mit beifpiellofer Offenheit über Alles, was ihm glücte 
und mißglücte, Nechenfchaft ablegte, dann regt fich wohl das Der- 
langen, einen Blick in das Seelenleben eines folhen Charakters zu 
thun. Aber damit nicht genug: erft wenn man weiß, daß der 
Grundton in Billvoth’s Seele menſchliches Empfinden und herzliche 
Innigfeit waren, dann erwacht im Gefühl des unerfeßlichen Derluftes 
die Sehnfucht, auc über das Brab hinaus mit dem Menſchen 
Billroth durch ſeine Briefe innig verbunden zu bleiben. 

Nach altem Brauch mit der Herausgabe von Briefen ein Jahr- 
zehnt und länger zu warten, ift in unferer geheßten, vafchlebigen 
Het nicht wohl angebracht; dann ift Alles welt. Friſch follen aber 
die Blumen fein, welche wir für das Paradies unferer Erinnerung 
pflüden. In den Briefen wandeln wir in einem Garten, wo die 
Dankbarkeit und Freundfhaft blühen, wo Wiffenfchaft und Kunft, 
eng verjhlungen, neben einander ranken und ein Föftlicher Humor 
aufſchießt; Alles umgrünt von beſtrickender Kiebenswürdigfeit. Mit— 
unter bewölkt ſich der Himmel, und ein Sturm von Keidenfchaft 
rauſcht durd die Blätter; aber ftets umweht uns eine herjens= 
warme Luft. 


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Doll Dankbarkeit blieb Billvoth das ganze Leben hindurch 
feinem erften Lehrer der Chirurgie treu. Feft gefchloffen hielt er die 
Hand der alten Freunde und vertraute ihnen all’ fein Ringen und 
Sehnen, welches Feine Grenzen kannte. War bei dem Bedürfniß 
nach gleichgeftimmten Menſchen feine Sympathie für Jemand er- 
wacht, dann gab er mit dem reichen, wifjenfhaftlichen Schatz auch 
ftets feinen ganzen Menſchen hin: offen und wahr, ohne die Comödie 
des alltäglichen Lebens, ohne Rückſicht auf fociale Stellung. Vor— 
urtheil Fannte er nicht; beftechen Fonnte ihn nur Talent und ehren- 
hafter Charakter. 

In ‚feinen beften Jahren fehen wir ihn raftlos, mit der Kraft 
eines Löwen arbeiten; Alles Fochte bis zum Ueberfhäumen. Seine 
Fahne trug die Worte „naturwiffenfchaftliche Forſchung“; nie galt 
ihm die Operation als die Seele der Chirurgie, obſchon er die ope— 
vative Chirurgie unendlich erweiterte. Da er fhon in der Jugend 
mit feiner phyfiologifhen und pathologifch-anatomifchen Dorbildung 
alle Fachgenoſſen überragte, wurde er ein Bahnbrecher der modernen 
Chirurgie, Er verftand den Pulsfchlag feiner Zeit: fo Manches, 
was verfchletert und nur geahnt im der Luft fchwebte, erhielt erft 
von ihm den bewußten Ausdrud. Ein tief hiftorifcher Sinn ſchützte 
ihn vor Ueberhebung, und feine vornehme Natur erleichterte ihm 
nicht allein die Anerkennung der Derdienfte Anderer, ſondern auch 
das rüchaltlofe Eingeftändniß des eigenen Jrrthums. Im Kampf 
um Recht und Wahrheit blieb fein willensftarfer Charakter unbeug- 
jam, ‚auch wenn er. mit manchen idealen Anfhauungen Schiffbruch 
litt; und mit fcharnierlofenm Rücken wahrte er jich die Unabhängig- 
feit als eines der höchften Büter des Lebens. 

Mit fascinivender Bewalt packte ‚er die Jugend, welche feiner 
Klini? aus allen Welttheilen zuftrömte; er fühlte mit ihr und eroberte 
alle Herzen im Sturm. Dafür trug man ihn zeitlebens auf Händen. 
—— dem magnetiſchen Sauber feiner gewaltigen Perfönlichkeit 
und eines univerfellen Genies, venbunden mit der Gabe, Talente zu 
entdecken und zur Selbftändigfeit zu entwiceln, gelang es dem 


— 


Meiſter, wie keinem deutſchen Chirurgen außer feinen Lehrer 
B. v. Langenbeck, eine Schule zu gründen, aus welcher eine große 
Reihe von Profeſſoren der Chirurgie für Deutſchland, Oeſterreich, 
Belgien und Holland und viele Hofpitalhirurgen hervorgegangen 
find. Das war fein Stolz und die größefte Freude feines reichen 
Sebens, 

Empfänglih für alle Reize der Natur und ſchönen Künfte 
durchglühte ihn von Jugend auf die Leidenſchaft zur Muſik, und 
zwar mit fol” elementarer Gewalt, daß des großen Chirurgen 
zweites Ich der Künftler, der Muſiker wurde. Muſik war die Welt, 
in welcher er ſich ganz glücklich fühlte! Ein Billvoth ohne Brahms 
und Hanslic ift nicht denkbar, 

Flott und Iebensfroh, dabei weltgewandt und freigebig nad) 
allen Seiten, genoß er das Leben mit vollen Zügen. Theater, 
Concerte, muſikaliſche Abende im eigenen Haufe, wo die erften 
Künftler verkehrten, waren ihn, dem feinfinnigen Kenner der clafft- 
ſchen Muſik und gewandten Llavierfpieler, ein Bedürfniß. 

Während der Ferien war er fat immer auf Reifen; vor Allem 
30g es ihn nad Italien, Im legten Jahrzehnt ging er regelmäßig 
im Sommer mit Gattin und drei Töchtern in feine von ihm erbaute, 
an der „Halteftelle Billeoth” gelegene Dilla von St. Gilgen (am 
St. Wolfgangfee bei Iſchl), und während der Falten Jahreszeit 
nad Abbasia, 

Dem mit dem Füllhorn des Glückes überfchütteten Mann 
waren auch fchwere Seiten feines wifjenfchaftlichen CLebens nicht 
erjpart. Er hatte als Preuße anfangs in Wien. mit mancherlei 
Miderwärtigkeiten der Stocöfterreicher zu kämpfen, und es dauerte 
einige Jahre, bis er zur vollen Geltung Fam. Als ex eine Zeitlang 
jögerte, die antifeptiiche Wundbehandlung blindlings anzunehmen, 
weil er eine auf ficherer, naturwiffenfchaftlicher Baſis fußende Theorie 
vermißte, und feine in dieſer Richtung angeftellten Coloffalunter- 
juchungen ihm nur Enttäufchungen eingebracht hatten, verübelte 
man es ihm, Dann wieder nahm man, zumal in Defterreich, Anftoß 


— VI — 


daran, daß er manche bittere Wahrheiten über das Kehren und 
Sernen der medicinifchen Wiffenfchaften an den Univerfitäten fich 
von der Seele gefchrieben hatte. Aber Feiner der damaligen Chirurgen 
wäre wohl im Stande gewefen, Arbeiten, wie gerade diefe beiden, - 
auszuführen. 

Kaum 50 Jahre alt, als fein Fettherz bereits Fortfchritte 
machte, träumte er fih in den Gedanken ein, daß er alt fei, daß 
jeine Arbeitskraft zu Ende gehe und er, weil nicht mehr im Stande, 
den Detailforfhungen zu folgen, mit größeren literarifchen Arbeiten 
abſchließen wolle. Seine operativen Erfolge befriedigten ihn nicht, 
weil er das Gelungene als felbftverftändlich betrachtete und für das 
abjolut Vollkommene Fein Intereffe hatte; nur Das, was mißglückte, 
reiste und quälte ihn. Jede Grenze war ihm unerträglich. Und 
doch trat er, deffen Name durch die Ueberſetzung feiner Allgemeinen 
Ihirurgie in zehn fremde Sprachen fchon in der ganzen Welt be= 
rühmt geworden war, gerade damals in die Periode feines Lebens 
ein, in welcher man ihn wegen feiner neuen, großen Operationen 
auch als den Fühnften und gefchieteften Dperateur der Melt be- 
wunderfe. Er wurde der Schöpfer der Darmchirurgie und eröffnete 
der Bynäfologie die operative Richtung. Wohl hatten feine Erftir- 
pation des Kehlfopfs und Magenrefection bei Krebs ihn obendrein 
noch populär gemacht; allein das Glück und die Hufriedenheit, 
welche der Jüngling am Mikroſcop empfunden hatte, fand er an 
diefen Virtuoſenſtückchen, wofür fie ihm galten, nicht. Man ahnte 
ja nicht, wie tief traurig es in ihm nachklang, wenn er dem großen 
Jammer der Menſchheit machtlos gegenüberftand. „Wenn man 
doch immer helfen Fönnte!“ Diefe Stimmung Ieuchtete ſchon aus 
dem milden, blauen Auge des Jünglings und deprimirte den Mann 
zeitweilig fo, daß er fi aus der Praxis fortfehnte, um ganz der 
Kunft zu leben. 

Die friedliche Ruhe des Alters fand Billvoth nicht. Er glich) 
sem Fauft mit feinem unftillbaren Sehnen, immer vorwärts, ohne 
Kuh und Raft, Auch für den Idealismus feiner Humanität Fannte 


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er Feine Grenzen, Nachdem er ein Buch über Kranfenpflege ge- 
jchrieben. hatte, begann er im Anfang der SOger Jahre eine feiner 
edelften Schöpfungen, den Bau des Rudolfinerhaufes in Wien, eines 
Alufterhofpitals zur Heranbildung von Kranfenpflegerinnen. Diefes 
fein Kieblingswerf, welches auf freiwillige Beiträge gegründet war, 
brachte er unter unfäglichen Sorgen und eigenen materiellen Opfern 
faft zur Dollendung. Inzwiſchen warf ihn eine fchwere Lungen 
entzündung aufs Kranfenlager (1887), wobei ganz Wien für fein 
Seben bangte. Kaum hatte er die alte Frifche wieder erlangt, jo 
ftürzte er fich neben feiner Berufsarbeit faft gleichzeitig auf zwei 
andere, große Unternehmungen: den Bau des Haufes für die k.k. Ge— 
ſellſchaft der Aerzte in Wien, welches er als Präfident Furz vor dem 
Tode noch einweihen Fonnte, und den Neubau feiner Klinif, Bald 
aber nahmen unter dem Herzleiden die Körperfräfte ab. In feinem 
Hange zur Schwärmerei — er nannte fich felbft einmal einen durch 
und duch jentimentalen Ditjeehäring, eine Hamlet-Natur — trübten 
melanholifhe Gedanken mit der Ahnung, daß es bald zu Ende 
gehen müfje, öfter feine Stimmung. „Himmelhochjauchzend — zu Tode 
betrübt”, fühlte er Sehnfucht nach dem Jugendglüd, Noch in den 
legten Tagen vor dem Tode lag der Klinikbau wie ein fchwerer 
Alp auf feinem brechenden Herzen, dem er durch mufifalifche Grü— 
beleien die Ruhe wiederzugeben fuchte. 

Billroth hatte das Bedürfniß, feine reiche Bedanfenwelt in 
Briefen niederzulegen und ſich dadurch über unbeftinnmte Vor— 
ftellungen und Empfindungen Elar zu werden. Weſſen fein Herz voll 
war, das floß ihm in die Feder. „Meine Feder ift verzogen, fte 
beherrfcht mich mehr als ich fiel” Sogar in derfelben Stadt unter= 
hielt er mit den Freunden eine fortlaufende Torrefpondenz, und da 
bei Tage die Zeit dazu fehlte, ſchrieb er oft bis tief in die Nacht hin- 
ein. Dor jeder Mühe fchüßte ihn ein überaus leichter Stil. Yie 
verlegen um das Wort, oder um ein feiner vegen Santafte ent 
nommenes Bild geftaltete er die Gedanken natürlich und doch Fünft- 
lerijch, ohne lange abzuwägen, ftets frifch vom Fleck losſchießend. 


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Die Briefe, welche ich mit gütiger Einwilligung der Wittwe, 
Frau Hofrath Billvoth in Wien, im Gefühl tiefften Dankes 
geſammelt habe, beginnen im Jahre 1850, als Billroth in Göttingen 
Mediein. ftudirte. Don hier fchrieb er in ſchwärmeriſcher Begeifte- 
rung für Jenny Lind’s Gefang den in der Sammlung einzigen 
Brief an feine verwittwete Mutter. 1851 ging er zum Studium 
nad, Berlin, wurde 1855 Affiftent bei 8, v. Sangenbed und 1856 
Privatdocent der Chirurgie und pathologifchen Anatomie in Berlin. 
Am 1. April 1860 übernahm er im 31. Kebensjahre-die Profefjur 
der chirurgiſchen Klinik in Zürich, und am 20, Auguft 1867 in der 
Fülle jugendliher Kraft diejenige in Wien. Deutſchland wünſchte 
ſeinen Sohn zurück; eine Berufung folgte auf die andere: nach 
Greifswald, Roſtock, Heidelberg, Straßburg und zweimal nach Berlin, 
— ſtets vergebens. Der arme Pfarrersſohn von Bergen auf der 
Inſel Rügen wurde der. populärfte Mann in Wien. Aber deutſch 
war er geblieben. 
Billroth ſtarb im 65. Lebensjahre am 6. Februar 1894 Mor— 
gens 1), Uhr in Abbazia. Sein CLieblingswunſch, fi) mit dem 
Blick auf Meer und Berge zum Sterben niederzulegen, war: in Erfül- 
lung gegangen. — Ein großer Mann wurde mit hohen Ehren, 
aber weit mehr noch mit Siebe zugedeckt, , i 

Es giebt Stunden, in welhen uns eine Dichtung, eine Sym⸗ 
phonie zum denkbar höchſten Lebensgenuß wird, und das Gefühl 
inneren Glückes uns alles Ungemach der Außenwelt vergeffen macht, 
In ſolch' weihevolle Stimmung verfegen uns auch Billroth's 
Briefe! 


Niemals vergeffen! 


Hannover, 
den 11. October 1895. 


Dr. Georg Filcher, 























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D An Frau Paftor Billroth in Greifswald. 
Jenny Sind in Göttingen. 


Februar 1850*), 

gefchrieben für meine Itebe Mutter. 

Als ic) am 30. Januar Abends zum Muſikdirector Wehner**) 
fan, hatte er eben von Jenny Kind"**), die in Hannover ein 
Concert gegeben hatte, eine Antwort auf feine Einladung an fie, 
hier in Böttingen ein Concert zu geben, erhalten, worin fie ihm 
Ihrieb, daß fie gern hierher Fäme, wenn man fie hier zu hören 
wünjchte. Die Worte ihres Briefes „Sch finge fo gern der Jugend 
was vor und komme mit Dergnügen, wenn man mich dort zu hören 
wünſcht“ nahmen mich gleich fo für fie ein, daß ich mich ebenfo 
fehr freute das liebenswürdige Mädchen, als die Königin der Sän- 
gerinnen in ihr Fennen zu lernen. 

Fordere nicht von mir, meine liebe Mama, Div unfere Freude, 
unfere Wonne und unferen Enthuftasmus zu befchreiben. Das ift 
unmöglih, Die Gefühle der Begeifterung für etwas Großes und 
Erhabenes laſſen fich nicht Ihildern, fie laffen ſich nur fühlen! 
Dennoch will ich es verfuchen Dir eine Schilderung von den Tagen, 
die wir mit ihr, mit der einzigen Jenny Lind durchgelebt haben, 
zu geben. Nur das befürchte ih, daß ich oft, wenn ih das Ge- 





*) Als Profeffor Baum in Greifswald zu Oſtern 1849 die chirnraifche 

Klinif in Böttingen übernahm, folgte ihm Bilfroth, damals 20 Sahre alt. "Der- 
felbe hatte fih im erjten Semefter in Greifswald nur mit Mufik befchäftigt und 
begann nun ernfthaft feine medicinifchen Studien. 

**) Unverfitätsmufifdireftor in Göttingen, fpäter Capellmeifter des Königl. 
Kirden-Chors in Hannover, geft. 1880, 

”**) 1820— 1887. 

Briefe von Theodor Billroth, \ 


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fchriebene Iefe, ftaunen muß, wie. falt und todt Alles das ſchwarz 
auf weiß erfcheint, was man doc fo warm fühlte, 

Da das Orcheſter hier zu Schlecht ift, jo forderte Wehner Bähr, 
Hambrud und mid auf in ihrem Loncerte mit ihm zufammen 
eine achthändige Duverfüre zu fpielen. Du kannſt Dir denken, daf 
wir uns das nicht zweimal jagen ließen, denn fchon die Ehre, in 
ihrem Concerte gefpielt zu haben, ſchien uns fehr groß. 

Um Wehner alle mögliche Erleichterung in dem Arrangement 
des Concertes zu verjchaffen, bildete fich fogleich von feinen nächiten 
befannten Studenten eine Commiſſion zur Empfangnahme der Be- 
jtellungen und Ausgabe der Billets. In diefer waren Wedemeyer 
als Geheimfecretatr, Breul, Beder, Bähr und ih als Commif- 
jtonsmitglieder. Das Concert follte im Theaterhaufe fein, da dies 
das größte Kocal war und ungefähr 800 Menschen faßte. Die 
Parquet- und Logenplätze Eofteten 19. Thaler, die Gallerie und 
Darterre J Thaler. Innerhalb einiger Stunden am Morgen des 
51. Januar waren alle Plätze vergeben, und viele Menſchen mußten 
wir oft zu unferem großen Bedauern troß allen Bitten fortweifen. 

Am Abend des 1. Februars Fam endlich) die lang Erfehnte; wir 
waren gerade mit dem Einüben der Duvertüren bejchäftigt. Sie 
war vor dem Bafthof zur Krone ausgeftiegen, nahm aber fogleich 
freunölth Wehner’s Einladung, in fein Baus zu ziehen, an. (Ih 
muß bemerken, daß Wehner fte zuerft in Leipzig 1846 durch feinen 
Schrer Mendelsſohn Fennen lernte, und nachher in Ems im 
Sommer 1849 durch dte Wittwe von Mendelsfohn genauer mit 
ihr befannt wurde, fodaß er wußte, daß es ihr lieb fein würde, bei 
ihm zu wohnen.) 

Ih war unendlich neugierig fie fo bald wie möglich zu fehen, 
eilte deshalb gleich nach der Nachricht, fie fei angefommen, in 
Wehner’s Wohnung und verftecte mich mit Bähr in ein Fleines 
Cabinet, ſodaß wir fie hereintreten ſehen Fonnten, ohne daß fie uns 
bemerkte. — Der Eindrud, den fie zuerft in ihrer äußeren Erfchei- 
nung auf mich machte, war durchaus unbedeutend; ich mußte fie 
eher für häßlich, als für hübſch halten; nur ftel mir auf, daß fie 
eine ungemein tiefe, fonore Stimme hatte. Als jte in ihre Zimmer 
ging, entſchlüpften wir eiligft, froh, die einzigen Studenten zu fein, 
die fie gefehen hatten. Sie war in ihren Reiſekleidern ſehr einfach, 
hatte einen grauen Hut auf und ein fchwarzfeidenes Kleid an, und 


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einen braunen Mantel un. — Einigermaßen beruhigt, gingen wir 
zu Breul, liegen uns etwas Wein holen und waren noch bis fpät 
in die Nacht mit dem Schreiben der Billete befhäftist, wobei wir 
aber in Freude über den uns bevorftehenden Genuß jo ausgelafjen 
vor Jubel wurden, daß ich vor Aufregung nur wenig Schlafen 
Fonnte. 

Am anderen Morgen, Sonnabend den 2. Februar, jollte Abends 
um 7 Uhr das Concert anfangen. Morgens von 10—12 und Nach— 
mittags von 2—4 gaben wir die Billete aus, was uns fehr viel 
Mühe mahte, da alle Menſchen in einer. grenzenlofen Aufregung 
waren, und ein jo fürchterliches Gedränge entitand, daß es mir noch 
unbegreiflich ift, wie alle Mienfchen gefund davon gefommen find. Wir 
hatten unten in Wehner's Haufe ein Eleines Simmer occupitt, in deffen 
Thür wir einen breiten Tiſch gejest hatten, jodaß uns die Menfchen 
nicht zu ſehr überftürmen Fonnten. Nie habe ich bisher fo im Gelde 
herumgewühlt, wie diefen Morgen, da mir das Beldzählen übertragen 
war, Die Einnahme dieſes Loncertes war 1009 Thaler, unter 
denen fich eine Rolle von 25 Doppellouisd’or befonders ſchön aus- 
nahm. — Ich habe noch vergeffen, daß an diefem Morgen ein recht 
hübjhes Gedicht an Jenny von Seiffert, einem Befannten von 
mir, erjchten, welches Wehner ihr einhändigte, und worüber fie fich 
höchlichſt amüſirt haben foll. 

Endlih wurde die Uhr 7. Das Theater war zum Brechen 
voll, unfere beiden Flügel ftanden auf der Bühne. Wir traten 
herauf und jpielten die Duvertüre zu Jeffonda, die fich auf den 
beiden ausgezeichnet ſchönen Flügen von Rittmüller über alles 
Erwarten jhön ausnahm, da natürlich Jeder von uns alle feine 
Kräfte zufammennahm, um fich nicht zu blamiren. Als wir wieder 
hinter die Couliffen traten, Fam uns Jenny entgegen, um uns ihren 
Dank auszufprehen. Sie imponirte uns aber durch ihre Worte, 
ihre Brazie und Anmuth fo, daß wir ganz erftarrt daftanden und 
feiner von uns ein Wort herausbrachte, ſodaß wir uns ſchrecklich 
lächerlich nachher vorfamen. Voch einige Minuten, und fie trat an 
Wehner’s Hand vor. 

Doc) da fällt mir ein, ich habe ja noch gar nicht gejagt, wie fie 
ausfieht. Wenn dies fchon bet jedem Menſchen fehwer zu befchreiben 
iſt, um wie viel fchwerer ift es Jenny £ind zu befehreiben. Sie ift 
von mittlerer Größe und Stärke, Ihr Geſicht macht einen höchſt lieb⸗ 

* 


lichen, angenehmen Eindrud, obgleich fie durchaus nicht hübſch zu 
nennen ift. Kaum öffnet fie aber den Mund zum Singen und 
Sprechen, fo bezaubert fie und reißt felbft die phlegmatiſchſten Men— 
chen hin. Ste hat blonde Haare, die fie gewöhnlich in Elfenjcheitel 
oder Wellenfcheitel trägt, blaue Augen, einen fehr niedlichen Mund, 
breite Mafe und rundes Kinn. — Sie war an diefem Abend in 
Rofa gefleidet und hatte im Haar fehr Schöne grüne Weintrauben 
über das Neſt; ebenfo war am Bufen eine Traube, was ihr ganz 
reizend ftand, obgleich man es fih nicht Schön denfen kann, wenn 
man es befchreiben hört. Außer zwei Ringen an der Hand war jie 
ganz ohne Shmud. — Jede ihrer Bewegungen, ihr Lächeln, ihr 
ganzes Auftreten ift bezaubernd. 

Kaum fahen wir fie hervortreten, als fie auch ſchon im Dorder- 
grund der Bühne war. Der Beifall bei ihrem Auftreten und Er— 
jcheinen war fo furchtbar, daß ich im erften Augenblic glaubte, das 
Baus fiele in Trümmern zufammen. Sie wurde mit Bouquets und 
Kränzen überjchüttet. Die Art und Weife, wie fie die Bouquets 
aufnahm, und die Bewegungen, die fie dabei machte, riefen aufs 
Neue furdtbaren Applaus hervor. Endlich ſchwieg das Publifum, 
und jeder harrte der Dinge, die da Fommen follten. 

Ich ging mit den höchſten Erwartungen, die ſich ein Menſch 
von einem Menſchen machen Fann, in das Concert, aber jowie fie 
einige Takte der Arie aus den Puritanern gefungen hatte, ſah ich 
ein, daß meine fonft nicht ganz geringe Fantaſie ſich Feine Vor— 
ſtellung von einem ſolchen Geſang machen konnte. Verlange 
nicht, liebe Mama, daß ich Dir beſchreiben ſoll, wie ſie ſang. Nur 
der weiß es, der ſie gehört hat. Ihre Coloraturen ſind von einer 
ſolchen Schönheit und Abgerundetheit, daß Du, wenn Du Dir auf 
dem ſchönſten Inſtrument von dem größten Künſtler einen Kauf ge— 
Ipielt denkft, kaum eine Ahnung von der Art und Weile haft, 
wie fie eine Tonleiter fingt. Ich Fann mir denken, daß ein Sängerin 
brillanter fingen fann, aber daß es möglich ift, ſchöner zu fingen, 
das Fann ſich Niemand denken, der fie gehört. Wenn fie Ders 
jterungen macht, jo find jte jo vollfonmen leicht, daß man gar nicht 
glauben kann, daß fie ſchwierig find. Und nun ihr Triller! D! der 
iſt unbefchreiblih und nur mit der Wachtigall zu vergleichen. Sie 
macht ihn jo raſch, daß man nicht im Stande zu fein glaubt, die 
einzelnen Töne zu hören, und doch hört man fic. Dod was ſchwatze 


ich von ihrem Singen. Wenn ich Dir dicke Bücher über ihren Ge- 
fang jchreiben wollte, jo wäreft Du doch nicht im Stande Dir eine 
Idee davon zu machen. 

Sie fang an dem Abend die Arte aus der Machtwandlerin, 
dann aus dem Freiſchütz „Und ob die Wolfe‘, Groß ift fie in der 
Arte! Reizend und bezaubernd auf der Bühne! Aber wenn fie 
Kieder fingt, da hört Alles auf! Das Publifun gerieth bet den 
Ktedern von Mangold und Taubert’s reizendem Liede „Ich muß 
nun einmal fingen” in folhe gräßlihe Aufregung, daß einige wein- 
ten, andere lachten und fi vor Wonne garnicht zu laffen wußten, 
jodaß fie mehrere Male anhalten mußte, Wir waren natürlich 
immer auf der Bühne, um in ihrer Nähe zu bleiben. Wedemeyer 
und ich kniffen uns vor lauter Wonne, weil wir uns garnicht zu 
lajjen wußten, fortwährend in den Arm oder Frümmten uns wie 
die Würmer; wir waren in folder furchtbaren Aufregung, daß wir 
zu Allem fähig gewefen wären. — Mit grenzenlofer Unverfchämt- 
heit verlangte das Dublifum jedes Stück da capo, und mit engel- 
gleiher Geduld und Liebenswürdigkeit fang fie dreimal daffelbe 
da capo. Obgleich einige Dernünftigere einfahen, daß es zu un- 
bejcheiden wäre fortwährend da capo zu rufen und dies duch Fiſchen 
zu erkennen gaben, fo machte dies gerade einen höchft unangenehmen 
Eindruck, da man auch glauben Fonnte, daß einige das Singen nicht 
anhören wollten. Obgleich davon Feine Rede war, fo fchien fie fich 
doch darüber zu ärgern und war am Schluffe des Concertes nicht 
jo heiter, wie Anfangs, was ich ihr auch nicht verdenfen Fonnte, 

Als wir zur Eröffnung des zweiten Theils die Duvertüre zur 
„Stumme von Portici” fpielten, ſprach fie uns höchſt liebenswürdig 
ihren Beifall aus. Diefes Mal waren wir ſchon etwas dreifter und 
erwiderten wenigjtens etwas, wenngleich ich nicht mehr weiß, was. 
— Wie ſchon oft gefagt, liebe Mama, das Eigenthümliche ihres 
Geſanges läßt fich nicht befchreiben. Nur das will ich seh jagen, daß 


fie vom tiefen As SH bis zum hohen F SG mit 
— 


Keichtigfeit fingt, und —— Ton ſo ſchön und voll iſt iſt wie der 
andere. Am effectvollſten und einzig in ſeiner Art iſt ihr Crescendo 
und Diminuendo bis zum leiſeſten Pianissimo, ſodaß man nicht 
weiß, woher der Ton kommt; er iſt fo leiſe, daß man nicht weiß, 


ob man ihn noch hört oder nicht; und doc hört man ihn ganz 
genau, und nicht etwa dünn und fein, fondern voll und rund. hr 
Fortissimo ift nie fchreiend, fondern immer fhön, nie jcharf oder 
jpis, fondern immer Fraftvoll und fo, daß es einem Falt überläuft. 
In dem einen Augenblick rollen einem dte Thränen von den Baden, 
und im anderen möchte man laut auffchreien vor Dergnügen. — 
Ihre deutfhe Ausfprahe ift im Gefange rein und vollfommen, 
fodaß man nicht im Stande iſt ihr anzumerken, daß fie eine Schwedin 
if. Wenn ſie Spricht, merft man, daß fie eine Ausländerin iſt, ob— 
gleich fie fehr felten Fehler madt. Die Arien fang fie auswendig, 
und doch merfte man nie die geringite theatralifhe Bewegung. Ihr 
Öefang fowie ihr ganzes Wefen ift die Natur ſelbſt. jede Bewegung 
it Schön und malerifh. Sie hat nichts Großartiges in ihrer Er— 
fcheinung, fondern ihr ganzes Wefen ift fo rein weiblich und mädchen 
haft, daß man einen Engel zu jehen glaubt. Sie ift von der Bühne 
ganz abgetreten; für diefe ift ſie auch viel zu gut. 

Da habe ih Dir nun ein Bild von meiner lieben Jenny ent- 
worfen, und doch wirft Du Dir nicht vorftellen Fönnen, wie be- 
zaubernd fie ift, 

Hahdem fie nach beendigtem Concerte nody auf Derlangen ein 
Ihwedifches Lied gefungen hatte, das ſie ſich ſelbſt begleitete, und 
wo fte in’ihrer Driginalität als Schwedin uns wieder neu und reizend 
erſchien, verließ fie das Theater unter Jubel des Publitums und 
‚ unter furchtbarem Tumult auf der Straße, indem das aufgeregte 
Dolf, welhes mit von dem allgemeinen Enthuftasmus ergriffen 
war, ihren Wagen begleitete und nur mit Mühe verhindert wurde, 
daß man ihr den Wagen ausfpannte. — Des Eindruds, welchen ich 
von den Eoncerte mit nah Haufe nahm, bin ich mir nicht Flar 
bewußt; ich träumte wachend und irrte immter noch in dem Sauber- 
garten der hinmmlifchen Töne umher, Da es uns Allen, die wir fie 
jo nahe bei uns gefehen hatten, unmöglich” war in den nächiten 
Stunden zu fchlafen, fo fetten wir uns bei einem Bekannten ſtumm 
und fchweigend zufammen, Niemand rauchte, oder aß und trank. 
Jeder war in jich verfunfen. Darin aber ftimmten wir Alle überein, 
daß etwas Schöneres von Mufif nicht denkbar oder für den Men— 
Ihen wenigftens nicht ertragbar fein Fönnte. Mit der beruhigenden 
Hoffnung fie am anderen Morgen, wo wir ihr unfere Rechnung 
vorlegen wollten, noch einmal jehen und fprechen zu dürfen, ging 


Jeder nach Haufe, nicht ahnend, daß dies erft der geringfte Anfang 
einiger ſchöneren Tage fein follte. 

Am Sonntag Morgen ging fie in die HKirhe und foll dort 
10 Kouisd’or in den KHlingelbeutel geworfen haben. Obgleich ich 
dies für ein übertriebenes Gerücht halte, fo ift es doch nicht fo ganz 
unwahrſcheinlich, da ſie in England ſehr fromm geworden fein foll. 
Daß dies jedocdy bei ihr nicht in dem Mlaße ift, wie man es ge- 
wöhnlich von Pietiften jagt, fondern wirklich die reine Frömmigkeit 
ohne Heuchelet und ohne die Uebertreibung, diefe Frömmigkeit 
äußerlich ftets zeigen zu wollen und alle übrigen Menſchen zu ver- 
dammen, das wirft Du aus den, was ich Dir noch ferner über fte 
fchreiben werde, ſelbſt einjehen. 

Um 12 Uhr gingen wir zu Wehner, um ihr unfere Auf- 
wartung zu madhen. Wir trafen dort auh Wedemeyer, Breul, 
Beder und Seiffert, ſowie viele andere Menſchen, die fie durch- 
aus fprehen und fehen wollten; unter dtefen auch den Syndifus 
Deiterley, Frau von Siebold u. |. w. Um diefe vielen Beſuche 
zu vermeiden, war fie jpazieren gefahren nach dem Xhons, und 
hatte ſich die Aula angefehen. Da fo viele Menfchen dort waren, 
jo gingen wir fort. Sie hatte ausdrücklich gefagt, fte wolle Niemand 
anders jprechen als uns; denn fie wäre nicht der anderen Menſchen 
wegen, fondern nur unferetwegen hergefonmen, Die Studenten 
hätten ein offenes ehrliches Herz, unfere Begeifterung für die Muſik 
wäre rein und jugendlich. Wir gingen alfo fort mit dem Vorſatze 
gegen Abend wieder zu verfuchen, ob man fie fprechen Fönnte. 

Um 1 Uhr, wie fie zu Haufe Fam, ging eine Deputation der- 
Corps zu ihr, um fie zu bitten noch ein Concert zu geben, Diefe 
nahm fie höchſt freundlich auf und erwiderte ihnen, fie thäte es mit 
großem Dergnügen, wenn jte es wünfchten. Als fie eben fortgehen 
wollten, rief fie fie zurück und fang ihnen zwei veizende Sieder von 
Schumann und den „Swiegefang” von Mangold unaufgefordert 
vor, durch welche Kiebenswürdigkeit der Enthuftasmus für fie nod) 
erhöht wurde, — Nachdem wir dies gehört hatten, traten wir als 
Commiſſion gleich wieder zufammen, und innerhalb einer Stunde 
waren wieder alle Billets vergeben. Das zweite Concert war auf 
Montag den 4. Februar Mittags um 12 Uhr angejeßt in dem Saal 
der Krone, und zwar wieder zu 12 Thaler zum Beten der Armen. 
Im Theaterlocale wollte fie nicht wieder fingen, theils weil die 


Schaufpieler ihn contractmäßig befaßen, theils weil die Muſik ſich 
dort zu Schlecht ausnimmt. Wir nahmen für das Concert 550 Thaler 
ein und hätten noch mal fo viel einnehmen Fönnen, wenn 
mehr Menfchen in den Saal hätten Fommen fönnen. Es war 
nicht allein Göttingen, fondern auch die umliegenden Städte auf den 
Beinen. 

Am Sonntag gegen Abend ging ic) zu Wehner’s, zum Glück 
ganz allein. Sie war befchäftigt mit Wehner das Programm für 
das Miontagsconcert zu mahen und jchien fehr heiter gelaunt. Ich 
fam fo ganz ungenirt hinein und ſprach mit ihr und Wehner über 
das, was ſie fingen wollte. Ich bat fte dringend doch zwei NTendels- 
ſohn'ſche Kieder zu fingen, was fie mir mit der liebenswürdigiten 
Freundlichkeit zufagte. Leider follte aber diefe ruhige Heiterfeit nicht 
lange dauern, da auf einmal Difiten über Difiten angemeldet wurden: 
der Graf Winzingerode, der Prof. Sachariae, der Rector der 
Univerfität, alle wollten fie fehen und fprechen und warteten im 
Dorzimmer auf fie. Als ich aus ihrem Simmer Fam, um nod 
Hoten für fie zu holen, hätteft Du diefe langen Gefichter fehen follen, 
die ganz empört waren, daß ich dort freien Zutritt hätte, wo fie, 
die gewohnt waren, daß Alles fi) vor ihnen Frümmte, ftanden und 
warteten. Durch die unvorfichtige Gutmüthigfeit der Frau Direc- 
torin Wehner, die fo gern Jedem gönnte, fie Fennen zu lernen, 
traten immer mehr ein, fodaß die Lind ganz fchredlich aufgeregt 
gewejen fein foll, Sie fagte zu Wehner, fie wolle von diefen falfchen 
alten Menſchen, die ihr nichts als Gleißnereien fagten, nichts wijjen. 
Da auch Baum’s die Abficht hatten, fo Tief ich in dem allgemeinen 
Trubel raf zu ihnen und fagte ihm, er möchte nicht kommen, da 
Jenny Niemand annähme. Obgleich ich glaubte, daß fie ſich darüber 
ärgern würden, fo war Baum, der eben auch in eine Gefellichaft 
gehen mußte, die ihm nicht gerade angenehm war, ganz außer ſich 
darüber vor ‚Freude, ſodaß er fagte, gerade deshalb ſchätze er ſie 
um jo höher, weil fie es verſchmähe Schmeicheleien von jedem alten 
Kerl anzunehmen. Auch er fühle fic nie glücklicher und zufriedener, 
als wenn er unter feinen Studenten wäre, von denen er wüßte, daß 
fie mit ganzem Derzen an ihm hingen. 

Als ich wieder zu Wehner's Fam und der große Trubel ſich 
etwas gelegt hatte, da die meijten Menſchen mit langer Naſe ab» 
segogen waren, fchmuggelten Bähr und ich fi) ganz unvermerft 


ins Simmer und machten uns mit den Liften und Concertzettel u. ſ. w. 
jo viel wie möglich zu thun und hatten die Freude, daß fie höchft 
liebenswürdig gegen uns war und uns gern um fich zu haben ſchien. 
Nachdem wir zuſammen Thee getrunken hatten und uns fehr ge- 
müthlich unterhielten, feste fte fih an den Flügel und phantafirte 
vor jich hin (fie fpielt nämlich fehr hübſch Clavier). Darauf feste 
ih Wehner an den Flügel, und nun nahm fie ein Heft ihr noch 
unbelannter Kieder von Shyumann vor, das fie faft ganz durchfang. 
Am Flügel ſitzend, und den Arm auf denfelben ftütend, bot fie ein 
überaus reizendes Bild dar. Da außer ihr und Wehner’s nur 
Bähr und id) da waren, fo fühlte fie fi} fo vollfommen ungenirt 
und war fo reizend und niedlich, daß wir uns Faum vorftellen Eonnten, 
daß das liebenswürdige, natürlich einfahe Mädchen die große von 
ganz Europa gefeierte Jenny Lind fei. Obgleich fie nur mit "ls 
ihrer Stimme, alfo faft in dem leifeften pianissimo fang und nur 
bei Stellen, die fie befonders begeifterte, in vollen Tönen einftel, fo 
war gerade diefer Befang fo himmlifh, daß ich, der ich ganz ge= 
müthlich in einem großen Sehnftuhl ſaß, zu träumen glaubte. Diefe 
Stunden, welche ich mit ihr zufanımen war, zähle ich jedenfalls zu 
den vergnügteften und wonnigften diefer Zeit. Als wir uns um 
10 Uhr entfernten und fie uns nochmals für die Ntühe dankte, die 
wir für fie gehabt hatten und uns dann die Hand reichte, hätte ich 
vor Derrüctheit das Wahnfinnigfte anfangen Fönnen. So taumelte 
ich denn zu Haufe, immer noch ihre Lieder vor mir herfunmend, 
mehr träumend als wachend! 

Nachdem wir am anderen Morgen die Billets zwiſchen 9 und 
11 ausgegeben hatten, wozu der Andrang ebenfalls sarız ungeheuer 
war, gingen wir um 12 Uhr in das Concert, wo Bähr und ich 
ſich das Dergnügen ausgebeten hatten, in dem Simmer zu fein, wo 
fie fih aufhielt, weil wir fonft Eeinen Pla mehr hätten finden 
fönnen. — Noch habe ic} vergefjen, daß an diefem Montag Morgen 
ihr vom Fürſten Shwarzenberg, Prinzen Radali, Fürften Adami 
und von Beaulieu-Marconnay (nicht mit dem anderen Beaulieu 
verwandt), die hier ftudtren, durch die Militairmuſik aus Northeim 
eine ſehr ſchöne Morgenmuſik gebracht wurde, 

Um 12 Uhr fing alfo das Concert an, Wurde fie im erften 
Concert mit Enthufiasmus aufgenommen, fo waren diesmal die 
Leute Alle wahnfinnig. Und auch ich muß geftehen, daß ich Feine 


— 10 — 


Worte finden kann, um auszudrüden, was ich an diefem Morgen 
in mir fühlte. Es war, als wenn der ganze Himmel herunter Fam, 
um uns arme Menfchenfinder zu beglüden. Sie fang in dieſem 
Concert die Arie aus dem Freiſchütz „Wie nahte mir der Schlummer”. 
Ferner das rheiniſche Dolfslied von Mendelsfohn „O! Jugend- 
zeit, du Schöne Rofenzeit” auf allgemeines Derlangen zwei Mtal; dies 
fang fie felbft mit großer Begeifterung. Die Worte „Der Himmel 
fteht offen, man fieht die Engelein, Ol könnt' ich, Herzliebite, jtets 
bet dir fein!” vergeß’ ich nie mein Lebelang. Sie hatte das Lied 
befonders für uns Studenten ausgewählt. Wenn fte erjchten, erſcholl 
immer ein furchtbares Jubelgeſchrei, alle Hüte und Mützen wurden 
geſchwenkt, Furz alle Menfchen hatten den Kopf verloren, und ich 
auh. Außerdem fang fie noch das Frühlingslied von Mendels— 
fohn aus dem nachgelaffenen Hefte, dann die große Arte der Königin 
der Nacht aus der Zauberflöte. Zuletzt noch das Taubert’ihe 
Kied wieder zwei Mal. Wie fie die Worte fingt „Weiß nicht, weiß 
nicht, weiß nicht, warum ich finge”, das kann Fein Menſch jagen! 
Als zulegt die Begeifterung ihren Höhepunkt erreicht hatte und die 
Bouquets und Kränze umherflogen, daß man hätte glauben follen, 
die ganzen Göttinger Treibhäufer kämen herangeflogen, feste fie 
ſich noch einmal an den Flügel und fang noch ein jchwedilches Kied. 
Ich war” aber geiftig fehon fo abgefpannt, daß ich unfähig war noch 
mehr Schönes zu ertragen. Als das Concert aus war, und fie mit 
Wehner in das Hebenzimmer trat, fiel fie ihm in ihrer Herzens- 
freude um den Hals und fagte, fie fet fo froh, daß fte die ganze 
Welt umarmen Fönnte, 

Kahdem wir uns allmählid erholt hatten, fagte mir Frau 
Wehner, daß Jenny geäußert hätte, fie tanzte fo leidenjchaftlich 
gern, hätte aber nie Gelegenheit dazu, und daß fie deshalb am Abend 
einen Kleinen Thee dansant arrangiren wollten, wozu ich denn auch 
eingeladen wurde. Um 7 Uhr z0g ich zu Wehner's. Es waren 
an Herren da: Shwarzenberg, Adami, BeaulieusMarconnay 
(den fie ſchon in Berlin und Heidelberg Fennen gelernt hatte), 
Radali, Pfeiffer (dev Bruder der Frau Wehner aus Caſſel), 
Breul, Bähr, Beer, Wedemeyer, Hambruch, Pohl und id. 
Dazu ungefähr folgende Damen: Jenny Lind, Fräulein von 
Berlepſch, Fräulein von Quiftorp, Fräulein Wöhler, zwei Fräu— 
lein von Poten, Fräulein von Uneſebeck, Fräulein Berthold; 


furz ungefähr 10 Paare. Einer von uns Herren fpielte Clavier, 
Die Mütter waren zu Haufe gelaffen, nur einige alte Damen be- 
mutterten ſämmtliche junge Mädchen, und auch das wäre unnöthig 
gewefen, da jeder Herr und jede Dame fich an diefem Tage natürlich 
von der liebenswürdigjten und nobelften Seite zeigten, Um Jenny 
Kind nicht mit Tänzen zu überftürmen, meldeten wir uns bei 
Wehner zu den Tänzen mit ihr, und auch ich erwifchte den zweiten 
Walzer. Diejer Abend und der folgende Morgen gehören zu den 
Ihönjten Stunden meines Lebens. ch hatte durch die Büte der 
Frau Profefjorin Bartling noch eine fehr ſchöne Camelie erhalten, 
woraus ich noch ein Bouquet machte und es auf ihren Tifch Iegte, 
ehe fie herein Fam. Als die meiften Bäfte verfammelt waren und 
fie hereintrat, jah fte ſogleich das Bouquet liegen und fragte die 
Wehner, woher dies wunderfchöne Bouquet fei. Als diefe ihr 
antwortete, es jet von mir, juchte fie mich mit den Augen, und fo- 
gleih waren alle Menſchen zwifchen mir und ihr verfchmwunden. 
Da ich jo frappirt war, ‚daß ich nicht einmal zu ihr herantrat, Fam 
fie auf mid) zu und danfte mir, indem: fie mir ihre Hand reichte, 
in den liebenswürdigften Ausdrücden. Ich war natürlich ganz roth 
geworden, und Fam mir felbit höchft lächerlich vor, obgleich mir ihr 
Händedruf durch, Mark und Bein drang. Wenn ich mic) je in 
einer Gefellihaft amüfirt habe, fo war es an diefem Abend. Wir 
waren alle jo aus Herzensgrunde heiter, Jenny Lind war fo ver- 
gnügt und froh, fie tanzte jo gern und tanzt fo hübſch! Jede ihrer 
Bewegungen ift anmuthig fhön! D! es waren herrliche Stunden. 
Wenn ic oder Bähr zu langfam oder zu raſch fpielten, fo Fam fie 
an das Llavier und gab uns den Takt an, indem fie auf den Flügel 
Ihlug oder die Melodie des Tanzes mitfpielte, ſodaß ich mich beim 
Spielen in ihrer Mähe nicht weniger glücklich fühlte, als wenn ich 
mit ihr tanzte. — Für uns wurde das Tanzvergnügen auf einige 
Seit dadurch unterbrohen, daß die Corps-Studenten ihr einen 
glänzenden Fackelzug in Gala brachten. Die ältefte Studententracht 
zu Pferde mit Dreimafter und Eleinem Degen, fowie die neue in 
Kanonenftiefeln und Cerevisfappen wurden an diefem Abend re 
präfentirt, Als fie aus dem Fenſter winfte und vief: „Es leben 
die Göttinger Studenten!” war der Enthuftasmus allgemein, die 
Fackeln und die Mützen wurden gefchwenkt. Sie freute ſich wirklich, 
wie ein Kind, indem fie in die Hände Matfchte und zu Wehner 


und mir fagte, die wir ihr zur Seite ftanden: „Ich habe manchen 
Fackelzug gefehen, aber nie ift mir einer jo ſchön erſchienen als 
diefer!” Und ich muß auch geftehen, daß diefer Fadelzug von un- 
sefähr 400 Faden mit allem ftudentifchen Gepränge einen fehr 
ſchönen Eindruck machte. Die Deputation der Corps, ebenfalls in 
Studententraht, wurde eingeladen, da zu bleiben, und als einen 
Beweis ihres unendlich feinen Gefühls mag Dir nur das dienen, 
daß fie gleich einen Ertratanz arrangiren ließ, wo die Damen die 
Berren holten. Sie holte natürlich zuerft die Deputation, da dieje 
nachher nicht mit ihr tanzen Fonnten, weil jie fi) zu allen Tänzen 
ſchon verfagt hatte. So verfloß denn der Abend nur zu jchnell. 
Wedemeyer tanzte mit ihr den Lotillon. Bet der Schleifen-Tour 
war natürlich das ganze Perſonal gejpannt, wen fte die erfte Schleife 
bringen würde, Sie ging zum Spaß zwei Mal im Kreife herum, 
und dann ging fie in fchnellen Schritten auf mich zu. Du Fannit 
Dir das Erftaunen der hinter mir fißenden fürften und Prinzen 
denken, die vor Allen glaubten ein Recht auf diefe Ehre zu haben; 
doch wurde auch bei der zweiten Dertheilung nicht ihnen, fondern 
Wehner diefe Ehre zu Theil, jodaß wir die beiden einzigen find, 
die wir uns einer CotillonsScleife von ihrer Hand zu erfreuen 
haben. Vachdem der Tanz aus war, wollte noch jeder ein An— 
denken an diefen Abend haben. So Fam die Wehner auf die dee 
und Schnitt von Jenny Lind’s KHleide zwei große lange blaue 
Bänder ab, von denen fie jedem Herrn eine zuertheilte. Die Damen 
hatten an den Bouquets, welche fie zu dem Cotillon von den ihrigen 
aus den Loncerten hergegeben hatte, fchon ein hübſches Andenken. 
Endlich fagten wir ihr Adieu. Einigen von uns gab fie noch ein— 
mal die Hand und fagte, wenn wir einmal wieder in einer Stadt 
mit ihr zufammentreffen follten, fo möchten wir nicht vergefjen ihr 
Grüße von Göttingen zu bringen. Um 1 Uhr zogen wir dann 
wonnefrunfen zu Haufe und freuten uns ſie am anderen Morgen 
noch einmal wiederfehen zu Fönnen. 

Die Derbindung der Hannoveraner, zu denen auch Bähr und 
Breul gehören, mit der ich fehr fpeztell befannt geworden war, 
wollte ihr das Geleit bis Northeim geben und hatte auch mich zu 
diefer Feierlichfeit eingeladen. Am anderen Morgen um 8 Uhr 
fuhren wir dann (den 5. Februar) zugleich mit ihrem Wagen und 
zwanzig Ertrapoften vor, Die acht hübfcheften Leute und beiten 


— 13 — 


Neiter waren zu Vorreitern in Studententrachht mit Kanonen und 
Cerevisfappen gewählt. Sie trugen blaugelbe Schärpen, die farben 
Schwedens. Als Jenny Lind in den Wagen fteigen wollte, be- 
gleitet von Wehner und ihren Kammermädchen, trat einer der 
Reiter (Marcard) an fie heran und ſagte: „Es ift bet uns Stu- 
denten ein alter Brauch, daß wir die fortbegleiten, die wir lieb 
haben. Erlauben Sie daher, gnädiges Fräulein, daß wir dies auch 
bei Ihnen thun dürfen!“ Diefe Furzen Worte hatten ihr eben ihrer 
Kürze und Herzlichfeit wegen ausnehmend gefallen. So fette fich 
denn der wirklich brillante Zug in Bewegung, indem alle zwanzig 
Pojtillone die Ertrapoft-Signale bliefen. Auf dem Wege hielt fie 
oft ſtill, um fich dte Gegend von einem der Reiter erflären zu laffen, 
und dann winkte fie mit ihren Kränzen uns aus ihrem Wagen zu, 
worauf der ganze Zug in ein furchtbares Hurcah ausbrah. Man 
jah ihr an, daß fie diefe Huldigungen nicht aus Eitelkeit von uns 
gern entgegennahm, jondern daß wir ihr eine innige herzliche Freude 
bereiteten. In voller Extafe fagte fie einmal zu Marcard, der 
fajt immer an ihrer Seite vitt: „Sie wiffen gar nicht, wie ſchön Sie 
ſind!“, jodaß diefer hierdurch ganz wonnetrunfen nichts eiligeres zu 
thun hatte und Jedem das zu erzählen. 

Der Weg nach Northeim ift mir nie fo furz vorgefommen als 
diesmal. Als wir dort ankamen, und ihr Wagen ftll hielt, fuhren 
alle Wagen vorbei, und jeden grüßte fie fo freundlich, daß ftets ein 
abermaliges Hurrah ausbrah. Als wir alle ausgeftiegen waren, 
famen wir oben im Gaflhaus der Sonne zufammen und jeßten uns 
in einen großen Saal an eine lange Tafel, an deren Ende Jenny 
Kind und Wehner präfidirten. Sogleich wurde Champagner Fom- 
mandirt, und auf ihren Wunfc fang ein Quartett mehrere Studenten- 
lieder, wo bei den Chorftellen Alle einftelen. Bei dem Chor des 
Liedes „Mein Kebenslauf ift Lieb und Euft“ fiel auch jie mit ein 
und begleitete uns durch Triller in den höchften Tönen. Faſt hatte 
die Begeifterung den höchſten Brad erreicht. Jeder wollte noch 
ein Andenken an diefen Tag. Zu dem Ende lieg Wehner ein 
Stück blaues Atlas-Band holen, und von dieſem jchmitt fe für Jeden 
ein Stück zu einer Schleife ab. Nachdem wir ihre Gejundheit aus- 
gebracht hatten und fie darauf Wehner’s Wohl trank, ftets natür— 
lich unter Hurrah-Schreten, hielt einer der Reiter (Brande) noch 
eine Furze Anrede an fie, worin er jagte, daß uns diefes Glück und 


— 14 — 


diefer Tag unvergelich fein würden, und ſchließlich noch zulegt ihr 
und Schweden’s Wohl ausbrachte. Darauf ftellte fih Jenny Lind 
auf einen Stuhl und ſprach zu uns eimige jo ſchöne und rührende 
Worte des Abfchieds und Danfes, daß wir uns Faum der Thränen 
zu enthalten vermochten, da auch von ihren Schönen Wangen die 
Thränen aus ihrer Herzensfülle floſſen. Sie jagte, fie fühle, daß fie 
unwürdig der Ehre wäre, die wir ihr anthäten, fie habe ſchon viel 
Großes und Erhabenes erlebt, aber der geftrige Abend und der 
heutige Morgen ftänden unauslöihli in ihrem Herzen gejchrieben. 
Sie fhloß mit. den fchönen Worten „Sch ſpreche ſchlecht, ich fühle 
es beffer! Bott fegne Euch Alle, meine Freunde, die Studenten!” 

Nach diefen Worten ging fie mit Wehner voran, und dann 
folgten wir immer zwei und zwei ihr zum Wagen. Noch einmal 
ein Hurrah! und der Wagen rollte dahin! Unvergeßlich ift mir, 
wie fie fih) aus dem Wagen lehnte und uns noch ein letztes Lebe— 
wohl zuwinftel — Als wir ihren Wagen aus dem Geſicht verloren 
hatten, fingen wir Alle einftinmig an zu fingen: „Iſt Fein jchöneres 
Leben als Studentenleben!“ 

für mein ganzes Leben find mir diefe Tage unvergeglih. D! 
Fönnte ich Dir, liebe Mama, jagen, wie erhaben man jich in dieſer 
allgemeinen Begeifterung fühlte. Worte find zu ſchwach und zu 
todt, um dies lebendige Gefühl auszudrücken. Ich vermag nichts 
mehr zu jagen! Denn Ste ift nicht zu bejchreiben. Nur fingen 
kann id) mit ihrem Kiede: 

„Wie der Geſang zum Herzen drang, 
Dergeß ich nimmer mein Kebelang!” 


* 


2) An Prof. Baum in Böttingen. 
Berlin, 9. Movember 1851.*) 
Hochgeehrter Herr Profefjor! 
Ihre freundliche Aufforderung Ihnen über mein ferneres Er- 
gehen Nachricht zu ertheilen, fowie die große Güte und Cheilnahme, 
welche Sie mir während meines Studiums in Göttingen erwiefen, 


* Im Berbft 1851 forderte der Prof. der Phyſiologie in Göttingen Rudolf 
Magner die Studenten Billvoth und ©. Meißner auf, ihn nach Trieft zu bealeiten, 


machen mich fo frei, diefe Zeilen an Sie, hochgeehrter Herr Profefior, 
zu richten. ch glaube gewiß fein zu dürfen, daß Sie den lebhafteften 
Antheil an dem tiefen und fchmerzlichen Derluft nehmen, der mich 
durch das, wenn auch nicht unerwartete, doch immer zu frühe Hin— 
ſcheiden meiner vortrefflichen Mutter getroffen hat. Troß der großen 
Schwäche und des unendlichen Leidens, von welchem die Dahin- 
geſchiedene jest erlöft ift, war fte uns bis an die Todesftunde die 
treuejte forgfamfte Mutter, mit welcher wir eine unendliche Fülle 
von Liebe verloren haben. Leider wurde die fchöne unvergeßliche 
Reife durch die Trauernahricht, welhe mich in Wien traf, für 
mich abgefürzt, da ich, troßdem ic) in jeder Hinficht zu fpät nad) 
Greifswald Fam, doc nicht in der Stimmung war, um die Reife 
vergnügt fortzufeßen. 

Mein Wunfh, meine Studien hier in Berlin, und nicht etwa 
in Greifswald fortzufesen, tft durch die gütige Unterftüßung meiner 
Großmutter in Erfüllung gegangen. Ich befuche hier die mediciniſche 
Klinik des Herrn Geh. Rath Schönlein, die chirurgiſche des Herrn 
Geh. Kath Langenbeck und die geburtshilfliche des Herrn Geh. 
Rath Schmidt; außerdem höre ich über Auscultation und Dercuffion 
mit praftifhen Übungen bei Heren Dr. Traube und pathologiſche 
Anatomie bet Herrn Dr. Reinhardt. Dhne mir ein Urtheil über 
meine jesigen Lehrer anmaßen zu wollen, gefällt mir von Allen 
Schönlein am beiten. Sangenbed operirt ſehr fhön, doch will 
es mir zumeilen fcheinen, als fuche er feine Operationen mehr zu 
entihuldigen als zu motiviren. Er operirte vor einigen Tagen 
das Recidiv einer Befhwulft der mamma, die Sie 1841 in Danzig 
amputirt haben. Was für eine Befhwulft es fein follte, ift mir 
nicht klar geworden; man nennt hier Alles Hypertrophie oder 
Degeneration. — Die pathologifche Anatomie bei Reinhardt gefällt 
mir fehr. Obgleich ich fie bereits einmal bei Frerichs*) gehört habe, 
fo konnte ich doch nicht unterlaffen, fie von Neuem zu hören, da 
es mir das einzige Colleg hier zu fein fcheint, wo man hört, was 


um dort am Sitterrochen die Anfänge und Enden der Merven zu unterſuchen. 
Auf diefer Reife befuchte Wagner mit feinen Schülern die Univerfitäten Gießen, 
Marburg, Heidelberg, Wien. Dann gina Billroth nach Berlin, wo er fich im 
Herbſt 1851 immatriculiren ließ. — (Die Briefe an Prof. Baum in Göttinaen 
jind im Beſitz des Sohnes, Dr. ID. Baum, Chefarzt in Danzig.) — z 

‚) Prof. ertr. in Göttingen; Director der medicin. Klinif in Kiel, Breslau, 
Berlin. Geft. 1885, 


in der wiffenfchaftlichen Welt vorgeht. In den Kimifen hört man 
nur Schönlein, oder nur Romberg, oder nur Sangenbed. Die 
Hauptſache hier in Berlin ift mir, daß man viele Kranfe fieht; wer 
einzig und allein hier ftudteren wollte, würde, glaube ich, ſchwerlich 
ein für's Leben braucbarer praftifcher Arzt werden; wie wenige von 
uns werden fünftig jo geftellt fein, daß jte die Machbehandlung von 
ihren Affiftenten leiten lafjen Fönnen, Entſchuldigen Sie, Herr 
Profefjor, daß ich jo ungebührlih ins Schwaßen gerathen bin, ich 
bitte Sie um Ihre gütige Nachſicht wegen des freien Ausſpruchs 
meiner erjten hier empfangenen Eindrücde. 

Auf den befonderen Wunſch, fowie aus eigenem Entfchluffe wird 
mein Bruder Robert Dftern nach Göttingen Fommen, zumal da 
dies einer der Kieblingswünfche meiner einzigen Mutter war. Ich 
erfuche Ste, hochgeehrter Herr Profeffor, auch ihm das Wohlwollen 
angedeihen laffen zu wollen, deffen ich mich in Ihrem werthen 
Haufe erfreuen durfte. Indem ich mich Ihrer Frau Gemahlin 
unterthänigft empfehle und Sie um Ihr ferneres Wohlwollen erfuche, 
unterzeichne ich mic) 

Ihr ergebenfter dankbarer Schüler 
Theodor Billtoth. 


— * 


3) An Prof. Baum in Göttingen. 
Paris, 1. September 1855*). 
Mein lieber Herr Profefjor! 
Als ich joeben von St. Germain zurückkehrte, wohin ich mit 
dent Erede’fhen Ehepaar gewefen war, fand ih Ihren lieben 
Brief vor, den ich fofort beantworte, Ihre Aufträge an Balliere 


*) Billroth wurde am 50. September 1852 in Berlin promovirt und aing 
zu Oſtern 1855 nad) Beendigung des Staatseramens nah Wien; dann mehrere 
Wochen nach Paris, two er mit Baum, Meißner, Sartorius und Wöhler aus 
Göttingen, zufällig auch mit v. Pitha und Simon zufammentraf. — Im Berbit 
1855 kehrte Billroth nach Berlin zurück, um fich als praftifcher Arzt nieder- 
julaffen. Er hatte in zwei Monaten feinen einzigen Patienten, Ein Zufall führte 
ihn zu eimem Freunde und Kandsmann Dr, €, Fock, welcher kurz zuvor Aſſiſtent 
bei, B. Langenbeck geworden war. Fock forderte Billroth auf, fih um eine 


joeben vacant gewordene Afiitentenftelle an der Cangenbeck'ſchen KliniE zu ber 
werben, Bilfroth erhielt diejelbe, ö 


werde ich morgen früh gleich beforgen. Daß einige Bülletins der 
Societe biologique bejtehen, habe ich gefehen, doc weiß ich nicht, 
wie viele; eine große Anzahl Fann es jedoch nicht fein, da die Be- 
jellihaft exjt feit 48 befteht. Am letzten Sonnabend wohnte ich 
einer Sitzung dieſer Geſellſchaft bei, die gerade nicht erbaulich war; 
es jind jo viele verfchiedene Elemente darin, daß Feine Einheit im 
Ganzen zu bejtehen fcheint. Während einer über Chemie, ein 
anderer über Phyſik, ein dritter über Anatomie ſprach, redeten 
alle Anderen fortwährend jo laut unter fich, daß man den Redner 
Faum hörte; es fcheint auch in diefer Gefellfhaft der wiſſenſchaftliche 
Ernſt völlig zu fehlen. In die Sitzung der Société d’anatomie 
werde ich morgen gehen. Die Koupen werde ich Ihnen gewiß be- 
jorgen und fie Ihnen duch Meißner zufchiden. 

Bei Delpeau*) war ih, doch hat diefer feine Vorträge ge- 
ihlofjen und macht nur im Fluge die Viſite; es ift dies leider faft 
bei Allen jo, da eigentlich Ferien find. Bei Jobert fieht man 
verhältnigmäßig noch am meiften. ch erfreue mich feiner befonderen 
Protection, die ich Ihnen verdanfe. Mit dem Kniegelenk-Kranken, 
den wir dort operirt jahen, geht es gut; nach 2 Tagen wurde das 
strationsinftrument herausgenommen; heftige Reactionen find nicht 
gefolgt. Der Kranke muß jetst abfolut ruhig liegen; der fefte Körper 
legt nach hinten und etwas nach oben. An Civiale habe ih Ihre 
Grüße bejtellt; er machte wieder einige Steinzertrümmerungen, fagte 
jedoch leider nichts über die vorfommenden Fälle. Bei Malgaigne 
war ich am Morgen Ihrer Abreife pünktlich 8’), Uhr, wurde jedoch 
leider mit der Nachricht empfangen, daß die Einrenfung des Ober- 
armes bereits gemacht fei, und daß Monſieur Malgaigne fchon 
wieder fortgefahren ſei. Ich machte zur Entſchädigung die Difite 
bet Denonpillier (verzeihen Sie diefe Drthographie!) mit, der mir 
außerordentlich gefallen hat. Er machte eine Erftirpation eines 
Rectum-Larcinoms mit einer folchen Ruhe und Derftändigkeit, und 
jo ohne alle Dftentation, daß man in ihm den Franzoſen ganz 
vergaß. Es waren viele Deutihe dort, ſowie auh Pitha, und 





*) Delpeau war Prof. der Chirurgie in der Charite (acft. 1867), Jobert am 
Höp. Saint-Konis (geit. 1862); Civiale, welcher 1824 die erfte Steinzertrimmerung 
in der Blafe gemacht hat, am Höp. Necker (geft. 1867); Malgatane in der 
— — 1865); Denonvilliers war Prof. der Chirurgie und Anatomie 
(geft. 1872), — 


Briefe von Theodor Billroth. 2 


— 18 — 


wir alle fagten nachher einftimmig, daß dies die befte Operation 
gewefen fei, die wir hier gefehen haben. In der geftrigen Sitzung 
der Societe de chirurgie fprady Denonpvillier fehr lange, aber 
fehr intereffant über den Gebrauch des Chloroforms, und wenn er 
außer einigen intereffanten Zufällen, die ihm beim Chloroformiren 
vorgefommen waren, audy nicht viel Neues vorbradite, jo widerlegte 
ex doch einige Anfichten des Geheimerath Robert“) äußerft ſchlagend 
und ohne perfönlihe Bemerkungen, welche die Anderen felten aus 
den Spiel laffen. Die Chloroform-Angelegenheit fcheint wirklich 
hier gründlich behandelt werden zu follen. Robert joll einen neuen 
Bericht, namentlih mit Rückſicht auf die Literatur des Auslandes, 
über diefen GBegenftand machen, wozu er ſich drei Wochen Seit 
erbeten hat. 

Ic) danfe Ihnen fehr, lieber Herr Profeffor, daß Ste mid) 
noch auf einige Leute aufmerffam gemacht haben; ich werde Ihrem 
Rathe pünktlich folgen. Den Profeffor Eichitädt habe ich leider 
noch nicht wiedergefehen; ich hätte ihn jedenfalls aufgefuht, wenn 
ih nur feine Adreffe wüßte. Mein jebiger Aufenthalt befriedigt 
mih im Ganzen fehr wenig; eine Furze Morgenvifite am Tage, 
ohne etwas Drdentlihes gehört zu haben, ift zu wenig, um davon 
den ganzen Tag zu zehren. Ich entbehre Sie und Meißner, wie 
Sie ſich denken können, fehr; es fehlen mir hier durchaus Menſchen, 
gegen die ich mich frei ausfprechen Fann, und das ift mir einmal 
Bedürfnif. 

An Meißner werde ich nächftens nad) Hannover jchreiben. 
Wenn ih Ihnen hier in Paris nüslich fein Fonnte, fo war mir 
dies die Liebfte Pflicht der Dankbarkeit und Siebe, mit der ich Sie, 
lieber Herr Profeffor, verchre; ich werde mich bemühen mich Ihres 
Wohlwollens würdig zu machen. — Wenn Sie in Berlin etwas zu 
beforgen haben, fo hoffe ih, daß Sie ſich an Niemand anders als 
an mich wenden; es würde mir dies der liebſte Beweis Ihres Der- 
frauens fein. — An Ihre frau Gemahlin und Kinder meine beften 
Empfehlungen! 

Ihr treuer 
Theodor Billroth. 
F 


— — * ẽ 
Chirurg am Höp. Beaujou und Hötel dien; geſt. 1862. 


4) An Prof. Baum in Göttingen. 


Berlin, 4 Mai 1856, 


Hochgeehrter Herr Profeffor! 

In der Hoffnung, daß Sie mir und meiner weiteren wiffen- 
Ihaftlihen Ausbildung, zu welcher Sie den Grundftein gelegt haben, 
ein bischen ntereffe noch bewahrt haben, bin ich fo frei, Ihnen 
beifolgend eine neue Arbeit*) zu überfenden, welche zwar die äußerlich 
prätentiöje Form eines Buches angenommen hat, dennoch aber nichts 
weiter vorftellen foll, als einen Complex gefonderter Auffäte, welche 
feine längere Sebensdauer beanfpruchen, als ihnen nach den ftati- 
ſtiſchen Berechnungen zufommt. Der rothe Faden, welcher ſich durch 
diefe Aufſätze zieht und fie verbindet, tft eben das Blut und die 
Blutgefäße. Die Zufammenftellung dtefer Beobahtungen habe ich 
ſchon im Sommer vorigen Jahres gemacht, und um die Sachen 
aus dem Kopfe los zu werden das Manuſcript ſchon im Auguſt 
vorigen Jahres abgegeben. So habe ich von der allgemeinen patho— 
logiſchen Anatomie Förſter's**) nichts mehr benugen können, da 
diefe erft im Herbft erfchten. Ich bedaure dies um fo mehr, als 
meine Beobadhtungen und die Art meiner Unterfuchung mit feinen 
Refulfaten am meiften übereinftimmt, und feine ſtreng wifjenfchaft- 
liche objektive Richtung mich mehr anzieht als Shöpfungen Virchow's, 
welhe zwar frappante Blanzlichter, aber auch fehr tiefe Scharten 
zeigen und ihre Wirkung zum heil der zeitlichen Beleuhtung allein 
verdanken. 

Sein jetzt definitiver Eintritt in die hiefige Fakultät wird un— 
zweifelhaft einen Wendepunkt der hiefigen medteinifchen Derhältniffe 
mit fi bringen, Es ift ein Schritt, welchen man dem Miniftertum 
und bejonders dem König nicht hoch genug antechnen Ffann, indem 
letzterer den ausdrüclichen Wunfch geäußert hatte, daß wenn die 
Berufung Virchow's von der Fakultät als ein wiffenfchaftlicher 
Dortheil erachtet würde, jegliche Rückſichten auf die politifche Perfon 
Dirhow’s fchwinden follten. Die Ueberwindung dtefer politischen 
und dann der pecuntären Derhältniffe, indem es fich um die Dotirung 
einer neuen Profeffur handelte, waren fehr große. 


) Unterfuchungen über die Entwiclung der Blutgefäße, Berlin, 
— jung g geſaß 
G. Reimer. 1856, 
**) Prof, der pathologifchen Anatomie in Göttingen. Geft. 1865. 


2* 


— 20 — 


In zweiter Inſtanz hatte man mich vorgeſchlagen; ich glaube, 
daß es für mich nicht unehrenvoll war mit Virchow rivaliſirt zu 
haben, wenn ich auch aus dem Felde geſchlagen bin. Ich habe 
dies als eine Beſtimmung angeſehen, der Chirurgie treu zu bleiben; 
es iſt jedoch unmöglich ſelbſt ſich als einen ſolchen der Offentlich— 
feit zu zeigen, jo lange man Affiftent ift; und was meine litera- 
riſche Thätigfeit betrifft, werde ich daher in nächiter Seit noch Ana— 
tom fein. 

Ic habe mich unterdeffen habilitirt und leſe in diefem Semefter 
pathologifche Anatomie und mifroscopifche Anatomie; erjtere gebe 
ich, wenn Virchow im nächſten Semejter bier fein wird, natürlich) 
auf und werde dafür allgemeine Ehirurgie lefen. Mir machen meine 
Dorlefungen viel Dergnügen, und habe id} die Freude, daß meine 
Zuhörer ((0—12) mir mit Fleiß und Aufmerffamfeit folgen. 

Doch entfchuldigen Sie, daß ich Sie fo lange mit meinen An— 
gelegenheiten unterhalte, Sie würden mich fehr verbinden, bei- 
folgendes zweites Eremplar an Förſter zu ſchicken, der mich durch 
die Zufendung feines Atlas ebenfo erfreut als beehrt hat; ich bitte 
ihm unbefannterweife meine Empfehlung und meinen Danf zu 
fagen. 

Beifolgend überfende ich Ihmen auch noch im Auftrage von 
Tante Seifert die neue Auflage von Onkel Seifert’s*) Materia 
medica, 

An Ihre frau Gemahlin und Ihre Familie meine beiten Grüße. 

In treuer Siebe Ihr dankbarer Schüler 
Theodor Billcoth. 
* 


5) An Prof. Baum in Göttingen. 
Berlin, 12. Juli 1856. 
Sieber Herr Profefjor! 

Ihr lieber Wilhelm war mir, wie Sie wifjen, fehr herzlich 
willfonmen und hätte ich nur gewünfht, mehr für ihn thun zu 
fönnen. £eider war das Semefter fchon foweit vorgerücdt, daß es 
nicht möglih war, Ihren Wünfchen in allen Stücken zu entjprechen. 


* “of a DTURAR ARTE ad * F 
) Prof, der Arzneimittellehre in Greifswald; geſt. 1845. 


Anatomie wird troß der 3 Profefforen der Anatomie im Sommer 
nicht gelefen; ich hoffte aber, daß Willy noch präpariren Fönne, 
um die Keurologie nacdyzuholen. Leider geht auch das nicht, ich 
habe noch befonders mit Peters darüber gefprochen; doch Fommen 
im Sommer gar feine Keichen auf die Anatomie ,... Er muß 
meiner Anficht nach noch einmal präpariren. Bierzu giebt es an 
den Univerfitäten in den Ferien freilich wenig Gelegenheit; doch 
follte es nicht auf der Anatomie in Hannover bei Kraufe*) in den 
Ferien gefchehen Fönnen? Auch Führer fchrieb mir aus Hamburg, 
daß er jet dort Profector an der Anatomie fei, und daß ich es ver— 
breiten möchte, daß man dort in den Ferien präpariren Fönne. 


Wenn er fih im nächſten Semefter mit Virchow beihäftigen 
will, jo hat er Feine Seit zum Präpariren übrig. Was das Studium 
bei Virchow betrifft, fo möchte es vielleicht beffer fein, wenn er 
ein Jahr hier bleibt, da Virchow feine pathologifhe Anatomie 
in 2 Semeftern lieft; auch habe ich von den Studenten gehört, daß 
er namentlih im Anfang für die Anfänger fehr unverftändlic) 
fein fol. Auch in diefer Hinficht wäre ein längerer Aufenthalt 
wünjchenswerth. Virchow weiß jedoch feine Schüler fehr zu feffeln 
und für fich zu begeiftern; wenn dies auch nicht ganz in Ihrem Sinne 
wäre, jo jchadet es meiner Anftcht nah nichts. Es ift immer 
gut, wenn man ſich ſchon während des Studiums für einen Theil 
ganz bejonders intereffirt, wenn man es fpäter auch wieder auf- 
giebt un. 


Wilhelm fagte mir, daß er wenigftens 10 Semefter ftudieren 
würde. Das finde ich zwar ganz vortrefflich, doch, verzeihen Sie, 
lieber Herr Profeffor, ich würde ihm das Lieber nicht zu nahe Iegen; 
man bildet ſich dabei gar zu leicht ein, die Zeit Fönne gar Fein Ende 
nehmen. Ich halte es beffer, wenn er gezwungen ift, wenigftens 
nach Ablauf des Quadriennium zu promopiren; er ift dann ge— 
nöthigt ſich und fein Wiffen mehr zu concenfriren. Entfchuldigen 
Sie diefe Andeutungen zu einem Studienplan mit dem Intereſſe, 
welches ich für Ihren liebenswürdigen guten Jungen habe; ſonſt 
würde ih mir ja nicht erlauben in diefer Angelegenheit Ihnen 
gegenüber mitreden zu wollen, 





*) Prof. der Anatomie an der ehemaligen hirurgifchen Schule in Hannover; 
get. 1868, 


Die aufmunternde Theilnahme, welche Sie mir erhalten, erfreut 
mich herzlich; ich weiß, wie unendlich viel ich Ihnen und der Georgia 
Augufta verdanfe und werde deſſen ftets eingedenf fein. — Ich habe 
in letter Zeit viel gearbeitet und muß mir in den Ferien durch 
einige Deröffentlichungen Luft machen. Jetzt befhäftigt mid) haupt- 
fählich die Prüfung der anatomifchen Grundlagen der Virchow'ſchen 
Entzündungstheorie. Ich halte diefelben noch nicht für jo ficher, 
wie es gar leicht den Anfchein hat; felbjt die wundervollen Refultate 
der Arbeit von His laffen doch verfchiedene Deutungen zu. 

Ich ſchicke Ihnen nächſtens einige nachgelafjene Arbeiten von 
Mecel*), befonders eine Arbeit über Loncremente und Steine, 
die ich für fehr bedeutend halte. 

Ihr treuer Schüler 


ä Theodor Billroth. 


6) An Prof. Baum in Göttingen. 

* Berlin, 6. Auguſt 1856. 
Sieber Herr Profeſſor! 

22... Don Ihrem Willy habe ich in letzter Seit wenig ge— 
jehen, da er ja in Charlottenburg wohnt und ich jelten über die 
Htegelitraße hinausfomme, zumal jett, wo ich durch Derreifen meiner 
Lollegen das ganze Haus verforge. Was ich irgend für ihn thun 
kann, das gejchieht ficher. — Don Meißner habe ich lange Feine 
Kachricht gehabt und freue mid, daß dies nicht durch Krankheit 
feinerfeits verhindert ift. Wohin werden Sie reifen? ch denfe im 
September nah England und Schottland zu gehen.“ *) 

»... Kangenbed tft recht angegriffen, er hat viel gehuftet 
in Tester Seit und geht auf Schönlein’s Befehl nah Weilbadh, 
dann an die See, um Seeluft zu fchnappen, nicht zu baden. Ent- 
Ihuldigen Sie meine Eile, einige Präparate warten mein. 

Der Ihrige 
Theodor Billvoth. 
* 


=) Mecke ef. ER 
- ) Meckel von Bemsbadh, Prof. ertr. der patholoaifchen Anatomie in Berlin, 
get. Pe a a nn — publicirte Billroth obige Arbeit 1856. 
Billroth machte im Herbſt 1856 eine wiſſenſchaftliche Reife B 
England und Schottland, ſt 185 e wijjenjchaftliche Reife nach Holland, 


7) An Prof. Baum in Göttingen. 
| Berlin, 12. November 1856, 
Sieber Herr Profefjor! 

+... Es macht mir eine ganz befondere Freude, dag Wilhelm 
mein Colleg befuht, er ift ganz außerordentlich fleißig und auf- 
merfjam; ob er bei mir finden wird, was er ſucht und braudt, 
weiß ich nicht. Die Zuhörer diefes Tolless find fehr verfchtedener 
Art: theils Ärzte, theils Studenten aus den verfchtedenften Seme= 
- stern; es iſt dadurch ſchwierig, es Allen recht zu machen. Ich hoffe 
jedoch, daß Wilhelm durch diefe Nepetition für die Practica bei 
Virchow im nächſten Semefter vorbereitet wird, zumal da ich auf 
Virchow's Anjichten, jo weit es die Seit erlaubt, möglichit eingehe, 
ohne diejelben unbedingt wiederzugeben. — Dirhow hat mih in 
der erjten Seit feines Hierfeins befuht und war fehr freundlich zu 
mir; er wünſchte, daß ich ein Practicum in normaler Biftologte 
geben follte und hat mir dazu fein Local und Inftrumente angeboten. 
Dorläufig bin id) wegen eigener Beſchäftigung außer Stande hierauf 
einzugehen, doc) vielleicht jpäter. 

Mein Lolleg über Chirurgie nimmt mic) für jest fo in Anſpruch, 
daß ich für die nächte Seit an eigene Arbeiten gar nicht denken 
kann. Dies macht mir infofern Kummer, als id) einige hiftologifche 
Arbeiten begonnen hatte, die hübſche Rejultate verſprachen. Doc) 
das gebe ich gern auf, um mic) baldömöglichft aus dem anatomifchen 
Sarvenftadium zu entpuppen. 

Langenbed iſt recht frifch von feiner Reiſe zurücgefehrt und 
beſchämt jeine Affiftenten durch feine Ausdauer. Seine Klinik dauert 
mit Difite jest zu unferem größeften Entfesen zuweilen 3 Stunden. 

Ich habe mid) ſehr gefreut Sie auf unferer Reife fo munter 
und frifch zu ſehen. Strengen Ste fih nur nicht zu fehr an und 
verjchwenden Sie nur nicht zu viel Kräfte auf Ihre Privatfranken! 
Hehmen Sie mir dies nicht übel! bitte lieber Herr Profefjor! es 
klingt jo ganz refpectwidrig und ift doch gut gemeint! 

Mit beiten Empfehlungen an Ihre Familie 
Der Ihrige 
Theodor Billcoth. 
[2 


83) An Prof. Baum in Göttingen. I 
Berlin, 24. October 1857. 


Hochgeehrter Herr Profefjor! 

Seien Sie nicht böfe, wenn ich Sie heute mit einigen Heilen 
beläftige und damit eine Bitte einfchließe, die mir fehr am Herzen 
liegt. Sie haben gewiß erfahren, daß Wagner in Danzig zu Oftern 
die hirurgifche Profeffur in Königsberg übernehmen wird. Da nun 
hierbei zugleich in Danzig die Stelle des Dberarztes verdoppelt werden 
foll, indem ein Chirurg und ein nternus dafür eintreten follen, - 
jo bin ic) fehr geneigt, meine hiefige Stellung fowie die ganze Uni- 
verfitäts-Tarriere vorläufig aufzugeben und mid um die Chirurgen 
Stelle in Danzig zu bewerben. 

Meine Bitte an Sie, lieber Herr Profefjor, geht nun dahin, mir 
womöglid) ein Zeugniß auszuftellen, welches ich bei einer demnädhft 
nöthigen Eingabe an die Danziger Commiſſion des Kranfenhaufes 
beilegen möchte. Eine noch größere Freude würden Sie mir bereiten, 
wenn Sie mid) werth erahhten, mir außerdem eine perfönliche Em— 
pfehlung an einzelne der dort einflußreichen Leute zu geben, wenn 
Sie mit diefem oder jenem noch in Derbindung ftehen. Die Herren, 
welhe für jest in der HKranfenhaus-Lommilfton find, find der 
Stadtratd und Kaufmann Fr. Hein und die Kaufleute J. T. 
Bert, Janfe und Pregell. Sollten Sie einen von diefen Herren 
fennen, jo würden Sie mich außerordentlich verpflichten, wenn Sie 
mir einige Heilen zur perfönlichen Ueberreichung, wenn ich mich dort 
voritelle, fenden Fönnten. 

Derzeihen Sie, wenn ich im Dertrauen auf Ihre mir jo oft 
bewiejene Sreundfchaft diefe Fühnen Bitten Ihnen fo franf und frei 
vorgetragen habe; doch glaube ich, daß eine Empfehlung von Ihnen 
das Einzige ift, was mir für Danzig Chancen bieten Fönnte; ich 
würde ohne eine folche mich nicht auf den Wahlplat wagen. Sie 
haben mir früher erzählt, daß Sie früher fich ebenfo an den alten 
Heim gewandt haben, als Sie fih um Danzig bewarben, wie ich 
mich heute an Sie wende. 

In dem fleißigen Göttingen hat man gewiß fchon die Collegia 
angefangen; wir beginnen erft am 2. November. Ic fürchte mich 
etwas vor dem Semefter, weil es mich wieder wie das vorige ent» 
ſetzlich zerfplittern wird, und weil ich infofern nicht ganz wohl bin, 


als eine große NReizbarfeit des Magens mid) in fortwährender Auf- 
merkſamkeit auf jeden Genuß von Speifen hält, was mir bisher 
ganz Fremd war und höchſt fatal ift. — Der alte gute Schlemm*) 
it leidend, und ich werde wohl die Dperationscurfe übernehmen, 
nachdem ich ſchon mit Sangenbed zufammen im vorigen Semefter 
Dperationscurfus gehalten habe. Das heftige Treiben und Jagen, 
und die Menge des Materials hier in Berlin find wohl gut und 
anregend, doc auf die Dauer wenig befriedigend. 
Meine bejten Empfehlungen an Ihre Familie! 


Hochachtungvoll 
Ihr treuer Schüler 
Theodor Billroth. 
C 7 


9) An Prof. His**)-in Bafel. 
Berlin, 11. November 1857, 
Mein lieber His! 
Sie Fennen mich hoffentlich genug, um wegen meines langen 


Schweigens nicht ſchlecht von mir zu denken; Sie werden die Urſache 
hören. Zunächſt aber nehmen Sie meinen herzlichſten Glückwunſch 


*) Schlemm, neben Joh. Müller zweiter Prof. der Anatomie in Berlin, gab 
jehr beliebte Operationscurje; die einzigen, welche lange Zeit in Berlin ge- 
halten wurden. Geft, 1858. 

**) Auf Wunſch, von Prof. His wird nachitehendes Schreiben an den 
Herausgeber abgedrucdt. 


Ceipzig, 21. December 1894. 
BHochgeehrter Herr Doctor! 


Die in meinem Beſitz befindliche Correfpondenz von Th. Billroth habe 
ich nunmehr zufammengeftellt und geordnet, Abgefehen von einigen, wie ich hoffe, 
noch ausfüllbaren Süden, zähle ich 134 über die Jahre 1858 — 1895 fich er- 
ſtreckende Briefe, 

Jetzt, da ich diefe Documente in ihrem Sufammenhange durchache, tritt 
mir daraus das Keben des dahingefchtedenen Freundes wie ein einheitliches und 
harmonifch vollendetes Kunftwerf entgegen. Mit allen ihren menschlichen Sügen 
äußerte fih in den Briefen defjen edle und reine Xatur, immer fich felber getreu 
bleibend, immer wahr, immer nur nach Großem und Guten ftrebend. 

„Die ſchwer es mir indefjen wird, Ihnen von Billroth’s Briefen zur 
Deröffentlihung mitzutheilen, das habe ich Ihnen bereits gefchrieben. Einzelnes 
aus dem Derband herauszureißen, thut mir leid. Das Ganze aber in fremde 
Hände zu geben, ift undenfbar. Nicht dazu äußerte man einem Freunde ver- 
trauensvoll, was einem jeweilen bewegt, damit nach Faum geſchloſſenem Sarae 
Alles der Druckerpreffe iiberantwortet werde, Auch find in unferer Correfpondenz 
das Leben unferer beiderfeitigen Familien und mein eigenes innig mitverflochten. 


— 26 — 


zu Ihrer neuen Stellung, die Sie jetzt wahrſcheinlich völlig beſchäf— 
tigt; ich habe eine ganz befondere Freude darüber, daß Sie der 
reinen idealen Wiſſenſchaft auf diefe Weile erhalten bleiben, da die 
Neuzeit leider oft genug gelehrt hat, daß die Praris alles verſchlingt. 

Jc betrachte mich jest fchon als völlig verloren und thue mir 
felber leid; wenn Sie das für arrogant halten, jo bin ich es in hohem 
Grade. Ih habe in diefem Winter übernommen jelbftändige 
Dperationscurfe zu halten und bin dadurch jo überftürzt, daß ich 
täglich 2 Stunden operiren laffen muß. Außerdem tft mein Colleg 
über Chirurgie wider Erwarten zahlreich; es jcheint, ich werde hier 
jetst zur Modefigur. Die natürliche Folge hiervon ift gewejen, daß 
ih) mein Colleg über Hiftologie vollftändig aufgegeben habe, und 
damit officiell aus der Reihe der hiefigen Mifroscopifer ausgejchieden 
bin, Topographifche Anatomie und operative Technif hat mid; in 
der Testen Zeit jehr in Anſpruch genommen. 

Dies Alles ift weniger zu verwundern; es mußte fo Fommen, 
und ich habe es gewünfht; doch worüber ic} felbit faft ſtaune, tt, 
daß ich mich entfchloffen habe die Univerfitäts-Tarriere ganz auf- 
zugeben und mid) um die Stelle des ftädtifchen Kranfenhaufes in 
Danzig bewerbe. So lange ich diefe Stelle noch nicht habe (und es 
it vorläufig noch wenig Ausfiht, auch die Entſcheidung erjt zu 


Ihrem ernent ausgejprochenen Wunfche nachkommend, habe ich indefjen aus 
den Briefen einige Auferungen zufammengeftelft, von denen ich annehmen darf, 
da jte Billroth’s Denfweife und Streben aud bei Anveren klar zu ftellen 
vermögen. 

‚. Auer wenige Worte über meine Beziehungen zum Derjtorbenen. Biſto⸗ 
logiſche Unternehmungen machten es mir vor 58 Jahren wünſchbar mit Billroth 
in directe Beziehungen zu treten, und auf Anrathen unferes gemeinfamen Freundes 
6. Meißner eröffnete ich damals die Correfpondenz, die von da ab bis kurz 
vor Billroth’s Tod fich fortgefegt hat. Im Sommer 1857 bradte ich einige 
Monate in Berlin zu, und alle Machmittage arbeiteten wir zufammen in ven 
Kocalen der Langenbeck'ſchen Klinik über Bau und Function der ymphdrüſen, 
Milz und verwandte Organe. 1858 verlobten und verheiratheten wir uns fait 
gleichzeitig, und als dann 1860 Billroth die chirurgiiche Klinik in Zürich über» 
nahm, entwidelte ſich zwijchen uns ein ſehr reger wiffenfchaftlicher und perjön- 
licher Derfehr, der durch Billroth’s Berufung nach Wien zwar eingejchränft, 
aber niemals unterbrochen worden tit. oaum fetten Male habe ich den Freund 
um Pfingften 1892 in St. Gilgen befucht. Körperlich fand ich ihn im Bückgang, 
geifttg aber noch von alter Frifche und Empfänglichfeit und dabei von hin« 
gebendſter Herzlichkeit. t 

Möge Ihr Buch viel Gutes wirken, 

Mit hochachtungsvollem Gruße 

Ihr ergebener 
Ww. Bis. 





ei See ei EEE 


Dftern), brauchen Sie mich noch nicht ganz aufzugeben. Ich habe 
nur noch einen Wunfch, nämlich die Beobachtungen, die mit Seich- 
nungen und unvollftändigen Manufceripten halbfertig liegen, zu ver- 
volljtändigen und als pathologifch=hiftologifche Memoiren ans Licht 
der Welt zu ſetzen. Hoffentlich führe ich das noch im Kaufe diefes 
Winters durch. Ich lege Ihnen, hiftologifch fterbend, nochmal die 
Attlz 2e..ans Herz . = 
Erfreuen Sie mich reht bald mit einigen Zeilen, wie Jhnen 
die Anatomie mundet, und was Sie arbeiten. Dielleiht Fann ich 
Ihnen bald etwas ſchicken, was Sie im Sommer hier durch Ihre 
liebenswürdige Gegenwart gefördert haben; foeben erhalte ich die 
Correctur der Nervenplexus und Epithelien. 
Mit herzlihem Gruße 
der Ihrige 
Theodor Billvoth. 
5 


10) An Prof. Baum in Göttingen. 
Berlin, 20. November 1857. 
Nein lieber Herr Hofrath! 

ehmen Sie meinen innigften und aufrichtigften Dank für dte 
mir zugejandten Briefe, die mir von dem wefentlichften Mußen fein 
werden, wenn ein Auswärtiger überhaupt Ausfichten auf jene ihöne 
Stelle haben wird .. . .. i 

Die Derhältnifje haben feit Kurzem in meinen Arbeiten einen 
plößlichen Umſchwung herbeigeführt, der fpäter oder feüher fommen 
mußte, und den ich zum Theil felbft wünfchte. Nachdem ich mich 
nocd im vorigen Sommer mit der Biftologie fehr fpectell befchäftigt 
hatte, jodaß ich vorwiegend davon eingenommen wurde, tft jeßt völltg 
das Gegentheil eingetreten; mir liegt jett plößlih das Mikroscop 
garız fern, und ich fürchte fast, daß ich nicht einmal meine unvoll 
endeten Manuferipte zu beendigen Zeit gewinnen werde, Da mir 
dur) Sangenbed’s Bemühungen vom Miniſterium Leichen zur 
Dispofition geftellt wurden, um im Winter Dperationscurfe zu halten 
und dies von Seiten der jungen Ürste und Studirenden zu meiner 
größeften Freude fehr viel benutt wird, fo ſtecke ich jetzt bis über 
die Ohren in operativer Technik. Auch mein Tolles über Chirurgie 


ift fo befucht, daß es mich aufßerordentlid zu immer neuen Ans 
ftrengungen anregt. Ich habe das Colleg über Hijtologie daher 
völlig aufgegeben und wünfchte nur mehr Zeit zu haben, um dhirur- 
sifch-literarifch mehr ftudieren zu Fönnen. Doch Sie wiflen, wie es 
hier ift; es treibt und überftürzt fich hier Alles, und felten hat man 
ruhige Momente, und in dieſen iſt man erihöpft. Ich freue mid), 
wenn ich endlic) einmal in eine wenigftens etwas ruhigere Tage 
fommen Sollte... » 
Ihr treuer Schüler 
Theodor Billroth. 


* 


19 An Prof. Baum in Ööttingen. 
Berlin, 5. Januar 1858. 
Hochgeehrter Herr Hofrath! 

Nachdem ich geftern von meiner Neife nady Danzig zurüd- 
gefehrt bin, kann ich nicht umhin, Ihnen noch einmal meinen herz— 
Iihften Danf für ihre freundlichen und warmen Empfehlungen zu 
fagen, denen ich es zu verdanken hatte, daß alle Leute in Danzig 
mir mit einer Freundlichkeit und Herzlichkeit entgegen Famen, die 
mir äußerft wohlthuend war, und mir auch für den fall, daß meine 
Hoffnungen fehl fchlagen follten, eine äußerft angenehme Erinnerung 
an Danzig zurüdlaffen wird .... Wie fchwierig eine Regelung 
der ärztlichen und adminiftrativen Derhältniffe an einen Kranfen- 
haufe ift, habe ich während meiner vierjährigen hiefigen Dienftzeit 
genugjam kennen gelernt; ſchließlich kommt es immer darauf an, daß 
man ſich unter einander verftändigt und das Wohl der Kranken als 
erftes Princip fefthält, wobei man doch immer noch genugſam die 
pecuntären Derhältniffe berücfichtigen kann .... Soll ich wiederum 
in eine abhängige Stellung treten, fo habe ich feinen Grund die 
jetzige zu verlaffen, wo ich das Wohlwollen meiner Dorgefesten in 
10 hohem Maße befitze, wie ich es niemals zu hoffen wagte. 

Einer meiner Haupt-Concurrenten ift Gurlt. Wir ftehen beide 
auf freundfchaftlichem Fuße und find zufammen in Danzig gewefen; 
einer kann es ja doch nur werden, wir haben daher eine offene 
Concurrenz beide vorgezogen. Wie ich höre wird ſich Osfar Hey— 
felder auch bewerben; doch müßte er erft den Lurfus machen, von 


dem man ihn wegen feiner „Kindheit des Menſchen“ ſchwerlich dis- 
penfiren wird. Mlateriell ift die Angelegenheit für den Augenblick 
wohl wichtiger für Gurlt und Heyfelder, und ih wünjche ihnen 
eben jo gut wie mir felber den beften Erfolg! 

Ihr dankbarer Schüler 
Theodor Billroth. 
C3 F 


12) An Prof. Baum in Göttingen. 
Berlin, 7, März 1858. 
Hochgeehrter Herr Hofrath! 

Sie haben vielleiht fhon auf directem Wege erfahren, daß die 
Danziger Stellen an Dr. Stich und Prof. Pohl vergeben jind. So 
jehr ich die Stelle gewünfcht hätte, glaube ich doch, daß Dohl eine 
fehr geeignete Perjönlichkeit für dte dortigen Derhältniffe ift und 
feine Wirfungsweife eine fegensreiche fein wird; ich Fenne ihn nicht 
genauer, doch wird er von allen Seiten für einen vortrefflichen, 
liebenswürdigen Menſchen gehalten ... . 

Dielleiht iſt es beſſer wie es ift; es wird ſich ja aud) mit der 
Heit noch für mich eine Stelle für felbftändiges Wirken finden, 
Sangenbed hat foviel liebevolle Nachſicht mit mir, daß ih in 
meinem Derhältnig zu ihm und zur Anftalt fo frei bin, wie es 
möglich iſt; daher werde ich auch bleiben, folange er mich behalten 
will; meine Stellung ift etwas fchwierig geworden, doch für mich 
immer fehr belehrend. 

Daß die Richtung meiner Studien, wie es wohl natürlich) ift, 
fih etwas geändert hat, habe ich Ihnen fchon früher gefchrieben. 
Die letzten Eleinen hiſtologiſchen Arbeiten haben Sie wohl erhalten. 
Hoffentlich ift mein von mir immer noch, aufrichtig verehrter Lehrer 
Wagner nicht böfe über die Kervenplerus, gegen die ich früher 
unter jeinem Panier zu Felde 3095 es hat mir große Freude gemadht, 
dag fi Mlüller*) und Dubois**) fehr für meine Präparate 
intereffirten, 

Ein neues größeres Manuffript habe ich) vor einigen Tagen an 
den Buchhändler abgegeben. Es faßt unter dem Titel „Beiträge 





*) Prof. der Anatomie und Phyftologie in Berlin. Geft. 1858. 
**) Nach 3. Müllers Tode Prof. der Phyftologte in Berlin, 


zur pathologifchen Hiftologie” mehrere Aufſätze zufammen, in denen 
ih die allgemeinen Anfchauungen erläutert habe, zu denen ich in 
Bezug auf die Cellularpathologie gefommen bin. In ihren Lon- 
fequenzen werden die Virchow'ſchen Anfichten fo allgemein, daß 
ihre Bedeutung fehr zufammenfhrumpft. Je einfacher das Mlor- 
phologifche in Bezug auf Gewebsentwidlung unter pathologifchen 
Derhältniffen geworden ift, um fo fühlbarer wird das Bewußtfein, 
daß man mit der Erfenntniß der feinften form der Matur der 
Proceffe nicht viel näher gefommen tft! 

Die Beobahtung am Kranfenbett ift doch viel fchöner als die 
Mifroscopie! 

Ihr treuer Schüler 
Theodor Billtoth. 


* 


15) An Prof. Baum in Göttingen. 
? Berlin, 7. April 1858. 
Hochgeehrter Herr Hofrath! 

Nehmen Sie meinen herzlichften Glückwunſch zu der Derlobung 
Ihrer Fräulein Tochter, von welcher ich bereits durch Dr. Kugler 
gehört hatte... . Jch rechne darauf, daß dte Inftrumente und der 
Gyps bereits in Ihren Händen find. Kleinere Quantitäten Fann 
man gut nur in Blechfapfeln aufbewahren und verfenden, da der 
Gyps font zu viel Waffer anzieht und unbrauchbar wird. Mir 
brauchen hier gewöhnlich die mit trocenem Gyps eingeriebenen 
Binden, wie id; Ihnen eine Probe beigelegt habe. Obgleich auch, 
dabei viel Schmutzerei ift, fo ift es doch nicht fo fchlimm, als beim 
Pirogoff’ihen Derbande, ſowie überhaupt bei allen Manipulationen 
mit dem Gypsbrei. 

Hier curfirt allgemein das Gerücht, daß Hofrath Wagner ab» 
freten wolle; ift etwas daran wahr, oder ift es eine Berliner Er- 
findung? Alan vermuthet allgemein hier, daß Credé an Buſch's 
Stelle kommen wird, 

Die Greifswalder Fakultät wünscht mich für Pohl als Pro- 
feſſor ertraord. für patholosifche Anatomie. Doch ift die Dotation 
der Stelle gar zu dürftig im Verhältniß zu meiner hiefigen Ein- 


— 3 — 


nahme, und außerdem habe ich zu wenig Intereſſe für die reine 
pathologiihe Anatomie. 

In letzter Seit bin id) ein eifriger Jünger der Ophthalmologie 
geworden und faft den ganzen Tag bei Gräfe”); es war eine böfe 
Cücke bet mir, die mic) ſchon lange fehr gedrücdt hat, und die ich 
jest auszufüllen hoffe. — Wenngleih aus der Danziger Stelle nichts 
geworden ift, jo will ich deshalb nicht undankbar fein gegen das, 
was ich hier habe, und womit ich zufrieden fein Ffann. Nur Un— 
abhängigfeit fehlt mir; dody mag diefe Beichränfung recht heilfam 
für mid) fein. 

Wenn Meißner noch in Göttingen ift, jo grüßen Sie ihn 
taufend Mal von mir. 

Der Ihrige 
Th. Billtoth. 


14) An Prof. Bis in Bajel. 


Chriſtel Michaelis 

Dr. Theodor Billroth. 
Verlobte. 

Potsdam und Berlin, 

den 5. Mlat 1858. 

Ihr gutes Beispiel hat mir a gemacht, mein lieber Freund! 
Dergefjen Sie mich nicht! 
er Ihre 
Th. Billroth. 
2.2 


15) An Prof. Baum in Göttingen. 
Berlin, 6. August 1858. 


Hochgeehrter Herr Hofrath! 
Durch den Eleinen guten Heis**), der geftern hier durchreiſte 
und noch völlig überwältigt von feinen übermäßigen Studien in der 
Göttinger Bibliothef unter der Laſt der Wiſſenſchaft förmlich Feuchte 


=) Albrecht von Graefe; geft. 1870. 
'*) Profeifor der Chirurgie und Oberarzt der chir. Abth. am Stadtfranfen- 
— zu Dresden. Geſt. 1868. 


— habe ich gehört, daß Sie frifh und munter find und mid) herz- 
lih darüber gefreut. : 

Don einem Ihrer Schüler in Boslar*) habe ich neulich einen 
fehr netten Auffas über Tracheotomie gelefen, in dem ich Sie überall 
wiedererfannte und mich innerlich freute, daß ich im Princip der 
Dperation fowie in ihrer Technik völlig mit Ihren Anfichten über- 
einftimme,. Auc ich kann den Enthufiasmus des Pitha'ſchen In— 
fteumentes nicht begreifen; ich operire immer mit dem Meſſer allein. 
Unter einigen 50 fällen, die Sangenbed operirt hat, find nur 2 
durchgefommen. Trotz diefem ungünftigen Derhältniß ermuthigt 
er immer von Neuem zur Dperation. Die Aerzte in der Stadt find 
hier fehr dagegen, da die übrigen hier in Berlin operirenden Chirurgen 
diefe Dperatton nicht machen, weil fie ungünftige Chancen bietet 
und das Renomme verdirbt. 

Bei den hiefigen Deränderungen bin ich nicht weiter betheiligt, 
als daß ich den DOperationscurfus im Winterfemefter für mich habe 
und dadurd vorläufig meine Eriftenz fichere. Die Phyfiologie wird 
nicht erfeßt. Da Dubois nicht von Berlin fortgehen will und doc 
Dhyfiologie lieft, wenn er auch fein Gehalt bezieht und nicht Drdi- 
narius wird, jo wird das Geld gefpart! Wie finden Sie das? Bet 
der Geburtshülfe find die Dorfchläge der Fakultät gar nicht berüd- 
fichtigt.” Martin ift eine Errungenschaft der Hofparthei. 

An der Univerfität find für Chirurgie habilitirt und rejpective 
angeftellt: Jüngfen, Langenbeck, Böhm, Troſchel, Angel- 
ftein, Kranichfeld, Friedberg, Ravoth, Gurlt, Billroth, 
v. Gräfe, Erdmann. Sie Fönnen daraus entnehmen, daß die 
Loncurrenz groß ift, weniger in der Wiffenfchaft, als in der Geſchick— 
lichkeit Studenten zu greifen. Wenn ein Mann wie X. Collegia 
privatim anzeigt unter der privativen Derficherung, daß er jedem 
Studenten, der bei ihm belegt, den Friedrichsd’or wieder herausgeben 
will, jo weiß man als Privatdozent nicht, was man dazu jagen 
joll! Ich bin im Allgemeinen fo von Glück begünftigt gewefen und 
durch Cangenbeck fo ficher gehalten, da er mich wirklich lieb hat, 
wie ich ihn, daß ich nicht klagen kann. ch habe etwa 20 Zuhörer 
in der Chirurgie, will auch jett Fracturen und Kurationen und 
Akiurgie lefen, fodaß ich allmählich die hirurgifchen Collegien in 


*) Dr. Saxer, Archiv f. phyf. Beilf. N. F. B. II. 1858, p. 91. 





Se 2 aa az dr all ni 22 4 a ie m, 











BE gahı red tm 29. Ihr als  Fıi3Vı non 
Dr. vr. dangenberk und Viva Zen. 
—— VAMAA ——— 


rer ad, F Betero 


. 
Ce, 


1858, 





meine Hand befomme; die Hauptftüse habe ich darin, daß ich die 
DPoliflini? und den DOperattonscurfus habe. Die ſchlimmſten Con— 
eurrenten für dte Studenten find diejenigen Kollegen, die die Chi- 
rurgte in 4 bis 6 Wochen den Studenten einpaufen; es wird dadurch 
viel Unheil angeregt! Ich bleibe noch ein Jahr vorläufig poliflini- 
fcher Affiftent beit Sangenbed, dann bin ich 6 Jahre hier. Db ich 
jetst, wo ich außerhalb des Spitals wohnen werde, Privatprarts be— 
kommen werde, davon hängt für meine Eriftenz fehr viel ab. Dor- 
läufig ift die ganze Berliner chirurgiſche Privatpraris in den Händen 
von Wilms*) und Angelftein. Sangenbed hat faft ausſchließlich 
Fremde und hier nur die höheren Kreife; dte mittleren und jüngeren 
ürzte conſultiren ihn ungern, da er ſehr unpünktlich ſein ſoll. 

Am 20. dieſes Monats werde ich in Friedrichsroda bei Rein— 
harösbrunn in Thüringen Hochzeit machen und dann etwas reifen. 
Dielleicht treffe ich Sie in der Schweiz irgendwo! . . 

Der hrige 
X Th. Billroth. 


16) An Prof. Baum in Böttingen. 
Berlin, 8. October 1858. 
Sieber Herr Hofrath! 

Herzlihen Dank für Ihren lieben Brief vom 28, vorigen Mo— 
nats, den ich vor einigen Tagen erhielt, als ich von einer längeren 
Reife durch Schweiz, Oberitalien und Paris mit meiner frau zurüc- 
fehrte. — Geftern habe ich auch Meifner’s Derlobungsanzeige 
erhalten und mid) innig darüber gefreut. Ich war zwei Tage bei 
ihm in Freiburg mit meiner Frau, und wir haben ihm Eräftig zu— 
geredet ſich zu verheirathen; er entbehrte gerade bet feinen raftlofen 
Arbeiten eines häuslichen Wohlbehagens fehr fchmerzlih. Das 
Beijpiel von His und mir hat ihm hoffentlich Courage gemacht; 
es hat mid) lange nichts jo erfreut, wie diefe Derlobung. 

In Betreff der Meckel'ſchen Abbildungen danke ih Ihnen 
herzlich für Ihre freundlichen Bemühungen; doch glaube ich nicht, 
daß noch etwas zu machen ift. Meckel hat früher Schon bei Müller, 
Ehrenberg, Humboldt verfucht die Herausgabe des ganzen Werks 





„ ) 1852 ordinir., und 1862 dirigir. Arzt der chirurg. Abtheil. in Bethanien. 
Seit. 1880. 


Briefe von Theodor Billroth, S 


— 54 — 


von der Akademie zu erreichen. Ich habe wiederholentlih mit 
Müller, der Meckel fehr fchätste, darüber gefprochen; doch wurde 
mir gejagt, das Werk fei zu fpeciell patholosifh-anatomifh und 
dafür zu Foftipielig, als daß die Afademie es übernehmen Fönnte, 
Ich habe mich damals nicht dabei beruhigt, fondern durch Befannte 
den Atlas an Balliere und Maffon in Paris anbieten laffen; 
doch wollten fich auch dieſe nicht darauf einlaffen. Es fommt der 
ſchwierige Umftand hinzu, daß ein laufender Commentar zu dem 
Atlas gemaht werden müßte, Wer foll das machen? Mir liegt 
der Gegenftand gar zu fern, bejonders jetzt. Einzelne Gegenftände 
wie die Schalen von Schneden und Muſcheln find für mich völlig 
unverftändlich, wenigftens Fann ich darüber Fein Urtheil haben. Die 
Mufheln find außerdem fo wunderbar gemalt, theils auf Haufen 
blafe mit Gold und Silber, daß die Tafeln fo garnicht nachzumachen 
find. Ich habe früher die Sache mit Reimer fehr viel überlegt; der 
Atlas würde 800—1000 koſten, wenn es gut gemacht werden foll, 
und es würde die Herausgabe jehr lange dauern. — Beifolgend er- 

halten Sie meine pathologiſch-hiſtologiſchen Memoiren.*) 

Herzlihen Danf für Ihre freundlichen Glückwünſche. 

Ihr treuer und danfbarer Schüler 

Th. Billtoth. 
* 


17) An Dr. Sod in Nagdeburg.**) 


Berlin, 22. November 1858. 
Mein lieber Fock! 

Ih habe ein dringendes Bedürfnig einmal wieder etwas von 
Dir zu hören; ich hoffte immer Dich einmal hier in Berlin zu fehen, 
doch vergebens! Wie ich höre, bift Du auch ſchon fo glüdlich ver- 
heirathet zu fein, wie ich; doch warn und wo, das weiß ich nicht. 
Wie lebſt Du? Wie geht es Dir? Wie hat fih in letzter Seit Dein 
Wirfungsfreis geftaltet? Das find Alles tagen, die mich aufs 
höchſte intereffiren, und deren Beantwortung ich erwartend ent- 
gegenjehe. 


* orte Sa te Pr s x M % e 

... — zur pathologiſchen Hiſtologie. Berlin, bei G. Beimer. 1858. 
im Jal zie Brieſe an Dr. Soc find im Beſitz der Witwe. Nach feinem Tode 

ahre 1865 ſchrieb Billvoth den Nefrolog (Archiv f. Hin. Chirurgie BP. VL). 


Seit dem 20. Auguft, wo meine Hochzeit in Reinhardsbrunn in 
Thüringen war, bin ich Ehemann und habe vorgejtern aljo das 
erite Quartal als ſolcher gefeiert. Ich wohne jest Koutfenftraße 58, 
und wenn Du herfommft, fo wifje, daß Du mih am ficheriten 
zwiſchen 5—6 triffit. 

Meine Stellung bei Langenbeck habe ich beibehalten, vorläufig 
bis 1. November 1859. Privatpraris habe ich vorläufig noch gar 
nicht und frifte mein Dafein von den Dperationscurfen, die ich 
täglich von 10—12 halte, Sch Iefe Chirurgie und Fracturen mit 
mäßiger Huhörerzahl. Gurlt dito. Der Arme war 6 Wochen 
verheirathet, dann ftarb feine Frau. | 

In meiner Häuslichfeit fühle ich mich unbefchreiblich wohl und 
fange an fehr beleibt zu werden. Meine Frau mußt Du kennen 
lernen, wenn Du herfommft; fie ift ein lebhaftes, munteres, ftets 
heiteres Weſen und dabei fehr verftändig! es ift gar zu nett ver- 
heirathet zu fein! 

Schreib mir recht bald 
Dein 
Th. Billvoth. 


* 


18) An Prof. Baum in Göttingen, 
Berlin, 18. Mai 1859, 


Hocgeehrter Herr Hofrath! 
Mein lieber Herr Profeffor! 

Auf Ihre Freundliche Aufforderung noch weitere Schritte zu 
thun für die Herausgabe der Mecel’fchen Tafeln, hat Baeren- 
Iprung, der mit Magnus befannt ift, fich darum bemüht; doch 
hat es Magnus abgelehnt die Sache ſelbſt in die Hand zu nehmen 
und an der Akademie in Anregung zu bringen. Ebenſo wenig iſt 
es gelungen Dubois, Peters oder Reichert dafür zu gewinnen; 
Ehrenberg hat fi mit großer Entfchiedenheit dagegen erklärt. 
Glauben Sie, daß vielleicht die Göttinger Bibliothek die Driginal- 
tafelm, zu denen von Mecel’s Hand eine Furze Erläuterung eriftiet 
(werm ich nicht irre) Fauft, fo will ich beforgen, daß Ihmen diefelben 
zur Anficht gefchieft werden. 


> ii 


m 


Doc; der Zeitpunkt ift jest gar zu ungünftig. Dier hört man 
jest nur noch von Politik reden. Es bezweifelt bei uns Niemand, 
daß es auch mit uns zum Kriege fommen muß, und da das jeßige 
Nebergangsftadium jede geiftige Thätigkeit und Gewerfsthätigfeit 
hemmt, jo wünfcht jeder den Krieg ſobald als möglid. Da wir 
ja Alle hier bei uns mit marſchieren müffen, fo giebt es feine familie, 
in die nicht die Weltereigniffe unmittelbar eingreifen. Doch das 
wäre das wentgfte; das ſchlimmſte ift die entfeßliche Lage, in welche 
die Arbeiter verfest find. Da Credit und Geld jest nicht zu haben 
find, fo haben die Fabriken ihre Arbeiter auf den vierten Theil 
reducirt, und dadurch find dann gleich Taufende von Familien brod- 
los. Es ift ein großes Elend, daß die Börfe die Welt regiert, und 
doch tft es nicht zu leugnen. Im Allgemeinen herrfcht ein unbe— 
grenztes Dertrauen auf die Xegierung, und jeder iſt bereit Opfer 
zu bringen. Die jüngften Aerzte freuen ſich auf den Krieg; wer 
ſich bereits nach vielen Jahren der Placderei endlich einen eigenen, 
Heerd gejchaffen hat, verliert durch die Mobilmahung für feine 
familie die Eriftenz; viele unferer jüngeren Kollegen jind jehr 
ſchlimm daran. Doch Preußen hat ſchlimmere Seiten durchgemacht, 
wir werden mit Gottes Hülfe auch diefe Hrifis überftehen! Für 
den franzöfifchen Kaifer wäre es werth irgend eine ganz neue Strafe 
zu erſinnen; ich würde vorfchlagen, ihm die Glieder Zoll für Holl 
zu ecrafiren! 

An der Univerfität verfpüren wir den Krieg durch den Mangel 
der Ausländer; im Ganzen find dte Collegia noch ziemlich befucht. 
Dod find die Studenten fehr zaghaft im Belegen auf der Quäftur, 
da man immer glaubt, es geht nächftens los. Ihren Wilhelm 
jehe ich täglich bei Sangenbed; er ift fleißig und weiß gut be- 
Iheidt, wenn er als Praftifant auftritt. Ich habe ihm gerathen 
ſich möglichft zu concentriren, nicht zu viel zugleich zu treiben. Ich 
habe ihn gebeten mic, öfters Abends zu befuchen, da ich fehr häus— 
lich) lebe und fat inner zu Haufe bin. 

Ihr dankbarer Schüler 
Theodor Billroth. 





1) An Prof. Baum in Göttingen. 
Berlin, 50. Mat 1859, 
Mein lieber Herr Hofrath! 

Es hat mir befondere Freude gemacht, einmal wieder eine 
Geſchwulſt aus der Göttinger Klinif zu unterfuchen; ich fehe noch 
zuweilen mit Dergnügen auf meine erften Wotizen über die von 
Ihnen zu meiner Seit erftirpirten Gefhwülfte, fo unvollfommen 
fie auch find.... Derzeihen Ste, wenn ich Sie länger aufgehalten 
‚habe, als es Ihre Geduld erlaubt; doch Sie haben einmal wieder 
meine Luft an den Geſchwülſten aufgeregt, und da weiß ein junger 
Mann wie ich jelten das rechte Maß zu finden. Ich finde jest 
viel Freude daran mich mit chirurgifch-hiftorifchen Studien zu be— 
Ihäftigen; auch dazu haben Sie den Grund gelegt. 

Heute war id) ſehr bekümmert durch den unglücdlihen Ausgang 
einer Herntotomie. Es war eine feit vier Tagen eingeflemmte 
Schenkelhernie, die Deritonitis leider fchon fehr ausgebildet, als ich 
operirte. ch bin durch Cooper und zuletzt durch meinen Aufent- 
halt in Sondon fehr für die Dperation ohne Eröffnung des Bruch- 
jads eingenommen; doch gelang die Repofition auch in diefem wie 
in früheren Fällen nicht, nachdem der Schenfelcanal fehr weit dila- 
firt war. Auch Wilms, der über 200 Herniotomieen gemacht hat, 
iſt nicht damit zufrieden. Haben Sie einmal ein Bishen Zeit, fo 
erfreuen Ste mic, gelegentlich durch die Mittheilung über Ihre Er- 
fahrungen in diefer Hinfiht. In unferer Klinik kommen fehr wenig 
Herniotomieen vor, und dann werden fie immer jo ſpät gebracht, 
daß man ſich nur daran ärgert. 

Für Wilhelm habe ich eine Verbandtaſche beſorgt von mittlerer 
Größe mit guten und niedlichen Inſtrumenten. Die ganz kleinen 
Dinger, wie ih eine von Luer und eine von Charrière habe, 
Iheinen mir doch recht unpraftifh. Der Preis ift etwa 20 Thaler. 
In Bezug auf das Mikroskop für Wilhelm habe ih ihn an 
Virchow empfohlen, da ich mit den Optikern ganz außer Lonner 
Bit an; 

Mit dem größeften Bedauern habe ich von dem Tode Ihres 
Herrn Bruders in Danzig gehört; ich erinnere mich fehr wohl der 
angenehmen muftfalifchen Abende, die wir mit ihm zufammen in 
Söttingen hatten und der Freude, die er tiber die Mozart'ſchen 
Quartette hatte. 


Seider höre ich, daß ſich Stich in Danzig bereits mit der ganzen 
Stadt, mit Pohl und allen Collegen überworfen hat und völlig 
iſolirt iſt; er ift ein gar zu fhroffer Charakter, wenn auch unzweifel- 
haft ein genialer Menſch. 

Beute hatten wir eine fehr unerquidliche Erftirpation eines 
Carcinoms am Balfe, wobei V. jugul. int. und Carotis unterbunden 


werden mußten.”) 
Ihr danfbarer Schüler 
Th. Billeoth. 


* 


20) An Prof. Baum in Göttingen. 


Sieber Herr Hofrath! 

... Da Sie durch Bedmann**) jest einen unmittelbaren 
Weg zu der Mutter Meckel's haben, jo glaube ich meine Miſſion 
in diefer Hinficht niederlegen zu Fönnen. 

Den Dynamometer befiten wir, haben ihn jedoh noch nicht 
angewandt; doch will ich verfuchen Sangenbed dazu zu überreden 
und in der nächften Woche felbft einen Derfuch damit mahen. Was 
den von Ihnen erwähnten tödtlich abgelaufenen Fall betrifft, jo lag 
dabei meiner Anſicht nad) die Urfache nicht an der zu fehr forcirten 
Extenſion, fondern daran, daß diefelbe in einer Woche dreimal 
geniaht wurde und nicht gelingen Fonnte, da fractur des Kopfes 
dabei war. Der Effect der Extenfion auf die entzündeten Theile 
war natürlicy ein ſehr verderblicher, es trat Bangrän und Tod ein. 
Keider durften wir die Section nicht genauer machen und Fonnten 
nur heimlich das obere Ende des Humerus herausnehmen, wobei 
wir dann die Fractur, die bei der Testen Ertenfion dtagnojticirt 
ward, fanden. Der Fall war mir fehr lehrreich, da ich dadurch, 
wie bei manchen anderen lernte, was man nicht machen foll. Dies 
natürlich} nur entre nous. 

Was Senftleben’s Aufſatz betrifft, fo ift derfelbe fein alleiniges 
Eigenthumz), Langenbeck ift es nicht eingefallen bei allen intra- 


Berlin, 19. Auguſt 1859. 


35) B. Sangenbed; Archiv f. Elin. Chir. Bd. I. p. 78. 1861. 

“") Profeifor der pathologifchen Anatomie in Göttingen, geft. 1860. 

) Dr. Senftleben, Affiftent Langenbeck's, hatte in den Annalen der Charite 
8. VII. 5. 1859 den Rath gegeben, bei nicht vereinigtem intracapfulären Schenfel- 
halsbruch, wenn Alter und Kräfte es geftatten, fogleich die Ertraction des oberen 
Sragments vorzunehmen. x 





capfulären Schenfelhalsfracturen den Kopf herausnehmen zu wollen; 
er würde ſich überhaupt bedanken, Alles auf ſich zu nehmen, was 
wir Afjistenten behaupten; und wir fuchen etwas darin möglichit 
jelbftändig zu denken und zu fchreiben, Unfer Derhältniß zu Sangen- 
bed und bejfonders das meine ift ein durchaus collegialifches, und 
das ijt für die Betheiligten gewiß von Dortheil. 

Die Chloroforminjection bei Hyörocele ift hier wieder ziemlich 
verlafjen. Da hier fait alle Hydrocelen poliklinifch behandelt werden, 
jo jind wir wieder zum Jod zurückgefehrt, weil das Chloroform zu— 
weilen doc) zu heftige Reaction macht, als daß man die Leute damit 
könnte ohne Weiteres zu Haufe gehen lafjen. Einen Todesfall haben 
wir nie beim Chloroform gehabt. Iſt das propter hoc in dem 
Fall von Esmard, wirklich nachzuweiſen? mir ift nichts darüber 
befannt geworden. 

Ih Bin für die Livilprarts durchaus gegen die Kniegelenk— 
tefectionen und habe mich auch in dem beifolgenden Auffas*) in 
dieſer Weiſe darüber ausgefprochen, 

Henle’s**) Kritik meiner Arbeiten hat mich recht betrübt. 
Er erklärt meine Darmnerven für zerfallene elaftifche Faſern, er hat 
fie gewiß nicht nadhunterfuht. I. Müller hat alle meine Dräpa- 
rate darüber nachunterfuht; er und Dubois haben mir darüber 
ihre größefte Freude ausgedrückt, und Henle erflärt fie für ein 
Phantom, eine Täufhung. Iſt diefe Art der Kritik auch Wiffen- 
Ihaft? Iſt das eines Mannes wie Henle würdig die Wiſſenſchaft 
fo zu treiben? Meine Unterſuchungen über die Structur der Ton- 
fillen hat er nicht einer Silbe gewürdigt, vermuthlich weil fie gegen 
jeine Anfichten fprechen. Diefe Art, Alles zu läugnen, was nicht von 
ihm ſelbſt ausgegangen tft und wie die öfterreichifche Politik immer 
auf demfelben Punkt fi zu drehen, wird ihn bald zu einer völlig 
vergefjenen Derjönlichkeit machen. Ich habe Meißner fehr vor 
diefer Alltanz mit Henle gewarnt. Virchow erhält fich fortwährend 
an der Spite dadurch, daß er ftets den Beobachtungen Rechnung 
trägt; er fördert auf diefe Weife dauernd. Henle hemmt entſchieden, 
ſo lange er überhaupt noch einen Einfluß hat. 

Graefe erzählte mir geſtern von dem Unglück, welches Wernherf) 





—9 — Über die Veſection des KMiegelenkes. Deutſche Klinik, Nr. 35. 1859. 
**) Prof. der Anatomie in Göttingen, geſt. 1885. 
7) Prof. der Chirurgie in Gießen; geft. 1883. 


— 40 — 


in Gießen betroffen hat, der jetzt bier if. Er hat fich mit Blen— 
norrhoe beide Augen inficirt. An dem einen Auge ift ſchon Perforation 
eingetreten, an dem anderen find tiefe Ulcerationen! Welch' entſetz⸗ 
liches Geſchick! Mit der Bitte um Ihr ferneres Wohlwollen herzlich 


der Ihre 


Th. Billroth. 


21) An Dr. Fock in Magdeburg. 
Berlin, 15. December 1859. 
Sieber Fol! 

Berzlihen Glückwunſch zu dem fröhlichen Ereigniffe Deines 
Baufes. Möge Dein Junge fo gut gedeihen, wie der meinige, der 
nun fhon 5 Monate alt ift und anfängt die erften Spuren geiftiger 
Regſamkeit von ſich zu geben. 

Mir und meiner familie geht es gut; ich für meine Perjon 
habe in neuefter Seit einen Kummer gehabt, der mid fehr gefränft 
hatte, da ich gegründete Ausfichten auf die Profefjur in Zürich 
hatte, die fich leider nicht realifiren, ſodaß ich nun wieder hier ſitzen 
bleibe.*) Ich habe auffallendes Peh mit meinen Bewerbungen 
nach außerhalb; es jcheint, daß ich durchaus hier verfümmern foll. 
Einft flogen meine Pläne hoch; jetst bin ich zufrieden meine Eriftenz 
hier gejichert zu fehen. — ch freue mich zu hören, daß es Dir 


gut geht. 
Der Deine 
Th. Billtoth. 


* 


22) An Prof. Baum in Göttingen. 
Zürich, 8. April 1860. 
Sieber Herr Hofrath! 
Anhängenden Profpect**) überfende ich Ihnen mit der Bitte, 
unfere Beitrebungen möglihft durch Beiträge aus Ihrer reichen 
Klinik zu unterftüßen. 


* An Billroth's Weihnachtsbaum hing der Brief, welcher ihm, dem Sojährigen 

Priwatdocenten, die Ernennung zum ord. Profeffor der Chirurgie in Zürich brachte. 
**) Profpect des Archiv’s flir Fiinifche Chirurgie, herausaeaeben von B. Kangene 

bee, rediairt von Billroth und Gurlt. Verlag von A. Birfchwald, Sr. 





Seit wenigen Tagen bin ich exft hier, bin jedoch über Alles, 
was ich hier in Betreff meines Wirkungskreifes gefehen habe, fehr 
zufrieden! In Eile 

Ihr dankbarer Schüler 
Th. Billtoth. 
* 


25) An Prof. Baum in Göttingen. 
Zürich, 15. December 1860, 
Sieber Herr Hofrath! 

. . . Sie werden fich aus meinen Mittheilungen in Bafel vielleicht 
erinnern, daß ich nicht abgeneigt bin meinen Wohnfis unter Um— 
ftänden zu ändern. Bei vielen Dortheilen der hiefigen Stellung ift 
einerfeits die pecuntäre Beengtheit drücend für mich und meine 
Familie; andererfeits bleibt ein Deutfher in Zürich ftets ein 
Fremder, und diefes Gefühl Fann durch die Liebenswürdigkeit 
Einzelner nicht ganz unterdrücdt werden; ein behagliches, gemüth=' 
volles Wohljein ift hier nicht zu erwarten. Es Fommt hinzu, daß 
fih meine Frau hier fehr unglücklich fühlt, was mich oft recht be— 
drückt. Diefen Schattenfeiten gegenüber giebt es glänzende innerliche 
und äußerliche Lichtſeiten, wovon ich nur nennen will das große 
Ihöne Hospital, das reihe Material an Kranken, und im Sommer 
zumal der Reiz der großartigen und dabei doch fo lieblihen Natur! 

Sie werden mir daher wohl zugeben, lieber Berr Hofrath, daß 
ich dieſe Dortheile nur gegen andere aufgeben Fann. Das norötfche 
geben in Roftoc würde meiner. Pommernnatur wohl behagen, auch 
die pecumiäre Stellung wäre befjer als hier, meine Familie würde 
fich dort wohler fühlen, und ich wäre wieder in Deutjhland! Das 
find die Punkte, die mic, reizen! Doc, unter den von Ihnen ge= 
Ihilderten Derhältniffen Fönnte ich wohl faum darauf eingehen, 
dabei würde ich wiflenfchaftlih Schaden Ieiden, Bier mit freier 
Dispofition über 70 Betten, mit wifjenfchaftliher Benußung von 
den 50 Betten der chirurgifchen Secundär-Abtheilung, dort vielleicht 
2 Beine Augenfäle und eine Poliklinik, das würde ich nicht Fönnen, 
nicht dürfen, — Was die Dphthalmologie betrifft, fo habe ich mich 
damit in Berlin zwar viel bejhäftigt und ftand mit Graefe ftets in 
wiſſenſchaftlichem und freundfchaftlichem Verkehr; doch hier habe 
ich Feine Freude an diefem geld gefunden. Swar habe ich zwei 


Augenfäle, doch im ganzen Jahr vielleiht 20 Kranfe darin, fodaß 
ich fie ftets mit chieurgifchen Kranken belege. Dieje Augenfranfen 
find faft ausſchließlich Tonjunctivitiden und ganz alte Irido⸗Choroi⸗ 
diten; etwas anderes ift mir hier noch) nicht vorgefommen. Das 
fommt nun ganz natürlich daher, daß Horner eine große Drivat- 
klinik fchon hatte, ehe ich herfam und als Eingeborner ein großes 
Renomme befitt; außerdem ift er ein ſehr tüchtiger Ophthalmologe. 
Die Augenfranken find indeß ganz entwöhnt vom Spital. So wird 
es in Roftoc auch wohl fein. Wenn dort eine Privatklinik bejteht 
und Dr. Klaffen ein tüchtiger Menſch ift, jo dürfte es mir Feinen- 
falls gelingen die Augenfranfen von ihm ins Spital zu ziehen, denn 
ich halte die Trennung der Dphthalmologie von der Chirurgie, ſo— 
wie die Sache jest einmal fteht, für ganz zweckmäßig und würde 
nie durch irgend welche Maafregeln einen tüchtigen Collegen in 
der Ausübung feiner Specialttät ftören. 

Den größeren Theil der hirurgifhen Klinik müßte ich daher 
jedenfalls beanfpruhen. Ih möchte um Alles nit Strempel*), 
den ich perfönlich ſehr hochjchäse, drängen und gar verdrängen; 
doch Fann ich nicht eine Stellung übernehmen, die mir, joweit ich 
es aus den vorläufigen Vorſchlägen zu beurtheilen im Stande bin, 
-in ſich felbft unhaltbar erfcheint. 

Seien Sie nicht ungeduldig, lieber Herr Hofrath, daß ich Sie 
jo lange heute aufgehalten habe; doch es wollte fich nicht Fürzer 
thun laffen. 

Ihr danfbarer Schüler 
Th. Billroth. 
* 


24) An Prof. Baum in Göttingen, 
Zürich, 16. März 1861. 
Sieber Herr Hofrath! 
Nein lieber Lehrer! 
. Der Schluß Ihres lieben Briefes, wo Sie von Ihren 
Sakren —— und ein wehmüthiger Ton durchklingt, paßt durch— 
aus or zu Ihrer ſonſtigen Jugendfriſche. Sie find uns ja Allen” 





*) Profeffor und Director der med.-chir. Klinik in Roſtock. Geft. 1872. 





ein Dorbild, wie man fich durch die Wifjenfchaft unverändert erhält 
und jtets noch Allen im Streben nah dem Schönen und Edlen 
voraneilt! Ich hoffe, es war. eine vorübergehende Stimmung. In 
der ſchönen harmonifchen Folge unferer Dur- und Moll-Bedanken 
liegt ja der Reiz des Lebens. An die Schlußfymphonie des Lebens, 
wie ſie Beethoven fo fhön am Schluß des Egmont und der 
„Freude, Freude” gemalt hat, brauchen Sie noch lange nicht zu 
denfen! Gott erhalte Sie noch lange auf Ihrem Tapellmeifterpoften, 
und haben Sie Nachſicht mit einem Jhrer älteren Drcheftermitglieder, 
nemlich mit Ihrem Geiger, der darnach ftrebt der erfte zu werden. 
Der Ihre 
Th. Billroth. 


* 


25) An Prof. Bis in Baſel. 
Zürich, 28. Jult 1861. 
Sieber Bis! 

Welch' beneidenswerthes Leben der Erholung und des Natur- 
genufjes mögen Ste jest führen, während wir hier noch im Joch 
der Arbeit ſchwitzen! Und wenn es das Alles wäre! Der Monat 
Juli hat mir eine fo große Menge fchwerfter chirurgiſcher Fälle 
gebraht, daß mich Hummer und Sorge um das Leben jo mander 
Bräftiger lebensfrifcher Menschen nicht verläßt. Wenn es bet unferen 
anatomijhen Studien nicht zu Ende kommen will, was thuts! 
Andere werden es doch vollbringen. Doch wenn man fid) als Arzt 
fagen muß, wie viel in unferem Wiſſen und Wirken Stückwerk ift, 
das müſſen zuweilen Menſchenleben büßen, von denen die Exiſtenz 
ganzer Familien abhängt! wenn man doch immer helfen könnte! 

Von ſolchen Stimmungen verfolgt, habe ich immer wieder das 
Bedürfniß nach poſitivem Forſchen, und ſo komme ich dann immer 
wieder zum Mikroscop; denn folange mein Auge jich erhält, weiß 
ich doch, was id) fehe und weiß, daß das wirklich ift, was ich ſehe. 
Da haben Sie die Urfache, weßhalb mir meine anatomijchen Arbeiten 
lieb find und immer lieber werden, Derzeihen Sie, daß ich Sie mit 
diefen Reflerionen quäle und langweile, doch das liegt fo in der zeit⸗ 
weiſen Stimmung. 

Doch jetzt bitte ich Sie mir einen oder zwei Tage zuvor zu 


fchreiben, warın Sie mich befuchen wollen; ich freue mic) fehr darauf, 
ich möchte Ihnen mancherlei zeigen, dod um Ste nicht zu ermüden 
zuvor meine Präparate ordnen .... 

Wenn ich irgend kann, möchte ich noch Mitte Auguft (am 8. 
oder 10. beginnen unfere Ferien) auf einige Tage ins Engadin; Sie 
werden uns den beften Auffchluß geben fönnen, wie wir dies am 


beften machen. E 
Berzlichit der Ihre 
Th. Billroth. 
* 


26) An Dr. Fock in Magdeburg. 
Zürich, 15. November 1861. 
Sieber Freund! 


Deine lesten Arbeiten haben mich aufs lebhaftefte intereffirt, 
Du haft vortrefflihe Erfolge! Was die Hüftrefectionen betrifft, jo 
halte ich diefelben freilih auch für viel weniger gefährlich als die 
HKnierejection. Doc, gehft Du mir mit den Indicationen doch zu 
weit, und glaube ich, daß Du fie mit der Zeit einfchränfen wirft. 
Bei erwachfenen und älteren Perfonen verläuft die Operation doch 
nicht inuner fo gut, wie Du es dargeftellt haft. jeder bildet jich 
natürlich feine Anfiht nad, feiner Erfahrung. Ic habe hier 5 
Refectionen der Hüfte gemaht, 2 mit günftigem, J mit Iethalem 
Ausgang. Ich hoffe immer, man wird die Prognofe für die Re— 
ſectionen a priori noch immer beftinmmter ftellen; eigentlich follte 
man feinen verlieren. Du ftehft, ich gehöre zu den philiftröfen 
Dperateuren und werde immer ferupulöfer in gewiffen Operationen, 
operiere überhaupt ungern mit zweifelhafter Prognofe wenigitens in 
theoria; in praxi läßt es ſich nicht immer fo von der Hand weifen. 
— Ich habe hier 5 Tracheotomieen bei Croup gemacht, der hier 
ſehr Selten ift. Alle 5 Kinder find geftorben; eins erſtickte während 
der Dperation durch Bluteintritt in die Trachea, ich war ganz 
allein ohne Affiftenz in einer ärmlichen Hütte. Da habe ich etwas 
degout vor dtefer Operation befommen, wie begreiflich. Gelenf- 
förper habe ich hier noch nicht sefehen, fonft viele Gelenkleiden. 
Damit Du mich jedoch nicht für operationsfcheu hältjt, will ich 
Dir mittheilen, daß ich noch in neuefter Het einige Fühne Operationen 





gemacht habe, unter anderen eine ofteoplaftifche Refection des Unter- 
Fiefers mit Wiedereinheilung des proviforifc) vefecirten Stüces, eine 
gelungene Staphylorraphie bei einen Kinde von 6 Monaten, gewalt- 
jame Ertractionen des halb necrotifchen 3/, Unterfiefers bei Phos- 
phornecrofe vom Munde aus ohne Schnitt und mit Ablöfung aller 
Heubildung ıc. 

Das Material ift hier überhaupt fehr befriedigend. Ich habe 
100 chirurgiſche Kranke zur Dispofition und allein tiber die Auf- 
nahme zu entjcheiden, jodaß ich mir viele langweilige Fälle vom Halſe 
halten kann. 50 Kranfe werden von einen Secundärarst beforgt; 
70 habe ich für die Klinik fpeciell. Die meiften Fälle find Der- 
lesungen, zumal Maſchinenverletzungen oft fchwerfter Art; Geſchwülſte, 
zumal Carcinome äußerft Selten, 

Auch mit meinem Lehrerfolg bin ich recht zufrieden. Die Kliniken 
waren unter Kocher und Lebert recht verwahrloft. Griefinger*) 
und ic übernahmen diefelbe mit etwa 6-8 Zuhörern. In diefem 
Winter find 20 Praftifanten, und ein anderer Geift und reges 
Intereſſe belebt die Leute; das fpornt fehr an und erfreut das Ders, 
wenn es auch viel Mühe macht und fortwährendes Arbeiten er- 
fordert. 

Heine Lehr- und literarifche Thätigkeit nimmt mic aber aud) 
ganz in Anſpruch. Praris habe id} faft gar [nicht], wenige Tonful- 
tationen und Operationen auswärts und in der Stadt; Bauspraris 
lehnte ich von vornherein ab. In Folge deffen lebe ich nicht brillant, 
und haben meine Einnahmen noch nicht die Höhe erreicht, wie in 
der letsten Seit in Berlin. Das erfte Jahr hat mich horribel ge— 
koſtet; doch lebe ich innerlich fehr befriedigt und kläre mic) wiſſen⸗ 
ſchaftlich immer mehr ab, wie ich hoffe. Das Leben tft hier ſehr 
theuer; ich lebe gut, doch ohne jeglichen Umgang und brauche jähr- 
lich etwa 15000 fres., habe 3000 Fres. Gehalt. Es ift die Dro- 
feſſur alfo hier fo eine Art Surus, 

Mein Bub ift jest 2°/, Jahr und ein recht munterer lebhafter 
Heiner Kerl. Meine Frau erwartet im December wieder ihre Mieder- 
kunft; ſchon deßhalb vermeide ich geſellſchaftlichen Verkehr ,. . . 

Jh bin jetzt in einer anderen mehr allgemein chirurgifchen 
Richtung thätig und halte es für meinen Beruf als Redacteur des 





*) Prof. der inneren Medici, geft. 1868, 


— 46 — 


Archivs, bald hier bald dort neue Gegenftände anzuregen, oder alte 
modern umzuformen. So läuft jebt eine lange Arbeit über Wund- 
fieber und Wundfranfheiten von Stapel; dann foll eine allgemeine 
Bearbeitung der Gefhwüre folgen, ferner eine Arbeit über Perio- 
ftitis und Oſteitis. Dies find Alles Dorarbeiten und Dorläufer für 
eine allgemeine Chirurgie*) auf modernem Boden, an der ich ſtück— 
weife fchon arbeite; fie foll in Form von Dorlefungen erfcheinen 
nad) englifchen Muftern. Die Fünftlerifche Derarbeitung des Stoffes 
und die Abrundung des Ganzen erfordert viel Grübeln, Um— 
arbeiten ıc. 

Sangenbed war im Herbit bei mir; er war jünger geworden, 
voller Keben und Geift! Die fchöne zugleich liebliche und großartige 
Natur Zürich's feffelte ihn ungemein und in der That, es ift un— 
vergleihlih. Ic wohne außerhalb der Stadt mitten im Grünen; 
von meinem Schreibtiih der Blick auf die ewigen fchneeigen Alpen 
ift wunderbar Schön, und der See und das Grün im Dordergrund 
bezaubernd anmuthig! 

Nun haft Du eine Dorftellung von meiner hiefigen Eriftenz; 
die Förperliche lege ich im Bilde ein, mit der Bitte mir das Gleiche 
zu thun und mich bald mit einem Briefe zu erfreuen. Ich hoffe 
Du befuhft mich im nächſten Sommer. Wie glücklich find wir doc) 
eine preftifche Stellung zu haben. X. war im Herbſt hier. Der 
Arme erſtickt faſt in feinem wiffenfchaftlihen und Zörperlichen Fett. 

Der Deine 
Th. Billroth. 
* 


27) An Prof. Baum in Böttingen. 
Zürich, 26. December 1861, 
Sieber Herr Hofrath! 

Ich begreife, wie ſchwer es Strempel fein muß von 
jeiner Stellung abzutreten, nachdem er fein ganzes Leben dahin ge= 
arbeitet hat die medicinifche Fakultät in Roftod nady Kräften zu 
reorganifiren. Es kann daher nicht davon die Rede fein, daß ich 
es ihm oder Ihnen übelnehme, wenn die Sache anders Fommt, wie 


*) Die allgemeine chirurgiſche P i ie in fünfzi 
_aug ) giſch athologie und Therapie in fünfzig Vor— 
leſungen. Berlin bei G. Reimer, 1865. 2 Ka En 





es anfangs ſchien ... Ich finde, Strempel follte die Stelle vor- 
läufig behalten, wie jte ift, jo lange er kann. Seine Regierung ift 
ihm zu viel Dank ſchuldig, als daß fie ihm das Amt nehmen Fönnte, 
und es iſt gewiß befjer, wenn man dann fpäter die Stelle ganz be- 
jest, als jest halb.*) 
Hum neuen Jahr meinen herzlichften Gruß. 
Der Ihre 
Theodor Billtoth. 


* 


28) An Prof. Esmarch in Kiel, 
Sürich, 0. März 1862. 
Sieber Freund! 


«+. Unzählige Mal habe ich unferes vergnügten Zuſammen— 
jeins hier in Sürich gedacht; es war für mich eine rechte Erquidung 
mic mit Ihnen und Sangenbed auszufprechen, da ich fonft in 
Chirurgieis hier ganz auf mich befchränft bin, und äußere Derhält- 
niffe mic, verhindern in den Ferien zu reifen. Übrigens fühle ich 
mid) mit der Seit immer behaglicher hier, und auc meine frau ge- 
wöhnt jich immer mehr an das Unvermeidliche. 

Diel Neues habe ich nicht gemacht. Die Diteoplaftit hat indeß 
doch vielleicht mehr Zukunft als ich früher dachte, wenngleich ich 
Feineswegs jo dafür ſchwärme wie Sangenbed, Mit der Urano- 
plaſtik ift es aber ein famofes Ding. Haben Sie es fhon gemacht? 
Im nädjten Heft unferes Archiv’s Fommen darüber einige Fälle 
von mir. Ich weiß nicht, warum fih Sangenbed in einen frucht⸗ 
loſen Prioritätsſtreit verwickelt hat; es ſcheint mir doch höchſt gleich- 
gültig, ob die Operation früher hier oder dort einmal geglückt ift, 
Sur Methode ift fie erft duch Sangenbed erhoben, erft durch ihn 
iſt die Dperation empfehlenswerth geworden, Seine Beichreibung 
tft claffifh, und nur, wenn man ſich verbotenus an feine Schnitt⸗ 
führung hält, iſt das Reſultat abſolut ſicher. Da werden die Franzoſen 
wieder guten Unſinn machen, wenn ſie anfangen die Dperation auf 
ihre Weiſe zu machen! denn fie wollen befanntlich Alles beffer machen! 





Billroth Tehnte 1862 einen Auf nach Boſtock ab. 


— 48 — 


Ich habe kürzlich Berichte privatim von einem jungen Arzt aus Paris 
gehabt, und die Haare haben ſich mir geſträubt über das, was dort 
vorgeht. 

In neuefter Seit, wo mir 6—-8 fcheußlich große Falte Abfcefje 
zur Behandlung famen, habe ic mich denn auch an die Drainage 
gemacht! ich kann nichts mehr darin finden als in den Setons, und 
bin nicht fehr entzüct von diefer Behandlung. Doch die Sachen 
an fich find zu gräulich, zumal je torpider die Procefje; es ſtecken 
doch in 100 Fällen von Falten Abſceſſen wenigſtens 80 mal unheilbar 
gelegene Knochenleiden dahinter. 

Im nächſten Heft des Archivs wird nun endlich meine Fieber— 
arbeit*) von Stapel laufen. Wenn Sie diefelbe leſen, jo bitte ich 
Sie keinen anderen Maaßftab anzulegen, als wie man ihn an einen 
Derfuch legt, mit neuen Hülfsmitteln mandherlei zu fichten und zu 
ordnen; erft wenn von vielen Seiten in gleicher Richtung gearbeitet 
wird, kann etwas Brauchbares daraus werden! Doc hoffentlich 
wird Ihnen die darin neuangebahnte ftreng kliniſche Richtung be— 
hagen, denn bisher gab es gar zu viel Kofetterie mit Operationen ıc. 
in der chirurgifchen Kiteratur, Es iſt Seit, daß man wieder mehr 
ans ärztliche Beobachten mahnt; ic) weiß, daß Sie darin mit mir 
übereinftimmen werden, und glaube auch, daß die Feit mit Opera- 
tionen und pathologifsher Anatomie faft überjättigt tft. 

Eine neue Arbeit**) bereite ich vor, nämlich einen Derjuch einer 
hirurgifhen Epidemidologie zur Entfcheidung der Frage, ob Ery- 
fipelas, Trismus, Eiterungen an äußeren Theilen wirklich epidemiſch 
auftreten, wie es den Anſchein oft genug hat. Ic ſammele augen 
blilih von den Arzten des Canton Zürich Beobahtungen hierüber 
ein aus den Jahren 1860 und 1861. Die Zahlen werden nicht 
eminent fein; doch glaube ich, daß nad) diefer Richtung Eracteres 
angebahnt werden follte, 1 

Wenn Sie mir über meine fieberarbeit Ihr aufrichtiges Urtheil 
Ichreiben wollten, würden Sie mich fehr erfreuen, da Sie willen, wie 
viel Werth ich darauf lege. 

Für heute leben Sie wohl! Befuchen Sie uns im Herbft wieder. 


*) Beobachtungsjtudien über Wundfteber und accidentelle Wundfrankheiten. 
Erjte Arbeit (Archiv f. El. Chirurgie Bd. II. 1861). 
. _) Ein Feiner Beitrag zur Frage, ob gewiſſe chirurgifche Krankheiten 
epidemifch vorfommen (Archiv F. EL. Chirurgie Bd. IV. 1862). 





Einliegend meine Photographie? Können Sie mir eine von Stro- 
mieyer*) verfchaffen ? 
Der Ihre 


Th. Billeoth. 


29) An Prof. Bis in Bafel. 
HSürich, 20, April 1862, 
Kteber His! 

Ihr Bericht, den ich eben erhielt, hat mic, außerordentlich 
intereffirt; zumal freut es mi, daß Sie auch, die Häute jest in 
Angriff nehmen. Hier ift es auch die von Ihnen erwähnte Eiter- 
tejorption, die mich vor Allem intereffirt und mic) zu folgenden 
furzen Bemerfungen veranlaft. 

Die Möglichkeit der Reforption von jungen neugebildeten Zellen 
iſt gewiß bei jedem Entzündungsproseß gegeben, und doch hat fie 
entweder gar feinen Effect (wenn man nicht das Fieber als Folge 
nehmen will), oder fie Fommt doch nicht zu Stande tro& der ge- 
gebenen anatomifchen Derhältniffe. Es ift gewiß eine der merk 
würdigften Erfcheinungen, daß der z. B. traumatiſch angeregte Pro- 
ceß gewöhnlich ſich fobald begrenzt, nur ausnahmsweife über gewiffe 
Grenzen fi ausdehnt; man ſieht gar nicht ein, warum die in der 
Umgebung der Wunde angeregte Sellenbildung nicht peripherifch 
weiterichreitet, nicht immer zur Dereiterung oder zum Tumor führt! 
Bier liegt das Wunder, wie fo oft im Altäglichen. Ste wiffen aus 
Ihren LorneasUnterfuchungen, daß jehr bald das ganze Bewebe 
jeine Structur verliert und in eine homogene gallertige Intercellular- 
fubjtanz mit rundlichen Zellen aufgelöft wird; wird dies Gewebe 
vascularifirt, jo ift es Branulationsgewebe. Da nun die Cymph⸗ 
gefäße keine Wandungen haben, ihre Exiſtenz daher auf einer ge= 
wiſſen Starrheit des Bewebes beruht, fo werden in dem ichleimigen 
ſulzigen Granulationsgewebe Eeine Symphgefäße eriftiren fönnen, 
und durch diefe Branulationsfchicht Feine Keforption (wenigftens 
nicht durch die Symphgefäße) ftattfinden. Dies wäre freilich erſt 
anatomiſch nachzumweifen. Die Prarts lehrt, daß die Reforption zer⸗ 
ſetzter Subſtanzen durch Granulationsgewebe hindurch nicht zu er— 





*) Generalftabsarzt in Hannover, geft. 1876, 
Briefe von Theodor Billroth, 4 


= Sl 


folgen pflegt, fondern daß fie hauptfächlich in einer Zeit zu Stande 
fommt, wo noch Feine Granulationen vorhanden find. Bei ausge- 
dehnten offenen Quetfhwunden, die in Herfegung übergehen, tritt 
die Reforption innerhalb der erjten 5 Tage ein; hier entjteht die 
wahre Septicämie. Iſt die Wunde, wenn auch nody jo groß in 
Eiterung übergegangen, fo Fönnen fich Maffen von Zerfetungen, 
nefrotifivenden Feten 2c. auf der Wunde bilden, es erfolgt Feine 
Reforption fauliger Subftanzen. Das Volk verbindet feine Wunden 
mit Kuhmift, mit Urin ıc. ohne wefentlihen Schaden, wenn die 
Wunde einmal granulirt, 

Der Beweis, daß in fpäteren Stadien Eiter ins Blut gelangt, 
und daß diefer Eiter die Urſache der (nicht auf Embolie beruhenden) 
Metaftafe ift, ift Faum zu liefern. Experimente und mikroscopiſche 
Unterfuhungen gaben hier nur negative Refultate. Virchow hat 
Jahre lang, wie Sie wiffen, daran gearbeitet, ift aber nicht über 
die Embolie hinausgefommen. Diefe reiht nun gerade für die 
hirurgifchen Fälle wenig aus, und man fommt nicht über die 
phlogiftifche oder purulente Diathefe hinweg, die ihr beites Analogon, 
fowohl was die Ausbreitung als den Sit der Mletaftafen betrifft, 
in der carcinomatöfen Dyscrafte findet. Es würde demnach jehr 
intereffant fein, wenn nachgewiefen würde, wie die Symphgefäße 
ſich bein® Beginn der Entzündung verhalten, wie gegen die Granu— 
lationsflähe, wie in der Mähe von Geſchwülſten und in denfelben. 
Wenn ich Ihnen doch Fönnte Material zufchiden; doch ausgefchnittene 
Hautftüfe, zumal im Sommer verfandt, werden ihnen nicht viel 
nüßen fönnen. 

An einer eidgenöffiihen Hochſchule wäre dies freilich bejjer. 
Sie haben diefen Begenftand angedeutet; ich habe freilich Süricher 
nicht darüber gehört, doch habe ich fo meine eigene Meinung darüber. 
Dergönnen Sie mir einige Worte darüber; wenn ich au nicht 
Schweizer bin, jo glaube ic) nad, einem zweijährigen Leben in dieſem 
ihönen Sande doch die Derhältniffe ein Bischen ftudirt zu haben. 
| Nachdem ich durch eigene Anfchauung gefehen habe, wie man 
in Bern und Bafel und hier fleißig wiffenfchaftlich arbeitet, und wie 
jede Aniverfität ſich beftrebt fich hervorzuthun, würde ich es für ſehr 
u vortheilhaft halten die verfchiedenen Bildungsheerde zu zer 
Hören, oder auch nur zu beeinträchtigen. Benachtheiligt find nur 
die Franzöfifchen Cantone; fie follten im Genf noch einen wiſſen— 








— 54 — 


ſchaftlichen Centralpunft haben, eine Univerfität, damit fie nicht 
nach Paris zu viel geiftige Beziehung haben und nähren. Ein 
Bedürfnig für die ftudirende Jugend fcheint mir für die Mediciner 
durchaus nicht vorzulegen; es ift für fie gut geforgt. Weder die 
Haturwifjenichaften, noch die practijche ärztliche Ausbildung gedeiht 
auf großen Univerfitäten, und als eine ſolche foll man fich doch die 
eidgenöſſiſche Hochſchule denken. Kurz, ein Bedürfniß ſcheint mir 
für die Studirenden der Medicin nicht vorzuliegen. 

Wohin follte die eidgenöſſiſche Hochſchule verlegt werden? Ver— 
legen Sie diefelbe auf eine der beftehenden Univerfitäten, fo werden 
die Franzöfiih-Schweizer immer benachtheiligt fein; Sie mögen noch 
fo viele franzöfifche Lehrer anftellen, oder felbft alle Fächer doppelt 
beſetzen. Denn nie wird fih der Genfer in das deutfche Zürich, Bafel 
‚oder Bern hingezogen fühlen; denn wenn er audy franzöſiſch lernen 
Fann, Fann er nicht franzöfifch leben. — Derlegen Sie die eidgenöfftfche 
Hochſchule nah) Genf oder ZLaufanne, fo wird fie immer ganz 
franzöjifch bleiben. Die deutfhen Schweizer werden in Bafel, 
Bern, Hürich bleiben; die deutfchen Studenten gehen ftcher nicht in 
das franzöfiihe Genf oder Saufanne, und die eidgenöffifche Hoch— 
ſchule wird cantonal franzöfifc) bleiben. Genf foll der reichte Canton 
jein; warum hält er fich nicht mit dem MWaadtland zufammen eine 
‚Univerjität? 

Eine deutihe eidgenöffifche Hochſchule würde ich für einen 
‚großen politiihen Fehler halten; eine franzöfifche würde cantonal 
jein oder werden, 

Gehen wir etwas auf die Details ein. Entfteht eine große 
eidgenöſſiſche Univerfität, eine medicinifche Schule A la Würzburg, 
Berlin, Wien, fo hat feine der Schweizer Städte genug Material. 
Die Leichen, die Kranken müßten von allen Cantonen centralifirt 
werden. Thun Sie nur einen Blit in die Gefchloffenheit der Ver— 
waltung jedes Tantons, jeder Gemeinde, fo wird Ihnen die praf- 
tiſche Unmöglichkeit einleuchten hier einzugreifen. — Anders ftellt 
ſich allerdings wohl die Sache für die übrigen Fakultäten, zumal 
für die Juriften und Theologen; fie werden hier freilich in jeder 
Hinſicht fehr itiefmütterlich behandelt. Die Anzahl der Studirenden 
wird immer in diefen Fakultäten Plein bleiben, wo es gerade ganz 
wohl anginge, daß ihre Zahl ad infinitum anftiege, da dort nicht 
zu demonſtriren ift, fondern der Profeffor für 2—300 ebenfogut 

4“ 


feinen Dortrag halten Fann, als für 10—12. Bier wäre eine eid- 
genöffifche Univerfität mit Aufhebung der übrigen ein Segen, 
wenngleich ihr ebenfalls die nöthige Anzahl franzöfticher Elemente 
beigegeben werden müßte. 

Das Hauptargument, welches man für die eiögenöfjtiche Hoch— 
ſchule anzuführen pflegt, ift gewöhnlih, daß man dieſelbe befjer 
ausftatten Fönne, die befferen Lehrkräfte befjer befolden und firiren 
könnte, als es unter den jetigen Derhältnifjen der Fall fein Fann. 
Dies ift im Allgemeinen zuzugeben, doh mahe man fi Feine 
Illuſionen über die pecuniären Erfolge. Die Schweiz wird an ihren 
Univerfitäten ftets Ausländer gebrauchen. Kein Land Deutichlands, 
weder Preußen noch Defterreich, befegen ihre Profefjuren nur mit 
Inländern, und wenn es Dejterreich vorwiegend thut, jo gejchieht 
es zu feinem eigenen Schaden, denn die Pleinen öſterreichiſchen Uni— 
verfitäten haben nur noch rein locale Bedeutung. Nun kann man 
freilich die Ausländer theilweife durch Gehaltserhöhung halten, doc 
ſehr oft kehren die Leute in die Heimath zurüd und würden es 
thun, wenn man ihnen auch Schätze böte; das Geld ift hier nicht 
die alleinige Urfahe. Außerdem liegt doch auch ein nicht unbe— 
deutender Dortheil darin, jtets friſche Kräfte zu haben und nicht 
benöthigt zu fein ganze Fakultäten zu Tode zu füttern. Eine ſolche 
alternde «Fakultät ift ſchwer zu beleben; man fieht es ja am beften 
jest wieder in Heidelberg in der medicinifchen Fakultät. Helm— 
holg*) und Friedreich**) find nicht im Stande den alternden 
Stamm der Fakultät zu beleben. Die Schweizer Fakultäten bleiben 
ftets jung, weil ihnen genug Gelegenheit zum Wechfel gegeben ift. 
Die Bedeutung der Firation ift alfo auch eine fehr zweifelhafte. 

Ih Ihwärme, wie Sie fehen, nicht für eine eidgenöſſiſche Hoch— 
Ihule und habe es nie gethan. Würden gar die Schweizer Studenten 
aus Patriotismus nur die eidgenöffische Hochſchule befuchen, fo 
wäre das nichts weniger als vortheilhaft, denn den Binnenfchweizern 
thut es ſehr gut, wenn fie auch einmal anderes Land und Leute 
kennen lernen, 

Eine Hebung der Univerfitäten durch eidgenöffiiche Geldmittel 
würde ich indeß nicht allein zweckmäßig, fondern auch billig und 
aeft Bet der Phyfiologie in Heidelberg, dann Prof. der Phyſik in Berlin, 

**) Prof. der inneren Medicin in Heidelberg; geſt. 1882. 


/ 
/ 


/ 








gerecht halten; denn daß die Cantone, welche Univerfitäten halten, 
dadurch große Opfer bringen, die der gefanımten Schweiz zu Gute 
fommen, liegt ja auf der Hand. Die übrigen Cantone follten mit 
herbeigezogen werden, man follte alle 4 Univerfttäten (mit Genf) 
eidgenöſſiſch, mit eidgenöffifchen Mitteln verwalten. Dies würde bei 
dem Sondergeift der Tantone wohl nur durch die Bundesverfamme 
lung zu bewerfftelligen fein, obgleich ih mir auch einen anderen 
Weg denken Fönnte, nämlich den, daß die Schweiz fich in vier 
Univerfitätsdiftricte theilt, und daß die den Univerfitäten benach— 
barten Cantone mit zur Erhaltung derfelben beitragen; dann wären 
die Mittel ficher vorhanden mehr zu thun. Noch beffer würde mir 
folgendes gefallen: die Jurisprudenz, Theologie und Philofophie 
mit doppelten Profefjuren nah Bern als den doppeltnationalen 
Canton zu concentriren und daneben eine naturwifjenfchaftliche 
Afademie zu ftellen, die mediciniſchen Fakultäten aber in Genf, 
Bafel, Sürih, auh in Bern zu belaffen und mit eidgenöffifchen 
Mitten zu verfehen. Es wäre dann eine auf verschiedene Orte 
vertheilte eidgenöffiihe Hochichule mit gemeinfamer Derwaltung. 
Ich jehe wohl ein, daß auch diefer Plan fehr fchwierig auszuführen 
jein wird; doch fcheint er mir zweckmäßig, wenigftens für die medi- 
ciniſchen Fakultäten. 

Es wäre mir lieb von Ihnen zu hören, welche Pläne Sie und 
die Parteiführer in Bafel haben. Die mitgetheilten Anfichten find 
nicht die Hüricher, fondern meine perfönlichen Reflerionen über dieſen 
Gegenjtand, über den ich mich aber ftets in dtefer Weife ausge- 
fprochen habe, 

Das Polytehnifum paßt wenig zum Dergleich mit der Hod- 
ſchule. Die tehniihen Wiffenfchaften, aus der modernften Seit ent- 
jprungen, waren nie national, fondern gleih vom Beginn ihres 
Entjtehens univerfell europätfch; hier macht fich eine fosmopolitifche 
Combination von felbft. Der Mangel an ausgedehnten Inftituten 
diefer Art begünftigte dies Unternehmen ganz bejonders. Die Uni- 
verfitätswiffenfhaften waren aber feit dem heutigen Zuftand von 
Europa immer national deutſch, franzöftich, oder englifch; dies ift 
hiftorifch zu fehr begründet, als daß es fich rafch verwifchen follte. 
Es jpricht ſich auch ſchon darin aus, daß es ftets in Philofophie, 
Naturwiſſenſchaft ıc. fpecififche Schulen gab. Technische Schulen in 
dem erwähnten Sinn hat es nie gegeben. 


— 54 — 


Doh Sie haben gewiß ſoviel über diefen Gegenftand gehört 
und gefprochen, daß Ihnen ganz unwohl werden muß, wenn idy 
Ihnen foviel davon vorfhwase; Sie find aber ſelbſt daran Schuld, 
da Sie das Thema angeregt haben... - - 

Ich höre, daß im Mat der Elias in Bafel aufgeführt wird 
mit Stodhaufen. Können Sie mir Schreiben, warn dies fein wird; 
ih) hätte Cuſt dazu herüberzufommen, wenn es ſich mit meinen 
hiefigen Sehrerpflichten vereinigen läßt. Sollte dies nicht angehen, 
fo fehen wir uns hoffentlich in Dlten bei der jährlichen Zuſammen— 
funft. 

Berzlihe Grüße von uns an Ihre Frau! Waren Sie in 


Straßburg? 
Kun Der Ihre 


Th. Billroth. 
* 


30) An Prof. Esmarch in Kiel, 
e Zürich, 29. Mai 1863. 
Sieber Esmard! 


Herzlichen Dank für Deine freundliche Sufage, die ih um jo 
mehr ſchätze, als idy weiß, daß Deine Zeit jehr in Anſpruch ges 
nommen ift. Ich acceptire alfo Deine Rectummonographie*); über 
das Mähere jpäter theils durch Enke, theils durch mich. Porläufig 
ift es noh ein Chaos unter den Mitarbeitern; mandhe möchten 
wohl, doch der eine will hü, der andere hot! 

Anliegend erhältft Du einen Entwurf zu unferen neuen Unter- 
nehmen. Ich bitte Dich denfelben zu prüfen. Die eingeflammerten 
Worte find Sachen, über die ich mir felbft nicht recht Far bin; ich 
bitte zu ftreichen, zu ändern nach Belieben. Zeige es nicht zu Dielen, 
doch foll es mich freuen, wenn Papa Stromeyer auch das Ding 
anfieht und feinen Segen dazu giebt. — Principienfrage: 1) Soll 
die Sache national deutfch bleiben? Dann der Erfolg pecuniär jehr 
fraglih. 2) Sollen die Beiträge nur von Deutfchen kommen, doch 


*) Aus dem Handbuch der allgemeinen und fpeciellen Chiruraie, bearbeitet 
von verjchiedenen Chirurgen, redigirt von Prof. v. Pitha und Prof. Billroth 
(Derlag von Kerd. Enke). Die erjten Kieferunaen erfchienen 1865. — v. Pitha, 
Prof. der Chirurgie an der Jofephs-Academie in Wien; geſt. 1875. 








zur Derbreitung die Ueberfegung in drei Sprachen gegeben werden? 
ſchon befjer für den pecuntären Erfolg, doc; vielleiht nicht ficher 
genug für den reellen Werth der Beiträge. 5) Soll das Unternehmen 
ein internationales werden? Sollen wir Beiträge aus Frankreich, 
England, Rußland ıc, (Amerika mit feinem chirurgiihen Humbug 
Ichließe ich aus) annehmen? Dann erhalten wir vielleiht eine Fluth 
von Shund, und die Abwehr ift fehr Schwierig, — Wir müſſen 
über diefe Fragen uns principiell einigen; dann kommt immer noch 
der Derleger mit feinen Bedenken. Noch eins: der bei Hirihwald 
erfchienene Atlas von Liebreich foll fehr ſchön ausgeführt fein. 
Sollten wir vielleicht zuerjt verfuchen bei Hirfhwald anzufragen; 
er vertreibt feine Sachen famos, und das iſt wichtig. 

Beften Dan? für Deine übrigen Mittheilungen. Ich bin heute 
etwas preffirt; dies ift der fechfte Brief in einer Stunde. Die Sache 
prejfirt nicht. Prüfe fie und fchreibe mir dann bald. 

Der Deine 
Th. Billeoth. 
* 


31) An Prof. Esmard in Kiel. 
Zürich, 21. September 1863, 
Sieber Esmarch! 

Hu meinen heutigen Schreiben bin ich durch den Wunfc meines 
Collegen TC. veranlaßt, welcher von der Dacanz der Profefur für. . 
in Kiel gehört hat und es gern fehen würde einen Ruf dorthin zu 
erhalten... Er gehört im Ganzen aud) zu denjenigen, die zu viel 
deutjchen Patriotismus und deutfchen Stolz haben, um ſich hier fo 
reht zu amalgamiren . . . 

Engelmann hat mir Grüße von Dir vom Riffelhaufe gebradht. 
Hoffentlich jeid Ihr jetst alle glüdlic in Hannover angelangt, wohin 
ich diefen Brief dirigire. Befte Grüße an Deine frau, Bartels*) 
und Frau und Stromeyer. 

Der Deine 
Th. Billroth. 
* 


*) Prof. der inneren Medicin in Kiel, geſt. 1878. 


u Bee 


32) An Prof. Esmard in Kiel. 
Zürich, 18. November 1863. 
Sieber Esmard)! 

Was zunächſt unfer projectirtes literarifches Unternehmen be— 
trifft, fo finde ich, daß die Seit fo böfe ausſieht, daß ſchwerlich ein 
Buchhändler dazu Courage findet. Ich dachte mir wohl, daß auch 
der reiche und liberale Dieweg ſich nicht Hals über Kopf hinein- 
ftürzen würde. Ich finde ferner au, daß ein Jufammenhang mit 
Sangenbed, eventuell mit dem Archiv wünfhenswerth fein mag. 
Daß nur in Münden guter Farbendruf gemacht wird, darin irrt 
fih Dieweg; in Berlin bei Windelmann werden vortreffliche 
Sadhen der Art gemadt. Was nun meine Mitwirfung bei dem 
Unternehmen betrifft, jo bin ich für den Augenblid außer Stande 
thatfräftig einzugreifen. Es plagen mich manche Arbeiten; ich muß 
ein nicht unbedeutendes erperimentelles Material über Fieber durch 
Reſorption putrider Subftanzen verarbeiten, damit es mir nicht über 
den Kopf wächſt; ich möchte ferner meine Unterfuchhungen über 
Derioftitis und Caries abſchließen, über die Dolfmann nicht ganz 
richtig geurtheilt und feine eigenen Bilder meiner Anficht nad) falſch 
gedeutet hatz ich muß endlich an meinen Abfchnitt „Krankheiten der- 
Bruſt“ denken; kurz ich habe alle Hände voll zu thun. Ic, bitte 
Di) daher die Sache mit dem Atlas in der Hand zu behalten, mit 
Langenbed darüber zu fprehen und mit ihm zu enticheiden. Ich 
will dann gern beitragen was ich habe; doch ift es nicht fo viel als 
Du haft, und mein guter Zeichner wird immer bummliger, ſodaß 
ih Noth habe ihn zu etwas zu bringen. 

Für die Sufendung des Planes Eures neuen Kranfenhaufes 
beiten Dank. Ich finde ihn wohl zwecmäßig; doch wie Ihr die 
Abwartung der chirurgischen Kranken in den vielen Kleinen Simmern, 
die doch nur einen Eingang haben, beforgt, ift mir nicht Far. Ihr 
müßt enorm viel Wärter und Wärterinnen haben. Auch für den 
kliniſchen Unterricht find dte Kleinen Simmer unbequem; doch das 
wäre mehr ebenfahe. Es hat eben Alles feine Kicht- und 
Schattenfeiten. 

Prof. Müller in Kiel hat mir einige Aufſätze zugeſchickt, die 
mich ſehr intereſſiert haben; ich bitte Dich ihn in meinen Namen 
beftens zu danfen. Seine Milzauffaſſung tft fo kurz befchrieben, daß 
ih nicht daraus Flug werde, wieweit fie mit der mieinigen ſtimmt. 





Seine Methode die Milz erſt in chromf. Kalt, dann in Weingeift 
zu legen, iſt nicht immer gut; ich habe auch viel damit gearbeitet; 
doch das feine Netzwerk Fommt dabei nie fo gut heraus, als bei 
einfaher Erhärtung in Weingeift. Dagegen ift die Methode gut 
für die Symiphörüfen. — Daß fich in einem Fall von Symphörüfen- 
hypertrophie einmal eine Drüfe durchgängig für den Cymphſtrom 
gezeigt hat, beweiſt nur, daß fie noch nicht ſehr erheblich erkrankt 
war; fie war auch nicht ſehr vergrößert, wie aus feiner Zeich- 
nung hervorgeht. Geht die Symphörüfenhypertrophie allmählih in 
Sarcomgewebe über, fo ift von Injection von Symphbahnen Feine 
Rede mehr, wie ich mich felbft wiederholt überzeugt Habe. Die 
ganze Geſchichte des Derhältniffes zwifchen Seufämie, Symphörüfen- 
erfranfung und Milzhypertrophie ift doch immer noch höchſt proble= 
matiſch. Ich habe ſchon fehr oft folche Drüfen erftirpirt bet Indi— 
piduen, wo von Keufämie Feine Rede war. Öriefinger hat eine 
ganze Reihe von Fällen von Milshypertrophie ohne Leukämie be- 
obachtet. Dom Standpunkt der abftracten pathologifhen Anatomie 
werden oft ſolche Dinge mit einer Sicherheit confteuirt, die den 
Kliniker in Erftaunen fett, ohne daß er daran zu glauben braudt. 
Es ijt immer bedenklich, durch eine Injection einer mäßig hyper- 
trophifchen Symphörüfe die fchwierige Frage nach der Urfache der 
Iymphatijhen Seufämie „entſcheiden“ zu wollen, wie fih Müller 
ausdrücdt. Ich bin mit allen ſolchen Dingen fchon fo vorfichtig 
‚ geworden, daß ich mich mit einem folchen Schluß höchſtens bis zur 
Wahrſcheinlichkeit verfteige. 
Faſt hätte ich über mein anatomifches Geſchwätz vergeffen, Dir 
‚zu fchreiben, daß Nußbaum*) dringend wünfcht die Colotomie und 
Anus artificialis überhaupt in fein Gebiet zu nehmen, fodaß Du 
bei der Atresia ani etc. Did) auf den feüheren Abfchnitt, foweit 
‘es den An. artif. betrifft, berufen fannft. ch hoffe es wird Dir 
dieſe kleine Erleichterung nichts ausmachen. ch bin neugierig, wie 
das Ganze werden wird... . 

Mir haben in dieſem Semefter IN Mediciner; ich habe 54 in 
der Klinik und 20 in der Dorlefung. 

Dein 


r Th. Billvoth, 





*) Prof. der Chirurgie in München; geft. 1890, 





35) An Prof. Meißner in Göttingen. 
Zürich, 7. Juni 1864. 
Sieber Freund! 

Schon viel früher hätte ich Deinen Brief beantwortet, wenn 
nicht die Photogramme meiner Frau ausgegangen wären und ich 
doch gern für Deine fiebenswürdige frau Hofräthin eines beigelegt 
hätte. Dies fonnte nun erft heute gejchehen . . . Meine frau und 
ich erinnern fidy mit großem Dergnügen der mit Euch fo angenehm 
in München verlebten Tage. 

Wir haben jest ziemlich viel Suwahs aus Deutjhland und 
find fehr ftolz es in diefem Semejter auf 100 Mediciner gebracht zu 
haben, was für Euch natürlich eine verächtlich Eleine Zahl ift. Doch 
it es ein angenehmes Gefühl für uns Kliniker, jest doch 45 in 
der Klinif zu haben, nachdem wir im erften Semefter hier nur 7 in 
der Klinif hatten, und ich meine Chirurgie wegen Mangel an Zus 
hörern nicht Iefen Fonnte, 

MWagner’s Tod ift unter den zulest mit ihm eingetretenen 
Derhältniffen kaum ein Derluft für Göttingen zu nennen; die 
Derdienfte feiner Arbeitsperiode und feines Wirfens als Lehrer 
werden jet wieder in reinerem Sichte erſcheinen. 

Grüße Deine frau beftens von der meinigen und von mir, 
ebenfo Baum und W. Kraufe*), den ich ſehr abgearbeitet fand. 
Vergiß mid nicht! 

Dein 
Th. Billvoth. 
5 


34) An Prof. Esmard) in Kiel. 
Sürih, I. Juni 1864. 
Sieber Esmarh! 

So fehr ich mich freute einen Brief aus Kiel heute Nüttag von 
Dir vorzufinden, fo fehr hat mich der wejentliche Inhalt deijelben 
erfchrect, denn wir Fönnen uns nicht verhehlen, daß Rindfleiſch 
zu denjenigen aus unſerer Fakultät gehört, welche weſentlich dazu 
beitragen, daß die Frequenz unſerer Studenten fortwährend im Zu— 





* AR 4 4J 341 
) Prof. der pathologischen Anatomie in Göttingen, Saboratoriumsporftand 
im I. anatomifchen Inftitut der Univerjität Berlin. 





nehmen iſt. Wenn die pathologifche Anatomie und Hiftologie richtig 
gehandhabt wird und mit dem Elinifchen Studium in einander greift, 
jo tjt ſie eine der integrirendften Theile der modernen Medicin. Dies 
richtige Derhältniß, glaube ich, haben wir durch Rindfleifch hier 
hergejtellt, der ſich vortheilhaft durch eine gewiſſe Beicheidenheit 
in feiner Wiſſenſchaft gegenüber dem Klinifer vor anderen Schülern 
Virchow's unterjcheidet .... Rindfleifch ift noch fehr jung, etwa 
27 Jahre alt, docirt jest feit 5 Jahren und befitt einen Feuereifer 
fürs Dociren; mit jedem Semefter gewinnt er an Reife und hat eine 
ganz bejondere Anziehungskraft für die Studenten. Er hat 50 Zu- 
hörer in feiner Dorlefung über pathologifche Anatomie, 20 in feinem 
praftifchen Curſus (Uebungen in Sectionen machen und praftifc 
mifroscopifche Unterfuchungen in pathologifcher Hiſtologie). Bei 
diefen Erfolgen feiner Lehrthätigkeit .... war es für uns etwas 
ſchwer, die nöthigen Räume und Mifroscope zu befhaffen. Das ift 
nun Alles ermöglicht; nur fehlt ihm noc der Titel und ein an- 
ftändiges Gehalt, er hat bisher nur den Titel Profector und ein 
Gehalt von 800 fr. Der Erziehungsrath wollte auch in diefer 
Beziehung meinem Wunfhe gemäß Rindfleifh’s Stellung befjern, 
doch ift dies leider von einem unferer Fafultätsmitglieder hintertrieben, 
da es natürlich immer Leute giebt, die neidifch auf die Erfolge junger 
Docenten find. Hierdurch ift Rindfleifch natürlich gedrückt und 
gefränft, denn bet feinem Gehalt von 800 fr. muß er, da er ver- 
heirathet ift, natürlich faft ganz aus eigener Tafche Ieben, wenngleic) 
er jest durch Collegienhonorar wohl doppelt ſoviel einnimmt, als er 
Gehalt hat. Auch die jüngeren Aerzte der Stadt haben privatifjime 
bei ihm Curſe in pathologifcher Biftologie. So fürchte ich denn, 
dag Rindfleifch den Ruf nach Kiel annehmen würde und müßte, 
da es wohl zweifelhaft ift, ob ex je ſoviel Gehalt hier befommen 
wird, als Ihr ihm bieten Fönnt. 

Was das Derhältniß von Rindfleifch zu den Kliniken betrifft, 
lo macht er meine Sectionen, fo wie ich es mit ihm verabredet habe, 
fur; und meinen Eliniichen Sweden entfprechend; ich gebe ihm Alles 
aus meiner Klinif, da ich weiß, daß er es den Studenten beſſer 
demonſtrirt als ich. So gewinne ich auch Seit für die Klinik. Ueber 
beſondere Geſchwülſte giebt er mir, wie auch Grieſinger über 
beſondere Fälle auf unſeren Wunſch ſchriftliche Referate. Grieſinger 
iſt mit ſeinen Sectionen ſehr pedantiſch in ſeinem Sinne; auch paßt 


— 00 — 


ihm wie auch uns Chirurgen nicht immer die Virchow'ſche Art 
der ausführlich befchreibenden Sectionsberichte, er macht daher feine 
Sectionen allein und überläßt dann die Leiche zu weiterer Derwerthung 
an Rindfleifh für die Curſe. Außerdem hat Rindfleifch aber 
das Recht auf die Sectionen der Secundärabtheilungen, der Straf- 
Pfründ-Anftalt 2c., ſodaß er genug Material hat, und wenn nur 
nicht der heifle Punft mit den Gehalt wäre, der uns fchon fo viele 
tüchtige Kräfte gefoftet hat, jo hätte er wohl alle Urfache, zufrieden 
zu fein. Ich ermächtige Dich mit Ausnahme der roth angeftrichenen 
Stellen, die personalia enthalten, Alles der Facultät mitzutheilen. 

Wie fteht es mit der Phyfiologte? Schade ift es doch, daß 
Panum*) ein Däne ift; feine letzten Arbeiten haben mir einen großen 
Refpect vor ihm eingeflößt . . . 

Daß Ihr endlich von den Dänen befreit ſeid, darüber wird fich 
Jeder freuen; über das Wie bin idy weniger erbaut. Gewiß hätte 
das Gleiche erreicht werden Fönnen, wenn Preußen nicht als Groß- 
macht, fondern als Keiter der nationalen deutihen Aktion mit den 
Bundestruppen gehandelt hätte. Ob dadurdy der Krieg nicht eine 
viel größere Dimenfton angenommen hätte, ift allerdings nicht zu 
fagen. Was jet daraus wird, ift auch wohl noch nicht ganz 
zweifellos; doch läßt fi) wohl aus dem neuen Waffenftillitand 
fhliegen,*daß eine Einigung in Ausficht fteht. Hoffentlich Flärt ſich 
Alles bald ab, und bei der marfigen Kraft Eures Kandes werden 
auch die Kriegsipuren bald verwilcht fein. 

Was hat eigentlich Sangenbed im Felde gemacht? ich denke 
mir, er muß den angeftellten Militärärzten höchſt läftig geweſen fein, 
wenn er nur fo ab und zu geritten ift und nur hat operiren wollen. 
Er muß eine befondere Kiebhaberei an diefer Art des Practifirens 
haben. In Berlin hat inzwifchen wohl die Klinif ganz aufgehört? 
Sollte er wirklich in Schleswig viel genüßt haben? 

Was das große gemeinfane Buch betrifft, jo hat das eine 
ganz unerwartete Unterbrehung erlitten, die mir höchſt traurig 
ft... . Dhne diefe Gefchichte Fönnte jest ein erftes Heft ausges 
geben werden, das vortreffliche Abfchnitte von DO. Weber**) ent- 


“= Drof. der Phyfiologie in Kiel; aeft. 1885. 
$ _) Prof. der Chirurgie in Bonn, Heidelbera, geſt. 1867. Billroth fchrieb 
den Nekrolog im Archiv f. H. Chirurgie, Bd. IX. 





hält. Für Demen Abfchnitt haft Du mindeitens noch ein Jahr 
Beil 035 
Der Deine 
Th. Billeoth. 


* 


35) An Prof. Esmarch in Kiel. 
Zürich, 23. Juli 1864. 
Sieber Esmard)! 

Es freut midy Dich bald zu fehen, um fo mehr, als ich faft 
fürchtete, Du würdeft Dich in diefem Jahre kaum losmachen Fönnen. 
Dod die Kriegstrompeten fchweigen, und das Schnarren und Pfeifen 
der Diplomatenmuſik beginnt. Ich hoffe, du wirft dich bald in der 
Schweiz erholen, wo Du wenigftens von politifchen Befprähen nicht 
gequält wirft. Man fammelt hier fortwährend für Polen, Dänen, 
Alfer, Holiten, Juden, Chriften und Heiden, wie das einem neutralen 
Staat zufommt; das ift das einzige Politifche, was hier paffirt. 

Ich werde, wenn meine Studenten aushalten, bis zum 13. 
Auguft lefen, dann bin ich frei. Dom 22. bis 24. Auguft hauft die 
Schweizer Naturforſcherverſammlung hier, wo ich anftandshalber 
hier jein muß, obgleich ich fonft eigentlich diefer Schweizer Kefte fehr 
ſatt bin, wo man ſchlecht ißt und fauren ſchweren Schweizer Feitwein 
ex officio trinfen muß... 

IH freue mich, bald mit Dir plaudern zu können. Was fagft 
Du zu den neuen Kriegschirurgieen von Neudörfer, Dirogoff*), 
Demme?**) 

Alfo auf. baldiges vergnügtes Wiederfehn. Wenn Du Feine 
andere Netjebegleitung findeft, Fomme ich wohl auf die eine oder 
‚andere Tour mit. ch möchte gern in dtefem Jahre mit meiner 
Frau nach Zermatt. 

Der Deine 
Th. Billroth. 


* * ’ ’ hy * 
) Prof. der Chirurgie in Petersburg; geft. 1881. 
**) Docent der Chirurgie in Bern; geft. 1864. 


a oe 


56) An Prof. Schmidt in Keipzig. 
Zürich, 25. Auguft 1864. 
Beehrtefter Herr College! 


Ich muß ſchon ein gutes Dertrauen auf mic) bei Ihnen voraus- 
fegen, wenn ich hoffen darf, daß Sie es mir verzeihen, wenn ich 
erft heute Ihr geehrtes Schreiben vom 17. d. M. beantworte. Seien 
Sie überzeugt, daß nur ganz außergewöhnliche Derhältnifje daran 
Schuld find, daß ich Ihnen über den Fall, deffen Schwere und Wichtig- 
Feit ich in jeder Hinficht würdige, bisher noch nicht berichtet habe. 
Die Urſache davon ift, daß ich verreift war und bei meiner Ankunft 
hiefelbft fofort mich als Wirth in die Strudel der hier verfammelten 
Schweizer Haturforfcher ftürzen mußte, aus denen ich erft geftern 
Abend ermüdet und abgefpannt wieder frei wurde, 

Ich fah den Herren X. am vorigen Sonntag wieder, 8 Tage 
nah der eriten Confultation. Es ift feinem Zweifel unterworfen, 
daß im Lappen, der bei der letzten Dperation verſchoben war, ein 
Recidiv vorhanden ift. Daffelbe wuchert und ulcerirt theils in den 
Atund hinein, theils ift auch bereits die Haut nad) außen durch— 
brochen, und es bilden fich hier auch Schon ſchwammige Ulcerationen; 
dabei iſt ftarfer Foetor aus dem Munde; gemüthliche Depreffion, 
von „Seit zu Seit heftige Schmerzen in der Geſchwulſt find die ſub— 
jectiven Befchwerden bei übrigens guter Ernährung und unver— 
ändertem Ausfehen. Die fubmarillaren Eymphödrüfen waren mäßig 
geſchwollen, als ich Pat. zuerft fah; jest hat diefe Schwellung wieder 
abgenommıen. 

Was die Drognofe und Diagnofe betrifft, fo glaube ich, daß 
hier einer von den immerhin feltenen Fällen vorliegt, wo bei einem 
jungen Mann ein Lancroid allmählich in die Form des Mark— 
ſchwammes übergegangen ift. Die pathologifche Anatomie will von 
ſolchem Wechſel in dem Charakter der Geſchwülſte nichts wiffen; 
doc muß id nach meinen kliniſchen Erfahrungen entfchieden daran 
feſthalten. — Es ift aber nicht zu verfennen, daß die beſchränkt 
locale Recidivfähigkeit hier eine sroße Rolle fpielt; ich glaube daher, 
daß in diefem alle der Exit. lethal. nicht durch innere metafta- 
tiſche Gefhwülfte erfolgen wird, jondern nur durch die örtlichen 
Störungen und durch einen Marasmus, Blutungen und Jauchungen 
aus der raſch wuchernden Geſchwulſt. — Eine fpontane Heilung ift 


— — 


auf keinen Fall zu erwarten. Ein Erlsöſchen der Kranfheit nad) 
einer neuen Operation, jei es für Jahre, fei es für immer, halte ich 
für möglich, wenngleich nicht fehr wahrfcheinlih. Immerhin giebt 
dies die einzige Hoffnung, wenn aud eine ſchwache. Ich bin 
daher entjchteden für eine neue Dperation; doch würde ich ein 
älteres Derfahren verfuchen, nämlich einfach, das jetzige Recidiv weit 
zu umſchneiden und zu erjtirpiren, dann die MWundränder durch) 
Granulationen offen heilen zu laffen, dabei jede verdächtige Stelle 
jofort wieder zu erftirpiren und erft nad) völliger Benarbung den 
Defect zu deden. Die Schläfenhaut wird wahrfcheinlich als Sappen 
mit Stiel nad) unten das bejte Material hergeben. — Dies ift das 
einzige Derfahren, was ich aus Moth rathen möchte. Ich habe über 
folche verzweifelte Fälle wohl zuweilen von hier aus mit Cheltus*) 
conjultirt; er liebt dabei die Aetzpfeile von Chlorzinfpafte, doch hat 
dies nie etwas geholfen. Langenbeck würde in diefem Falle auch) 
entichieden für neue fchnelle Dperation fein. — Ich habe Pat. 
gerathen, von vorigen Sonntag an noch 14 Tage zu warten, dann 
hieher zurüczufehren oder direct nach Leipzig zurück, Ich rathe 
fehr, die Operation nicht länger aufzufchteben, denn der Defect 
wird immer größer und die Gefahr der Mlitleidenfchaft der Lymph— 
drüfen dringender, Die von mir hier empfohlenen Mittel find rein 
palltativer Natur: Mundwaffer mit etwas Kali chloricum, außen 
auf die Wucherung an der Bade täglich einmaliges Beftreuen mit 
rothem Präcipitat. 

Indem ich nochmals um Entfhuldigung wegen der Derfpätung 
der Antwort bitte, unterzeichne ich mic) 

ergebenft 
Dr. Th. Billeoth. 
* 


37) An Prof. Bis in Baſel. 
Sürich, 18. December 1864. 
Mein lieber Freund! 
Seit drei Tagen ift es entfchieden, daß ich hier in Zürich bleibe, 
Man nahm mic in Heidelberg**) fehr freundlich auf. Ich fand 


„.) Prof. der Chirurgie in Heidelberg, geft. 1876. 
Billroth fehnte einen Ruf nach Beidelberg ab. 


jedoch die praftifch-medteinifchen Anjtalten miferabel; es hätte jedoch 
mit der gehörigen Energie und mit gehörigen Mitteln dort etwas 
Schönes gefchaffen werden können. Heidelberg ift durch feine mittel- 
deutfche Sage und feine reizende Umgebung jo bevorzugt, daß bei 
den nothwendigen Maßnahmen auch dte mediciniſche Fakultät ihre 
Zugfraft auf die deutiche Jugend ausüben würde, Die Behörden, 
welche mir perfönlich Alles zufagten, waren jedoch lahm und taub 
für fofortige weitere Organiſationen, und da ich hier Bereitwilligkeit 
zu mancherlei Derbefferungen fand, und auch weiß, daß die Mittel 
vorhanden find, fo habe ich mich dann bald entſchloſſen. Ich Fonnte 
den Heidelbergern die Hüricher Derhältniffe der mediciniſchen Fakul— 
tät durchaus als Mufter aufftellen und mußte leider als Deutſcher 
empfinden, wie gering die Energie ift, mit welcher man ſelbſt in 
dem fonft politifc glücklichen Badiſchen Sande diefe Univerjitäts- 
angelegenheiten angreift. 

Man fommt mir hier mit einer Kiebenswürdigfeit entgegen, 
die mich herzlich erfreut und befchämt; es droht mir Fackelzug und 
Fefteffen, was mich als einen der ungefchieteften öffentlichen Redner 
in die peinlichfte Derlegenheit verfest. Nur einen Herzenswunſch 
habe ich noch, nämlich auch Dich hier in Sürich zu haben. Wer 
weiß, was die Zukunft bringt??? 

Hesslihe Grüße an Deine frau von der meinigen und von 
mir, Ein fröhliches Feft und ein herzliches Profit Heujahr! 

Der Deine 
Th. Billroth. 
C 


38) An Prof. Bis in Bajel. 
Zürich, 2. Januar 1865. 
Kieber Freund! 

Ich hätte Dir ſchon auf Deine freundliche Depefche geantwortet, 
die gerade an mich gelangte, als ich meine Rede vom hohen Balfon 
an die Studenten gehalten hatte; doch war ich durdy fo mancherlei 
Geihäfte abgehalten. — Diel, viel Glück zum neuen Jahr! Bringe 
es Dir und den Deinen alles Gute, was Ihr Euch nur wünſchen 
möget!! Meine Frau und das Pathchen Elfe jtimmt aus voller 
Kehle mit in diefe Glückwünſche ein, 





— 65 — 


Was die Heidelberger Gefchichte betrifft, jo muß der Berr X. 
doch fehr wenig Menſchenkenntniß haben, wenn er, wie ich aud) 
von anderer Seite höre, gemeint hat, ich wolle mir aus Heidelberg 
eine Sinecure machen. Daß mir dies nie eingefallen, brauche ich 
Niemand zu verfichern. och habe ich Bott ſei Dank Freude an 
der Arbeit, je mehr defto beffer! Ich würde mir doch auch wahr- 
haftig feine Mühe gegeben haben eine fo gründliche Reorganifation 
der dortigen Derhältniffe auseinanderzufegen und zu verlangen, die 
gerade auf ein energifches harmonifches Sufammenarbeiten hinzielte. 

Bier hat man mich mit Liebenswürdigkeit erdrüct; ich war fo 
angegriffen, daß ich Faum Stimme hatte zur Erwiederungsrede. An 
dem Fackelzug haben alle Studenten Theil genommen, und ihr 
Redner jprah warm und zum Herzen. An dem Feſteſſen nahmen 
Männer aus allen Kreifen der Geſellſchaft (etwa 200) Theil, ob- 
gleich es nicht officiell und fehr fchnell impropifirt war. Griefinger 
hatte den erſten Toaft und fprach nad} aller Anjiht jo warm und 
Ihön, wie man ihn nie zuvor gehört hatte, Der Tag wird mir 
unvergeßlich fein. Die Behörden haben in der Erfüllung meiner 
Wünſche einen Eifer an den Tag gelegt, der mich äußerft wohl- 
thuend berührte, 

Leider müflen wir Griefinger verlieren, Weber den ad): 
folger muß bald entfchieden werden. Ih habe darüber Correfpon- 
denz durch ganz Deutfchland geführt; vielleicht fönnen Dir die 
betreffenden Briefe nüslich fein, wenn Ihr einen internen Kliniker 
ſucht. Sie ftehen Dir unter Discretion zu Gebote... .. 


Der Deine 
Th. Billtoth, 
C2 


39) An Prof. Burlt in Berlin, 
Sürich, 1. Februar 1865. 
Lieber Gurlt! 

Ich habe heute die Correctur meines Aufſatzes über Knochen— 
wachsthum rc. erhalten. Ich habe verfprochen an Dolfmann 
möglichit früh einen Abzug mit Tafel zu Schicken und bitte Sie daher 
dafjelbe an mich, oder was noch einfacher wäre, an Dolfmann 
unter Kreuzband zu fchicen, und zwar fogleid). 


Briefe von Theodor Billroth, 5 


ee 


Biermer zieht Dftern an Briefinger’s Statt zu uns herüber. 

Die Berner find demnach wüthender als je auf Züri; fie müſſen 
jest zwei Kliniker fuchen. Für die chirurgifche Stelle war Socin 
von Bafel primo loco vorgefchlagen, hat jedoch, wie ich heute höre, 
abgelehnt. Außerdem find Sie, Dolfmann, Lüde, Uhde genannt, 
in welcher Reihenfolge weiß ih nicht. Mich hat nur Biermer 
gefragt, da die Berner wohl fürchten, daß ein Züricher Profeſſor 
nur fchleht räth . .. Ich hätte Sie gern bier in der Nähe; ob 
Sie fi in Bern troß eines guten Materials und neben dem alten 
Demme, der in Bern bleibt und die Praris in der Weftichweiz 
hat, glücklich fühlen würden, weiß ich nicht; es ift eine eigene Atmo- 
iphäre dort! — Als Erſatz für Biermer nennt man Ziemffen, 
Munk, Mannfopf, Kaulih. Das ift Alles Neue, was ich Ihnen 
von hier erzählen Fann. 

Der Ihre 

Th. Billroth. 
* 


40) An Prof. Esmarch in Kiel, 
Zürich, 5. April 1865. 
Sieber Esmardh! 

Ein Paar Worte heute in Eile. Ich möchte gern am Ende 
der Ferten eine Bummeltour auf einige Tage machen und habe die 
Abfiht nach Paris zu gehen. Am 15. würde ich hier abreifen, 
vom 16. bis 20. in Paris bleiben, am 21. wieder zurück fein, ſpäte— 
ftens am 22. — Wie gern wäre ich wieder einige Tage mit Dir 
zufammen. Können wir uns nicht in Paris treffen, es wäre gar 
zu reizend; wir wollen aufs gemüthlichfte bummeln und uns nicht 
gar zu viel um die Parifer Chirurgen befümmern. Ich Fenne Dich) 
als prächtigen Reifegefährten. Vielleicht bringe ih His und Socin 
mit. Ich weiß freilich nicht, ob Du nicht irgendwo ſchon auf der 
Reife ſteckſt. Antworte mir doch umgehend, wo wir uns in Paris 
treffen wollen, denn für einen zweiten Brief ift Feine Seit. IH 
denfe, wir haben uns Manches zu erzählen. 


Der Deine 
Th. Billroth. 





41) An Prof. Esmard in Kiel. 
Zürich, 27. Juni 1865. 
Sieber Freund! 

Wenn ich mid, recht entfinne, habt Ihr in diefem Herbft die 
Univerjitätsjubiläumsfeier? Wie fteht es damit? Ich würde für 
dieſen Fall gern ein Mal nach Kiel kommen und möchte meine 
Pläne für die Ferien darnach einrichten. Kommft Du im Berbft 
in die Schweiz? Dom 21. bis 23. Auguft ift fehweizerifche Natur— 
forfcherverfammlung in Genf. Die Genfer werden fich famos Löffeln, 
es foll brillant werden. Wenn Du fommft, gehen wir von da nad 
Sermatt zufammen, oder wohin Du fonft willt. Komm doc, und 
laß uns ein Mal wieder zufammen fidel fein! 

Du wirft in diefen Tagen ein Beft der großen Chirurgie er- 
halten, das leider nicht fortgefebt werden Fann, weil weder Simon*) 
noch Herz**) fertig waren. Es thut mir leid, daß dadurch auch 
Deine Arbeit verzögert wird. Beide Cunctatores haben ihre Arbeiten 
fiher auf Ende des Jahres verfprohen. Nous verrons, Grüße 
Deine liebe Frau und Bartels und behalte mich lieb. 

Dein 
Th. Billroth. 
* 


42) An Dr. Eifer in Frankfurt a. M. 
Sürich, 10. September 1865. 
Sieber College! 

Sie werden gewiß recht übel von mir denken, daß ich Ihren 
Brief vom 16. Auguft aus Schwalbach erſt heute beantworte, Ich 
bin nänlih am 12. Auguft von Zürich verreift in die Alpen und 
vorgejtern erjt wieder heimgefommen, 

Was hr Leiden betrifft, fo zweifle ich nicht, daß es Sie recht 
quält; doc) ift es gewiß nichts anderes als ein inveterirter Darm- 
catarrh, über den Sie ſich zu viel Sorge machen. Dor Allem müffen 
Sie die ftrengfte Diät beobachten und nur die Teicht verdaulichiten 
Sachen genießen; erft wenn Ihr Darmcanal wieder ganz und längere 
Heit normal ift, dürfen Sie auf Settanfaß und Gewichtspermehrung 


..) Prof. der Chirurgie in Roſtock, Heidelberg; geft. 1876. 
) Prof. und Profector in Erlangen; geft. 1871. 


— 6— 


hinarbeiten. Sie dürfen nur von Chee, Swiebad, engliſch gebratenent 
Fleiſch leben. Kaffee, ſaure Sachen, ſehr ſüße Speiſen, alles Fett 
it vorläufig Gift für Sie, Ste müffen leben wie die englifchen 
Dfficiere in Indien, die fast alle chronifche Diarrhoe befommen, 
wenn fie fih nicht in Acht nehmen. Rauchen dürfen Sie nicht. 
Trinken dürfen Ste rothen Wein mit warmen Wafjer und etwas 
Zucker; Alles lauwarm nehmen, nichts ganz kalt, nichts ganz warm, 
nie viel auf ein Mal eſſen. Sie fragen natürlich eine Bauchbinde. 
Diefe muß entweder von ſehr grobem Flanell oder Waldwolle oder 
von grober Wolle geftrickt fein, über die Schultern und Perinäum 
mit Bändern gut firiet, daß fte fich nicht verfchtebt. jeden Morgen 
und Abend bürften Sie fi) mit Bandfhuhbürften den Seib, bis die 
Haut ganz roth und empfindlich ift. Warme Bäder täglich mit 
Eifen- oder Salzzufas. IH würde eine warme Quelle ſehr zwed- 
mäßig halten zu trinken, befonders Karlsbad in geringen Quanti= 
täten. 

Das wäre fo meine Jdee für Ihr Leiden; es find erfahrungs=- 
gemäß wirffame Mittel bei Darmcatarıhen. Was die Waſſerkur 
betrifft, ſo bin ich ein großer Freund davon; doch über die Wirkung 
derſelben bei chroniſchen Darmcatarrhen habe ich keine Erfahrungen; 
ich kann mir nicht vorſtellen, daß die Waſſercur Ihnen gut thun 
ſollte. Sie könnten doch nur kalte Abreibungen, hydropathiſche Ein⸗ 
wicklungen ums Abdomen und etwa ganze Einwicklungen zur Schweiß- 
erzeugung brauchen; wenn Ste dazu nicht viel fpazieren laufen, 
viel Effen und viel Faltes Waſſer ſchlucken fönnen, jo werden Sie 
nur mehr herunterfonmen. Das Falte Mafjer innerlich würde Ihnen 
gewiß wieder Diarrhoe machen. — Doch wie gefagt, ich habe über 
diefen fpeciellen Fall Feine Erfahrungen, vathe aber zur Dorficht 
mit der Hydropathie. Albisbräne liegt fehr fchön, ift im Ganzen 
gut gehalten, die Derpflegung für Leute mit gefundem Magen gut, 
der Arzt verftändig. 

Hoffentlich find Ste mittlerweile bereits hergeftellt. 

Wir erinnern uns mit Dergmügen der ſchönen Tage am Gies⸗ 
bach; meine Frau empfiehlt ſich der Ihrigen freundlichſt. Halten 
Sie ſich wacker und verlieren Ste nicht die Courage! 

Der Ihre 
Th. Billroth. 
* 








45) An Dr. Eifer in frankfurt a. I. 
Zürich, 19. Februar 1866. 


Sieber College! 


Es hat mid) außerordentlich gefreut, wieder von Ihnen zu 
hören, doch bedaure ich, daß Ihre Nachrichten nicht günftiger lauteten; 
ich glaubte Sie längft wieder in Thätigfeit in Frankfurt. ch weiß 
aus eigener Erfahrung an mir, daß man entjeglich fceptifch gegen 
alle Therapie ift, wenn man ſelbſt Frank ift. Ich meine doch, Sie 
follten Dertrauen haben zu einem Manne, der wie Wunderlich*) 
bei jo hoher Begabung jo viel gejehen hat und aus feiner reichen 
Erfahrung Jhnen gewiß zu rathen und zu helfen weiß. Ich glaube, 
daß Sie wohl audy etwas Hypochonder geworden find, wie leicht be— 
greiflih, rathe Ihnen aber vor Allem zu thun, was Ihnen Wun— 
derlich räth. Fragen Sie ihn auch, ob es gut für Sie ift, daß Sie 
Ihren Beruf und Ihre Chätigfeit in Frankfurt ganz aufgegeben 
haben; fur; haben Sie Dertrauen zu ihm! 

Was nun Ihren eventuellen Aufenthalt in Zürich betrifft, fo 
fönnen Sie überzeugt fein, daß meine frau und ich nach Kräften 
bemüht fein würden, Ihnen hier das Leben erträglih zu machen; 
doc, Sie willen, ich bin Chirurg und bin weit entfernt, meinen Rath 
mit dem eines erfahrenen inneren Arztes abzuwägen. Und dann 
Eennen Sie Zürich nur im Sommer; die Monate März und April 
find hier die fchlechteften im ganzen Jahr, faft immer Näſſe und 
Uebel. Die jonftigen Quellen der Unterhaltung find fehr ſpärlich, 
und Sie müßten Ihre Anſprüche in dieſer Beziehung ſehr herab= 
ſtimmen. Die Vorleſungen von Difcher**), Cübke***), Scherr+) 
u. A., die höchſt intereffant find, und wo ich auch gern hospitire, 
find bald gejchlofjen, da Anfangs März die Ferien anfangen. Wir 
Fönnten uns im Spital öfter fehen und unterhalten; doch bin ich 
auch oft mit Arbeiten überhäuft und tauge dann nicht zur Er- 
heiterung. Wenn Sie es troßdem hier verfuchen wollen, fo foll es 
mich herzlich freuen. Am Genfer See in Derner im Hotel und 
Penjton zum Schwanen war ich mit meiner Frau im vorigen Jahr; 





*) Prof. der inneren Medicin in Keipzig; geit. 1877. 
**) Prof. für Aefthetif; geſt. 1887. 
***) Prof. für Kunjtgefchichte; geft. 1893. 

7) Prof. für Kulturgefchichte und Kiteratur; geft. 1866, 


dort wird es für Sie im Frühjahr vielleicht gut fein; wir Fönnten 
darüber zufammen berathen. Wenn Sie fommen, fteigen Sie Hotel 
Bauer ab. 

Courage! lieber College! noch ſcheint mir feine Deranlafjung 
den Kopf hängen zu lafjen. 

Mit freundlicftem Gruß 
der Ihre 
Th. Billroth. 
$ 


44) An Dr. Eifer in Sranffurt a. IM. 
Zürich, 6. März 1866. 
Sieber College! 

Ich bleibe die ganzen Dfterferien in Zürich und freue mid, Sie 
bald hier zu fehen. Wenn Sie mehr Neigung haben, im „Süricher 
Hof“ zu wohnen, fo ift mir das auch, lieb, da Sie uns dann efwas 
näher find; es ift dort nicht übel, wenngleih in Bezug auf Bes 
dienung und Zimmereinrihtung nicht fo comfortable, wie im Hotel 
Bauer. In beiden Hotels Fennen mid) die Wirthe guf als einen 
luftigen Herrn, der gern Abends zumal mit den Künftlern ein Glas 
Sekt liebt. Wenn Sie ſich alfo bei Ihrer Ankunft auf meinen 
Hamen berufen wollen, fo wird man Ihnen hoffentlic ein gutes 
Simmer einräumen. Die Preife find in allen hiefigen Hotels, in 
denen überhaupt ein civilifirter Menfch leben Fann, ziemlich gleich. 

Der Ihre 
Th. Billeoth. 


45) An Prof. His in Bafel. 
HSürid, 9. April 1866. 
Sieber Freund! 

... Was mich betrifft, fo geht es mir über alles Derdienft 
gut! und wenn ich jest fterben follte, fo wäre ich einer der glüc- 
lichften Menſchen gewefen! Alles ſchlägt mir gut ein! es wird mir 
manchmal bange dabei! Ich habe die fire dee, daß ich noch ein— 





mal an einen der größeften Pläte meiner Wiffenfhaft in Wien *) 
oder Berlin Fommen werde, läherlih!l .... 

Jetzt habe ich ein höchſt profaifches Geſchäft vor: ich mache 
mir eine Heberficht über meine bisherige ärztliche Thätigfeit hier in 
‘ Hürth; ich will es mir alle 5 Jahre in Zahlen fagen fönnen, was 
ich denn eigentlich ärztlich geleiftet habe. Zu diefem Zweck verfolge 
ich meine Kranfen, zumal die mit Gefhwülften, und Knochen- und 
Gelenkkrankheiten; ich will wiffen, was fchlieglih aus ihnen wird. 
Die meiften Chirurgen tappen hier in fantaftifhem Dunkel. Thierfch’**) 
Bud ſchlägt den einzig richtigen Weg ein, Seit Wochen ordne ich 
meine 3500 Kranfengefhichten und bin jest mit dem Rumpf fo 
weit fertig, daß ich über 200 Briefe ausgeſchickt Habe, auf welche 
ih von den Pfarrämtern in unerwarteter Weife recht prompte und 
verjtändige Antworten erhalte. Das Refultat diefer Arbeit, die mich 
wohl den größeſten Theil des Sommers in Anſpruch nehmen wird, 
wird Furz und bündig fein; für mic, fehr wichtig, vielleicht auch für 
Andere belehrend. 

Gern wäre ih am Schluß der Ferien (wir müffen am 18. 
wieder beginnen) auf 2—3 Tage aus meiner Atmofphäre heraus 
» . . Dielleicht reife ich noch aus, ehe ich in meinem Dperationscurs 
vielleicht zum zweitaufendmalften die Mechanik des Cirfelfchnitts 
einpaufe ... 

Der Deine 
Th. Billeoth. 
5 


46) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Zürich, 12. Mat 1866. 
Sieber Brahms! 


Beute ift das Wetter fo, daß man mit ziemlicher Sicherheit 
vorausjagen Fann, es wird jest fo bleiben. Machen Sie fich daher 
lofort auf; ich rathe Ihnen vor Allem das Berner Oberland und 
zwar die gewöhnliche Tour: Interlaten, Sauterbrunnen, Wengern- 
Alp, Grindelwald, Scheide, Rofenlaui, Wollen Sie davon abfürzen, 


Durch den am 22. December 1865 erfolgten Tod des Prof. Schuh in 
Wien war deſſen Profeffur der hir. Klinik vacant geworden. 
“”) Profetfor der Chirurgie in Erlangen, Zeipzia; geft. 1895. 


a — 


fo laſſen Sie Scheide und Rofenlaut fort. Eine der fchönften Dar- 
tieen ift die „ſchienige Platte” von Interlafen hinauf und herunter, 
ı Tag. Verſäumen Ste nicht am Biesbah eine Nacht zu bleiben; 
der Aufenthalt poetifch dort, die Beleuchtung der Fälle künſtleriſch 
arrangirt ift Feine reine Spielerei, fondern wirklich ſchön. Zurück 
oder hin über den Brüning und Luzern; von Suzern den Dierwald- 
ftätter See zu jehen bis Fluelen und zurüd, womöglich auf den 
Rigi, wenn nicht zu viel Schnee ift. — I habe alle diefe und 
andere Gegenden der Schweiz jo oft bereift, daß ich mir erlaubt 
habe, Ihnen diefe entjchtedenen Rathſchläge zu geben, damit Sie ſich 
nicht verleiten laffen, unbedeutende Nebenpartieen zu machen. Haben 
Sie noch Zeit, fo ift auch Mürren von Lauterbach aus und dorthin 
zurück ſehr ſchön, ähnlich wie Wengern-Alp. 
Der Ihre 
Th. Billvoth. 
> 


47) An Dr. Eifer in frankfurt a, A. 
Zürich, 11. December 1866. 
Sieber College und Freund! 


Beute komme ich in einer befonderen Angelegenheit, um Sie 
um eins große Gefälligkeit zu erfuchen; ich muß dazu etwas lang 
ausholen. Als Graefe mit feiner Familie im Herbjt in der Schweiz 
war und ſich in Heyden mit feiner Schwiegermutter und Schwägerin 
rendez-vous gab, erfranfte dort einer feiner Schwäger, ein Graf X., 
an einem fchweren Ischias. Die Sache zog fid in die Fänge, und 
der Graf mußte bei mir im Spital bleiben, da er nicht weiter 
transportirt werden konnte; es handelt ſich um eine reine Neuritis 
bei einem Mann zwifchen 50 und 40. Die Befferung fchreitet un— 
endlich Iangfam fort; doch wäre jest wohl ein Transport möglicd,, 
falls diefer in liegender Stellung gefchehen Fann. Der Patient, ein 
fehr liebenswürdiger, netter Mann, der fein Keiden fehr geduldig 
trägt, möchte nun gern in Begleitung feines Bruders von hier nad) 
Berlin. Um dies zu ermöglichen, würde ich in einem von hier nad) 
Frankfurt gehenden Wagen eine Dorrichtung zum Kiegen machen 
lafjen, doc) wie weiter? Giebt es in den Wagen, welche von Frank— 
furt nad) Berlin durchgehen, Coupé's au lit wie in Franfreich? 





— 5 — 


was koſtet jo eins von Frankfurt nad) Berlin? Wenn es ſolche 
Coupe’s nicht giebt, fo müßte man zwei gegenüberliegende Plätze 
für den Patienten nehmen, durch ein Brett verbinden, darauf eine 
Matrage und Luftkiſſen legen. So müffen wir es hier machen. 
* Würden die dazu mitgebrahten Dorrichtungen aud für die Wagen 
Berlin-Frankfurt pafjen? Darf ich Ste zu diefem Swede um folgende 
Mage bitten: 

1) Breite der Coupe’s I. Cl., 

20 ,, 25 FF Ik. 0, 

3) Breite der Site I. EL, 

ach BR BREI 

5) Breite des Zwiſchenraums zwifchen den Sitten II. Cl., 

OSTERN, r ET BR MILE; 
in Centimetres anzugeben. 

Derzeihen Sie, lieber Freund, daß ich Sie mit diefen Dingen 
plage. Da es fih um einen unglüdlihen Kranken handelt, fo habe 
ih es gewagt, Sie um diefe Gefälligkeit zu bitten; vielleiht haben 
Sie einen Befannten an der Eifenbahn, von dem Sie das Vöthige 
erfahren Fönnen. je früher Ste mir die geftellten Fragen beantworten 
fönnen, um fo lieber wäre es mir. Noch eins! Was Foftet der 
Dias I. und was der II. El. von Frankfurt-Berlin? Ich denke 
mir, daß beide Brüder zufammen 4 Pläße in einem Coupe nehmen 
fönnten und ſich dort arrangiren. 

Kun zu Ihnen, lieber Freund! ich hoffe, Sie find inzwilchen 
ſchon hergejtellt und recht thätig in Ihrem neu angetretenen Wir— 
Fungsfreife. Ste wifjen, wie wenig ich von Politif weiß; ob es für 
Sranffurt gut war, daß es preußifch wurde, möchte ich vor dem 
Ablauf von 50 Jahren nicht beurtheilen; man fann niemals vor- 
fihtig genug in Schlüffen fein. 

Sie haben meiner Wiener Berufsfantafie freundlichft gedacht. 
Ich glaube nicht, daß man in Defterreich in irgend einer Branche 
daran denkt von Grund aus zu reformiren. Wenn man mich be- 
rufen würde, woran zur Seit gar nicht zu denken, fo würde ich es 
annehmen, falls man mir plein pouvoir für Reformen giebt; ich 
würde es dann als einen Wink des Schiefals betrachten. Doc 
mic) darum bewerben, um in Defterreich zu leben, das möchte ich 
doch num nicht, nachdem die Meuzeit gelehrt hat, daß diefer Staat 
gar Feine Kebensfähigfeit mehr befitt. 


Bern wäre ich nach Leipzig gegangen, wo eine Dacanz war; 
doch wollte man mich dort nicht, man hat nur ältere Leute vor- 
geſchlagen. Wollen Sie mid) einft in Frankfurt haben an die Zu- 
funftsuniverfität, jo komme ich gern; doch muß es bald fein, ſonſt 
werde ich zu alt. 

Meine Kinder find feit dem Sommer immer Fran. Zuerſt 
hatte die jüngfte Prreumonie, genas aber wieder; dann die vor— 
jüngfte fchwere Kindercholera, genas auch; dann die ältefte Keuch- 
heuften, wieder Benefung; dann mein armer Junge*) Scharladh, 
er ftarb vor 4 Wochen daran; dann das vorjüngfte Kind Schar- 
lah, Benefung; heute hat mein ältejtes Mädchen „Elſe“ aud) 
Scharlady befommen. Was wird daraus werden? ein jchlimmes 
Jahr! Daß meine frau und ich unter dieſen Umftänden wenig 
Grund zur Beiterfeit haben, abgefehen davon, daß wir uns hier 
immer unglüclich fühlen, werden Sie begreifen. Wir haben daher 
auch für diefen Winter allen menſchlichen Umgang aufgegeben; ich 
verfimpele in der Arbeit von Woche zu Woche mehr und bin meijt 
ſehr melancholiſch. Selbſt ein neu angejchaffter Flügel von Herz 
(Paris), der vortrefflich ift, kann mich nur jelten erheitern; ich habe 
viel trübe Stimmungen! 

Meine Frau und id grüßen Ihre herzige Frau freundlichit. 
Der Ihre 

Th. Billroth. 


48) An Prof, Bis in Bafel, 


Sieber Freund! 


Du haft mir einen fo lieben Brief zum Beginn des neuen 
Jahres gefchiet, daß ich mir recht ſchuldig vorfomme, daß fich 
damit ein Brief von mir an Dich Freuzte, der nichts als Camenti 
enthielt. Doc je unbehaglicher meine Stimmung war und zum 
Theil noch ift, um fo mehr erfreut es mid, von Anderen zu hören, 
da fie meiner freundlichft gedenken. Babe aljo herzlichen Danf für 
Deine mir fo liebe Freundfchaft, die mir ein wefentliches Berzens- 
bedürfniß ift. 


Zürich, 18. Januar 1867. 


* 
) Geſtorben im 8. Lebensjahre am 15. November 1866. 








Befonders hat es mich auch gefreut, daß Deine Arbeiten fo 
flott vorwärts gehen. Die Entwidlungsgefhichte des Hühnchens ift 
der erſte bedeutende wiſſenſchaftliche Eindrud, den ich empfing, und 
dadurch bleibend geblieben; diefer Begenftand füllte die Hälfte des 
. Collegs über Phyfiologie beit Wagner aus. 

Seider Fann ich nicht fagen, daß mich meine Arbeiten jest 
intereffiren. Die Enfe’fhe Chirurgie geräth ins Stoden, und ob- 
gleich dabei wohl unftreitig die arbeitsfähisjten jüngeren Kräfte be— 
theiligt, arbeitet eigentlih doch nur Weber. Ich quäle mich ab, 
Derbrennungen, Erfrierungen und Derlegungen überhaupt in großem 
Stil zu bearbeiten, fühle aber in mir fo wenig Nothwendigfeit zu 
diefer Arbeit, daß ich nichts davon habe, als eine gereizte, ärger- 
liche Stimmung, bis es fertig ift. 

Reimer hat mir bereits angekündigt, daß Dftern der Drud 
einer dritten Auflage meiner allgemeinen Chirurgie beginnen muß, 
der wenigjtens einer Durcharbeitung wieder bedarf. So ſtecke ich 
denn feſt im Sumpf des literarischen Bejchäfts, deffen äußerer Er- 
folg meiner Eitelfeit und meinem Geldbeutel ſchmeichelt, mir aber 
nicht den zehnten Theil von der Befriedigung giebt, welche ich 
empfand, wenn ich eine meiner Eleinen anatomifchen früheren Ar— 
beiten mit Daterjtolz in die Welt ſandte. 

Die großen Aufgaben chirurgifcher Arbeit, die zeitgemäß ge- 
macht werden müßten, find von fo eminenten Dimenftonen, daß es 
einer ungeftörten Hingabe oder der Dereinigung vieler gleichkritifcher 
. Köpfe bedürfte, um zum Stel zu fommen. Es giebt eine fo eminente 
Aufjtapelung von Cafuiftif, 5. B. über Geſchwülſte, daß eine Fritifch- 
literariiche Derarbeitung des Elinifchen Theils eine bedeutende Aus— 
beute verjpricht, jo auch mit Gelenk- und Knochenfranfheiten und 
anderen tief ins tägliche Leben, ja ins Leben der ganzen Menfchheit 
eingreifenden Gebrehen. Wären die vielen Erfahrungen, welche 
die gut beobachtenden Aerzte aller Jahrhunderte fammelten, zu ver- 
wenden, jo müßten wir wenigjtens in der Erfenntniß der urſäch⸗ 
lichen Momente viel weiter ſein als wir ſind. Ich glaube, daß 
man dahin kommen muß, daß die Aerzte auf großen Naturforſcher⸗ 
verſammlungen ſich über gewiſſe Principien und große Grundzüge 
in der Anordnung des zu ſammelnden Materials einigen, ich möchte 
ſagen, Arbeitspläne, Arbeitsbureaus errichten, um Alles benutzen zu 
können, was zuſammengeſchrieben wird. Dabei wäre aber noch viel 


— 76 — 


mehr Particularismus zu überwinden, als bei Berftellung eines 
politifchen Arbeitsplanes für die Beftaltung Deutfhlands. Doch bei 
allen folhen fabrifartigen Arbeiten kommt doc) vielleiht nicht jo 
viel heraus, wie man fich vorftellt. Virchow, der ſtets gegen die 
Autorität Fämpfend die Souveränität des einzelnen Beobadıters 
predigte, kann wie Boethe’s Hauberlehrling das Wort nicht wieder- 
finden, die Beifter zu befchwören! Die ftatiftiiche Arbeit wäre vielleicht 
eher etwas durch Arbeitsbureaus zu machen; doc auch dazu gehört 
forgfältige Feitifche Auswahl des Materials, dazu wieder praftifche 
Erfahrung ıc. Wir werden uns wohl vorläufig begnügen müſſen, 
daß Jeder an feiner Stelle fhafft, was er Fann. 

Morgen Abend wird in Bafel eine Meſſe aufgeführt von 
F. Schubert, die mic) fehr intereffirt. Es tft ſehr möglich, daß 
ich nach Bafel fomme; doch komme ich nicht zu Dir, lieber Freund, 
denn am 1. Januar hat auch meine Kleinfte noch den Scharlach 
befommen und fchuppt jest ab... 
Der Deine 

Th. Billroth. 
* 


49) An Prof. Esmard in Kiel, 
: Zürich, 6. Februar 1867. 
7 Sieber Freund! 

Große Ereigniffe find inzwifchen abgelaufen! Ich theile nicht 
die von Dir ausgefprochene Beforgniß, daß wir bald wieder Hrieg 
haben werden. Ein Krieg zwiſchen Franfreih und Deutſchland 
fann nur, wenn aud, vielleicht nad) längerer Zeit mit der Nieder— 
lage Sranfreihs enden; das wird Louis audy wohl wiljen. Ob es 
ihm gelingt, wirffame Allürte gegen Preußen zu finden, ift doch wohl 
die Frage, — kurz, ich glaube, es bleibt vorläufig Friede. 

Während der Kriegszeit habe ich mic) hier jo recht im Eril 
gefühlt; während Ihr Alle thätig waret, war ic) hier gebunden 
und durfte nichts von Euren Korbeeren in der Kriegschtrurgie 
theilen, Doc, in einem preußifchen Feldlazareth) etwa als freiwilliger 
Stabsarzt auf eigene Koften einzutreten, das Fonnte ich nicht — und 
zu der öfterreichiichen Armee mochte ich nicht. So blieb mir nichts 
übrig, als im Beginn der Ferien noch eine Tour durd die Caza— 





rethe der Mainarmee zu machen, wo ich dann freilih am Anfehen 
von Schußwunden in etwa 10 Sazarethen bald genug hatte. Die 
meiften der dortigen Milttärärzte hatten den beften Willen, doc) 
wenige nur etwas Können, Bed*) aus Freiburg war der tüchtigjte, 
bildet fich aber auch nicht wenig ein; fein Buch über Schußwunden 
hat er jchon fertig. 

Menn Du zu Dftern Dich mit den anderen confultivenden Mi— 
litärchirurgen verfanmmelit, fo treffe ich Dich wahrſcheinlich in Berlin, 
da ich die Abficht habe, zu Dftern mit meiner Frau Berlin zu bes 
fuchen. Sie war jetzt feit 8 langen Jahren nicht mehr in ihrer 
Beimath und hat wohl gerechtfertigte Sehnſucht darnad). Den 
ganzen Winter hindurch waren meine Kinder (jest noch 3 Mädchen) 
frank an Scharlad) . . - - 

Ich fühle mich fchon feit längerer Zeit hier unbehaglich, denn 
ich fehe ein, daß ich hier meinen Wirfungskreis nicht vergrößern 
kann. Ich habe hier Alles erreicht, was ein Chirurg hier erreichen 
Fann, und das tft für einen Menſchen von 57 Jahren doch ein ent- 
fchiedenes Unglück! Wenn ich nicht bald von hier fortfomme, werde 
ich bald ganz fettig degeneriren. Es ift recht unbehaglich, feine eigene 
Wohnung immer nur als ein chambre garnie auf der Durchreife 
anzufehen; wenn ich jest Gelegenheit hätte, ginge ich überall hin, 
nur fort von hier! Dielleiht find es nur vorübergehende Stimmungen, 
Folgen von Fettanſatz, weil es mir zu gut geht. Doch foldhe Stimmun= 
sen find recht fatal; icy war früher felten davon geplagt, jest wird 
es damit hroniid. | 

Die Geſchichte mit der Enfe’fchen Chirurgie liegt wie Blet auf 
mir! Jetzt der Krieg! Da ift nichts gefchehen. Simon jchreibt 
endloje Auffäse in die Deutfhe Klinif und in die Prager Diertel- 
jahrfchrift! Das ift ja ganz gut Alles! Doch wenn man einmal 
Derpflihtungen eingegangen ift, jo — — —. Wagner jchidt fein 
Manufcript über den Kopf nicht, giebt auch Feinen Termin! und 
doc will er die Krankheiten der Harnwerfzeuge nicht abgeben; ich 
weiß nicht, wie ich mit ihm dran bin. — Socin hat Pitha bei 
der Ööfterreichifchen Südarmee gefehen und fagt, ex fet recht alt. und 
fchlaff geworden und werde ſchwerlich noch irgend etwas jchreiben. 


*) Führer der badifchen Sanitätscompagnte im VIIL deutſchen Bundes- 
Armeecorps; fpäter Generalarzt des XIV. Armeecorps (Baden). Geft. 1894. 


— 78 — 


x. foll halb verrückt ſein. Was ſoll ih nun machen! ch ſchreibe 
jest wie toll an den Derlegungen im Allgemeinen Theil, was mic 
fehr crepirt, da ich nicht mehr darüber weiß, als was ich fchon in 
meiner allgemeinen Chirurgie gefagt habe, die nun Schon in 3. Auf- 
lage erfcheinen foll. Ic habe es ganz aufgegeben, daß die große 
Chirurgie nach einem beftimmten Plan erjfcheint. Was fertig ift, 
wird fofort gedrucdt; ich bitte Dich alfo, lieber Freund, mir möglichit 
bald etwas zu ſchicken, dann wirft Du fofort geörudt werden. Ich 
bin überzeugt, daß das ganze Werk ſchließlich nur durch Gewaltacte 
beendigt werden kann, wie? weiß id) noch nicht. In diefem Buch 
follte auch (wie bei Holmes) ein Abjchnitt über Hospitäler fein, 
etwa am Schluß, vor Gurlt’s Statiftif. Das wäre audy fo eine 
Arbeit für Dich, lieber Freund, da Du ja fo viel Intereſſe an diefem 
wichtigen Begenftande haft. 

Jetzt wird eine dritte (Schluß) Abhandlung über Wunöfteber*) 
von mir gedruct, hauptfählich Klinifches und Statiftifches enthaltend 
— viel Hahlen! Sangweilig, doch auch nothwendig. 

Einen Jahresberiht von 1860 bis 1865**) habe ich fertig; er 
tt faft 12 — 14 Drudbogen ftarf geworden. Ich wollte ihn feparat 
erjcheinen Iaffen, doch wünfchte ihn Sangenbed troß feiner Fänge 
fürs Archiv; er wird dort dann wohl im nächften Berbft oder Winter 
erfcheinen. Nach vielem Bin- und Herüberlegen habe ich die topo- 
graphiſche Anordnung als die zwecmäßigfte befunden. Das Ganze 
hat midf faft 4 Monate ausschließlich befchäftigt; es fteht auf dem 
Papier, doch an der form ift noch Dieles zu befjern; auch weiß ich 
noch nicht, ob ich die vielen Tabellen foll mit abdruden laffen. Die 
ſtatiſtiſchen Sahlen find natürlich nicht bedeutend, da es fih im 
Ganzen nur um etwa viertaufend chirurgiſche ftationäre Kranke 
handelt. Doc hat es darin manche intereffante Fälle, und die 
chroniſchen Kranken (befonders mit Tumoren, Gelent- und Knochen— 
affecttonen 2c.) find bis zum Tode oder bis zum Status praesens 
vom März; 1866 verfolgt. Ich habe etwa 1000 Briefe für die 
Geſchichte zum großen Theil nach Formularen, die ich mir drucken 
ließ, gefchrieben. Die Hauptfache ift mir meine eigene Belehrung; 
ic} kann jetzt meift für jede chirurgifche mir vorgefommene Krankheit 


-) Archiv f. Hin. Chirurgie 3). IX, 1868. 


** mat in. P n ’ . 
ya, „., Chirurgische Erfahrungen. Zürich. 1860-1867 im Archiv f. El. Chiruraie 
30. X. 1869, ? Q 








genau fagen, wie viel ich curirt habe, und wie viel niht. An die 
Redaction zum Druck diefer Arbeit Fomme ich wohl erſt nach Ditern. 
Beifolgend fchicke ich Dir zur freundlichen Erinnerung an mid) 
einige Stereofcopen, die ſchon feit faft einem Jahre fertig waren, 
doch des Krieges wegen zurücdgehalten wurden; vielleicht intereffirt 
Dich einiges davon. Diefe Art der Deröffentlihung ift indeß doch 
ſehr theuer. Enfe glaubt, daß er kaum mehr als 100 Eremplare 
abjesen wird; fomit wird es wohl bei diefer einen Kieferung fein 
Bewenden haben, Derzeih, daß die franzöftiche Ueberſetzung des 
Tertes nicht beiliegt; doc) es waren zu wenig Eremplare davon 
gedruckt. Die Heberfesung hat auch nur ntereffe für den Buch- 
händler, um dem Ding im Ausland leichteren Eingang zu verfchaffen. 
Der Deine: 
Th. Billtoth. 
5 


50) An Dr. Eifer in Sranffurt aM. 
Zürich, 7. Februar 1867, 
Sieber College! 

Wenngleih Ihnen Kirhner*) bereits Grüße von mir gebradht 
haben wird, jo kann ich doch nicht umhin, Ihnen meinen herzlichften 
Danf für die große Freundlichkeit zu jagen, die Ste für mich in der 
Eijenbahnangelegenheit gehabt haben. Die ganze Affaire ift fo zu 
Ende gefommen, daß Braefe feinem Schwager einen fächftichen 
Kranfentransportwagen fchicte, der freilich theuer, doch ausgezeichnet 
bequem war. 

Uns geht es fo leiölich; ich bin feit langer Zeit froh, wenn nur 
einer von uns frank ift, Unfere Scharlahhquarantaine läuft endlich 
auch mit diefer Woche ab. 

Die Angelegenheit mit Wien fchlief lange Seit, läuft aber feit 
einigen Tagen wieder fehr energifch. Ich ftehe in Correfpondenz 
darüber mit Pitha und Arlt**); an mir foll es nicht liegen, wenn 
ih nicht hinkomme. Mag der ganze Kaiferftaat zerfallen — fo 
lange ich lebe, wird Wien noch immer eine fehr große und luftige 


= Theodor Kirchner, Componift in Zürich. 
“*) Prof. der Angenheilfunde in Wien; geft. 1887. 


Stadt bleiben. Bitte fagen Sie hiervon nichts an Kirchner; id 
wünfche die Süricher eventuell zu überraſchen. 
Der Ihre 
Th. Billroth. 
* 


51) An Prof. His in Bafel. 
Zürich, 18. März 1867. 
Sieber Freund! 

2. Die legten Wochen waren peinlid) durch Berufungs- 
aufregungen. Dorgeftern Abend erhielt ich Depeſchen zugleich von 
Arlt, Pitha und Brüce, daß mid) das Profefjorencollegium als 
Nachfolger von Shuh gewählt hat*). Was wird das Münifterium 
dazu jagen? ein proteftantifcher Preuße! es wirbelt mir etwas im 
Kopf bei dem Gedanken in der Weltitadt Wien zu arbeiten. Jh 
habe fo was immer gewünfht, nun wird mir faft bange! Meine 
Frau iſt überglücklich in dem Gedanken an Wien. 

Herzliche Grüße an Deine frau und beſonders auch an Hans! 

Der Deine 
Th. Billtoth. - 
sreundlihe Grüße an Socin, der von der Wiener Gefchichte 
durch Ditha wußte, 


* 


*) In der Sitzung vom 16. März 1867 einigte ſich das Wiener mediciniſche 
Profefjoren-Collegium wörtlich dahin: „jenen Profeffor der Chirurgie zu wählen, 
von welchem die größefte Förderung der Wiffenfchaft zu erwarten fteht, der nidyt 
nur im der praftifchen Chirurgie, fondern auch in phyftologifchen und patho- 
logifch-anatomtjchen Forſchungen einen großen Ruf genießt, der als Kehrer, 
Operateur und Schriftfteller durch befondere Genialität fich fchon ausgezeichnet 
hat, der in voller Manneskraft noch fteht und erwarten läßt, die modernite Rich— 
tung der Chirurgie in ihren Beziehungen zur Phyfiologte und pathologijchen 
Anatomie glänzend zu vertreten und geeignet ift, eine chirurgische Schule hier zu 
gründen, welche der Univerfität zum Ruhme und dem Sande zum größejten Nutzen 
gereichen ſoll.“ (Aus Albert’s Feſtrede am 11. Oftober 1892), Es war das 
Derdienft v. Rofitansfy’s und Brücde’s in der entfcheidenden Stunde zuerft für die 
Berufung Billroth’s einzutreten. (v. Rokitansky, Prof. der pathologiſchen Anatomie 
in Wien; gejt. 1878. Brücde, Prof. der Phyfiologie in Wien; geft. 1892.) v. Pitha 
Ihrieb am 16. März an Billroth, daß bei der Abjtimmung des Profefforen-Colle- 
gums von 12 Stimmen 11 auf Billroth gefallen feien, daf dem Decan Prof. Braun 
die ſchnelle Einigung der Wahlmänner zu danken fei, und daß er felbft abgelehnt 
habe. „Alſo Dictoria, mein geehrter Freund, Ste werden mit offenen Armen 
empfangen werden.’ Am 23. März erklärte Billroth mit Danf und. Freude die 





52) An Prof. Bis in Bajel. 
. Zürich, 10. Juni 1867. 
Kieber Freund! 
Die Zufammenfunft in Dlten rückt heran, für mich die letzte! 
Da möchte ich fie jo recht in die Länge ziehen. Biermer*) und 
ich beabfichtigen am Samftag mit dem Mittagszug nad) Olten, von 
da nad) Käufelfingen, von da auf Frohburg. Du darfft nicht fehlen. 
Bringe alle lieben freunde von Bafel mit, Siebermeifter**), Socinzc, 
‚ Schreibe mir doch, wer fommt, damit ich auf Frohburg den Wirth 
ungefähr auf die Zahl der Gäfte vorbereiten Fann. Wie freue ich 
mich auf den Samftag Abend! 
Wenn doch das Wetter fo herrlih wäre, wie heute Abend. 
Es iſt 9 Uhr, hell genug um neben der Lampe durchs offene Feniter 
auf den See und die Berge in geifterhaften Contouren zu fchauen; 
die Glocken zu Keumünfter läuten, die Luft ift herrlich erquickend. 
Dann der Gedanke an viele Freunde, die ich in diefem fchönen 
| Sande gewonnen! in jolhen Stimmungen wird es mir fo fchwer 
‚mic zu trennen! Alea jacta est! Adieu. 


Der Deine 
Th. Billroth. 










* 


58) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 10. October 1867. 
Sieber Brahms! 


Wenn morgen wirklich Iphigenie zu Stande kommt, fo werde 
‚ich für uns beide zwei Billets beforgen. Wenn Sie um halb 7 Uhr 
(nicht bei mir find, um mich abzuholen, falls Ihnen das paßt, fo 
‚treffen wir uns kurz vor 7 Uhr vor der Thür des Dpernhaufes: 
Haupteingang beim Caf& de l’opera. Saffen Ste mir nichts fagen, 


Mahl anzunehmen und fügte hinzu: „ich werde mich gewiß bemühen den von 
mir gehegten Erwartungen zu entiprechen, wenngleich ich es wohl fühle, wie 
ſchwer es fein wird, als Yachfolger des verftorbenen Heren Regierungstathes 
Schuh aufzutreten.” Am 12. Hai erfolgte die Faiferliche Ernennung, und am 
— ober 1867 hielt Billroth, damals 38 Jahre alt, feine erfte Dorlefung 
in Wien, j 
*) Prof. der inneren Medicin in Zürich, Breslau; geft. 1892. 
**) Prof. der inneren Medicin in Bafel, Tübingen. 
Briefe von Theodor Billroth, 6 


fo nehme ich an, daß Sie mit meinem Dorichlag einverftanden find. 
Da meine frau nicht mit ins Theater geht, jo können wir nachher 
irgendwo zuſammen fein. Paßt Ihnen mein Vorſchlag aus irgend 
einem Grunde nicht, fo erwarte ich Antwort. 
Der Ihre 
>" Th. Billeoth. 
* 


54) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 


Wien, 10. Januar 1868. 
Sieber Freund! 

Seider befinde ich mich theils durch die fortdauernde Krankheit 
meiner frau, theils durch fehr angeftrengte, unabweisbare literarijche 
Arbeiten im Zuftande höherer Derfimpelung und wage daher nicht Sie 
aufzufuchen, da ich überhaupt auch jest nicht ausgehe. Neulich ſchwang 
ich mich zum Beſuch des Männergeſangvereins-Concertes auf, und 
diefen Moment haben Sie benust, mich nicht zu Haufe zu treffen. 
Bern würde ic Sie Abends noch irgendwo treffen, bevor Sie, wie 
ih vermuthe, bald in den Norden abreifen. — Ich habe große 
Sehnſucht nad) Ihrem Kiede „Dunkel fchon ꝛc.“, da ich dauernd in 
diefer dunklen Stimmung bin; gern hätte ich eine Abfchrift davon. 
- — Einliegend mein Beitrag für das Joachim-Diner, welchen Sie, 
wie mir Wittelshöfer fagte, ausgelegt haben! 

Glück auf zur Reife ins nordifche Deutſchland! 

Der Ihre 
Th. Billroth. 
* 


55) An Prof. Esmarch in Kiel. 


Wien, 7, Juni 1868. 


Sieber Freund! 


Seit Anfang Mai wohnen wir auf dem Sande in Meuwaldegg, 
von wo ich täglich Morgens in einer halben Stunde in die Stadt 
fahre und Abends wieder hinaus. Unfer gemiethetes Landhaus 
liegt faft im Walde, am Park von Dornbah, in Wiens fchönfter 
Umgebung. Frau und Kinder gedeihen herrlich, und ich bin froh, 
die Schönen Morgen und Abende nicht in der ftaubigen heißen Reſi— 








— 35 — 


denz zubringen zu müſſen. Da ſchon Anfang Juli unſere Ferien 
beginnen, ſo hoffe ich dann in der zweiten Hälfte des Sommers 
noch mehr von diefem Sandaufenthalt zu haben. Daß mir dtefer 
möglich ift und zwar fchon im erften Jahr in angenehmfter Weiſe, 
. daran wirft Du Schon fehen, daß es mir äußerlich gut geht. Meine 
Draris ift angenehm, weil fie Iucrativ ift, und der Zeitaufwand doc; 
etwas einbringt. Was will das aber jagen hier in Wien? wo die 
Cuft jelbjt verfteuert ift. Mein Gehalt deckt gerade meine Wohnung; 
das Leben ift enorm theuer hier, doch im Banzen angenehm und 
behaglih. Wenn ich es nur erſt dahin gebradht habe, womit meine 
Collegen hier immer angefangen haben, nichts wifjenfhaftlih zu 
arbeiten, nur für meine Perfon zu forgen, die Amtsgefhäfte und 
Klinik nothdürftig nebenbei zu erledigen, die Schweinewirthichaft im 
Kranfenhaufe gehen zu lafjen, wie jeit 100 Jahren — dann Fönnte 
ih ganz glücklich hier fein, dann wäre ich erft ein echter Wiener 
geworden. 

Dorläufig bin ich hier Allen ein Gräuel! Mein Dertrauen fteht 
allein auf der Jugend, die bildungsfähig ift und mir folgt. Ich 
leſe in dieſem Semejter ein Dublifum über Befhwülfte vor 400 Zu- 
hörern; in meiner Klinik hatte id) im vorigen Semefter 250 inferi- 
birte Zuhörer! wie die etwas fehen follen, das weiß ich freilich 
nicht; praftijc kann da nicht viel gelernt werden. 1200 Mediciner 
in Wien, damit rühmt man fich! eigentlich ift es ein Scandal, weil 
es ein Beweis tft, wie miferabel alle Provinzialuniverfitäten find, 
die fait leer von Studenten find, wenn ih Prag und Peft aus- 
nehme. 

Dennoch bringt mir das Collegienhonorar hier Faum mehr als 
in Sürich, weil gar nicht oder miferabel fhleht gezahlt wird. Die 
Profefjoren find daher für ihre Eriftenz auf die Privatpraris an- 
gewiejen, und das iſt von heillofen Folgen, zumal bei einer Nation 
von Egoijten und forglofen Epieuräern ohne Ehrgeis und ohne 
Jdealismus. Ich habe Schon viele Jllufionen über meine Miffton 
in diefem Sande zu Grabe getragen. Wenn ich nur meine kliniſche 
Stellung in Betreff Einrichtung der Krankenzimmer und Material 
etwas gebefjert umd geordnet habe, werde ich das Uebrige wohl 
‚sehen laffen. Denn der Einzelne vermag hier zu wenig, und jelbft 
wenn er fih für die Sache opfern wollte, würde es nichts nüßen. 

Dein Buch habe ich mit Intereffe gelefen. Wir ftimmen ja in 


67 


allen wichtigen Dingen vollfommen überein, und ich halte es für 
ſehr verdienftlich, daß Du Dir die Mühe genommen haft, in diefer 
angenehmen Form die Lollegen zu belehren. ch habe immer noch 
rechte Freude am Kehren und glaube darin noch immer Fortichritte 
zu mahen .... Ic bleibe auf alle fälle in den Ferien hier. 
Mache mir die Freude mich hier zu befuchen, dann gehe ich gern 
auf eine Woche mit Dir in die Berge. 
Freundlichſte Grüße von frau zu Frau. 
Der Deine 
Th. Billeoth. 
* 


56) An Prof. Esmarch in Kiel, 
Wien, 30. Juli 1868. 
Kteber Freund! 


So jehr ich den Wunſch habe bald einmal wieder old England 
zu befuhen, und dies gern mit Dir zufammen thun möchte, fo bin 
ich doch für dies Jahr nicht befonders geſtimmt, fo weite Reifen zu 
unternehmen, weil ich eigentlih mehr das Bedürfnig nach Ruhe 
als nad) Bewegung habe. Den Baupttheil der Ferien bleibe ich 
jedenfalls hier, erwarte Befuch von Brüdern und habe einige Arbeiten 
zu vollenden, andere zu beginnen. Da ich mir aber doch hier fehr 
fremd vorfomme, jo würde ich gern auf ein Paar Tage nad) 
Dresden*) reifen, um einige Befannte zu fehen, und es hätte mid} 
befonders gefreut, wenn ich Ausficht gehabt hätte, Dich dort zu 
finden. Jetzt gehe ich mit Frau auf S—10 Tage ins Salzfammer= 
gut und fehre dann hieher zurück. Es ift fogar möglich, daß ich 
auch Dresden wieder aufgebe ... . . 

Schreib mir doch gelegentlich, wo Dein Schwiegerpapa**) Iebt, 
in Hannover oder Baden-Baden. ch möchte ihm gelegentlich etwas 
ſchicken, da er fich immer fo Itebenswürdig für mich intereffirt hat. 


Der Deine 


Th. Billroth. 
$ 


.% 


*) Naturforfcerverfammlung in Dresden. 
) Generalftabsarzt Stromeyer in Hannover. 





— 5 — 


5) An Prof. Esmarch in Kiel, 
Wien, 9. Januar 1869. 


Sieber Freund! 


Ic hebe Deinen legten Brief fhon lange auf, um ihn zu be- 
antworten. Zum Glüd fteht auf demfelben Fein Datum; es tft mir 
aljo diesmal gejchenkt, es mir in Hahlen auszudrücken, wie lange ich 
Dir für Deine Nachricht Dank fhulde, und wie lange ich mich der 
Annehmlichfeit beraubt habe mit Dir zu plaudern. Daß es fehr 
lange her, fühle ih; auch ift in Deinem Briefe von meiner Be— 
rufung nach Berlin die Rede, und von tropiſcher hitze und von 
vier gelungenen Hnierejectionen — das muß alfo Alles fehr lange 
her jein. | 

Eine Berufung nad) Berlin habe ich nie gehabt. Warum mir 
die Berliner Fakultät die Ehre angethan hat mich primo loco vor— 
zufhlagen*), weiß ich heute noch nicht; doch weiß ich ficher, daß 
jedes Mitglied der Fakultät wußte, daß Bardeleben**) fchon er- 
nannt war. Der ganze Schwindel ift hier von meinen Preßjuden 
‚ohne mein Suthun getrieben worden. Der Bedanke, ich Fönnte doch 
möglicherweife gehen, verlegte die Eitelkeit der hiefigen Behörden 
in folhem Maße, daß man nic) nady meinen Wünfchen fragte, 
und — ich griff natürlih zu. Nachdem ich mic) ein Jahr durch— 
geärgert hatte, nahm ich die Gelegenheit wahr Alles zu verlangen, 
was an Derbefjerungen meiner Klinik unter den gegebenen Der- 
hältniffen möglih war. Mein Gehalt hat fih zu 4000 Gulden 
gefteigert, und jo wüßte ich num eigentlich nicht, was befjer werden 
follte in meiner menfhlichen Stellung. Ich bin hier nun wohl an 
güldenen Ketten in Wien gefeffelt. 

Meine Widerfacher find inzwifchen verftummt. Im erften 
Semejter hatte ich rafendes Unglück; die außergewöhnlichften Dinge 
häuften fich bei den Operirten. Jetzt hat es zum Glück umgefhlagen; 
ich habe vier Dpariotomien gemadht, alle mit glüclichem Erfolge. 
Heine Klinif hat nun 90 Betten, in großen, gut ventilirten, hellen 
Sälen, dazu drei kleine Zimmer zu ein und zwei Betten; das Am— 


Nach dem Abgange SJüngfen’s war Billroth von der medicinifchen Fa- 
fultät in Berlin primo loco für die Profeffur der chir. Klinik in der Charite 
vorgeichlagen. 


**) Prof. der Chirurgie in Greifswald, Berlin. 





bulatorium meiner Klinik habe id} 1868 fait auf 2000 Kummern 
gebracht. Ich habe zwei gute Affiftenten und acht gute Unter— 
aſſiſtenten (jogenannte Dperationszöglinge). — Meine Privatpraris 
kann fich nicht mit der von Sangenbed und Wilms meffen; doch 
hat fie im Jahre 1868 etwas über 14000 Gulden eingebracht, ohne 
daß ich mich dabei eigentlich befonders angeftrengt hätte. Kurz 
Alles geht weit beffer, als ich es verdient habe — und wenn ich 
weniger ins Theater, Concerte, Bälle ginge, fo Fönnte ih aud 
mehr arbeiten. Doch genießen muß ic} das Seben aus vollen Sügen, 
fonft arbeite ich auch nichts Rechtes. 

Millft Du nun wohl glauben, daß id) troß diefer glänzenden 
Außenfeite (die viel glänzender fcheint als fie ift, da ih 3. 3. im 
vorigen Jahr 20000 Gulden verbrauht habe und dabei wohl 
comfortabel, dod ohne allen Aufwand und ohne Dftentation gelebt 
habe) — mic zuweilen, ja immer mehr in Eleinere Kreife zurück⸗ 
fehne. Nicht als wenn ich hier überbürdet wäre, o nein! wenn ich 
hübſch ſolide lebe, habe ich überreichlich Zeit — ſondern weil ic} 
bis jetzt faſt keine Menſchen finde. Wir find nun °/, Jahre hier, 
und doch find Brücke's die einzigen Menfchen, mit denen wir etwas 
"verkehren. Um Menfhen zu finden, die Einem behagen, dazu müßte 
man aufs Suchen gehen! wo foll man fte hier finden? Jeder Derfehr 
ift auch fo umftändlich, die langen Entfernungen, die Toiletten, der 
fpäte Beginn der Gefellfhaften (9 oder 10 Uhr), Alles das ift für 
eine Frau, die ihren Kindern lebt (und meine Mädels, die jebt 7, 
4 und 2 Jahre alt find, brauchen viel Pflege) — fehr ſchwer. Auch 
hat meine $rau nicht das leichte, oberflächlichelTaturell der Wienerinnen, 
fodaß es ihr ſchwer wird, ſich hier zu finden. Doch felbjt, wenn id) 
allein Männerfreife auffuchen wollte, die mir anregende Unterhaltung 
bieten, ich würde fie vergebens ſuchen. Don Derfehr mit Collegen 
anderer Fakultäten ift gar Feine Rede; ich Fenne kaum Hamen, 
Dppolzer*), Sfoda**), Rokitansky find Keute, den 7Ogern nahe, 
langweilig zum Sterben! Wie muntere flotte Stunden haben wir 
in der Schweiz verlebt! Das hatte ich) mir wohl anders hier ge 
dacht! — Wie es mit der Erziehung der Mädchen hier werden fol, 
ift mie noch ganz unklar. Gute Schulen giebt es hier nicht; man 





en Prof. der inneren Medicin in Wien; aeft. 1871. 
*) Prof. der inneren Medicin in Wiens geft. 1881. 














1869, 





wird alſo Alles mit Bouvernanten und Privatlehrern machen müffen. 
Sehr unbequem und fehr theuer! 

Jetzt jollft Du mich einen rechten Eſel heißen, lieber Freund, 
daß ich in meiner Kage noch Flagen will. un lagen will ich es 
nicht nennen, doch ſchon über ſolche Fleine Schwierigkeiten zu reden, 
iſt eigentlich ſchon Unreht von mir. Das größefte Glück, was id) 
hier habe, ift eben doch, daß es mir gelingt meine Studenten für 
die Wifjenfchaft zu gewinnen und ein neues Leben hier zu erweden, 
und dann, daß Frau und Kinder gefund find... . 

Hier geht Manches vor. Dumreicher*), hat halben Urlaub 
von feiner Profefjur, um eine Milttair-Sanitäts-DOrganifation ins 
geben zu rufen, zu der Grundzüge von einer monftröfen Enquäte- 
Commiſſion berathen find. Wie fonderbar diefe Zuftände hier find, 
das auseinanderzufeßen überfteigt jedes Maß brieflicher Unterhal- 
tung, da ich dazu fehr weit ausholen müßte Ob nicht etwa 
Dumreiher im Sinn hat, ganz in die Stellung eines oberften 
Militair-Sanitäts= jnfpectors überzutreten und fih fo aus einer 
Poſition mit Ehren zurüczuztehen, die für ihn immer fchwieriger 
wird, je näher die nothwendige Regeneration der Fakultät wird — 
darüber zerbriht man fi hier den Kopf, Die politifchen Ver— 
hältnifje werden hier immer fchwieriger; der Dualismus prägt ſich 
immer jhärfer aus, Db wir noch eine neue Aenderung der Der- 
hältnijfe erleben?! 

Kun „Profit Heujahr” von Deinem 

Th. Billtoth. 


* 


58) An Prof. Esmarch in Kiel. 
Wien, 12. Februar 1869. 
Lieber Freund! 

Da ich aus Deinem lieben Brief vom 27. Januar exfche, daß 
Du Di für die hiefigen Militair- und Sanitätsverhältniffe in- 
tereſſirſt, jo will ich Dir Einiges darüber mitteilen. 

Du fragft nah Mundy? Er ift ein Sproß einer alten 
Mähriſchen Baronsfamilie, war früher Militair, trat aus, ftudirte 


*) Prof. der Chirurgie in Wien; geft. 1880. 


in Würzburg, war dann viele Jahre lang in England, wo er ſich 
mit Jrrenheiltunde (feine Mutter war lange im Irrenhaus und ift 
dort geftorben; fein Dater ift, wie der Sohn fagt, ein inftinctiver 
Böfewicht) befchäftigte, und ſich dort an Grieſinger's Jerfen 
heftete, dem er bequem war, und der ihn gern hatte. Don England 
nach Wien zurücgefehrt, treibt Mundy humaniftiiche, fociale, mili- 
tairifche Medien. Er weiß von Allerlei etwas, doch glaube ich 
nichts gründlich. Er fchreibt immerzu und wird doch nicht heimisch 
in der medicinifchen Kiteratur, er wird nicht zunftmäßig. Er ift 
ein hier fehr gut wirfendes Ferment, von Frechheit nach oben und 
nah unten! Seinem Charakter traue ih nur halb. Es giebt 
wenige Menſchen hier, die ihn gern mögen. Daß er hier bis zu 
einem gewiffen Grade eine Art Rolle fpielt, liegt an den faulen 
Derhältniffen des Staates. Ich verfehre mit ihm von Seit zu Seit, 
doch ift er nur in Kleinen Dofen genießbar. Er wird von den meijten 
hiefigen Collegen lächerlich gemacht, doch fürchten fie ihn und riechen 
theilweis vor ihm. Das find fo einzelne Züge; er ift ſchwer richtig 
zu erfaffen! Gute und fchlechte Eigenfhaften find in ihm zuweilen 
in etwas bedenklicher Weiſe gemifcht. i 


15. ‚Februar. 

Mandy hat das Derdienft, die Idee zu einer Enquéte-Com— 
mifjton beim Kriessminifter angeregt zu haben. Die vom Winiſter 
beliebte Sufammenfeßung diefer Commiſſion war aber nicht feine 
Schuld. Sämmtliche Redacteure hiefiger medicinifcher Zeitungen 
verlangten in einer Audienz mit Sit und Stimme in dieſer Com— 
miffton zu tagen. Der Minifter gab nah. Nun hatte Mundy 
dem Miniſter proponirt, der viel zu großen (30 Perfonen) Come 
miſſion Fragen zur Befprehung vorzulegen, und die Befprehungen 
über diefe Fragen genau protocolliven, dann fpäter die Specialia 
durch befondere Tommifftonen formuliren zu laffen. Der Minifter 
nahm den ganzen Plan von Mundy an und ließ ihn als feinen 
Vorſchlag vorlegen. Die Journaliften Ichrieen num Mlordio! Sie 
verlangten einen Entwurf zu machen, auf Grund deffen berathen 
werden follte. Der Miniſter läßt ſich wieder einfchüichtern, läßt fein 
Project und Mundy feierlich fallen. Mundy reichte feine Ent 
laffung als Stabsarzt beim Kaifer ein; diefer gab fie ihm nicht, 
führte eine Derföhnung zwifchen ihm und dem Minifter herbei. Yun 





— 89 — 


ging die Beratherei und Schwatzerei los, meiſt Unſinn; ich blieb 
bald fort! 

Da haft Du ein Stückchen Gefchichte aus den hiefigen Derhält- 
nifjen. So wird hier feit Jahren regiert. Kein Halt nah oben, 
‚Fein Halt nad unten! Haſchen nach Popularität, Furcht vor der 
mijerablen Prefje, und die Regierung ohne Drgan. So ift Beuft 
im Allgemeinen au, jo Gisfra, fo Hasner ıc. Es fehlt Allen 
an Courage! — Es wird einem fo recht hier verleidet, fih um 
öffentliche Angelegenheiten zu bemühen. Man wird hier durch die 
Derhältnifje zum Egoismus erzogen. Der Staat fcheint mir in 
feiner jeßigen form faum haltbar. 

Die Beihlüffe der Enquete-Lommiffton, die durch eine höchft 
ſonderbare Majorität oft zu Stande kommen, haben natürlich gar 
feine praktiſche Bedeutung. est ift nun eine Durchführungs-⸗Com— 
miſſion für die Drganifation der Militatr-Sanität ernannt, Dum- 
reicher fteht auf feinen Wunſch an der Spitze. Ich habe mit 
Mundy oft von Stromeyer und Dir in diefer Angelegenheit ge- 
ſprochen. Dumreicher hat fi nun, wie er fagt, vorläufig geopfert, 
‚ damit der öfterreichifche Staat nicht wieder die Schande erlebt, wie 
man hier meint, daß ein Ausländer in die hiefige Hierarchie ein- 
dringt, Manche meinen, Dumreicher beabfichtige ſich auf den 
höchſten Poſten „Militair⸗Sanitäts-General⸗Inſpector“ mit Feld⸗ 
marſchall⸗Cieutenantsrang zurückzuziehen. Er ſelbſt desavouirt dies 
und giebt nur zu, dann wirklich auch das Opfer zu bringen, ganz 
zum Militair überzutreten, falls es ihm nicht gelingt, in feiner 
‚ jeßigen neutralen Stellung feine Ideen durchzuführen. Seine Klinik 
‚ wird, wenn er verhindert ift, durch feine Affiftenten gehalten. Das 
iſt jo ungefähr die Sachlage. 

Dor Hurzem hatte ich den erften Drucdbogen Deiner Arbeit 
in Händen, der höchft claffifch beginnt; die Arbeit wird danach famos 
und fehr ausführlih; um fo beffer. 

Der Sfandinavier bedeutet Schwede. Mein Großvater wanderte 
von Schweden nach Pommern ein; der Ausdruc paßte mir ora- 
toriſch, um die Mischung draftifch zu machen, 

Der Deine 
Th. Billroth. 
* 





59) An Dr. Kappeler in Münfterlingen. 
Wien, 21. Mai 1869. 
Sieber College! 

Es hat mich herzlich gefreut, einmal wieder von Ihnen zu 
hören, und noch mehr, daß wir uns zu einem Conſilium treffen, ° 
wenn auch nur fchriftlih. — Der Fall ift ein für Diagnojfe und 
Unterfuhung fo fhwieriger, daß ih) auch College Pitha erjucht 
habe, denjelben genau mit mir zu unterfuhen. Wir ftimmen ganz 
mit Ihnen überein, daß es fih wahrfcheinlih um zwei Tumoren 
handelt, von denen der eine am Beden, der andere am Os Femoris 
fit. Wir find geneigt, den Tumor für ein perioftales Sarcom 
(Dfteocarcinom älterer Schule) zu halten, und troß langjamen Der- 
laufs, Schmerzlofigfeit und vortrefflihem Ausjehen der Patientin 
einen zunehmenden, malignen Charakter in Ausfiht zu ftellen. 
Dielleicht ift der Tumor in der rechten Arillarlinie ſchon ein meta— 
ftatifcher. Die Chondrome, die Pitha und ich in diefer Gegend 
fahen, waren nie mit fo bedeutendem Dedem der umliegenden Weich— 
theile verbunden und hatten in der Negel viele Jahre gebrauht, um 
zu diefer Größe zu gelangen. Der empirifchen Häufigkeitsfcala nad) 
war meine erfte Auffaffung ebenfo wie die Ihre auf Chondrom 
oder Oſteom. Doch mußte ich den von Pitha dagegen angeführten 
Gründen beiftimmen. Prognosis valde dubia ad malum vergens. 
Ruhe, Compreffion durch Binden, etwa den Gebrauch von Khein- 
felden zum Troft der Kranken, damit etwas gefchieht. Dem Manne 
haben wir diefe traurige Wahrheit, wenn auch in Milderer Form, 
mitgetheilt. 

Freundlichen Gruß und herzlihen Dank für Ihre liebevolle” 
Erinnerung an mid) und meine Familie, 

Der Ihre 
Th. Billroth. 
* 


60) An Prof. Esmarch in Kiel. 
Wien, 29. Mai 1869, 
Tulpengaſſe 3. 
Lieber Freund! 
Wenngleich das Sommerſemeſter für uns hier erſt zwei Monate 
gedauert hat und uns noch °/, Monat bevorftehen, jo iſt es für uns 








doch nöthig, zuweilen an die Fommenden Herbftferien zu denken, 
um fih aufrecht zu halten, Eine Hitze wie heute in unventilirten 
“ Räumen auszuhalten, dann in den glühend heißen, ftaubigen Wien 
Praxis zu fahren, und dann fi) an die Arbeit zu ſetzen, tft hart, 
iſt Schon mehr Hausfnechtsarbeit. Ich komme Abends in meine 
Sandwohnung, eine halbe Stunde von Wien, habe aber weder an 
Frau noch Kindern Freude, weil ich geiftig zu abgefpannt bin. Ich 
bin auf dem beften Wege als Menſch zu Grunde zu gehen! — 
Alfo die Ferien! was wirft Du anfangen? ich möchte nad) Inns— 
bruck*), möchte auch zugleich in ein Nordſeebad. Dielleiht auch im 
Dctober nach England, wenngleich es befjer in den Dfterferien wäre. 
Ich will jo Mancherlei und weiß doc) nicht recht wie und was! 
Hilf mir, indem Du mir fagft, was Du treibft; ich möchte gern 
einmal wieder mit Dir zufammenfommen. Wirft Du nad) Inns— 
bruf kommen? oder was wirft Du treiben? in welcher Zeit wirft 
Du reifen? 
Der Deine 


= Th. Billroth. 


6) An Dr. Mar Müller**) in Cöln. 
Sieber Mar! Oſtende, 6. September 1869. 
Soeben erhalte ih Deinen Brief von geftern und freue mich, 
Did, übermorgen zu treffen. Was die wichtige frage des Dinirens be- 
trifft, jo wäre es mir allerdings lieb, wenn wir um 5 Uhr zufammen 
diniren Fönnten; jedenfalls werde ich mich mit meinem Magen fo 
einrichten. Sollte Dir dies nicht paffen, fo tft mein Magen auch jo 
gut erzogen, daß er um 5 Uhr fich mit einer Kleinigkeit befriedigen 
läßt und die Hauptmiahlzeit als Souper einnimmt. Ich bitte Dich 
daher, in dieſer Hinficht volltonmen über mic, zu disponiren; ich 
freue mich herzlich, alter Junge, dich wieder zu fehen und ein gutes 
Glas Rheinwein mit Dir auszuftechen, 
Der Deine 
= Th. Billvoth. 


.. —— in Innsbruck. 
Sohn des berühmten Phyſiologen Johannes Müller in Berlin, in deſſe 
Haufe Billroth verkehrt hatte. erlin, in deſſen 


62) An Prof. Esmard in Kiel. 
Wien, 27. September 1869. 
Sieber Freund! 

Du wirft Dich gewundert haben, daß ich garnichts mehr habe 
von mir hören laffen, feitdem ich Dich in Kiel beſuchte ... Meine 
Frau Fam auf meinen Wunſch in Begleitung von Brüde’s nad 
Innsbrud, und zwar fhon am Dorabend der Katurforfcherverfamm- 
lung, fodaß ih von Bafel und Sürih aus über München eilen 
mußte, fie zur rechten Seit zu treffen. Auf diefe Weife habe ich 
auch von der Schweiz faft nichts außer Zürich gefehen. — Hadı 
Kiel war ich in Helgoland und Dftende zufammen drei Wochen, 
dann ein Paar Tage in Baden-Baden, dann in Bafel, Zürich, 
Innsbruck. Dorgeftern bin ich gründlich verbummelt hier ange- 
fommen und gewöhne mich nun allmählich in die alte Bahn wieder 
Aula 


Der Deine 
Th. Billeoth. 


65) Anden Herausgeber. 
Wien, 25. December 1869. 


Beehrter Herr College! { 

Es thut mir leid, daß Sie ſich vergebliche Mühe gemacht haben 
mit der Derfendung Ihrer Arbeit*) nach Neuwaldegg, wo ich im 
vorigen Sommer wohnte. ch vermuthe, daß Sie fich dazu durch 
das Dorwort zu meiner letzteren größeren ftatiftifchen Arbeit**) 
haben beftimmen laſſen, welches ich dort an einem fchönen Morgen 
im Pavillon eines reizenden Sandhaufes fchrieb. Aus Ihrer liebens⸗ 
würdigen Beurtheilung diefer Arbeit, weldhe ih vor Kurzem in 
Schmidts Jahrbüchern fand, darf ich wohl fliegen, daß Site für 
das, was ich leiften und anregen möchte, volle Sympathie haben; 
ich habe dies übrigens auch Ihon aus Ihren trefflichen Arbeiten 
erjehen. Ihre letzte Arbeit***), deren Separatabdruc Sie mir zus 
sejandt hatten, ift in meinen Händen; ich freue mich darauf, fie zu 








2 3 3 
er Die Wunden und Aneurysmen der Arteria glutea und ischiadica. 
en — Erfahrungen, ſiehe Brief Ar. 49. Anm. 

) Die Digitalcompreffion und Flexion bet Aneurysmen. 


lefen, wozu ich leider noch nicht kommen Fonnte, weil ich mit litera- 
riſchen Arbeiten überhäuft war, wovon ich Ihnen bald einiges 
ſchicken zu fönnen hoffe... 

Wir jtehen hier ganz außer Deutfhland, mehr geiftig innerlich 
oppojittonell, als politifh. Seit wir ungarifchsczechifche Provinz find, 
und der Deutſche in Defterreich nur geduldet ift, hört leider jeder 
Wechſelverkehr auf. Daß ich hierher gefommen bin, wird immer 
nod als Wunder und bejonderes Unglück betrachtet, wenigftens von 
den Stocöjterreichern; und im Profefforen-Tollegium ift fofort Alles 
‚einig in der Oppoſition, wenn ich einen Antrag ftelle. 

Mit freundlihem Gruße 
Der Ihre 


Th. Billtoth. 


64) An Prof. Bis in Bafel. 


Wien, 50. Januar 1870. 
Sieber Freund! 


Mit der Tendenz Deiner Rectoratsrede bin ich fehr einverftanden. 
Daß wir jchließlich doch Feine Spur einer Ahnung von den meijten 

unzweifelhaft planvollen Anlagen in der Welt der Drganismen und 
von den dabei wirkenden allgemein dirigirenden Dberfräften haben, 
ift nur zu wahr; dies hervorzuheben ift gewiß fehr nothwendig, um 
nicht nad) der phyfifalifchschemifchen Richtung einfeitig zu werden. 
Doch iſt es ein undanfbares Geſchäft, die Mängel einer Wiſſenſchaft 
aufzudecken; leichter iſt es, ſich mit kleinen Kragen zu begnügen und 
fih in ihrer Beantwortung befriedigt zu fühlen. 

Ih denke, wir ftimmen beide in der fundamentalen Auffaffung 
der Katurwifjenfchaften überein, daß man über die Erforfchung des 
Detail nie das Ganze des Begenftandes vergeffen foll, daß letzteres 
aber nicht ohne die Kenntniß der Eleinen und Pleinften ihm zu— 
gehörigen Theile erfannt werden kann. Beobachtungen und Bedanken 
müſſen aber ftets Hand in Hand gehen, müffen fich gegenfeitig be- 
fruchten, wenn etwas werden foll. 

Ich ſtecke jegt in Dingen, deren Zufammenhang mit Ehirurgte 
auf den erften Blick fehr räthfelhaft fcheint, nämlich in dem Studium 
über die Herkunft und die Metamorphofen der Pibrionen. Die 





widerfprechenden Anfichten über Wundbehandlung, welche in neuelter 
Zeit auftauchen, und die völlige Unflarheit über die Art der Wirkung 
der angewandten Mittel und Methoden veranlagt mic, etwas tiefer 
in diefe Sachen einzugehen. Dazu find nun wieder vor Allem die 
Kenntniß der Fäulnißbedingungen von Serum, Blut, Symphe, Harn ac. 
bei Körpertemperatur nöthig, und die Kenntniß der Mittel, welche 
diefe Fäulniß verhindern. Man muß dann aud) ermitteln, warum 
fie antifeptifch wirken zc. Wenn id nur mehr Zeit hätte! Ich 
grübele diefen Dingen jetst viel nach, ohne bis jest zu willen, was 
aus diefen Studien wird, und ob etwas dabei herausfommt. Bes 
handlung der. Wunden und der Derwundeten bleibt ſchließlich das 
A und © der ganzen Chirurgie . . - 
| Der Deine 
Th. Billroth. 


65) An Prof. Esmard in Kiel. 
Wien, 15. Sebruar 1870. 
h Sieber Freund! 

.. . Grüße Deine beiden Jungens vor mir, befonders den 
zweiten, der mir befonders gefallen hat, und mit dem ich Brüder- 
ſchaft getrunken habe. Ich habe mid auch noch nicht einmal für 
die Zufendung des Hamburger Häubchens bei der Dame in Deinem 
Haufe bedankt, was ich hiemit thue. Ic wollte das Modell hier 
bei meinen Wärterinnen einführen; doch haben diejelben inzwifchen 
offictelle Anzüge erhalten. 

Obgleich ich Kiel nur bei ftrömenden Regen fah, jo kann ich 
mir doc denken, daß es ohne denfelben ſehr Schön ift und denke 
dies ein ander Mal zu erproben; denn die Einfamfeit und Ruhe 
in Carlsbad, Helgoland und Dftende war mir doch fo erquidlic, 
daß ich dies öfters wiederholen werde, obgleich es für meine frau 
hart ift, 6 Wochen ganz allein zu fein. Ic hatte den feſten Vorſatz, 
dieſen Oſtern nach England zu reifen; doch es wird wieder nichts 
daraus; ich muß leider umziehen, und dies iſt, abgeſehen von der 
Unannehmlichkeit, ein ſo theurer Proceß (ich muß mir die neue 


— 095 — 


Wohnung ganz einrichten laffen), daß ich dann nicht mehr an Reifen 
denken kann. Der Stadtumzug folgt gleih auf den Umzug aufs 
Sand; nichts als Befchwerlichfeiten, bei denen ich meine frau doc) 
nicht ganz im Stich lafjen kann. 

Ich hörte neulich über Berlin, Baum, der recht munter und 
friſch in Innsbruck war, habe feinen Abſchied verlangt. Würdeſt 
Du noch auf dieſe Stelle reflectiren? rathen möchte ich faum dazu. 
Das Krankenhaus müßte ganz reformirt werden; Privatpraris war 
faft nie mit dieſer Stelle verbunden, nur die große Zahl der Studenten 
wäre angenehm, fowie für Dich die Nähe von Hannover. Ob Dir 
der joctale Ton in Göttingen gefallen würde, weiß ich nicht. 

Hier iſt Alles ftill; die liberale Partei ift ganz haltlos nad) 
oben wie nah unten, eine famofe Reaction fteht uns. wohl be- 
Doreen: 

Der Deine 


Th. Billroth. 


66) An den Herausgeber. 
Wien, 19. Februar 1870. 


Beehrter Herr College! 


Da Profeffor v. Patruban*) als Mitarbeiter der bei F. Enke 
in Erlangen erfcheinenden chirurgifhen Encyclopädie ausgetreten, 
und fomit der Abfchnitt „Hals“ frei geworden ift, beſchloß die 
Redaktion diefes Werkes diefen großen Abſchnitt zu theilen, damit 
er recht bald fertig werde. Ich bin nun in der erfreulichen Lage 
Ihnen folgende Theile zur Bearbeitung anzubieten: Topographijche 
Anatomie des Balfes, Unterbindung der Arterien (Carotis, Lingua- 
lis, Thyreoidea, Vertebralis, Anonyma), Derlegungen am Balfe, 
Angeborne Krankheiten (Torticollis, Fistula colli cong.) J 

Die übrigen Abſchnitte werden von Stoerf*f), Aueterf), 
Koenig, Kücer) bearbeitet, Wenn ich Ihre Sufage, wie ich hoffe, 


*) In Wien; geft. 1880. 
**) Drof. ertr, der Karynigologie ın Wien. — Re 
*##) Drof, der Chirurgie in Roftod, Greifswald; geft, 1882. 

+) Prof. der Chirurgie in Bern, Straßburg; geit 1894. 


— 06 — 


recht bald erhalte, jchreibe ih Ihnen Näheres; nur eines muß ich 
als Hauptbedingung voranftellen: Ihr Manufeript muß bis 1. Januar 
1871 in meinen Händen fein, 

Ergebenft 


Prof. Dr. Th. Billroth. 


67) An den Herausgeber. 


Wien, 25. februar 1870. 
Beehrter Herr College! 


Anhängendes Programm verjchafft Ihnen eine Ueberficht über 
die Dertheilung des Materials betreffend die chirurgiſchen Kranf- 
heiten des Halſes. Es freut mid) außerordentlich, daß Sie diejelben 
übernehmen. In Betreff der Form mache ich Ihnen gar Feine 
Dorfchriften, da Sie ein fehr gewandter Schriftfteller find und das Ma— 
terial leicht beherrfchen werden. Nur bitte ich Sie, die Paragraphirung 
beizubehalten, wie fie im ganzen Werk durchgeführt ift. Sie erhalten 
von der Derlagsbuhhandlung ein Exemplar des ganzen Werkes 
fammt Atlas gratis; wo lesterer nicht ausreicht, lafjen Sie an 
Zeichnungen für Holzſchnitte oder für fithographirte Tafeln machen, 
was Sie brauchen, natürlich mit Rüdfiht auf das Sormat des 
Buches. Ueber das Geſchäftliche ıc. wird ſich der Derleger mit 
Ihnen in Derbindung ſetzen. 

Sollten Sie über die Begrenzung von Hals und Bruft Scrupel 
haben, fo bitte ich Sie, die entfprechenden Abſchnitte von Weber 
und mir nachzufehen. Was fehlt, müfjen Sie ausfüllen. Sollten 
Ihnen die angebornen Krankheiten zu viel fein, jo übernimmt ſie 
vielleicht noch Koenig; eventuell bitte ich Sie, mit diefem direct in 
Derbindung zu treten, Sie werden inzwifchen meinen neuen Bes 
richt erhalten haben. Ic freue mich jehr auf Ihre Arbeit über 
Richter. 

Der Ihre 
Th. Billeoth. 


Zu ai en ee ee EEE 


68) An den Herausgeber. 
Wien, 7. Juni 1870. 
Liechtenſteinſtraße 1. 


Geehrter Herr College! 

Bejten Dank für Ihre Bemühungen in meinen Intereſſe; ich 
habe jelbjt ſchon jo viel Aerger über Druckfehler gehabt, daß ich 
mich ganz in Ihre Stelle verfegen Fann, 

Heute komme ich endlich dazu, den Jahresbericht pro 1869 zu 
besinnen. Don meinen Schülern hier kommen im Laufe des jahres 
einige tüchtige Arbeiten, deren Zeitung und Durchficht mich viel 
Seit Foftet; doch ich halte es, zumal in meiner hiefigen Stellung, für 
Pflicht, nicht allein felbft zu arbeiten, fondern die Jugend zum Ar— 
beiten zu erziehen, jo daß mich die dazu aufgewandte Zeit nicht reut. 

Meine eigene Driginalarbeit ſteckt feit faft einem Jahr in 
Studien über Fäulniß, Dibrionen, Hefe und Derwandtes. Db eine 
große Arbeit oder gar nichts dabei herausfommen wird, weiß id) 
noch nicht, da ich mich lediglich durch den Derlauf der Unter- 
fuhungen leiten laffe, und dabei ſchon oft bald in diefe, bald in 
jene Sadgafje gerathen bin. Da ich es in meiner äußeren Stellung 
nun doch wohl nicht weiter bringe, als es mir ein gütiger Zufall 
gebracht hat, und womit ich allen Grund habe zufrieden zu fein, jo 
eile ich nicht mit Abfehlüffen über fo ſchwierige Gegenftände, bei 
denen das Grübeln und Brüten über die Methode der Unterfuchung 
ebenfo nöthig ift, wie diefe ſelbſt. 

N. hat viel Unglücd in den letzten Jahren gehabt. Es ſollte 
ihm nun endlich wieder friſcher Sonnenſchein leuchten, damit er nicht 
ganz erdrückt wird. 

Mit freundlidhftem Gruß Pte 


Th. Billvoth. 
* Th. Billroth 


69) An Frau Hofrath Billroth in Wien. 
| Stuttgart, 1. Auguſt 1870. ) 


Siebe Frau! 
Dorgeftern Abend Fam ich hier an, fi 
geftern und fchreibe Dir daher erſt heute meine we 


j — des „Oeſterreichiſch- 
Zillr in der Sitzung des Bee 
Billroth ohne Enſchadigung ſich auf den 


fand jedoch Lübke erſt 
nigen Erlebniſſe. 


*) Am 21. Juli 1870 ſtellte ALS 
patriotifchen Hilfsvereins in Wien’ den SEN, eiite als Delegirter des Vereins 
deutichen Kriegsſchauplatz begeben zu wollen und 5— ir g 
mit feinem Affiftenten Dr. Czerny wenige Lage |} b 

Briefe von Theodor Billroth. 


— 98 — 


eine Reife nach München war ohne Hinderniſſe; dort erfuhr 
ich, daß die Süge nad) Stuttgart hinüber unregelmäßig gehen. Der 
Sufall begünftigte mich, ich Fam bald nad) Augsburg und von da 
nach Ulm. Am Abend Fam ich unter Blig und Donner in Stutt- 
gart an; hier merft man den Krieg nur an dem Mangel von Sol 3 
daten, die Milttärzüge gehen außen an der Stadt vorbei, Yiemand 
weiß, woher und wohin. Die hiefigen KHeitungen find von einer 
entfetlihen Dede. Bier in der Yähe des Kriegsfhauplaßes erfährt 
man jede Nachricht von dort erjt über Berlin. Telegramme, die 
wir in Wien ſchon Freitag Morgen gelejen hatten, fand ich Sonntag 
in München als Neueſtes. 
Geſtern erfuhr ich, daß das Bauptquartier des Hronprinzen fhon 
bis Speyer vorgefhoben fei, und daß man einen Einbruch der 
Franzoſen in Süd-Baden aus ſtrategiſchen Gründen für höchſt un⸗ 
wahrſcheinlich hält, weil man ihnen dort den Rückzug ſehr leicht 
abſchneiden könne. Auch ein Vordringen der Franzoſen bis hieher 
wird als eine undenkbare Sache vorläufig angefehen, da mehrere 
von Seite der Deutfchen verlorene Schlachten dazu nöthig feien. An 
die Möglichfeit größerer deutjcher Yüederlagen glaubt indeß, wie es 
ſcheint, Niemand. Nur die Militärs jind vorfichtiger. Ulm, die 
ftärkfte” Feftung für die Dertheidigung von Süddeutfchland, ift jehr 
feft und in vollfommenften Huftand verſetz 

Neue Scharmützel bei Saarbrücken, weiter weiß ich nichts Neues 
vom Krieg zu melden. Doch nun erwartet man bald eine große 
Schlaht, morgen am 2. Auguft als dem Begründungstag des fran⸗ 
söfifchen Kaiferreichs, oder übermorgen (am 5. Auguft) als dem 
hundertjährigen Geburtstag Friedrich Wilhelm’s II. Dod diefe 
Dorgänge wirft Du alle früher als durch mich erfahren. 

Don Beine*), den ich geftern auffuchte, erfuhr ich, daß ſie 
auch hier nichts von helfenden Civilärzten wiffen wollen, da ihr‘ 
Bedarf an Aerzten für alle Lazarethe gedeckt fei. Diefer bureaus' 
kratiſche Dünkel wird ſich wohl geben, wenn erft große Schlachten” 
seichlagen find. Da man es dem erjten würtembergifchen Chirurgen 
Dr. von Bruns**) abgefhlagen hat, mit einzugreifen, fo werde ich | 
hier natürlich gar Feine Schritte thun, ſondern wahrscheinlich warten,” 








„. Prof. der Chirurgie in Innsbruck. 
**) Prof. der Chirurgie in Tübingen; geſt. 1885. 


1 









bis die Schlachten gehörig losgehen und mic) dann weiter vorwärts 
. begeben. Hoch weiß Niemand, ob die deutfchen oder franzöfifchen 
Örenzländer Kriegstheater werden; und da ich hier einige nette Be- 
kannte gefunden habe, fo werde ich einftweilen hier bleiben, 
Cübke's grüßen beide bejtens. Er ift ganz der Alte und ſtrotzt 
von ſchlechten Witzen. Geſtern Abend waren wir bei Stockhauſen's, 
die in Canſtatt etablirt ſind. Wir fanden dort Auerbach und 
einen Hofrath Henſen, Bibliothekar des Königs. Henſen führte 
uns gejtern in die Bibliothek der alten Karlsfhule, wo Schiller beim 
Vorleſen feiner Räuber ertappt wurde, Es war ein prächtiger, 
geiftig bewegter Abend unter diefen Männern. Stodhaufen fang 
die Koreley und das Rheinlied von Shumann, fchöner als je. Wie 
oft dachte ich Dein; es wäre ein rechter Genuß auch für Dich ge- 
weien. Auerbach iſt ein recht intereffanter Menſch; er konnte es 
nicht laſſen, auch etwas mitzuthun und verfaßte ein fliegendes Blatt, 
was er uns vorlas „Was der franzos will, und was der Deutfche 
will”. Ich fand es fehr mäßig, werde es aber ſchicken. Alles ift 
in Kriegsſtimmung. Stockhauſen ift enthuftaftifcher Deutfcher und 
componirt patriotifche Kieder. Lübke hat das Chaffepot-Kied leider 
nicht gemacht, hält es aber nicht für unmöglich, daß er es gemacht 
haben Fönnte und dankt Dir für die gute „Meinung“. Morgen 
‚mache ich mit Stodhaufen und Heine einen Spaziergang durch 
‚die ſchönen Wälder der Umgegend. 


[7 


20) An Frau Hofrath Billroth in Wien, 


Heidelberg, 5. Auguft 1870. 


Beute find es acht Tage, daß ich Dich in Wien verlieh, u 
immer ift nichts Exnftliches auf dem Kriessihauplaß a 
"Man hört von Dorpoftengefechten an den Grenzen, en 
ſich von den auftauchenden Gerüchten felten etwas. SE Re e 
man in Karlsruhe und Raſtatt viel Kanonendonner — 
Daß die ganze deutſche Armee jenfeits des Rheins a % Br 
franzöſiſchem Gebiete fteht, ift sweifellos. Lange fann es nun ) 
‚mit der Hauptfchlacht nicht mehr dauern. 


aka HD 1 ı Jon 
Wie Du aus der Datirung des Briefes ftehft, bin ih) vo 


— 100 — 


Stuttgart hierher übergeftedelt, Es war dort dody gar zu ftill, man 
hatte Feine Ahnung von dem, was vorgeht. Da im Privatverfehr 
jede Ordnung aufgehört hat, fo fuhr ich, anftatt 4, 18 Stunden, 
Geftern verforgten wir uns, Czerny und ich, mit geftempelten 
Armbinden, da Niemand eine Binde mit rothem Kreuz fragen darf, 
ohne von einer Negierung der Krieg führenden Staaten dazu be— 
rechtigt zu fein. 
Soldaten ſieht man nicht viel, da fie bereits Alle an Drt und 
Stelle find; doc colofjale Transporte von Derpflegungsmaterial 
alfer Art, zumal fehr viel Ochſen und Getreide werden dem Heere 
zugeführt. Die Derpflegung und die Haltung der Soldaten joll | 
ausgezeichnet fein. Obwohl in der Pfalz faft 400000 Soldaten 
ftehen, behaupten Reifende von dort, man fehe nichts von ihnen. 
Es giebt dort fehr viel Wald, der die Truppen vor der fürdhter- 
lichen Hitze ſchützt. Die Ruhe und Zuverficht, das Dertrauen auf 
den Sieg unter Preußens Führung tft hier in ganz Süddeutichland | 
das Auffallendfte für jeden Fremden, der herkommt. Man tft hier 
für 600 Derwundete vollfonmen eingerichtet, ebenfo in Mannheim | 
und den meiften Nachbarſtädten. Jeder betheiligt fich, wie er kann; 
Alles geſchieht in größefter Ordnung und Ruhe. Dbwohl man hier 
Faum 5 Meilen von der Grenze ift, denft doch VNiemand ernſtlich 
daran, daß der Feind hierher kommen würde. 
Ic hoffe, Ihr ſeid Alle wohl. Aengftige Dich nur nicht, wenn 
der Krieg losgeht und Du nicht fo ſchnell Nachricht von mir erhältft. 
Mir werden wohl viel zu thun befommen und ich wenig Seit zum 
Schreiben haben. Grüße und Küffe an dte Kinder. 


* 


zı) An frau Hofrath Billroth in Wien. 


Weißenburg im Elfaf, Samstag Abend, 
6. Auauft 1870. 

Ic habe wohl manches Intereffante erlebt und manche inter? 
effante Reife gemacht; doch der heutige Tag übertrifft Alles. Ja, 
man muß mitten drin ſein im Krieg, um das Schreckliche deſſelben 
und auch das Großartige davon zu empfinden. Wollte ich davon 








Zoe 


fchreiben, es wäre Alles, und nähme es ein Ries Papier ein, nur 
ein ſchwaches Schattenbild der Wirklichkeit. Doc ich will verfuchen, 
Dir Einiges zu erzählen, 

Gejtern um 8 Uhr warf ich den Brief an Dich in den Kaften, 
und 5 Minuten darauf erfuhr. ih, daß dte deutfche Südarmee am 
Donnerftag (den 4. d. M.) Weißenburg, wo ih heute Abend fite, 
genommen habe und im Dorfchreiten begriffen jet. Obgleich wir in 
Heidelberg ſehr gemüthlih fituirt waren, ließ es uns doch Feine 
Ruhe; wir fuhren alfo zunähft nah Mannheim. Dort waren 
bereits einige Derwundete, und unterwegs ſahen wir die erſten Ge— 
fangenenzüge, worunter die erſten Curkos. In Mannheim ging es 
ſchon ſehr lebhaft her; wir erfuhren dort, daß es in Weißenburg 
ſehr viele Verwundete und Feine Üürzte gäbe, Wir rückten nun mit 
den Militärzügen vor. Geftern Macht Famen wir in Sandau an, 
wo wir große Mühe hatten, Quartier zu finden. 

Heute Morgen um 5 Uhr ging es hierher; die zerftörte Bahn 
war bereits in der Nacht durch preußifche Ingenieure wieder her— 
gejtellt worden. Bier jahen wir das Schladhtfeld vor Weißenburg; 
noch lagen todte Menſchen und Pferde dort, Uniformftüde Die 
Thürme, Dächer und Thore waren zerftört. Auf dem Bahnhof 
ein Chaos von Derwundeten, Gefangenen, durchziehendem Militär. 
Wir waren ſchon recht ermüdet von der fürchterlich Iangen Fahrt, 
die wir im Packwagen gemacht hatten; und anfangs waren wir 
ganz erftarrt, weil wir fühlten, daß hier der Einzelne fait nichts iſt. 
Die Johanniter und Hülfsvereine, die bewunderungswürdig organiſirt 
find, hatten uns bis hierher befördert. 

Bier liegen in einem fleinen Städtchen, das nur 4 — 
300 Schwerverwundete, die vorläufig nicht transportabel ſind. Sofort, 
als wir uns meldeten, erhielt ich die Direction diefer ſämmtlichen 
kleinen Sazarethe; nun hieß es einen Entſchluß faf an, a Dt 
Tag genügte vollftändig, um uns zu überzeugen, — * 
Hin⸗ und Herreiſen nichts nützen Fönne; ſo al sh Yinsaki 
entfchloffen und bleiben hier. Wir fanden hier eine a — 
Mediciner zur freiwilligen Krankenpflege, meiſt — — 
dazu viele Kranfenwärter. Heute habe ich die an —— 
Czerny habe ich 100 le se Ak 
Führung; er hat heute ſchon die nöthisen — ande. Ein 
Wir Fönnen hier nütsen durch Organiſation und Beh E 


— 102 — 


quartirt find wir bei einem hiefigen Arzt, der nebft feiner frau ° 
Alles für uns thut. Bier fprechen alle Leute deutich. 

Yachmittags traf eine Depefche beim hiefigen Commando ein: 
„Die Armee von Alac Mahon total geſchlagen auf der Flucht. 
Der Kronprinz.” Dadurch ift Straßburg verloren; der ganze rechte ° 
Flügel der franzöftichen Armee ift futih. Hoffentlich werden auh 
Steinmeß und Friederich Carl ihre Sculdigfeit gethan haben; ° 
dann ift die franzöfifche Armee aufgelöft. Es ift colofjal!! vielleicht 
ift auch diefer ‚Feldzug in einer Woche zu Ende! 

Ich bin zu müde, um weiter fchreiben zu Fönnen; es ift 11 Uhr, 
und ich bin feit 5 Uhr Morgens auf den Beinen. Hoc babe id} 
feine Nachricht von Dir; hoffentlich ſeid Ihr Alle munter. Ich 
bleibe wohl längere Zeit hier, Küſſe die Kinder. Czerny hält 
ſich famos; wir werden viel in nächſter Seit zu arbeiten haben. 


* 


72) An $rau Hofrath Billroth in Wien. 
5 Weißenburg, 9. Auguſt 1870. 
Mein letter Brief, am 6. gefchrieben, ift erſt gejtern mit einer 
Feldpoft fortgegangen. Db Du ihn erhalten haft, mögen die Götter 
wiffen. Beute nur fopiel, daß ich geſund bin und mit Czerny hier 
vollfommen felbftändig wirke. Wir haben die Derwundeten endlich 
in Betten. Die Bevölkerung tft für fie von aufopfernder Hingebung. 
Noch habe ich Feinen Brief von Dir, hoffe aber Morgen darauf. 


* 


73) An frau Hofrath Billroth in Wien. 
Weißenburg, 12. Auguſt 1870. 
Zwei Wochen find heute vergangen, ſeit ich Euch verlieh. 
Noch habe ich Feine Seile von Dir oder irgend einem Anderen, 
Doc liegt dies offenbar in den Derhältniffen des Derfehrs zu uns, 
der wohl abfichtlih abgefchloffen ift, da wir in Frankreich find. 
Auc habe ich Feine Zeitung feit einer Woche gefehen, und wiljen 
wir Alle hier, mit Ausnahme der Schlacht, dte hier und in Wörth 








— 15 — 


gefhlagen wurde, nichts, außer unbeſtimmte Gerüchte. Mir erſehen 
nur daraus, daß fein Militär paſſirt, fondern täglich nur zahllofe 
Wagen mit Proviant für die Armee, daß unfere Truppen vor- 
rücen. 

Meine Thätigfeit hier in. Gemeinschaft mit Czerny ift eine 
außerordentlich glücdlihe und fegensreiche. In wenigen Tagen 
hoffe ich, meine Sazarethe faſt wie meine Klini? in Stand zu haben. 
Du haft jehr großen Antheil daran; ohne Dein Derbandzeug, was 
von Allem, das ich erhalten habe, das befte ift, hätte ich hier gar— 
nichts machen Fönnen. Die Art meiner Equipirung hat ſich außer— 
ordentlich bewährt. Kurz, ich erreiche, was ich wollte: helfen und 
lernen, denn diefer Feldzug füllt eine große Lücke meiner Erfah- 
rungen aus. 

Die Bevölkerung hier ift außerordentlicdy bereitwillig zu aller 
Hülfe; man giebt, was man hat. Alle Gerüchte, die man über die 
Mitbetheiligung der Einwohner am Kampfe erzählt, find völlig er— 
logen. Db die Turfos wirflid) die Graufamfeiten gegen die ‚Feinde 
begangen haben, die man ihnen nacherzählt, ift auch wohl mehr als 
zweifelhaft. 

Ich habe den Kopf noch immer fehr voll und bitte Dich) daher, 
nicht böfe zu fein, wenn ich nur kurze Briefe ſchreibe. Ih will 
Div Alles erzählen, fo viel und fo oft Du willft. Ich bitte um alle 
Zeitungen vom 4. Auguft an. Hoffentlich, feid Ihr Alle wohl! 
Mir ift fehr gut, ich fühle mic, ftarf! Lüſſe die Kinder. 


C 


74) An Frau Hofrath Billroth in Wien. 


Weißenburg, 17. Auguft 1870. 


Dorgeftern erhielt ich drei Briefe von Dir und ein Telegramm. 

Mir geht es gut. Bis jetst habe ich den ganzen Tag Use 
weiter gethan als Kranfe verbunden, operirt und transportirt. Daß 
man bei diefem Einerlet der Beihäftigung abgejpannt und lange 
weilig wird, liebes Herz, wirft Du begreifen. Ich habe jetzt große 
Freude an meinen Sazarethen, die hoffentlich Atufterlazarethe — 
Der Verlauf der Wunden iſt im Verhältniß zu der Schwere der 


Derlegungen jehr günstig. Ich bin jest foweit, daß wir bereits 
Krankengeſchichten ſchreiben. 

Schicke mir ja die Seitung; wir wiſſen hier von garnichts. 
Soeben war ein bayerifher Graf von München bei mir, der mir 
erzählte, daß das Hauptquartier des Kronprinzen vor Metz jei, und 
da Steinmeß gejtern mit Erfolg gefhlagen habe. Hapoleon 
habe Met verlafjen. Unfere Truppen marfchiren immer weiter 
vor. Coloſſale Maſſen von Proviant gehen hier durch, zuweilen 
während der ganzen Yacht, daß man Faum fchlafen fann. Immer 
neue Sandwehrregimenter rücken nad); und wer das mit erlebt, Fann 
nicht genug ftaunen über die fichere Drönung, mit welcher Alles 
geleitet wird. Dabei herrſcht eine jo verftändige Disciplin unter den 
Truppen, daß nicht der geringfte Exceß vorgefommen iſt. 


* 


75) An Prof. Gurlt in Berlin. 
Weißenburg, 18. Auguſt 1870. 
Sieber Gurlt! 

Beiten Dank für Ihre erfolgreihe Bemühung für Czerny und 
mich, deren Refultate geftern Abend in meine Hände gelangten. Da 
ih mich ſchon am 5. bis Kandau, am 6. bis hierher vorgedrängt 
hatte und hier einen furchtbaren Wirrwarr, und außer vier Stadt- 
ärzten gar Feinen Arzt vorfand, fo übertrugen die Johanniter jofort 
mir und Czerny die hiefigen nicht unbedeutenden Sazarethe, die ich 
bis Anfang September zu behalten gedenfe, nachdem ich jest Alles 
fo in Ordnung habe, wie in meiner Klinif, Da bei der Südarmee 
außer Wilms nur füddeutiche Klinifer thätig find, fo müffen ja 
faft alle deutfchen Profefforen der Chirurgie bei den anderen Armeen, 7 
folglich wohl fein Mangel an foldhen fein. Ich habe meine Zwecke 
vollftändig erreicht und bin außerordentlich befriedigt, das hiejige 
Chaos nach und nach bewältigt zu haben. Auf alle Fälle ift mir 
das Schreiben des Kriegsminifteriums fehr wichtig, falls die Sadıe 
noch lange dauert, und ich anderswo eine neue Thätigfeit etablire. © 

Der Ihre E 
Th. Billvoth. 





— 4105 


76) An Frau Hofrath Billroth in Wien. 
Weißenburg, 20. Auguft 1870. 

Gejtern erhielt ich Deinen Brief vom 15. und habe mid, fehr 
daran erfreut. Nach und nach wird es hier etwas ruhiger, doch 
immerhin giebt es noch viel Soldaten, Fouragewagen ıc., und meine 
chirurgiſche Arbeit hat noch nicht abgenommen. Ebenfo ift Czerny 
den ganzen Tag beſchäftigt. Wir fangen um 7 Uhr Morgens an 
und jind jelten vor 29 Uhr Abends fertig; denn wir haben ja nur 
Studenten und Beilgehülfen zur Affiftenz und find die einzigen 
Chirurgen hier. So haben wir es aber gewollt und find froh und 
gefund dabei. Wittelshöfer*) muß fi) noch etwas gedulden wegen 
der Berichte von Czerny; denn vorläufig find wir noch in einer 
Derfafjung, daß wir gewöhnlich bald einfhlafen, wenn wir uns 
hinjeßen. 

Don Allem, was Du in der Heitung lieft, ift nichts wahr. 
Czerny, ich und zwei Studenten wohnen hier bei einem ſehr liebens= 
würdigen Arzt und Frau, die uns vortrefflich pflegen. Mit welchen 
Heißhunger ich einen Teller Nudeln aufeffe, follteft Du fehen; lange 
hat es mir nicht fo geſchmeckt. Kurz, idy bin famos gefund und 
freue mich, meine Kräfte wieder einmal geprüft zu haben. — Ich 
habe viele deutiche Soldaten gefragt, ob fie etwas von den Scheuß- 
lichkeiten gefehen oder gehört haben, die man den Turfos nachſagt, 
habe jedoch nichts erfahren, fo daß entweder Alles erlogen, ‚oder 
nur fehr vereinzelt vorgefommen ift. Die Geſchichten von Weißen 
burg’s Bewohnern find alle erfunden. Die Turfos find eigentlich 
wie die Kinder, ohne alle Erziehung, zum größeften Theil ehr 
ſchöne Menfchen. Sie haben viel Heimweh, frieren fehr und be— 
greifen nicht, daß wir uns fo viel Mühe mit ihren Wunden geben. 

Küffe die Kinder für mid). 


* 
77) An Frau Hofrath Billroth in Wien. 
Weißenburg, 21. Auguſt 1870. 


Heute habe ich Briefe, Telegramm und Kijte erhalten AND 
mich über Alles kindiſch gefreut. Schinken und Thee habe ich meiner 


iciniſ enſchrift; geſt. 1889. 
*) Herausgeber der Wiener medieintfchen Wochenfchrift, geſt 1889 


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liebenswürdigen Wirthin, einer älteren Dame und Mufter einer 
Hausfrau, wenn auch voller Angjt und Jammer, übergeben. Das 
herrliche Derbandzeug aber habe ich für meine Spital-Abtheilung 
behalten. Dor Allem find die Tücher uns von außerordentlichem 
Nutzen. Nachdem ic den Leuten gezeigt habe, wie einfach und 
zweckmäßig man damit verbinden kann, will jeder Derbandtücher 
haben. Größe und Form haben fich vortrefflic bewährt. Hätte 
ich Dein Derbandzeug und meine Infteumente nicht gehabt, jo hätte 

ich in den erften Tagen garnichts machen Fönnen, 

Dor Allem bin ich froh, daß Ihr Alle gefund feid. 

Ueber den Ausgang des Krieges kann wohl Fein Sweifel mehr 
fein; doch wie lange es dauert, ift wohl fehr fraglih. Muß es zur 
Belagerung von Paris fommen, jo ift das nicht fo Schnell geſchehen. 1 
Denn, mit wen foll man dann verhandeln? Napoleon ift dann 
nicht mehr möglich, doc was nad) ihm? Als Pfand für die 
Kriegsfoften wird man noch lange Beſatzung in Frankreich halten 
müffen. Hoffentlich wird man mindeftens Elſaß zu Deutjchland 
nehmen. 
Sonderbar ift es mit den Seuten hier. Wan kann ſich nichts 
Deutfheres in Art, Wejen und Ausfehen denken, als die Elſäſſer 
und zumal die Weißenburger; fie ſprechen wie die Bafeler, und doch 
ift ihnen der Gedanke, von Frankreich abgelöft werden zu jollen, 
ungefähr jo entfeßlich, als wenn wir ruffifch werden follten. Die 
Seute hier wiffen nichts von der ungeheuren Uebermacht Deutichlands 
in Kunft und Wiffenfhaft, fondern glauben, nur in Paris jet die 
Civilifation zu Haufe. Ste find wie die franzöftichiten Franzoſen in 
einer Art Dufel befangen, als wenn Deutfchland das Sand wüſter 
Barbarei fei. Die deutfchen Elſäſſer find eitel auf Frankreichs 
Preftige, auf feine erſte Rolle in Europa, und ſie leiden wirklich tief 
moralifh, um fo mehr, als das ganze Eljaß antinapoleoniich ges 
ftimmt hat. Doch daß dem großen ‚Frankreich, zu dem fie auch ges 
hört haben, diefer furchtbare Schlag zu Theil werden Fonnte, empfinden 
fie tief. Das Alles wird fi) geben; wird Elfaß deutich, fo wird es 
auch in 5—10 Jahren gut deutjch fein, denn die Sprache entjcheidet 
ſchließlich doch; Fein Dienftbote, Fein Bauer verſteht hier franzöſiſch. 

Ueber den Unſinn von Verſtümmelungen, Schießen aus den 
Häuſern ıc. habe ich Dir geftern ſchon geichrieben. Es ijt Fein 
Wort daran wahr, 





—# IR 


Wie lange ich hier bleibe, weiß ich no) nicht. Ich trage mic, 
immer noch mit der Hoffnung, 14 Tage See-baden zu können; es 
würde mich jehr erfrifchen, bevor ic) das lange Winterfemefter be= 
ginne. Doc, jest darf ich meine Kranken noch nicht verlafjen; es 
iſt mit die ſchwerſte Seit, zumal die Seit der ftarfen Blutungen in 
Folge des Eiteranfreffens der großen Adern; da heißt es dann 
ſchnell bet der Hand fein, — Jc bin fehr zufrieden mit unferen 
Erfolgen; ebenfo Ezerny, der famos aushält. Er empfiehlt ſich 
Dir beſtens; ich habe außerordentliche Freude an ſeiner Tüchtigkeit; 
ich habe ihm ein Cazareth mit 60 Kranken ganz überlaſſen. 

Grüße Brücke's und küſſe die Kinder. Es geht uns nichts 
ab, Wir haben aus Hamburg Sardellen, Rauchfleiſch, Sherry, 
Dortwein ıc. Wir brauchen es ebenfo nöthig wie dte Kranken, 
wenn wir jo fortarbeiten follen; ih habe an Dreher um Bier 
telegraphitt. 

* 


78) An Prof. Bis in Bafel. 
Weißenburg, 25. Auguſt 1870, 
Sieber Freund! 

Im Intereffe eines fehr ſchwer darntederliegenden franzoſiſchen 
Officiers, der noch keine Nachricht von den Seinen in Paris hat 
und große Sehnfucht darnach hat, bitte ich Dich einliegenden Brief 
an die Adreffe auf die Poft zu geben, oder durch das Lomite des 
internationalen Dereins möglichft bald befördern zu laffen, ſowie 
eine an Dich gelangende briefliche oder telegraphiiche Antwort fofort 
hierher an Herrn Dr. Hornus in Weißenburg zu befördern. 

Mit herzlihem Gruß der Deine Ch. Billroth— 


* 


79) An Frau Hofrath Billroth in Wien. ER 
; : ? Weißenburg, 50. Auguſt 1870. 
Herzlichen Dank für Deinen letzten Brief. 22 bift ja — 
bös auf die Franzoſen! nun, in der nächſten Nähe ba as nn 
nicht fo fchlimm. Die Leute haben ihre Schuldigteit ge Ne 
niemals ift mehr über die Soldaten in franzöfifchen und deutſche 


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Zeitungen gelogen worden, als jetzt. Ich habe mich längſt daran 
gewöhnt von allen diefen Nachrichten nichts zu glauben. Perfön- 
liche Rohheiten bleiben auf beiden Seiten nie aus und find immer 
mehr auf der Seite der Beſiegten. Cest la guerre! Ich glaube, 
Deine Aufregung über den Krieg würde befjer geheilt, wenn Du 
mich bier bejuchteft. 

Mein Plan, den ich Dir gejtern entwicelte, ift etwas durch— 
kreuzt worden. Geftern kam eine Deputation von Mannheim zu 
mir mit der dringenden Bitte, die Oberleitung der ziemlich bedeuten- 
den, aber guten Kazarethe des badifhen Hülfsvereins (500 Der- 
wundete) zu übernehmen; es feien genügend Aerzte da, doch fehle 
es an einer leitenden energiſchen Autorität und an einem die Ent⸗ 
ſcheidung über die Operationen übernehmenden conſultirenden Chirur— 
gen. Volkmann war dort bis vorgeſtern, iſt dann aber vom 
preußifchen Commando in die Lazarethe bei Met abberufen worden. 
Ich habe hier noch 107 Derwundete, von denen wenige noch jterben 
werden; die meiften find in vortrefflicher Befferung, Jede Woche 
haben wir ſchon die Reconvalescenten weiter befördert. Die Mann— 
heimer werden nun meine Derwundeten mit übernehmen und dazu 
einen Erpreßtrain hierherfchiefen mit Sprungfedermatragen ıc., kurz, 
man quälte mich fo lange, bis id) endlich zufagte bis Ende Sep— 
tember zu bleiben. Reizend wäre es, wen Du mich in Mannheim 
befuchteft oder mich Mitte September von da abholteft; die Bahnen 
dorthin gehen völlig regelmäßig. Meine Stellung in Mannheim 
wird eine ziemlich freie fein. ch habe freies Quartier und Equipage 
zur Derfügung und brauche mich nicht wie hier zu plagen. So wird 
es freilich Feine eigentliche Ferienreiſe, doch ein Ausruhen fein, jo- 
weit mir das bei intereffanten Fällen möglich ift. Wenn man beim 
Feldzug einmal A gefagt hat, muß man aud) B fagen. Set ruhig 
über den Ausgang und das baldige Ende des Krieges. Ic vers 
laffe mi auf Moltfe und Bismard. Dor den Defterreichern 
fürchten wir uns nicht; laß fie nur immer reden und lache jie 7 
innerlich aus. 

Deutfchlands glorreihe Entitehung zu erleben hatte ich nicht © 
gehofft. | 

Morgen bin ich Schon in Mannheim. 


* 








AN 


80) An Frau Hofrath Billvoth in Wien. 
Mannheim, 8. September 1870. 

Endlich kann unfere Correfpondenz in den gewöhnlichen fried- 
lihen Gang kommen. 

Ih habe meine 100 Weißenburger Patienten jest alle glücklich 
hier, Für jetzt tft der Derfehr am Bahnhof das Schwierigfte; in 
einer halben Stunde Fommen wieder 800 Derwundete duch. Füge 
von 2000 Gefangenen paſſiren täglih. Auc in den Spitälern giebt 
es viel zu thun. Ich commmandire Alles, und es geht fo leidlich. 
Ic bin ganz gefund; Du mußt mid) jedenfalls hier abholen. est 
fchnell eine Tafje Thee und dann auf den Bahnhof. 

Deine Briefe find mir eine wahre Erquikung, ich leſe fte drei 
und vier Mal, 


* 


81) An Frau Hofrath Billvoth in Wien. 
Mannheim, ı1. September 1870, 


Berzlichen Dank für Deine letten Briefe und die Ueberfendung 
von Edi’s*) Beriht. Alle thun mit in dtefem großen, aber furcht⸗ 
baren Kriege. Man bedarf in der That von Seit zu Heit der 
Siegesbotfchaften, um fich über das Elend hinwegzufegen, was man 
erlebt. Die hiefigen Derwundeten find jest in dem Stadium, wo 
die ſchrecklichen Nachblutungen durc die Dereiterung der Blutgefäß⸗ 
wandungen kommen. Dieſe Nacht habe ich mit Freund hein um 
das Seben eines prächtigen Küraffterlieutenants gerungen;z eine der 
größeften Schlagadern am Körper, tief unten am Halſe, blutete furcht⸗ 
bar, Die Unterbindung**) gelang, doch der Blutverluft war in der 
zum Exfaffen der Gefäße nöthigen Set fo colojjal, daß es wohl 
zweifelhaft ift, ob er ihn lange überlebt, Geftern Nachmittas 
wir einen Offizier, eben jung verheirathet, ein junger Landwirn 
und ſchon zur Reſerve gehörig, amputiren. So fahre ie Ei ganzen 
Tag durch alle 10 Kazarethe und muß entfcheiden, was hier, Was 
dort geſchehen joll. 

Be aneiiee In Pe Siehe „Chirurgiſche Briefe’, Seite 122. 


**) Unterbindung der Art. sul 
(Anm. zu Brief Nr. 85 dieſer Sammlung.) 


Ich habe die Freude, daß hiefige wie fremde Aerzte fi meinem 
Rath gern und unbedingt fügen. Die große Derantwortlichfeit 
meiner Stellung giebt mir immer größere Kraft. Lzerny fommt 
in den nächften Tagen nad) Wien zurück. Es war unmöglich für 
ihn, literariſch für Wittelshöfer zu arbeiten; er hat Eminentes 
geleiftet und das Dertrauen, welches ich in ihn feßte, in jeder Be- 
ziehung gerechtfertigt. Ich hatte wiederholt Gelegenheit mih an 
der Kraft und Energie feines Denfens und Handelns zu erfreuen. 


Küffe die Kinder und laß bald von Dir hören. 


* 


82) An Frau Hofrath Billroth in Wien. 
Mannheim, ı4. September 1870. 
Liebes Herz! 


Dein Sonntagsbrief vom 11. hat mir große Freude gemacht; 
ih) Fonnte mir nach Deinen Schilderungen Alles jo gut vorftellen 
und war, ganz bei Euch. 

Wäre der Krieg doc erft zu Ende! Doc was in den nächjten 
Tagen gefchehen wird, weiß Niemand. Unter weldher Form und 
mit welcher Regierung man Frieden machen foll, das Alles ift mir 
völlig unklar. Doc; wenn ic) mic früher auf Moltke verließ, jo 
verlaffe ich mich jest auf Bismard, 

Ic habe mich hier nur auf den Monat September verfprochen 
und bleibe nicht länger. Derwundete reizen mid nicht mehr; ich 
habe deren leider fchon in fchredlichem Ueberfluß gejehen; es 
gtebt wohl Feinen Quadratzoll am menfhlichen Körper, an welchem 
ich nicht eine Schußwunde fah. Wenn auch die Sahl derjenigen 
Derwundeten, die ich felbft behandelte, natürlich eine befchränfte ift, 
fo habe ich doch viele Taufende von Shußwunden gefehen und bin 
fast überfättigt davon. Als chirurgifcher Zweig der Wiſſenſchaft ift 
die Kriesschtrurgte natürlicdy äußerft monoton. 

Werden nicht neue Schlachten gefchlagen (die Derwundetenzüge 
von Paris und Südfrankreich würden alle auf Mannheim münden), 
fo will ic wie gewöhnlich am 10. October meine Klinif in Wien 








a — 


beginnen, um feinen Anftoß durch meine Abwejenheit zu erregen, 
Du holjt mic dann am 1. Dctober von hier ab. Küffe die Kinder! 
Dein 
Theodor. 
5 


85) An Prof. König in Boſtock. 
Wien, 3. Januar 1871. 
Hochgeehrter Herr- College! 

Es verfteht ſich von felbit, daß die außergewöhnlichen Zeit- 
unftände von allen früheren Zuſagen und Derfprehungen entbinden. 
Der Derleger hat auch noch nicht den leifeften Derjuch gemacht zu 
mahnen; es fteht in Deutjchland eben Alles ftill. 

Gern würde ich die Baradenlazarethe in Berlin fehen, zumal 
wie fie fih im Winter bewähren. Der Himmel behüte, daß der Krieg 
noch lange fortdauert; follte dies der Fall fein, und brauchen Sie 
oder Esmarch in der Zeit der Dfterferien einen Dertreter, um in 
die Heimath Urlaub zu nehmen, fo erbiete idy mich mit Dergnügen 
dazu. Grüßen Sie Esmarch freundlichſt von mir., Nie habe id} 
es ſchmerzlicher empfunden außerhalb Deutfchlands in fernen Dienften 
zu fein, als in diefer großen Zeit. Wäre id} allein nur mir ver- 
antwortlich gewefen, jo hätte ich die ganze Affaire mitgemacht, felbit 
auf die Gefahr hin meine Stelle zu verlieren. Hat man frau und 
Kinder, fo ift man ja Sclave der Derhältnifje und muß feine Privat- 
wünfche und Empfindungen opfern, um feine Pflicht als Familien⸗ 
vater zu erfüllen. . 

Mit freundlichftem Gruß der Ihre 
Th. Billroth. 


* 


84) An den Herausgeber. 
Wien, 4. Januar I87L. 
Cieber College! | 
Als ich Ihren Brief vom IO. Nov. aus Derfailles erhielt, Kane 
ich Ihnen bald nach Hannover ſchreiben zu können, denn wir er⸗ 
warteten damals die Capitulation von Paris und den Frieden, 


Zwei Monate find feitdent fait verfloffen, und Alles fteht noch beim 
Alten. Wenn Ihre Kazarethe jo gründlic ausgeräumt werden, um 
die Derwundeten nad; Deutſchland zu bringen, wie dies im Sep- 
tember und Dctober der Fall war, fo Fönnen Ste kaum erheblich, 
zu thun haben, und es muß gräulich langweilig fein. Suchen Sie 
fich möglichft viele Notizen zu machen über die Derwundeten, die 
Sie beobachten. Bet der großen Drönung, welche in militärischen 
‚Dingen in Deutfchland herrſcht, kann es ja nicht fchwer fein ſpäter 
zu ermitteln, was aus den in Heilung entlafjenen Evacuirten ge— 
worden ift. Bei der Känge des jebigen Krieges und den Daufen, 
welche dabei herrſchen, ift doch zu hoffen, daß wir von ärztlicher 
Seite mehr erfahren, als aus dem Kriege von Anno 66, aus dem 
wir außer den Mittheilungen von Stromeyer, Bed und Mtaas*) 
gar nichts haben. 

Wo ſtecken denn eigentlich alle die Heroen der deutſchen Chirurgie? 
So viel ich weiß, find nur Esmardy, König, Simon, Heder**) 
in Deutfhland. Don Wagner***) weiß ich, daß er bei Man— 
teufel, von Buſcht), daß er beit Friedrich Carl war. Wo iſt 
Sangenbed, Wilms, Volkmann, Bruns, Roſer ) «.? Es 
würde mich ſehr intereſſiren, wenn Sie mir etwas darüber fchreiben 
könnten⸗ 

Ich war in den Monaten Auguſt und September in Weißen⸗ 
burg und Mannheim als Dirigent der dortigen Spitäler thätig. 
Dann mußte ich zurück; wäre ich ledig und ohne Familie, ſo hätte 
ich es auf den Verluſt meiner Stelle hin riskirt auf dem Kriegs- 
ihauplat zu bleiben. Doc) das ging nicht wohl an; ich habe auch 
hier für Deutfchlands Wiffenfhaft zu fämpfen, und mußte mir 
eigentlich im Dctober fagen, ich jet im Felde ummöthig, denn es war 
mehr Ueberfluß an Aerzten als Mangel, Da die Kazarethe in 
Mannheim im Detober aufgehoben wurden, fo hätte ich mir gerades 
zu einen neuen Poften fuchen müſſen. Wie fteht es jetst mit der Ans 
zahl von Aerzten im Felde? Iſt fie genügend? Vach und nach muß 


Docent der Chirurgie in Breslau, Prof. in freiburg i. Br., Würzburg; 
geit, 1886, 
**) Prof. der Chirurgie in Freiburg i. Br.; gejt. 1878, 
***) Drof. der Chirurgie in Königsberg; get. 1871. 
7) Prof, der Chirurgie in Bonn; get. 1881. 
17) Prof. der Chirurgie in Marburg; gejt. 1888. 





— ON — 


doch endlich um Paris herum Alles fo organifirt fein, daß auch für 

die Derwundeten und Kranken geforgt iſt. 
Von unſerer Chirurgie iſt ſeit Beginn des Krieges keine Rede 

mehr; Alles ruht. Wenn Frieden iſt, dann wollen wir wieder davon 


reden. Machen Sie nur, daß Paris bald fällt. Freundlichen Gruß 
an Heren General-Stabsarzt Stromeyer. 


Der Ihre 
TH. Billroth. 


* 


85) An Prof. Burlt in Berlin. 
MDien, 2, März 1821. 
Sieber Burlt! 

Alſo Friede! ein glorreicher Krieg, ein: glorreiher Erfolg! ich 
bin glüclich das erlebt und wenigftens etwas davon mitgemacht zu 
haben. Ich habe großes Interefje für die Kriegschirurgie gefaßt 
und in Weißenburg und Mannheim in zwei Monaten viel erlebt 
und gelernt. Die chirurgifhen Briefe*) werden hoffentlich zu recht 
vielen Müttheilungen anregen; denn was von 1864 und 1866 be— 
Fannt geworden ift, ift jehr ſpärlich. Werden wir über 1866 und 
1870 jo gründliche officielle Berichte erhalten, wie dte von Dtis“*) 
über Hüftrefection und Erarticulation? Wir follten doch mehr 
fönnen, als die Amerikaner. Ich glaubte men Scherflein zu der 
großen Univerfalftatiftit diefes Krieges beitragen zu müfjen und er⸗ 
warte von Ihrem weit größerem und länger dauerndem Wirkungs⸗ 
kreis Außerordentliches. — Sehr erſchüttert hat mich die Nachricht 
von Wagner’s Tode, die ich zuerſt aus Ihrem Briefe empfing: 
der Krieg hat doc viele Dpfer gefoftet! Bald werden nun alle 
deutfchen Chirurgen wieder in ihrer Heimath fein, und eine Ueber- 
Ihwemmung mit Friegschirurgifchen Mittheilungen wird auch unſer 
Archiv zu beſtehen haben. Ich habe mir daher eine andere Form 
und anderswo ein Unterfommen für meine kriegschirurgiſchen Ent— 

* : f ; — iegs⸗CLazarethen in Weißenburg und 
— en ar Be aan Geräenen). 
a enitanifer Militärarzt; geſt, 1881, 

Briefe von Theodor Billroth. 


N — 


feerungen gefucht, mit denen ich fertig bin, wenn die Anderen ans 
fangen. 

Ich ſtecke ſchon wieder tief in neuen Wundfieberunterſuchungen, 
da meine frühere humorale Theorie aufs heftigfte von Strider*) 
angegriffen ift. Ein großes Material von Unterfuhungen über 
antifeptifche Wundmittel harrt ſchon lange der Zufammenftellung, 
zu der ich jedoch nicht komme, weil ich zunächſt die combinirten 
Jahresberichte meiner Klinik pro 1809 und 1870 fertig maden will. 
Yebenbei habe ich die fünfte Auflage meiner allgemeinen Chirurgie 
vedigirt, die nun in 7 Sprachen durch die Welt läuft. Auch Wittels— 
höfer verlangt hie und da etwas, und meine Schüler, deren Arbeiten 
ich immer vor dem Drud durchlefe, halten mich mit ihrem Fleiß 
fortwährend in Athem. | 

Ich ſchicke in den nächſten Tagen an Hirſchwald noch drei 
Manufcripte für das jetzt im Druck befindliche Heft: 1) von mir über 
Refection des Defophagus, 2) von Menzel über den Effect der Ge- 
lenkruhe, 3) von Öuffenbauer über Mluskelregeneration. Sollte 
aus pecuniären Gründen wegen der Tafeln das Zurüclegen der 
einen oder anderen von mir eingefandten Arbeit für's nächte Heft 
nöthig werden, fo ift zuerft meine Arbeit über Defophagusrefec- 
tion, in zweiter Sinte Menzel's Arbeit über Kieferrefection zu⸗ 
rückzulegen. An dem baldigen Erſcheinen der anderen Arbeiten 
liegt mir viel, weil ich diefelben fchon feit Auguft vorigen Jahres 
für's Archiv zurüdhalte; es ift mir von großer Wichtigkeit diefe 
Arbeiten meiner Schüler in Deutfchland einzuführen. Wir Deutſchen 
ſind hier ja nur noch geduldet, der Staat wird immer ſlaviſcher 
und ungariſcher. Es iſt eine Lebensfrage für uns Deutſchen hier, 
daß wir wenigſtens unſeren wiſſenſchaftlichen Zuſammenhang mit 
dem deutſchen Reich behalten. 


Mit freundlichſtem Gruß 


Ihr ergebenſter 
Th. Billroth. 


*) Prof. der allgem. und experim. Pathologie in Wien. 








86) An Prof. His in Bafel. 
Wien, 21. Mai 1821. 
Kteber Freund! 


Wie lange tft es, daß ich Dir nicht gefchrieben habe! Ob 
Deine Bemühungen die Familie jenes unglüdlihen franzöfifchen 
Dfficiers in Weißenburg zu benachrichtigen etwas genutst haben, 
kann ich Die nicht einmal fagen. Er ftarb einige Tage fpäter in 
Folge feiner 5 jchweren Derwundungen; es war ein tapferer Dfficier, 
dabei janft und liebenswürdig, dankbar für Alles, was man für 
ihn thun Fonnte. Deine Antwort erhielt ich hier im Januar diefes 
Jahres; der Brief war viel in den Feldpoften herumgelaufen. 

Dft wollte ich Dir in diefem Winter fchreiben, und doch hielt 
mich immer etwas zurüd; ich war nidht ruhig genug, um das 
menjchliche Gleichgewicht wiederzufinden nad) einer Zeit furchtbarer 
innerer Erregung. Der Furor teutonicus tobte in mir. Wir 
fühlten in Deutfchland alle, jest ift der Moment gefommten, wo es 
ſich entfcheiden wird, ob Deutfchland zu ewiger politifher Ohnmacht 
verdammt ift, oder ftarf genug ift, ein felbftändiger Staat zu fein. 
Es war ein Kampf ums Dafetn. Der deutjche Urmenſch kam überall 
heraus, der jeder anderen Nation mißtraut, und vor Allem die 
Wälfchen haft. Es hat etwas wollüftig Beraufchendes, fi wenigitens 
in der Phantafie ganz als ftarfe Beftie zu fühlen. Das Gefühl der 
Deutfchen, den anderen Nationen an Cultur und Geift ebenbürtig 
zu fein und doch immer nur eine hulövolle Anerfennung von ge= 
jammten Europa zu erhalten, wie fie die Regierung. etwa einem 
tüchtigen Beamten ertheilt, — hatte ſich zur Unerträglichkeit ger 
fteigert. Man hat die Känge und Art des Krieges mit Recht be= 
Elagt und gemeint, der Ragenhaß werde unverjöhnlich fein. Mag 
fein, daß dies auf franzöfifcher a fo ah in Deutfchland bejtand 
der Racenha& vorher; jest ift er geſchwunden. j R 

ne a Rn verftändlich fein, denn die Derhält- 
niffe, unter denen man aufwächft, die erſten — RL 
ſcheiden da mehr, als alle fpätere Reflerton im Mannesa — Su 

4 —⸗ chon früh die ſtaatlichen 
politiſchen Verhältniſſe gewöhnen Euch ſch 9 
Verhältniſſe von den nationalen zu trennen, a — ? N 
fett Jahrhunderten die Tendenz dahin geht : —— — 
politiſche Einheit zu bringen. Die vielfachen Beziehungen, 


Ihr in Baſel zumal mit Frankreich habt und feit Jahrhunderten 
gehabt habt, die Leichtigkeit, mit welcher Ihr die Sprache beherricht, 
laffen Euch auch gute Seiten an den Franzoſen erfennen und an— 
erkennen, und zwar von Jugend auf, während in meiner Jugend 
Alles, was ſchlecht und gemein am Menſchen ift, als franzöſiſch be— 
zeichnet wurde, Später fahen wir wohl ein, daß dem nicht fo Sei; 
doc) die Jugendeindrüde ſitzen gar feſt. Erzogen in dem Gedanken, 
daß Staat und Nation eins und dabei nur eine erweiterte Familie 
ift mit patriacchalifchem Oberhaupt, bleibt der Gedanke der allge- 
meinen Menfchenverbrüderung vor der Hand in Deutichland immer 
nur eine durch Reflerion erworbene Empfindung. des Derftandes, 
die man gelten läßt und ihr pflichtgemäß nachkommt, ohne fidh 
dafür erwärmen zu Fönnen, Menfchen wie Jacobi, Garibaldi, 
Dogt bleiben dem deutfchen Dolf im Ganzen unverjtändlih. Alan 
entbehrt die politifche Freiheit in Deutfchland zu wenig, als daß 
man begreifen kann, wie man feine familienbeziehungen d. h. feine 
YWationalität dafür opfern follte. Man kann fi in Deutjchland 
für ein deutfches Katferthum begeiftern als den Ausdruck eimer 
nationalen Sufanımengehörigfeit, doch zu einer internationalen Res 
publif fehlt jeder Boden. Dor der Hand wird ſich Deutihland 
fchwerkich weiter ausbreiten, und es wird wohl ziemlich lange Ruhe 
fein. Elſaß und Kothringen. werden in dem Eleinen Heitraum eines 
halben Jahrhunderts fehr fanatiſch deutfche Provinzen fein. Doch 
jest genug von der Politif! Das Erlebte war jedod zu ungeheuer 
für mid), als daß ich zu einem Freunde davon hätte jchweigen 
fönnen, | 

.. . Bier ift eben Alles gemüthlih. Ich hoffe aber doc, daß 
es Deinem Bruder bald hier gefallen wird. Die hiefigen Kunſtſchätze 
find unerfhöpflich, und da er Freude an Muſik hat, jo kann er 
hier fchwelgen, Bier fingen wir und muficiren wir und gehen ins - 
Theater und zu Strauß und ſtecken mit ihm den Kopf in den Sand 
unferer Gemüthlichfeit. Es ift eine rechte Stadt für Kunft, zumal 7 
für Muſik. Wiffenfchaft verlangt weniger fetten und warmen, als 
feften und trocdenen Boden; damit geht es nur mäßig vorwärts, 
es iſt zu mühſam ſolchen Boden zu bearbeiten. u 

Ich kann in diefer Hinficht nicht klagen; ich habe vortreffliche 
Seute unter meinen 8 Afftftenten, die fehr nett und ftramm arbeiten 
und mir warm zugethan find. In der Klinik habe ich in diefem 








ta 


Semejter 450 eingefchriebene Suhörer! ein didaktifcher und pädago- 
giſcher Unjinn, doch fonft nicht übel. 
Und doch bin ich Undankbarer, den ein gütiges Geſchick mit 
dem Füllhorn des Glückes ſtets überſchüttet hat, nicht zufrieden! 
Seit es ein Deutſchland giebt, möcht' ich in Deutſchland wieder ſein! 
Die Sentimentalität gewinnt wieder oft mehr Gewalt über mich, 
als es gut ift. Ich fühle, daß ich hier eine Art Miſſion habe die 
ſtramme wifjenfchaftliche Arbeit zu thun und zu lehren, wie man fie 
thut; doch wird es mir oft jest zu viel mit diefem ewigen Pflicht- 
gefühl raſtloſer Arbeit durch die Welt zu Feuchen. „Swei Seelen wohnen 
ad, in meiner Bruft, die eine will fich von der anderen trennen!‘ 
Diefer fortdauernde Kampf mid auf meinem Plate zu behaupten, 
fängt zuweilen jetzt an mich zu ermüden; doch ich habe die Geiſter 
einmal beſchworen, nun werd’ ich fie nicht los... Carlsbad und 
ein Nordſeebad wird mic für Augujt und September aufnehmen. 
Grüße von Baus zu Haus. 
Dein treuer 
Th. Billvoth. 


87) An den Herausgeber, | 
Wien, 25. Junt 1821. 


Sieber College! 


Ih bin ganz einverftanden mit den Arrangement, was Sie 
mit Dolfmann getroffen haben, wenn ich es auch bedaure, da id, 
eher von Ihnen etwas zu erhalten ER als von Dolfnann, der 
wohl viel verspricht, doch langſam hält. 

ee Bere Ahnen us meine chirurgiſchen Briefe als Buch 
ſchicken zu können; ſie fangen ganz luſtig feuilletoniſtiſch an, werden 
aber i after. 

5 eh fein Lebelang, wie alle originellen AU 
voller Schrulfen gefteckt; er hat außer in den Kriegen immer mit A en 
Material gearbeitet und fich etwas kleinbürgerlich an feine —— 
eigenen Beobachtungen angeklammert. Er hat in a 7— 
wie alle hochbegabten Menſchen, ſelbſt mit kleinem A u 
viel geleiftet, und ich gehöre zu den aufrichtigiten Bewunderern feines 


Genies, Doc die moderne Chirurgie denkt anders; bei ihr muß 
das Individuum hinter den Couliſſen verfhwinden. Man will 
Actionen fehen, nicht Acteure. Grüßen Sie den Alten freundlichit 
von mir, Er macht auf mich den Eindruck wie Goethe als Breis; 
ich bewundere auch heute noch feinen Geift und feine Kraft, doc) 
bin ich feltener feiner Meinung, die eben an der Greijenaltersgrenze 
jest fortwährend ricochettirt, 

Ich hoffe, auch bald von Ihren Kriegserlebniffen öffentlich zu 
hören. Nur friih vom Fleck losgeſchoſſen, nur das Sebendige zeugt 
Sebendiges! 

Der Ihre 


Th. Billroth. 


88) An Dr. Menzel, Affiftent Billroth's.*) 
Carlsbad, 26. Auguft 1871. 
Sieber Herr Doctor! 


Beten Dank für Ihre freundliche Theilnahme. Ich habe alle 
Ihre Sendungen richtig erhalten. Derzeihen Sie, wenn ich jo felten 
und flüchtig antworte; doch das faule Seben hier macht auch ſchreibe⸗ 
faul. — Ich habe nichts dagegen, wenn Sie den Alois wohl am 
beiten in der Pfeudarthrofe amputiren; ich vergaß es neulich zu 
Schreiben. — Die Sendung am SI. Auguft bitte ich nach Dresden 
poste restante zu dirigirenz die Sendung am 4 September nad) 
Emden an der Ems. — Sowie Czerny eintrifft, können Sie reifen; 
ich wünfhe Ihnen rechte Erholung und Erfrifhung. Sagen Sie 
Ezerny, daß die Sendungen am Montag und Donnerstag fort 
gefetst werden; wohin, werde ic} noch fpäter beſtimmen. 


Der Ihre 
Th. Billvoth. 





*) Der Brief ift im Beſitz von Prof. Czerny. 








Fr MIET 


89) An den Herausgeber. 


Dresden, 2. September 1871. 


Geehrter Herr College! 


Heute erhielt ich Brief und Photographie vom 28. Auguft. 
Bejten Danf für Beides! Ich erlaube mir, Ihnen meine Photo- 
graphie beizulegen; fie ift noch aus Mannheim und hat daher einen 
etwas militärifchen Habitus. 

Den erjten Bogen Ihrer Arbeit*) hatte ich bereits zur Cor— 
rectursRepijton und fand die Art der Darftellung fehr hübſch. 


Mit freundlihem Gruß 
Ihr ergebenjter 


TH. Billroth. 
C2 


90) An Frau Prof. Seegen in Carlsbad-Wien. 


Oftende, 12. September 1871. 
Hötel Beesblod. 


Hochgeehrte Frau! 

Sie fehen aus der obigen Adrefje, von wo aus Sie diefe Heilen 
erhalten, Ich fite in meinem Parterrezimmer an der Düne, faum 
20 Fuß von der See, die heute bei Haren, heiterem Himmel und 
mäßigem Wind und bei hoher Fluth mit hohen Wellen wogt. 
Wenn ſchon der Anblic ewig ſchön bleibt, fo war das Bad heute 
noh ſchöner. Die Tage waren bisher der Aut, daß ich mich nicht 
entfinne, fhönere erlebt zu haben. Abends das grandtofefte Meer— 
leuchten bis hinten zum Horizont, dabei warme Temperatur bei 
leichtem Wind. Kurz, ich befinde mich hier außerordentlich glücklich 


erwarte 
Sangenbed, den ich heute Abend erwar e, 
icht ermangeln, mir 


ſich für Oſtende entſchieden hat. Ich werde nicht en 
Wr der tn wenn ich früh genug hier fortfomme, En Ri 
anzufehen; doch alle Keute, die ich hier geſprochen habe, —— 
in Seebädern, verſichern mich, daß ſie Immer Br Ey De 
zurüdfommen. NVoch iſt haute saison; doch nach Berichten meines 


fl A = TEE - 5) 3 
*) Kranfheiten des Balfes. Siehe Brief ir. 50, Anm 


— 120 — 


Wirthes ift es doch Schon in der Abnahme; auch Dftende hat wie 
Carlsbad eine fo reiche Satfon gehabt wie noch nie, 

Meine beiten Dorfäse, die in Carlsbad begonnene Bungercur 
fortzuſetzen, gerathen hier nicht felten in bedenklihes Schwanken, 
und die bedenkliche Abnahme meiner geiftigen Fähigkeiten, deren 
vollftändige Pleite nur durch die anregende Gefellihaft verhindert 
wurde, in der ich mich in Carlsbad befand, ift wohl Schuld an der 
zunehmenden Schwäche meines Charakters. Denn einem frifchen 
Hummer gegenüber werfe ich jede Willenswaffe bei Seite und ergebe 
mich auf Gnade und Ungnade. 

Ich hatte früher gewöhnlich Schon um dieſe Zeit zumeilen An⸗ 
wandlungen von Sehnfuht nach Klinik, Kranken ıc., doch mein 
Blutdurft muß viel geringer geworden fein, denn mit Schreden 
fee ich jeden Tag dahin verfliegen, der mich nicht nur dem Grabe, 
fondern auch meiner mir fonft fo lieben Thätigfeit näher bringt. 

Die Hauptſchuld davon trägt jedenfalls, daß ich eine recht ver- 
gnügte und behaglihe Woche mit meiner Frau in Dresden verlebte. 
Es waren fast alle jüngeren Kunftfröfhe in Dresden verfammelt, 
und es war natürlih, daß Lübke die Kreife derjelben vorzüglich 
auffuhte. Es Fam mir vor, als wenn die ganze Schule, die Lübke 
mit ins Leben 'gerufen hat, ihm jest über den Kopf zu wachen 
anfängt, und als wenn er davon ein Bewußtſein hat. Das geht 
uns Gelehrten ja Allen ſo und ſollte eigentlich unſer höchſter Stolz 
ſein, denn es beweiſt doch immer, daß wir guten Samen auf frucht⸗ 
baren Boden ausgeſtreut haben. 


15. September. 


Geſtern wurde ich durch Langenbeck's verfrühtes Erſcheinen 
unterbrochen, — Vielleicht ſollte Cübke ſich endlich weniger heftig 
in die Polemik des Tages ftürzen; doch was follte man nicht Alles 
thun und laffen! man möchte dann aud mit Heine rufen „mur 
diefe fatte Tugend nicht“ ꝛc. Uebrigens waren alle Kunftverftändigen 
und Kunftunverftändigen der Meinung, daß nur die „„Darmftädter 
Madonna“ von Holbein, und die früher fo vergötterte „Dresdener 
fogenannte Holbein’fhe Madonna eine wohl 100 Jahre jpäter 
angefertigte Copie ift, an welcher Holbein ficher Feinen Strich ger 
macht hat. Eigentlich follte man fidy über diefe endlihe Ent— 
hülfung der Wahrheit freuen; indeß die Freude hat doch einen fehr 








Zar = 


fatalen Beigefhmad menſchlicher Irrthümer. Es war eine füße 
Gewohnheit, ‚in der Dresdener Holbein’fchen Madonna die, wenn 
auch langweilige, doc ficher tugendhafte, deutſche, jungfräuliche, ideale 
Frauenhaftigkeit zu ſchätzen — wirklich tief empfindende Menſchen, 
wie Ulrici*), können ſich davon auch noch nicht losmachen — doc 
das Dergängliche wurde hier Ereigniß, und das Gleichniß zeigte 
gerade das Unzulängliche; das Ewig=-Weiblihe wurde fehr ftark 
herabgezogen. 
Taufend Grüße an Ihre Schwefter und Ihren Mann, und 
nohmals Dank für Ihre freundlihe Aufnahme in Carlsbad. 
Der Ihre 
Th. Billroth. 


9) An den Herausgeber. 
Wien, 26; Oktober 1871. 
Sieber College! 
Beiten Danf für Brief und Sendung, ein höchſt interefjanter 
Fall**), den ich mit großem Dergnügen in meine Mappe eingereiht 
habe. 
Wundern Sie ſich nicht, wenn Sie meine „hirurgifhen Briefe’ 
- früher vom Buchhändler als von mir erhalten. Da ich die Eremplare 
für meine Freunde binden laffe und davon etwa 200 zu verſchicken 
habe, fo wird das einige Seit Foften. — Was Sie mir über Stro= 
meyer und die Franzofen Schreiben, ift jpaßig. Mein ganzer TCiſch 
liegt voll Kriegsliteratur, doch Fomme ich von Jahr zu Jahr fchwerer 
zum Sefen; die Kiteratur diefes Krieges intereffirt mich indeß be— 
fonders, weil ich einen Theil der Campagne mitgemadht habe. 
mit freundlichitem Gruße 
der Ihre 
Th. Billroth. 


*) Drof. der Dhilofophie in Halle; geit. 1884. a! 4 © 
er) BEE A nach Schufverlegung und ML des ae 
elenfs ertrahirten total nefrotijchen Oberarmfnocyens. _ Ian der — 
hen Arbeit des Herausgebers: Dorf Floing und Schloß Derfailles.) 


92) An den Herausgeber. 
Wien, 25. Januar 1872, 


Beehrter Herr College! 

Endlich kann ich Ihnen meine chirurgiſchen Briefe jchiden. 
Gehen Sie als Kritiker gnädig mit ihnen um; viele find Kinder des 
Augenblids, und nicht jeder Augenblid Fann ein günftiger fein. Ich 
bitte Sie, das andere Eremplar an Stromeyer zu übergeben. 

Mit freundlichſtem Gruß 
Ihr ergebenſter 
Ch. Billroth. 
* 


95) An Prof. Baum in Göttingen. 
Wien, 4. März 1872. 
Mein lieber Freund! 


In Betreff der Berliner Derfammlung*) Fenne ich von den 
-Plänen der Unternehmer wenig oder nichts. Dolfmann und 
Simon find die intellectuellen Urheber. Ich habe wenig Sinn für 
folche Derfammlungen, gewiß zu wenig. Mir ſchwankt der chirur⸗ 
gifche Boden unter den Füßen; wohin ich, tiefer vordringe, finde 
ih, daß hergebrachte Anfichten zu zerjtören find. Ich bin oft in 
der Klini innerlich in Derzweiflung, wenn ich etwas Pofitives über 
Therapie fagen foll; ich höre immer Jemand hinter mir, der mit 
ins Ohr ruft: das ift ja auch nicht richtig! Ich hoffe, bei Ihnen 
und Anderen wieder etwas Halt zu gewinnen. Mir wären jährliche 
ZSufammenfünfte mit ganz intim collegialen Derhandlungen ohne 
jegliche Deröffentlihung am liebiten. i 

Ihre Pläne find höchſt ideal, es wäre eine Art chirurgiſch 
Akademie! Wir müffen darüber fprechen, die Sache tjt zu groß für 
Briefe; ich möchte von Ihnen hören, welche Dortheile Sie fi da= 
durch verfprehen. Ich fehe nur die Möglichkeit der Herrſchaft durch 
das Mittel einer Art von Zunft; doch die Forſchung wird dadurd) 
ſchwerlich gefördert. In meinen Augen find die Afademieen ver“ 










*) Gründung der Deutfchen Gefellfchaft für Chirurgie durch B. v. Kangen“ 
be, Simon, R. Doltmann am 10. April 1872 in Korn 





altete nftitutionen, da der Gelehrtenftand als folher nicht mehr 
geſchützt zu werden braucht durch die Sunft- Macht und Zunft Rechte. 

So ſei jetzt jede Univerſität, jede mediciniſche Schule (ich bin für die 
Errichtung ſolcher Inſtitute in Verbindung mit einer „naturwiſſen⸗ 
ſchaftlichen Fakultät“), die ſich um große Spitäler großer Städte 
bilden könnten, Akademie in echt wiſſenſchaftlichem Sinne, nicht im 
politiſch⸗ſocialem Sinne! 

Sie ſehen, lieber Sehrer, auch Ihr Schüler ſchwärmt! Ja, daß 
wir für etwas fchwärmen, daß wir noch etwas Sehnfucht haben, 
das vereinigt uns Alle, welhen Alters und welcher Art wir find. 

Stromeyer zeichnete mich neulich durch einen fchönen Brief 
aus; er ſchwärmt für die dee, Marimen für die Therapie zu er- 
trahiren; er will etwas ficher anerfannt wiffen, er ſchwärmt für die 
Dogmatifirung der chirurgifchen Therapie; das fchmect ftarf nad) 
Unfehlbarfeit. Wo Keben ift, ift fortwährend Sterben und Ent— 
ftehen; wir bedürfen zur praftiihen Ausübung unferer Kunft ge- 
wiffe Firtrungen der bisherigen Erfahrungen, doch das find Alles 
nur Compromiffe. Die Anwendung irgend einer neuen Methode 
der Forfhung ftürzt in wenigen Monaten Theorien, in dte wir uns 
mit größefter Behaglichkeit eingelebt haben. — Was haben wir 
Alles über Wervenendigungen in der Lornea gefajelt? Kommt 
Eohnheim*) und zeigt mit Goldchlorid in wenig Secunden, wo 
Generationen von bedeutenden Männern vergeblich gefucht haben, 
Und Virchow's Eellularpathologte, ift fie nicht furchtbar zuſammen— 
gerüttelt dadurch, daß ſich Recklinghauſen**) und Enns 
hinfeßten und haben jo lange ins Mikroſkop geſehen, bis — 
lebenden Organismus ſahen, was man mit Jahre — 
doch ſchließlich nur theilweiſe richtig erkannte, a an 
niffen gegenüber wird man fcheu. Wie heißt's im * — er 
ift Wahrheit?” und Nathan „ja, wenn man Wahr yet a Rs 
Fönnte als blanfe Münzen!‘ etc. „Doch jet macht's nur H 5 
pel”, ja, möchte ich hinzufeßen, der gerade moderne Zu Kohl 

Doc ich wollte Ihnen ja eigentlich gar Est i nich mehr 
Brief ſchreiben. Meine ‚Feder iſt verzogen, Io bene — 
als ich fiel Ja, die Gedanken, fie find doch das Ewige am 


5 BE un ann, 
ie i ie :esfan, Leipzig; get. 188 

f. de iſchen Anatomie in Kiel, Breslau, ig; geft. 188 

ee — 6 HN in Köniasbera, Würzburg, Straßburg. 


**) Nrof. der pathologijchen 


was wollen die Chatfahen und Ereignifje der Welt! fällt dem 
Menſchen erft nichts mehr ein, dann haben die Affen wieder Gleih- 
berehtigung mit uns! | 

Ich werde mich in Berlin ganz zurüdhalten. Wo ich wohnen 
werde, weiß ich noch nicht; jedenfalls fuche ich Sie auf, jobald ih 
dort bin. Ic erwarte, daß ein Programm für die Conſtituirung 
vorgelegt wird. Ic kenne dte jüngeren Generationen, die wir ans 
treffen, zu wenig, obgleich ih großes Dertrauen zu ihnen habe; ih 
werde daher abwarten, wie fich die Sache geftaltet. In eine „chirur— 
gifche Afademie des deutfchen Neiches” Fönnte ich nur als Aus⸗ 
länder oder correfpondirendes Mitglied eintreten. 

Dor einer Stunde faß ich zwei Afte der „Craviata von Derdi” 
(eine gräulich Iangweilige Oper, trotz Patti*) dem alten König von 
Hannover gegenüber. Da der Bedankte des „Welfenthums’ nicht 
genügte, ihn zu verewigen, fo hat die Thatjache feiner Depofjedirung 
ihn doh ſchon zur Mumie gemacht. ‚Stromeyer’s [P] ift weit 
lebendiger und wird es viel länger bleiben, als feine frühere Mas 
jeftät. Wäre Stromeyer auf der Bahn der Gelehrten geblieben, 
fo wäre er heute noch im vollen Glanz feines Talentes und feiner 
Stellung. Dadurch, daß er vom Profefjorenfi zum Generalſtabs⸗ 
arzt herunterſtieg, hat er ſich ſelbſt depoſſedirt. Mit Profeſſoren iſt 
man im Ganzen immer noch ſehr rückſichtsvoll; mit Generalſtabs⸗ 
ärzten nimmt man es nicht fo genau; ſie ſind ein Glied in der 
Beamtenfette, man fchiebt fte bet Seite, wenn man ſie nicht braudht! 
Wir haben hier 4 penftonirte General-Stabsärzte und 120 pen 
fioniete Minifter ungefähr. Wollte ich meine DProfeffur aufgeben 
und Beneral-Stabsarzt oder Miniſter werden, jo wäre das hier im 
Sande der Aventuriers gar nicht fo ſchwierig. Doc wie jchnell 
wäre ich verbraucht und depofjedirt für immer! Ich kann in diefer 
Richtung Ihr Bedauern nicht theilen für das Geſchick Stromeyer's 
Tu l’as voulu, George Dandin. 

Alfo, endlih Schluß der Debatte. Abjtimmung. Reultat: 
„wir bleiben die alten Freunde". 

Der Ihre 
z Th. Billvoth. 
* 


*) Adeline Patti, die erſte lebende Geſangskünſtlerin. 








— 23 — 


94) An Dr. Krönlein in Zürich. 


Wien, 14 October 1872. 
Beehrter Herr College! 


Seit einigen Tagen von meiner Ferienreife zurückgefehrt, fand 
ich Ihe Buch über offene Wundbehandlung *) und Ihren freund- 
lichen Brief vom 13. Auguft vor. Beften Dank für Beides; ich 
ſehe jowohl an dem Gegenftand Ihrer Arbeit, wie an der Methode 
in derfelben, daß meine Ideen über eine eractere Behandlung der 
Fragen der praftiihen Chirurgie auf fruchtbaren Boden bei. Ihnen 
gefallen jind. Sie Fönnen die Amputationsrefultate meiner Züricher 
Deriode nicht ſchlechter finden als ih; unfere Fortſchritte gehen über 
Haufen von Keichen. Die Dergleiche jener Zeit mit meinen jetigen 
Rejultaten werden auch fehr zu Gunften der Ietteren ausfallen; das 
mag zum Theil auf Behandlungs- und Dperationsmethoden in 
Rechnung kommen — über letztere bin ich freilich nicht Herr, da ich 
hier in der Klinik felten jelbjt operire — doch vielmehr ift es von 
den Indicationen abhängig, die man ſich zu den Operationen ftellt. 
Ih habe in Zürich felten einen Septhämifhen und Pyohämtfchen 
unamputirt fterben lafjen, weil ich dies für meine Pflicht hielt; jest 
lafje ich folche Seute ruhig mit ihren 4 Ertremitäten ins Jenfeits 
hinüberfhlummern, weil ich weiß, daß ich ihnen doch nicht helfen 
kann. Ic glaubte früher doch oft, die Leute zum Leben zwingen 
zu fönnen; jest bin ich refignirter in diefer Beziehung, | Da bin ich 
denn ein immer glüclicherer Dperateur geworden, vielleiht nur 
flüger; ob beffer, wollen wir dahingejtellt jein lafjen. — Im 
Ganzen bemühe ich mich immer meine ftatiftifchen und therapeu- 
tifchen Refultate fo ſchlecht wie möglich herauszurechnen; mir bleibt 
nur alles Mißlungene im Gedächtniß, das Belungene — ich 
als felbftverftändlich, auch ohne mid, gelungen; jo habe ich denn 
mein Sebtag wenig Freude an der praktifchen Ehtwurgte — 

Ich wünſche Ihnen ein angenehmeres — 
Freundlichen Gruß an Herrn Prof. Roſe.**) Ich log 2 — 
Zürich, mußte aber eilen, um zur rechten Seit in Mien zu ſein. 


*) Die ‚offene MWundbehandlung nad Erfahrungen aus der chirurgischen 
ini 3 zZ Z ir! ; 872. Pr ala 2 sr ir. 2 , { 
Ba Se te * Zürich, feit 1881 dirigir. Arzt der chir. Abth. in 

Bethanien in Berlin. 


— 126 — 


Alfo arbeiten Sie fo fort, wie Sie angefangen haben, fo werden 
dann die Erfolge nicht ausbleiben. 
Th. Billroth. 
5 


95) An Prof. His in Leipzig. Ay 
Wien, 25. October 1872. 
Sieber Freund! | | 

... Ich war begeiftert für Straßburg!*) wäre ich Junggefelle 
gewefen, ich hätte auf meine alten Tage noch den Kampf aufge 
nommen; doch fo ging es doch nicht. Jc habe nun einmal meine 
Familie hier in einen gewiſſen Comfort ohne Derfhwendung ge 
wöhnt, und das habe ich doc nur durch die Praris; Feine Regie 
rung kann das erſetzen. So bin ich mit goldenen Ketten gefefjelt... 
Das Leben in einer großen Stadt und mitten im Trubel focialen 
Dafeins confumirt ftarf; doch fo lange man gefund und mitteljung 
ift oder fich wenigftens fo fühlt, fo bietet es auch vielerlei für den, 
der zu genießen verfteht und fich die richtige Eintheilung zwifchen 
Arbeit und Genuß zu maden veriteht. 

Daß mich die praftifche Derwendung meiner Kunft glüdlih 
mache, kann ich nicht fagen; ich bin nicht von den befcheidenen 
Naturen. Doc; daß mic, die beften Erfolge meiner Kunjt befrie- 
digten, Fann ich nicht fagen. Was ich nicht Fann, was mir miße 
glüct, das quält und wurmt mich, und nicht felten verwünſche ich 
die ganze Chirurgie. Aber kann man fich noch der reinen Wifjen- 
haft hingeben, wenn man die Praris Eennen gelernt hat? ich bes 
sweifele es faft. Die taufend Beziehungen, in welhe man als Arzt 
zur Geſellſchaft tritt, fo peinlich fie oft find, fo aufregend, jo depri- 
mirend — ich Fönnte fie nicht mehr entbehren, oder beſſer gejagt, 
fie fehlen mir nad) einiger Seit der Ruhe und Entfernung aus der 
Drotienen 

Der Deine 
Th. Billroth. 


* 


) Billroth lehnte eine J RN ſche Univerſität in 
Steafburg ab. } lehnte einen Auf an die neugegründete deutſche Univerjt 








96) An Prof. Socin in Bafel. 


Wien, 1. November 1872, 
Sieber Socin! 


Es war mir recht betrübt, daß es mir neulich, als ih Bafel 
paſſirte, um meine Familie aus Montreur abzuholen, nicht möglich 
war, Dich zu befuchen. Du haft felten Ruhe vor mir gehabt, wenn 
ich durch Bafel Fam; doch es ließ fich dies Mal nicht arrangiren. 
Wir hätten wohl Mancherlei wieder mit einander auszutaufchen 
- gehabt, Chirurgica fowohl als Humana generalia. 

Dor Allenı hätte ich Dir gern perfönlich meinen Dank für Dein 
mit Klebs*) gemeinfam herausgegebenes Buch**) gefagt; nicht nur 
für den werthvollen intereffanten Inhalt, fondern befonders auch 
für das Wohlwollen und die freundliche Befinnung, die Du darin 
für mich ausgefprohen haft. Ich thue dies hiermit nachträglich 
und drücke Dir im Geifte dafür herzlich die Hand. Je älter ich 
werde, um fo empfänglicher bin ich für alles Liebe, das man mir 
anthut. Die weiche, ja vielleiht zu weichlich fentimentale Seite 
meines inneren Menſchen fehmilzt die Krufte, welche ſich mir beim 
Kampf ums Dafein im feindlichen Leben umgelegt hatte, wieder 
durch. 

Daß Deine lange ſchriftſtelleriſche Zurückhaltung Deine Freunde 
verwundert hat, wird Dir nicht auffallend ſein. Um fo mehr war 
ich erftaunt und erfreut, daß Du nun gleich mit einer jo großen 
und famofen Arbeit herausgefommen bift, aus welcher ich fehe, daß 
Du der fchriftftellerifchen Darftellung nicht minder herr biſt, als 
der mündlichen in Vortrag und Mittheilung. Es ſcheint eine eigen 
thümliche Scheu vor der Druderfhwärze gewefen zu jein, die Sn 
bis dahin zurüdgehalten hat. Am meiften habe id) mic a 
daß ich mich durch Deine mir mündlich oft geäußerte 3 2% 
Schriftftellerei abhalten ließ, Dich zur Mitarbeit an der En — 
Chirurgie aufzufordern. Hätteft Du mir nicht ſelbſt diefe a X ur 
keit des Schriftftellers Soctn beigebracht, jo hätte — * 
Jahren ein recht großes Capitel auf den Vacken gel nl 


hr Born, Würzburg, Prag, Zürich. 
{ nie in Bern, Würzburg 
VE EHEN ihn Anatomie der Schußwunden, ach 
"*) Klebs, Beiträge zur pathologtich f. Fruhe 1870 und 1871. Socin, 
Beobachtungen in den Kriegslagarethen I Carlsruhe 1870-1871. Keipjig 1872. 
Kriegschirnrgifche Erfahrungen, aefammelt in Carlsruh 


* 


— 28 


jetzt, was ich mir eigentlich ſelbſt immer gedacht habe, daß ich in 
dieſer Beziehung wieder einmal ſehr dumm gehandelt habe. Ich 
will nun verſuchen, dieſe meine Dummheit in etwas wenigſtens zu 
corrigiren » + + + 

Ic wende mih nun vertrauensvoll an Dich mit der Bitte, 
diefen kleinen, aber nicht uninterefjanten Abfchnitt*) zur Bearbeitung 
zu übernehmen. Pitha vereinigt feine Bitte mit der meinigenz er 
würde Die felbft gefchrieben haben, wie er mir fagte, wenn er ſich 
nicht fehr leidend und angegriffen fühlte. Es geht jest recht flott 
mit dem Merk vorwärts; ich hoffe, daß es im nächiten Jahr be— 
endet werden wird, wern Du uns mithilfft. Sei jo freundlich, mir 
Deinen Entfhluß, hoffentlich eine zufagende Antwort, recht bald 
mitzutheilen und jet herzlichit gegrüßt von 


Deinem 
Th. Billroth. 
* 


-97) An den Herausgeber. 
2 Wien, 11. Januar 1875. 


Sieber Herr College! 1 


Gewiß ift Ihr Gedanke, eine Anzahl Biographieen deutſcher 
Chirurgen herauszugeben, ein ſehr glücklicher und das Unternehmen 
ein ſehr verdienſtvolles. Ebenſo gewiß aber ſcheint es mir, daß die 
Zeitſtimmung demſelben nicht beſonders günſtig iſt. Die modernen 
Methoden der Naturforſchung haben es möglich gemacht, daß jeder 
Einzelne ſich in dieſer oder jener Weiſe an der Forſchung bethei⸗ 
ligen kann, wenn er irgend eine Methode derſelben einigermaßen 
beherrſcht. Dies hat zu einem außergewöhnlichen, ja oft krank⸗ 
haftem Selbſtbewußtſein auch der jüngſten Arbeiter geführt, die ſich 
jetzt, ſowie ſie irgend etwas leiſten, als Mitarbeiter an den Fort⸗ 
ſchritten der Wiſſenſchaft fühlen. Wie auf dem politiſchen Gebiet, 
herrſcht auch jetzt auf dem wiſſenſchaftlichen Gebiet das Gefühl der 
Gleichberechtigung Aller, die arbeiten wollen und können — gleich⸗ 


*) Krankheiten der Proſtata. 








viel mit wie viel oder wie wenig Talent — und diefem indivi- 
duellen Selbjtbewußtfein, diefem Gefühl, der Autorität quand même 

nicht mehr unterthan zu fein, verdanfen wir Deutfche zum großen 
Theil unjeren polittjchen wie wiffenfchaftlichen Aufihwung. Das 
Pathologiſche in dieſem Proceß liegt nun auf dem Gebiete der 
- Dolitit im Soctalismus, und eine foctaliftiiche Nivellirung aller 
getjtigen Arbeiter ift das, was von Dielen halb bewußt für möglich 
erachtet wird. 

Diefe Heitjtrömung ift in meinen Augen ein Grund, weshalb 
das Bros der Menſchen jest wenig Keigung haben wird, fich mit 
den Leiſtungen bedeutender Männer früherer Zeiten zu befchäftigen. 
Es fommt dann weiter hinzu, daß die Mußeftunden der Mleiften 
von denjenigen Bebildeten, die fich überhaupt mit Geſchichte befaffen, 
durch die vielen intereffanten Werfe über die Geſchichte der Menſch— 
heit überhaupt in Anfpruch genommen find. Darwin, Strauß 
find die Männer des Tages; Budle, Stuart Mill, Scherr find 
die Schriftiteller, die man mit Intereſſe lieſt. Alles drängt nach 
Eulturgefchichte der Menfchheit, der Dölfer. Spectalgefhichte ein- 
zelmer Länder findet Faum noch ein Publifum; man interefjtrt ſich 
für große Sachen, Gedanken, und für einzelne Menfchen nur fo weit 
fie mit folhen zufammenhängen. Das Intereffe des Individuums 
am Individuum hat fich fehr verloren. Niemand hat, jo lange er 
ſelbſt arbeitet, mehr Zeit, ſich mit dem Bedanfengange Anderer zu 
befaſſen; den modernen Forfcher, ja den modernen Menſchen in 
tereffirt nichts, als was ihn momentan beſchäftigt. Die geiftige 
Production diefes Jahrhunderts ift ja eine jo colofjale, wie bie 
Geſchichte Feine zweite Epoche kennt; die Zeit hat mit fich ſelbſt zu 
thun, fich zu verftehen, da ift wenig Sinn für das ——— 
Vielleicht iſt dies eine völlig falſche Auffaſſung der Verhältniſſe, doch 
iſt es meine Meinung, und nicht nur von heute. — 

Doch auch ſachliche Hinderniſſe hat Ihr gewiß ſehr SUR 
Plan. Ich bin ein ſehr fanatifcher Bermane, vielleicht jogar — 
germaniſcher Chauviniſt; doch von einer ſelbſtaͤndigen — 
Naturwiſſenſchaft, Medicin und Chirurgie können wir — 
ſehr kurzer Zeit reden. Was wollen alle die — ie 
von £. Heifter bis Ruſt, die Sie nennen, gegen ihre Se genof 
Barvey, 5. und W. Hunter, Nonro, Perey, — 

sr deute u c ’ 
puytren, Bichat, Cooper bedeuten! Auch dte Chirurgen, die 


9 
Briefe von Theodor Billroth, 


— 130 — 


Sie von C. M. Sangenbed bis Dieffenbad (und diefen nicht 
ausgefchloffen) nennen, jo bedeutend fie find, ftehen doch alle auf 
franzöfifchen Schultern; fte bilden eine Uebergangsperiode. Das 
Spätere liegt uns zu nahe, als daß wir es hiftorifh beurtheilen 
könnten. Dielleiht find Stromeyer, Baum, 8. v. Langen» 
bed, Rofer, Bruns die erften Chirurgen, die auf rein deutſchem 
Boden gewachſen find und dann mit deutfchem Geifte eigene Ge— 
danken verarbeitet haben. ; 

Noch etwas verringert in meinen Augen den Werth unſerer 
beiten Dorfahren: das ift das Fleine Material, über das ſie ver— 
fügten, felbft wenn fte fehr alt wurden und fehr fleißig waren, und 
die Unzuverläffigkeit. Nicht daß jie gerade Lügen gefchrieben haben, 
Sondern daß fie die Mängel ihrer Kunft und ihres Wifjens ver- 
ſchwiegen oder nicht als ſolche zu erfennen vermochten; fie fchrieben, 
um zu zeigen, was fie fonnten, nicht um zu zeigen, was fie nicht 
konnten. Daß die Begabteften zuweilen das Richtige trafen, in— 
tereffirt uns nicht fehr; der moderne Menſch [hätt nur das, wovon 
er genau weiß, warum es fo oder jo Fommen mußte. Wir Fämpfen 
ja Alle gegen die Anbetung des Erfolges, nur weil es Erfolg ift. 
— Ich würde nun troß aller diejer Bedenken gern an Ihrem 
Werke Theil nehmen, weil id) den Gedanken zu demfelben für einen 
vortrefflichen halte; doch ich bin ganz außer Stande neue Arbeiten 
zu übernehmen. Mein Gehirn iſt im Sauf der letzten Jahre in 
einer Weife maltraitirt, daß ich zuweilen fürchte, es macht nächſtens 
einmal strike. Ich bin furchtbar arbeitsmüde. Bis Ditern werde 
ich mein Werk über Coccobacteria septica*) vollendet haben, und 
Sie werden daraus erfehen, daß Alles, was ich in den letzten fünf 
Jahren veröffentlicht habe, nur beiläufige Kleinigfeiten waren. Nicht 
als wenn dies neue Werk ein irgendwie entſcheidendes wäre, fondern 
wegen der enormen Detailarbeit, die da hineingeheimnißt ift, und 
die mich neben Kehrthätigkeit, Praris, gejelligem Treiben ıc. doch 
mandmal in wirblige Derzweiflung gebracht hat, Uebrigens wird 
das Bud) nad) allen Seiten faft nur Enttäufchungen bringen. 

Yehmen Sie meine Zeilen, lieber College, nur als eine ganz 
individuelle Meinung und laffen Ste ſich dadurch nicht beirren. 


Unterfuchungen iiber die Degetationsformen von Coccobacteria septica 
und den <ntheil, welchen fie an der Entftehung und Derbreitung der acciden⸗ 
tellen Wundkrankheiten haben, Berlin, Reimer 1874. d 








— I — 


Sprechen Sie mit Baum und Stromeyer darüber, und laffen Sie 
fh von ihrer Erfahrung rathen. 
Mit freundlichitem Gruß 
Ihr ergebenfter 
Th. Billtoth. 


* 


98) An Prof. Hanslick in Wien‘). 
Wien, 30. März 1873. 
Sieber Hanslick! 


Herr Deffoff**), deffen muftfalifche Derdienfte um unfer Wiener 
Muſikleben von uns ftets aufs Nahdrüdlichfte hervorgehoben find, 
hatte die originelle, aber wie uns fcheint, wenig glüdliche dee, 
zwiichen zwei Stücde von Beethoven eine Piece von Liszt einzu- 
ſchieben, die unter dem Namen „Mephiftowalzer” einer Inſpiration 
aus Heine’s Tanzpoem „fauft” ihren Urfprung zu verdanken fcheint. 
Mir hatten den Eindrud, als wenn Liszt als Mephifto-Bod im 
Dordergrunde Stände und alle Philharmoniker unter Anleitung ihres 
Capellmeifters ihm die von Heine angedeutete Huldigung darbrädhten, 
das Publifum einladend, ein Gleiches zu thun. Es fanden ſich in— 

de& nur Wenige, welche diefer Aufforderung Folge leifteten. Muſika⸗ 
liſch impotent zu ſein, iſt für einen Mann wie Liszt gewiß ein 
Unglück; doch deshalb brauchte man uns nicht Liszt's Impotenz 
zu zeigen. Unanftändig dem Publikum gegenüber iſt es ihm ſolche 
Muſik zu bieten, für die der Ausdruck „gemein“ noch eine Schmeichelei 
iſt. Hat der für die Reproduction der vollendetſten Meiſterwerke 
ſo feinfühlige Künſtler denn gar kein Organ dafür, daß dieſe Muſik 
nicht nur das „muſikaliſch Häßliche“ repräſentirt, ae — 
das „muſikaliſch Efelhafte”! Jedes Stück von Offenbach“**)iſt 
gegen dieſes Arſenik muſikaliſcher Erfindung. Hoffen wir, daß ſich 


*) Prof. Banslick hat Fragmente aus Briefen von Ze eine 
feinem Buch „Aus meinem Leben’ Mt 2% ae et 189 
licht und die übrigen fiir diefe Sammlung gütig — Bi 
ö 22) Biofcapeilmeifter ni der Kaiferlihen Oper in Wien; geft. in Frank 
Furt a. M. 1892. 
***) Geft. 1880, * 


das mufifalifche Imftitut der philharmonifchen Gefellichaft, auf 
das Wien ftolz ift, nie wieder mit ſolchem Brocken⸗Harz⸗ Pech be⸗ 
ſudelt! 
Dein 

Th. Billroth. 
— 


99) An Frau Prof. Seegen in Carlsbad-Wien. 
Wien, 16. Juli 1873. 
Siebe Freundin! 

Ste müffen fich heute ſchon diefe Anrede gefallen laffen, denn 
bei dem Gedanken an den Fommenden Monat fühle ich mid) jo 
glücklich, faft wie beraufcht, und Sie wiffen, in vino veritas! 

Da meine frau und Kinder fern an der Dftjee weilen, und 
mein Kleines Marthchen, mein Fleines füßes Meermädchen mit 
ihren langen blonden.Haaren recht bla und verflärt ausfah, als 
fie abreifte und mich fo wehmüthig beim Abſchied anjah und mid 
fo heiß füßte, glaubte ich ſchon, fie nie mehr wieder zu fehen. Doc 
nun lauten ja alle Berichte gut. Mleine vortreffliche Frau, mein 
finniges Elshen, und mein Schneewittchen find alle gefund, und 
da darf ich nun auch an mich denfen/ 

Ich kann alfo wieder nach Tarlsbad kommen und werde Ihr 
Baus, Ihren lieben Mann und Schweiter und Ihren trauten Kreis 
wiederfehen. Harte Arbeit und Serftreuungen aller Art feffeln mid 
hier noch bis zum Schluß der nächſten Woche. Diele Dperirte und 
mehrere zu Dperirende hängen noch mit ganzer Seele an mir; von 
Jahr zu Jahr mehrt fich ihre Zahl, die Caſt wird fchwerer und 
ſchwerer. Dor einer Stunde verließ ich eine vortrefflihe Frau, die 
ich geftern operirte, eine fchredliche Dperation. Mit welchen Bid 
fie mich heute Abend anfah! „werde ich leben?“ ch hoffe, fie wird 
leben, doch unfere Kunft ift fo unvollfommen! Ein Jahrhundert jtets 
fich fteigernden Wiffens und Erfahrens möchte ich haben, dann Fönnte 
ich vielleicht etwas thun! Doc) fo wie es nun einmal ift, geht es doch 
recht langſam mit unferen Fortſchritten, und das Wenige, was der 
Einzelne erreicht, ift fo fchwer auf Andere übertragbar, ebenfo wie 
fich die Cultur von einem Dolfe zum anderen doch auch nur un— 
vollfonimen überträgt; der Empfangende muß doch das Beſte noch 
dazu thun. Wir müſſen über dieſen Punkt einmal ſprechen, wie 








— 


— 155 — 


es anzufangen iſt, daß das Alles ſchneller geht; Lübke wird vielleicht 
Rath wiſſen. 

In Kurzem hoffe ich die Caſt der Verantwortung von meinen. 
Schultern ſchütteln zu können und Wien den Rücken für einige Feit 
wenden zu können ... Ich kann ſchon jetzt nicht aufhören mich 
mit Ihnen zu unterhalten, obgleich ich dies Vergnügen heute durch 
zwölf Geſchäftsbriefe und drei Correcturen erkaufen mußte. Da ich 
ſeit Wochen viel allein war, fürchte ich ſehr, daß meine Gedanken 
oft in Carlsbad erplodiren werden. ch bitte Sie und Ihren Mann 
jo gütig wie fonft gegen mich zu. bleiben. ch bedarf deffen mehr, 
als Sie glauben. a 

Der Ihre 
Th. Bilkoth. 
> 


100) An Prof. Ezerny in Freiburg t. Br. 
Wien, 9. Auguft 1873. 
Sieber Ezerny! 

Nach Empfang und Studium Ihres lebten Briefes fiel mir 
unmwillfürlich das ſchöne Lied von Chamiſſo ein: „So hat man 
Dir den erften Schmerz gethan!“ Ich Fenne diefe Berufungsihmerszen, 
die man mit der jungen Frau durchmacht; da fieht man denn auch 
alle Intriguanten doppelt und von gräßlicher Schwärse. Doch um 
nun auf die ebene Bahn des Briefftils zu Fommen, ic} weiß von 
der ganzen Gefchichte nichts. Dor etwa 1)» Jahren ſprach Hering“) 
mit mir von der Angelegenheit, dann ſchrieb mir Henke**) darüber; 
beide Male nannte ih Doltmann, Simon und Sie und metwit⸗ 
dieſe Trilogie. Ich war nicht wenig erſtaunt wenige Tage vor 
meiner Abreife die Ernennung Heine’s*"”) in der Heitung u 
Ic habe wenig Freude daran erlebt, mich in Oeſterreich Re 
liche Angelegenheiten zu mifchen und enthalte mich I — 
dieſer Richtung. Ich gehe von der Anſicht aus, daß der linifter, 


*) Prof. der Phyfiologie in Prag nach 
**) Prof. der Anatomie in Prag, CHI 1, wurde 1875 nach Prag 
*#*) 5, Deine, Prof. der Chirurgie in Junsbruc, wann Sn ei Chir 
Earl BUtE? ah hrieb einen Ziefrolog im Archiv — 
berufen; geft. 1877. (Bilfroth ſchrie 
rurgie, Bd. 22.) 


wenn er meine Meinung hören will, mid) jeden Augenbli citiren 
kann; ich werde aber nicht zu ihm laufen, um unter Anfhwärzung 
Anderer ihm Diefen oder Jenen aufzucomplimentiren, Sie wiffen, 
daß ich mit Dumreicher in foctalem Derfehr ftehe; ich lehne aber 
jedes Geſpräch über wiſſenſchaftliche Dinge und wifjenfchaftliche 
Perfonalten mit ihm ab, denn ich habe ebenjfowenig Einfluß auf 
feine, als er auf meine Anfichten. Will die Innsbruder Fakultät 
meine Meinung über diefen oder jenen jüngeren Collegen hören, jo 
bin ich gern bereit fie zu geben. In Deutfchland, Italien, England 
und felbft in Franfreich gilt mein Wort wohl etwas; doch in Wien 
fchadet es meift Denen, für die ic ſpreche. 

Saffen Sie den Sachen ihren Lauf und verfümmern Sie ſich 
“nicht eine Stellung, die Sie haben, mit Dorftellungen von foldhen, 
die Sie haben Fönnten. Ich habe das Alles ſchon jo oft durch— 
gemacht, daß ich mic fehr wohl in Ihre Stimmung verfegen kann; 
ih war in den erften Jahren in Wien auch nicht auf Roſen ge— 
bettet. Balten Sie fih an Ihre MWiffenfhaft, Ihre Arbeit, Ihr 
Baus und denken Sie dann „mag fommen, was da fommen mag!” 

Die Arbeiten Ihrer Schüler find uns fürs Archiv jehr will 
- fommen; ich bitte diefelben direct an Burlt zu fchiden. 


* Der Ihre 


* 


Th. Billroth. 


101) An Prof, His in Leipzig. 
Carlsbad, 12. Auguſt 1873. 
Sieber Freund! 


... Ich hatte einen fehr unruhigen Sommer. Wohl habe ich 
unter den vielen fremden Aerzten aller Nationen, die mid) befuchten, 
manche interefjante und viele wohlwollende Collegen gefunden, doch 
daneben viele läftige. Ich wurde in die Action der Ausitellung 
halb widerwillig hineingezogen. Die Derhältnifje fügten es, daß ich es 
nicht vermeiden konnte die Einrichtung des ziemlich großen Pavillons 
„reiwillige Hülfe im Kriege” mit zu übernehmen, und da gab es 
manchen Aerger, bis Alles fertig war. Schließlich ift das Ding 
recht nett geworden. Nun habe ich audy noch zu Anfang October 
mit Mundy und Wittelshöfer einen Congreß zur Befprehung 





| 


u a a u u a rn er er TE TEE 








— ol 


von Militair-Santtätsangelegenheiten einberufen; fo reiht fich Eines 
ans Andere, 

Dein neues Bud, wird wohl eher fertig werden, als meines, 
von welchem alle 14 Tage nur ein Bogen gedrudt wird, Wäre ich 
ein junger Schriftiteller, jo würde mich das zur Derzweiflung bringen; 
doch jo ertrage ich es mit Geduld. Jh muß auch zugeben, daß 
mein vielfach überarbeitetes Manuſcript Schwer zu leſen ift. 

Hier führe ich ein enormes Bummelleben. Bis Ende der 
nächſten Woche bleibe ich noch hier; dann fahre ich direct nad 
Häringsdorf zu meiner familie. 

Freundlichſte Grüße an die Deinen von 
Deinem 
Th. Billroth. 


* 


102) An Dr. Mar Müller in Eöln. 
Wien, 22. October 1873. 
Sieber Mar! 


Ich rathe, die betreffende Gefhwulft nicht zu operiren. Eine 
abfolut fichere, fhonungslofe Operation hat in folchen Fällen immer 
bald den Tod zur Folge; eine vorfichtige Operation, bei der man 
möglichft ſchont, ift zwedlos. Gewöhnlich tritt Recidiv ein, noch 
bevor die Wunde geheilt iſt. 

Diefe Gefhwülfte haben mich fchon oft zur Derzweiflung an 
unferer Kunft gebracht. Ich habe viel damit verjucht; parenchyma⸗ 
töfe Injectionen von Jod, Arg. nitric., Bold, Carbolſäure, Fink, 
Pepſin 2c., ebenſo wie Electrolyſe verſchlimmerten den Zuſtand; 
Erweichung, ſelbſt partielle Verjauchung beförderten das Ende. 

Ich habe gerade ſo einen Fall wieder auf der Klinik; ich mache 
auf Czerny's Rath jest parenchymatöfe Injectionen von — 
Fowleri (*/s. gr) in allmählich fteigender Dofe, kann aber — 
Erfolg noch nichts ausſagen. Czerny ſah bei — en 
Eymphomen günftigen Erfolg. — In einem Falle hatte en en 
wöchentliche continuirliche Application von Eisblafen, vom pa a a 
felbft {ehr forgfältig durchgeführt, den Erfolg, dab ln 
um die Hälfte verkleinerte; dann reifte Patient nach Haus un 


— 156 — 


dort einige Wochen jpäter geftorben. Bei 3 folder Sectionen fanden 
fih ymphome in Lungen, Seber, Milz. 
Freundlichiten Gruß! 
Der Deine 
Th. Billroth. 
* 


105) An frau Prof. Seegen in Carlsbad-MWien. 
Wien, 30. October 1873. 
Derehrte Freundin! 


Gewiß ift es eine große Eitelkeit von mir, wenn ich poraus- 
fee, daß Sie erwartet haben, ich würde mein in Carlsbad flüchtig 
geſprochenes Wort löfen und noch von Häringsdorf aus Ihnen über 
den Eindruck berichten, den Turgenjew’s*) „Fgrühlingsfluthen‘ 
auf mich gemacht haben. Sie haben inzwifchen Europa von der 
Nordſee zum Mittelmeer durchkreust, und ich war bis Stodholm 
hinauf. 

Ic habe auf der Reife jo mancherlei gelefen und mich bemüht 
in dieſer Beziehung das nachzuholen, „was ich in Carlsbad dies Mal 
verfäumt; dennoch ift es auch dies Mal nur Ihr Derdienft, dab 
meine literarifche Bildung nicht ganz ftagnirt hat. Ueber die Moos | 
vellen und Romane, welche ich in Ihrem Kreife nennen hörte, bin 
ich auch dies Mal nicht hinausgefommen. Der Eindrud, welchen 
ich davon hatte, ftimmt aber nicht mit demjenigen überein, welchen 
ich noch bei Ihnen vorfand. 

Was zunächit die „Krühlingsfluthen“ betrifft, jo laffe ich der 
farbenreihen Schilderung und meifterhaften Skizzirung der Charaktere 
alle Gerechtigkeit widerfahren; auch originelle Erfindung ift darin. 
Doch der Inhalt der Figuren, zumal der Hauptfiguren ift doch ein 
entfetslich dürftiger, fo dürftig, daß ein warmes poetifches Intereſſe 
faum auffommen Fann. Ich laſſe die Eonditorfamilie noch gelten; 
es ift das befte darin, doch der Held tft ein gar zu miferabler gehalt- 
lofer Schatten; und nun gar diefe wilde Rufjenfrau! Gewiß ift es 
dem Dichter erlaubt, mit Fräftigen Farben das rückſichtsloſe Hervor⸗ 


*) Buſſiſcher Dichter; geſt. 1885. 








— 152 — 


brechen der Sinnlichkeit zu ſchildern; doch uns ein Weib unter aller- 
let Dorwänden zu zeigen, welches das Durchbrechen aller Schranken 
ſchon hinter ſich hat, und principiell oder wie in dieſem Fall um 
eine Wette mit ihrem Mann eine Gemeinheit nach der anderen 
begeht, iſt doch ziemlich widerlich. Ja, wenn der zu verführende 
Held irgend etwas von einem Charakter an fich hätte, irgend etwas 
als Menſch bedeutete, wenn man Schwierigkeiten fähe, Gefahren 
ernjter Art für ihn oder fie, die zu überwinden einen Reiz hätte! 
— doch von alledem ift nihts. Es find eben zügellofe Menſchen, 
mit denen jich ein jo talentvoller Dichter wie Turgenjew gar nicht 
beihäftigen jollte; es waren ſchwache Stunden, in denen er dies 
Dpus verfaßt hat. 

Diel bedeutender finde ich an poetifchem Behalt wie an plaftifcher 
Kraft den „König Lear des Dorfes”; das find wirkliche ernfte Ge- 
ftalten, ganz ruſſiſch, bei aller Rohheit intereffant. 

Sie werden ftaunen, wenn ich Ihnen nun fage, daß mir die 
„Erlebnifje der Mannesſeele“ viel befjer als Alles Andere gefallen 
haben; es iſt das einzige der in letter Seit von mir gelefenen Bücher, 
welches id) zum zweiten Male Iefen möchte. Selbjt wenn man gar 
nichts über die Entjtehung diefes Büchelhens wüßte, würde doc) 
der Eindruck bleiben, daß ein bedeutender Menſch hier die Feder 
geführt hat. Wie oft ift es fchon bei Romanhelden verfucht, ihnen 
ein Relief zu verleihen, daß man fie eine politifche Kolle fpielen 
ließ, fie zum Profeffor oder Philofophen machte und zwiſchen den 
Zeilen Iefen lieg, daß fie Bedeutendes leifteten; — dennoch glaubt 
man das nicht. Bei der Mannesfeele ijt von den Thaten des 
Schreibers fehr wenig die Rede, und doch hat man die Empfindung, 
daß die gefchilderten Derhältniffe zu den Frauen wohl fein Leben 
verfchönerten und ihm die jchönften Stunden warmer Herzens» 
empfindung brachten, daß die Welt aber einen fo großen une) 
auf ihn hat, daß er immer über diejen Herzensempfindungen — 
darf. So interefſirt er ſtets ebenſo ſehr als die — * 
er in Beziehung tritt; ja, ich möchte faſt ſagen, letztere interefjiren 

il ſi om in Beziehung treten. Das war jedenfalls 
wejentlich, weil fie zu ihm in Beziehuns — 
üngli ältniß beim Wederſchr „ wie 
das urfprüngliche Derhältniß bei 2 d fchreiben, wie bei ähnlich 
Scenen aus Boethe's Selbitbiographie. 

Ich würde es jehr natürlich finden, 

empfinden. Mir ſteckt gewiß das männliche 


wenn Sie anders darüber 
Selbftbewußtfein zu 


— 138 — 


tief in den Knochen; doch lafje ich mich gern vom ewig Weiblichen 
zu einem höheren Standpunft hinanziehen . . . 

Yun habe ich Ihnen jchon allzu viel vorgeplaufcht; ich hoffe, 
Sie kommen nun bald nach Wien, daß Sie mic recht ſchlecht machen 
über meine verfehrten Urtheile und mich eines Befjeren belehren! 
_ Wäre es doch fhon wieder Auguft, daß ich nach Carlsbad ab⸗ 
reiſen könnte. 

Freundlichſte Grüße an Ihren lieben Mann! 
Der Ihre 
Th. Billroth. 


104) An den Herausgeber. 
Wien, 4. November 1873. 


Beehrter Herr College! 
In Rücfiht auf Ihr Intereſſe für Hiftorie erlaube ich mir, 
Ihnen das Photogramm einer großen Wandtafel*) zu überfenden, 
welche im Sanitätspavillon der Weltausftellung hing und nach meinen 
Angaben verfaßt ift. Daffelbe ftellt eine hiftoriiche Entwicdlung der 
Inſtrumente dar, welche ſeit Par&**) zu Ertractionen von Projec⸗ 
tilen verwandt wurden. In einem Kaſten unter dieſem Bilde lagen 
die Driginale der Abbildungen, ſoweit ich fie aus Berlin, Paris 

und hier habe auftreiben Fönnen. 

Mit freundlichftem Gruß 
Ihr ergebener 
Th. Billeoth. 
* 


105) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 4. December 1875. 
Sieber Brahnıs! 
Einliegend ſchicke ich Dir eine Reihe von Auffäten „Die Frauen 
in der Mufif” von dent Mufikreferenten der Berliner Vational— 


2 „our Geſchichte des Pfeilzichens und Kugelziehens.’ 
) Ambroife Pare, der Dater der franzöftichen Chirurgie; geſt. 1590. 








— 189 = 


zeitung. Ich finde diefelben vortrefflih an Inhalt, wie an Dar- 
ftellung ; mir fcheint Alles Gefagte fo wahr, wenn auch nicht durch- 
weg neu, jo doch nie trivial, fondern urfpränglih, und fo ſchön 
ernſthaft warm. Der -t hat eine zweifellofe Derwandtfchaft mit 
Banslid in Empfindung, wie in Darftellung, felbft im Ausdruck 
— und doch wieder anders. Beide find geiftreih und Meifter des 
ſprachlichen Ausdrucks. Hanslid hat mehr Grazie und mehr 
Bumor, .. . Die literarifch-Rünftlerifche Bearbeitung der Bezeichnung 
„weiblich”, das Fünftlerifche Hin- und Herwenden diefes Begriffes, 
der Aufbau des Ganzen ift prächtig. Lübke hat einen Auffas 
„Die Frauen in der Malerei” gefchrieben, der von ganz ähnlicher 
architektoniſcher Faktur ift. Ich bitte die Blätter zurück, wenn Du 
fie gelejen haft; doch preſſirt es nicht. 

Caß mich doch willen, wann die Generalprobe des Bach'ſchen 
Chors fürs nächte Concert ift. 

Der Deine 
Th. Billeoth. 
* 


106) An Prof. His in Leipzig. 
Wien, 12. Februar 1874. 
Sieber Freund! 


..., Diefe Ditern werde ich Leipzig nicht pafjiren, da ich ſtatt 
nach Berlin nah Rom zu reifen gedenke, um mir den längſt ge— 
fühlten Wunfh, Italien zu fehen, zu erfüllen. | 

In den nächſten Tagen wirft Du mein Buch über Coccobac- 
teria septica erhalten. Da id) das Manufeript jchon vor einem 
Jahr abgefhloffen habe, fo fteht mir das Bud, ſchon etwas fremd 
gegenüber. je zorniger die Botaniker darüber fein werden, —— 
beſſer iſt es; denn dieſer Cheil der Botanik ſcheint mir — 
Argen zu liegen. Ich kann nicht verſtehen, daß ſich nicht ein — 
einmal gründlich über die Algen — denn die Syſtematik auf 
diefem Gebiet ift ſchon geradezu komiſch. 

j Ih in A — — daß eine Unzahl —— 
über dies große Stück Fleiſch herfallen wird und a 
unter heftigem Blaffen einzelne Feten herausreipen ER Ba 
wird; doch ich bin pachyderm genug, um mit nichts daraus 3 


— 140 — 


machen. Sollteſt Du in meinem Buch blättern, ſo bitte ich Dich, 
mehr die Abſicht als die Seiftung ins Auge zu faſſen! 
Freundlichſte Grüße von Haus zu Haus! 
Der Deine 


Th. Billroth. 
* 


107) An Prof. His in Ceipzig. 
Wien, 11. Juni 1874. 
Sieber Freund! 
».. Soviel ich durch den Derfehr mit Griefinger gelern 
habe, follte ein Profefjor der Pfychiatrie vor Allem ein gut geſchulter 
interner Kliniker ſein, mit praktiſchem Verwaltungstalent. Nimm 
doch gelegentlich Grieſinger's Cehrbuch der Pſychiatrie in die 
Hand; da wirft Du am beften fehen, was für einen Mann man 
dazu braucht. Ein pathologiiher Anatom ift noch lange Fein Arzt, ’ 
und ein Hirnanatom noch länger Fein Irrenarzt! 
Der Deine 


2 an Th. Billroth. 
| n h. Billroth 


108) An Prof. Socin in Bafel. 1 
Carlsbad, 16. Auguft 1874. 


Sieber Socin! 


Durch einen Brief von Langenb eck erfahre ich heute, daß er 
Dich eingeladen hat, auch nach Dftende zu Fommen; ich denfe dort 
vom 1.—15. September zu fein.*) Mac Cormac**) will aud) 
kommen. Wenn Du kommſt, fo ann es fehr luftig werden. IH 
habe hier fo viel zu arbeiten und zu curiren, daß ich wenig Menſch 
fein darf und hoffe, daß mein ganzer verhaltener Humor in Ditende 


*) Im Vamen Ihrer Majeftät der deutſchen Kaiferin Anaufta war vom 
Central-Comite der deutfchen Dereine zur Pflege im Felde verwundeter und er— 
krankter Krieger ein Preis für ein Bandbud) der ESTER Technik aus⸗ 
geſchrieben. Tangenbeck, Billroth und Socin bildeten damals das Preisgericht, 
und Socin als jüngjter hatte die fchriftlichen Arbeiten zu beforgen. Sur end“ 
gültigen Beſchlußfaſſung war eine Sufammenkunft in Oſtende bejtimmt. 

**) Drof. der Chirurgie am St. Thomas-Hofpital in Kondon. 








ee a 


erplodiren wird. Sch weiß, daß Du eigentlich in dieſer Het Klinik 
halten ſollſt; doch es wird Dir nicht fchwer fallen, den Baslern die 

Hothwendigfeit einer Cur in einem Seebade plaufibel zu machen. 
Du könnteſt ja z. B. eine Gelenfneurofe vorfhüsen, von der ja doch 
Hiemand weiß, was es tft, und gegen welhe nach Esmarch See- 
bäder ſicher helfen.” Du wirft das wohl nad) Lifter*) curiren, ebenfo 
wie die Projtatahypertrophien. Wir baden in Dftende gewöhnlich 
ohne Larbolfäure: ſie würde übrigens durch den ſtarken Salzgehalt 
des Seewafjers fofort neutralifirt werden. Du brauchſt auch kein 
Silk protectiv mitzubringen, denn wir baden in Dftende immer 
im Paradies. Derzeih diefen fprudelhaften Unfinn! Komm aber 
nah Ditende! Da find wir Menſchen, dürfen Menſchen fein; in 
diefen 14 Tagen will ic) ausnahmsweife fein Buch fchreiben. Jetzt 
hoffe ich fiher, daß Du kommſt. 

Der Deine 
ch. Billtoth. 
* 


109) An Prof. Meißner in Göttingen. 
Wien, 5. Januar 1875. 
Sieber Meißner! 

Soeben mit dem „Manuale professorum Gottingensium“ be⸗ 
ſchäftigt, trat mir wieder recht lebhaft die Seit vor Augen, wo wir 
vor jest bald 20 Jahren in Göttingen zufanmen eifrig fuditen, 
mifrosfopirten und muficirten. Wie Dieles hat fich ſeitdem verändert! 
Unfere wiſſenſchaftliche Bahnen haben ſich immer mehr von einander 
getrennt, und es ift wohl ein Decennium, daß ich Did Küsh je 
Daß ich Deiner ftets noch in alter Anhänglichkeit gedente, — 
ich Dich wohl kaum zu verſichern. Manches Glückliche — n⸗ 
glückliche iſt inzwiſchen über uns ergangen; doch denke ich, 
wir uns beide nicht beklagen; nicht Viele aus unſerem RL 
Kreife haben das Ziel ihres Strebens erreicht. IH En Ar u 
vielfach beneideten Poſten, doc) außerhalb des ln a en 
im Eril unter Slaven und Hlagyaren, die — a am — 
vergiften möchten; das hat ſo Alles feine zwei Seiten. In me 


5 iſter f. der Chirurgie; ( 
; eph Kifter, Prof. der CH RN rege 
am Hinz Cole 3 N Begründer der antifeptijchen 
geb, 1827, 


in Glasgow, Edinburah und 
on Wundbehandlung; 


Familie hatte ich mandes Mißgefhid; alle meine 4 Brüder find 
todt, von 6 Kindern find mir 3 geftorben. Ich fühle meine Kräfte 
auch matter werden, mein Stern beginnt zu finfen. Das ift fo der 
Melt Kauf. 
Was mich heute zu diefen Zeilen unmittelbar veranlaßt, ift die 
Bitte, mir folgende Kragen über Göttinger Derhältnifje zu be— 
antworten. Es find darunter einige hiftoriiche, worüber Dir irgend 
ein älterer College gewiß Ausfunft geben kann; es giebt ja faft in 
jeder Fakultät Jemand, der fich für dtefe Dinge intereffirt . . Der- 
zeih diefe Quälerei! Doch brauche ich diefe Daten zu einer ver- f 
gleichenden Anatomie und Entwicklungsgeſchichte der deutichen me— 
dicinifchen Fakultäten. Grüße von Haus zu Haus! an Baum, 
BHaffe*), Kraufe. 
Der Deine 


Th. Billroth. 
x h. Billroth 


110) An Prof. His in Leipzig. 
Wien, 8. Januar 1875. 
Sieber Freund! 

Ih habe mir felbft einen rechten Schaden gethan, daß ich Dir 
fo lange nicht fchrieb. Es ift nicht Trägheit, fondern mehr eine 
innerlich) unbehagliche Stimmung, die mid; fehr Tange jhon beherricht, 
und mit der ich meine Freunde nicht gern behellige. Doc, damit 
Du nicht denfft, mir fei etwas befonders Unangenehmes pafjirt, fo 
will ich gleich fagen, daß ich felbft und meine unruhige, ehrgeizige 
Bemüthsart allein daran ſchuld find. Ic kann es nicht lafjen, von 
den Bahnen meines Yarbier-Berufes bald nach diefer, bald nad) 
jener Richtung abzufchweifen und mich in die Schlingen der Vasa 
aberrantia zu verlieren. Es ift ein böfes Ding um das Grübeln 
und Grübeln! Ich ſtecke jet in einer Periode, wo mid) das Detail ° 
und die Specialität nicht recht befriedigen will, und wo mich Probleme 
von allgemeiner Art mächtig anziehen. Das ift ein Feichen der be— 
ginnenden Decadente, des beginnenden Alters! nun, das läßt ich eben 
nicht ändern . . . 
Ich war im Auguft in Carlsbad, im September in Dftende, E 


*) Prof. der inneren Medicin in Göttingen; a. D. 








Be 


Ih lebe im Ganzen viel eingezogener wie feüher. Selbſt die Muſik 
habe ich ganz liegen lafjen; Furz, ich gefalle mir gar nicht. 
Nun ſtecke ich in einer Arbeit, die, wie ich hoffe, nüßlich fein 
‚ wird, deren Material mir aber Schon über den Kopf wächſt. Eine 
Brohüre „Ueber das Lehren und Kernen der medicinifchen 
Wiſſenſchaften.“s) Ich befchränfe mich nicht auf Deutſchland, 
ſondern ziehe alle Länder der Welt in Betracht. Die Schriften über 
Gymnaften, über die Naturwiffenfchaften, über deductive und induc- 
tive Methode ıc. erdrücen mid faft. Bei Kant’s Kritik der reinen 
Dernunft halte ich jhwer aus. Ein Mühlrad dreht ſich fortwährend 
in meinem Bien; dazu fpielt Jemand über mir jeden Abend bis 
12 Uhr Llavier, fo daß ich oft erft von 12—2 Uhr ruhig zum 
Arbeiten komme. Eben fchlägt es halb 2 Uhr; ich hatte fo ftarfes 
Kopfweh, daß ich nicht arbeiten Fonnte. 

Bitte, verfchaffe mir die Antwort der anhängenden fragen und 
ſei mir nicht böfe über diefen häßlichen Brief. 

Herzlihe Grüße von Haus zu Haus! 

Der Deine 
A Th. Billtoth. 


111) An Dr. von Renz in Wildbad. 


Wien, 12. Februar 1875. 


Sieber Herr College! 
Sie haben mir durch die Sendung Ihrer mir bereits theilweife 
bekannten Schriften in fchönfter Form eine freudige Ueberrajchung 
bereitet, Es ift für mid) eine freudige Erfahrung, Freunde aud) in 
weiter Ferne zu wiffen; um fo mehr, wenn diefe ſelbſt fo thätig auf 
dem weiten Gebiet der Wiffenfhaft find, und jelbft hinter den 
Eouliffen wohl Beſcheid wifjend es am bejten —— — 
daß eine glatt von Statten gehende Aufführung EN 
Trauer- oder Luftfpiels auch eine wohlworbereitete fein muß ER 
fi) nicht fo aus den Aermeln fchüttelt. Wenn ich — 
Arbeiten nehme, fo könnte ich daſſelbe ſagen, wie man mir # 
ſagt: „Sie müffen doch fehr leicht fchreiben, das kann NE % 
unmöglich Mühe machen ıc” Man muß eben Freude an der Sache 


nn — 


*) Siehe Brief Ir, 114, Anm. 


== Mit 


haben, dann geht es. Daß Sie rechte Freude an der wiſſenſchaft— 
lihen Arbeit haben, das merft man Ihren Arbeiten an, und da 
pleibt dann auch die Wirkung nicht aus! | 

Nehmen Sie noch meinen befonderen Dank für die Widmung 
Ihrer Schrift über die Spreizlade ... 

Alfo noch einmal herzlihen Dank und Handihlag von Ihrem 
ergebenften Collegen. | 

Th. Billeoth. 
* 


112) An Prof. B. von Langenbeck in Berlin.*) 
Wien, 1. April 1875. 
Sieber Herr Geheimerath! 


Es wird mir reht ſchwer, Ihrer freundlichen Einladung zum 
Congreß und vor Allem zu Ihrem gaftlichen Haufe dies Mal nicht 
Folge leiften zu Fönnen. Doch nicht allein mein Hausbau, den ich 
täglich beauffichtigen muß, fondern auch Familtenangelegenheiten 
machen es dies Mal unausführbar für mich, nad) Berlin zu Fommen. 
— Wir haben beſchloſſen, unfer älteftes Mädchen in eine Penſion 
nach Deutfchland zu geben, und gerade in diefen Tagen reift meine 
Frau Mit ihr nad) Würzburg, um unfer Kind dort zu inftalliren, 
noch eine Woche in ihrer Mähe zu bleiben,; und fie dann dorf zu 
Iaffen. Das Alles Fam ziemlich raſch und hat mich auch in diejer 
Zeit fehr befchäftigt. — Uebrigens geht es mir gut; meine Heifer- 
feit hat mich verlaffen, und in 14 Tagen denfe ich mit unges 
ihwächten Kräften meine Klinik wieder zu beginnen, Ob ih in 
diefem Jahre nach Dftende gehe, weiß ich noch nicht recht. Die 
Seebäder haben mir im vorigen Jahre feinen befonderen Genuß 
gemaht, und im Bade felbit hatte ich Feine angenehmen Empfine 
dungen wie früher, fo wohlthuend mir auch die Seeluft und der 
ruhige Aufenthalt war. Ich bin noch nicht im Stande, Pläne für 
den Sommer zu machen, 

Bueter ift feit einigen Tagen hier; wir vermeiden chirurgiſche 
Geſpräche. Er ift doch wiſſenſchaftlich gar zu unruhig; feine neue 


.  *) Die Briefe an Prof. B. von Kangenbed find von Prof. 5. Silcher 
beim Ordnen des Cangenbeck ſchen Uachlaffes, ſoweit diefer zur Bibliothek * 
Deutſchen Geſellſchaft für Chirurgie gehört, gefunden und durch Prof, Gurlt van 
Herausgeber zugeschickt. 








> MN 


Erfindung der Injection von Blutferum in die Cymphbahnen wird 
er in Berlin demonftriven. Ich bin fo unglücklich, mir den Zweck 
dieſer Methode nicht recht vorſtellen zu können. 
Freundlichſten Gruß an Ihre Frau Gemahlin und beſten Dank 
auch an Sie für die gütige Einladung! 
In alter Treue der Ihre 
Th. Billroth. 
* 


113) An Prof. Hanslid in Wien. 
15. October 1875, 

Der jähe Tod unferes Hlafiwes*) hat meine frau und mid) 
tief erſchüttert. Wir waren uns im lesten Jahre gerade etwas 
näher gefommen, und wir hatten ihn immer mehr jhäßen gelernt. 

Immer häufiger fehe ich aus dem Kreife meiner Freunde Ein- 
zelme fcheiden und merfe auch daran, daß ich älter und älter werde. 
Die Welt geht dabei weiter, und die Oberfläche des großen Mehl— 
breies, Welt genannt, nimmt ſchnell wieder ihre Form an, es mögen 
noch fo viele in ihr verfinfen. Da aud mein Herz, wie das 
unferes verftorbenen Freundes, etwas verfettet und erfchlafft ift, ſo— 
daß es jeden Augenblick fih auf einen Stillftand zu lange ausruhen 
Eönnte, fo möchte ich meine Freunde öfter und ‚öfter bei mir fehen. 


* 


114) An Prof. R. Volkmann in Balle.**) 
Wien, 27. October 1875, 
Alferftraße 20. 
Sieber Richard! 

Um Dir eine Freude zu machen, fiftere ich fett dem 1. October. 
Da ich meine bisherigen Wundbehandlungsmethoden il etwa 
10 Jahre durchgeführt und ſomit einige Erfahrung über 0 — 
zu Erreichende gewonnen habe, glaubte ich es verantworten zu 
ö ir di f ; su bringen. 
Fönnen, Dir dies Dpfer der Freundſchaft zu bringen Die nächſten 

* Die —— — ee fi feines Schwiegerfohns 
Dr. med, R. Dolfmann in Deſſau. ” 


Briefe von Theodor Billroth, 


Refultate waren: eine Carbolintorication mit tödtlichem Ausgang 
unter achttägigem Blutbrechen, 5 ausgedehnte Hautgangränen durch 
die aufgelegten Carbolfhwämme, daneben zwei mit enormer Zell- 
gewebsabftoßung verlaufene klaffende Amputationsftümpfe. Dodh 
da Du fagft, daß das Alles nichts fchadet, jondern fpäter beſſer 
wird, fo wird vorläufig mit ungeſchwächten Kräften weiter geliftert. 
Einige Heilungen nah Amputatio mammae haben mid) frappirt; 
doch die Tatgutfäden werden jo raſch reforbirt, daß fie oft ſchon 
nach 48 Stunden abfallen, und die Wunden wieder auseinander- 
gehen. Wäreft Du nicht jo energiſch für diefe Methode eingetreten, 
ich würde Alles für Schwindel halten; doc; auch die Perfönlichkeit 
Sifter’s hat mid eingenommen, Nach einigen Dugenden von 
chirurgiſchen . . . denfe ich doch endlich auch dahinter zu Fommen. 
Du wirft hoffentlich von den mitgetheilten Kefultaten befriedigt fein. ° 
— Doch Spaß bei Seite; ich beihäftige mich ernſtlich damit, und 
wenn ich wieder vernünftige Arbeiten made, jo denfe ih au 
theoretifch der Sache beizufommen. Mir fällt leider nicht mehr 
fopiel ein wie früher, und meine ärztlichen Freunde dringen ernftlich 
in mid), daß ich alle anhaltenden geiftigen Anjtrengungen für diefen 
Winter meide. Allmählich erwacht indeflen wieder Intereſſe an 
der Chirurgie bei mir; ich war lange, fehr abgeftumpft in diejer 
Richtung. 

Yiht um Did) zum Leſen zu foreiren, fondern nur um meiner 
Eitelkeit zu genügen, daß Feines meiner Bücher in Deiner Bibliothef 
fehlt, ſchicke ich Die mein neueftes Dpus*), das mid, ſeit der Cocco- 
bacteria und den Sazarethzügen fo ausfchließlich erfüllt hat, daß id) 
nur aus Pflicht meinen Obliegenheiten als Lehrer, Arzt und Haus⸗ 
bauer genügt habe, ohne rechtes Interefje. Ich habe mir viele böfe, 
auch wohl einige gute Gedanken von der Seele geſchrieben. Wäh⸗ 
rend ich bei allen meinen früheren Büchern flets den Gedanken 
hatte, daß viele Andere das weit befjer hätten machen können, jo 
habe ich bei diefem letzten Opus die Empfindung, daß zur Zeit 
Niemand außer mir es hätte machen können. Iſt das nicht lächer⸗ 
lih? Das find fo Stimmungen, wie ſie über den Menſchen kommen 
und nur langjfam wieder ausklingen. | 

*) Meber das Kehren und Kernen der medicinifchen Wifjenjchaften an den 


Univerjitäten der deutſchen Nation, nebſt allgemeinen Bemerkungen über Univer⸗ 
ſitäten. Wien 1876. 








— \ 


Herzlichen Danf noch einmal für Deinen meifterhaften Jahres- 
bericht*), aus dem ich viel gelernt habe; nicht minder für die Iette 
Sendung der hübſchen Gedichte, die mich fehr erfreut haben. ch 
habe meine poetischen Stimmungen früher öfter in mancherlei Com— 
pofitionen ausgelafjen, und große Stöße von Motenpapier, von mir 
mit Allerlei befrigelt, hatten fich bei mir angehäuftl. Bor zwei 
Monaten habe ich Alles verbrannt, denn es gefiel mir nichts mehr 
davon. Deine Märhen**) habe ich neulich in Carlsbad wieder 
mit dem größeften Behagen gelefen; es liest für mich ein eigener 
Sauber in diefen Dichtungen; jedes einzelne hat einen fo pofitiven 
poetiichen Gehalt, daß es eine Wonne ift. 

Nächſte Dftern hoffe ich wieder einmal nad) Berlin zu Fommen; 
hoffentlich fällt mir im Sauf des Winters wieder einmal etwas 
Chirurgifhes ein, damit ich was Neues bringen kann; ſonſt wirft 
man mic ſchon jest zum alten Eifen. 

Es hat mich fehr gefreut, daß Schede***) zu einem jelbjtän- 
digen Wirfungskreis gefommen iſt. Die Chancen für die Praris 
find in Berlin für ihn glänzend. Guffenbauer hat in Küttich 
eine glänzende Stellung befommen; er wird ſich zweifellos Bahn 
brechen durch fein Talent, wie dur) feine eijerne Energie. Sein 
Abgang Fommt mir allzu ſchnell; id) bin in einiger Derlegenheit 
wegen eines neuen Affiftenten, da meine Eitelkeit verlangt, daß es 
ein junger Menfch ift, der eine literariiche und Univerfitäts-Tehrer- 
Carriere madıt. 

Körperlich geht es mir guf. Geiftig haben die vielen umfang- 
zeichen Arbeiten der legten Jahre meine allgemeine Receptions⸗ 
fähigkeit in einer erſchreckenden Weiſe herabgeſetzt. 

Diele Grüße von Haus zu Haus! Schreibe mir bald von Dir 
und den Deinen, wie es mit Deiner Geſundheit fteht. Herzlichen 
Gruß! In alter Treue 

Der Deine 
Th. Billvoth. 


Bean dhiwuraie, Seipzig 1825. F STE 
— im a ensöftfchen "Kaminen. Märchen von R. Leander 

Dolfmann) 1871. ——— 
*#*) Mperarzt der chir. Abth. in Frie 

gemeinen Kranfenhaufe in Hamburg. 


2 J than 5) ‚ 
derichshain zu Berlin, jpäter am All 


10* 


— 148 — 






























115) An Prof. R. Dolfmann in Balle. 
Wien, 31. October 1875. 
Mein lieber guter Richard! 


Du bift doch ein Fleiner, oder vielmehr ein großer Schäfer; 
fchreibft mir einen reizenden Brief und verficherft, du kannſt Feine 
Briefe fchreiben. Du, der Du das, was ich zufanımengearbeitet 
habe, wirklich lieft; Du, der meine Arbeiten jo jehr überſchätzſt; 
Du, der Du ein fo lieber Kerl bift, glaubft, ich fet ſchon ganz dumm 
geworden, weil Du lange feinen Brief von mir gehabt haft. Ich 
hoffe, daß Deine gute Anne etwas meine Partie genommen hat; 
ich habe jehr, fehr viele Fehler; doch ich glaube nicht den, meine 
Freunde loszulaffen. Einer meiner Hauptfehler war es jedenfalls, 
viel zu viel zu wollen; die rechte Refignation fehlt mir immer noch; 
ich meine immer noch, nun müſſe doch bald etwas aus mir werden, 
Kaifer oder Papft ... Das Seben in Berlin und Wien, die Ge- 
wohnheit, ftets im Strudel zu rudern, ftets ſich durch ein Gewühl 
von Menschen und täglichen Begebenheiten durchzuarbeiten, bringt 
es mit fich, daß man fich entweder überarbeitet oder abgejpannt das 
liegt; eine eigentliche Tebensfreude habe ich doc, nicht. Caſſen wir 
diefe Dummheiten. 

Beften Dank für Deine Kiebenswürdigkeit, mir Deinen Afjiftenten 
zu ſenden; doch das geht doc aus mancherlet Gründen nicht. Dor 
Allem, weil es die EmpfindlichFeit meiner Aſſiſtenten Fränfen würde, 
die fi die unfäglichfte Mühe geben; denn fie machen bei mir 
Alles, meift auch die Operationen; ich operire in jedem Semefter 
feltener. Die Wunden fehe ich nur bei den zweiwöchentlichen kli⸗ 
niſchen Viſiten; meiſt laſſe ich auch dieſe durch die Aſſiſtenten ab⸗ 
halten. Daß es nach Operationen gut geht, betrachte ich immer 
als ſelbſtverſtändlich; ich ſehe alſo nur die Fälle, die nicht nach 
Wunſch verlaufen. Doch ich habe mich jetzt etwas mehr darum 
bekümmert und auch gut verlaufende geliſterte Fälle angeſehen; die 
Heilung der Wunden nach Amp. mammae imponirt mir bis jest 
am meiften. Was die fehler betrifft, die bei der Methode bes 
gangen find, fo habe ich fie bereits in der Weife corrigiren lajjen, 
wie Du es räthſt. Chlorzinflöfung wende ich nie an; ihre An 
wendung ift älter als Lifter’s Derfahren, idy habe ſchon vor mehr 
veren Jahren zwei Affiftenten darüber arbeiten laſſen. Ic finde | 
gerade die Fehler bei der Kifter- Behandlung jehr lehrreich und Hi 


ma AR 

















möchte fie nicht entbehren; jede abfolute Vollkommenheit ift für 
‚ mich abjolut interefjelos. Ich bin neugierig, was nun nach Kifter 
fommen wird; länger wie 5 Jahre pflegen folche Dinge nicht an- 
zuhalten. 

Es hat mich herzlich gefreut, daß Du Italien genoſſen haſt. 
Obsleich ich dort ſehr ſchlechtes Wetter Hatte, jehne ih mich doch 
dahin zurück; ich werde fehwerlich je dazu Fommen. Die Kinder 
feſſeln uns ganz. DPerwandte, denen wir dieſelben anvertrauen 
konnten, haben wir nicht; Freundinnen, die jo etwas übernehmen 
konnten, oder denen es meine Frau überlaffen möchte, auch nicht. 
Reife ich allein, fo betrübt es meine gute frau.... Da wundern 
ſich die Keute, daß ich ſoviel arbeite; es ift doch nur ein Vorwand, 
‚allein mit meiner Fantaſie fein zu dürfen. Entweder muß ic toll 
arbeiten, oder mich toll im Menfchenftrudel herumdrehen. Mir ift 
‚jede innere Ruhe abhanden gefommen. Wenn ich den Seuten noch 
fo ruhig, gemeffen und wohlwollend vorfomme, kocht in mir oft 
Alles von Seidenfchaft, und ein pſychiſches Fieber durchſchauert mic. 
"Das ift fchon feit Jahren fo; es ift das Refultat ftarfer Gehirn- 
Jüberreizung. Ich warne Dich davor; Du arbeiteft auch zu viel und 
haſt es doch nicht nöthig, Dich durch Arbeit zu narkotifiren. Kaffen 
wir den Unfinn. 

Morgen mache ich wieder eine Kaparotomie, um ein ganz 
‚colofjales Uterusfibrom bei einem 18 jährigen Mädchen herauszu- 
nehmen. Die glänzenden Refultate Pean’s*) machen mich sanz 
wüthend; wir müſſen das auch können. Swei Uteruserſtirpationen 
find mir bisher mißglückt. Dreimal habe ich mich an große Heb- 
tumoren gemacht, doch dreimal mit tödtlihem Ausgang. IA Sn 
ſchon in den fechzigeren mit meinen Saparotomieen. Sie reizen 
mic wie ein Spiel. ah 

Benug von mir; ich bin überzeugt, daß es mit Liſter mm 
befjer geht. Ich denke Anfang nächſten Jahres einen RD 
‚Bericht meiner Klinik zu geben. Dis zum 1. Januar Si 
Jahres rechne ich noch das Derfuchsftadiun mit BURN a var 
dieſe drei Monate (October — December) noch zu meiner alten Sta= 
tiſtik zuwerfen. ————— 
| an Th. Billroth. 
—— REIHE * 

*) Chirurg am Bofpital St. CLouis in Paris. 














116) An Prof. Meißner in Göttingen. 
Wien, 1. November 1875. 
Sieber Freund! 

Herzlichſten Dank für Deinen freundlichen Brief. Ich bin Dir 
beſonders verbunden für die Anmerkung in Betreff der hiſtoriſchen 
Fehler und kann mich nur mit der Schwierigkeit, das aus Briefen 
und Notizen moſaikartig sufammenzufeßende Material zu überfehen 
— entfchuldigen. Sollte das Bucdy*), von dem ich nicht allzu viele’ 
Eremplare habe drucen laffen, allgemeineres Intereſſe und einige 
Derbreitung finden, fo hoffe ich, die Kehler beffern zu Fönnen. | 
bitte Dich, auch Baum zu jagen, daß er die große Siebenswürdige 
feit hat, Fehler, zumal in den Benealogieen anzuftreichen, und midy 
wiſſen zu lafjen. | 

Ic werde wohl vorwiegend Aerger von dem Bud haben, da 
es den Confervativen zu liberal, und den Liberalen zu confervativ 
fein wird. Für die Sache jelbft kann mir jede Berichtigung nur 
willtommen fein. Schließlich ichreibt man doch nur, weil man es 
nicht Iaffen kann, und fo habe das Schickſal feinen Lauf! 

. Der Deine 

Th. Billeoth. 


$ \ 


117) An Prof. Czerny in Freiburg i. B. 
Wien, 10. November 1875, 
Alferftraße 20. 
Sieber Lzerny! 

Sie wiffen, daß ich früher wenig für Uteruserftirpationen mit⸗ 
telſt Laparotomie eingenommen war; indeß nachdem ich jetzt etwa 
50 Dvariotomieen gemacht habe, und inzwifchen das höchſt inter 
effante Buch von Pean über diejen Begenftand erjchienen war, 
faßte ich auch für diefe Operationen Muth. 

Ich habe die Totalexſtirpation der weiblichen inneren Geſchlechts 
werkzeuge wegen enormer Fibrome des Uterus bisher drei Mal ge⸗ 
macht; jedesmal bei jugendlichen Perſonen mit colofjalen Tumoren. 
Den letzten Fall operirte ich vor 11 Tagen; es geht bis jetzt vor 
CA 


one 
) Siehe Brief Nr. 114, Anm, x 








trefflich und hat es ganz den Anfchein, als wenn Patientin durch- 
kommen würde; der Stiel ift dem Abfallen fehr nahe. 
In Péan's Buch wird ein großer Werth auf das Morcelle— 
ment und auf die Drahtſchlingen-Ecraſeure gelegt. Ich habe Beides 
ſehr unpraktiſch gefunden, gebe aber zu, daß unſere Inſtrumente 
den Pariſern vielleicht nachſtanden. Einen Nachtheil von der Größe 
der Bauchſchnitte ſah ich nie. Wenn ſich aus der Statiſtik erweiſt, 
daß mehr Patienten mit langem als mit kurzem Schnitt bei Sapa- 
rotomie jterben, jo hat dies wohl darin feinen Grund, daß in den 
erſteren Fällen entweder enorme Tumoren zu entfernen waren, 
welche jich nicht durch Punction und intracyftäre Serreißung ver— 
fleinern ließen, oder daß ſehr feite Adhäſionen jo hoch hinauf 
ragten, daß dadurch die Derlängerung des Schnittes bedingt war. 
Ih glaube, daß in diefen Urfahen der Schnittverlängerung dte 
Gefahr liegt, nicht in leßterer felbfl. Dennoch, ließ ich mich durch 
Dean beftimmen, den Schnitt nicht allzu groß zu machen und das 
Morcellement nach feiner Methode auszuführen. Dbgleic dies nad) 
Wunfc gelang, fo hielt es doc, lange auf; einmal riß dabei die 
Schlinge. Als ich dann fpäter die Schlingen nach Pean’s Methode 
unten anlegte, fhnitten fie auf einer Seite das Peritoneum durch, 
und es Fam zu einer fheußlihen Blutung, die wir kaum zu ftillen 
vermochten. Dennoch überlebte die Patientin die Dperation um 
5 Tage; erft nady 3 Tagen trat feptifche Deritonitis ein: der unter 
dem Schlingendrud fich raſch verfleinernde Stiel rutſchte nämlich 
allmählich hinein, und die abfaulenden Partieen inficirten trotz aller 
Mühe das Peritoneum. Das Nachſchnüren iſt leichter geſagt als 
gethan. F 
Im zweiten Fall wurde ich durch Braun veranlaßt, DE 
ſuch zu machen, Uterus und Dparien zu erhalten und die 3 FOUIE 
zu enucleiren. Es ift freilich vollkommen richtig, daß die B Kal 
dabei unerwartet und verhältnigmäßig gering iſt; doch — 
ich etwa 30 Fibrome enucleirt hatte, war denn doch en 
des Blutverluftes fo groß, daß ich eilen mußte, die nn 4 EN 
Operationstiſch zu bringen, obgleich immer noch jovie st N 
40» Hlarle des Uterus nicht die Rede 
da waren, daß von einer Hlarlegung ‘ht über der Port 
war. Ich mußte Schließlich doch den Uterus dicht über E F 
—— nach © 3 - : 
vaginalis abſchnüren. Tod durch Collaps (ei & — re Dis 
Der jüngft operirte ‚Fall betrifft ein Miahriges aochen. — 


— 12 — 


erftirpirte Geſchwulſtmaſſe (nicht verfalft, fondern reines Fibrom) 
wog 17 Kilo,. jchreibe fiebenzehn Hilo — 34 Sollpfund. Colofjale 
Netzadhäſionen, ſodaß das ganze Yet abgebunden werden mußte in 
5 Portionen. Schnitt bei erpandirtem Bauch etwa 3 Zoll über den 
Yabel hinaus, tft jest im Ganzen etwa 7 Soll lang. Ich band 
unten jederfeits die Ligg. lata ab, legte dann dicht über der Port. 
vaginalis, faſt fhon an der Vagina eine Ecrafeurfette an, und 
trug dann ab. Obgleich ich 2 Soll über der Hette abgetragen 
hatte, fiel doch der Stumpf jo ftarf zufammen, daß ich ihn Schnell 
mit einer Muzeur-Zange faffen und die Kette mehr jchließen mußte, 
damit der Stiel nicht durchrutfchte. Neben der Kette legte ich eine 
ftarfe Klammer an. Der Blutverluft war gering, der Derlauf bisher 
äußerft günftig. Ich würde im nächſten Fall jedenfalls ebenfo ein- 
fach verfahren. Bei dicker Stielmaffe würde ich der Wells'ſchen 
Klammer nicht recht trauen; ich lafje mir daher jest einen anderen 
Apparat machen, welcher der Hauptfahe nad) aus zwei Ecrafeur- 
Fetten befteht, über deffen Brauchbarfeit ich jedoch noch nidts 

fagen Fann. Di 
Es wird Hegar*) interefjiren, daß die furchtbare Dvariotomie, | 
der er beimohnte, bis jest gut verläuft; eine Eiterung aus der 
Bauchhöhle verhindert noch den definitiven Schluß der Wunde. 
Einige Tage fpäter ftieß ich auf einen Noch viel fchlimmeren Fall, 
der auch gut verläuft; wieder einige Tage |päter operirte ich einen 
ganz einfachen Fall bei Eder**) mit Spray wie die beiden vorigen. 
Diefer Fall ging unter Stägigem continuirlichen Blutbrehen, blus 
tigen Stühlen und endlich auch blutigem Urin zu Grunde Der 
Urin war bis zum 6. Tage noch ohne Blut, doch von Carbol 
fhwarsgrün. Ich halte diefen Derlauf für eine Tarbolversiftung. 
Yun ließ ich in einem Fall 8 Tage fpäter den Spray wieder fort: 
einfache Cyfte, 2”). Zoll langer Schnitt, Klammer. Raſche, fieber- 
loſe Heilung. Bei den erwähnten UÜteruserftirpationen habe ich auch 

keinen Spray angewandt. Zur Zeit habe ich 4 Reconvalescentinnen 
von Dvariotomieen (5 im Spital) und eine von Uteruserftirpation 

(im Spital). 

Da ich meiner frau und meinem Freund Seegen verjprochen 


5 Prof. der Geburtshülfe und Gynäkologie in Freiburg i. Br. 
**) Privat-Betlanftalt in Wien. 





habe, dieſen Winter keine literariſchen Arbeiten zu unternehmen, fo 
_ macht fi meine Schreibdtarrhoe in Briefen Luft, wie Sie a zu 

Ihrem Kummer hier erfahren haben, falls Sie überhaupt bis hierher 
geleſen haben. 

Geſtern Abend habe ich ‚Stromeyer’s Selbftbiographie zu 
Ende gebraht. Senex loquax ift der Haupteindruck, den ich er- 
hielt; der Himmel bewahre mic vor ähnlichem Geſchick. Dbgleich 

mic Manches jympathifch berührte, fo ift denn doch der Brund- 
gedanke, daß dte Wiſſenſchaft zu ihren Ausgangspunkten umkehren 
müſſe, für mich zu entfeglich, denn ich habe die Anfhauung: Ars 
aeterna! 
sreundlihe Grüße an Hußmaul#), Hegar. 
Der Ihre 
Th. Billtoth. 
* 


A18) An Prof. Socin in Baſel. 
. Wien, 21. Movember 1875. 
Sieber Freund! 
Derzeih, wenn ich Dir erft heute für Deine Proftata-Arbeit 
danke, die ich nach Form und Inhalt vortrefflich finde. Hätte doch 
jeder Mitarbeiter fo das rechte Maß getroffen. Das Bud, hält 
mich fortwährend in Athem. Jetzt hat Simon definitiv abgelehnt 
feinen Abſchnitt zu machen, und nun fuche ich wieder neue Mit— 
arbeiter. Wenn es Einer übernimmt, fo dauert es wieder Jahre; 
id) will verfuchen es in mehrere Abtheilungen zu zerlegen und dieſe 

an verfchtedene Arbeiter vertheilen. 

Mein Buch?*) wirft Du erhalten haben; vielleicht findeft Du 
darin etwas, was Dich amüfirt. Die hiefigen politiſchen Blätter 
haben ſich der Anmerkungen bemächtigt und es dahin gebracht, 
daß das große Publikum meint, ich habe ein 500 Seiten dickes 
über die Juden geſchrieben . .. Dh! welche Gerüche fteigen mir auf! 
Sole au gratin! Hat es wirklich auch für mid ein Dftende ges 
geben! Dh Saint-Pomard! Mein Fettherz macht Fortſchritte; 
Seebäder find mir verboten, doch Seeluft und von Seit zu Seit ein 










i ser in Freiburg i. Br., Straßburg, a. D. 
*) Prof. der inneren Medicin ir Freiburg 1. Br., Straßburg, 


**) Siehe Brief Ar. 114, Anm. 


— 154 — 






















Glas Sect ift mir erlaubt. Möchte ich's doch erleben, daß wir noch 
einmal wieder im Pavillon royal Ödinirten. Man ſieht fi doch 
gar zu wenig, und das Leben iſt fo kurzl Jehovah ſchütze Dich und 
Deinen 

Th. Billroth. 


119) An Prof. B. von Sangenbed in Berlin. 
Wien, 16. März 1876. 
Sieber Herr Geheimerath! | 
Ich hoffe dies Mal zum Ehirurgen- Congreß kommen zu Fönnen 
und erlaube mir folgende Dorträge anzubieten: 

1) Ueber Psoriasis linguae. 

2) Ueber Rhinosklerom. 
3) Ueber das Endrefultat von vier geheilten Fällen von 
Eetopia vesicae. 

4) Ueber die Operation einer großen Magenfiftel. 
Ic) bitte Sie davon aufs Menu zu fetsen, was Ihnen gefällt, 
Ich Fann jeden dieſer Dorträge auf 15 Minuten reduciren, doch 
auch erweitern, wenn Seit und Umftände es wünſchbar machen 
Ich habe audy einiges Neue über Coccobacteria, doch muß id) 
endlich hier etwas in die Akademie der Wiſſenſchaften geben und 
habe nichts anderes Paffendes. Es ift auch, meine ich, beffer, dieſen 
Gegenstand vorläufig der literariſchen Discuffion zu überlafjen, da 
er noch zu viel cafuiftisches Detail zur Begründung der einzelnen 
Anfhauungen bedarf, was unperwendbar bei der mündlichen Dis- 
cuſſion ift. | 
Ich habe fehr bedauert, daß fih Dolfmann zu der Polemik 
mit Krönlein hat hinreißen laffen*); doch er ließ fi nicht ab“ 
halten, obgleich ich mehrfach ihm brieflich gebeten, ja dringend ge 
beten habe, die Sahe ruhen zu laffen. Volkmann jceint indeß 
überarbeitet und fo überreist zu fein, daß er für jest gar feinen 
Widerspruch erträgt; gern würde ich ihm etwas pon meinem Dhlegma 
abgeben. Ich meine, wenn man felbft feine jubjectiven Meinungen 
nie vorbringt, muß man auch die amderen Seute reden 
affen. = 


‚ *) Berr_Dr. R. U. Krönlein und feine Statiftit von Richard Volkmann. % 
Beilage zu Air. 96 der Sammlung kliniſcher Dorträge. Leipzig 1875. e 





— 155 — 


Ich hoffe Sie in alter Munterkeit und Friſche anzutreffen. Jetzt 
muß ich mich wenigſtens auf eine Stunde auf dem Commers zur 
Feier des 70. Geburtstages von Anaftafius Brün*) zeigen. Die 
- Jubiläen werden epidemifch. N. plagt mich, ihm einen Stromeyer- 
Artikel zu Ichreiben; er will mir daffelbe bei gleicher Gelegenheit 

thun! ... Auf Wiederjehen! 
Der Ihre 


a Th. Billroth. 


120) An Dr. Johannes Brahms in Wien, 
- Wien, 8. April 1876. 
Sieber Freund! 

Da fi) ſchon fett Wochen ein Latarıh in meinem Kehlfopf 
und meinen Sungen feftgefest hat, der auch jest, nachdem ich nicht 
mehr täglich zu fehulmeiftern brauche, nicht weichen will, jo muß 
ich nach Rath meiner ärztlichen Freunde nachgeben, meine Reiſe 
zum Chirurgencongreß nad, Berlin aufgeben, und mid) bis zum 
Beginn des Sommerfemefters am 24. d. M. nach Meran in Süd- 
tirol zurücztehen, un meine Athmungsorgane in füdlicher Bergluft 
zu calmiren und mein Gehirn auszuruhen. 

Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, Dich in der letzten Woche 
des Monats noch in Wien zu treffen, ich würde mich ſchwer an 
den Gedanken gewöhnen, daß Dein neues Streichquartett nicht zu⸗ 
erft in gewohnten Kreife in meinem Mufikfaal erflingen jollte, der 
ſich in den letzten Tagen mit einem prächtigen Faun und einem 
trunkenen Silen aus Herculanum geſchmückt hat. 

i — N 
Alfo auf baldiges Wiederjehen! en 
Th. Billtoth. 
* 
121) An Drof. 8. von Sangenbed in Berlin. 
Meran (Tyrol), 
Dilla Weinhart, 12. April 1876. 
Sieber Herr Geheimerath! iR ⸗ 

Niemals war ich weniger gern in einer — 

Gegend als heute. Ich hatte mich dies Mal ganz befonders ger 


! ’ ſtaſius in: aeit. 1876, 
*) Anton Aler. Graf von Auersperg, als Dichter Anaftafins Grün; 90) 


— 156 — 


freut, Sie und mande andere Freunde in Berlin wieder zu fehen 
und hatte mich aud) wiffenfchaftlih fo präparirt, daß ich hoffen 
durfte, mit Anftand vor einem Parterre von Königen Sprechen zu 
dürfen, doch — oh Ironie des Schickſals! — mein Kehlfopf ift dies 
Mal der Störenfried. Zur Erftirpation ift er noch nicht reif, doch 
ift er fo reisbar, daß mir nad) furzer Seit des Sprechens durch 
Frampfhafte Buftenanfälle das Reden unmöglid wird; das dauert 
einige Stunden, dann Fann ich wieder laut reden, doch noch kürzer 
und fo fort. Dabei ift mäßiger Saryngo-Brondialcatarch. Ich 
habe diefe Zuftände. ein- auch wohl zweimal im Jahr, gewöhnlich 
am Ende des Semefters. In den Ferien wird es immer bald 
wieder gut. So rechnete ich auch dies Mal mit Sicherheit darauf, 
bald wieder meiner Stimmorgane Herr zu fein, obgleich der dies- 
jährige Anfall fehr intenftv war. Leider ift es anftatt deſſen immer 
ſchlimmer geworden, d. h. jeder Verſuch laut zu reden hat fofort 
frampfhafte Buftenanfälle zur Folge, und fo bin ich denn nicht nur 
für den Congreß unmöglicd geworden, fondern bin hierher geflüchtet, 
um zu fchweigen und mein reizbares Nervenſyſtem zu beruhigen. 
Ich habe mich fehr, fehr ſchwer dazu entſchloſſen und wollte Anfangs 
noch von hier nad) Berlin kommen; doch ich mußte es felbjt meiner 
frau und meinen Freunden gegenüber | zugeftehen, daß das fehr 
unvernünftig wäre. Es würde ein fehr großer Schaden für mid 
fein, wenn ich im nächften Semefter nicht. in voller Thätigkeit fein 
Fönnte; auch ift der Kehlkopf die erblich ſchwache Partie bei mir. 
Die Korcirung eines Catarrhs Pönnte leicht zu Ulcerationen führen, 
vor denen mich felbft meine 108 Kilo Gewicht nicht ſchützen, 
von denen ich hier auch durch fleißiges Spazteren etwas zu ver— 
lieren hoffe. 

Möge nad) dem vorausfichtlichen Treffen auf dem Congreß ein 
für alle Theile gleich befriedigender Abihluß gefunden werden; gern 
hätte ich das Meine dazu gethan. 


Mit herzlihem Gruß 
Ihr 
Th. Billvoth. 








Ze — 


122) An Prof. Meißner in Göttingen. 


en — Meran, 15. April 1876. 

Ich ſtoße eben bei Ueberarbeitung der 8. Auflage meiner all- 
gemeinen Chirurgie auf „Loße”*), Babe ich es geträumt, oder 
it Soße im vorigen Jahr geftorben? Sebt er, jo wünfche i ihm 
gewiß von Herzen ein langes Leben. Jit er geftorben, fo bitte ich 
Did um Müttheilung feines Beburts- und Todesjahres nah Wien 
Alſerſtraße 20. 

Der Deine 
Th. Billroth. 

P.S. Ih bin zwar zur Erholung als Curgaſt hier, habe 

aber noch nicht die Schwindſucht. 


8. 108 Kilo. 
C 2 


125) An Dr. von Winiwarter in Wien. 
Wien, 5. Juli 1876, 
Sieber Herr Doctor! 


Mit Dergnügen überfende ich Ihnen beifolgendes Seugniß. 
Ich kann mir nur noch nicht vorftellen, daß Steiner die erwähnte 
Stellung definitiv aufgegeben haben folltee Da er doch möglicher- 
weife bald wieder zurückkehrt, fo vermuthe ih, daß er am Kinder- 
fpital nur einen Urlaub genommen hat und ſich die Rückkehr vor- 
läufig vorbehielt. Es wäre wenigftens fehr thöricht, wenn es nicht fo 
wäre. Es wäre doch gut, wenn Sie ſich darüber mit ihm noch ins 
Klare festen, damit es bei feinem melancholiſchen Temperament 
ihm fpäter nicht etwa als ein gewaltfames Herausgedrängtjein aus 
diefer Stellung erfcheint. 

Mit inniger Theilnahme habe ich von dem Tode Ihres Schwieger- 
vaters gehört; ich wurde im letzten Moment aufgehalten zum Fried⸗ 
hof zu kommen, und bitte Ste und Chrobak**), meine beſte Abſicht, 
wie ſo oft, für die That zu nehmen. 


Der Ihre 
FIT Co. Billeoth. 


* 


tein in Göttingen, Berlin; geſt. 1881. 


*) Prof. der Philofophie und Med Inn. 


*#) Drof. ertr, der Gynäfologie in 


124) An Prof. von Rindfleifh in Würzburg. 
Wien, 20. Juli 1876. 
Sieber Freund! 


Muß ic Dir noch ein Mal jagen, daß wir Aerzte alle unzus 
rechnungsfähige Hypochonder find, wenn wir krank werden! Du 
haft mir ja dafjelbe Dftern gefagt. Ich glaubte danıals völlig fertig 
zu fein, und war es doc nur ein ordinärer Brondialcatarırh, der 
mich wie andere Sterbliche gepacdt hatte, nur daß ich nervös, ſehr 
überreist war durch geiftige Anftrengung. Jetzt laufe id) Treppen 
wie in meinen beften Tagen, fchlafe wie ein Mops und halte mid 
mit Ausnahme von etwas zu viel Fett für den gefündeften Menſchen. 
Als id) im Mat die Contufion des Schultergelenfs hatte, jah ic 
mich ſchon mit ofteomyelitifcher Nekroſe operirt ıc. Heute trage 
ich die ſchwerſten Iaparotomirten Weiber auf fteifen Armen ins Bett 
wie vor zehn Jahren. Ich muß oft ſelbſt über mich lachen. 

So wird es auch mit Dir fein. Filtrire in Carlsbad Deine 
Tieren, wie ich meine Leber. Wirf alle Arbeit zur Seite! 
Das ift die Hauptjae! Schließe mit dem 29. Juli und fomm 
nach Tarlsbad; in den Wäldern dort wirſt Du bald wieder gar 
flott fein. / 

Chriftel rumort fürchterlich im Haufe; ich ftehe in fortwähr 
vender Beforgniß, daß fie mich auch mit einem grau leinenen Ueber 
zug verfieht und in eine Ede ftellt, oder mich in eine Mottenkiſte 
mit Campher einklebt! | 

Der Deine 
Th. Billroth. 
* 


125) An Dr, Mifulicz in Wien, Affiftent Billroth's. 
Wien, 28. Juli 1876. 
Sieber Herr Doctor! 
Ich will es nicht unterlaffen, Ihnen meine Freude kundzuthun 
über Ihre hübſche Arbeit*). Sie haben den Gegenftand gründlich 
nach allen Richtungen erfaßt und klar dargelegt. Nicht nur Docendo, F | 





*) Beitrag zur Genefe der Dermoide am Kopfe. 





= — 


jondern auch Scribendo discitur. Später werden Sie fih noch 
etwas fürzer fafjen müffen, weil es beffer und intenfiver wirkt; es 
hat auch fein Gutes, wenn der Leſer zwifchen den Zeilen Platz für 
feine eigenen Gedanken findet. Das ift Sache der Hebung. 

Bitten Sie Medopil*), daß er die Correcturen im Auguft, 
und Gerfuny, daß er fte im September macht. Ich ſchicke Ihr 
Manufeript heute noh an Wittelshöfer und habe die Stellen 
marfirt, wo abgebrochen werden Fann. 

Hun leben Sie zwei Monate ausfchließlih Ihrer Be- 
jundheit und arbeiten Sie gar nichts; dann hoffe ich, Ste ge— 
fräftigt im Dctober wiederzufehen. 

Der Ihre 
Th. Billroth. 


126) An den Herausgeber. 
Wien, 4. Movember 1876. 


Sieber Tollege! 


Ihr ſchönes Bud) **), und Ihre freundlichen Zeilen vom 50. Juli 
gelangten erſt Anfangs Dctober in meine Hände, als ich aus den 
Ferien zurücfehrte; und da ich es doch erſt leſen mußte, weil ich 
mir die Freude nicht verfagen wollte, es felbft anzuzeigen, fo werden 
Sie gütigft entfchuldigen, daß diefe Seilen Ihnen erſt ſo ſpät den 
Dank für die Zuſendung Ihres Werkes ſagen. Beifolgend ſchicke 
ich Ihnen die letzte Nummer der Wiener mediciniſchen Dana: 
ſchrift?**). Ich habe viel Freude bei dem Studium Ihres — 
gehabt und manche Belehrung aus demſelben geſchöpft. Nochmals 
beſte 

— Ihre Mazurka beſten Dank; ich wußte gar nicht, daß 
Sie ſo ein eifriger Muſiker und ſelbſt Componiſt find, 

H njter 

N Th. Billvoth. 


* 


) Affiftent Billroth’s. — 6, 
»e) Ra vor 100 Jahren. Keipzig, Dogel, 1870 
**) Yır, 45 mit Billroth’s Anzeige. 


— 160 — 


127) An den Herausgeber. 
Wien, 19. Wovember 1876. 
Sieber College! 

Dor Allem meinen Dank für das Dertrauen, weldhes aus 

Ihrem Briefe zu mir fpricht. Ich Fenne diefe Stimmungen, habe 
fie zu oft durchgemacht und made fte auch jest noch oft durd, ° 
kann mich ganz in Ihre Sage hinein verfegen, Schon oft habe ich 
es bedauert, daß Sie mit Ihrer gründlichen Elinifchen Dorbildung, 
mit Ihrem Fleiß und fchriftitellerifchem Talent noch nicht zu einer 
praftifchen Thätigfeit im Spital gefommen find, fet es mit oder 
ohne dabei Lehrer zu fein. Hätte ich Belegenheit gehabt darauf 
hinzuwirken, fo hätte ich es gewiß gethan. Dod ich bin nun ſchon 
sehn Jahre in Defterreich, wo ein Tiht-Defterreicher von Jahr zu 
Jahr unmöglicher wurde, fodaß ich es immer noch für ein Wunder 
anfehen muß, wie Brücde und ich hieher gefommen find. Man 
fragt mic) hier bet Dacanzen nie; in Innsbruck und Drag be= 
warb ſich Czerny vergeblich, Bet Bewerbungen um andere Kranfen= 
hausftellen hier in Wien hat man meine Affitenten mit einer ges 
wiſſen Dftentation umgangen. Don Deutfchland aus bin ih einmal 
gefragt bei der Berufung von Czerny nad) Freiburg; man wollte 
dort, wie auch in Lüttich neulich, einen Katholiken; in Lüttich keinen⸗ 
falls eine Berufung aus dem Deutſchen Reich aus politiihen Gründen. ° 
So habe ich nie Gelegenheit, mich zu äußern über diejen oder jenen; 
es geht das eben fo, wenn man außer Kandes geht. Hier erfennt 
man mich nicht fo recht als Defterreiher an, und dem Deutſchen 
Reich bin ich durch meinen langen Aufenthalt in der Schweiz und 
hier entfremdet. Dadurch jind auc meine perfönlichen Beziehungen 
nad) und nach gefhwunden. Sowohl die ältere als meine Generas 
tion find bis auf wenige zufammengefhmolzen, die jüngere Genera— 
tion ift mir ganz fremd. Einmal gedenfe ich mich noch mit einer J 
kurzen, fpeciellen Chirurgie zu melden, dann bin ich hiftorifich. Ich 
kann Sie nur verfichern, daß ich in einem fpectellen Falle, wenn 
Sie fih um eine Dacanz bewerben wollen, gewiß Alles thun werde, 
was id} vermag, um Ihnen nüslich zu fein. | 
Wenn Sie mir Schreiben, daß Sie zur Zeit an literariihen 
Arbeiten ermüdet find, fo finde ich das nad) einen fo inhaltsreihen 
Werk wie das letzte vollfommen begreiflih. Mir ift es ſchon oft 
fo gegangen; ja ich Fann fagen, nach jeder größeren Arbeit dachte 















— 1 — 


ich mir, das wird das Letzte fein, num hab’ ich's fatt. Doc) fo wie 
die Kate das laufen nicht läßt, fo hat auch die fchriftitellerifche 
Arbeit ihren dauernden Reiz für den, der fo leicht und gut fchreibt 
wie Sie: es liegt doch viel Freude in diefer Art des Schaffens. 
Ganz verkehrt SAN: LI Z verzeihen Sie diefen Ausdruck —, wenn 
Sie in folder Stimmuns augenblicklicher Ermüdung den Beſchluß 
faſſen wollten, nichts mehr literariſch zu arbeiten; Sie würden das 
| erjtens nicht durchführen und zweitens fich felbft am meiften damit 
| wehe thun. Sch ſehe auch feinen rechten Grund ein, deßhalb fi 
der literariſchen Arbeit zu entziehen, weil Sie bis jetzt noch keine 
praktiſche Stellung an einem Spital errungen haben. Etwas Anderes 
wäre es, wenn die angeſtrengte Thätigkeit Ihre Geſundheit ſchädigt 
— ein faftor, mit dem ich jchon zuweilen rechnen muß —, oder wenn 
die literarifche Arbeit Ihre praftifche Thätigkeit als Arzt ſchädigt; 
doch läßt ſich bei regelmäßiger Thätigfeit da viel thun. Ich rathe 
Ihnen alfo, vor der Hand auszuruhen, einige Monate gar nichts 
Medicnifchschirurgifches zu lefen und zu fchreiben; die Cuſt kommt 
dann fchon von ſelbſt wieder. 

Was nun die letzten Arbeitsaufforderungen an Sie betrifft, jo 
brauchen Sie ſich ja über den eventuellen Nekrolog von Chelius 
noch gar nicht zu entfchließen. hr Bud ift Schuld, daß dte An— 
frage an Sie Fam. Ich halte daran feit, daß das Archiv f. El. 
Chirurgie auch größere hiftorifche Arbeiten und Nekrologe bringen 
foll. Chelius kann nur hiftorifch behandelt werden, und da er jo 
recht aus der Zeit herausgewachſen ift, die Sie in Ihrem Werk fchildern, 
ſo meinte ich, es wäre eine Aufgabe für Sie; ich wußte feinen 
Anderen. für Stromeyer, vermuthe ich, wird Esmarch oder 
Thierſch den Nekrolog ſchreiben; ich möchte dem nicht vorgreifen, 
weiß auch nicht, was Sangenbed und Gurlt darüber denken. 
Den Uekrolog für Simon ſchreibt Loſſen. Ich will Sie gewiß 
mit Chelius nicht langweilen; doch haben Sie ja Zeit, ſich die 
Sache zu überlegen und zu thun, was Ste mögen. 

Anders verhält es ſich mit der allgemeinen Operations und 
Infteumentenlehre für die Deutfche Chirurgie”) SCHAUE Sr 
früher übernommen und fehr kurz gemacht **), wie auch die BEA 





Billroth und Lücke. 


ausgegeben von th 
Hr redigirt von v. Pitha und 


*) „‚Deutfche Chirurgie‘’, her Seh 
7) sit eh der allg. und fpec. Chirurgie, 
Billroth; 8d. I, Abth. 2, 1867. Ir 


Briefe von Theodor Billroth, 


änderte; es wurde immer dicker und dicker, es kamen Atlanten und 


Tafeln im Mebermaß. Da der Derleger damit einverftanden war, £ 
konnte ih nichts mahen. Pitha hat ſich nie um die Redaktion ” 


befümmert. Ich hatte die endlofen Schreibereien und Correcturen 
gründlich fatt und habe auf dringenden Wunſch des Derlegers meinen 
Namen als Redacteur nur hergegeben unter der Bedingung, mit 
dem Techniſchen der Xedaction nichts zu thun zu haben. Wenn 


nun auch Lücke die Correfpondenz mit den Mitarbeitern direct ; 


führt, fo fest er mic) doch immer vorher in Kenntniß. Ich habe 
für die nächte Zeit literarifhe Derpflihtungen an Buchhändler 
auszulöfen und kann mic; daher auf eine neue und breitere Be- 


arbeitung der Dperationslehre nicht einlaffen. Jh muß mid audı 
ſchuldig befennen, Lücke an Sie verwiefen zu haben; ich weiß, daß” 
Sie den Abfchnitt gewiffenhaft bearbeiten werden und meinte auch, 


es fönnte Ihnen förderlich fein, ein etwas umfangreicheres Terrain 


in diefem Werf zu gewinnen. Meberlegen Ste ſich doch die Sadıe; 
bis 1. Movember 1877 ift noch lange hin. Machen Sie es etwas "Fi 


“ Breiter als ih, doh aud nicht zu lang; Sie werden jhon das” 


Richtige treffen. Schreiben Sie Ihre ns an Cüce, damit | 


es Feine Confuſionen giebt. 


für Ihr hübſches poetifches 2 freundlichiten Danf! Mit x 


beftem Gruß — 
er Ihre 
Th. Billroth. 


J 
* 
* R- 


128) An Dr. Heudörfer in Wien. 
Wien, 20. November 1876. 
Geehrter Herr College! 


Sreundlichften Dank für die Mittheilung Ihrer Arbeit über | 


MWundbehandlung.*) Ich theile Ihre Anficht, daß die Theorie 


Kijter’s irgendwo noch ein Koch hat; die meiſten Forſcher ſind wohl | 


dtefer Meinung. Uebrigens ift die Alethode, wie mir aus meinen 
bisherigen Derfuchen mit derfelben erfcheint, eine fehr brauchbare, 
und da fie wohl nie fchadet, durch ihre uniformirte Technik eu 


*) Die chirnrgifche Behandlung der Wunden. Wien, 1876. 


. 
Abſchnitte im Enke'ſchen Buch von mir abſichtlich ſehr knapp ge- j 
halten find. Sie wifjen, wie das Buch allmählich feinen Charakter 3 





— 16 


eine praktiſch ſehr verwendbare. Da dies ziemlich allgemein an— 
erkannt iſt, ſo habe ich keine weitere Gelegenheit genommen, mich 
öffentlich darüber auszuſprechen. 
Ihr ergebenfter 
— Th. Billroth. 
129) An Prof. Czerny in freiburg i. Br. 
Wien, 2. December 1876. 
Sieber Lzerny! 

| Ihre Berufung nad, Heidelberg hat mid fehr gefreut. Daß 
Ste dort in Dorfchlag kommen würden, habe ich wohl erwartet; 
daß Sie unico loco vorgefchlagen wurden, ift fehr ehrenvoll für 
Sie. Melden Ste mir doch gleich, wenn Sie Ihre Ernennung haben. 
Sonderbarer Weiſe haben fich diverfe junge Chirurgen an mich ge= 
wandt, damit ich fie als Ihre Nachfolger empfehle, ein heikles An— 
finnen. Wenn die Keute wüßten, wie wenig influencirbar ich Din, 
wo es fich nicht um meine Ueberzeugung handelt, hätten ſie ſich die 
Mühe erfparen Fönnen. 

Bier bin ich jest vom Collegium und Aerzten ganz außer Curs 
gefest; Alles fährt wie toll auf die Poliklinif der Docenten los, und 
—— oh Entjegen! — ich habe die Bedeutung des Inſtituts ver— 
theidigt und nur die Taftlofigkeiten einiger Mitglieder des Inſtituts 
Zerügt. Jetzt follen wieder neue Derhandlungen über die Rigoroſen 
losgehen. Baron v. Dumreicher führt das Wort, es ſoll wieder 
wie früher gehen, man ſoll die Uhr zurüdtellen! Man jollte froh 
‚jein, daß die Mediciner hier endlich etwas abnehmen, ift aber ent» 
fest darüber! — Nun der politifche Kradız der Staat droht au 
‚dem Keim zu gehen. Dazu fagt mein Hausadminiftrator: Miemand 
hat a Geld“, die Götter mögen wiſſen, was daraus wird, 
Sie froh, daß Sie draußen find. SS 

Sattler*) hat den Ruf nad) Biegen angenommen. Auen N 
hier fo böfe darüber, daß Fein Journal davon Notiz nimmt. Euriofe 


Menſchen! 









Seien 


Der Ihre 
—— 


* 


Ya frlanaen, Praa Keipzig- 
*) Prof. der Augenheilkunde in Gießen, Erlangen, Prag, "* 


— 164 — 


150) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 14 März 1877. 














Mein Lieber! 
Ic habe für meine Frau und mich Billets zu dem Beethoven 
Concert erhalten, ohne zu wifjen, wie ich zu diefer Auszeichnung 
des Beneral-Secretairs gefommen bin. Ich bitte Didy daher, das” 
Billet zu behalten. J 
Auf Deine neuen Lieder freue ich mich ſehr. Meine Schreiberei⸗ 
Parorysmen treten immer feltener auf; jeder hat feine Art und’ 
Weife, fih unbeftimmte Dorftellungen und Empfindungen Flar zu 
machen; ich bedarf dazu nicht felten der Feder. Meine legten Blätter‘ 
follten nur aus meinem Papierforb flüchtig bet Dir vorbei in den 
Deinen fliegen. Es ift wieder fo Falt, daß man oft heizen muß; 
zum Anbrennen mag der Feuerzauber taugen. 
Ich dente Montag, fpäteftens Dienftag zu reifen, bitte daher 
möglichſt bald um die Mlanuferipte! 
Der Deine 


MR TH. Billroth. 


131) An Prof. 8. Dolfmann in Halle. 
| | Wien, 30. April 1877. 
Sieber Richard! 

Beftern von einer Operation in Petersburg zurücgefehrt, fand; 
ich dte Anzeige von dem Tode Deines vortrefflichen Daters *) vor, 
den ich noch vor Kurzem im ‚Samilienfreife jo munter und rüftig jah. 
Mein herzliches Beileid! Es muß ſchön fein, ein Elternhaus zw 
haben; ich habe es leider nur fo kurze Heit gehabt, daß ich mich 
deſſen kaum erinnere. J 

Meine Reiſe ins Deutſche Reich hat mich ſehr erquickt und an— 
geregt. Zumal hat mir Deine Thätigkeit wieder Luft zur Chirurgie 
gemacht; ich will verfuchen, fo gut es noch gehen will, dem nachzu⸗ 
ſtreben. Am Chirurgen-Congreß hatte ich große Freude; welch 
prächtiges Treiben, Wogen, Drängen von intereffanten Fortfhritten 

Petersburg, das ich zum erften Mal fah, hat mid, fehr inter 


*) Prof. der Phyfiologie in Halle. 


ejjiet. Die Spitäler find vortrefflih und von einer Broßartigkeit, 
die wir wohl nie erreichen werden; auch viel Tüchtigkeit in wiſſen⸗ 
ſchaftlicher und praftifcher Beziehung. Es wurde mir dort zweifel⸗ 
los, daß den Ruſſen die Zukunft in Europa gehört. 
\ Freundliche Grüße an Deine liebe Frau und Kinder! 
- Der Deine 






Th. Billroth. 
* 


132) An Dr. Garfinkel in Petersburg. | 
: Berchtesgaden, 7. Auguft 1872. - 
Geehrter Herr College! F 


Beeinflußt durh den Wunſch meiner Familie und durch die 
Schönheit der hiefigen Natur habe ich mich entfchloffen, jetst hier zu 
bleiben, mir mein literarifches Handwerfszeug aus Wien kommen 
zu laffen, und das Utile cum dulei zu verbinden. Um mic, für 
meine jett aufgegebene Reife zu entfhädigen, werde ih am 15. Sep- 
tember von hier nach Dberitalien reifen, um über Denedig und 
Trieft zurüchzufehren und am 9. October in Wien zu fein. 

So erfrifchend mir, als ich den Wiener Staub hinter mir hatte, 
die Luft in Salzburg erfchien, fo Fann ich doch nicht leugnen, daß 
es hier denn doc noch viel fchöner ift. Nicht nur die Broßartigkeit der 
andſchaft, fondern auch die balfamifhe Atmofphäre wirkt anzegend 
und belebend aufs Nervenſyſtem. Ich würde daher es aus jantfären 
Rüdfichten vorziehen, wenn Sr. Ercellenz hier einige Wochen fein 
konnte. Sein Stuhl, feine Apparate zur Suspenfton, und wenn ihm 
das Bett paßt, auch diefes kann auf einem Leiferwagen hergeſchafft 
werden. 

Durch den hiefigen Arzt habe ich folgende zwei Do 
ermittelt, die beide geeignet find; jede hat ihre Dortheile und a 
1) Dilla Scheifler am Rad, recht hübfc eingerichtet, Balkon nach 
zwei Seiten, vom Balkon nach der Bergfeite nur 5 Stufen, ſedaß 
Pat. von hier aus leicht in einem Tragſeſſel kleinere — 
machen könnte. Oben 5 Zimmer, unten Küche und 5 En 

zimmer. Alan fagte mir, daß man auch hier — 
Köchinnen haben könnte. Der Vortheil wäre On ken 
Herrſchaften allein über das ganze Haus disponteren BEI Deeſe 


— 166 — 


Dilla liegt, noch bevor man in den Drt Berchtesgaden einfährt, | 
rechts etwa 50 Schritte von der Straße und hat nad; zwei Seiten 
herrliche Ausfichten. Man Fann bis ans Haus fahren. Preis der 


ganzen Dilla 100 Mark per Woche. Diefe Dilla wird in drei 
Tagen frei. 
2) In der Dilla Berghof werden am 15. Auguſt mehrere 


Wohnungen frei. Die Generalin hat fie bereits geſehen. Es iſt 
eine der beft eingerichteten in der ſchönſten Sage; fie beherriht nadı 


allen Seiten die Ausfichten ins Thal. Es ift die Dilla, zu welcher 
von unten hinauf die fteile Treppe führt; doch kann man von rüd- 
wärts bequem mit einem zweifpännigen Wagen bis zur Hausthür 
fahren. Die Wirthsleute wollen ſich nicht recht anders als auf 


Penſion einlaffen, wo ſich die Berrfchaften dann in die Hausordnung 


fügen müßten. Die Koft foll übrigens gut fein. Prinz; Alerander 
von Preußen wohnt jest auch dort in Penfton; er geht am 15. Auguft 


fort. Die Sage des Hauſes ift zauberhaft ſchön. Bemwöhnlicher 
Penfionspreis täglich ” Mark, ein Salon wird ertra mit 20 Mark 


per Woche bezahlt. 


Wenn die Beneralin herfommt, biete ich mic gern als Führer 


-an, nicht nur aus Intereſſe für den Kranken, deſſen Schickſal Endar- 


teriitis obliterans] mic, wirflich tief rührt, da ich mir denfe, daß 
mir etwas Aehnliches bevorftehen kann, fondern auch, weil er mir 


fehr warn von meinen Freunde Seegen empfohlen ift. 
Mit ergebenften Grüßen an die Herrichaften. 
Der Ihre 


Th. Billroth. 
* 


155) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 


Berchtesgaden, 8. Auguſt 1877, 
Kuaelfeld. 


Sieber Brahnıs! 2 

Yod vor einer Woche glaubte ic ficher heute mit Dir am 
Wörther See zu fein; ich hatte mir feſt vorgenommen, endlich einmal” 
Kärnthen Pennen zu lernen, Ampezzo etc. Da fam gerade, als ih 
abreifen wollte, eine nothwendige Confultation nach Salzburg, dazıt 
ſcheußlich Faltes Regenwetter; und als nun auch Frau und Tohter 


72 7 EEE 





—* Fa 
ET ee nenn 





von Berchtesgaden nach Salzburg Famen und mir die Schönheit des 
hiefigen Aufenthaltes ſchilderten, fo wollte ich erft auf einen Tag hierher, 
um dann die Härnthner Tour zu machen —; doh nun Fam die 
leidige Faulheit hinzu, und fo fie ich denn hier feft. Da id) jeden- 
falls in der zweiten Hälfte September mit Frau und Tochter nach 
Oberitalien will, jo werde ich wohl bis zum 15. September hier 
feitjigen und mich meinen Kranfengefchichten widmen, von denen mic, 
ein großer Theil hierher verfolgen wird. 

In Salzburg ſprach ih Joahim und Frau nur Furz; ich wußte 
gar nicht, daß ſie jchon wieder fo Fran? geweſen war, Hoffentlich 
erholt jte jich in der ſchönen Luft raſch; ic) fand fie wohl magerer 
als zu Dftern in Berlin, doc) nicht mehr Frank ausfehend. Mit 
ihm berührten wir flüchtig die dee, Dich einmal in Pöltfhah zu 
überfallen; doc wenn man einmal im Gebirge feitfist, fo Fommt 
man jchwer fort. Es follte doc eigentlich einen Daß zum Fahren 
von hier neben dem Glockner vorbei hinüber nad) Kärnthen geben. 
Ich muß den Bädefer abwarten, den ich nebft anderen Büchern 
und Noten noch nicht hier habe, um darüber zu ftudiren. Mein 
Derhältnig zur Frau Muſika war durch angeftrengte amtliche und 
ärztliche Thätigfeit in den letzten Monaten fehr beeinträchtigt; ich 
werde hier wieder mit ihr anbandeln. ch habe mein Pianino, 
Deine fämmtlihen Kieder und Anderes mit mir und grüße Dich 


über die Berge. 
Der Deine 


Th. Billroth. 


— 
* 


134) An Prof. Baum in Göttingen. 
Berdhtesguden, 9. Auguft 1877. 
Mein innig geliebter Lehrer und Freund! 

Ic, habe die erften Ferialtage hier im Gebirge heranfommen 
laffen, um Ihren lieben Brief pom IS. Mat zu beantworten. RD 
Dank für Ihr vortreffliches Bild; ich betrachte es mit inniger DBTE 
barkeit für Alles Schöne und Gute, was ich Ihnen ende Sie 
waren doch der Erfte, der den Funfen der Begeifterung für — 
Erhabene und Große in der Wiſſenſchaft in meine damals noch 


ſchwankende Seele und nod) fhwanfenderen Charakter warf. Sie 
liegen mich Fiele fehen, die ich wohl nie zu erreichen hoffte, doc 
deren Anftrebung mich erhob und nach und nad) die Energie und 
den Ehrgeiz in mir wecken, zu erproben, wie weit meine Kräfte wohl 
veichten. Ich ſah in Ihnen auch, daß es möglich fei, Wiffenihaft 
und Kunft vereint zu bewältigen, ja daß Fünftlerifche Bildung dazu 
dienen Fönne, die wiffenfchaftlihe Lehrfraft zu fteigern. 

Außer Ihnen hat Wagner auf mic in Göttingen einen außer⸗ 
ordentlichen Einfluß gehabt; auch er hatte die glücklichſte Verbin⸗ 
dung von künſtleriſcher Geſtaltung und ſinniger Naturbetrachtung. 
Seine Entwicklungsgeſchichte iſt für mid) die Baſis der Beobadıtungs- 
methode geworden. Die Zitterrochenftudien mit ihm und Meißner 
führten mich mit einem Schlage zu dem Geheimniß, mit ausdauern- 
der unermüdlicher Beobachtung methodifch die Fleinften Formen und 
Dorgänge in der Natur zu belaufen und vorfichtig damit zu com- 
biniven. Daß ich gerade von bdiefer Seite her durch die Porta 
scientiarum naturalium nady und nad) bis in den Tempel der 
Chirurgie gelangt bin, hängt mir. immer noch an, und ich ertappe 
mich oft darauf, daß mich der naturwifjenfchaftliche pathologijche 
-Dorgang bei den Kranken doc) eigentlich mehr interefitrt, als das 
therapautifhe Refultat. So utopiſtiſch auch der Gedanke jein mag: ° 
„wiſſen wir nur erft die Urfachen Aller Störungen in den Natur⸗ 
vorgängen genau, fo ergtebt fi eine fichere Therapie da, wo fie I 
überhaupt möglich ift, von felbft“ — fo Fann ich mic doch jchwer 
davon losmachen. 

So hoch ich die Erfolge der hirurgifchen Therapie, wie fie vor 
Allem durh Dolfmann erreicht find, fhäte, fo fieht nıan doch 
daraus, daß dieſe Erfolge mit den gleichen Mitteln von Anderen, 


fo auch von mir, nicht erreicht werden, daß uns nody etwas zum E 


vollen Derftändniß fehlt, daß hier Hebung und Routine, die leicht Bi; 


zur geiftlofen Manier und zum Handwerf führen, noch eine bee 
deutende Rolle fpielen. Die Empfindung, daß eine in diefer eine 


feitigen Richtung ausgebildete Jugend leicht ganz vom Wege der 
wiffenfchaftlichen Chirurgie ab zum reinen Kunfthandwerf hingedrängt 


werden dürfte, macht mich etwas mißtrauifch gegen die rein therae 


peutifche Seite der modernen deutfchen Chirurgie. Doch das hat ja 
ftets etwas auf und ab geſchwankt, und ich gebe zu, daß im Ganzen 
und Großen die träge Maſſe der Aerzte und Chirurgen nicht leicht J 








— 109) — 


anders in Bewegung gefett wird, als durch eine felbft etwas eral- 
tirte Begeifterung. 

Ich trachte in meinen Schülern die möglichſt vorſichtige natur— 
wiſſenſchaftliche Methode der Beobachtung und die ſchärfſte Selbft- 
kritik ſelbſt mit etwas Peſſimismus auszubilden, um fie vor Ueber- 
hebung und allzu frühem Sertigfein zu bewahren; fie find durch) 
ihre Jugend genugfam vor Depreffionen geſchützt. — An Fäulniß 
und Bacterien find Arbeiter und Publitum erihöpft.e Um die Zu- 
verläffigkeit eines der vielen neuen Experimente zu conftatiren, be= 
darf es oft monatelanger eifriger Arbeit. Die jungen Leute wollen 
immer gleih mit einem Derfuc ganze folgenfchwere Hypotheſen 
ſtützen oder ſtürzen; das geht nur nicht ſo leicht. Selbſt die am 
weiteſten vorgeſchrittenen Arbeiten über den Milzbrand find keines— 
wegs abgeſchloſſen. Friſch arbeitet immer weiter daran und ftößt 
auf immer neue Schwierigfeiten in der Deutung der Experimente; 
ebenjo in Betreff der Hadern=-(Lumpen-)Kranfheit in den Papier- 
- fabrifen. Selten bewältigt man die Matur mit einem „entweder 
— oder’; das ift Alles viel complicirter, als es auf den erſten Blick 
ſcheint, und als wir es wünfchten. 

Wie ih Ihnen fchrieb, arbeite ich jest an einer Fuſammen— 
ftellung aller von mir feit 1860 beobachteten Kranfheitsfälle, Der- 
leßungen und Dperationen. Die Arbeit ift eine dem Umfange des 
Materials nad) bedeutende, foll aber auf möglichſt geringen Raum 
concentrirt werden. 16 Jahre Flinifcher Thätigfeit, auf genaue 
Journale von jedem fall bafirt, dürfte Faum in der Literatur vor- 
liegen. Ih mache alle Zufammenftellungen felbft, laſſe alle Ge⸗ 
ſchwulſtfälle und Gelenkkrankheiten verfolgen; ein enormer Apparat 
in alle Sprahen Defterreihs muß in Bewegung geſetzt werden, au 
oft nach vielen Briefen, Correfpondenzen mit Behörden, Dfarrämternt, 
Rabbinaten u. f. w. zu erfahren, daß — patient nicht BA: zu 
verfolgen iſt, und ſomit alle Mühe vergeblich war. Ich habe 
einmal meinen Eigenſinn daran geſetzt, dies ſoviel wie — 
durchzuſetzen. Es zeigt ſich, wie wenig Genaues wir a — 
den Chroniſch-⸗Kranken über unſere therapeutiſchen en le 
und wie vorübergehend fie meijt waren. Ich habe ee — 
wie in Wien ſtets ein großes Material gehabt, wie es ein he 
mit den beften Affiftenten nicht größer bewältigen ne A gr 
wie klein erſcheinen die Zahlen, wie viel Illuſionen fallen da! _ 


es nicht fonderbar, daß die Zahl von 100 Operationen einer Art 
felbft in den fcheinbar allergewöhnlichften Fällen felten erreicht wird, 
und doch habe ich in den 10 Jahren, die ich jest in Wien bin, 
ſchon 96 Ovariotomieen gemacht; ich werde vor Abſchluß des Jahres 
wohl über 100 hinaustommen! Wer hätte vor zehn Jahren es 
geglaubt, daß ein deutjcher Chirurg faft dreimal ſoviel Dpariotomieen 
als Hafenfcharten-Dperationen macht. Es verfchiebt fih in unferer 7 
Zeit Alles fo raſch in unjeren Anfhauungen. Doc, klar jehen wir 
nur. da, wo wir zählen. Und wie vorfichtig müffen wir wieder fein, 1 
bevor wir es wagen dürfen, aus den ftatiftiichen Ergebnifjen all⸗ 
gemeine Schlüſſe zu ziehen! Da muß auch noch Alles erſt gewogen 
werden, um die Zahlen brauchbar zu machen. 

Dorwärts geht es wahrlich in unferer deutſchen Chirurgie; doh 
wenn wir Feine Rüdfchritte machen wollen, müffen wir jehr be 
dächtig den Weg auf feine Sicherheit nach allen Richtungen prüfen. ° 


Ich gehörte früher wohl mehr der leichteren Cavallerie und den * 


Pionieren in der Chirurgie an und verjuchte manchen fühnen Sprung; 
jest bin ich ganz zum fchweren Geſchütz übergegangen und hoffe 
num auch eine Stelle im Generalſtab zu verdienen. 


Apropos! Sie fragten mic) einmal in Berlin, ob ich die Re— } f 


ſectiom des Defophagus beim Menjchen wirklich ausführen würde, 


geftütst auf meine Experimente. Ich hatte feine Gelegenheit dazu, N 


doh Czerny hat es jest mit glänzendem Refultat ausgeführt. In J 
diefem Semefter habe ich den Fall von großer Magen-Bauhwand- | 
Fiſtel, den Wölfler im Archiv f. kl. Ch. befchrieben hat, noch ein» 
mal operirt: ich habe den Magen abgelöft, vorgezogen, nad) dem 
Princip der Darmnähte vereinigt; Heilung ohne Störung. Eine 


zweite Dede darüber durch einen Hautlappen. Jetzt zweifle ich nicht 


daran, daß die Heilung definitiv fein wird. Das find fo Dirtuofen= 


ſtückchen, dte ich, wie Kehlkopferftirpation und dergleichen, nicht hoch 4 


anſchlage, — doch es zeigt, wie viel mehr als früher wir doch 
auf Grund unferer vorgeſchrittenen Wundbehandlung jest wagen 
dürfen. a 
Yun habe ih Ihmen wohl genug vorgefhwasst, hoffentlich Ste] 
nicht zu fehr ermüdet. Freundlichen Gruß an Marianne. * 
Der Ihre 
Th. Billroth. 
* 








155) An Dr. Mikulicz in Wien, Affiftent Billroth’s. 
: Berchtesgaden, 13. Auguft 1877. 
Sieber Herr Doctor! 

Es hat doc auch fein Gutes gehabt, daf ich Ihre Arbeit) 
erjt hier in aller Muße habe durchfehen können; ich Fonnte viel 
mehr Seit und Aufmerffamkeit darauf verwenden, als es mir in 
Wien möglich) gewejen wäre. Es drängt mic, ausjufprechen, wie 
viel Freude ich an Ihren Unterfuchungen gehabt habe. Sie haben 
den jchwierigen Begenftand nicht nur mit Ausdauer und Conſequenz, 
ſondern auch wiit vielem Geſchick behandelt. Die Darſtellung iſt 
klar und überſichtlich, und ſoweit ich es zu überſehen vermag, ſind 
die aufgeworfenen Fragen ſo weit vollſtändig beantwortet, als wir 
es mit unſeren jetzigen Hülfsmitteln vermögen. Schon bet Ihrer 
- Arbeit über das Rhinosclerom habe ich mich über die Sorgfalt 
Ihrer Unterfuhung gefreut. Die Darftellung war noch zu breit, 
und Manches verrieth den Anfänger in literarifcher Arbeit. Sie 
haben mit diefer neuen Arbeit einen tüchtigen Fortichritt gemadt, 
zu dem ih Ihnen aufrichtig gratulire. Fahren Site fo fort, und es 
- Fann Ihnen auh an äußerem Erfolge mit der Seit nicht fehlen. 
Ic habe immer noch die Hoffnung, daß Sie der erſte Profefjor der 
Chirurgie an der neuen Univerfität Ihrer Daterftadt**) werden 
follen. Freilich habe ich Feine Ahnung, wie bald das Miniſterium 
daran gehen wird, dort eine neue medteinijche Fakultät zu con- 
ftituiren; vielleicht Fönnen Ste darüber etwas durch Ihren Gönner, 
Herrn Hofrath £. v. N., erfahren. 

Ceben Sie jest in den ‚Ferien recht Ihrer Gejundheit. Sie 
follten dann bald wieder eine größere Arbeit übernehmen. Die Ge- 
ſchichte mit dem Fibrinferment fcheint mir fruchtbar; oder wollen 
Sie eine mehr praftifch chirurgiſche Frage bearbeiten, um ſich auch 
darin zu verſuchen? Ich würde Ihnen da etwa die N 
operative Behandlung des Genu valgum propontren, wobei Sie alle 
von uns geheilten Fälle auf ihre Dauerhaftigteit der —— 
forſchen müßten. Die Erfahrungen über die Durchſchneidungen — 
Lig. laterale und die Paralyſe des N. peroneus nach gewaltſamen 


*) Beziehungen des Glycerins zu Coccobacteria septica umd zur feptifchen 
Infection. 
**) Czernomwiß. 


Redreffement find neu und fehr wichtig. Ic ftelle Ihnen das 
Material zur Derfügung, denn ich muß darauf verzichten, die Sache 
felbft zu bearbeiten. Mein Jahresbericht wird mich noch auf jehr 
lange Zeit in Anfpruch nehmen. Der Aufenthalt hier im Gebirge 
mit dem mir fo nöthigen vielem Spazterenlaufen macht mid jo 
träge, daß ich auch hier nicht viel an meiner Arbeit fördern werde. 
Freundlihen Gruß von Ihrem 

GH: 


* 


156) An Dr. Mikulicz in Wien, Affiftent Billroth’s. 
Berchtesgaden, 21. Auguft 1877. 
Sieber Herr Doctor! 


Wenn Sie die Arbeit über Genu valgum übernehmen, fo 
orientiren Sie fich über die Literatur am bejten bei Dolfmann: 
Kranfheiten der Bewegungsorgane in Pitha-Billroth. Don der 
früheren Literatur werden Ste bejonders die Arbeiten von Hueter 
und Henfe im Driginal auffuchen müffen. Auch finden Sie Einiges 
in dem Auffas von Buffenbauer über fünftliche Knochentrennung 
im Arch. f. Ein, Chirurgie. Außer den Arbeiten von Mayer 
lohnt die fpecielle orthopädifche Literatur nicht das Anfehen. In 
neuefter Zeit eine Notiz im Centralblatt für Chirurgie von M.Schede, 
und in einer der legten Munmern etwas von Dofton*) in England; 
fonft ift bet den übrigen Nationen faft nichts in diefer Richtung 
geſchehen. Wo die Notiz von Sangenbed über die Durchſchneidung 
des Lig. lat. ext. fteht, weiß ich zur Feit nicht, wahrfcheinlic in 
der „Deutjchen Klinik, eine jest eingegangene Berliner Wochen 
Ächrift, redigirt von A. Göſchen; fie ift auf der Univerfitätsbiblio- 
thek. Setzen Sie ſich mit Chiari**) und Suderfandl***) in 
Derbindung, damit Ste an der Leiche Gelegenheit zur Unterfuhung 
finden; machen Sie vorher gute Srontalfchnitte des Gelenks bei Kindern 
und Halberwachfenen in geſtreckter Stellung, um fie gelegentlich mit 


*) Prof. der Chirurgie in Aberdeen (Schottland). } 

**) Docent der pathologijchen Anatomie in Wien, dann Prof. der path. 
Anat. in Praa. 

***) Drofector der Anatomie in Wien, dann Prof: der Anatomie in Graz. 








a 


einem Frontalſchnitt eines Genu valgum zu vergleichen, wenn Sie 
ein ſolches bekommen. Näheres mündlich. 


Der Ihre 
Th. 8. 


137) An Dr. Rogowicz in Warfchau. 
Wien, 135. December 1877. 
Hocdgeehrter. Herr College! 


In Erwiederung Ihres geehrten Schreibens vom 10. d. M.*) 
bemerfe ich, daß man in dem von Ihnen erwähnten Falle gewiß 
nicht anders verfahren Fonnte, als gejhehen. Durch eine Stich- 
wunde am Dberfchenfel, ohne ausgedehnte Präparation entjcheiden 
zu wollen, ob eine arterielle Blutung aus der Art. femoralis oder 
aus der Art. profunda femoris diht an ihrem Abgang kommt, 
halte ich für unmöglih. Hätte man zuerft oberhalb der Profunda 
unterbunden, fo hätte wahrjcheinlicy dte Blutung aus den peri= 
pheren Theil des Arteriengebietes fortgedauert, und man hätte doch 
auch jenfeits der Profunda unterbinden müffen, da man die Kigatur 
an den ı cm langen Stumpf der Profunda gewiß nicht anlegen 
durfte; es wären darnach wohl fiher Nachblutungen gefommen. 
Db nad folhen Unterbindungen Gangrän eintritt, hängt ja weſent⸗ 
lich von der Möglichkeit der Entwicklung eines collateralen Kreis= 
laufs ab, und dabei fpielen wieder eine Menge von zufälligen Dingen 
Menge der verletsten Webenäfte, gleichzeitige Derlegungen der Denen, 


*) Am 5. November 1877 wurde Dr. Polifarp a BE A 
Klinit in Warfchau von einem Mörder in den oberen an des — 
ſchenkels mit einem Küchenmeſſer geſtochen. Profuſe Blu RT aber nad) 
der Art. femor. superfic, in der Munde. Die Blutung La ee anal 
zehn Minuten wieder auf. Unterbindung der) Att..demors Col t von ihrem 
Seine, Tod. — Section: D RT 

an er Art. femor. comm. ver an RER. AR 8 

er ärztlichen Kreifen den operirenden nirurgen De an 
daß fie nicht fofort die Art. femor. profunda unterbunden Au eH ba — 
Kigatur der Art. femor. comm., welche Gangrän nach Kt ih Gefellſchaft 
urfacht hätte. Als die Sache in der Sitzung der W a —35 — Ser med. 
vom 4. December 1877 zur Discuffton Fam, hat der ze re ie 
Wocenfchrift „Medycyna“ Prof. Billroth gebeten, ſich Aber ] 
zufprechen, worauf obiger Brief eingegangen iſt. 


ie Art. femor. prof. war | cm wet 


— 14 — 


Ausdehnung der gebildeten Thromben, Intenfität des folgenden 
Entzündungsprocefies, Energie der Herzthätigfeit ꝛc.) — eine wich - 
tige Rolle. 
Hochachtunssvoll ergebenft 
Dr. Th. Billroth. 


* 


138) An Prof. Czerny in Heidelberg. 
Wien, 19. Februar 1878. 
Sieber Freund! 

Heute Morgen bradte mir Kerr Dr. Ulrih Ihr Ichönes 
Buch*) und Ihren lieben Brief; und wenn ih in dem Bud aud) 
Bisher nur das von Ihnen felbit Geſchriebene gelefen habe, fo drängt 
es mic) doch, Ihnen ſchon jest meine Freude über Ihre Arbeiten 
und diejenigen Ihrer Schule auszufprechen. Wenn mic) das älter 
Werden aud) oft mit ftiller Wehmuth erfüllt, fo habe ich doch auch 
ſo viel Freude daran, daß ich nicht vergeblich geſtrebt habe, daß ich 
mich wohl trotz Solon ſchon glücklich preiſen darf. Ihre warmen 
herzlichen Widmungsworte haben mich, ſowie meine Frau ſehr er— 
freut. Herzlichen Dank für Alles. Ich lege für Sie und Ihre Mit⸗ 
arbeiter Exemplare meines Conterfei's bei, damit die Herren, die 
mic nicht kennen, doc auch wifjen, wie ungefähr der Jubelgreis 
ausfieht. 

Yun nody Einiges vom Geſchäft. Seit ich die von Ihnen ein- 
geführte Seide in Tarbolfäure gefocht Fenne, brauche ich Fein Cat⸗ 
gut mehr. Wenn feine Eiterung eintritt, habe ich die Seide immer 
einheilen fehen; bet Eiterung habe ich die Catgutfäden früher regel- 
mäßig unreforbirt heraustommen fehen. — Swei Jahre lang habe 
ich nad) Methoden gefucht, das Lifter’jche Gazezeug zu vermeiden 
und die Derbände feucht anzulegen; ich habe einzelne Wundereuren 
gemacht und im Ganzen diefelben Refultate gehabt, wie bei offener 
Wundbehandlung, doc eine conftante Reihe von Erfolgen. Seit 
1. Januar diefes Jahres wende ich nur den trockenen aſeptiſchen 
Derband an, in den Modificationen, wie er von Ihnen und Dolf- 


*) Beiträge zur operativen Chirurgie. Bern Hofrath Prof. Dr. Theodor 


Billroth in Wien Zu feinem 25jährigen Doctor- Jubiläum gewidmet. 1878. 








mann gebrauht wird und bin damit ſehr zufrieden. Ich habe 
Wölfler con amore falten laffen und war froh, daß er die 
nöthige Energie entwicelte, die mir jest Schon ſchwer wird aufzu- 
treiben und zu unterhalten. Freilich koſten die wenigen Derbände, 
die wir brauchen (die Operateure haben kaum noch etwas zu thun, 
da die Derbände 8 und 14 Tage liegen bleiben) heillofes Beld, und 
ih muß jchon wieder etwas zur Sparfamkeit moniren. 

Einmal entſchloß ih mich auch zu einer Punction des Knie- 
gelenfs, welches voll Eiter war und wufch es mit 5°), Larbolfäure 
aus; Tod nad 5 Stunden, Die Tapfel erwies ſich bei der Section 
erweitert, und die ganze Dberfchenfelmusfulatur war bis zum Hüft- 
gelen? hinauf mit Carbolſäure infilteirt. Im Blut eine Menge 
blaß=carminrother Gerinnfel. Der Fall machte große Aufregung 
im pathologifjhen Inſtitut, und Hefchl*) ſchien nicht übel Luft zu 
haben, einen öffentlichen Casus belli daraus zu machen. Das habe 
ih zum Glüd verhindert, da ich mir die von mir beobadıteten 
Fälle von Tarbolintorication ſelbſt zur Publication vorbehielt und 
die Auslieferung der Hranfengefchichte verweigerte. Immerhin ift 
ste Erfahrung widtig. 

Meine Erfahrungen über das Thymol waren im Ganzen recht 
günftig, und ich werde darauf zurückkommen; nur wollte ih zunächſt 
noch einmal die Tarbolwirfung nady Dolfmann’s Beobadhtungen 
mir felbft wieder ad oculos demonftriren, wie id) es ſchon vor 
2 Jahren, wenn auch in zu furzer Reihe von Fällen gethan hatte. 
Ich habe ſchon vor mehreren Monaten Thymolgaze in Schaffhaufen 
‚machen laffen, und die Fabrik wollte dies Heug mit meinem 
Namen in die Welt fenden. Ic, verbat mir das, weil meine Er 
fahrung zu klein war und der Stoff immer noch zu theuer. U der 
That fcheint der Erſatz des Paraffin durch Wallvath die el 
Eigenfchaften des Stoffes fehr zu mildern. Eigentlich Hast s> % 
Ueberzeugung, daß bei diefer durchfetteten und ducchhargten B 
weder das Carbol, noch das Thymol eine Bedeutung hat. Das a 
freilihh noch zu beweifen. Do einmal die Sepſis — Br 
nügen die Chymollöfungen von | p. Mille BORLIE een ı “ 7 
CLöſungen zu machen, muß man ſoviel Alkohol ee ve “ 
Alkoholwirkung fchädlicher ift, als gar Fein Derband; ich habe 


*) Prof. der pathologifchen Anatomie in Wien; geſt. Naeh 


fehr zum Nachtheil einiger Kranken erfahren. Auch in Halle ſcheint 
man mit dem Thymol fehr zufrieden zu fein. 

Die guten Refultate der Dvariotomieen unter Spray verftehe 
ich nicht. Ih war jehr unglücklich damit; auch die gut abgelau— 
fenen Fälle haben mir durch endlofe Abjceffe viel Sorge gemacht. 
Don 5 unter Thymoljpray Opariotomirten ftarben 2, die dritte Fam 
mit vielen Eiterungen jo eben durch. 

An Wölfler und Mifulicz habe ich viel Freude; letzterer hat 
jest die Aetiologte und vergleichende operative Therapie des Grenu 
valgum vor und bringt dabei allerlei nette und ſchlimme Sachen 
heraus. 

Unfer Miniftertum liegt in Agonie; es muß noch den Aus= 
gleich fertig machen, dann ftürzt es rettungslos. Caſſer hatte eine 
Apoplerie und Stremayer einen ſchweren Gichtanfall. Letzteres 


hat wohl etwas auf die Derzögerung der Prager Stelle Einfluß ge 


habt; doc fpielen da curiofe Sahen. Es ijt ein öffentliches Ge⸗ 


heimniß, daß M. erklärt hat, er betrachte es als eine perſönliche 


Beleidigung für ſich, wenn U. nicht nach Prag käme und ſähe ſich 


genöthigt, in dieſem Fall ſeinen Abſchied zu fordern. Miniſterium 


weiß nicht, was thun. Wie ich höre, iſt man mit Guſſenbauer 
in Cörrefpondenz getreten, man fagt in der Hoffnung, er möchte 
Bedingungen ftellen, auf dte hin man feine Berufung unmöglic, er= 
klären Eönnte, Sie waren Hug und weile, daß Sie ſich auf dieſe 
Intriguen nicht einltegen. 

An Ihre liebe Frau herzliche Grüße von meiner frau und 
mir. Jetzt gut’ Nacht! es ift Schon fpät, es tit Schon Falt! 

F Der Ihre 
Th. Billroth. 
* 


139) An den Herausgeber. 
Wien, 15. März 1878. 
Sieber College! 
Baben Sie herzlichften Dank für Ihre freundlichen warmen 


. 


Worte. Das Leben fteht fich freilich meift befjer von vorwärts als 
von rücwärts an; doch ich bin vom Glück jo begünftigt gewejen, 
daß auch der Rückblick fein Schönes hat, und unter dieſem Schönen 





RZ 


ift mir die freundliche Gefinnung, welche mir meine jüngeren Col- 
legen bewahren, mit das Schönfte, 
Der Ihre 


ES Th. Billtoth, 


140) An Dr. Kappeler in Münfterlingen. 
Wien, 6. April 1878, 
Sieber Kappeler! 

Haben Ste herzlichen Dank für Ihre freundlichen Zeilen vom 
8. Januar, die mir Herr Dr. Haffter überbrahte. Es freut mich 
immer fehr, von Ihnen und Ihrer wiffenjchaftlichen und praftifchen 
Thätigfeit zu hören; Ihr Talent und Ihre Energie hat Sie zu 
einem ſchönen Wirkungskreis geführt, in welchem Sie ſich glücklich 
fühlen dürfen. Herr Dr. Haffter hat mir fehr gefallen; ich habe 
ihm, foviel es anging, Gelegenheit verfhafft, viel zu fehen. Die 
Maſſe des Materials ermüdet mic und muß den Schülern erſetzen, 
was mir an Friſche und Jugend abgeht. Immerhin habe id} die 
Freude, doch auch jetst noch manchen talentvollen jungen Mann für 
die Chirurgie zu intereffiren. Das lange Winterjemefter hat mid 
fehr abgefpannt, und ich fliehe übermorgen nach Jtalten, um mic, 
etwas aufzufrifchen, um fo mehr, als uns vielleicht ein unheilvoller 
Krieg bevorfteht, der mich in die Lazarethe in Bosnien und Herzo- 
gowina führen wird. Es wird feine ‚Freude dabei fein wie 1870, 
denn eine Hriegsbegeifterung wird nicht auffonmen; es kann für 
Defterreih, das nur darauf halten muß, den Status quo zu confer- 
viren, wahrlich nichts Gutes dabei herausfommen. Wir wünſchen 
Alle Frieden; möge es dabei bleiben! 

Mit den beften Wünfchen für Ihr ferneres Wohlergehn 


D re 
= Th. Billvoth. 


* 


141) An Dr. Johannes Brahms in Wien. | 
Wien, 7, Mat 1878. 
Sieber Freund! 
Beifolgendes Päckchen folfte heute in die Carlsgafe 4 — 
in der Erwartung bald dort von Dir gefunden zu werden. afı 
Briefe von Theodor Billroth, 


mir eben Dein Brief aus Pöltihah in die Hände mit den 250 Kire, 
und fo foll nun auch das Packet nad Pöltſchach reifen, um Dir 
meine Glückwünſche zum heutigen Geburtstage zu fenden. 

Als ich beim herrlichiten Wetter am Wörther See entlang fuhr, 
dachte ich mir wohl, daß man da hängen bleiben Fönnte, wenn 
man einmal ausfteist. Es war fo friſch und erquidli im ganzen 
Thal! nur Klagenfurt fand ich entſetzlich unpoetiih. Ich weiß 
nicht, warum ich mir unter Klagenfurt immer eine ſchön gelegene 
Stadt mit alten Schloßruinen und hoch gelegenen Stadtmauern, fo 
etwa wie Luzern, vorgeftellt habe; doch die Dorftellung war einmal 
da, und ich fand, daß ſich die Stadt fehr zu ihrem Hadıtheil 
verändert hatte. 

Am erften Tage rend ih die Luft in Wien entſetzlich ſchwer 
und drückend; es war ein gewitterſchwüler Cag mit heißem Süd— 
wind und Staub; ich wäre gern gleich wieder ausgeriſſen. Doch 
jetzt iſt es beſſer, wir haben warme doch friſchere Tage. Der Früh— 
ling iſt hier faſt ganz vorüber, in der use fann es ſchon 
reht warm fein. 

Ih ſuchte Goldmarf*) und st auf, um ihnen von 
unſerer Reife zu erzählen. Erfterer ift m Gmunden (ob er dort fein 
verlornes Scherzo wohl wiederfinden wird?!) und wird von dort direct 
nach Tarlsbad reifen. frau Faber war eben von der Hodhzeits- 
reife zurückgekehrt und erwartete ihn zwei Tage jpäter. Die Meinen 
habe id) wohl umd munter angetroffen. 

Ic denke oft mit großer Freude an unfere Neife zurüd. Die 
Abende auf dem Coloffeum, Monte Pincio, Rocca d'Aſſiſi, der 
‚Spaziergang über den Pofilip bei Neapel, wie ſchön war das Alles! 
Es hat meine freude verdoppelt, daß audy Dir Alles jo gefallen 
hat! — Ich weiß nicht recht, ob ich an Deinen Befuh in Wien 
glauben ſoll; jedenfalls würde es mid) fehr freuen, Dich bald wieder 
zu fehen. 

Der Deine 
Th. Billvoth. 








*) Componift in Wieır. 








1 — 


142) An Prof. Bauslid in Wien. 
Wien, 28. November 1878. 

Es iſt doch eigentlich zu dumm, daß man ſich ſo wenig ſieht. 
Je älter ich werde, finde ich, daß die Zahl derjenigen, mit welchen 
ich gern plaudere, im Ernft wie im Scherz, immer Fleiner wird. 
Den größeften Theil des Kebens haben wir doch auch hinter uns 
und nicht jo gar viel Seit mehr zu verlieren. Warum fehen wir 
uns alfo nicht öfter? Mit Brahms geht es mir ebenfo, 

Dor acht Tagen habe ich mit meinem größeften und hoffentlich 
befjeren chirurgiſchen Werf*) abgeſchloſſen. Ich mache nun einen Strich 
und jchreibe nichts ernfthaft Chirurgifches mehr. Was ich etwa noch 
zu fagen habe, kann ich durch meine vielen talentvollen Schüler fagen 
laffen, die auf dem Mift meiner Ideen und Arbeiten jo kräftig ge- 
deihen, daß fie mir fehon über den Hopf wachen. Bei mir geht 
Alles etwas gewaltfam vor ſich. So bin ich mit diefem Entihluß, 
meine literarifche Carriere abzufchließen, auch wieder ein freier Mann 
geworden. Das Blut in meinem Bien circulirt wieder leichter, ich 
werde mich num ganz humaniftifchen Thätigfeiten widmen und wieder 
mehr mit meinen freunden verfehren; freilich nicht in der Weile 
des hiefigen faden Salonlebens, fondern frei, wie es mir Freude macht. 

Mir ift heute folgende Idee gefommen. Wir müffen alle 
vierzehn Tage irgendwo zufammenfommen, ohne Frauen, wir 
Männer allein, Du, Brahms und ich, vielleiht auch Bold- 
mark, der ein fo lieber Kerl ift, bilden den Stamm, das Trio oder 
Quartett. Wir allein beftimmen, wen wir noch in unfere Ge⸗ 
ſellſchaft aufnehmen wollen, höchſtens im Ganzen zwölf, allerhöchſtens 
zwanzig. Wir find ariſtokratiſch künſtleriſch und halten uns — 
Geſellſchaft vom Hals. Wir allein fordern nach gemeinſamer — 
einkunft auf und find fehr rigoros und rückſichtslos — 
dringlings-Beſtrebungen. Eine weitere Form braucht 
nicht. Doch müſſen wir uns binden immer zu —— 
feine Cuſt zu dieſem Dorfchlag, ſo ſage einfach, es — 


dann laſſe ich es auch. 


76 ſt eine Heſammtbericht 
ini i z1—187 nebft einem Geſamn— 

*) Chi i Klintt. Wien ABEL IS ans sr ‘0 1860— 18706. 
über di ur Wien währen Ber SEHE DERTIEES 
Erfahrungen auf dem Gebiet der praftijchen Ch gie. = 


— 180 — 


143) An Prof. Czerny in Heidelberg. 
Wien, 29. Movember 1878. 
Sieber Lzerny! | 

Ic wollte Ihnen längft Schreiben; Ste find mir zuvorgefommen... 
Eine Freund’fhe*) Operation habe ich nicht wieder gemacht; ich 
bin da abhängig, was mir die Gynäfologen ſchicken. Vor drei 
Wochen machte ich eine Resectio uteri supracervicalis wegen Fibrom, 
der erfte Fall, in welchem der Tumor retroperitoneal lag, von unten 
her weit hinauf gewachſen. Ureteren, Aorta und Cava lagen 
blank da; es war wohl die fchwerfte Operation, die ic durchführte. 
Ich griff doch wieder zu einer großen Klammer, und Alles ging 
vortrefflih. Die Klammer ift längft gefallen, Pat. ift in der vierten 
Woche bet gutem Appetit. — Auch eine recht verflirte Enterorrhaphie 
habe ich gemacht, die fast geheilt ift (auch jest beinahe vier Wochen 
her); ich werde fie in Ur. 1 der Wochenſchrift bejchreiben. 

So giebt es wohl beit uns Beiden auf der Klinik recht viel 
Intereffantes. Auch jah ich einige recht intereffante Schußwunden; 
die Refultate bei antifeptifher Behandlung waren famos. Keider 
find einige Fälle in X. Hände gefallen: jo eine ſehr complicirte 
Oberfchenfelfractur, bei der ich Maffen von Splitter ertrahirt hatte; 
Alles wär bis auf eine Fiftel geheilt. Da übernimmt &. den Kranfen, 
reißt den Derband herunter, und nun hat der arme Kerl, wie ich 

höre, wieder Fieber und eine tiefe Höhleneiterung. 

- Ich habe mir jett ein Derbandzeug machen laffen, welches Fein 
Thymol und Fein Carbol enthält, nur Wallrath und Colofonium. 
Mir find alle entzückt davon, ebenfo wie vom Thymolipray und 
der ganzen Reinigung mit Thymol. ch hatte doc, fünf Todesfälle 
durch Carbolvergiftung, und vier Fälle, die am Rande des Grabes 
ſchwebten, außerdem. Es war die höchſte Feit damit aufzuhören, 
man hätte am Ende polizeilich eingegriffen. Die hiefige Bevölkerung 
muß befonders dazu disponirt fein; mehrere meiner Afftftenten hatten 
wiederholt vom Derbinden intenfiv gefärbten Carbolharn. Hat man 
das anderswo nicht gefehen, oder wollte man es nicht jehen? 

Dor acht Tagen habe ich mein Buch**) an Hirfhwald ab- 
geſchickt. Someit ich mich felbft beurtheilen kann, iſt es das Beite, 





*) Prof. der Geburtshilfe und Gynäfologie in Straßburg. 
5. Brief Air, 142, Altım 





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was ich gemacht habe; es ift auch unwiderruflich das Keßte. Es 
wird mir ſehr fauer, noch die Kranfheiten der Mamma für Ente 
zu überarbeiten; dann fommt ein großer Strich, und das Feuilleton 
beginnt. 

Es iſt geradezu lächerlich, welche Wirkung die Dollendung 
meines Öeneralberichtes über meine Klinik von 1860—1876 auf 
mic gemaht hat. ch hatte die fire Jdee gefaßt, ich würde vor 
Dollendung dieſes Werkes fterben! — nun jebt meinetwegen! Doc) 
gerade jebt wäre es mir viel weniger angenehm als früher. Ich 
bin wieder von meiner früheren Frifche und Spannfraft, bilde es 
mir wenigjtens ein es zu fein, und das ift doch am Ende die Haupt-= 
ſache für mid. 

un habe ich mid; gleich in eine neue Phafe der Thätigkeit geftürzt, 
nämlic) die Begründung eines Fleinen Papillon=Kranfenhaufes zur Aus— 
bildung von Pflegerinnen aus befjeren Ständen. Mundy ift wieder 
da; er hat Alles in Serbien, Rußland, Conftantinopel, Bosnien mit- 
gemacht, ift ruhiger und vernünftiger geworden, hat wieder einmal 
feine Schulden bezahlt; wir beide find die treibenden Elemente. ch 
werde das Ganze organifiren und die ärztliche Leitung übernehmen, 
fowie das Spital da iſt; doch dazu brauchen wir noch viel Geld, 
und das ift jest nicht leicht zu befchaffen. Meine Klinif und Privat- 
praris füllen doc nur wenig Zeit aus, laffen zumal meinen Geift 
frei; da muß ich etwas Neues haben. So müßte ich wohl der 
Politik in die Arme fallen, und das ift hier bös! Dielleicht ift es 
eine fpätere Phafe, wenn ich es erlebe! 

jpätere Phaſ ch en 

Th. Billroth. 
* 


144) An Prof. Hanslid in Wien. 


Wien, 24. December 1878.*) 


Wie doch Schmerz, Wehmuth und Freude jo nahe bei einander 
liegen in unferem fchönen und trüben Menſchenleben! — ae 
gerade die von Deiner lieben Nichte Olga fo finnvoll, fo reizend un 


N r I stter des Prof. Hanslid 

*) Der Brief bezieht fich auf den uno oe 5 — Eränmereien 

Fran von Sialfa, Ihre Tochter Olga, eitte talentuolle Ma h Dolfmann in Halle) mit 
an feanzöftfchen Kaminen‘’ von R, £eander (Prof. Ric. Dolime 


Illuſtralionen verjehen. 


fo poetifch illuſtrirten Märchen meines Sreundes auf den Weihnachts— 
tifch gelegt, als ich halb. zerftreut das Abendblatt‘ der Prefje in die 
Hand nahm und fofort durch den Namen „Fialka“ gefefjelt wurde 
— ad, leider in trauriger Weife! Ich fannte Deine Schweiter 
wenig; doch oft genügt ein Moment, eine ſympathiſche Berührung, 
um einen Bli ins gegenfeitige Menſchenleben zu thun; fie hing 
mit großer Siebe an Dir. So eine Liebe ift ein Beſitz, man trägt 
ihn zu Grabe und fühlt fi ärmer. Mir Fam diejer Gedanke zuerft, 
als ich meine Mutter verlor; ich habe nie fo tief wieder empfunden. 
In den Jahren der vollften Kraft bäumt ſich wohl das ftolze Herz 
auf, man glaubt alles Derlorene wieder erfegen zu Fönnen. Später 
wird man dann wieder Fleinmüthiger. Ich hatte nie eine Schweiter, 
doch ich meinte immer, ich müßte eine Schwefter über Alles lieben; 
es ift fo ein eigenes Ding um gemeinfame Jugenderinnerungen und 
Jugendempfindungen. 
* 

145) 2a —— von Rindfleiſch in Würzburg. 

Wien, 5. Februar 1879. 
2 Sieber Freund! 

Mit, lebhafter Theilnahme erfuhr ich heute durch, den Brief 
Deiner Frau von Deinem Leiden. Du haſt ſo vortreffliche Aerzte 
und Freunde um Dich, daß ärztlicher — da von meiner Seite 
nicht nöthig iſt. 

Wie ſchmerzhaft ſolche Koliten find, die von Concrementen her- 
rühren, weiß ich von meinen Gallenfteinfolifen, von denen ſich eine 
in Sürich bis zu einer mäßigen Peritonitis fteigerte. Daß es mir 
fpäter dauernd gut ging in diefer Beziehung, glaube ich theils auf 
den regelmäßigen Gebrauch von Carlsbad fchieben zu müſſen, theils 
auf den nun Schon drei Jahre hindurch fortgefegten täglichen 
Gebrauch von Tarlsbader Salz, Ic meine, Du müßteft es mit 
Deiner Dipofition zu überfchüfftger Harn- und Draljäurebildung 
ebenfo machen, wie ich mit meiner Dispofition zu überfchüfftger 
Ballenfäurebildung. Der Gebrauch von Carlsbad vier Wochen im 
Jahre kann nur vorübergehend wirken, man muß es Jahre lang fort= 
fegen. Jeden Morgen früh bringt mir der Diener ein Glas heißen 
Waſſers; ich thue einen reichlichen Theelöffel voll natürlichen Carls- 








a NH 


bader Salzes hinein und trinke dies Geföff mit Todesverahtung, 
während ich mich anziehe. Eine halbe Stunde darauf frühftücke ich 
und lebe jonft wie gewöhnlich, ganz ohne Diätrücfichten. Die er- 
wähnte Doſis macht feine Diarrhoe, wenn man daran gewöhnt ift, 
ſchwächt durchaus nicht. Ich würde Dir rathen, es ebenfo zu machen, 
wenn Du Dich von Deinem jetigen Anfall erholt haft. Dies ift 
nur ein freundfchaftliher Kath, denn in der Niere bin ich, 
wie Du weißt, Late, Hoffentlich hören wir bald Befjeres von Dir. 
Uns geht es gut ... 
Seit ich mit literarifchen Arbeiten abgefchloffen habe, und da 
ih mid) aus Rückſicht für meine Familte und meine Praris leider 
nicht der Kumperei ergeben darf, jo habe ich mich mit aller Macht 
in eine großartige Dereinsmeierei geftürzt, was mic) Tag und Nadıt 
beihäftist. Ich jchreibe populäre Auffäse für die Preffe, halte 
populäre Dorträge, verbringe meine Zeit in Dereins-Situngen und 
Commiſſionen, — ich Fenne mid) felbft niht mehr. Doch meine 
Santafie braucht eine praftifhe Ableitung nad) der humanitären 
Seite, fonft verfomme ich in Grübeleien über die Bejttalität der 
Menſchen ıc. 

Nun Adieu! mache Dich bald wieder gefund und laß von Dir 
hören. Ehriftel und Elfe grüßen Did). 
Der Deine 

Th, Billvoth. 


* 


146) An Prof. von Winiwarter in Lüttich. 
Wien, 6. März 1879. 


Sieber Wintwarter! 

Der Derleger meiner Dorlefungen über allgemeine Chinmsis 
ein fehr anftändiger Mann, Georg Reimer in Berlin, — 
neue Auflage meines Buches. Ich mußte Kur REED e ie 
außer Stande fei, dies zu übernehmen, da ich die Materie ni — 
beherrſche und nicht die Zeit habe, mich wieder — un 
Ic habe ihm jedoch erflärt, daß es mich freuen a a an 
meiner Schüler eine neue Auflage des Buches — eh 
Herr Reimer wünfcht dies aufs febhaftefte und hat mich beauftragt, 


Sie zu fragen, ob Sie geneigt feien, die neue Auflage herauszugeben ; 
ich erlaube mir auch von meiner Seite diefe Bitte zu unterftüßen. 

Ich verzichte auf jedes Honorar von den neuen Auflagen; Sie 
haben alfo in diefer Richtung freie Band und Fönnen fich den Preis 
beftimmen, wenn Reimer mit Ihnen darüber in Correſpondenz 
tritt. Vorläufig handelt es ſich darum, ob Sie überhaupt auf den 
Antrag eingehen wollen. 

Was die Technif einer folhen Arbeit betrifft, jo können Sie 
Holzſchnitte ausschalten und zufegen, wie Sie wollen. Ich habe 
mir immer je ſechs Bogen in ein Heft zufammenheften und mit 
Schreibpapier durchſchießen lafjen, eventuell auch Einlagen gemadt. 
Wichtig halte ich es, daß das Buch nicht dider, alſo audy nicht 
theurer wird; Eliminirung und Zuſätze wären alfo ungefähr im 
Gleihgewicht zu halten. Reimer wünjcht die Auflage bald. — 
Wegen Ihrer Arbeit für die Deutfche Chirurgie machen Sie ſich 
feine Sorgen, da die Ausgabe des Werkes ohnehin aufgeſchoben ift. 

Ich hoffe, es geht Ihnen in Ihrer neuen Heimath gut. 

Der Ihre | 
Th. Billtoth. 
5 


- 


147) An Prof. von Winiwarter im Lüttich. 
Wien, 28. März 1879. 
Sieber Winiwarter! 


Nach einiger Ueberlegung möchte ich glauben, daß Sie Reimer 
proponiren follten, daß er Ihnen für die Ueberarbeitung 2000 Reichs- 
mar? zahle, dazu 10 Frei-Eremplare und 5 Frei-Eremplare für 
mich; dafür dürfte er eine Auflage von 2000 Eremplaren machen. 
Da ich auf Honorar verzichtet habe, fo Fönnte er Ihnen gewiß mehr 
zahlen; ich rathe indeß, fich für etwaige fpätere Auflagen nicht zu 
binden. Geht das Buch in der neuen Form gut, jo haben Site den 
Dortheil, bald wieder neue Auflagen zu machen. Treiben Sie das 
Honorar in die Höhe, fo wird Reimer fich eine ftärfere Auflage 
ausbedingen. Kieber Hleinere Auflagen mit mäßigem Honorar! doch 
bald aufeinander folgend; das Bud) erhält fich dabei länger jung, 
und das ift Ihr Dortheil. Eine zu große Auflage, etwa von 5000 





| 
| 
| 





— 185 — 


und 4000 vathe ich nicht; es dauert zu Lange, bis fie verfauft wird 
und jo veraltet fie zu raſch. Sie werden übrigens in Reimer immer 
einen gentleman kennen lernen, zumal audh, wenn Site einmal 
Monographieen mit Tafeln ediren wollen, die jo Foftbar zu drucken 
find, daß jte nur wenige Derleger übernehmen, wenn fie nicht von 
den betreffenden Autoren fonft Dortheile haben oder erwarten. 

Mir haben die Auflagen immer viel Dergnügen gemacht! Mod) 
einmal: machen Sie das Bud) nicht viel dicker! Denken Sieimmer daran, 
daß es für Studenten tft, und daß man ihnen das Kernen zumal im 
Anfang möglichit erleichtern fol. Erhalten Sie in dem Bud aud) 
womöglich den hiftorifchen Geift, den Zufammenhang mit der Der- 
gangenheit. Goethe jagt irgendwo: „Und was man ift, das blieb 
man Anderen fchuldig!“ 

Der Ihre 


Ch. Billeoth. 
R h. Bilfeoth 


148) An Fräulein Henriette Padher in Wien. 
Wien, 12. Mai 1879. 
Kiebes Fräulein! 
Ih war geftern, um mid) zu verfichern, bei Hofrath Sanger, 
- Univerfitätsreferent im Miniftertum. Die Stelle von Prof. Blazina 
in Prag, der feine Penfton erhalten hat, wird nicht beſetzt. Prof. 
Rehacef in Graz hat feine Penfion noch nicht begehrt und wird 
dies auch wohl für's erfte noch nicht thun. Für den Fall, daß die 
Stelle in Graz vacant werden follte, fcheint Prof. X. dorthin Ver⸗ 
ſprechungen vom Miniſter zu haben. Doch geht, wie gejagt, Re— 
hagek jest nicht; es ift alfo auch von einer Dacanz in D. noch 
gar Feine Rede, vielleicht in 1’. —2 Jahren, Dielleicht findet ſich 
noch früher etwas im Deutſchen Reih. Mikulicz hat Allen, die 
ihn auf der Reife fennen lernten, fehr gefallen; feine lette vorzüg— 
liche Arbeit hat ungetheilte Anerkennung gefunden. Alfo nur noch 
ein bischen Geduld; es kann ihm nicht fehlen! 
Ihr ergebenfter 
Th. Billvoth. 


— 186 — 


149) An Dr. Mifulicz in Wien, Affistent Billroth’s. 
Wien, 22. Mai 1879. 
Sieber Mikulicz! 


Ihr Brief aus Paris hat mich fehr intereffirt, und freut es 
mich, daß Sie gefund find und viel Interefjantes fehen. Man muß 
das in der Jugend genießen, wo man nod) recht empfänglic, für 
alle Eindrücde tft. In Betreff der bei uns in Ausſicht ftehenden 


Dacanzen habe ich die Reſultate meiner Nachforſchungen an hre 


Braut mitgetheilt.*) Ih wünfche Ihnen, ebenfo wie Wölfler, 7 
recht bald eine jelbftändige Stellung. Dod macht fid das nicht 7 
immer fo fchnell, wie man möchte, man’ muß Geduld haben; es ; 
fommt dann auch wohl plößlih, wo man es garnicht vermuthet. ° 


nee ee rin 


Don der Klinik hat Ihnen Wölfler berichtet, wie er mir mit- 7 


theilte. Die Herren haben tüchtig zu thun. Auch in der Praris 


bin ic) fehr befchäftigt, ſodaß ic) leider gar Feine Fortichritte mit der 

"Bearbeitung der Mamma-Krankheiten mache, die mir wie ein Stein 7 
auf dem Herzen liegt. Ich bin recht müde an literarifchen Arbeiten 
geworden und habe viel mehr Bedürfniß zu recipiren, als zu pro⸗ 


duciren. 
Genießen Sie Paris, ſowie die reizende Umgebung. Paris hat 


von allen Städten die meiſte Aehnlichkeit mit Wien, und wenn der N 
Franzoſe nicht jo antigermanifc wäre, fo wäre er eigentlich ein 7 


reizender Kerl; nur die Italiener find mir lieber. 


Gediegener, ernfthafter, wenn aud, einfeitiger, manchmal bei 
aller Befcheidheit im Einzelnen faft bornirt im Allgemeinen, werden 
Sie den Engländer finden, Wenn es Jhr Geld erlaubt, verfäumen 
Sie nicht, Edinburgh und Dublin auch zu bejuchen. Auch die Um= 


gegend von London tft reizend. Ich hoffe, Sie werden mir aus 
England wieder fchreiben. 


Notiren Sie ſich doc kurz alle Darietäten des antifeptifchen i 
Derbandes, die Sie fehen; es wäre intereffant, es einmal furz zus 
fammen zu ftellen. Derfäumen Sie nicht Tagebuch zu führen, es” 


wird Site fpäter fehr interefjiren. 


Der Ihre 
CH, 8. 


*) Siehe Brief Tir. 148. 





150) An Dr. Mikulicz in Wien, Aſſiſtent Billroth's. 


Wien, ı7. Juui 1879. 
Sieber Mikulicz! 

Beſten Dank für Ihren Brief aus Sondon. Es freut mich, 
das Ihnen dte englifche Chirurgie und die Chirurgen dort gefallen, 
Fijter ijt eine ungemein fympathifche Perfönlichkeit. Ich hatte fchon 
‚gefürchtet, er grolle mir, daß ich nicht gleich und nicht ganz un— 
bedingt auf feine Ideen und feine Methoden eingegangen bin; er 
zeigt ſich auch darin als bedeutender Menſch, daß er feine Sadıe fo 
beherrſcht, daß er mit Ruhe das Urtheil der Anderen abwarten 
kann. Ich bitte, ihm einliegenden Brief zu übergeben, in welchem 
ich ihm gedankt habe, daß er Wölfler und Sie fo freundlich auf- 
genommen hat. | 

Es wäre doc gut, wenn Sie auch nad) Edinburgh und Dublin 
teilten; ich habe lange nichts von dort gehört. Bei dem alten X. 
in E. wird nicht viel zu holen fein, doch tft die Stadt wunderbar 
Ihön und interefjant. Die Irländer follen befonders gaftfrei und 
liebenswürdig fein. Mac Cormac wird Ihnen Empfehlungen 
nah Dublin, Kifter nad) Edinburgh geben können. Sie dürfen 
nicht vor der erften Hälfte Auguft zurückkommen. H. wollte darauf 
beftehen, daß Sie die vollen fechs Monate nach dem Stiftbrief des 
‚Stipendiums ausbleiben müffen. Sie können fich darauf berufen, 
daß die Reifen nach Großbritannien befonders theuer find, und daß 
mit Anfang Auguft in allen Culturländern die Ferien beginnen. 
Wenn Sie nod; Geld brauchen, fo fchreiben Sie mir; ich jchieße 
‚Ihnen auf 10 Jahre und mehr vor, ſoviel Sie wollen und brauchen. 
Bei uns nichts befonderes Intereffantes, außer das faft volljtändige 
Ausbleiben der Dvariotomieen. 















Ihr | 
Th. Billroth. 
* 


151) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 


Wien, 24. Jult 1879. 
Sieber Brahms! 


— Wenn ich auch für jest noch nicht abfehen kann, warn ih aus 
Wien herausfomme (es wird fchwerlich vor dem 5. Auguft fein), 


— 


are 2 


a. 
3 
fo möchte ih doch einen etwas beftimmteren Plan für die Aus⸗ 
nusung meiner Ferialzeit machen. Haft Du £uft eine Tour mit 
mir zu mahen? Ich proponire: vom Pufterthal durchs Ampezzo⸗ 
thal ins Deneztanifche hinein. In Dberitalien möchte ich Bergamo 
und Brescia dies Mal mitnehmen, audy Denedis, Padua und Nlaiz } 
fand, wenn Du willft, dann die Seen von Como, Lugano ıc. zurück 
über Splügen oder Malloja ins Engadin. Wenn es ſich madıt, 
möchte ich gegen den 18. oder 20. September zur Naturforſcher⸗ 
Derfammlung in Baden-Baden fein. Wir müßten alfo fpäteftens 
am 1. September aus Kärnthen abreifen, auch 8 Tage früher, wenn 
es Dir lieber ift. Wie fteht es nun mit der Shumann-feier in Bonn? 
für mid) ift es nur wünfchenswerth zu wiffen, ob Du die Tour jo 
oder wie anders mitmahen willft, und wann, und von wo Du 
abreifen willft, weil ich darnad) meine Dispofition für Auguff 
machen will. 

Ich hatte neulic, eine Operation in Slavonien zu madhen; auf 
der Rücreife war ich einen Tag in Aufjee und fand die Meinen 
troß des Falten unfreundlichen Wetters fehr munter und gefund. 7 

Du haft hoffentlich Deine Manuſcripte und Abfchriften rechte # 
zeitig erhalten. Für Deinen Brief beiten Danf. Das zweite Stück 
in G@-moll hat es mir ganz angethan; es ift gewaltig ſchön. In 
beiden Stücken ſteckt mehr vom jungen, LimmelanſtürmendenJ ohanne 
als in den letzten Werken des vollendeten Mannes. Ein ander Mal 
mehr davon! mein Schickſal ruft mich ins Krankenhaus. 


Der Deine 





— —* 


Th. Billroth. 


nA — 2 


* 


152) An den Herausgeber. 


—— 8 


Wien, 5. Auguſt 1879. 

Verehrteſter College! J 

Es iſt unverzeihlich, daß ich Ihren freundlichen Brief vom 

13. Juni erft heute beantworte; entichuldigen ann ich mich darüber? 
nicht anders, als daß ich erft geftern mit meiner Monographie über 
die Krankheiten der weiblichen Bruftdrüfe*) fertig geworden bit, 
die ich vor den Ferien zu beenden verfprochen hatte. Wenn Sie! 


*) Dentfche Chirurgie, Lieferung 41, 1880. 





— 89 — 















dazu noch in Betracht ziehen wollen, daß ich vor etwa acht Wochen 
das Gelübde ablegte, meinen Flügel nicht eher zu berühren, bis 
jene Arbeit fertig ſei, ſo mögen Sie daraus erſehen, daß es — 
VDergeßlichkeit war, was mich vom Schreiben abhielt. Heute habe 
ich wieder geſpielt, doch nicht die „Najade“ von Taubert, deren 
ich mich kaum noch erinnere, ſondern Bach. 

.. . Der hiſtoriſche Sinn iſt verdammt mager in den jeßigen 
Generationen gejäet und an wenig Orten aufgegangen. Was 
jpeciell die „Schulen‘ betrifft, fo habe ich fo viele unangenehme 
Erfahrungen damit gemacht, daß ich Fein Wort mehr darüber ver- 
bieren möchte. Bald will ein langjähriger Affiftent (3. 3. Volk— 
mann) feinen Chef (Blafius*) nicht als feinen Lehrer, bald ein 
‚Chef 5.8. Dumreicher) feinen langjährigen Afftftenten (Linhart**) 
nicht als feinen Schüler betrachtet wiſſen. Dies sub sigillo! Doch 
0 geht es in infinitum fort! . . . 

Mit freundlidhftem Gruß 
Ihr ergebenfter 
Th. Billvoth. 


4 


* 


155) An Prof. Baum in Göttingen. 
Wien, 3. Auguft 1879. 
Sieber Herr Geheimerath! 
Mein hochverehrter Lehrer und Freund! 

Ic freue mich immer über Ihre lieben Briefe und über Ihre 
bewunderungswürdige klare Handfchrift. Meine Finger zittern augen- 
blicklich, weil ich eine Stunde lang Bach gefpielt habe. Das ftvengt 
die Finger gewaltig an; denn nicht nur jeder Takt, das Ganze muß 
daftehen wie ein gothifcher Bau, fteinern, hoch und groß; ich habe 
mich heute Morgen mit einer Art Leidenfchaft diefer Muſik hin- 
gegeben. 
Beftern Abend bin ich mit meiner Arbeit, den Kranfheiten der 
Bruſtdrüſen, fertig geworden; es ift darüber fo viel Gutes gefchrieben, 
daß es nicht leicht war etwas Neues, Setgemäßes, denn Alten Be 
ürtiges zu fchaffen. Anfangs machte mir die Arbeit —— 
dann aber kam ich wieder ins Gebiet der pathologiſchen hHiſtologie, 








*) Prof. der Chirurgie in Halle; geft. 1875. 
**) Prof. der Chirurgie in Würzburg; geit. 1877. 































die immer noch die Macht einer ZJugendliebe auf mich ausübt. Auf 
Hülfe tüchtiger Affiftenten, deren aus den talentvollen öfterreichifchen 
und ſlaviſchen Stämmen immer neue hervorwachſen, habe id meine” 
große Präparaten-Sammlung aufs Meue durchgearbeitet. Da audy 
mein kliniſches Material georönet und fehr reichhaltig war, fo hoffe 
ich, daß etwas leidlich Brauhhbares zu Stande gefommen tft, das 
für ein Decennium aushalten mag. Länger halten die beften Arbeiten 
unferer Zeit nicht vor, und das iſt ein gutes Zeichen für unfere 
Zeit; es wird eben doch in Deutfchland fehr viel, und im Durde 
ſchnitt fehr gut gearbeitet. Ei 
Ich kann Ihnen nicht jagen, wie dankbar ih Ihnen bin, daß 
Sie glei beim Beginn meiner Studien den hiftorifhen Sinn und 
die höchſte Achtung vor unferen Dorfahren in mir gewedt haben, 
Es giebt nidhts, was mehr vor Meberhebung unferer Leiſtungen 
{hübt, als wenn man ſich immer. nur im Rahmen des Ganzen 
denkt. Es giebt jest fo viele Keute, auch unter unferen Beften, die 
‚glauben, fie haben die ganze Chirurgie erfunden, und mit denen ſich 
nur verkehren läßt, wenn man ihnen dies a priori zugiebt. Die: 
Geſchichte der Wiſſenſchaften macht feine Sprünge. Wenn Einer f 
ſich einbildet, er habe einen großen Sprung gethan, jo muß er ihn | 
gewiß zu dreiviertel wieder surücthun. Eine ſolche Eritifche Zerſetzung 
zerftört freilich unfere ſchönſten Sllufionen, doch bewahrt fie uns aud) N 
vor Selbftüberfhäsung und Stagnatiott. 1 
Mit Freuden höre ich auch aus Ihrem legten Briefe von Ihre J— 
wiſſenſchaftlichen hiſtoriſchen Schaffen; Sie ſind ein leuchtendes Bei⸗ 
ſpiel für uns Jüngeren. Beifolgend das Bud; von Birfett*) mit 
beftem Dank zurück; die Bleifederftriche darin find nicht von mit, 
In wenigen Tagen reife ich auf 53 Wochen nad) Carlsbad, 
von da zu meiner Familie, die jchon fett 4 Wochen in Aufjee m 
Steiermarf weilt. Nach Amfterdam**) gehe ich nicht, vielleicht 
nah) Baden-Baden***), oder nach Nizza, ich ſchwanke nod): “ 
Freundlichften Gruß an Marianne. 4 
In alter Treue der Ihre 
Th. Billroth. 7 
* u 


mel 


159) An Prof. His in Leipzig. 
Sieber Freund! 


Ich habe Div immer noch zu danken für die ltebenswürdige 
- Bereitwilligfeit, mit welcher Du Wölfler Deine Präparate über- 
lafjen haft. Er ift duch übermäßige Anftrengung im Dienft (fein 
College Mikulicz war auf Reifen im Ausland) fehr in feiner Arbeit 
behindert, hofft jedoch in den serien zum Abflug zu kommen. 
Ich beharre darauf, meine Schüler zu veranlafjen, ihre Arbeiten 
ſtets auf breitefter Bafis zu unternehmen, überhaupt in rein wifjen- 
Ichaftlihem Geifte zu arbeiten. 
ESs iſt ein Unfinn, wenn von mir verbreitet wird, ic) ſei ein 
Feind der Kifterei (ich ftehe mit Lifter in freundfchaftlichitem Brief- 
verfehr), aber ich bin immer mehr ein Feind des Uebertreibens ge— 
worden. Hier herrfcht in gewiffen Dingen bei allen fonftigen Aus- 
wüchſen des lebhaften Beiftes der jüdiſch⸗öſterreichiſchen Bevölkerung 
ein merfwürdig Fühler Ton der KHritif. Es ift die Wirkung der 
nüchternen Menſchen Rofitansfy und Skoda. Das hat feinen 
- Einfluß auf mich aud) nicht verfehlt; und wenn ich audy nicht jede 
Discuſſion über fchwierige Diagnofen und Therapie wie SFoda 
mit den Worten abbrehe: „Wir find nicht in der Sage” ꝛc. — fo 
denfe ich es mir jedenfalls weit häufiger als früher. Das ift wohl 
auch eine Folge des Alters. . 
| Ich verfenne die enormen praftifchen Fortichritte durch die 
Antiſeptik nicht; doch überfehe ich das ganze große Gebiet der 
- Chirurgie, jo nimmt der operative Theil kaum ein, und von 
dieſem iſt auch noch Vieles der Antiſeptik entzogen (alle Operationen 
im Mund, am Rectum, in der Blaſe ꝛc.). Ich kann es daher ul 
als eine furchtbare Einfeitigfeit anfehen, die Antifeptit mit der 
Chirurgie zu identificiren. 

' — Be nun fo viele Arbeiten, befonders die Dor- 
träge und Dorftellungen auf dem Chirurgen-Longreß Pe Se 
eine Blorification nicht mehr der Sache, fondern der ——— — 

feure hinauskommen. Dies iſt ein enormer Auer En In 
leicht, gegen den Strom zu ſchwimmen; auf die — 
Ich freue mich, daß meine Schule arbeitet. SUPER 
Eich ganz zu Ruhe feßen. Der Deine Ch. Billroth. 


* 


Wien, 6. Auguſt 1879. 





155) An Prof. Baum in Böttingen. 
Wien, 26. November 1879. 
Mein lieber hochverehrter Lehrer und Freund! 

Es hätte mir feine größere Freude zu Theil werden Fönnen, 
als Ihren Wilhelm einmal einige Zeit bet mir zu haben. Ih ; 
habe mic, fehr an feinem Eifer an der Chirurgie und an feinem 
offenen Sinn für Alles Schöne und Gute erfreut. Er ift ein tüchtie 7 
ger Mann geworden, mit dem man gern verkehrt. Leider Fonnte 7 
ic ihm bei mir feine Häuslichfeit bieten. Frau und Kinder find E 
in Italien an der Riviera in San Remo und werden dort den 
ganzen Winter bleiben. 2 

... Yun ift mein Haus öde und leer, und ich fomme mir, 7 
troßdem meine Freunde mich oft einladen, doch recht einfam vor. 
Da war mir Wilhelm’s Beſuch bejonders willfommen, und id 
konnte mich ihm mehr widmen, als es jonft möglid) gewejen wäre. 
Eine jede Hlinif bietet ihre Eigenthümlichfeiten, und jo hat ihn © 
auch hier Manches intereffirt, was anderswo nicht oder felten vor- 
fommt. 4 
j Mit Freuden fehe ich aus Ihrem lieben Briefe, daß Sie immer F 

rüfttg fortarbeiten und an Allem regen Antheil nehmen, was unfere 
Mitfenfchaft bewegt. Ich fende Ihnen noch nachträglich die herz= 
lichften Glückwünſche zu Ihrem achtzigſten Geburtstage. Ste haben "FE 
eine für Deutfchlands Wiſſenſchaft und Geſchichte große Epoche 
durchlebt, vielleicht die größeſte, welche unſer Volk bisher überhaupt 
durchlebt hat. 4 

Daß ih Ihrem Wilhelm eine Totalerftirpation der Gl.” 
thyreoidea voroperiren würde, hätte ich für Unfinn erklärt, wenn 
es mir Jemand gefagt hätte, als ich mit zitternder Hand die erſten 
Operationen an der Leiche bei Ihnen in Göttingen machte. 4 

Mit herzlichem Gruß 
Ihr 
Th. Billroth. 


156) An Prof. Hanslid in Wien. 2 
Wien, 5. December 1879. ; 

Sieber Freund! A 

Ich habe mir nachträglich Dorwürfe gemacht, daß ich bet Euch 

zu viel Muſik gemacht, und überhaupt zu viel Lärm gemacht habe; | 








u NS 


doch hr müßt mich nun fchon fo nehmen, wie es eben kommt 
Muſik regt mein ganzes Innerſtes immer furchtbar auf. Wenn * 
Dir nicht zu viel wird, komme ih mit Boldmarf’s Denthefilea= 
- Dupertüre. Ich bin fehr glücklich, wern ich mich einmal austoben 
kann. Mit Deiner frau muß ich auch noch einmal die Brahms- 
ſchen Liederhefte durcharbeiten. 
Dein 
Th. Billroth. 


* 


157) An Prof. von Rindfleifh in Würzburg. 
Wien, 6. December 1879, 
Alferitraße 20. 
Sieber Freund! 

Ehe meine familie nah San Remo abreifte, habe id) die 
Kinder photographiren laffen. Ich ſchicke Dir einliegendes Bild 
von Elfen; Du haft Dich ebenfo wie Deine liebe Frau immer fo 
herzlich für das Kind intereffirt, daß es Dich vielleicht freuen wird, 
wenigstens im Bilde zu fehen, wie fie ſich entwickelt hat. 

. +. Was foll ich Dir nody von mir fagen. Ich wicfele meine 
Pflicht als Lehrer und Arzt mit alter Bewifjenheit ab und freue mid) 
herzlich der, ich kann wohl fagen, glänzenden Erfolge meiner Schule. 
Auf Ezerny, Menzel, Buffenbauer, Winiwarter, Mikulicz, 
MWölfler, Klotz, Friſch ıc. darf ich wohl ſtolz fein. Sie ſetzen 
Meine Ideen und meine Arbeit fort. Ich denke aber für mich 
„un! es will Abend werden!” nicht in Trauer und Betrübniß, 
ſondern in freudiger Ruhe. Soll ich es erleben, ſo habe ich noch 
10 Jahre in meinem Beruf zu arbeiten; dann bin ich Gl und kann 
mich als emeritus zurückziehen. Vorgeſtern verfandte ich mein letztes 
Manufeript: die neue, faft ganz neu gefchriebene Auflage von 
Meiner Arbeit über die Yruftdrüfen für die „Deutſche Chirurgie”. 
Sapienti sat! 

Ic habe Dir foviel von — 
weil i abe und Did) bitte, 
—— nn — lit großen Intereffe habe ich Deine neuen 
Arbeiten über das Knochenmark geleſen; ja, überall geht * 
wärts, daß es eine Freude iſt! Es waren doch ſchöne —— als 


Briefe von Theodor Billroth. 


ilie und mir vorgefhwaßt, 
mir ein Gleiches zu thun 


-. 


— — 


ich mich auch noch mit dieſen Dingen befaßte. Wir haben doch ein 
ſchönes Stück Jugend mit einander in Zürich verlebt; ich denke oft 
mit Sehnfucht und Wehmuth an diefe Seit zurüd. So wird es nie 
wieder! Wie fteht es denn mit Deinem neuen Bud der patholo- 
sifchen Biologie? | 
Grüße Bergmann*) herzlid von mir, Freundliche Grüße 
an Deine frau und Kinder. { 
Der Deine 
Th. Billroth. 
* 


158) An Dr. Kappeler in Münſterlingen. 
Wien, 7. December 1879. 


Sieber Freund! 
Die Zufendung Ihrer vortrefflihen Arbeit**), und zumal der 
diefelbe begleitende Brief hat mir große Freude gemacht. Was fann 
es für einen Lehrer größere Benugthuung geben, als zu erfahren, 
daß feine Ausfaat auf fruchtbaren Boden gefallen ift! Ich habe) 
es immer als befonders ehrenvoll angefehen, wenn Männer, die N 
nicht, in directem Contact mit einer Univerfität ftehen, dauernd zum 
Panier der Wiffenfhaft halten. Im Ganzen ift es felten; un ſo 
ehrenvoller für Ste und Ihr Daterland, daß Sie eine foldhe ehren= | 
volle Ausnahme bilden! Folgen Sie auch ferner diefem Wege, und |) 
Sie werden ihn, wenn auch mühfam, doc) Iohnend und erfreulich } 
finden. | 
Meine Arbeitsfraft geht zu Ende. Haar und Bart find faft | 
weiß geworden; doch habe ich auch hier Freude an meinen Schülern, 
die nicht nur meine flüchtig hingeworfenen Ideen fruchtbar zu ge⸗ 
ftalten wiffen, fondern nicht minder felbftändig denfen und arbeiten. 
So fehe ich denn freudig den Abend meines Sebens vor mir und | 
darf mich wohl im Kreife meiner Familie und meiner Schüler, } 
meiner geiftigen Söhne und Enkel glücklich ſchätzen! 
Mit herzlihem Gruß 
Ihr 
Th. Billroth. 
* 


*) Prof. der Chirurgie in Dorpat, Würzburg, Berlin. 


**) Anaesthetica (Deutfche Chirurgie, Kief. 20). 








— 195 — 


159) An Fräulein Elfe Billroth. 
Wien, 21. Januar 1880. 

. .. Die Patti hörte ich als Traviata, einer Dper mit häf- 
licher Handlung, doch fehr fchöner Derdi’fher Mufif; ich mußte 
ſehr viel an diefem Abend daran denken, welche Freude Du gehabt 
hätteft, fie zu hören. Ihre Stimme ift in der Tiefe noch weit fchöner 
geworden. Die früher jo dünne, badfifchähnliche Pleine Frau ift 
jest etwas voller geworden und fieht fo hübfch aus, wie nie zuvor. 
Wenn man jie nicht gehört, hat man doch Feine Dorftellung von 
der Schönheit der menjchlihen Stimme. Ihre glocenreine Intona- 
tion, ihre pacdende Coloratur, diefes mezza voce, das Schwellen 
und Schwinden der Töne, ihr Staccato, ihr Triller, das: Alles ift 
unvergleichlich Funftvoll und Schön zugleich. 

Don den Loncerten war das von Sarajate am interefjanteften. 
- Sein Beigenton ift wie der Befang der Patti, und wie ein Blick 
- vom Hügel in Bordighera: jo ſchön, jo weich, jo edel und fo in- 
terefjant zugleih. Sarafate hat die Herzen der Wiener weiblichen 
- Jugend fehr ergriffen, befonders durch feine intereffante Perſönlich— 
keit, So ſchwarz und zottig find felbft die ſchwärzeſten Juden nicht; 
und doch erzählte er, daß er in Spanien noch für „blond’ gelte, 
da er nicht den olivenbraunen Teint feiner KSandsleute habe. Ich 
war nach ſeinem Concert mit mehreren Künſtlern mit ihm im 
Hotel Metropole; er ſpricht fließend franzöſiſch und iſt ein ſehr netter, 
gemüthlicher Menſch. 
— — war Joachim's großes Concert; er ſpielte 
Bad, Beethoven, Spohr unvergleichlich ſchön und — Sein 
Ton hat nicht den weichen, wonnigen CLiebreiz Ge Seas] u 
auch mit Dorliebe mehr weichlihe Compofitionen ſpielt, dafür a 
mehr Kraft und männliche Energie und eine gewiſſe Bar a 
die mehr imponirt als beraufht. Schon als 12jähriger Zunabe Wr 
er öffentlich zum Staunen Aller gefpielt und kalt ſich — 
gleicher Höhe. Das will etwas hetten; es IT Mn Acht, die 
hinter dem Künftler eine bedeutende Fräftige Amen ee Er 
nie mit dem Publitum Fofettirt, jondern immer das Pu N 


ſich erhebt. 


160) An Dr. Mikulicz in Wien, Afitftent Billroth's. 
San Remo, 19. März 1880. 
Sieber Mikulicz! 

Ihre Mittheilungen haben mich außerordentlich interefjirt und 
erfreut. Der Derlauf diefer 3 Fälle, fowie des früheren von Total- 
erftirpation [des Uterus] ift ungemein lehrreih. So leid es mir 
thut, daß Ihre Kandsmännin gerade das Opfer war, fo ift es mir 
doch um der Sache willen von großer Wichtigkeit, wenn die fälle 
von Bandl und Rokitansky durchfommen; ich hätte mic, wohl } 
nicht wieder fo bald zu dieſer Operation entfchloffen, wenn dieſe 
Fälle ganz ſchlecht abgelaufen wären. Yun haben wir Chirurgen 
wieder einmal für dte Bynäfologen die Kaftanien aus dem Feuer 
geholt, und fie werden die gare Frucht mit Appetit verjpeifen. 
Gewiß muß man darauf denfen, den Abflug durch Drains zu jichern; 
doc mit maffenhaften, mittelftarfen Drains geht es auch nicht. Ich 
habe vor mehreren Jahren, als Buffenbauer noch Aſſiſtent war, 
in einer großen Reihe von Fällen die Wunde fajt ganz mit Drains 

ausgefüllt, doch die Erfolge waren nicht gut. Selbit mehrere dicke 
Drains würden nicht vor dem Zufall hüten, daß Netz-Appendices— 
Tuben-Stüce die Drainlöher ventilartig ſchließen; Metallvöhren und 
Blasröhren würden auch nichts daxan ändern. Ich glaube, man 
müßte bei den geringſten Schmerzen und Fieber Salicylſäure eins 
ſpritzen und das Drain ſofort entfernen, wenn die Flüſſigkeit nicht 
gleich wieder zurückfließt, um dann einen neuen einzulegen. 

Ich lege einige Briefe bei, welche ich Sie zu beantworten bitte; 
das Porto laſſen Sie durch W. verrechnen. Sie ſehen aus zweien 
dieſer Briefe, was für ein Unheil die dumme Seitungsnotiz über 
die Ietste Defophagotomie angerichtet hat; gewiß hat irgend ein armer N 
Teufel unter den Zuhörern die Motiz für 10 Kreuzer an eine der 
fleinen Wiener Zeitungen gegeben, und nun läuft der Unfinn durch 
alle Zeitungen Europas. Einliegenden Seitungsausichnitt*) erhielt 
ih aus Zürih! Es giebt doch immer Leute, welche im Stillen 
meinen, diefe Motizen gingen pon unferer Klini? aus; und jo het 
man mir eine ganze Rotte von Leuten auf den Hals, die mid) als 


,, *) Die Zeitungsnotiz betrifft eine fehr überſchwängliche Anzeige einer von 
Billroth ausgeführten Eröffnung der Speiferöhre bei einem jungen Manne, welcher 
fein Gebiß verſchluckt hatte. 





a 


Marktſchreier und Charlatan verurtheilen. Dementirt man jo etwas 
‚öffentlich, jo macht man die Sache noch ärger, Wenn es noch die 

beiden hinter einander gemachten Uteruserftirpationen wären, jo 
konnte man den Reporter noch entjchuldigen; oh um fo eine 
Cumperei von Deſophagotomie fo einen Spektakel zu machen, ift 
zu dumm! Hoffentlich ift es dem D:perirten nicht ſchlecht bekommen. 
J Geſtern kamen wir aus der Provence zurück. Die Natur iſt 
dort nicht ſchön; doch Marſeille, Nimes, Arles, Avignon, Drange 
find höchſt intereffant, zumal durch die römischen Alterthümer. Ob— 
glei hier voller Frühling tft: blühende Bäume, in den Delbaum- 
4 wäldern Deilhen, Harziffen und Hyacinthen in Menge, ift die Tem- 
peratur heute doch auch recht Fühl, und den Palmen uns gegenüber 
ſcheint es auch zu fröfteln. Die Naht war Sturm, das Meer heute 
Morgen erhaben in feinen tofenden Wellen. Jetzt ift es ftill ge- 
worden, der Himmel ift grau, doch regnet es hier faft nie Am 
50. Abends treffe ih in Wien ein. Grüße an Wölfler und 
Gef uny. | 










— 


Ihr 
J Th. B 
4J * 
2 
161) An Dr. Mifulicz in Wien, Afftftent Billroth’s. 
$ Wien, 20. April 1880. 


Sieber Herr Doftor! 


F Ic habe Ihre Arbeit über Antifeptica*) mit großem Intereſſe 
Seleſen. Es freut mich, daß Sie ſich im erſten Theil auch einmal 
verſucht haben, das ſogenannte Theoretifche über die Sache zuſammen⸗ 
zuſtellen. Nach meiner Erfahrung über die Wirkung ſolcher Dar- 
ſtellungen liegt der Schwerpunkt dabei in der Form, in Geſtaltung 
und Aufbau des allgemein Bekannten. Iſt die Form bei — 
Darſtellungen klar, logiſch, feſſelnd, lebendig, jo vergißt u ganz 
von felbft, daß man eigentlich nichts Heues erfährt, Iſt die gorm | 
unvollfommen, der Ausdruck incorrect, ſo fängt man bald an zu 
überfchlagen, immer flüchtiger zu leſen. 





dr f Era 3 derer 
*) Ueber die Anwendung der Antifepfis bei Kaparotomieen, mit befonderer 
Rücficht auf die Drainage der Peritonealhöhle. 


Im Ganzen ift mir Ihre Art der Darftellung recht ſympathiſch; 
ich fühle heraus, daß Alles, was Sie fchreiben, durch Sie hindurch 
gegangen ift und in Ihnen gearbeitet hat. Doc; glaube id, dad 
Sie felbft jest, wenn Sie den allgemeinen Theil noch einmal durd= 
leſen und nun dieſen Theil mehr objectiv vor Augen haben, Mandhes 
beffer jagen, correcter ausdrücden, logifher folgen laffen Fönnen; 5 
aud wären manche Wiederholungen zu umgehen. Laſſen Sie fih - | 
die Mühe nicht verdriegen, den allgemeinen Theil noch etwas zu 
überarbeiten. Mo fich nicht ſtreichen und überjchreiben läßt, kleben 
Sie mit flüffigem Leim (eine auh von Brahms als unentbehrlich 
für Correcturen anerfannte Subftanz!) über, fchmeiden Stüde aus, 
kleben fie wo anders hin ıc. Wenn fo etwas einmal gedruct it, 
fo ärgert man ſich nachher doch über Manches, was man leiht 


hätte beffer machen Fönnen. 
Der Ihre 


C. 2. 
* 


162) An Dr. Baum in Danjig. 


Wien, 10. Juni 1880, 


= 


Sieber Wilhelm! 


Berzlichften Dank für Deinen freundlichen Brief und Einladung 
zur diesjährigen Naturforfcherverfammlung. IH fann mid von 
Jahr zu Jahr ſchwerer entſchließen, in den Morden zu reifen, ebenjo 
fhwer mein müdes Gehirn auf großen Derfammlungen zur alle ° 
gemeinen Unterhaltung fpielen zu Iaffen. Dazu muß man jung fein. 
Für den fpäteren Nachmittag des Sebens, mit dem ich mic, übrigens F 
immer mehr befreunde, ift der Süden und das Ausruhen in den | 
Ferien auch wohl natürlicher. Jc werde mit meiner Familie, die ‘4 
feit Mai wohlbehalten aus Italien zurückgekehrt ift, mic) in irgend 
ein Neſt der öfterreichifhen Alpen zurückziehen und dort einige 
Wochen fchlafen. IJ 

Deine wiſſenſchaftlichen Poſtbemerkungen haben mich ſehr a 
freut und intereffirt. Die Welt ift oft fo ſchwer in Bewegung su 
ſetzen, daß es ohne eine Art fanatlicher Mebertreibung kaum gelingt. 
Ich habe in meinen Arbeiten in dem Warnen vor folchen Ueber 
treibungen auch wohl oft zu viel gethan; doch Niemand kann aus 


MY re Ber BEE 








— 90 


ſeiner Haut, und es wäre auch nicht gut, wenn er es könnte. Es 
geſchieht ſchon ſo viel Unfug dadurch, daß viele Leute in die Kleider 
Anderer fahren! wie wollte man ſich aber auskennen, wenn man 
auch in andere Häute fahren Fönnte. Ich würde nun nicht gerade 
in Rs Haut und Scalp fahren; doch mit feiner ausdauernden 
warmen Begeijterung, feiner Energie und feinem flugen Kopf wäre 
ich wohl zufrieden! — ch hoffe, wir treffen uns noch gelegentlich 
in dieſer feptifchen Welt! - 
Dein 
Th. Billeoth. 
* 


165) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 20. Juni 1880. 


+. Ich war neulih bei einem proteftantiihen Begräbniß 
eines einfachen, aber vortrefflichen tüchtigen Menjchen, und war 
wieder entfetst über die entfeßliche Keichenrede des Pfarrers. Da 
habe ich mir vorgenommen, mir fo etwas nicht anthun zu lafjen, 
und allerlei Beftimmungen darüber aufzufchreiben. Auch ein dahin 
‚gerichtetes Geſpräch mit Dir im Lafe Bauer fiel mir wieder ein. 
Ic wollte Dir einen Text juhen für einen Furzen, nicht zu ſchweren 
Maãnnerchor, beim Einbuddeln auf dem Kirchhofe zu fingen. Doch 
ich finde Feinen Tert. Ich werde mich, um Feine Derfehrsftörung 
in der lebhaften Alferporftadt zu mahen, ganz fimpel ohne Muſik 
zum Eentralfriedhof herausfahren lafjen, ohne geiftliches Geleit und 
ohne geiftlichen Empfang. Dort wäre Mufit mir Iteb, dann einige 
Worte am Grabe von einem Freunde oder Studenten, dann wieder 
ein kurzer Muſikſatz. Ließe fich der zweite Chor Deines Requiems 
für Blasinstrumente und Männerchor fegen? Sum Schluß etwa 
aus Shumann’s Fauſt „Dir der Unberührbaren” für Blasinftrus 
mente allein (ohne Befang), oder der Schlußchor aus dem Dr Theil 
von Paradies und Peri ohme Belang. Es fommt mir freilich 
etwas prätentiös vor, doch ih weiß nichts Anderes. Ic habe 
wahrlich nichts gegen Religion, auch nicht gegen Confeſſion, — 
fie im Geiſte allein lebendig iſt; doch wenn fie in praxt — 
kann ich mich immer eines inneren Widerſpruchs und eines N 
Eindrucks nicht erwehren. Wenn Dir etwas Befferes einfällt, theile 


— 200 — 


es mir gelegentlich mit; eilig möchte ich es noch nicht gern machen! 

— Eben fommt mein Helenchen mir „Gute Nacht“ zu jagen! 
Nicht zu eilig! 

Dein 

” Th. Billeoth. 


164) An Prof. Seegen und Frau in Carlsbad-Wien. 
. Wien, 22. Juli 1880. 
Derehrte Freundel 

Ich muß Schon eine Collectivnote an Sie richten, denn ich habe 
von Euch Beiden ziemlich zugleih Briefe erhalten und wüßte an 
feinen von Euch etwas zu fagen, was der Andere nicht auch willen 
könnte. Das Befte, was ich zu fagen habe, ift, daß ich mid, un— 
endlich, freue, daß Pept wieder nach Herzensluft reden Fann. Ich 
Ferne diefe Situationen fo genau und weiß, wie foldhe Heiferfeit ſich 
faft dem ganzen Haufe mittheilt. Jeder glaubt, er müfje auch leiſe 
reden; Alles flüſtert, wie wenn man fürchtet, irgend Jemand, der 
nicht da iſt, aufzuwecken, oder als wenn der wirklich Heiſere es übel 
nehmen könnte, wenn Andere laut reden. Es iſt ein gewaltig 
mächtig Ding um diefe pfychifche Anſteckung im Erniten, Komifchen, 
fogar im Moralifhen. Audy die Kite ſcheint contagiös zu jein, N 
denn fowohl aus St. Wolfgang als von hier kann ich berichten, 
daß wir felten unter 20° R. im Schatten Fommen und es felbft auf 
27° bringen. Die meift nur vorbeiftreifenden, mit ftarfem Sturm 
verbundenen Bewitter bringen wenig Abfühlung. In meinem Garten 
it es Morgens früh herrlich friſch und auch fonft in meinen nach 
Norden gelegenen Zimmern erträglich. Vor einigen Tagen war id} 
in Süd-Ungarn in Großwardein; das war freilich eine heiße Tour, 
ih kam etwas angebraten nah Haufe. 

Inzwifchen war meine Familie nad) St. Wolfgang abgereift. 
Es geht Allen fehr gut. Elfe ſchwärmt von See und Mondſchein; 
Alle gemeinfam haben ihre Reife und Abenteuer in Reime gebradt 
und mir dies luſtige Durchreiten auf dem Pegafus mitgetheilt. 
Mangel an den wichtigften Toilettengegenftänden, wie Kavoirs ıC., 
Fledermäufe, Ankunft zerbrochener Clavtere find der Bauptgegen® | 
ftand des Amüfements. Die Wohnräume und der Parf follen herr— 
lich fein, befonders Iobenswerth auch der Mond. | 


| 
| 
| 
| 
| 
| 





— 0 


h Pepi hält mir eine kleine hygieniſche Vorleſung, und gewiß 
würde ich ihrem Rathe folgen, wenn er von richtigen Thatfachen 
ausginge. Ich muß ihm nämlich ins Gedächtniß zurückrufen, daß 
ich in dieſem Jahre ſchon mehr als vier Wochen in Italien ge- 
bummelt habe und nicht nur dort, fondern aud in Südfrankreich 
ſpazieren gelaufen bin. Diefe Reifen haben mich wunderbar erfrifcht, 
Ä vielleicht aucd die Ruhe des Winters. Kurz, ich fühle mich frifcher 
denn je und zu der rein praftifchen Chätigkeit, die ich hier jest mit 
leidlichem Erfolge betreibe, vollftändig leiftungsfähig. Ich bin bei 

beſtem Appetit, jchlafe wie eine Rate (ich habe freilich noch nie eine 
Ratze ſchlafen jehen) und bin bei ruhigem Gemüthe. Ich habe für 
mich mit dem Seben abgefchloffen, mein Ehrgeiz ift mehr als be- 
friedigt. 

Eine Aufgabe habe ich noch zu löſen, das Rudolfinerhaus zu 
bauen und die Pflegerinnen-Schule darin in Scene zu ſetzen.*) Damit 
1: it nun auch ein wichtiger Schritt gethan: ein fchöner Barten in 
Unter⸗Dobling ift gefauft, und es geht num an Ausarbeitung des 
definitiven Planes und des Baues. Eine furhtbare Agitation zur 
Beſchaffung des Geldes muß im nächſten Winter in Scene gefett 
Ne werden. Legen Sie nur auch Ihre 500 Gulden bereit, denn wenn 
mir das Seben bleibt, fo geht der Bau bald los. In 5—4 Jahren 
muß auch diefe Aufgabe gelöft fein. Dann will ich mich getroft zur 
Ruhe begeben. Meine Wiffenfchaft ift in den beften Händen bei 
J meinen Schülern. Nunc plaudite amici! Ich bin ſehr glücklich in 
dieſem Gedanken. „Im Dorgefühl von diefem hohen Glüd, genoß 
ic) jest den höchſten Augenblick!“ 

i Ihr 


* 











Th. Billroth. 


165) An Prof. Czernv in Beidelberg. 
3 Wien, 4. October 1880. 


\ Sieber Freund! | Er en 
. +. Kangenbed feiert am 9. November ſeinen RR 
ag. Es würde ihn gewiß freuen, wenn Ste ihm auch ir 
vielleicht gratulirt ihm auch Ihre Fakultät als ſolche. Cr 


’ 





*) Siehe Brief Xir. 176, Anm. 


— 202 — 


doch der deutfche Meifter nur 2Eoynv. heilen Ste es doch auch 
Maas mit. | 

Mir und den Meinen geht es erträglih. Das Schriftitelleen 
habe ich ganz meinen Affiftenten übertragen. Don Mifulicz fommt i 
Mehreres, von Wölfler ift, der erfte Theil einer großen Struma- 2 
Arbeit*) foeben erfchtenen, ein treffliches Stück Arbeit. Pathologie | 
und operative Behandlung werden fpäter folgen. Mit den Kropf 
erftirpationen bin ich bald bis zu Vr. 505 höchſt intereffante Dpera- 
tionen, befonders auch durch die häufige Tetanie als Nachkrankheit, 
wieder eine neue Krankheit für uns Chirurgen; auch den Internen 4 
nicht übermäßig bekannt. | | 

Die Ietten Uterus-Erftirpationen nach Ihrer Methode find 
mißlungen; die Drainage ftößt da auf befondere Schwierigkeiten. 
Mifulicz glaubte mit continuirlicher Irrigation des unteren Theils 
des Peritoneums die Sepfis bezwingen zu fönnen, doch bis jet hat 
der Erfolg nicht entſprochen. 

Grüßen Sie Beder!”*) 


Ihr 
Th. Billroth. 


166) An den Herausgeber. 
F | Wien, 15. October 1880. 
Sieber College! 

Es fchmeichelt mir fehr, daß Sie von mir eine Siteraturfenntnig 
vorausfeßen, die ich nie befeffen habe. Ich fann auch nicht einmal 
durch) einen glücklichen Zufall für den von Ihnen erwähnten Fall IJ 
etwas Analoges in meinem alternden Gedächtniß vorfinden. — Daß 
Sie ſich in Ihrer neuen Stellung wohl befinden, freut mich fehr. a 
Wenn Sie an Baum fchreiben, herzliche Grüße! | 

Ihr ergebenfter 


Th. Billroth. 
* 





LUeber die Entwicklung und den Bau der Schilddrüſe mit Rückſicht auf 
die Entwidlung der Kröpfe. 4 
**) Drof. der Augenheilfunde in Heidelberg; get. 1890. R 

***) Trepanation des Darmbeins als Gegenöffnung eines Bedenabfceffes- 





— 205 — 


167) An Dr. Kappeler in Münfterlingen. 


Wien, 8. December 1880. 
Sieber Freund und College! 


Dbgleich ich ſchon von Horner zu meinem größeften Leidweſen 
hörte, daß Sie erfranft feien, doch auf der Befferung, fo war es 
mir doch bejonders lieb, daß Dr. Haffter jo liebenswürdig war, 
mir Mäheres über Ste zu Ichreiben; ich bitte Sie, ihm dafür meinen 
- freundlichiten Dank zu fagen. Hoffentlich wird es nun bald immer 
beſſer und beſſer mit Jhnen gehen, und ich finde es ſehr vernünftig, 
daß Sie daran denken, den Süden aufzufüuchen, wo fich bei fort- 
dauerndem Aufenthalt in fonniger Luft Erfudate und Infiltrate 
ganz unerwartet rajch reforbiren. 

Haffter nannte mir Ajaccio als das Ziel Ihrer Reife. Ich 
möchte Ihnen zu diefem Drt nicht befonders rathen. Der Drt ift 
als Curplatz in Derfall, die Hotels ſchlecht, meift bankrott, die Fahrt 
dorthin unbequem, die Schiffe fchleht. Meine ganze Familie war 
den Winter an der Riviera und zwar in San Remo. Ich war um 
Weihnachten und Dftern dort, jedes Mal 14 Tage und habe mir 
alle dortigen Curorte, ſowie auch Südfrankreich angefehen, dort auch 
das Dbige über Ajaccto gehört. Ich Fönnte Ihnen nur zu San 
Remo, Bordighera oder Mentone rathen; dies find die wärmſten, 
wind⸗ und regenfreieften Drte dort, und man kann ſich dort gut 
verpflegen, was doch auch von Wichtigkeit ift. Die Winteraufent- 
halte in Meran, Riva, Arco find doch nur Halbheiten, die bei jehr 
mildem Winter allerdings glücen können, doch bei einen ftrengen 
- Winter, wie der vorjährige, auch mißglüden. Das eigentlich milde 
Klima an der See beginnt doch erft jenfeits der Apenninen. p tja, 
Rom, Neapel find ganz ſchlecht. Vortrefflich Catania und Palermo, 
freilich auch recht weit. — 
— Intereſſe verfolge ich — 
Arbeiten, und ſchätze es ganz beſonders hoch, wenn en) * 
Ohne die Anregung des Lehrers und einer Fakultät 5 seefectionen®) 
leiftet, wie Sie es thun. Ihre leiste Arbeit Eu Sußre — 
iſt wirklich ein großartiger F ortjcheitt, 2 SR — 
glückliche. Ich bin ſehr ſtolz auf meine Schüler; ſie 2 





*) Ueber große atypiſche Reſectionen am Fuße. 






Pe 377 De Ve Ze 


— 204 — 


vollenden, was ich anſtrebte. Jh bin inzwifchen ganz grau ge= 
worden, kann wohl als Lehrer und Arzt wohl hier und da mit der 
Erfahrung des Alters anregen und rathen, doch nicht mehr mit 
meinen Schülern um die Wette arbeiten. Yun Alles hat feine Zeit. 
Dor Allem werden Sie bald ganz gefund, und erhalten Sie mir ein 
freundliches Andenken. Mit herzlihem Gruß 
— 
Th. Billroth. 
* 


168) An Prof. His in Leipzig. 


a ee ee ee Ne a a ea ee ee 


Wien, 2. Januar 1881. 
Mein lieber alter Freund! j 


... Im Ganzen beftärft ſich bei mir immer mehr die An⸗ 
ſchauung, daß das Wefentliche der Erziehung faft nur im Beiſpiel 
der Umgebung, im häuslichen Ton liegt. Da kommt Dieles von 
felbft in die Kinder hinein und aus ihnen hinaus, was nie durh 
Dorfchrift und Lehre zu erreichen if. Hat man Gelegenheit, der 
Vergangenheit roher Menfchen nachzufpüren, man wird die Quelle” 
meiftein dem häuslichen Ton finden, und ganz vorwiegend in dem 
Mangel an mütterlihem Einfluß. Selten überlegt man wohl in’ 
der eigenen Jugend, daß man nicht nur ein Mädchen zur eigenen” 
Freude, fondern auch die Mlutter für die fpäteren Kinder heirathet; ” 
es ift auch faft zu viel von einem jungen Menfchen verlangt, das 
vorzudenfen, Es ift in unferer ſocialiſtiſch angehauchten Seit wohl‘ 
ein altes zopftg Wort: „aus gutem Baufe fein“, und doc liegt eine” 
ganze Weltweisheit darin! Nun! wir dürfen uns beide wahrlich” 
nicht beflagen! ... . R 

Ihr habt nun auch noch die Sorgen für die Knaben vor uns” 
voraus, Bier hat man doch ſchon angefangen, wentgftens die täge 
lichen Unterrichtsftunden etwas zu verringern und den Knaben” 
mehr freie Stunden zu ihrer Förperlichen Erholung und eigenen 
häuslichen Arbeit zu geben. Es mag ſchwer fein, da die Grenze 
zu finden; und fo fehr uns unfere Jungen dabei leid thun, | 
haben wir es doch auch nicht beffer gehabt. Nur wünſchte ich, 
daf die Zahl derer, welche das Univerfitätsftudium ergreifen, fi 4 
verringern möchte, wie Schon Kaifer Jofeph II. die Derordnung | 


ü— — — — ni en mn mh —— — — nn — —“ 


— 205 — 


erließ, daß nur die allerbefähigiten Schüler zu den Univerjitäten zu— 
gelafjen werden ſollen. Er reducirte die Univerſitäten auf die Hälfte, 
um die Staatsmittel zu concentriven und hier möglichft ausgezeichnete 
Kräfte zu erziehen. Der arme Kaifer hatte auch damit kein Glück! 
Darüber läßt ſich wohl dies und das ſprechen und wünſchen, doch 
in praxi auszuführen ift es ſchwer. 
’ Ih könnte mich doc nicht entfchliegen, dem alten in England 
noch herrjchenden Syſtem das Wort zu reden, nämlich wieder ver- 
ſchiedene niedere und höhere Klaffen von Aerzten und Chirurgen 
einzuführen, entiprechend den Volksſchullehrern und Gymnaftal- 
lehrern, den jubalternen Beamten und höheren Beamten, dem nie= 
‚deren und höheren Klerus. Abgefehen davon, daß, wie Kaifer Jofef 
jagt, die Krankheiten der Bauern wohl nicht fehr verjchieden find 
von denen der feingebildeten Städter —, entjpricht es doch zu wenig 
unſeren modernen jocialen und humanitären Anfhauungen, daß 
wir aufs Neue KHajten und Derfchiedenheit des Ranges auf der 
einen Seite herftellen, und fie auf der anderen Seite wieder nieder- 
reißen und die gleichen Menſchen— und Bürgerrechte verlangen. Ich 
weiß feinen Rath in diefem Dilemma und fürchte, daß ſich unfere 
Jungen noch recht viel in manchen Generationen plagen müffen. 
Das Eine aber dürfen wir aber doch wohl mit Stolz behaupten, 
daß die Deutſchen gerade durch die Breite ihrer Bildungsbafts das 
geworden find, was fie jetzt find. Und gerade auf dem Gebiete der 
VDaturwiſſenſchaften, Mediein und Chirurgie dürfen wir uns wohl 
ohne Chauvinismus unferer mühſam errungenen Stellung und 
Superiorität über die anderen Eulturvölfer freuen. Alfo, laß die 
Buben ſich nur quälen, fie werden es fpäter nicht bereuen; und von 
der „Ermüdung”, die fte, wie Virchow ganz treffend jagt, mit auf 
die Univerfität bringt, erholt fich die Jugend raſch, und 
ihnen dieſe Erholung! Am Ende ſcheiden ſich die Kaften der mie- 
deren, dummen und unwiſſenden Doctoren von ſelbſt von den be⸗ 
gabten und wiffenden; die Natur corrigirt hier, wie fo oft, unfere 
p) ) 
fünftlichen Erziehungsſyſteme. - - - ie 
a a: ee die künſtleriſchen und literariſchen GEN 
meiner Kinder nach Kräften. Die Entwicelung — A aſie 
diefer Richtung iſt dern doch fürs ganze Ceben eine Quelle inneren 
Glücks und froher Lebensftunden. a 
Wie gern horchte ich wieder einmal hinein in 





Euer liebes Haus 


=. 200. 


und Euren familtenfreis, doc will ſich's nicht recht ſchicken. Zu’ 


Dftern zieht es mich immer nah Italien, und ic) kann mih auch 
diesmal nicht entfchliegen diefen Plan aufzugeben, um den Chirurgen- 


Congreß in Berlin zu befuhen, Ich will diesmal mit Brahms 
direct von hier gleich bis Palermo fahren, um dody auch einmal’ 
endlich Sicilien zu fehen. Das muß man fi erpreß vornehmen, 
fonft Fonımt man. nicht dazu, jondern bleibt irgendwo unterwegs 
hängen. Bis Rom haben wir durch die neue Ponteba-Bahn von 
hier nur noch 30 Stunden; dahin kommt man dann fchon jpäter 
auch wohl noch einmal. Dftern fällt diesmal fpät, und jo kann 
man den vollen Frühling in Italien genießen. . . . 
Der Deine | 
Th. Billroth. 
* 


169) An Prof. Czerny in Heidelberg. 
Wien, 15. Januar 1881*). 


Sieber Freund! 


Es war ein heißer Kampf heute Abend. Sie haben jchlieglih 
eine Majorität erzielt; ebenfo bei erneuter Abjtimmung aud 4 
Kapofi.**) Sie hatten beide die gleichen Gegner ... Gebe nun der 
Bimmel, daß das Müniftertum auf Dernunft hört. Ihre Freunde 
werden nicht ermangeln, das Möglichfte zu thun. Ich bin von meh⸗ 
reren Seiten aufgefordert, Ihnen in Betreff der Berufungsuntere” 
handlungen (wir geben uns vorläufig wenigftens der angenehmen 
Boffnung hin, daß es dazu Fommt) zu unterbreiten, daß Sie in Bez ' 
treff Ihrer Forderungen nicht über das hier übliche Maß hinaus= 
gehen; es findet ſich wohl fpäter Gelegenheit, das zu corrigirem. 


Bei der großen Beldflemme, die hier herrfcht, würde man eine 
außergewöhnliche Behaltsforderung vielleicht als Dorwand benutzen, 
die Derhandlungen abzubrechen. 


Ueber die hiefigen Behalts- und Penftonsperhältniffe finden Sie’ 


in meinem Bud „über Lehren und Lernen der medicin. Wifene 
ſchaften“ pag. 369 und 371 das Wichtigſte. Nur bemerfe ich, daß 
J 


*) Der Brief betrifft die erfte Berufung von Prof. Czerny nah Wien. j 


**) Prof. ertr. für Dermatologie und Syphilis in Wien. 








25 
“ 


und von dem Geſchick Ihrer frau ab, wie viel Sie hier verbrauchen. 


— 207 — 


die Quartiergelder aufgehoben ſind ſeit der allgemeinen Einführung 
der „Activitätszulagen“. Machen Sie zur Bedingung, daß Ihnen 
die Seit Ihrer Dienſtjahre als Ordinarius im Auslande für Defter- 
reich mit eingerechnet werden; dies ift wegen der fpäteren eventuellen 


Penſionirung wichtig, Wären Sie vor 10 Jahren in Deiterreich 


refp. Wien. zum Ordinarius ernannt, fo würden Sie 2200 ji (0990). 
Gehalt befommen haben, dazu zweimal die Quinquenalzulage von je 
200 fl. (aljo 400 fl.), dazu 800 fl. Activitätszulage, macht in Summa 
5200 fl., etwa 5500 Mark. Die Eramen- und Kafultätsgelder be- 
tragen jährlich etwa 1000 fl., die Lollegiengelder etwa 2500 fl. 
jährlih. An Prariseinnahme können Sie, wenn ich es nach mir 
berechne, fürs erjte Jahr etwa 12000 bis 15000 fl. rechnen. 


Summa summarum fönnen Sie mit Dorfiht auf ein Budget von 


17— 20000 fl. rechnen. Das ift für Wien nicht viel, wenn man 
comfortable leben will; jedenfalls müffen Sie ſich ein Betriebsfapital 
für Einrichtung ꝛc. von etwa 10—15000 fl. mitbringen. Beder 
wird Ihnen beijer als ic) jagen Fönnen, was man bei jungem 


haushalt anfangs braudht. Mir fagt man nad), daß ih Alles 


doppelt bezahle; es hängt natürlihh von der Art Ihres Haushalts 


Su repräfentiren braucht man hier gar nicht, doch die Buldenzettel 


verfliegen, man weiß nicht wie. 


Yun gebe der Bimmel, daß nicht alle dieſe Mittheilungen 


umſonſt find. Im Miniftertum Fracht und knackt es gewaltig, doch 


bis jest immer zu Gunften der Lzechen. Die ſprachliche Swet- 


- theilung von Prag ift fiher. . + » 


Mit freundlichitem Gruß 


ergebenſter 
— Th. Billroth. 


* 


170) An Prof. Ezerny im Heidelberg. 
Wien, 22. Januar 1881. 
Sieber Freund! 


Beute zunächſt etwas punc 
alfo damit einverftanden, daß Sie „An 


cto „Deutjche Chirurgie‘. Ich bin 
fchwellungen und Geſchwülſte 


— 2087 — 


des Unterleibes‘ übernehmen, und Heinefe*) „Blutung, Blutftillung, | ' 
Transfufton” bearbeitet. Lücke ift mit dem neuen Arrangement ein- 


verstanden; Enke werde ich benahrichtigen. Es wird bei Ihnen 
wohl ähnlich fein wie hier, daß in diefer Seit Ebbe in der Privat- 
praris ift, und da rathe ich, daß Sie ſich gleih an die Arbeit 


machen. Es wird aud) zur Beruhigung in der Berufungsangelegen- 
heit dienen; denn einer gewifjen Aufgeregtheit kann man fich bei 


folchen Dingen doch nicht entziehen, wie ih aus Erfahrung weiß. 


Mit Rüdfiht auf Ihren legten Brief bitte ih Sie nur, fi 


dort nicht binden zu laffen, bevor Sie von hier offictelle Anfrage 


haben, zu der es hoffentlich bald kommen wird. Da id im linie 
fterium immer fehr ungern gefehen bin, weil ich mich noch nie dort - 


habe fehen laffen, und auch noch von wegen meines Buches über 
die Univerfitäten, fo habe ich Papa Arlt gebeten, dort Schritte zu 


thun. Der eigentlihe Macher ift der Sectionschef A.; von ihm 
weiß ich durch Andere, daß er bereit wäre, Ste hierher zu berufen. 


Doh ob fein Einfluß ftarf genug ift, um 8. zu gewinnen, das 


weiß fein Menſch. Jedenfalls bitte ich Ste, nicht übereilt zu hans 
deln; vielleiht Fönnen Sie auch in der Behaltsfrage noch höher 
“gehen. Ich habe mir zur Zeit 4000 fl. Gehalt ausbedungen und 
auf Quinquenalzulagen und Activitätszulagen verzichtet. Auf dem 
üblichen Wege kommen Sie freilich mit der Seit über die 4000 tz 
hinaus, was mir verfhloffen ift. Vielleicht confultiren Sie audy 7 


Arlt darüber, 


r 
Th. Billroth. 


179 An Prof. Ezerny in Heidelberg. 
Wien, 4. februar 1881. 


„Unſinn! Du fiegft! Gegen die Dummheit Fämpfen jelbjt 
Götter vergebens!" Das ift das Einzige, womit id) mic) über das 
traurigfte Fiasco tröften Bann, das ich in meinem Leben gemaht — 
babe. 14 Jahre lang habe ich für diefe Univerfität gewirft, um 
Schüler und Nachfolger zu bilden; und num jagen mir eine Hande 
voll Ezehen und Juden ins Geficht, ich verftche nichts vom Kehren] 


*) Prof. der Chirurgie in Erlangen. 


I SL Or EENENERINEIRENERENEIR NONE TEE WAR. GIER, Vene 








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— rg 


und habe Fein Urtheil über Menfchen! und die Regierung glaubt 
das und jtempelt mich. .. zum Trottel! Der todte Dumreider 
verfolgt mich wie der Iebende; das iſt der Dank für die Schonung, 
die ich ihm ftets bewiefen habe. Ich habe es geahnt und bin doch 
wüthend, da ich es Ihwarz auf weiß lefe. ie wird man einen 
Schüler von mir anftellen in Deiterreih ... Es ift fo recht alt= 
öſterreichiſch: überfchwängliche Freundſchaft mit dem deutfchen Reich, 
und Derfolgung der Deutfchen im Sande. Arlt war noch bei X. 
im Miniſterium, der ihn Fühl abfallen ließ 

Daß Ihren lieben Eltern die Freude entgeht, Sie in Wien zu 
wiſſen, thut mir auch leid. Sie werden ſich in Ihrem ſchönen 
Wirkungskreis zu tröſten wiſſen. Arbeiten Sie Ihre Verſtimmung 
in den Unterleibstumoren aus; mich hat in ähnlichen Situationen 
immer dte Arbeit am fchnellften und genügendften entſchädigt. 
Ob ich nach CLondon*) gehe, weiß ich noch nicht; es hängt 
davon ab, wie weit mich der Sommer mitnimmt, Dftern reife ich 
mit Brahms nad) Sicilien. 

Ueber meine Magenrefection**) werden Sie morgen bei Wit- 
telshöfer Wäheres Iefen. Heute habe ich die Mähte entfernt: 
‚reacttonsloje Heilung auch der Bauchwunde. Doch eine kleine Ent- 
Ihädigung für all den Aerger! 

r 

. Th. Billroth. 
* 


122) An Prof. Baum in Gsttingen. | 
Wien, 15. Sebruar 1881. 


Mein hochverehrter Schrer und Freund! u 
Es ift eine Freude und ein herrliches Beifpiel für uns 
nannten Jüngern, Sie fo thätig und rüftig zu wiſſen und — 
dauernd ſo theilnehmend an unſeren Beſtrebungen, die — 
Früchte der wiſſenſchaftlichen Methode ſind, welche uns un — 
Lehrern anerzogen wurde. Ich denke mir, — — — 
großes Intereſſe an der neuen Operation nehmen au In — 
wiß bald unternehmen wird; er muß nach feinen literariſch 





L eß in Kondon. f 
*) Internationaler Aerzte-Congreß in London, Januar 1881. Die ge 
**) 2%: je erite Magenrefectton am 29. I 
„, ) Billroth machte die erjte ! — — 
heilte Kranfe ſtarb am 24. Mat an Recidivec 


Briefe von Theodor Billroth, 


1% 





" 
— 2I0 — 4 
N 
Müttheilungen ein vortrefflicher Dperateur fein, denn fonft würde | 
er fich bet feinem ernten Sinn nicht an fo große Dperationen ’ 
machen. Man hat doc auch eine vechte Freude daran, wenn man 
der Sache Herr geworden ift. £ 
Meine Magenrefecirte muß ic}, joweit es die Dperation betrifft, 
als geheilt erflären; heute (nah 14 Tagen) hat fie zuerft etwas 
Sleifch genommen, ihre Bauptnahrung befteht freilich immer nod 
in Milch. Leider war fie vor der Operation ſchon jo marantiſch, ) 
daß fte fich in ihrer Ernährung nur ſehr langſam erholt; auch er⸗ 
ſchwert ein Decubitus, den ſie ſchon vor der Operation hatte, die 
Pflege. Jedenfalls muß man in anderen Fällen früher operiren, Fi 
bevor der Organismus auf eine vita minima herabgefommen ift. } 
Bier haben wir böfe politifche Tage; die Ezechen haben‘ die 
Dberhand gewonnen; aus dem Dualismus wird bald eine Trias 
werden ... Deutfch ift nie! meine beften Schüler werden oftentativ 
bei allen Dacanzen in Defterreich übergangen. Es wird wohl bald 
wieder anders werden, doc jede foldhe Periode bringt irreparable 
Rückſchritte! „Ein garftig Lied, pfui, ein politifch Lied!" Bi 
Ihr treuer 
Th. Billtoth. 









5 
N 


175) An Prof. Ezerny in Heidelberg. 
Mien, 1. Mai 1881. 


Sieber Freund! 3 

Meine Erfahrungen über die partielle Sarynrrefection*) bes 
fchränfen ſich auf zwei fälle. Im eriten Falle (Bankier X. in Wien) 
vefecirte ich nach gemachter Fiſſur genau die rechte Hälfte; es blieben 
wahre und falfhe Stimmbänder links in ihren Anfäßen völlig 
intact; auch die dem refecirten Sarynztheil hinten anhaftende Pha⸗ 
rynxſchleimhaut konnte erhalten werden. — Nun bildete ſich eine 
Art Stimmritze durch die Narbe rechts (natürlich unbeweglich) und 
des zurüchgebliebenen Stimmbandes links. Diefelbe war zu eng, als’ 
daf Patient dadurch hätte dauernd ruhig athmen können, und mußte 


Billroth machte wegen Krebs die erfte Totaleritirpation des Kehlkopfs | 
am 31. December 1873, die erfte partielle Kehlfopfrefection am 7. Juli 1878. 





er daher die Trachealcanüle behalten. Doch Fonnte er bei Dentil- 
verſchluß der letzteren mit fchnarrender Stimme ſehr deutlich fprechen, 
nur nicht lange hinter einander, weil der von oben mögliche Inſpi⸗ 
rationsftrom zu Fein war. Fama fagt, er habe in einem Eifen- 
bahnverwaltungsrath mit feinen halben Kehlfopf eine Rede ge- 
halten. — Der Derlauf der Dperation war ungemein günftig; Pat. 
fonnte jchon am Tage nach der Dperation felbft ſchlucken, war 
immer fieberfreiz die Tracheotomie war vier Wochen vor der Larynr- 
refectton gemacht. Keider Famen auch in diefem Falle bald Recidive 
in den Symphörüfen, fo daß die beabfichtigten Studien und Der- 
befjerungen an diefem fonderbaren Hehlfopf nad) der vollendeten 
Narbenbildung unterbleiben mußten. Tod an den Recidiven etwa 
Pl Jahr nad) der Dperation. Stoerf hat den Fall genau verfolgt 
und Alles notiert und zeichnen laffen. Da der Mann aber noch 
lebte, als Stoerk fein Buch abſchloß, fo hat er den Fall nicht auf- 
‚genommen, 

Der zweite Fall (ein älterer Mann auf der Klinik) belehrte 
mich, daß diefe überaus günfttgen Derhältniffe doch nur unter ganz 
beſonderen Derhältniffen zu erreichen find. In diefem Falle fonnte 
ich vorn den Anſatz (das Carcinom war audy rechts) des Stimm- 
bandes nicht laffen, mußte von rechts nicht nur etwas mehr als die 
‚Hälfte fortnehmen, fondern auch ein großes Stück von der dem Larynx 
anhaftenden Pharynxſchleimhaut. Mit Hülfe künſtlicher Ernährung 
durch die Schlundſonde ging es etwa fünf Wochen lans a 
zeigten fich bald folgende Uebelftände. Der reftirende linke A 
stand wie ein Sperrbalken zwifchen Trachea und Pharynz, Sahlnter S 
große Loch im Pharynz; die Trachea Fonnte durch Or anal Bk 
hinaufgezogen werden, Es war aljo feine Möglichkeit, — —— — 
ſtändiges Schlucken ohne Schlundſonde eintreten konnte. Vie 5 ns 
mußte fehr dicht durch Tanüle und Tampons —— A 
felbft bei eingeführter Schlundfonde in das a — 
phagusloch das Einfließen der regurgitirenden Flüſſis — 
Trahea zu hindern. Nun Fam es auch noch zu nn 
Ich ercidirte dies, Töfte die Ba N 
ziehen, und das Loch zu fchließen; doch ergab ſich — noch eine 
führbar. Der Mann wurde marantiſch, Bea ar f 1 Pharynr 
Bronchopneumonie, der er erlag. Bei dem großen — 6 


ä Haft er »5 Carynxreſtes nichts 
hätte auch wohl die nachträgliche Entfernung de Y je 





[86] 
— 
D 


zur Bildung eines jpontanen Schlingens genügt; das Eindringen 
von FKlüffigfeiten in die Crachea wäre nicht zu hindern gemefen. 
Aus diefen Beobahtungen ergiebt ſich bis auf Weiteres für 
mich, daß bei Ausbreitung des Carcinoms auf den Pharynr weder 
ein felbftändiger Schlingmehanismus, noch eine Stimmbildung durh 
Prothefe zu erreichen jein würde; noch weniger bei partieller, als bei 
totaler Saryneerftirpation. Letztere dürfte nur in denjenigen Fällen j 
verwendbar fein, wo fie nicht ausgedehnt zu fein braucht, und wo 
die Pharynxſchleimhaut intact ift. 
Wie wenig bei narbig verfchrumpften Kehlfopf mit aller Mühe 7 
auszutichten ift, zeigt auch der von Ehrendorfer“) (in einem der 
fetten Hefte des Archiv’s) befchriebene Fall von Endondrom, welches ° 
ich durch feitlichen Halsfchnitt von der hinteren Fläche des Hehlfopfs 
fortgenommen habe. Die Schlingfunction bei diejer Frau if völlig 
normal, doc) der Hehlfopfeingang ift narbig verfrumpelt; und felbjt 
der erfinderifhe und unermüdliche Gerfuny bringt es nicht dazu, 
die Frau dauernd Sprechen zu machen, obgleich fie beide Stimme" 
bänder hat, und innen im Sarynır nichts gejchehen ift. Der Kehle - 
Fopfeingang ift fchlaff und etwas verengt; bei der Inspiration zieht 
“er fich fo ein, daß Luftmangel entjteht. Einige fchnarrende Töne 
fönnen ftoßweife hervorgebracht werden, doch zum Sprehen und 
ruhigem In» und Erpirationszug von oben fommt es nicht. Ger⸗ 
funy hat nach und nad von unten "her durch die Trachealcanüle 
(wie beim Fünftlichen Kehlfopf) Röhren nad} oben hinaufgebradht von 
fehr verfchiedener Känge und Krümmung, doch Alles vergeblih,. 7° 
Das ift Alles, was idy über die Sache weiß; wie Sie jehen, it 
es nicht fehr erfreulich. - 
Ihre Nierenoperationen interefjiven mic ungemein. Mir iſt 
hier noch nichts auf dieſem Gebiet vorgekommen, obgleich ich ſchon 
mehr Bäuche als Abſceſſe aufgeſchnitten habe. 5 
Ihre neue vaginale Myomotomie ift jehr hübfch. Unfere Wiener 
Frauen find nur gar zu fett, jodaß die Diagnofen jelten jicher ug 
machen find... 2 


— 0 N — —— — — — ——— — — —— — —— — —— — RE ee rn —— Er 


Ihr c 

Th. Billvoth. > 

* J 
Abel > —94 
— Billroth's; jetzt Prof. der Geburtshilfe und Gynäkologie in 
nnsbruck, 





u ala 


174) An Prof. Ezerny in Heidelberg. 
St. Morit, 7. September 1881. 
Sieber Freund! 

. Ich habe bis letzten Auguſt in Wien ausgehalten und in 
Praris gearbeitet, während meine Familie in dem ſchwülen Pößleins- 
dorf ſchmorte. Wach mancherlei Plänen beſchloß ich endlih, con 
tutta la famiglia den September zu reifen. Wir find nun hier 
feit einer Woche; doch hat uns das Wetter wenig begünftigt, es 
regnet viel und ift meift bitterfalt. So werden wir denn morgen 
über den Bernina-Paß nach Bellagio am Comerfee fahren, dann 
nad Zugano, Pallanza, Mailand, Denedig. Am 50. September 
will ich wieder in Wien fein, um weiter zu practisiren. 

Leider bin ich nun auch in die Jahre gefommen, wo man fich 
mehr als verftorbener Batte und Dater denkt und die materiellen 
Intereſſen ſehr bedenklich in den Dordergrund treten. Bei den Buben 
liegt weniger daran, fie follen fi) mit wenigem ſelber helfen; doc) 
da es num doc wahrfcheinlich ift, daß meine 3 Mädel mich über- 
leben, jo muß ich für fie forgen. Es ift mein Naturell, daß ich 
Alles, was ich ergreife, concentrirt erfaffe, und fo habe ich mic 
nun ganz und gar auf dieſen einen Gedanken geſtürzt. Ich möchte 

in der Sage fein, mit dem Jahre 1890 (wenn ich es erlebe), d. h. 
nad) SOjähriger Dienftzeit, meine Stelle niederlegen zu Fönnen, denn 
die Derhältniffe der Wiener Fakultät find mir ganz und gar zuwider. 
Ich habe mich bis jetzt redlich bemüht, auch für die Fakultät das 
Beſte zu erſtreben, doch es war Alles umſonſt. Die meiſten meiner 
Collegen und die Regierung dazu haben mich nur ausgelacht, SulT 
cch irgend welche idealen Seiten hervorfehrte; man lacht mich — 
daß ich mich immer noch ſo ereifere. Nun gut! jetzt — 
ich mich um nichts mehr. Die Fakultät wird bald völlig line 
fein. Was foll ich mir den Abend meines Lebens — N 
Arbeiten gegen einen Wall trüben, den ich doc nicht einzurenne 
Bermag .,, . * — 

— iſt ein abſcheulicher Brief geworden, doch ee nicht 
_ ändern und verfichere Sie, daß ich in Nichts übertrei e. — 

Was meine Klinik betrifft, fo haben ſich wölfler “ — 

licz fo außerordentlich in jeder Beziehung —— ei 
überflü ı meiner Klinik war. 

Lauf des letzten Jahres faft überflüſſig a! hat und geht mit 

Mikulicz tritt nun aus, da er ſich verheirathet hat und ge 


— 214 — 


meiner Zuftimmung zur Privatdocenten-Poliklini? über, wenn er J 
nicht etwa nach Krafau kommt. Er ift von Geburt Pole und wäre 
wohl im Stande, polniſch vorzutragen; doch ift er bei mir zu deutih | 
geworden, und ich fürchte, das wird ihn für Krafau unmögli 
madhen ... Wölfler bleibt noch; er ift im Begriff, feine Strumas 
Arbeit fortzufesen. Für Mikulicz habe ich einen ganz jungen Ei 
Menfhen (Hader*) eingefhaltet, von den ich mir Tüchtiges vers 7 
freche. MWölfler und Mikulicz haben mir die Klinik fo bequem ‘ 
gemacht, zumal das Dperiren, daß ich fühle, wie es mid) träge ge- 3 
macht hat; num werde ich mid, wieder etwas zufammennehmen müfjen. 

Die Zahl der Dperationen hat ſich enorm vermehrt, feit Sie 
fort find, fodaß ih in 2°. —3 Stunden täglich Faum mit °/, fertig 
werde. Die Ambulanz ift enorm geworden und befchäftigt die Alii= 
ftenten täglich noch 2—3 Stunden nad der Klinik; die Aufnahme“ 
erfolgt fo ausſchließlich aus der Ambulanz, daß immer Patienten 
aus dieſer vorgemerft find zur Aufnahme. Dadurdh kommt es, 
daß nie ein freies Bett auf meiner Klini? ift und die Aufnahme 
vom Journal eigentlich) ganz aufgehört hat. Das ift wohl der 
Grund, weßhalb ſchon feit Jahren Feine complicirte Fractur vor⸗ 
gekommen iſt und die Zahl der ſubcutanen Fracturen kaum mehr 
als 4-6 im Jahr beträgt. Sehr ſchlecht für den Unterricht! doch 
ſchwer zu ändern. Albert**) hat wahl vom Journal etwas befjeres 
Sehrmaterial, 

So könnte ich Ihmen nocd genug weiter erzählen, doch es ift 
nicht erquidlich! 3 

Mir geht es im Allgemeinen gut, doc muß ich wegen meines” 
Fettherzens vorfichtig leben und kann nicht viel mehr vom Seben 
genießen. hr 







ne net a Arche 


ee er an a an nen er 


Th. Billvoth. 
* 


175) An Dr. Gerfuny in Wien. 
Bellagio, 12. September 1881. 






# J 
Sieber Freund! 


X 
Ihr Brief vom 7. d. M. gelangte geftern Abend in mein] 
Hände, da er mir von St. Moritz fofort nachgeſchickt wurde. Ich 








“) Jetzt Prof. ertr. der Chirurgie in Wien. 
**) Drof. der Chirurgie in Wien, 


a. 


— 25 — 


danke Ihnen ſehr für Ihre Nachrichten, und beſonders für Ihre 
Sorge au Elife. Man kann der Armen nur wünfchen, daß fie 
bald ſtirbt. ch habe dtefen Verlauf erwartet; die Krankheit hat 
auf mich ſchon lange den Eindrud einer unbeilbaren gemadt. Die 
vis a tergo vom Herzen ift bei ihr gewiß auch zu fhwah, als 
daß ſich größere Kreislaufsftörungen im Hirn völlig ausgleichen 
köõnnten. Ich vermuthe etwa eine hronifche Endocarditis ulcerosa 
bacteritica; ob das Ganze nicht etwa eine Malaria Infection alten 
Datums ift? es war doch zu auffallend, daß fich das Mädchen trotz 
aller Pflege nicht erholen wollte, Sollte jte fterben und die Section 
gemacht werden, jo wird man von den Herren, die jetzt dort feciren, 
auch nichts erfahren; bei den letzten Sectionen meiner Klinik wurde 
nie etwas gefunden, Jedenfalls bitte ich Sie, Eliſen auf der zweiten 
Claſſe zu belaſſen; ich werde für Alles forgen, fie war viele Jahre 
hindurch eine treue Stüße für meine Frau und Kinder... Die 
Ruhe des Haufes hängt weit mehr als man glaubt von geduldigen 
und klugen Dienftboten ab. 

Es ift mir fehr lieb, daß Sie Frau J. operirt haben, und bin 
ich gejpannt, etwas Väheres über den Sit der Necidive zu hören; 
es follte mich ungemein freuen, wenn Sie für alle Opfer von Auf- 
merkſamkeit und Beduld, welche Sie diefer Frau gewiömet haben, 
auch ein lohnendes Schlußrefultat erzielen würden. Ich bin von den 

Kehlfopfoperationen, die über die Tracheotomie hinausgehen, wenig 
erbaut; von der griehifchen Excellenz hörte ich, daß fie auch ſchon 
ein Recidiv habe. 
4 Uns geht es recht gut. Unſere Reiſe durchs Poſchiavo— und 
Adda⸗Thal (Meltlin) war herrlich; in bequemem Wagen haben wir 
täglich immer nur etwa 5 Stunden gemacht und ſehr nette DER 
gehabt. Der Comer-See hat Chriftel und mir doch wieder auf's 
Neue durch feine mannigfaltigen Schönheiten imponirt. zul Ne 
feit vorgeftern hier umd würden länger bleiben, went = ar 
etwas gemüthlicher wäre; doch ein Haus mit einer täglichen | e 
d’höte von über 200 Perfonen ift und bleibt unbehaglich, wenigf Se 
für Leute unferer Art. Wir werden aljo übermorgen unferen nor * 
ſtab, (an welchem 5 Koffer und 5 kleine Colli hängen), wieder zur 
* in das dortige Hötel du Parc 
Hand nehmen und nah Lugano in \ lichfeit, fo werden 
überfiedeln. Finden wir auch dort Feine Behaglt & "4 Hötel de 
wir es am Lago maggiore in Palanza verfuchen (Grau 


= 





Palanza). In Mailand foll es jo überfüllt fein, daß wir vielleiht 
gar nicht unterfommen; der Schluß wird wie gewöhnlich Denedig 
fein. Am 50. September bin ich ficher zu Haufe, vielleicht früher ... . 

Mit freundlichftem Gruß > 
r 


— Ch. Billroth. 


176) An Dr. Gerfuny in Wien. 
Wien, 12. October 1881. 
Sieber Freund! 

In Betreff unferer Pflegerinnen-Lurfe*) habe ich Ihnen folgende 
Daten mitzutheilen. 

1) Die Curfe werden im Hörfaal Ur. IL in der Handels-Akademie 
parterre Iinfs fein. Die Handels-Afademie giebt Saal, Heizung, Kicht 
(4 $lammen) frei. Der Derein wird nur dem Portier für Reinigung, 
Anzünden, Auf und Zuſchließen ꝛc. eine Renumeration geben. 

2) Da Sie bis 5 Uhr Ordination haben, jo denfe ich, wir 
nehmen die Stunden von ",.6— "8. Die Tage find: November 


8, 12, 15, 19, 22, 26., 29.5 December 3., 6., 10., 18. 1. Es 


- find immer Dienftage und Samftage. 

3) Es bleibt dabei, daß ich die erften beiden, Hüttenbrenner**) 
die lesten beiden Vorträge übernimmt, und Sie die übrigen Vor— 
träge und alle Derbandübungen übernehmen. 

4) Der Derfertiger der Bliederpuppen fcheint einzig in feiner Art - 
zu fein: Jofef Holub, er nennt ſich Bildhauer, wohnt IX., Fechter- 
gaffe 3. Er arbeitet in Holz und Eifen, wie man will. Mir hat 
die (von ihm gemachte) Puppe bei Mayr und Feßler aud) jehr 
gut gefallen, doc, ließe fich wohl viel daran vereinfachen. Beweg- 
lichfeit aller Finger und Sehen 3. B. ift doch wohl nicht nöthig. | 
Jedenfalls müffen wir eine folche vollftändige Puppe haben. Außer: 
dem wohl noch 2 Beine, 2 Arme und einen Rumpf mit Kopf und |] 
Armſtümpfen (Amputationsftümpfe). Ich bitte Sie, Alles nah 7 


Billroth gründete den Rudolphiner-Derein zur Erbauung und Erhaltung} 
eines Pavillon-Kranfenhaufes behufs Heranbildung von Pflegerinnen für Kranfe 
und Derwundete in Wien, unter dem Protectorate des Kronprinzen Rudolph. 
Sum Beten diefes Dereins fchrieb er „Die Krankenpflege im Baufe und ım 
Bofpitale”’, ein Handbuch für Kamilten und Kranfenpflegerinnen (Januar 1881). 
— Der Ban des Rudolphinerhaufes begann 1881 mit einer Barade, der Bau 
der permanenten Anlage im Frühjahr 1884. 
**) Director des Carolinen-Kinderjpitals in Wien, 





— 217 — 


nn u Run zu lafjen, den Preis zu befprechen 
und den Mann wegen des Belde i zuwei ans 
— des an mich anzuweiſen. Der Verein 
5) Der Schrank für die Puppe kann ei i : 
braun mit Delfarbe ne fein. a 
6) Die mir zugefandten Tafeln von Kundrat®) finde i . 
trefflich für unferen Zweck und — a 
7) Für das Muſterkrankenbett ift Fein Raum zur Aufbewahrung 
in der Handels-Afademie. Wir werden es alfo fo einrichten, daß 
es bei mir ſteht, unten (meine Frau war fo liebenswürdig es zu 
erlauben), und zu der betreffenden Dorlefung Hingebraht wird. 
Es läßt ſich wohl jo einrichten, daß man es nur einmal braudtt. 
8) Hun nod eins. Wir brauchen jedenfalls irgend eine Perfon, 
ein weiblihhes Wefen, welche bei diefen Lurfen dies und das vor- 
bereitet, die gebrauchten Sachen wieder einpadt ꝛc. Vielleicht wiffen 
Sie eine brauchbare Perjon, die dafür natürlich gezahlt wird, und 
der man dadurch etwa noch eine Wohlthat erweift. Vielleicht wiljen 
unſere frauen darin Rath, aud) was man einer ſolchen Perſon zu 
zahlen hätte. 
4 Das iſt vorläufig Alles, was mir einfällt. 


Ihr 





Th. Billvoth. 


d w 


* 


177) An Dr. Gerfuny in Wien. 
Wien, 3. November 1881. 
a Sieber Freund! 

Ih war foeben in der Handels⸗Akademie und habe mir den 
betreffenden Saal erleuchten laſſen. Wir bekommen zu den A Gas⸗ 
flammen noch 4 Kerzen auf den Cathedertiſch. — Der Diener wird 
jedes Mal die beiden vorderen Bänfe herausnehmen, fodaß wir 
Pla genug zu den Demonftrationen haben. Es wird Alles am 
Dienftag gerichtet fein. 

Zweckmäßig dürfte es fein, 
anlegen (wie bei den Dperationscurfen), 
Schülerin den betreffenden Derband einmal g 


wenn Sie eine Art Tafel oder Buch 
um zu notiren, daß jede 
emacht hat. Dies wird 


*) Prof. der pathologiſchen Anatomie in Graz, Wien 


— — 


auch zur Controle der Anweſenheit wünſchbar fein. Als Anrede 
bei den Vorträgen dürfte wohl „Verehrte Schülerinnen‘ am paſſend— 
ften fein. h 
Den ärztlichen Mitgliedern und Frauen des Comites Fönnen 
wir wohl den gelegentlichen Zutritt zu einzelnen Stunden nicht ver— 
fagen; es werden fich doch Manche überzeugen wollen, was da 
geſchieht. 
Th. Billroth. 


178) An den Herausgeber. 
Wien, 23. November 1881. 


Sieber College! 


Empfangen Sie meinen freundlichiten Dank für Ihre literarifche 
Babe*), die ja fo mancherlet Intereffantes enthält und einen Ein- 
blick in Ihre erfreuliche und fegensreiche Thätigkeit thun läßt; möge 
es Ihnen vergönnt fein, noch recht lange in Ihrem Wirkungskreiſe 
glücklich zu fein. 2 

Was ich für Sie thun Fonnte, war ein Geringes; das Mleijte 
- haben Sie für fich felbft gethan, Bei einer fo ausdauernden Arbeit "I 
auf dem Gebiete unferer Wiffenfchaft bleibt auch der äußere Erfolg ° 
felten aus. Ich hätte herzlich gewünſcht, daß er Ihnen, wie Sie” 
es verdienten, früher gefommen wäre. 

Mit großem Dergnügen erinnern wir uns Alle der Begegnung 
mit norddeutfchen Sandsleuten im Berninahoſpiz; wir hatten ſpäter 
noch fchöne Tage an den Seen und in den oberitalieniſchen Städten. 

Berzlihe Grüße von Haus zu Haus! gIhr | h 


5 Th. Billroth. 





179) An Prof. von Friſch in Wien, E 
Wien, 10. December 1881. J 

Lieber Friſch! 

Beifolgend das Buch von Feuerbach**). Kange hat mich fein 
Buch fo fehr durch feinen Inhalt, wie durch den daraus hervorz 4 





*) Jahresbericht über die chirurgische Abtheilung des Stadtfranfenhaufes in} 
Hannover. 4. 


**) Biſtorienmaler in Wien; geſt. 1880. 





— 29 — 


fpringenden Charakter feines Autors gefefjelt, Es ift eine Freude 
zu wiſſen, daß es noch folhe Künftler und jolhe Menſchen unter 
uns giebt, oder wenigitens bis vor Kurzem gegeben hat. Hätte 
diejer Geift und diefes Talent in einem Fräftigeren Körper geftect, 


und hätte ihm die Sonne des Erfolges gefchienen, wie fte jest über 


—— 


meinem Freunde Brahms leuchtet, ſo hätte Anſelm Feuerbach 


J wohl noch immer Bedeutenderes geſchaffen. Jedenfalls wäre er ein 


Fels des Idealismus geweſen, an welchem ſich Andere hätten an— 
klammern können; denn bei allen ſeinen Schwächen war F. doch ein 
ſtarker Künſtlercharakter von einer geiſtigen Potenz, die alle ſeine 


Seitgenoſſen überragt. 


Auch Ihre Frau muß das Buch leſen; ſie ſoll einige gute, 


ruhige Stunden dazu abwarten. Man muß ſich einem ſolchen 


Künftler ganz und warm hingeben, oder an ihm vorbeigehen; auf 


- eine zerftreute Unterhaltung läßt er ſich nicht ein. 


in —“ — — — 


Ihr 
TH. Billroth. 


180) An Prof. Baum in Göttingen. 
Wien, 12. Januar 1882. 
Mein lieber Freund und Lehrer! 
Dorgeftern kam ich von einer Reife nach Petersburg zurück und 


fand Ihren lieben Brief vor... . 


Was Ihren Wunfh in Betreff einer Decoration für henle's 
Jubiläum betrifft, ſo liegen leider die Verhältniſſe ſehr ungünſtig; 
wenigſtens iſt es mir bisher nicht gelungen, einen Weg auszugrübeln, 


auf dem ich etwas dazu thun könnte. Ich bin bei der jeßigen 
czechiſchen Regierung ganz bejonders verhaßt, da ich meine deutiche 


Befinnung nicht verhehle; man war mir von oben her nie grün, 


da ich den Leuten zu unabhängig bin. Yun will noch das Unglüd, 


Was den Kronprinzen betrifft, | 


daß der Referent im Mlinifterium, N. felber u — 
u i er, doch ein klein denkender Oeſterrei— 
m o hat er mir bei Gelegenheit wohl 
fehr freundliche Briefe gefchrieben; doch würde er nach — IA 
nifcher Hoffitte nie felbftändig etwas in Decorationsange Sn — 
thun dürfen. Die Gunſt hoher Herren dauert immer nur, ſolange 







man nichts von ihnen will; fte find immer fehr geneigt, zu empfangen, 
doch felten geneigt, etwas zu thun. 

Zum 70. Geburtstage habe ich für Langenbeck eine Decoration 
erbeten durch den Kriegsminifter und Generalitabsarzt; es follte ihm 
diefe Decoration fhon nach dem Kriege 1866 für die Behandlung 
fo vieler öfterreichifcher Derwundeter gegeben werden. Dumreicher 
erklärte damals, er würde feine Demiffton geben, wenn dies gefhähe; 
fo unterblieb es. Yun, nah) Dumreicher's Tode ließ fich die 
Sache wieder aufnehmen. 

Ich bedauere fehr, daß jich wie früher bei der Carbolfäure, jo 
jebt beim Jodoform eine Art fanatismus entwidelt, trogdem ich 
in den Arbeiten aus meiner Klinif immer zu Dorficht mahnte. Dor 
Kurzem ift auch bei uns ein fall von leichter Geiftesjtörung bei 
Jodoformverband vorgefommen, doc, bald wieder gebefjert. Ich 
habe Aehnliches auch nach Chloroformnarcofen (—3 Tage lang) er= 
lebt, auch früher im Derlauf von Wunöheilungen ohne Jodoform. 
Doc ift ein Zufammenhang fehr wahrfheinlih, da fih ja fhon 
aus unferen erſten Intoricationsfällen eine nahe Beziehung zum 

Hirn herausftellte. 
i Mit freundlichem Gruß 
= Ihr 
DEN 


— — 


re ee Die ôôů— — ——— — 


Th. Billroth. 


181) An Dr. Sauenftein in Hamburg. 
Wien, 12. Januar 1882. 
Derehrtefter Herr College! 

Unter den vielen Auszeihnungen und Beweifen von Wohlwollen, 
welche mir zu Theil geworden find und fortdauernd zu Theil werden, 
ſchätze ich die meiner Collegen und Schüler am höchſten. So hat 
mich denn auch Ihr freundlicher Brief ganz befonders erfreut. 
Wenn mir auch durch meine Stellung am hiefigen Plate eine Art 
Recht zur Führerfchaft in unferer Wifjenfchaft von Staatswegen ge— 
geben ift, fo wird man doch erft dann zum eigeytlichen Führer, wenn” 
man eine reichliche und Fräftige Nachfolge hat, welche die Bahn des 
Einzelnen erweitert; denn nur dadurch wird fie der Gefammtheit 
der Menfchen nüßlih. Auch zum Folgen gehört Muth und die 
Ueberzeugung von der Richtigkeit des Weges, denn die jogenannten 






nk ——— — — — nn en ren in 


ee 


blind Folgenden laufen aucd wohl Jedem nad, der da oder dorthin 
einmal aus der Reihe fpringt. 

Don Herzen wünſche ich Ihnen und vor Allem Ihrer Patientin, 
| daß die Heilung auch ferner gut von Statten geht. Leider haben 

viele Collegen, angereizt durch die Neuheit der Sache, wohl auch 
| ‚Fälle zur Operation gewählt, die fich nicht dazu eigneten. Es giebt 
ja auch Sungens, Rectums, Halsdrüfen-Tarcinome 2c., die eigentlich 
Sleich von Anfang an inoperabel find, wenn fie gleich diffus auf- 
treten und nicht früher dtagnoftieirbar find, bis es fhon zu fpät zur 
Operation tft. Dies it beim Pylorus-Lareinom ganz befonders 
häufig der Fall. Sch habe bei unferem großen hiefigen Material 
fait 5 Jahre lang nad) einem operirbaren Magencarcmom gefucht, 
und war nicht wenig erftaunt, daß fo jchnell da und dort operative 
fälle gefunden wurden. Das Urtheil, zumal der internen Kliniker, 
über die Pylorusrefection muß fich erft klären; es ift geradezu un- 
finnig, zu verlangen, daß nach dtefen Dperationen Feine Recidive 
auftreten dürfen, Iſt doch der Beweis einer operativen Radical- 
heilung der Krebfe in einzelnen fällen erſt vor kaum einem De- 
ennium wirklich erbracht und anerfannt worden! — doch die Py- 
lorusrefection, wenn fte gelingt, — und fie wird in gutgewählten 
} Fällen meift gelingen, — lindert fofort alle Beſchwerden der Kranken 
und macht die Lebenszeit, welche den Erkrankten bei bereits erfolgter 
i Infection der Drüſen überhaupt noch zugemeſſen iſt, erträglicher, als 
S irgend ein Arzneimittel vermag. Die Operirten find von der 
Stenoſe des Pylorus, und damit von der Hauptquelle ihrer Qualen 
befreit. 












r 


‘ rgebenfter 
RN Th. Billtoth. 


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182) An Prof. Loſſen in Heidelberg. 

Wien, 12. Januar 1882. 
Sieber College! 

.. .. Seit ich literariſch arbeite, 
25 Jahre, — find die Anſprüche an neue Bla AB: 
fleigert; fon die Kiteratur diefer leßten 25 Jahre ift enorm; — 
in Deutſchland doch ſehr viel und auch viel Gutes ——— Man 
mal wird mir bange, wenn ich bedenke, wer das Alles leſen ſoll. 


— es find wohl mehr als 
Arbeiten bedeutend ges 


| 
D 
D 
| 


Doch dies ift wohl nur ein Gedanke, der mir deßhalb oft kommt, R 
weil meine Zeit zum £efen und meine Receptionsfähigfeit fo jehr 
reducirt ift . . . Hoffentlich wird dte „Deutiche Chirurgie” harmo- 
nifcher abſchließen, als „Pitha-Billroth”. In dem joeben durd) 4 
Schmidt's „hernien“ zum Abſchluß gekommenen Bande find Ar— 
beiten enthalten, welche durch einen Feitraum von 15 Jahren von { 
einander getrennt find. Das ift doch zu viel Spatium! * 
Ic ftehe den Fakultätsangelegenheiten hier jo fern, daß ich 
nicht einmal weiß, ob an den Seitungsnachrichten etwas ift, J— 
bei N. von hier aus angefragt iſt. So ſehr ich mich freuen würde, 
ihn hier zu haben, kann ich ihm doch kaum rathen, den Ruf anzu⸗ 
nehmen, denn dte hiefigen Derhältniffe im ... Inſtitut find [cheuß- 
lich; und es tft gar Feine Ausficht vorhanden, daß es beijer wird. 
Das Collegiengeld ift gering, fodaß diejenigen Profefjoren, die Feine” 
Yebenverdienfte haben und nicht über ein Dermögen disponiren, 
recht übel daran find. Denn was nüßen die vielen Unterhaltungs" 
möglichfeiten in einer großen Stadt, wenn man fie nicht benußen 
kann. Don einem collegialen Derfehr ift gar Feine Rede hier, man 
fieht und Fennt ſich Faum. Sehr entgegenfommend wird man fih # 
7. gegenüber von hier aus nicht verhalten... . Es fieht zur Zeit” 
bös Hier aus, recht unerfreulich. 
Mit herzlihem Gruß 






* 


\ — 


Tr 
R = Th. Billvoth. 


185) An Dr. Berfuny in Wien. | 
Sorrento, 26. Mär; 1882. | 

Sieber Freund! 5 

+. Don uns Fann ich nur Gutes berichten. Das Feſt in # 
Denedig verlief fehr hübſch und glänzend beim herrlichiten Wetter. } 
Auch hier hatten wir noch eine recht hübfche Defun- Auffahrt; doch 
dann wurde es zwei Tage ſchlimm:; Gewitter, Regen, Kälte. Inf 
Neapel hatten mic) die Collegen bald ausgewittert; ich follte Con⸗ 
ſultationen halten, bei Privatoperationen zugegen ſein, in der Klinik 
die Ovation der Studenten entgegennehmen ıc. Da riß ich geſtern 
Morgen aus, troß Regen und Wind, nach Pompeji. Der Bimmel ] 
begünftigte unfere Flucht; es Plärte fich gegen Mittag auf, und wir | 





— 25 — 


fonnten mit Behagen durch die Straßen und Häufer von Pompeji 
flaniven, Die Nacht waren wir in Caftellamare. Beute ift der Tag 
prächtig; den Glanz eines hiefigen Srühlingstages zu bejchreiben, ift 
eitel Bemühen; Sie müfjen das felbft einmal erleben. Wir haben 

eine reisende Wohnung mit großer Deranda, Ausficht auf den Golf, 
' auf Ischia, Hifida, Procida, Heapel, Portici, Veſuv ıc ... . Am 
- Charfreitag Abend hoffe ich, mit den Meinen in Wien einzufreffen. 
. Herzlichſte Grüße 

Ih 


v 
j Th. Bi — 
2 | h. Billroth 









184) An Dr. Kappeler in Münfterlingen. 
Mlentone, 4. April 1882, 
Sieber Freund und College! 
| . +. Was im Princip Ihre Frage betrifft, ob Sie gut daran 
hun, Ihre Pofition mit einer Profefjur in N. zu vertaufchen, fo 
halte ich das, offen geftanden, mindeftens für risfirt. Ich Fenne ja 
Ihr großes Talent, Ihren Eifer, Ihre vortrefflichen Arbeiten; aber 
dazu rathen, daß Sie jest fi noch mit der Schulmeifterei abgeben, 
das Fann ich nicht. Hat man die Pladereien mit den Dorlefungen, 
die elenden Cabalen in der Fakultät, den Neid und Hader der Herren 
Collegen jung angefangen, jo gewöhnt man ſich allmählic) daran; dod) 
wenn man älter wird, dann wird Einem das Alles recht zuwider. 
Daß Sie, ohne Profeſſor zu ſein, ſo viel Dortrefflihes in wiſſen⸗ 
haftlichen Arbeiten geleiftet haben, ſchätze ich viel höher, als wenn 
Sie das Doppelte als Profefjor gemacht hätten. Sie gewinnen nichts 
- durch die Derfeßung nach N., ja, es wird Jahre dauern, bis Sie ſich 
unter allerlei Cabalen dort nur die gleiche ſociale und materielle 
Poſition geſchaffen haben, die Sie jetzt in Ihrem Daterlande haben. 
Die Zeiten haben fic in Betreff der Chirurgie ſehr geändert. Es 
giebt faſt ebenfo viele und angefehene Chirurgen außerhalb ‚der 
Univerfitäten, als Profefforen an denfelben. Das ift Me ale 
Meinung, lieber Sreund. Vor Allem freut es mich, daß Sie wieder 
ganz ge ons » 
ganz gejund — herzlichem Gruß * 
Th. Billroth. 


* 


185) An Prof. von Dittel in Wien. n 
Wien, 8. Juni 1882, 5 
Sieber College! | 
Meine Frau hat mir Ihre gütige Abficht verrathen, in Rück— 
ficht auf meine definitive Ablehnung des Rufes nad) Berlin*) mir 
ein Feſt auf dem Hahlenberge zu arrangiren. Seien Sie verfichert, 
daß ich mich herzlich über Ihre gütige Abficht freue und darin 
einen neuen Beweis Ihres freundfchaftlichen Wohlwollens erblide, ” 
Dennoch bitte ich Sie recht fehr, von Ihrer gütigen Abſicht abzu⸗ 
ftehen . .. Es würde mich nur peinlich berühren, unter den ge— 1 
gebenen Verhältniſſen in mehr conventioneller Weiſe eine ſolche 
Opvation entgegen zu nehmen. Um nicht den Schein zu erwecken, 
als wenn ich irgend etwas durch diefe Berufung „herausihlagen” 
wollte, habe ich weder dent Decan, noch der Regierung Mittheilung 
davon gemacht. Wäre nicht von Berlin aus darüber etwas in den 
Zeitungen verlautet, fo hätte ich jede öffentliche Notiz hier per- 
horrescirt. Die Sahe war für mich, nachdem fie in Berlin in 
officielle Bahn wider meinen Willen von der dortigen Fakultät ge 
leitet war, viel zu ernft, als daß ich dqmit hätte eine Art von 
Bandel zu meinem Dortheil treiben mögen. Jetzt ijt Alles beruhigt 
und entſchieden, und auch ich habe mein etwas ſchwankendes Gleich⸗ 
gewicht wieder gewonnen; es wäre mir peinlich, den Kampf noch 
einmal, wenn auch bet der freundlichften Belegenheit, wieder durdy 
zu empfinden. 
Taufend Dank alfo! und die Bitte, mir Ihr freundliches Wohle 
wollen zu erhalten! 3 
zu erh Ih 


· 


Th. Billroth. 





* 


*) Nah dem Rücktritt B. v. Langenbeck's erhielt Billroth noch einmal 
einen Ruf nach Berlin unter glänzendften Bedingungen. Er [ehnte ab, da, wie” 
er in feiner Autobiographie fagt, fein Wirfungsfreis in Wien, fowie audy das 
fociale und Fünftleriiche Keben, feine enge Freundfchaft mit Johannes Brahms 
und Eduard Hanslik ihn an die Schöne Kaiferftadt feſſelten. — v. Sangenbe 
hatte ihm aus Berlin am 24. Mai 1882 gefchrieben: „Geſtern Abends war Fakul⸗ 
tätsſitzung, um über meinen Nachfolger zu berathen. Ic ftellte den Antrag, 
Sie als einzigen Candidaten dem Minifter vorzufchlagen, und diejer Antrag wurde 
ohne weitere Diskuſſion einftimmig angenommen, Das if, glaube ich, in der 
Berliner Fakultät noch nicht dagewejen und muß Ste freuen, denn Sie verdanken 
dieje Einftimmigfeit nicht etwa meiner Präponderanz in der Fakultät — ee 
Kae habe ich niemals befeffen — ſondern allein Ihrer wifjenjchaftlichen der 

eutung ꝛc.“ 





— eo 


186) An Dr. Gerfuny in Wien. 
Bönigen, 22. Auguſt 1882. 
Wenn das Wetter in Wien nicht beffer ift wie hier, fo thun 
Sie mir leid, würde Wippchen fagen. IH fage ſchon gar nichts 
mehr darüber; denn wo jeder Ehrgeiz fehlt, nutzt Alles Reden nichts, 


ſelbſt wenn es Gold wäre. 


Ich denke oft an das Pappdach unferer Barade*), ob es wohl 
halt? Ich hatte ſchon das Sinkdach angeordnet, doch ı) Eoitet es, 
wenn es von gutem Sinfbleh gemacht wird, mindeftens 800 le 
und 2) habe ich an meinem eigenen Haufe zwei Stüc Sinkdächer 


| - vom beiten Sinfbleh, welhe etwa 5—4 Mal im Jahr durchläffig 


werden. Das Eine habe ich erft vor 14 Tagen aufs Neue repariren 


4 laſſen und ließ darauf den darunter liegenden Plafond neu malen. 


- Eine Stunde vor meiner Abreife machte mir Anton die erfreuliche 


—E 


— * 


Mittheilung, daß der neue Plafond ſchon wieder Flecke habe, weil 


der Regen durch das Dach läuft. So iſt denn mein Vertrauen auf 

Sinkdächer audy nicht jehr groß. Sollte das Barackendach die dies- 
jährige Regenprobe nicht aushalten, jo beauftragen Sie doch Beer, 
daß er von einem Schieferdecer einen Doranfchlag machen lafjen foll. 


Im Mebrigen finde ich es hier ſehr nett; die Luft tft herrlich, 
und es giebt doch jeden Tag Stunden, in denen man jpazteren kann. 
Beute Morgen war freilich der Weg nah Iſeltwald durch einen 
reißenden Strom verfperrt; Sie werden an dieſe geographiſchen 


- Darietäten hier gewöhnt fein . - - 


Ihr 
Th. Billroth. 
* 


187) An Prof. Hanslick in Wien. 
Bönigen, 26. Auguſt 1882. 

Regen in Wien! Regen am Brienzerfee! Höchitens einmal ein 
halber oder dreiviertel Tag mit blauem Himmel und Sie — 
ſollte meinen, da ſei nicht viel Unterſchied zwiſchen — N ! 
Und doch! Hier ift doch eine ganz andere — — Ei 
feine Confilien, Feine Drötnation. ill man in a a ir 
— welche lange Fahrt mit Wagengerafiel, Staub, und ſe 

’ \ 





*) Jm Rudolfinerhaus. = 
Briefe von Theodor Billroth, 


—n 226 — 


Prater die Luft fo dich, wie Thee, auf welchen ſchon mehrere Male 
aufgegoffen war! Hier, welche Srifhe, Wald- und Heuduft, tief 7 
blauer Himmel, Schneeberge! Don größeren Partieen ift Faum die 
Rede, das Wetter ift unglaublich unberechenbar; beim hödhiten 
Barometerftand Regen. 

Dor 5 Tagen war ich mit meinen beiden älteften Mädchen auf 
der „Ichienigen Platte“ gegenüber dem Bergſtock, Wetterhorn, Schreck⸗ 
horn, Aigen, Mönch, Jungfrau ꝛc. Wir trafen einen herrlichſten 
Moment; doch vier Stunden ſteil bergab laufen, das war ſchlimm; 
noch heute ſpür' ich es in meinen alten Knochen und ſage mir, 
wenn ich aus dem Bett herausfrarele: alter Eſel! 


* 


188) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Bönigen, 51. Auguſt 1882. 
Sieber Freund! 
Mir ift fowohl Brüll*) als Simrod**) recht, ebenjo, daß 
-wir uns auf Dberitalien befchränfen. Ich kenne Simrock zu wenig, 
um ihn von mir aus zur Reife auffordern zu Fönnen. Nimm nun 


die Sache folgendermaßen in die Hand. Beftimme einen Tag (jobald Fi 


Du willft, nur nicht fpäter als 15. September), an welchem wir 
uns in £uzern, Botel zum Schwan (es iſt nicht nur wegen der 
mufifalifhen Symbolif, fondern weil es ein altes, gut bürgerliches ” 
Baus ift) treffen. See Brüll davon in Kenntniß und jchreibe 
oder telegraphire mir den Tag nad Interlaken, Hötel du Nord, 


wohin ich morgen überftedele. — Schreibe fofort an Simrod und | 


fage ihm brieflih, daß er Dir telegraphiſch antwortet, ob er mit 


uns zunächſt an den Seen bummeln kann und will. Wir würden |) 


ihm dann von Luzern aus ein Rendezpous am Sangen=See oder in 
Sugano geben, wohin er via Maloja-Ppa% in einem Tage von 
Pontrefina Fommen kann. — Einen weiteren Reifeplan mache ih 
nicht. Bergamo und Brescia möchte ich gern bei diefer Gelegenheit —} 
kennen lernen. Wie lange Div der Aufenthalt an den Seen gefällt, ” 
hängt von Dir ab; bei gutem Wetter genügen wenige Tage, Da 


„.) Pianift md Componift in Wien, 
**) Muſikverleger in Berlin, 








— — 


Du den ganzen Sommer in den Bergen wareſt, denke ich mir, es 
wird Dich mehr gelüften aus ihnen heraus zu kommen. 
Wollen wir etwas vom eigentlichen Italien fehen, fo proponiere 
ich Mailand, Turin (je . Tag), Genua (via Piſa, Cecina), Dolterra, 
St. Gimignano, Firenze, Bologna, Denezia, Wien — oder mit 


tieferer Schleife einzufchalten: Siena, Orvieto, Diterbo, Terni, Spoleto, 


Perugia, Cortona, Arezzo, Firenze, Bologna, Denezia, Wien — 


oder den Bogen Turin, Genua ausfhalten und von Brescia über 
Eremona, Mlantua direct auf Bologna, Lucca und von da auf 
Dolterra losgehen 2c. — oder, falls wir uns auf Oberitalien be- 
ihränfen wollen, Benua bis Monaco oder Nizza per Eifenbahn 
und per Wagen zurück; — oder uns auf Bergamo, Milano, Cre— 
mona, Mantua, Derona, Dicenza, Padua, Venezia befchränfen. 
Da haft Du nun Auswahl genug; es wird viel vom Wetter 


- abhängen und von momentaner Stimmung. Beute ift endlich ein 


göttlich ſchöner Tag, doch hat es 5 — fage „fünf“ Tage hier un- 


aufhörlich geregnet. 
Die Welt ift doch Flein. Heute hörte ich durch den Brief einer 


Frau Profefforin Bomperz aus Auffee an frau Hartmann, daß 





A Dein Quintett und Trio unter großer Begeifterung dort gefpielt 


iind. — Ich warte alfo jetzt Deines Winfes nach Luzern. 
Dein 
Th. Billeoth. 
5 


189) An Prof. von Rindfleifh in Würzburg. 


Denedig, 27. September 1382. 


Sieber Freund! 

Samftag oder Sonntag Abend werde ich in Wien fein, 5 
Chriftel und Kinder bereits feit 14 Tagen ſich der au u — 
haglichkeit im bequemen Heim erfreuen. Chriſtel — — 
für Dich, Deine Frau und Eti hergerichtet, und ich > fol 
unfere Einladung, daß Du jeßt uns in Wien a n an 
Euch ganz häuslich bei uns niederlafjent, jolange — —— 
und ſolange Du Seit haſt. Meine Alinik fängt us on * 
zweiten Woche Detober anz ich habe alſo I —— a 
mich Euch zu widmen. Ihr würdet uns eine große & er 


ea — 


und feid unten in Euren Stmmern nad) dem Garten heraus jo 
ungenirt und habt es fo ftill, wie in Würzburg. Wien wird Dir 
in mancher Beziehung (mit Ausnahme der Wiſſenſchaft, die dort 
ihr Haupt verhüllt) Anregung bieten. Alfo ſchnürt Eure Bündel, 
und telegraphire an Chriftel, warn Ihr fommt, damit unfer 
Wagen Euch abholen kann. Der Nachtſchnellzug ift wohl immer 
noch der bequemite, 

Don Bergmann’s Nachfolger habe ich nur gerüchtweife ver- 
nommen, daß Buffenbauer auf private Anfrage abgelehnt habe; 
id) Fann es mir Faum denfen. Es wäre ein deutfch-öjterreichiicher 
Patriotismus, ohne irgend welche praftiiche Folge; denn Prag ift 
ein für die Deutfchen verlorener Poften . . . 


‚Socin traf ich in Interlaken zufällig. Ich habe mid, wieder | 
an feiner Frifche und feinem Streben erfreut, und an der Kiebens- 


würdigfeit und Nobleſſe feines Charakters . . . 
Dein 
Th. Billeoth. 
$ 


190) An Prof. Hanslid in Wien. 
Wien, 12, December 1882. 
Sieber Freund! 
Soeben habe ich Dein heutiges Feuilleton aus der Hand gelest 


und will nicht fäumen, Div zu fagen, wie froh ich bin, daß Du das 
Bekläffe des Fritifirenden Geſindels unbegchtet gelafjen haft. Eine 


eigentlihe Discuffion über Sachen des Geihmads ift ja ohnehin 
felbft mit den Beften nicht möglich, am allerwenigften über Muſik. 


Bei den bildenden Künften, fowie beit Drama und Epos kann man 
fich ſchließlich noch über das Maturgetreue herumzanfen; es giebt 
da doch immer noch einen Anhalt an das Dbject. Bei der Mufif 
aber fällt das fort; Du haft ja felbft am meijten dazu beigetragen, ’ 
dies Har zu legen. Keim Stüd von Bad) bis Brahms kann die 
Allgemeingültigkeit, das Typiſche einer Venus von Melos, eines I 


Caokoon ıc., einer Lavinia von Tizian, einer Barbara von Dalma 


beanfpruchen. Dennoch bildet fi) in jedem Menſchen unmillfürlich 


auch ein folcher mufifalifcher Jdealtypus aus; diefer hat aber einen 
weit beſchränkteren, durch die Zeiteinflüffe und individuellen Anlagen 


fs 








Ep ee) Borer ar 


— ee 


ee ee 


und Sympathieen jehr ftarf beeinflußten Charakter. Was Badı 
und was uns als höchjtes mufifalifches Ideal vorjchwebt, mag Wohl 
mindejtens jo verjchieden fein, wie ein Bild von Dürer und feuer- 
bad. Wenn einem Kritiker eine Operette von Millöder lieber 
it, als eine. Bach'ſche Orcheftercompofition, fo charafterifirt das 
eben den Kritiker, der wegen feiner Dffenheit alles Lob verdient; 
discutiren kann man darüber ebenfo wenig als darüber, daß er „er“ 
Bit und ich „ich“ bin. | 
13 Ich habe bet jedem neuen Werf von Brahms die fonderbare 

Doritellung, daß es jpeciell für mich und einige wenige Andere ge- 
- macht ift, und wundere mic, immer, wenn es Dielen gefällt. Es 
iſt mir eigentlich garnicht lieb, wenn dies der Fall ift, weil ich den 
imnerlichen Beſitz dann mit Dielen theilen muß. 
Dein 

(of 1* 

Th. Billroth. 


= ıyı) An Prof. Mifulicz in Krafau. 
A Wien, 12. Sebruar 1883. 
Sieber Freund und College! 
J Die große Schwierigkeit, ein kleines Compendium der ſpeciellen 
1 Chirurgie zu ſchreiben (die Sehnſucht aller Derleger!), habe ich oft 
erwogen, Fonnte mich aber nicht entichließen, den gordifchen Knoten 
meiner Scrupel thatfräftig zu durchhauen. Hätte ich früher dieſen 
J Gedanken feſt aufs Korn genommen, ich hätte es doch wohl gethan. 
So etwas muß man machen, wenn man jung iſt; ſpäter wird man 
fo von der Gedanken Bläſſe angekränkelt, daß es immer fchwieriger 
wird, Mein Rath ift: wenn Sie überhaupt Neigung dazu haben, 
fo thun Sie es jest! Hoffentlich erlebt Ihr Bud) recht viele 
Auflagen (laſſen Sie keine Auflage ſtärker als 1000 bis 1200 Exem⸗ 
 plare machen! Die erfte Auflage meines Buches war nur 800 Ereme 
plare. Jede Auflage muß wie die erfte honorirt werden), und dann 
können Sie immer wieder etwas hineingeheimnifjen. Es wird Ihnen 
dann gehen wie mir, daß Sie nach 10 Jahren bedenklich — 
über die erſte Auflage fchütteln. Das macht nichts; I & 
fieht es nicht, hat auch Fein Interefje daran; es foll nur vecht viele 
Eremplare F Br" 
a ja nicht in den Fehler fo vieler junger Profefforen, 





* 


* 


— — 


kr 


— 250 — 


daf Sie fich Schon bald wieder fortfehnen; das geht heutzutage nicht 


fo leicht. Deutjchland leidet an einer Hypertrophie tüchtiger Kräfte, | 


Wie gern möchte ich etwas dazu thun, um auch Wölfler bald eine 
felbftändige Stellung zu verfhaffen. „Sehe Jeder, wo er bleibe, und 7 
wer fteht, daß er nicht falle”, fagt der weile Goethe. Wegen der 4 
Praris machen Sie ſich feine Sorgen, das fommt ganz fiher . . 
Sie find von hier aus Schon befannt und werden es immer mehr 
und mehr werden. 
Ich hatte in den erften Jahren in Züri) faft gar feine Praris 
und habe alles bischen Geld, was id, hatte, dort opfern müſſen. 4 
Dann fpäter Fam es beffer, doc, erft nach 3—4 Jahren. Bet Ihnen ; 
wird es fchneller gehen. In Sürich hatte mein Dorgänger, der 
noch lebte, und der Primarchirurg am Kranfenhaufe alle chirur— 2 
gifche Praris in-Bänden. Ich hatte fürchterlich viel Seit und : 
fchrieb meine allgemeine Chirurgie halb aus Kangeweile, Machen 
Sie es ebenfo. KSaffen Ste Ihre eigenen hirurgifchen Erfahrungen 
exit heranwachfen und nehmen Sie größere Spectalarbeiten erſt J 
wieder auf, wenn Sie Ihr Buch geſchrieben haben. So ein Studenten- 7 
buch ift immer eine Art Mürfelfpiel. Schlägt es ein, jo ift es in ° 


“jeder Beziehung fehr vortheilhaft; ſchlägt es nicht ein, nun fo fchadet | 


es Ihnen nichts, da Sie ja andere Arbeiten gemacht haben und 
machen werden. \ — 

Alſo ich meine: nur friſch darauf los! Es darf nur halb ſo 
dick fein wie Koenig*), doch möglichit viele geeignete Holzſchnitte, 
entweder Originale, oder aus wenig gekannten anderen Arbeiten 
enthalten. Viel Gutes finden Sie in engliſchen und franzöſiſchen 
Büchern an Holzſchnitten; meine Mappen ſtehen Ihnen zur Dispoſi⸗ 
tion. Matürlich auch alle fälle aus meiner Klinif) Was meinen - 
Sie zur Dorlefungsform? Schauen Sie ſich die Dorlefungen von 
Aftley Cooper**) und Dupuytren“**) an, Das individuelle Ges 
präge übt immer einen befonderen Reiz auf die Jugend aus. Ich 
denke mir eine Form, ähnlich wie ich früher die fpecielle Ehirurgie 


in den Dienftags- und Freitagsporlefungen ausarbeitete. Sie haben | 


ja doch viel in meiner Klinif gefehen; halten Sie ſich an das häufig 
Dorfommende; die Raritäten deuten Ste nur alt, fie haben feinen : 


*) Schrbuch der fpectellen Chirurgie von Prof. sr. Koenig,  _ R A 
) *#*) Die bedentendften Chirurgen in England und Frankreich im erjten 
Drittel des 19. Jahrhunderts waren A. Cooper, Chirurg am Guy's Hospital in} 

Kondon (geft. 1841), und Dupnytren am Hotel Dien in Paris (gejt. 1855). 





Werth für die Studenten. Breiten Sie fich behaglich aus, wo Sie 
aus eigener Erfahrung veden; Anderes erwähnen Sie nur beiläufig. 
Die Dolljtändigfeit eines Lehrbuchs bleibt immer eine Illuſion, 
-  jelbjt bei den 2 dicken Bänden von Bruns. Er glaubte ein Bud) 
für die Emigfeit zu jchreiben; ſchon jett find diefe beiden dicken 
Bände lückenhaft. Neue Auflagen müffen immer mit neuem Leben 


wieder in die Welt gefchleudert werden, Schreiben oder dictiren Sie 


flott hinter einander; drei Monate nach dem zuerft Befchriebenen 


leſen Sie den Anfang wieder und ftreichen Sie unbarmherzig, wenn 


auch mit blutendem Herzen. Sie haben bei der Dorlefungsform 
auch den Dortheil, ſich nicht mit Siteratur und Citaten belaften zu 
müjjen. Seien Sie ſtyliſtiſch jehr ftreng gegen ſich; ftreichen und 


corrigiren Sie jo lange, bis Alles fich Finderleicht lieft. Der Leer 


muß immer die Empfindung haben, die Chirurgie ſei eigentlich ſehr 
einfah und leicht. Treiben Sie Feine Polemif, Schmeicheln Sie 
- Keinem; doc Sprechen Sie von jeden, der ernft arbeitet oder ge— 
arbeitet hat, immer mit dem Hut in der Hand, wenn Sie auch feine 
Meinung nicht theilen. 
Ic komme mir vor, wie der alte gefhwäsige Polonius, als 


er feinen Saörtes auf Reifen fendet, 





Mir und den Meinen geht es fo leiölih; von Zeit zu Seit 
kommt wohl dies und das, und bei mir, je älter ich werde, um jo 
häufiger und hartnädiger. Ich habe in diefem Winter fchon den 
zweiten Bronchial- und Sarynzcatarch; der erfte dauerte drei Wochen, 
der jetzige auch ſchon 14 Tage. Ich freue mic auf Oſtern, wo ich 
für drei Wochen zur Riviera entfliehe. 
Ihrer Frau ſchönſten Gruß. Sie ſoll nur Stand halten und 
> fleißig mit Ihnen muſiciren. 
n Zürich habe ich auch viel componirt: 
er Sn en. dann lernte ich Bratiche und —— 
mir wöchentlich ein Streichquartett. eine jänmtlichen — 
tionen habe ich vor einigen Jahren den Flammen N 
war ſchreckliches Zeug! und ſtank gräßlich beim Ber nu ke 
haben auch öfter Theater gefpielt in Sürich. Sreilich — 
tüchtige und luſtige Leute beiſammen; die giebt's Bun Zn 
auch mühſam ift, fie zu ſuchen. Fun werden Ste genug von 
haben! Es ift Nachts ı Ahr! Gute Nacht! 


3 Trios, ein Clavier— 


r 
Th. Billeoth. 
= Ch. Billroth 


186) 
[ex 
DD 


192) An Dr. Garfinfel in Petersburg. 
Wien, 25. februar 1883. 
Sieber College! 
Ich habe gleich nah Empfang Ihres Briefes eine Maſchine 
zur Streckung des Knies für den General beftellt und werde fie ab- 
fenden, fobald fte fertig iſt . » | 
A propos! eine neugierige Frage! General. theilte mir früher 3 
mit, daß bei Gelegenheit der Ueberreihung meines Buches über” 
Krankenpflege und deffen Ueberſetzung ins Ruſſiſche die Katferin be— 
fohlen habe, es folle mir eine neue ruffiiche Decoration zu Theil { 
werden. Durch Zufall erfuhr ich, daß von der hiefigen ruffiihen Ge— 
fandtfchaft beim öfterreichifchen Minifterium angefragt ſei wegen Der= 
leihung des Broß-Tordons des Stanislausorden (das Commandeur- E 
freuz mit Stern habe ich fchon früher erhalten), wie das bei ſolchen 
Gelegenheiten üblich iſt. Es wäre mir intereſſant, zu erfahren, 
warum die Sache rückgängig geworden, ob etwa unſer Cultusminiſter 
(der mich nicht fehr liebt) etwas dagegen gethan, oder ob die Sache 
von Petersburg aus fallen gelaffen wurde. Dielleicht haben Sie 

Gelegenheit, etwas darüber zu erfahren, 

Aut freundlichſtem Gruß an General A. und Gemahlin ıc. 


Ihr 
N Th. Billvoth. 


* 
195) An R. Toppius, Rittergutsbeſitzer in Eldagjen*). 
Wien, 4. Mai 1885. 
Mein lieber, guter Rudolf! 


... Wenn ich auch mein Tagewerf nicht fo früh beginne wie 
Du, fo ermüdet es mich doch bei zunehmenden Jahren immer mehr. 





*) In den Jahren 1842 bis 44 verfehrte R. Toppius als Studirender der J 
Sandwirthichaft der Akademie Eldena (Greifswald) im Baufe von Billroth's 
Mutter, feiner Coufine, Billroth wurde damals conftrmirt. Unter — 
der Mutter entwicelte ſich fein muſikaliſches Talent; er gab während jeiner 
Studien in Greifswald der jpäteren Gattin von R. Toppius Muſikunterricht. 
1850 und 51 verlebte er einen großen Theil feiner Göttinger Ferien auf dem 
Gute von Toppius in Eldagfen, wo er, ausgerüftet mit einem Mlifrofcop von’ 
Prof. Baum, Unterfuhungen an Schneden madıte. Außerdem componirte er 






Heine Kieder, zeichnete und malte. 1852 befuchte Toppius ihn in Berlin, wo er 
in den befcheidenften Derhältniffen eines nicht bemittelten Studenten lebte, ‚In a 
den zoger Jahren Fam Billroth anf der Nückfehr vom Nordfeebade noch zweimal 
auf das Nitterant Paterhof; allein und fpäter mit Kran und drei Töchtern. 7 


—— — 


















Den ganzen Tag theils dem Cehrberuf, theils dem bei mir Hülfe 
ſuchenden Publikum zu Dienſten ſein, dann die unvermeidlichen 
Eramina mehrmals wöchentlich, die Sisungen der Fakultät, der 
Akademie, des Krankenhaufes, der ärztlichen und humanitären Dereine, 
die fih alle verfhworen zu haben Iheinen, mich als Dorfitenden 
oder Ausihußmitglied auszunugen — das Alles fpannt faft ebenfo 
ab, als den ganzen Tag im Freien zu fein und einer großen Wirth- 
ſchaft vorzuſtehen. Ueberall ſoll id) mit ſorgen, rathen, helfen. Mit 
Recht höre ich von Chriſtel manchen Tadel, daß ich meine Arbeits- 
kraft zerſplittere, und ſie und die Kinder mich nur abgeſpannt und 
ermüdet ſehen. Das find die Schattenfeiten eines Lebens, welches 
Dielen fo glänzend und beneidenswerth fheint. Es ift unmöglich 
und wäre fociale Pflichtverlesung, wollte ich den vielen Ehrenämtern, 
mit denen man mic) betraut, vornehm aus dem Wege gehen; doch 
manchmal wird es mir denn doc} zu viel, und fowie die Ferien 
- fommen, reiße ich aus. ; 
7 So war ih aud kürzlich während der Dfterferten wieder in 
Italien, hatte auch Deinen Brief zur Beantwortung mitgenommen; 
doc das bequeme Kichtsthun machte mic) faul, und ich Fam nicht 
zum Schreiben. Angenehm ift es immer und fchmeichelhaft, daß 
mic, diefe Reifen in der Regel nichts Foften, ja, daß ich zuweilen 
mehr zurückbringe als ich mitgenommen habe, da ich es nicht ver⸗ 
meiden kann, überall, wo mid ein Arzt erwiſcht, Confultationen 
anzunehmen. Das ift auch zuweilen läftig, läßt ſich aber auch nicht 
Dermeiden. Doc nun genug von mir!... — 
Mit größeſtem Intereſſe und wahrer Theilnahme bin ich Deuren 
“ Müttheilungen über Deine Kinder gefolgt. Es ift ein — 
Ding; Du haft einen Schrecken, wenn einer von Deinen ne Sn 
Sandwirth werden will, und ich, hätte ich einen Sohn, DR 
Be ment er Mledicin ftudiren wollte. Wenn De 
Befondere Neigung zur Medicin hat, fleißig und energiich arbeittgn 
it und eine gute Beobachtungsgabe hat, fo laß ihn bei feine 
ſtreben. 
it Ein fhwerer Beruf ift der ärztliche, mühevoll, I — 
——— enn ich bedenke, wie viele 
Führt erft langſam zur Selbftändigeit. Wenn e haben, und wie 
falentvolle junge Leute mit mir zufammen ftudirt ® * muß ich 
wenige zu einem gedeihlichen Stele RE ee: beim 
ſagen, daß ih ein wahrer Glüdspil; war, Es 101 





































Arzt, wenn er auch noch foviel gelernt hat, fo viele perſönliche 
Eigenfchaften mit ins Spiel, die faft mehr auf den Erfolg in diefer 
Carriere influenziven, als das Wifjen, fodaß man oft genug fieht, 
wie die Perfönlichkeit den Steg über Wiffen und Können trägt. 
Wenn Robert fertig ftudirt hat und feine Eramina gemacht hat, | 
und ic) dann noch lebe, dann foll er nad Wien fommen; dann 
kann er hier in furzer Seit an dem majjenhaften, in einem Riefen- 
Krankenhaufe concentrirten Kranken-Material viel lernen; früher 
würde das nur verwirren. Daß ich ihn in jeder Beziehung mit 
offenen Armen aufnehmen werde, verfteht fich von jelbit ... . Ich 
freue mich immer, von Euch zu hören. Vergiß mich alſo nit! 
Dein treuer Vetter 
Th. Billroth. 


* 


194) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 27. Juli 1885. 


Ich fehe ſoeben, daß Dein Brief, lieber Freund, vom 27. Juni 
iſt. Alfo einen vollen Monat Fonnte ich die Antwort aufjchiebenz” 
das ift mir wohl mit Beantwortung eines Briefes von Dir nody nit 
vorgekommen. Ich habe Feineswegs mehr zu thun als früher; doch 


was ich zu thun habe, macht mich bald müde. Es gab auch 
mancherlei unangerehme Stimmungen; und in folhen zu jchreiben, 
das follte man feinen beten Freunden nicht anthun. | 

Die Duverture ift zu Ende, der Dorhang geht auf. Der gute” 
Pohl)! Ih traf ihn zweimal im Riedhof; die lette Begegnung 
ift wohl vier Wochen her. Da ich von Dir wußte, daß er mie 
feinen Zuftand gern einmal zeigen wollte, jo forderte ich ihn gleich 
nad} der erften Begegnung auf, mit mir zu kommen. Die Natur 
hat ihm einen dummen Streich geſpielt. Dor etwa 1520 Jahren 
hat ſich bei ihm eine Haupfader im Innern des Keibes verftopft 
und dann allmählich ganz geſchloſſen, durch welche das von den | 
Beinen zum Berzen zurüdftrömende Blut für gewöhnlich Täufk 
Nachdem nun diefer Hauptweg nicht mehr paſſirbar ift, haben dann 
die Blutadern an der vorderen Seite des Keibes ſich altmählih 0° 


AJ 


ausgedehnt, daß durch ſie das Blut zurückläuft. Um dies möglich 


28 


*) Mufiffchriftiteller in Wien, Biograph Haydn's; geſt. 1887. 


7255 — 






















zu machen mußte fi 
2 R : % ich die erz 
fängt es nun num jeher anftrengen; mit di 
diefe Ermüdung wirf an zu hapern. Das Zum Kir 
at auf den — t — andere — a und 
auf in den £ es Blutl 
nahme Ä un aufs, 
| —— — ———— brauchen. 3 2 Rn wir zur an 
äußert ſich m = hoff wenig Sauerftoff — — ge 
De. f nommen; 
ſtickungsem SS ; und dies 
ü pfindungen, 3 . in mehr oder mi 
ſteigen ıc. meh „zumal wenn wi —— 
r Athem nöthig i wie beim Geh 
Ueberanſtren öthig iſt. Die Herz N 
gung alfo ſch erzpumpe tft in 
lange das N wach, was wird Folge von 
ervenfyjten ih wird darausꝰ ſie arbei 
ſteht fie ſtill. D tr Kraft giebt, ſoviel fi rbeitet, jo- 
J Fr ’ ’ Y ben £ + 8 
thun i BT Ganze iſt ein rei 2 annz endlich 
1t iſt dabei garni rein mechaniſcher V 
ichts, als dur organg; zu 
—— achzuhelfen und ae EN De 
- rt erungen an fi eiven, wodurd u 
4 F e gemadt ) größere 
F Gemüthsbewegungen, — — alſo ſtarke u 
5 ch weiß nicht, ob ich mich — as 
on ei se — einem Saiten dieſe Dinge —— gemacht 
4 ie Mechanik —— 
unferes K —— en, Dft 
derglichen, nur daß örpers mit einer Dan 
einer weich ß unſere Apparate nicht von Ei N 
® en, weit leichter zu verb ——— non 
9 Blut und as iſt ht Subjtanz find, Mit 
fa es unrein oder ſchwach iſt, klingt d a — De 
4 —— gt das Ganze nicht mehr recht zu— 
— a haft Du nun ei 
is: E ne fleine populär : 
Br und die ne — a 
7. hy Srbar. zu ahnt: 55 N { te xräfte ans 
J— rein und lieb, Si A Bet a — 
deicmäßie ——68 anderen viel ſtärkeren und 
4 hatte einige A 2 
- Profefforen aus an er em ee. 
' + . — o MS 
Frank —— — ſef IL, Johann Deter 
ee kecnägte mich mi gewefen fei. Doch wie es jo 
a a gnügte mich mit der Wahrſcheinlichkei ; 
gleich zum Magi - hrſcheinlichkeit. Pohl ging aber 
m; i agiftrat und ftöberte ın den foge 5 
Brundbtichern; er erhob die Wahr oe genannten Beſitz⸗ oder 
) ie Wahrfcheinlichfeit zur Bewißheit. Die 


Frau von de 
er: em Sohn des berühmten Johann Peter Frank, eines 


— 
) Prof. d iniſ— D 

Bei * 
r Finifchen Medicin und Director des Allgemeinen Kranfen- 


l ’ 
hauſes in Wien; geft. 1821 


wenig bedeutenden Nedicinprofeffors, war eine ihrer Zeit berühmte? 
Sängerin; fie fang unter Daydn in Schöpfung und Jahreszeiten. 
Dadurch Fam Beethoven ins Haus, wo öfter Mufifaufführungen, | 
im Garten auch Scenen aus italienifchen Dpern der Seit bei Illu⸗ 
mination gegeben wurden. Das Haus lag damals in der Dorjtadt, | 
am Alferbah, war wohl noch von Wald und Buſch zum Theil’! 
umgeben; denn nicht weit von mir, in der Joſephſtadt, lag ein da= } 
mals fogenanntes Jagdfhloß, worin ſich jest die Privatheilanftalt ) 
des Dr. Eder (Kangeftraße 53) befindet. Die Gegend hat alfo da= 
mals ein ganz anderes Geficht gehabt. — Das Intereſſanteſte bleibt | 
mir immer, daß Joh. Peter Frank und Beethoven in meinem | 
Baufe verkehrten, und daß fi ein folcher Derfehr — feien wir ein⸗ 
mal arrogant! — faft 100 Jahre fpäter in demfelben Haufe zwiichen | 
Dir und mir wiederholte. | 

Dies ift das Bild, welches fi aus den von Pohl gefammelten! 
Notizen ergtebt, die an ſich trocken genug find. Ic habe eine große! 
Freude an der Conftatirung diefer Dinge gehabt; ebenfo Pohl, der] 
garız verflärt durch meinen Garten jchritt, der gerade damals int) 
herrlichſten Rofenflor ftand. Beethoven wandelte gewiß diefe Wege; | 
follte nicht audy Haydn in diefem Haufe Proben mit der erwähnten! 
Sämderin gehabt haben? nicht unwahrſcheinlich. Welch' herrlicher? 
Dreitlang: Haydn, Beethoven, Brahms! i 

Ich bin recht unzufrieden mit mir, daß ich den Derfehr mit 
den Mufen von Jahr zu Jahr weniger pflege. Sie find eben ewig] 
jung, und ich werde leider älter und älter, und bin verheirathet,] 
habe drei Kinder, und 8—10 Perfonen hängen mehr oder weniger] 
an meiner materiellen Cebensarbeit! Glücklich die Seit, wo man an? 
fo etwas nicht denft! Ich bereue nicht, fie genofjen zu haben. Nun, 
es ift auch jet nicht fo ſchlimm, wenn auch die fhönen reinen? 
Sebensmomente feltener kommen. Ic fetse mich jehr, ehr ſelten 
ans Clavier; doch in mir klingt es oft genug: 

















| , aD . 2 
ut S— nr — He —— — 
De Ne _ 
| 





*) Adagio aus dem A-moll-Cuartett von 3. Brahms, welches derjelbe mit 
dem C-moll-OJnartett (Op. 51) im Jahre 1875 Billroth gewidmet hat. 



















—— — 


es mag nicht richtig geſchrieben ſein, aber Du wirſt wiſſen, was ich 
meine. Taormina! Auch ſingt meine Elſe einige Deiner Lieder ſo 
einfach ſchön und rührend, daß mir das Herz aufgeht. Ich darf 
mich wahrlich nicht beklagen. Das Schöne empfinden, it Schon ein 
höchſtes Glück! 
Vom Schönen zu St. Wolfgang iſt's nicht fern. Dort find die 
Meinen; am 15. Auguft habe ich hier meine Pfliht gethan und 
darf mein Gehirn ausruhen laffen. Dort am See werde ich bis 
—* September bleiben; dann werde ich mit Familie zum Rhein, reſp. 
Neckar (Heidelberg) wallen hinunter bis Cöln, dann nad) Berlin, 
und Mitte oder Ende September hier fein. Wenn möglich, möchte 
ich die letzten 14 Tage des September das im vorigen Herbſt durch 
die Ueberſchwemmung Derfäumte in Oberitalien nachholen. Bit 
Du von der Partie, fo laß bald von Dir hören; ich richte mid, 
dann fo ein, daß ich am 15. September in Wien oder fonft wo in 
Sberitalien bin. — Adio mio caro! a rivederci! 
$ | Dein 

Th. Billroth. 


# r 


= An Dr. Gerfuny in Wien. 
—* Wien, 29. Juli 1883. 

= „Wenn fich ein Gott fechs Tage plagt und felber endlich Bravo! 
fagt, da muß es was Geſcheidtes geben!” jagt Heine irgendwo. 
Kun bin ic, wie Sie wiffen, fein Bott (ich habe vor einigen Tagen 
"Dei einer Saparohyfterotomie den Ureter durchſchnitten!!), habe mic 
Auch nicht nur fehs Tage, fondern fehs Wochen geplagt, bin aber 
| doch in großer Derjuchung jebt „Sravo!! zu fagen, da ich euer 
"ganz neuen Plan fürs Rudolfinerhaus fertig habe, der ne Rn 
Ihnen, fondern felbft Sorinfer*) gefallen wird. Der — lei 
"weit intacter als früher, das Wirthichaftsgebäude mit re 
und Pflegerinnen-Ufyl liegt in der Mitte; die Oberin — — 
Bienenkönigin. Sie werden ſtaunen ... Unſere Sn ao 
glänzend... Ich habe wieder Courage mit der Unterne DS: ei 
Ste mir wie bisher treu zur Seite ſtehen. Wenn der Ai 
"geführt wird, wie ich ihn jebt fertig habe, wird es geradezu © 


os-Sanitätsraths, Mitglied des 


I 





y% *) Dorfitiender des niederöfterreichifchen Kand 
Ausihuffes des Rudolfiner-Dereins, geſt. 1895. 


































Mufter-Inftitut. Yun werden Sie genug vom Rudolfinerhaufe haben, £ 
in welchem wir augenblitlic einen Kranfenbeftand von 41 Kranfen 
haben! .. 

Yun leben Sie wohl, lieber Freund! 


Ihr | 
‘Th. Billroth. 


* 


196) An B. Toppius, Rittergutsbeftter in Eldagjen. 
Wien, 19. September 1883. 
Sieber Rudolf! 


Geftern Fehrte ich von meiner filbernen Hochzeitsreife, die ich mit 
meiner frau und Kindern an den Rhein umd nad) Berlin gemacht 
habe, zurück und fand Deinen lieben Brief vom 15. d. AM. vor 
Wie an Allem, was Dich und die Deinen betrifft, nehme ich auch 
an dem glücklichen Abſolviren des Gymnaſiums Deines Robert 
den herzlichſten Antheil. Ich habe lange keinen ſo lieben und freudig 
_ zufriedenen Brief gehabt, wie den Deinen. Seider machen die meiften TF 

Menſchen zumal in großen Städten jo viele unberechtigte Anſprüche 
ans äußere Leben, daß ich oft den Eindrud habe, als gäbe es über⸗ 
haupt Feine Zufriedenheit und Freudigkeit mehr im Seben. Du 
haft fo vielerlei Mühfal und Sorgen im Xeben durchgemacht, daß 
es mic) fo reht von Herzen freut, wie fih nad und nad num 
Alles immer angenehmer um Dich her geftaltet, und wie Du 
ein Stammvater glücliher Menfchen auf ererbiem Däterfis ge 
worden bift. J 

Du ſchreibſt von den Mühſalen des Sandwirths, von ſeiner 
Abhängigkeit von Wind und Wetter, Feuer u, ſ. w. — nun, id 
will Div und Deinem Robert nicht bange machen; doch der Arzt” 
ift wahrlich auch nicht auf Rofen gebettet. Die Toncurrenz wird 
immer größer, der Anfang ift meift recht jchwer. Während des” 
Studiums freut man ſich wohl, daß man etwas Einblid in die 
Natur und in die Krankheitsplagen der Menſchen befommt. Hal’ 
man das Eramen hinter fih, fo iſt man ganz entzüdt von fir 
um nach und nad) einzufehen, wie unfer Wiſſen Stückwerk ift, wie 
wir oft da nicht helfen Fönnen, wo wir am ltebften helfen möchten; 
auch Fommen Scerupel, ob dies oder jenes zu thun ſei. Mill man 


nicht in ewigem Katzenjammer durch die Welt laufen, jo muß man 
ſich immer lagen, man thut feine Pflicht nach beftem Miffen und 
Gewifjen. Eine gute, ruhige Frau und ein ruhiges, häusliches 
Glück ift dann der größefte Segen. Doch Faum ift man zu Baufe 
 gefommen, um ſich dieſes Glüces zu freuen, fo klopft es vielleicht 
ſchon wieder, die Pflicht ruft vielleicht in ftürmifche Falte Nacht 
hinaus. Spärlich ſind die Freuden des Arztes: hier und da treue 
Anhänglichkeit der Patienten; zuweilen, doch nicht oft, auch mit 
materiellem Vachdruck; Dankbarkeit für die größefte Pflichttreue, 
ja ſelbſt für Opfer felten, Freude an einer gelungenen Cur, Bewußt- 
ſein der Pflichterfüllung, das ift meift das Höchſte, was der Arzt 
erreichen Fann. 

Du meinft vielleicht, ich male zu fehr in Schwarz; doch wenn 
Dein Robert einmal nah 20 Jahren diefe Zeilen in die Hände 
bekommen ſollte, ſo wird er mir vielleicht Recht geben. Hat er ein— 
mal eine entſchiedene Neigung Arzt zu werden, jo darf ihn das 
Alles nicht ftören. Du wünfcheft, daß ich Dir offen und ausführlich 
darüber fchreibe, Fürchte nicht, daß es fo weiter geht; das Schlimmifte 
iſt geſagt, und am Ende iſt es auch nicht viel ſchlimmer, wie mit 
manchem anderen Lebensberuf. 

Was iſt die Haupteigenſchaft, um ein guter Arzt zu fen? Mein 
hieſiger College Nothnagel, deffen Bud, über Nervenkrankheiten 
Dein Robert fpäter ſchätzen lernen wird, fagte in feiner Antritts- 
rede als hiefiger Profefjor der inneren Klinik unter Anderem: „ur 
‚ein guter Menſch Fann ein guter Arzt fein“, Dies ift auch meine 
Meinung; es ift die Grundbedingung für den inneren, ja meiſt auch 
für den äußeren Erfolg der ärztlichen Thätigfeit. Ich möchte su 
dem „guten Menſchen“ noch hinzugefügt wifjen, und „gut erzogen”, 
'd. h. in einer familie, in der ein wohlwollender Dail: gegen alle 
Menſchen Iebt. Das trifft ja Alles bei Deinem Robert sur R 
muß einen unmwiderftehlichen Drang zum Helfen anderer unglücklicher 
Menſchen haben, zunächſt angeboren und anerzogen; dann — 
© ſpäter auch auf dem Wege geläuterter Empfindung und — 
erfahrung durch Reflexion zu der Heberzeugung, daß, —— 
ſittlich erzogene Menſch auch nach Glück jagen mag, er ? — 
lch das Glück weſentlich darin findet, Andere nach Kräften glüc * 
zu machen. Nur in dieſem Punkte darf er egoiſtiſch fein, — 
ſh ſelbſt glücklich machen, und zwar fo viel als er fan, So wie 


















2 
J 
% 


dies aus der fittlichen Erziehung entipringt, jo wird es auch 
immer wieder neue Quelle innerer Käuterung, Stärkung des Pflicht 
gefühls, Befeftigung eigener Sittlichfeit. Trifft ihn ein Unglüc, jo 
wird er in der Hülfe Anderer, die noch unglüclicher find als er, 
Troſt und Stärkung zu neuem Aufſchwung nehmen. 

Damit der Arzt nun reichlich feine Hülfe austheilen kann, mu ; 
er einen tüchtigen Dorrath von Kenntniffen einfammeln. Diefer 
Dorrath hat nun beim Arzt das Gute, daß er um fo größer wird, 
je reichlicher er ausgegeben wird. Mit der ärztlichen Thätigfeit 
wächft die Erfahrung, die Kritif, das Bedürfniß die Süden der 
Kenntniffe zu füllen, den Fortichritten der ärztlichen Kunft, welche 
fich aus den Fortſchritten der Wifjenfchaft ergeben, zu folgen. Be 
einem für Eritifche, vorurtheilsfreie Beobahtung gut veranlagtent 
Arzt wächſt alfo der eigene Schas von Erfahrungen und Kennt 
niffen mit der Ausgabe behufs des Helfens Anderer — wohlver- 
ftanden nur bet einem, guten, pflichttreuen Menſchen mit gefunden 
Menfchenverftand und Freude an der Arbeit und am Beruf. 7 

Wie foll ſich nun der junge Menfch die zum Arzt nöthigen 
Kenntniffe erwerben? Dafür ift an den deutjchen Univerfitäten ſo 
gut vorgeſorgt, wie in keinem anderen Sande, Abgeſehen davon, daß 
an den meiflen Univerfitäten bet der Immatriculation ein „Studien-f 
plan’ übergeben wird, liegt ein folher ſchon in der Natur der Sache, 
im Uſus, in der Art der Examina ıc. Da bedarf es Feiner bes 
fonderen Rathſchläge. Anatomie, Chemie, Phyſik, dann Phyfiologie 
daneben Zoologie, Botanif, Mineralogie, das füllt die erjten zwei 
Jahre reichlih aus. Robert muß fich darüber Flar werden, J 
er nun eine Hochſchule mit freiem Studium ohne Controlle bes 
zieht. Die Vorleſungen erſchöpfen den Gegenſtand nie; ſie find meh 
Anregung zum Studium, zur Methode des Studiums. Kigenes 
häusliches Studium ift die Hauptſache. Nicht die Profefloren, welch 
unter allen Umftänden die gefammte Materie durchpaufen, find die 
beften Lehrer, fondern Diejenigen, welche die jungen Leute anregen 
fie warm für den Gegenftand intereffiren. E 

Yücht zu viel Dorlefungen annehmen und in jedem Semeſte 
ſich mit einem Gegenſtand ganz beſonders intenſiv be 
ſchäftigen, halte ich für zweckmäßig, weil ſonſt leicht Zerſplitterune 
und Derfahrenheit das Ende iſt. Beſſer Einiges recht genau] 
nad) Neigung zu lernen, als von Dielem wenig oder nichts behalten 








* 


















Dor dem Examen find in erfterem Falle nur Lücken zu füllen, in 
lesterem iſt Alles neu zu lernen. Alles, was zum Eramen verlangt 
wird, ſchon während des Studiums ganz genau zu lernen, ift felbft 
- für den Begabteften unthunlich. 
Welche Univerfität? Das kann ich am ſchwierigſten beurtheilen, 
weil ich die jetzige Drofefforengeneration nicht mehr foptel perfönlich 
kenne, um ein Urtheil über fie als Lehrer zu haben. Straßburg 
steht obenan in feinen medicinifchen Lehrkörper, doch foll es dort 
und noch mehr in Heidelberg nicht billig fein. Einer der ausge= 
 zeichnetften Anatomielehrer ift Henle in Böttingen, doch ſchon über 
die 70 hinaus. Sehr ausgezeichnet als anatomifcher Lehrer ift Henke 
in Tübingen. In V. %. ift jest wenig zu holen; auch Berlin, 
- München, Würzburg, Breslau möchte ih für den Anfang nicht 
empfehlen; in Jena, Marburg, Gießen ift wohl recht Fnappes 
- Material für die Secirübungen. 

Ic rathe die erften 3 Jahre auf der gleihen Univerfität 
"zu bleiben; das lebte Jahr etwa in Berlin. Nach Eramen und 
 Miktärdienft fhide ihn auf 5 Monate nah) Wien; ich werde ihn 
nach Kräften ins Practiſch-Chirurgiſche einführen. Aber auch ſonſt 
" fieht er hier, wo Alles in einem riefigen Kranfenhaufe concentrirt 
it, in einem Tage mehr, als in einem Monat anderswo. Aud) 
i find hier alle Curfe fpeciell für Fremde eingerichtet, deren es aus 
‚allen Welttheilen hier giebt. Paris und London find geist für den 
Mediciner völlig überflüffig; der in Deutichland ausgebildete Arzt 
kann dort nichts mehr holen. Wir haben Franzoſen und Engländer 
“auf allen Gebieten der Medicin weit überholt. 
N Nun ift es Dir wie Boethe’s Sauberlehrling gegangen; Du 
haft die Beifter der Medicin befchworen und wirft jie nun — 
wieder los! Doc Alles hat ein Ende, und fo auch dieſer 
Brief. ee x 
4 — alſo Deinen Jungen getroſt auf die —— 
biete ihm nicht gerade in ein Corps zu treten, doch rathe — Kt 
ſchaftlich davon ab. Die Corps find ebenfo wie die — ae * 
eine jetzt antiquirte Inſtitution, bei welcher die hangen Baar 
Seit verlieren, ohne für ihr Keben irgend einen — — iR 
Bat Du für Robert eine Univerfität gewählt, jo Ihre — yoch 
Ih bin nun freilich auch ein alter Mann, aber ich fönnte ih ! 
perfönlich vielleicht durch einen Brief empfehlen, 


16 
Briefe von Theodor Billroth, 


EI nd 


— 292 — 


Don den Meinen erwiedere ich die herzlichften Grüße. Meinen 
befonderen Gruß an Emmden und.an meinen zufünftigen Collegen 
Robert, deffen Photographie ich mir erbitte, 

Dein 
Th. Billroth. 
5; 


197) An Dr. Baum in Dansig. 
- Wien, 19. September 1883. 
Mein lieber Wilhelm! 


Don einer mehrwöchentlichen Ferienreife geftern zurückgekehrt, 
finde ich Deinen Brief mit der Todesnachricht Deines lieben Daters 


vor. Wenn man auch bei feinem hohen Alter nicht mehr darauf | 


vechnen Konnte, ihn noch lange unter uns zu fehen, jo war ich doch 


im Moment vecht überrafht und ergriffen. Ich braucde Dich ja) 


nicht zu verfichern, welchen herzlichen Antheil ih an Deinem Der- 


fuft nehme, denn Du- weißt ja, wie fehr ich ihn ftets als meinen | 
Sehrer verehrt und als meinen väterlichen Freund geliebt habe. Er ! 
war fo gut und lieb gegen meine Mutter und hat mid; in Göttingen 7 
wie einen Sohn in fein Haus aufgenommen. Sein Schatz von Kiebe 

und Wohlwollen war fo groß, daß er mit vollen Händen austheilen 7 
konnte, und immer noch für neue Generationen genug hatte. Seine N 


unendliche geiftige Regfamkeit und feine lebhafte innerliche Theil⸗ 
nahme an allem Schönen und Guten war mir ftets ein freilich une 
erreichbares Beifpiel. Dft, wenn ich in den leisten Jahren erichlafft 


und apathiſch war, dachte ich feiner dauernden Friſche und Thätige 


feit und fchämte mich meiner allzu frühen Ermattung. Ic habe 
oft gewünscht, ihm näher zu fein und ihn öfter zu fehen und hätte 
ihn gern manchmal gebeten, mir recht tüchtig den Kopf zu wafchen. 
Jeder, der ihn nur etwas näher gefannt hat, wird feinen Tod bes 
trauern. 


Da ich die Empfindung habe, daß ihm wenige feiner noch 


lebenden Schüler näher geſtanden haben als ich, ſo hätte ich ſehr 


den Wunſch, ihm einen Nekrolog im Archiv f. kl. Ehirurgie zu 
ſchreiben. Falls es Dir recht ift, jo bitte ich Dich um die nöthigen 


Notizen über den äußeren Kebensgang Deines lieben Daters. Ich 


werde freilich nicht ſo ſchnell und ſo gelehrt ſchreiben können wie 


G. Fiſcher oder Gurlt; doch hat man ähnlichen kleinen Gelegen⸗ 




















heitsarbeiten eine gewiſſe Wärme zuzuſprechen, an der es diesmal 
gewiß nicht fehlen wird. Es würde mir eine Freude ſein, wenn 
Du es mir anvertrauen wollteſt. Ich möchte es bald machen, ſo— 
bald ich ein Paar Stunden Zeit finde und ruhige Stimmung, deren 
"es vor Allem zu ſolchen Sachen bedarf! 

4 Herzlichen Gruß von Deinem 

Th. Billroth. 

C3 


198) An Prof. Gurlt in Berlin. 


Wien, 19. September 1883. 
Sieber Gurlt! 


— r.. Jh habe den alten Baum als Lehrer und väterlichen 
‚ Freund um fo mehr verehrt, ‚als er auch mit einem Theil meiner 
‚ gamilie befreundet war und darf audy wohl fagen, daß er midh 
wie einen Sohn geliebt hat. Es liegt daher nahe, daß ich ihm den 
Hefrolog fchreibe und thue es von Herzen gern, fo gut ich eben 
noch ſo etwas machen kann. Da ich jetzt ſehr langſam ſchreibe 
und Alles drei Mal ausſtreiche, ehe ich es drucken laſſe und über— 
haupt gegen das Drucenlaffen eine große Antipathie habe, jo weiß 
(ich nicht, wie bald ich damit zu Stande Fommen werde. Ich bitte 
"Sie alfo mic wiffen zu laffen, bis wann Sie als äußerten Termin 
‚mein Manufeript haben müffen; fo werde ich mic nach Thunlich- 
feit beeilen. 

Mit freundlichitem Gruß 


Th. Billvoth. 
* 


199) An Dr. Baum in Danzis. 
Wien, 15. October 1885. 


Sieber Wilhelm! 
s Ic habe bisher immer noch gehofft, 


Papieren Deines lieben Daters Einiges finden, 
Zönnte. Ich kann aus Deinen Mittheilungen name — 
ſehen, welche Männer hauptſächlich entſcheidend auf die —— 
Dielfeitigfeit und Wiſſenſchaftlichkeit Deines Daters — De 
Meist Du Dich nicht aus Gefprächen zu erinnert, NEED 


Marianne würde in den 
was ich verwerthen 
tlich nicht er— 


16* 


— 244 — 


oder hervorragende Männer er in Paris und Kondon kennen gelernt 
hat? Dein Dater war ja eine fehr eigenartige, volle Derfönlichkeit, 
in ſich reich genug, um Andere entbehren zu fönnen; doch war er I 
auch Sehr impreffionabel für Eindrüde von bedeutenden Mlenjhen 
und Derhältnifen, eine Art von receptiven Genie. Dabei von Selten 
harmonifcher Ausbildung, Optimiſt wie Goethe und Stromeyer, 
nur weit Iebhafter, fympathifcher im Empfangen wie im Geben... 
Wann hat er begonnen, Galen zu überfegen? Was hat ihn eigent- 
lih an diefem ziemlich geſchwätzigen Schriftiteller angezogen? Hat 
er außer feiner Differtation nichts drucen laſſen? J 
Du aber, laß Deine Nerven in Ruh und reife, wenn es ſonſt 
materiell geht, auf einige Wochen nad Rom, Sieilien, Riviera und 
träume im Halbſchlaf dort mit einem kunſtgeſchichtlichen Bud, oder 
mit irgend einem guten Befannten. Ich weiß aus eigener Er 
fahrung, daß das die befte Eur ift. Geht das nicht, fo made Dih 
feft an eine größere wifjenfchaftliche Arbeit; das thut auch gut! 
Dein 
Th. Billeoth. 









* 


N 
200) An Prof. von Gruber, Arditeft in MWien*). 


Wien, 7. März 1884. 


Derehrtefter Herr Profejlor! 
Was Sorinfer betrifft, fo habe ich ihm joeben zunächſt 
einen längeren Brief geſchrieben und ihn aufs eindringlichſte gebeten, 
die Pläne zum Rudolfinerhaufe] unbeanftandet zu laſſen. HSugleidh 
habe ich ihn dann aber auch gebeten es mic) wifjen zu lafjen, wenn 
er ernste Anftände an den Plänen nähme, damit Sie und ich dan 
mit ihm darüber fprechen Fönnten. Hoffentlich läßt er ſich durch 
meinen Brief rühren ... | 
Beten Dank für alle Ihre Bemühungen. Dhne Ihre energiſche 
Mitarbeit wäre ich auch mit den Rudolfinerhaus-Plänen längft in 
Sethargie verfallen. 
Ihr ergebeniter 
Th. Billroth. 
* 


*) Erbauer des Budolfinerhauſes. 





- 


201) Am Prof. Koenig in Göttingen. 
Wien, 12. Juni 1884. 
Sieber College! ne 
Ich habe zunähft das Bedürfniß, Ihnen meine Befhämung 
auszudrücden über eine Bemerkung auf der Karte, welche ih Ihnen 
nah Empfang Ihres neuen vortrefflichen Werkes fandte. In den 


_ Pfingftferien hatte ich endlich einige Stunden Zeit, um den Thurm 


von Tagesliteratur etwas abzutragen, der ſich auf meinem Bücher- 


tiſche gebildet hatte. Dabei fand ich auch die von Ihnen veranlaßte 
Arbeit von Shädla über die Endrefultate der Empyen-Dperationen, 


die mir entgangen war. 
Wenn Sie wüßten, wie meine Zeit hier zerriffen und zerfplittert 


ft in einer Weife, daß ich nad) Feiner Richtung genügen Fann und 


doch weder für meine Familie, noch für mich ruhige Momente habe, 
jo würden Sie begreifen, daß ich zu wiffenfchaftlichen Arbeiten Feine 
Sammlung mehr finde, ja nur mit Mühe den Fortfchritten auf 
unferem Wiffenfchaftsgebiet nachhinke. Leider habe ich gar Feine 
Ausfiht, ähnliche Erfolge wie Sie bei den Empyem-Dperationen 
zu erreichen; denn folange die Empyeme nicht offen find, werden fie 


auf den internen Klinifen mit der Spriße ertrahirt. Es kommen 
daher nur die ganz veralteten fälle zu mir, und auch die im Ganzen 


recht felten. Die Kinder werden in den Hinderfpitälern, deren es 


hier 6 giebt, behandelt. 


Ihr Bud) über Knochen- und Belenktuberfulofe*) hat mir außer- 


ordentliche Freude bereitet; es ift feit langer Heit das einzige Bud), 
welches ich genau gelefen habe; der heutige Frohnleihnamstag bot 
I 


mir willfommene Gelegenheit es zu beenden. Ic ſtimme von der 
erſten bis zur letzten Zeile vollklommen mit Ihnen überein. Wenn 


ich nicht eine fo entſetzliche Scheu vor literariſchen Arbeiten hätte, 


fo hätte ich ſchon lange felbft etwas über diefen Gegenftand 
ſchrieben, von dem ich wohl jagen kann „alte Kiebe ale, Bi 5 
Ich habe dem Bedürfniß, manches von mir darüber Bes ü 
öffentlichte zu corrigiren, in kliniſchen Vorträgen — 
gehört aber zu viel perſönliche Erfahrung auf dtefem u: R % 
um die Bearbeitung einem Affiftenten zu übertragen; n es e 
doch das Meiſte ſelbſt ſchreiben müſſen. Es iſt daher ein wahrer 





*) Die Tuberfulofe der Knochen und Gelenke. Berlin, 1884. 





— 246 — 


ET 



























Segen, daß Sie die Sache jo gründlich in die Hand genommen haben; 
man kann Ihr Bud) nur ganz würdigen, wenn man jelbft das | 
Alles oft gefehen hat, was Sie fo vortrefflich darftellen. ; 

Freilich) ein Gedanke verfümmert mir, dem unverbefjerlichen 
Peffimiften, jest meinen Beruf als Lehrer; und das ift die Erfahrung, | 
daß das Befte, was wir aus der Natur herausftudiren, zumal fo= 
weit es die Aetiologie betrifft, nach Furzer Seit ſchon wieder nicht 1 
wahr ift. Wenn man bedenkt, wie oft feit Kaennec*) die Auf- 
faffung des Derhältniffes von Tuberfel und Entzündung zu einander 
gewechfelt haben, fo wird Einem ganz bange, was nun die nächſten 
10 Jahre wieder bringen werden. — Licht viel Anderes werden 
Ste wohl noch mit dem Verhältniß von Bacillus zum Krankheits⸗ 
product erleben. Trotz Koch**) iſt die Frage des CTuberkelbacillus, 
wie mir ſcheint, keineswegs abgethan. Je mehr wir darnach ſuchen, 
finden wir immer häufiger Actinomyces in verfümmerten kleinen 
Formen bei Proceſſen, welche man mit freiem Auge nicht von 
Tuberkel unterscheiden kann. Sollte der Tuberfelbacillus etwa eine 
verfümmerte Degetationsform von Actinomyces fein? oder giebt 
es mehrere Pilsformen, die uns vom Rindvieh zufommen und di 
gleihen Kranfheitsformen erzeugen? 

Es wird ſich Ihnen in nächſter Zeit ein Prof. Pufhmann**‘) 
von hier vorftellen, welcher in Göttingen an der Univerſitäts⸗ 
Bibliothek arbeiten will... . i 

Mit freundlihftem Gruß 
Ihr 


I = j 
— — ——————— EB er Eee en , 


o 


Th. Billroth. 
$ 


202) An Prof. Ezerny in Heidelberg. 
Wien, 22. Juni 1884. 
Sieber Freund! 
Ih ſchicke Ihnen zugleih mit diefen Heilen einen Dortrag 
über Wierenerftirpation, der mir mit glühenden Sangen abgetrieben” 
wurde; erwarten Sie alfo nichts Gutes. Ich fühle zu fehr, daß ic | 





*) Prof, der medicin. Klinik in Paris, Erfinder des Steihojfops; geit. 1826 
) VBobert Koch, Prof. umd Director_des Inftituts für Infectionsfrante f 
heiten in Berlin, Entdecker des Milzbrand-Tuberfels und Cholerabacillus. if 
***) Prof. der Kefchichte der Medicin in Wien. 
k | 

A 





— 247 — 


mit meiner wiſſenſchaftlichen Production zu Ende bin, als daß ich 
noch Freude an literariſchen Arbeiten haben könnte; es gehört dazu 
ein gewiljes Selbjtvertrauen, welches ich nicht mehr befite, 

Um nun doch noch für etwas nüße zu fein und wenigjtens mit 
der Datina meines Namens noch etwas zu leiften, verwende ich alle 
mir noch übrig gebliebene Kraft auf humanitäre Arbeiten. Ic thue 
in vielen Dereinen nach dtefer Richtung mein Möglichftes, concentrire 
mid) jedoch hauptſächlich auf den Rudolfinerverein, den ich, unter- 
fügt von Berfuny und anderen Freunden, zu halten und zu fördern 
trachte. Es iſt uns gelungen, das Rudolfinerhaus in feinen provi— 
jorifchen, ſehr unvollfommenen, ja, mit Ausnahme der fehr fchönen, 
aber kleinen Barade, recht unzwecmäßigen Gebäuden fo zu halten, 
daß es durch die Mlitgliederbeiträge und Derpflegungsgelder fi in 

fi) jelbjt hält. Doc Neubauten find dringend nothwendig, und ich 
habe mit unjäglicher Mühe foviel zufammengebradht, daß wir einen 
Pavillon nun im Bau haben. Doch das tft erft der Anfang des 
Neubaues, und ich werde noch viel herumbetteln müfjen, um weiter 
zu fommen. 

Für die Einfendung Ihres Beitrages beften Danf. Ste Fönnten 
fich die Mühe der Zufendungen fehr erleichtern, wenn Ste wie meine 
Alfiftenten Wölfler, Hader, Barbieri*) und andere Freunde dem 
Dereine ein für alle Mal 100 fl. fpendeten; auch mehr, wenn Sie 
wollen. Ich würde dies als eine ganz fpecielle Liebenswürdigkeit 
gegen mich betrachten, da ich eigentlich Feine andere Freude und Fein 
anderes Streben in meinen alten Tagen habe, als das Rudolfiner- 
haus vollenden zu fehen, ehe man mid) ins a legt. 

hr 
Th. Billroth. 
* 


203) An Prof. Czerny in Heidelberg. | 
Wien, 28. Juni 1884. 
Sieber Freund! 
x durch die Ueberfendung der 100 fl. für den 
itet, wofür ich Ihnen memen 
hält wohl feine ſchwachen 


Sie haben mi 
Rudolfinerverein eine große Freude bere 
herzlichſten Dank fage. Ein jeder Menſch 


*) Kangjähriger Privatafftitent Billroth’s. 


— 248 — 


Seiten für feine ftarfen. So bilde ich mir ein, als Kranfenhause 


director und Perwaltungsbeamter wenigftens jegt mehr leiften zu 


fönnen, denn als Chirurg. Was Sie mir über meine literarifchen ° 
Arbeiten fagen, ift mir höchft ſchmeichelhaft; doc ich habe nun ein- 
mal die Antipathie dagegen, wie gegen das Predigen in der Klinik. 
Bei letzterem find meine Affiftenten und DOperateure und einige 
fremde Aerzte die einzigen aufmerffamen Zuhörer. Die Studenten 
Iefen dabei ihre Seitungen, gehen ab und zu, und wenn fie einmal 
sum Prafticiren aufgerufen waren, Fommen fie nie wieder. 

Ich freue mich bald wieder für einen Monat das Rudolfiner- 
haus ganz zu übernehmen, wenn Gerjuny auf die Sommerfrifche 
geht. Dort kann ich perfönlich etwas leiften, und hängt für jet ° 
das Wachen des Inftituts noch etwas an meiner Perjon. In der 
Klini? kann mich Jeder leicht erfegen, da Fann der Mohr gehen! 
Ihr 

Th. Billeoth. 
C3 u 


204) An Dr. Berfuny in Wien. 
E - St. Gilgen, 6. September 1884, 
Sieber Freund! 


Beften Dank für die Zufendung des Briefes aus Neapel. Der 
Schreiber ift der einzige Ehrenmann, der mir immer Honorar für 
jede neue italienifche Auflage Shit. Andere Nationen haben feine 
fo anftändigen Buchhändler, und dafür find die Meapolitaner als 
Sumpen berühmt, und mein Vittora Pasquale ift ein echter 7 
Neapolitaner und doch Fein Kump! 

Es freut mich, daß das Rudolfinerhaus voll ift, wenn ich Ihnen 
auch gern mehr Ruhe gönnte. Wenn dte Dberin etwas norödeutihe 
Suft fi) hat um die Naſe wehen lafjen, bin ich überzeugt, daß 
fie mit großem Dergnügen zurücfehren wird; denn wer einmal 
längere Zeit in Wien und Wiener Derhältnifjen gelebt hat, der 
findet ſich Schwer anderswo wieder hinein. Vederemo! | 

Der Menſch ift doch ein fonderbares Wefen, oder bin ih Se 
nur. Wien und Rubdolfinerhaus und Klinik liegen wie Webelbilder 7 
in meiner Phantafte, ſo fehr fühle ich mich hier zu Haufe, ja mehr 








— 249 — 


zu Haufe als das ganze Jahr in Wien. Ich gebe Morgens Martha 
eine Singjtunde, muſicire Abends mit Elfe, gehe mit Senden 
ſpazieren, berathe mit meiner Frau allerlei uns ſelbſt angehende 
Dinge, bin Stunden lang am Bau,*) Ieite die Anlegung des Gartens 
bis in die kleinſten Details, und Iefe täglich ı—2 Stunden etwas 
Gutes und fühle mich dabei ſehr glücklich. Ich fomme mir hier 
vor wie Fauſt am Ende des zweiten Cheiles; möge die „Sorge“ 
mit ihrem Hauch noch einige Zeit ausbleiben! Es würde mich jetzt 
wieder freuen, noch ein Jahrzehnt vor mir zu wifjen. Und denken 
Sie, wie trüb und miferabel ich Ste um Weihnachten herum ge- 
quält habe; ohne Jhren Zuſpruch hätte ich das Hödelgut fchon 
wieder verkauft! Jetzt ift es eine Quelle neuen Schaffens für mic) 
geworden. 

Ganz beglüdt bin ich durch die Lectüre von Koch's Arbeit 
über Septicämie und QTuberfel. Diefe Eentralblätter find doc 
eigentlich gräuliche Inſtitutionen. Koch wählt als einer der be= 
deutendften Naturforſcher unferer Zeit riefengroß, wenn man ihn 
ſelbſt in feinen Driginalarbeiten fchaut. — Bliebe ich noch einige 
Monate in Ruhe und hätte Zeit zum Spazierengehen, fo fiele mir 
wohl noch Manches ein, um alles Schöne und Neue für dte Jugend 
zu geftalten . . 

Don uns Allen taufend Grüße an Sie und Ihre vortreffliche, 
liebe frau, 


— 


hr 


Th. Billroth. 


205) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 25. October 1884. 


Verehrteſter Herr Profeſſor! 

Es iſt mir beim letzten Beſuch unſeres neuen NE Er 
geworden, daß die Deranden an der Nordſeite neben A gi I 
dungsgang gedeckt fein müſſen, und daß oben r 
Balcons fein müffen. Das Alles wäre architeftonifch ebenjo © ) 


— 





fa i laen am St. Wolfgangſee bei Iſchl. 
*) Billroth baute ſich eine Dilla in St. Gilgen am St. Wolfgangfee bet Iſc 


— 250 — 


mit Säulen zu behandeln, wie die Veranda und Balcon an der 2 
Weſtſeite. Bitte einen entfprechenden Koftenüberfchlag zu machen, 
Es giebt ein altes Sprichwort: „Kommt man über den Hund, jo 
fommt man aud über den Schwanz!” Auf den Hund kommen Ei 
wir jedenfalls mit unferen Dereinsfinanzen; doch werde ich alle von 
mir perfönlicy veranlaßten Ertra- Ausgaben für den Derein auf die 1 
eine oder andere MWeife wieder einbringen. Die Deranden müffen 
alle, wie die Corridore, mit Terrazzo bepflaftert fein. Farbige des 
corative Behandlung der Rückwände; pompejaniſch, wetterbejtändig. 
Das Haus muß als italienifhe Villa jehr luftig in die um— 
liegende grüne Welt hineinfhauen; man darf von außen nicht ahnen, 7 
dag Kranfe darin find, 
Ihr ergebenfter 
Th. Billcoth. 
* 


206) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 26. October 1884, 
Derehrtefter Herr Profefjor! 


.... Ich kann mich von dem bunten Sgraffito nody nicht TE 
trennen. So wie das Gebäude jest ausfehen wird, bietet es gar⸗ 
nichts Driginelles, nichts Auffallendes dar, was id} doch jo jehr 
wünfche. Wir find fo brav, tugendhaft, ſparſam und folide bei’ 
dem Ganzen gewefen, daß ich irgend einen Erceß wünfchte, um das 
Gebäude aus der fpteßbürgerlichen Solidität herauszureißen. Bitte, 
erfinden Sie mit Bamberger*) irgend eine originelle Tollheit, 7 
welche von den Einen fcheußlich, von den Anderen großartig ſchön ge⸗ 
funden wird, fo daß die Leute darüber reden, ſtreiten, jubeln, ſchimpfen ac. 
Sie fowohl als Bamberger find fo gediegene, jolide Künftler, daß 
ich fürchte, ih bringe Sie nicht zu einer Mafarterte oder Böclineret 
oder dergl. Wenn wir nicht etwas Pifantes erfinnen, laffen wir 
das Sgraffito lieber ganz fallen. 

Ihr 











Th. Billroth. 
* 


*) Maler und Architekt Guſtav von Bamberger in Wien, 





a 


207) An Prof. Mifulicz in Krakau, 


Wien, 31. October 1884, 

Sieber Freund! | 
Lücke jchreibt mir, dag Buſch es abgelehnt habe, Kief. 40 

„Derlesungen und chirurgifche Krankheiten des Rückenmarks“*) zu 
bearbeiten, weil er Director einer in Berlin gegründeten Schule für 
Sahnärzte geworden iſt. Cücke beauftragt mich zugleich, Sie zu er= 
ſuchen, diefen Abjchnitt zu übernehmen. Mir machte diefer Auftrag 
befondere Freude, da ich Sie ungern unter den Mitarbeitern der 
Deutfhen Chirurgie vermißte . . . In der erften Auflage (Pitha- 
Billroth) war das betreffende Capitel fo dürftig von £. behanbelt, 
daß Dolfmann in Folge deffen viel davon in feinen Abfchnitt 
übernahm, Wenn Sie die Wirbelfäule übernehmen, kann ſich Dolf- 
- mann, falls er überhaupt die Kieferung 28 (Krankheiten der Knochen) 
macht — woran ich fehr zweifele — viel Fürzer faffen. jedenfalls 
müßten Sie fi mit ihm ins Einvernehmen feten . . . 

Nochmals herzlichen Danf für Ihre Baftfreundfchaft, und freund- 
lichſte Grüße an Ihre liebe frau! 
Ihr 


Th. Billtoth. 
CH 


208) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 1. December 1884. 
Sieber Herr Profefjor! 

In Erwiederung Ihres freundlichen Schreibens vom Geſtrigen 
bemerke ich zunächſt, daß wir Beide, wie Sie wiffen, in einer jo 
ſcharfen Weife gepreßt wurden, unfere Aemter**) zu behalten, daß 
wenigitens ein gewiſſer paſſiver Widerſtand von unſerer Seite nicht 
auffallen kann. Ich thue der Geſellſchaft nicht gut durch — 
Präſidentſchaft; denn wenn mich meine Wiener Collegen auch — 
meiſt reſpectiren, ſo lieben ſie mich doch nicht, mit ul Sn 
Fleinen Kreifes von Collegen, die meine Schüler find. — er 
ſich in ärztlichen Kreifen fo, als ſei dies gar nicht fo; doch ift es 


re nn Ha later ſpäter aetheilt und 
*) Auf Dorfchlag von Prof. Mifnlicz wurde die 
die Bearbeitung der Derletjungen ber Winheſaue ran er Gefellfchaft fit 
**) Bilfroth war Präfident und v. Gruber ZART 
Gefundheitspflege. 


und ift ganz natürlich, da ich mich um die ärztlichen Gefellihaften 
nicht Fümmere. | 

Yun, ich hoffe, für dies Mal ein Austunftsmittel zu finden. 
Es ift mir nad manchen perfönlichen Bemühungen in Berlin ge- 
lungen, daß meinem Schüler, unferem tüchtigften Bacteriologen in | 
Wien, Beren Prof. Dr. Ritter Anton von Friſch geftattet wurde, ö 
an einem der Curfe Theil zu nehmen, welche jest von Koh in 
Berlin im Reichsgefundheitsamt gehalten werden. Jch werde Friſch 
beftimmen, am Mittwoch, den 17. d. M., einen Dortrag „über die 
Cholerabacillen” zu halten. Er kann dabei Manches über dasjenige 
mittheilen, was er in Berlin gefehen hat, und jedenfalls mehr Inter- 
effantes bringen und demonftriren, als wenn ein hiefiger Arzt das 
hundertmal Gefagte wiederfäut. Ich hoffe, daß der Ausihuß damit” 


einverftanden ift .. » 
Ihr ergebenjter 


Th. Billroth. 
5 


209) An Prof. Hanslick in Wien. 
Abbazia, 29. December 1884.*) 
Liebſter Freund! 


Da bin ich nun feit einigen Tagen in dem lorbeerumfrängten 
Abbazia und finde es herrlich hier. Wenn ich Wien verlafie, jo 
fuche ih Ruhe, Luft und Einfamkeit. Wer, wie ich, den größten: 
Theil des Tages für Andere leben und denken muß, dabei über das 
Geſchick vieler Menfhen zu enticheiden hat, der fehnt fich, diefe mit 
der Zeit immer ſchwerer werdende Laft der Derantwortung öfter auf 
einige Zeit abzulegen. Wiederholte Fürzere Vaſt habe ich praftifcher 


für meine Sebensarbeit und mein Alter gefunden, als eine allzu 


lange Arbeitspaufe. Ich bin mir immer noch nicht langweilig 7 
genug, um mich nicht einigemale im Jahre auf ein paar Tage mit 
mir felbft unterhalten zu können. J 

Wohin ſoll man zu Weihnachten, zu Oſtern in die Ferien 
reifen? Südtirol, die Riviera, Corfu, Zante waren mir für diesmal 
zu weit, alfo verfuchte ich es mit Abbazia. IA preife mich glück⸗ 
lich, daß ich diefen Dorfas ausführte; auch abgejehen davon, dab 


Auf Wunsch Billroth’s in der Neuen Freien Preſſe vom 2, Januar 18857 F 
veröffentlicht. J 








— Van wo 


ich als Arzt nicht gerne einen meiner Clienten an einen mir un— 
befannten Drt jende. Daß man fo oft von Abbazia reden hört, 
machte mich aufmerffan, denn über ganz dumme Dinge ift man 
auch bald ganz fertig mit dem Reden. Dft wirft Du hören, Abbazia 
jet als Curort ein Kunſt- und Reclameproduct, in Allem unfertig 
und ohne Spaziergänge, eine ganz Fleine Daje in eimer Wildniß, 
fein San Remo, Fein Mentone, nicht einmal mit Arco, Bozen, 
Meran zu vergleihen ꝛc. Mir fällt bei folchen Reden immer die 
alte Dolfswortjpielerei ein: „Aeppel find Feine Birnen, Birnen 
find Feine Aeppel, die Wurft hat zwei Zäppel, zweit Zäppel hat die 
Wurſt“ ıc. Was hier vor einem oder zwei Jahren war oder nicht war, 
weiß ich nicht; jest jteht hier an einem ausgefucht Schönen Punkte 
ein treffliches Hotel mit Dependance, ähnlich dem „Hotel Bellagio” 
am Comer-See, daneben eine zum Hotel gehörige große Dilla mit 
forgfältig gepflegtem alten Parke; ein neues großes Hotel ift im 
Baue. Rundum Leben, Bewegung, Fortentwidlung Es ift eine 
Freude, zu beobachten, von welch' großen, die Zukunft ficher be— 
herrſchenden Gefichtspunften aus das Ganze von dem General 
Direktor der Südbahn angelegt wird. In dem erwähnten parte 
ſtehen die gleichen Schönen Rieſen-Coniferen, Magnolien ıc. wie auf 
"Isola madre. Ich bin überzeugt, daß unter ſachkundiger Keitung 
auch Eitronen, Drangen, Palmen zu erziehen wären, Sträucher und 
Bäume, die ja auch auf Sicilien nicht wild wachfen, jondern tn den 
ä orgfältig cultivirt werden. 
— = — in europäiſchen ſüdlichen Curorten 
mag man als Arzt denken, wie man will; es bleibt eine Wonne, 
mitten im Winter nur aus dem Hauſe zu treten, um an ſo manchen 
Tagen ſtundenlang im hellen Sonnenſchein ſpazieren Le 
Alan ift hier fo ganz „am Land. an — — iſt 
ſchlechtes Wetter geben; es iſt eben nicht zu en “ 
wenn es regnet, und daß die Erde trocken und ftaubig — 
— immel ſtets unter Thränen 
die Sonne lange ſcheint. Würde der Himmel j —— 
lachen, die Menſchen würden das auch bald fad fin — e 
wird ſich die Atmoſphäre uneres Be H —— 9 war ein⸗ 
Ich ſah in San Remo — —— zwei Jahren 
mal um Dftern in Meran gründlich —— mit er Plaſtik von 
Ernäftete fich die Jugend von Speyer, an der Dftfee: Bier 
Schneemännern, wie in meinem Beburtslande < z 


hat man den nicht zu unterfchäßenden Dortheil, daß man bei ſolchen | 
Intermezzi nicht in den Simmern zu frieren braucht, wie in ZJtalien,; 
die Zimmer haben Doppelfenfter und Defen, dte trefflich nach dem 
Thermometer bedient werden. Es giebt hier bei den Spaziergängen 
auc Feine Windwinfel und Falte Pafjagen, wie in San Remo und 
Mentone, wenn man durch die Stadt gehen muß. Auf diefe Weile 
fällt bei einiger Dorficht der Acchmations-Schnupfen fort, dem man 
im Winter in Italien nicht leicht entgeht; man erfältet fi dort ja 
meift im. Simmer. f 
Ic Fenne die Winter und frühlingsanfänge in Jtalien genug, 
um darüber Feine Illufionen zu haben. Italien hat wohl einen 
milderen und Fürzeren Winter als wir, doc) ift es immerhin ein | 
Winter; man darf ſich durdy die Sonnenwärme der Mittagsftunden 7 
nicht täufchen laffen. Tage mit einem ‚Februarmorgen, einem Juli 
mittag, einer Octobernacht find auch an der Riviera zu Heiten nichts 
Ungewöhnliches. Der Culturmenſch foll als der Klügere in diefem 7 
Kampf mit der Watur hier wie anderwärts nahgeben und außer 
feiner Wollhaut zweierlei Ueberzieher haben. Gewiß find die Morgen— 
und Abend-Temperaturen in San Remo, Ulentone, Cannes, Ajaccio 7 
-und Palermo um 2 bis 3 Grad höher; doch beim Sonnenjhein am 7 
Tage dürfte die Differenz nicht fo erheblich fein. Wer ſolche Stürme 
in Nizza und Bordighera erlebt hat, wie ich, wird fich nicht wundern, 
wenn es auch in Abbazia zuweilen windet; doc der Raum ift zu 7 
beengt, als daß Sirocco und Borina ſich hier in allzu tollem Wirbel 
drehen Fönnten. # 
Die Natur ift nicht fo wildromantifh wie etwa in Taormina, 
doch von zauberifh anmuthigem Reiz. Das Aleer, von den Ger | 
birgen zu einem coloffalen Hafen eingedämmt, glänzt, nach Süden 
offen, weit hinaus; das Auge weidet ſich an der Mannigfaltigfeit 7 
der Buchten und Klippen; von den Bergen, den Geländen, aus den 
Thälern leuchten Städte, Dörfer, Tapellen, Pillen hervor. Wie für 
die Riviera die Delbaumwaldungen, jo find für Abbazia die ftarf” 
duftenden und darum Zanzaren vertreibenden Korbeerbäume charaf- 
teriftifh. Und wie fchön tft diefer edle, faftgrüne, dichte Dichter⸗ 
baum, zumal im Contraft zu den in etwas geringerer Menge ver⸗ J 
breiteten blaugrünen Olivenbäumen! Die dunklen Monatsroſen 
blühen auch jetzt an den Hecken in purpurnem Glanze. Wie herr 


mar 


lich die Gebirge rings umher, auf den Infeln, an den Küjten, eines 






{ 


— — 


—“ 
DE 


Zt) 


— 255 — 


ſich hinter das andere bald ſo, bald ſo verſchiebend! „Ueber drei 
Gebirge hin“ ruft und flucht das Mädchen dem Geliebten in den 
von Brahms jo gluthvoll componirten, von elementarer Sinnlich- 
keit ſtrotzenden, füdflavifchen Kiedern; daran muß ich hier oft denken. 
- Man jagt, es gäbe hier Feine Spaziergänge; unbegreiflih! Am 
Meere entlang nad) beiden Richtungen hin die trefflichiten Straßen, 
auf denen man freilich Feine Hotelbewohner findet; doc mandhes 
Andere fieht und hört man da. „Maiennacht“, „Um Seegeftade”, 
„Weber die See’, „Abenddämmerung“, „Sommerabend“ — der ganze 
Brahms klingt mir hier immerfort entgegen. Nach dem Takte 
‚des letzten Sabes feines F-moll-Llavierquintetts trotte ich die Straße 
entlang, und der dritte Sat meines (wollte fagen feines) A-moll- 
Streichquartetts*) führt mich gemächlich zurüd. Ich kann mir nichts 
Befjeres wünfchen. Andere mögen hier Anderes fehen und hören 
und gleichfalls zufrieden fein. Diele hören und fehen wohl aud) 
nichts: die armen innerli Blinden und Tauben! 

Die Wege find eben, oder nur ſchwach anfteigend; das ift wichtig, 
weil nothwendig für ruhiges Denken im Gehen. Starfe Körper- 
anftrengung, ja felbft Eleine, doch häufige Hemmniſſe auf ſchlechter 
Straße hindern das freie Weben und Wogen der Gedanken. Beethoven 
wußte das und fuchte fich feine Sommerfriihen danadh aus. Man 
Hat genug zu thun, aus dem großen Schwarm feines Bedanfen- 
trofjes fich je nach Stimmung diefen oder jenen Kumpan hervorzu- 
holen. Beihäftigt man ſich lange mit Einem, fo ziehen ſich die 
Anderen eiferfüchtig zurück; auf diefe Weiſe erfährt man zuweilen 
von feinen eigenen Bedanfen etwas Neues. Iſt man der einfeitigen 
Unterhaltung müde, jo fhaut man wieder hinaus aufs Meer, auf 
die Berge. Wie ſchön ift das Alles auch jest zur Winterszeit! Und 
wie mag es erſt im Frühling fein, wenn der Sonnengoft mit feinen 
- Strahlenarmendie Erdefeft unflammert,unddiefe mit halbgefchlofienem 
Aug’, der wolfenumfloffenen Jo gleih, ganz wonnigen — 
den Hauch feines glühenden Athems trinkt. Da —— die sth Ka 
üppig hervor, die Eichen, Haftanien, Dlatanen, eigen: Tu Men 
den tiefgrünen Korbeer, die — ale den blafjen Delba 
mit i ' su überjtrahlen. 
E — a * ſcheint in eine Bildergalerie, 


*) Siehe Seite 256, Anm, 
















= ae 


und weiß doch, daß Du Fein Freund von übermäßig alten Bildern 
biſt. Ein Bild nur will ich Die noch zeigen: Still-geben, bürgerliches 
Benre, ganz modern. Du fiehft mich da am Abend mit meinen, 
mehr aber noch mit Deinen Büchern in einem höchſt behaglichen, 
clavierficheren Zimmer der Dilla Angiolina bei der Sampe fißen. 
Die göttliche Stille ringsum ift freilich ebenſo unmalerifch, wie das 
hbimmlifhe Nirwana. Uebrigens wirft Du mir wohl anjehen, daß 
ich kurz zuvor Kangufter fpeifte; der Quarnero iſt ja eine Art von 
Homard=Refervoir; der Pomard dazu war hödhjt trinfenswürdig. 
Die Figarre, die Du mid rauchen ſiehſt, ift eine echte Carolina, ein I 
Geſchenk unferes gemeinfhaftlihen Kunftfreundes Wilhelm v. Gut= 7 
mann. Xiehft Du das feine Aroma? Bei foldhen „Geſchehniſſen“ 
pflest der Züribieter (der Ur-Süricher) zu fagen: „Schöner nüst I 
nüt!“ 

Und iſt denn nichts an Abbazia auszuſetzen? wirft Du fragen. 
Yun ja! Die Swiebelthürme der Jefuitenfirhe in Dolosca ftören I 
mich; es fehlen die italieniſchen Campanile, dte maleriſchen Capu⸗ 
ziner. Die gutmüthige Bevölkerung ift unfhön, duch Armuth elend, 
ohne Race, nicht ſlaviſch, nicht italieniſch, auch noch recht aber⸗ 
° gläubifh. Por nicht langer Zeit hat man hier einen jogenannten 
Herermeifter im Sarg angenagelt; es hat freilich nichts genüßt, er” j 
ift vor Kurzem doch als Dampyr in Wien gefehen worden. Auch 
zeigt man hier eine von Weinbergen umgebene Casa maledetta; 
der Teufel foll darin ein Zimmer als Abfteigequartier haben, es” 
gefällt ihm eben auch in Abbazia. Ein Schiffer, der uns neulich I 
diefe Mittheilung machte, und der oft die Erde umfahren hatte, 1 
fügte verächtlich hinzu: Gente stupido! — Es giebt hier auch zu | 
ftrenge Polizei, und daher zu wenige naiv und Iuftig bettelnde Kinderz 
man merkt, daß man noch nicht ganz in Jtalien ift. — Doc, das} 
find fo meine Privatfchmerzen. Andere mögen Anderes zu bemäfeln: } 
haben. Ich halte mich an Dein fchönes Wort: „Nur wer zu lieben} 
fähig ift, weiß auch zu fchonen.” Schon lange jehe ih im Geiſte 
Deinen Papierkorb nach meinem Briefe ſchnappen, der ſo ſehr Deiner 
Schonung bedürftig iſt. Auf baldiges Wiederſehen in Wien. 

Dein 
Th. Billroth. 








ee 


210) An Prof. Hanslid in Wien. 


CLiebſter Hans!*) 

Geftern Abend war ich in Heyſe's Stüd „Don Juan's Ende”; 
es hat mich doch ſehr intereffirt, wenn auch nicht erwärmt. Wir 
fönnen uns emen Don Juan ohne Muſik Faum vorftellen. Der 
Mozart’ihe Don Juan ift für's gefprochene Wort zu frivol; zum 
Fauſt fann man ihn auc, nicht machen. Einzelnes ift herrlich, 
zumal der dritte Act; die Barfescu liebt fo nett. Auch Tiefen 
fih viele Sinnſprüche herausziehen. Das Ganze ift ein fühnes 
Wagniß als Drama, man taftet mit dem Dichter immer unficher in 
dem Stoff herum. Immerhin ift man gern einen Abend mit Paul 
Heyſe zufammıen. 

Geſtern Abend arbeitete ich bis 3 Uhr an einem Referat für 
die Fakultät, dann las ich Deine Derfe. Heute ift es auch fchon 
ı Uhr; doch das ift auf die Dauer nicht gut, ich fühle meine Nerven 
bereits wieder ftarf vibriren. z 


Wien, 22. Jänner 1885, 


Dein 
2 Th. Billtoth. 


211) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
SePer 


„Keiner vermag doch den Blick in des Anderen Seele zu tauchen, 
R „Fragt alfo nicht, warum er diefes und jenes gethan!“ 

So ſprach im Eifer der Freund, und wahrlich iſt er im Recht. 
Wer fo das „Schickſalslied“**) und der Parzen Geſans uns in Tönen 
Schauernd empfinden ließ, der trägt die Wahrheit in jic. 


2. Februar 1885. 


[3 


212) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 8 Februar 1885. 
Derehrtefter Profefjor! 
Erft heute Abend werde ich dazu fommen, über meinen Vor⸗ 
trag nachzudenken. Den Titel habe ich jetzt fo geformt: „Ueber dte 


des Familien» 








ER I. 14 STpEiinr 
*) Bilfroth nannte Prof. Hanslick ſcherzweiſe mit Abkürzung 
Namens immer „Hans“. s 
**) „Schifalslied”‘ von J. Brahms. Op. 54. 
Briefe von Theodor Billroth. 


12 


——r ZDS 


Wirkung langdauernden Sitens auf die Form der Wirbelfäule.” 4 
Es macht nichts, wenn der Titel auf den Einladungskarten anders 
gedruct ift. Auf feinen Fall foll mein Dortrag ftenographirt, nody 


weniger gedrucdt werden. Neues hab’ ich nicht zu jagen; um das 


Alte in eine für den Drud paffende Form zu gießen, müßte ich bei Fi 
der Schwierigkeit und Wichtigfeit des Begenftandes viele Tage arbeiten, 7 


Das mag id nicht. 
Ihr 
Th. Billroth. 
* 


213) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 18. februar 1885. 


Derehrtefter Herr Profefjor! 


... Es wäre doc} fehr erwünſcht, wenn noch ein dritter Dor- 7 
trag über Schulhygiene folgte. In diefem müßte zunächſt eine Art 
von Mufterfhulhaus ardhiteftonifch entwickelt werden, die praktiſchſte 
Methode der Heizung, der Dentilation, der Bänke ıc. auseinander- 


gefebt werden. Luftraum im Derhältniß zur Schülerzahl, großer 
Hof oder Barten für die Zwifchenftunden. Lehrerwohnung. Vor— 


züglih mit Rücdficht auf die Volksſchulen. — Dann: wie fteht es f 


mit diefen Dingen in den verfchtedenen Kronländern Lisleithaniens? 
wo ift es am beiten? wo am fchledhteften? 

Der Dortrag müßte von Jemand gehalten werden, dem die 
offtctellen Quellen unbefchränft zugänglidy find. Es darf eben Fein 


Sanitätsrath, überhaupt fein Beamter fein, fondern Jemand, 


der die Sache beherrfht und völlig frei und unabhängig über der 


Sache fteht. Vielleicht kennen Ste einen Architekten, der die Hennt- T 


niffe und Luft zu einem folchen Dortrag hat. Publifum und Bes 
hörden wollen hier immer nur angefchmeichelt fein. Das trägt Feine 


Früchte. — A. ſchlich neulich nach meinem Dortrag ängjtlich davon! | 


B. grüßt mich mit großer Dorficht. Heines der großen Blätter hat 


es gewagt, Anfang und Schluß meines Dortrags drucen zu laffen, 
den ich dann in Wittelshöfer's medicinifcher Wochenſchrift er⸗ 
Icheinen ließ. Dh, diefe Angftmeyer! find das miferable Zuftändel ” 


Ihr ergebenjter 


h Th. Billroth. 


bu an 








a) 


214) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
\ Wien, 16. März 1885. 
Giebt es Ahnungen in der Kunft? Als ih Menippe und 


Eſope von Delasquez in Madrid fah, glaubte ich Daganint und 


Beethoven zu jehen! Sch fchide fie Dir als Enveloppe von Scar- 
latti. Den Fleinen Parifer Scherz nimm freundlich auf; das muft- 
Falifche Eleine Bild muthete mich gar freundlich an, und ich mußte 


- wie in allen meinen guten Stunden Deiner gedenken, 


215) An Dr. Gerfuny in Wien, 


—“ 


we 


PN 


Der fahrende Chirurg, 
ein Stück Mittelalter, wenn 
der Bart nicht Schon zu weiß wäre! 


- Am Abend meiner Ankunft in Wien vom Königshof in Kifjabon. 


5 


Abbazia, 4. April 1885. 
Furchtbare Raffung aus gräßlicher Schlaffung! Ich habe den 


‚ Jahresbericht fertig gemacht und heute an Sie abgejandt. Cher 


Zönnte ich in Wien einen Band voll eigener Ideen fchreiben, als 


hier ſolch' eine Kompilation. Es ift unglaublich, welch' demorali- 


firenden Eindruck das dauernde Nichtsthun und der dauernde Aufenthalt 
in der Seeluft macht. Es ift wirklich wunderbar jchön hier, wenn 
man längere Zeit hier fein kann, um der Natur allen kleinen 


Couliſſen⸗Jauber abzuſehen. Ruhiges Meer und Sonnenſchein, Mond⸗ 


ſchein, trübes Wetter und aufgeregte See; man weiß nicht, was 


ſchoöner ift. 


— 


| ſo zu richten, daß das Werk für fich arbeitet, 


Troß alledem ift mir noch fo viel aus meiner Dergangenheit 


verblieben, daß ich mich herzlich darüber gefreut habe, daß das 


Rudolfinerhaus als ſolches mit Ihnen und a, — 
an ſich zieht. Das habe ich gehofft. Wie in — 2* — 
meiner Familie, ſo wünſchte ich auch im — le 
chen in den eigenen Schöpfungen, 
Stel. ur zum ferneren 
und ich werde ihn mit 


habe. Sich ſelbſt entbehrlich zu mach 
ift in meinen Augen das höchit erreichbare 
Keubau braucht man noch meinen Kamen, 


*) Dorftand der medieinifchen Abtheilung. 


— 260 — 


Allem, was die Keute daran hängen, gern hergeben und meine letzten 
Kräfte an die Dollendung diefer Schöpfung ſetzen. 
Es ift ſpät Abend. Die Mädel find nebenan fo Iuftig beim 
zu Bett gehen und beim Erzählen der Tageserlebnifje, daß id) 
mich fehr darüber freue, wenn es auch beim Schreiben etwas jtört. 
In Betreff des Jahresberichts habe ich noch folgende Bitten 
an Sie, Ich habe ihn mofaifartig zufammengeftoct, oft recht wider- 
willig daran gearbeitet, nichts mehr nad dem erjten Niederſchreiben 
wieder gelefen. Bitte, gehen Sie das Manuſcript noch vor dem 
Druck durch und ändern, ftreihen und feßen Sie zu, was Ihnen 
gut dünft. Ich bin hier ganz dumm, 
Ihr 
Th. Billtoth. 
* 


216) An R. Toppius, Rittergutsbeſitzer in Eldagjen. 


Wien, 26, April 1885. 
Sieber Rudolf! 


Ich kann den heutigen Tag nicht vergehen lafjen, ohne Dir 
für Deine freundlichen Zeilen zu danfen. Dein früherer Brief und 
Emmchen’s Brief mit den mir fo lieben Bildern hat mich auf 
meinen letzten Gefhäfts- und Erholungsreifen nach Paris, Madrid, 


Siffabon, Abbazia, Fiume, Denedig begleitet; doch immer fam id) | 


nicht zum Schreiben .. . 
Was foll ich Dir von uns fchreiben? Wo anfangen, und wo 


aufhören? .. . Ich habe 4000 Bulden Gehalt und zahle 8000 Gul- | 


den Steuer von Haus und Praris. Du fiehft, daß wir auch gehörig be= 
Iaftet find. Die Hausfteuer beträgt 49 Prozent, die Einkommenſteuer 
26 Prozent. Und das für die Polen, Slovenen, Bosniafen, Slovafen, 
Ungarn, Czechen, Croaten, Iftrianer zc., die uns garnicht interefjtren, 
und für die die Deutfchen arbeiten müffen, damit das Kaijerreich 
zuſammenhält. Es herrſcht bei uns eine furchtbare Derbitterung, 


jede Nation haft die andere aufs Blut. Ein Defterreich giebt es” | 


nur da, wo der Kaifer gerade ftehtz nur um der Dynaftie willen 
eriftiet Defterreich noch fort! Alles ift Lüge, Schein, Hohlheit! Wien 
geht troß allem äußeren Glanzes fehr zurück; es iſt bald nur 


Hauptſtadt von Yieder-Defterreih, denn Prag, Peit, Krafau x.” | 


ei Eee 








wollen Feine Central-Hauptftadt mehr anerkennen. Da ift es denn 
wohl natürlich, daß nicht nur jede Nation, fondern auch jedes In— 
dividuum in den Egoismus hineingetrieben wird, Sch kann mic) 
leider auch nicht davon freifprechen, daß meine idealen Anfhauungen 
hier Schiffbruch gelitten haben, und daß ich mich bemühe, die wenigen 
Jahre, die mir vielleicht noch für meine Sehrer- und Arztes-Arbeit 
gegönnt find, möglichit für ‚meine Familie und mich auszunußen. 
Mein Ehrgeiz ift überfättigt, an Anerkennung und Auszeichnungen 
habe ich mehr, als ich brauche; ich trachte, für meine Kinder Geld 
zu erwerben und mich jo zu fituiren, daß ich mit dem Jahre 1890 
meine Stelle niederlegen Fann. 

Hu diefem Zwecke habe ich mir ſchon jest im Salzfammergut 
am St. Wolfgangjee ein Familienhaus gebaut, welches wir in diefem 
Sommer zum erjten Male für einige Monate beziehen wollen. Ich 
habe es gleich auf den Namen meiner frau fchreiben lafjen; und 
jollte ih das Jahr 1890 überleben, fo denke ich mich ganz dorthin 
zurückzuziehen. Der Bau hat mir große Freude gemacht. Ich habe 
Alles von den dortigen Einwohnern machen laffen, und das hat 
der armen Gegend gut gethan und mir viele Freunde dort gemacht. 
Wenn ich dort im fteyerifchen Gewand mit meinen Bauern und 
einigen Freunden von hier zufammen bin, jo bin ich ganz glücklich 
und fehne mic) nach der Zeit, wo ich längere Seit dort weilen Fann. 

Daß man in Petersburg, Athen, Neapel ze. meinen Rath und 
meine Hand zu Operationen begehrt, hat mid ſchon wiederholt zu 
intereſſanten Reifen veranlaßt. Neulich war ich zu einer Conſulta⸗ 
tion beim König von Portugal in Liſſabon. 10 Nächte und 12 Tage 
Eifenbahn über Paris und Madrid; es war wohl anftrengend, doch 
ich hatte einen meiner Affiftenten mit, der mir als Intendant auf 
der Reife diente; ein König kann das wohl bezahlen. h 

Bei folhen Reifen Fommt wohl ein momenfanes Se su 
Stande; fonft aber wachfen fo viele junge, füchtige Leute — 
Schule hervor, und meine Schüler, die bereits überall un A 
Reich, Defterreih, Ungarn, Rußland, Belgien ꝛc. ſchon Se ie 
Profefforen find, machen mir ftarfe Coneurren;. DE 
große Freude für mich; doch meine laufende Praris u x 3 AN 
und bald wird man auch mich zum alten Eiſen a — 
möcIe 1 für face. Zum id ip mens mi DE 

Die Befriedigung ift aber nicht jo erfreulich 


— ‚202 — 


wie man fich das vorftellt; denn nach und nach fommen vorwiegend 
Unheilbare aus den entfernteften Begenden zu mir, Hülfe verlangend, 
wo es Feine Hülfe giebt. Zwei Drittheil Unheilbare in feiner Praris J 
zu haben, das tft jehr hart; ich bin darüber oft fo unglüdlih, dag 
ich wünfchte, nie Arzt geworden zu fein. 
Doch genug davon! Wir müffen uns bejcheiden! jeder in feiner ) 
Weife! Im Ganzen weiß ich wohl, daß ich vom Geſchick bejonders - 
begünftigt war und bin danfbar dafür, wenn es auch nicht fo rofig 
ift, wie es Anderen ſcheint. 
Herzlichſte Grüße von Haus zu Haus! 
Dein 
Th. Billroth. 
* 


217) An Prof, His in Leipzis. 
Wien, 24. Juli 1885. 
Sieber Freund! 


Mit großer Freude habe ich Dein ſchönes neues Geſchenk ent N 
gegengenommen und nicht nur die Tafeln, jondern auch das Bud 
mit großem Intereffe durchgefehen, zumal die Kapitel, die mid als ! 
Chirurgen befonders intereffiren ... Wer fich lange nicht mit Ent⸗ 
wiclungsgefhichte befaßt hat, empfindet freilich fhmerzlih, daß N 
Dieles doch nicht fo einfach und fyitematifch überfichtlich geblieben J 
iſt, wie man es ſich früher gewiſſermaßen zum Hausgebrauch her⸗ N 
“gerichtet hat. Die Uatur fchreitet meift auf viel umftändlicheren ] 
Wegen als der Menfc vor. Brücke pflegt bei folhen Gelegenheiten) 
zu fagen: „es Foftet ihr ja nichts, und fte hat Seit” . . . 
Mit Befhämung fehe ich, wie Du und mandıe Andere meiner 
Altersgenoffen rüftig fortarbeiten. Gewiß haft Du Recht, wenn Du} 
mteinft, daß man durch ſolche größere Arbeiten ganz abjorbirt wird } 
und manchmal zweifelhaft wird, ob man jo viel damit nütt, wie | 
man wünſcht. Ich habe das auch früher oft empfunden, Begiebt 
man fich dann, wie ich es früher mit Dorliebe that, auf wenig bes 
baute Gebiete, mehr fuchend, taftend, als eigentlich ftreng forfchend, } 
ſchließt dann endlich ab, wenn man nicht weiter fann, fo wird man | 
dann nachher bald überholt und kommt ſich ſchon wenige Jahre } 
fpäter hiftorifch vor. Doch das hat mich nie von der Arbeit abe] 








eo 


geſchreckt. Es ſind andere Dinge, die mir nah und nad) die litera— 
rischen Arbeiten größeren Styls erfchwerten und mich endlich ganz 
davon abdrängten. Dor Allem konnte ich bei meiner zeriplitterten 
Seit den Detailarbeiten nicht mehr gerecht werden, verlor dafür auch 
wohl die Geduld. Wenn man erſt nicht mehr ſelbſt Alles, was 
J— Arbeitbraucht, durchunterſuchen und durcherperimen- 
tiren kann, dann geht die Sicherheit des Arbeitens verloren, aud 
die eigentliche Forfcherfreude. Dielleicht hätte ich durch refümirende 
Arbeiten ähnlid wie Virchow noch Einiges nützen können. Doch 
das ijt ja gerade meine Aufgabe als älterer Klinifer, und ich habe 
in der Klinik genug Gelegenheit zum Reſümiren. 

Techniſche Neuerungen, zu denen fich zuweilen noch Gelegenheit 
bietet, zu befchreiben, maht mir nun erft recht Feine Freude, Ich 
habe fowohl Kehl£opf>, Magens, Darm-Dperationen und fo Manches, 
was mich in neuerer Seit ins große Publikum gebracht hat, gern 
meinen Affiftenten überlaffen und bilde mir nichts Bejonderes 
darauf ein. | 

Eher bin ich darauf ftolz, viele Schüler gezogen zu haben, welche 
dieſe Dinge nicht nur mit Leichtigkeit und Gewifjenhaftigfeit machen, 
fondern fie auch gut zu befchreiben verftehen. Meine Schüler Czerny, 
Buffenbauer, Winiwarter, Mikulicz, Wölfler gelten mit 
Recht als deutfche Chirurgen erften Ranges; und darauf bin ic) 
ftolz,. um fo mehr, als fie alle Defterreicher find. Ich fühle, daß 
nun auch diefe Schülerbildung zu Ende geht. So fonderbar es flingt: 
man muß jung und frifch fein und felbit noch innerlich und äußer- 
Uch viel arbeiten, um in Wiffenfchaft und Kunft Schüler zu erziehen. 
Nicht die Mebertragung einer concentrirten Erfahrung und eines 
angehäuften Wiffens zeugt neue Schüler, fondern dies gefchieht weit 
mehr durch eine unbewußte Contagion. De 

Du meinft, der Klinifer habe wohl mehr dauernde Befriedigung 
durch den Contact feiner Arbeit mit dem geben Anderer, und die 
Befriedigung der praftifhen Leiftung ſei ausgiebiger, als digenis⸗ 
der naturwiſſenſchaftlichen Forſchung allein. Ber 
Fan das leider nicht conftatiren. Ihr glücklichen En 
Ihr Habt gar Feine Ahnung von dem furchtbaren Sammer, der En 
ganze kranke Menfchheit durchzieht, und von dem En 
den man empfindet, wenn man oft täglich mehrere SÄUMDEN AI 
Mitleid und Menfchlichfeit immer fügen foll und oft eine Comoͤdie 


— 264 — 


fpielen muß, die auf anderem Gebiete geradezu verächtlich wäre, 
Wohl magit Du es Uebermuth nennen, wenn man der glüdlih 
Geheilten Faum noch achtet und fie bald vergißt! Auch haben viele 7 
von meinen Collegen ein glüclicheres Temperament; ich fehe immer ° 
nur die Grenzen meines Könnens und fehe verzweiflungsvoll darüber 
hinaus. Beim Forſchen giebt es ja auch Grenzen; doh wenn fie 
endlih nicht zu überjchreiten find, jo giebt man es ärgerlich auf. 
Bei uns aber fteht Hinter jeder Grenze das höhniſch grinjende 
Beficht von Freund Hein! Nimmt man trogdem hie und da den 
Kampf mit ihm auf und vingt ihm ein armfeliges Utenjchenleben 
ab, — wie bald und wie graufam rächt er fich dafür in anderen 
Fallen: 1 

Nun genug Ödiefer gar zu ernften Dinge! „Nicht diefe Töne!” 
Freunde! fondern laßt uns fröhlichere anftimmen!‘ heißt es in 
Beethoven’s 9. Sinfonie nah den Fauftifhen Contrabaß-Recitas 
ÜROICHE ao: 


Herzlichſte Grüße! 
Dein 


Th. Billroth. 
C 2 


218) An Dr. Shudhardt, Privatdocent in Halle. 
Wien, ı2. Auguſt 1885. 


Geehrteſter Herr! 


Ich danke Ihnen freundlichit für dte Zufendung Ihrer Habilie 
tationsſchrift*). Dielleicht intereffirt es Sie, daß ich im Kauf der” 
letzten Monate zwei Mal aus erquifiten fällen von Rhinosclerom 
wuchernde Epithelialfrebfe entftehen fah. Auch meine Beobachtungen” 
über Entftehung von Carcinomen aus Fontanellgranulationen, Juße 
geſchwüren, Sequefterhöhlengranulationen und Brandnarben haben 
fich noch vermehrt. Dagegen kenne ich auch Fälle von colofjalen 
Iuetifchen Pforiafiszungen, die nun ſchon Decennten beftehen, ohne 
zu Carcinomen degenerirt zu fein. 4 

Ergebenit 
Th. Billvoth. 
* 


0) Meber die Entftehung der Carcinome aus chroniſch entzündlichen Su 
jtänden der Hautdecken und Schleimhäute, 





— 265 — 


219) An Prof. von Gruber in Wien. 


Wien, 28. October 1885. 
Lieber Herr Profeſſor! 

Sie bilden wirklich eine glänzende Ausnahme unter den Archi⸗ 
teften durch Ihr warmes Intereffe an allem zweckmäßigen Detail, 
Ich habe fo viele neue Kranfenhäufer gefehen, bei welchen ich er= 
fuhr, daß ein großer Theil der von den Architekten geplanten zweck- 
mäßigen Einrichtungen ſich fchon nad, Furzer Seit als unzweckmäßig 
erwies. Licht jeder Architeft hat ein fo williges Ohr für die oft 
kleinlich erfcheinenden Wünfche des Arztes oder Derwalters wie Sie, 
Haben Sie daher freundlichften befonderen Danf, daß Sie meinen 
Bedenken Rechnung getragen haben .. . 











Ihr 
Th. Billroth. 
* 


=>20) An Dr. Eifer in Frankfurt a, IT. 
Wien, 28, October 1885. 
Sieber alter Freund! 


— Ich bin in meinen alten Tagen fchredlich habfüchtig geworden 
nad) der Siebe der mir fympathifchen Menfchen und habe eine un— 
endliche Freude, wenn ich zuweilen die Entdeckung mache, daß ich 
da und dort noch Beſitzthümer habe, die ich faſt verloren glaubte. 
Und fo habe ich mich über Ihren lieben, herzlichen Brief unendlich, 
gefreut. | 

Ich bin nun ganz grau und alt, wenigjtens auswendig geworden, 
wie das im 57. Kebensjahr nicht anders fein kann; doch daß Sie 
auch ſchon das 50. Lebensjahr erreicht haben, hätte ich nicht gedacht. 
Ich meine immer, ih werde allein alt. Sie und Ihre — 
gefährtin ſtehen mir heute noch fo jung und friſch vor — 
am Giesbach. jedesmal, wenn ih Schumann's Su a 
Geſicht befomme, muß ich daran denken, daß fie am En 
Unfere Befanntfchaft vermittelten. ch, es waren — m 
Jung fein ift Alles! Wenn man fic erſt an den — u 
kann, wie ange es überhaupt nod dauern fann, Su a Ei 
(mehr fchön. Auch möchte ich mic; nicht gern zu lange felbjt über- 


leben; gehört doch mein Schaffen ſchon jetzt der Gefchichte an, wenn 


— 266 — 























diefelbe überhaupt von mir in meiner Spectal-Wiffenfhaft Notiz 
nehmen wird. 

Mit wärmftem Interefie habe ic aus Ihrem Briefe erjehen, ° 
daß Sie auch mandes Trübe durchlebt haben; doch es ift mit hülfe 
Ihrer trefflihen Frau überwunden, und Sie genießen wieder volle 
Sebensfreude, Das ift ſchön und freut mich herzlich. ; 

Was mich betrifft, fo ijt die Seidenfchaft, die mich am mädhtig- 
ſten beherrfchte, der Ehrgeiz, völlig befriedigt und erſchöpft. Ich 
feide nur unter dem Dorwurf, den ich mir machen muß, daß ih 
immer intereffelofer meiner Wiffenichaft und meinem Beruf gegen- 
über bin, Die Ohnmacht unferes Wifjens und Könnens drückt mich 
oft fchwer darnteder; dazu das Gefühl, dag mein Schaffen, meine 
Productionsfraft zu Ende tft, Dreiviertheil der Kranken, welhe 
bei mir Hülfe fuchen bet meiner internationalen Praris, find uns 
heilbar. Ich habe das Unglüd gehabt, — Andere nennen es Glück 
und Verdienſt — Talente raſch zu erkennen und die Talentvollſten 
längere Zeit an mich zu fejjeln. Yun arbeite ich mit Hunderten 


Klinik ift fo mächtig, daß der jüngſte Affiftent jede größte Operation 
ebenfo gut macht wie ich. Darauf bin ich ſtolz. Doch Stolz iſt 
eine ſehr unfruchtbare Eigenſchaft. Nun habe ich mich auf manche 
humanitäre Gebiete geftürzt; doch da geht es mir wie dem Hauber“ 
lehrling, ich kann die Waſſerſtröme nicht mehr bejchwören, 
Zauberformel; ich will nicht mehr mitthun! ich hab’ es ſatt! darf 
ich nicht ausfprehen. So wird nun meine Seit wieder in anderer 
Weife zerpflückt, und müde und matt von allen Ausſchuß⸗, Commifjions“ 
Sigungen und Präfidien da und dort frage ich mich: was bleibt für 
mich? und meine Familie fragt: was bleibt für uns? ... Drei 


Stunden mit Brahms und Hanslid. Krüher machte ich i 4 
ein muſikaliſches Baus, ſah viele Künftler bei mir; das ift Alles 
vorbei, Wenn man Kinder hat, verfhwinden die Eltern nadı und 
nach ganz; Alles dreht fich darum, den Kindern das Leben erfreulich 
zu machen. Meine Töchter find nicht in Lurus erzogen, doch in 





— 207 — 


Siebe verwöhnt und in einer geiftigen und fünftlerifchen Atmofphäre 
groß geworden, die ſich nicht allzu häufig vorfindet . , . 

Ich habe meiner Frau am Wolfgangfee (Salzfammıergut) in 
St. Gilgen einen Wittwenſitz gebaut, der feiner Lage nad) wohl zu 
den ſchönſten in Europa gehört. Haus und Parf find von unges 
wöhnlicher Behaglichfeit. Dort verlebt meine Familie den Sommer, 
ich 4—5 Wochen meiner Herbftferien; längere Ruhe darf ich mir 
um dieſe Seit nicht gönnen. Ein Familienvater ift doch eigentlich 
nur eine Maſchine zum Gelderwerb, Im Frühjahr gönne ich mir 
5 Wochen Ferien im Süden, in Abbazia oder in Italien, das ich 
faft als zweites Daterland lieben gelernt habe, So komme ich faft 
nie nad) Deutſchland. Aerztliche Tonfultationen und Dperationen 
‚haben mic, im Lauf der Ietsten Jahre wiederholt nad) Athen, Con= 
ftantinopel, Petersburg, Paris, Liffabon, Neapel u. f. w. geführt. 
Sie werden es begreiflich finden, wenn ich, reifemüde, Feine bejondere 
VNeigung finde, ärztlichen und chirurgifchen deutfchen, englifchen und 
internationalen Congrefjen nachzureifen. So bin ich meinen deutfchen 
Collegen faft entfremdet. Auch ift mir bet meinem Bedürfnig nad) 
Ruhe das Treiben und Leben auf den Tongreffen unbequent. Im 
Jahre 1890 hoffe ich in der Sage fein zu können, — wenn id) es 
erlebe — meine Profeffur hier niederlegen zu fönnen. ch fehne 
mid darnah, und doch: was kann man im 61. Jahre noch ge= 
nießen? Kaum des Kebens werth. Immerhin würden mich ein 
Daar Jahre als Patriard) in St. Gilgen zu vegetiren noch erfreuen; 
man wird genügfam im Alter, 

Und — das Alter wird gefhwäßig; das Ki Sie R N 
Brief, ide Ihnen die Heliotypie einer Feichnung, die ware 
en mir machte; ich Fam eben jo Bu Aut 
und Plaid zu ihm ins Atelier, und er hielt mich DEU ER 
muß fehen, daß unter dem Hut Diel vorgegangen iſt! ———— 
Nun ja! über Armuth in meinem Leben habe ich mich gerade nich 
zu beflagen! 

Herzliche Grüße von Haus zu Haus! gIhr 

Th. Billroth. 
C 2 





— J München, 
“ # \ b rim &% i 
©) Prof. Franz von sen ach, Male 


— 208 — 


921) An Prof. von Gruber in Wien. 


Wien, 3. WMovember 1885. 























>. + Exec. Wilczef*) hat mir heute jagen lafjen, daß der Kron- 
prinz am 14. d. M. 7,10 Uhr Dormittags das Rudolfinerhaus‘ 
befuchen wird, bei gutem Wetter mit der Kronprinceß Stephanie. 
Heute war ich beim Statthalter, um ihn zum Beſuch des Rudolfiner⸗ 
hauſes einzuladen; er hat meinen Beſuch ſehr freundlich aufgenommen 
und ſeinen Beſuch wegen zeitweiligen ſtarken Bronchialcatarrhs erſt 
etwa gegen Ende des Monats zugeſagt. Ich laſſe Sie jedenfalls 


aviſiren 
Ihr 


Th. Billroth. 
* 


222) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 


Abbazia, den 6. Januar 1886. 
Abends. 


Sieber Freund! 


Soeben habe ich die Shumann-Briefe**) beendet, und obgleidy 
es fchon fpät ift und die Sampe jchon dunkler zu werden beginnt, 
Fann ich es doch nicht unterlaffen Dir gleich zu fagen, wie herzlich 
warm mich diefe innere Biographie berührt, und wie fehr fie mid) 
gerührt hat. Du fchriebft mir, ich möge die Briefe an Clara zus 
erft Iefen. So etwas bringe ich nicht fertig. Ich habe leider felbf 
zu viele Bücher gefchrieben und habe zu viel über die Geftaltung 
jedes Einzelnen nachgedacht, als daß ich es nicht fürchterlich finde 
follte, wenn Jemand eines meiner Bücher von hinten anfangen 
follte. Ja, ich glaube, wenn ic) je ein Sericon herausgegeben hätte, 
es würde mich Fränfen, wenn Jemand wollte zuerft etwas bei & 
nachſchlagen. Wenn ich fertig war, hielt ich eigentlich immer die 
Dorrede für das Wichtigfte vom ganzen Bud). 

Doch Recht haft Du; der Schumann, wie wir ihn kennen, 


.*) Dorfitzender des Ausſchuſſes des Audolfiner-Dereins. : ik 
**) Jugendbriefe von Robert Schumann, Rach den Originalen mitgetheilt 
von Clara Schumann. 1886. 


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= en (% * ve, 
FEIERN rennen. 


—. A 


fommt am jchönften in den Briefen an Clara zum Dorfchein, und 
man kann jich allenfalls Clara ohne Robert, aber nicht Robert 
‚ohne Clara denfen. Doch wie Schumann der geworden ift, wie 
er ſchließlich war, das war mir gerade das Interefjantefte, Es ift 
in dieſem Seelenleben höchſt merkwürdig, welche Charakterverände⸗ 
zung in Schumann vorging, ſowie er entichlofjen war, fich ganz 
der HKunjt zu widmen. Er macht als Heidelberger Corpsſtudent 
den Eindruck eines eleganten Lebemannes mit einem Anflug von 
liebenswürdigem KLeichtfinn und wird dann jpäter fo ſolid und ernft, 
nachdem er fich ganz feinem Phantafteleben hingegeben hat. Als 
Student flottes Außenleben und nur hie und da ernſte Derfenfung 
in ji, jpäter äußere Surücgezogenheit und üppiges flottes inneres 
Keben, — und in diefem Stadium dann allerdings eine gewilfe 
Aehnlichkeit mit Jean Paul, nur daß der Mlufiker Schumann 
ſchließlich zu claſſiſcher Abrundung gelangte, die Jean Daul nie 
erreichte. Auch finde ich eine gewiſſe Aehnlichkeit mit Weber, der 
in feiner Jugend bei fchlechter Erziehung freilich über das Flotte 
hinaus tief untertauchte und erft fpäter, als er fich ganz der Kunft 
hingab, tief erregt wurde, 

Mein Gehirn ift leider mit fo vielerlet Derbindungen nad) allen 
Richtungen hin ausgeftattet, daß bei der Berührung eines Punktes 
‚Sleih eine Menge electrifcher Glocken zu läuten beginnen. So ift 
‚denn auch die Frage in mir nicht zu befhwichtigen: woran erfennt 
‚der Künftler feine Driginalität? und die Bedeutung feiner Drigina- 
tät? Glauben nicht die meiften Künſtler — ich nehme die armen 
Teufel aus, die um des täglichen Dexdienftes und nur um diejes 
willen arbeiten — Ueues zu [haffen? und täufchen fich nicht die 
Fmeiften darüber? Iſt es doch nicht eigentlich das Publikum (im 
befferen Sinne), das die Driginalität durch Dergleich mit den Anderen 
feſtſtelltd Der Gedanke wird Dir fehr jchredlic vorkommen. u 
doch! Wenn heute ein Künftler mit heißeſtem Herzen und — 
Begeiſterung ſchafft und immer dazu ſagt und ſchreibt: ER 
daß ich etwas Anderes, Neues bin, Ihr fetd die Blinden! jo Sr 
Man ihn, wenn das Jahre lang fo fortgeht, und ee 
Meinung theilt, einfach für einen armen Thoven halten. n: iſ 
gerade ſo, als wenn ein armer Geiſteskranker ſich für — — 
einen Propheten, einen Heiligen hält. Es muß erſt a Er 
Mehrere, dann viele Derftändige geben; kurz, es muß ſich e 








— 270 — 


Publikum bilden, welches die Meinung theilt. Gewiß kann es vor- ; 
kommen, daß ein fchaffender Künftler eigener Art nicht erkannt wird, 
wenn er früh ftirbt; doch wenn er eine Reihe von Jahren gearbeitet : 
hat, wird man feine Eigenart erkennen. Dieſe Eigenart kann auf 
Schwierigkeiten der Anerfennung ftoßen, wenn fie nicht zu der? 
ſonſtigen Zeitftrömung paßt; doch fie wird als ſolche erfannt werden. 
Yun kommt es dann freilich immer noch darauf an, ob diefe Eigen⸗ 
art eine fchöne, die Kunſt erweiternde und fördernde ift; danach wird 
ſich denn herausftellen, ob und welche Stellung der betreffende Künſtler 
in der Gefchichte haben wird. Auch giebt es Eigenarten, 5. 3. inJ 
der Architektur, welche die Formen im Ganzen und Großen, und 
folche, die nur das Decorative betreffen u. |. w. 

Schumann fagt: „Es kann wohl nur das Genie das Genie 
erkennen.” Das ift gewiß im Allgemeinen richtig, wenn nämlich 
das Genie eine genaue Kenntniß Alles bisher Dagewefenen bejist; 
fonft ift es damit auch wohl jo eine eigene Sache! ch weiß nicht 
recht, wie ernfthaft man Shumann als Redacteur und Recenjent 
nehmen darf. Gewiß war er immer wahr; doch Stimmung, Per⸗ 
ſönlichkeit mögen da oft mitgewirkt haben. Ich möchte ihn da ſelbſt 
nicht ganz frei von einem kleinen Dorwurf fprechen, den er Clara 
gelegentlih macht. f 

Nur Ihr Künftler Fönntet darüber Auskunft geben. Wir 
Dilettanten fühlen wohl oft die Eigenart 5. B. von Rameau, Cou— 
perin, dann von Badı, Händel, von Scarlatti, von Haydn, 
Mozart, Beethoven, von Chopin, Mendelsjohn, Shumann 
— doch diefe Eigenart (jeden in feiner Zeit) aus den Noten nach⸗ 
zumweifen, das kann nur ein Künftler, der jelbit darüber nachgedacht 
hat. Bei den bildenden Künftlern ift das viel einfacher. Tizian 
Rafael, Michelangelo durd ihre Linien und Farben als originell” 
zu kennzeichnen, ift nicht allzu ſchwer; ließen fich doch jogar Hanf 7 












Schmidt, Ferftel unſchwer harakterifiren. 

Ein anderer fchwieriger Punft in der Mufit-Charakteriftit iſt 
der, den ich neulich ſchon berührte. Seere, conpentionelle, inhalts® 
reiche, gedanfenvolle (nicht quantitativ, fondern qualitativ er 
poetifche Muſik! u. f. w. Das fühle ih auch wohl meift; aber man 
follte es doch auch wohl aus den Kunftwerfen felbjt nachweiſen 
können. Schwierig iſt es wohl; denn in Betreff des ſogenannten 
„Inhalt“ der Muſik ſtehe ich ganz auf dem Standpunkte, den 


HansliE in feinem 3 Tustkal; 
on Bei uch vom „Muſikaliſch Schönen“ entwicelt 
der Poeſie iſt eine ſolche Auseinanderſetzung ſehr 
ſchwer, das Poetiſche vom Geiſtvollen oft ns 
9 5 oft ſchwer zu unterfcheiden. 
er moderne Menſch verlangt jetzt in der K | 
Renee Goathe ——— — — eigentlich Beides 
N B a 0, eethoven. i 
| — — uns wie das „rein — — 
in kleinen Formen. In größeren Kunſtwe ö i 
— rken können wir den 
geiſtigen Inhalt ie i 
| ae nicht entbehren. Wie ift dem aber in der Muſik 
„Genug an dem!” 
— a Betrachtungen fo fehr erfchwert, ift das fort- 
— e Schwe en, Wogen, Aendern der menſchlichen Empfindungen 
J aufe der Heiten. Sprache, Sitte, zunehmende Erkenntniß der 
urerſcheinungen u. ſ. w. haben einen fortwährenden Einfluß 
| { 5 auf 
unfere Intenfität und Ertenfität der Empfindungen, wie auf den 
Ausdruck derfelben und feine Rückwirkung auf uns felbft. Und 
betrachte ich fchliegli Id i 
—— chlie ich, welchen Werth die genaueſte Analyfe aller 
E ejer inge für unfer glückliches Kunftempfinden haben Fönnte, fo 
möchte ic) denfelben nicht gar zu hoch anfchlagen. Die Freude an 
der Erkenntniß aller Dorgänge in der Natur und in uns ſelbſt — 
die wir doch auch nur ein Stüc der Natur find? — iſt wohl aud 
etwas Schönes; doch die Anfhauung des Schönen mit meiner 
\ Fantaſie macht mich glücklicher. Vieles Wiſſen und Können befrie— 
digt unſere Eitelkeit, ſo daß wir uns dann wohl großartig auf 
dieſem kleinen Planeten vorfommen; doch ſollte ich das Ahnen und 
Sehnen und Schwärmen darüber miſſen müſſen, ich möchte dann 
lieber nicht leben! Du auch nicht! Gelt! 
Die Campe hält noch aus. Alſo noch zu Grimm. Vom Robert 
zum Jacob, der Schritt ift gar nicht fo groß. Ich ſah den alten 
Jacob Grimm oft in Berlin; fein Kopf, und der von Rauch und 
Alerander v. Humboldt, vom Phyiiologen Johannes Müller, 
vom Phyfifer Bauß, vom Chemiker Wöhler, dte find mir alle 
noch fo ganz lebhaft im Gedächtniß. Alle waren große Gelehrte, 
nicht nur durch ihre Derftandesmacht und ihr Wiſſen, jondern durch 
ihre mächtige Fantafte. Wenn fi der Forſcher nicht vorftellen kann, 
"was er erforfchen will, wenn er nicht eine anfangs vielleicht noch 
ganz unklare Dorftellung von der Bedeutung deſſen hat, was er er⸗ 
orſchen will, fo bleibt er ein Handlanger der Wiſſenſchaft und wird 






| 
D 
J 
D 
| 






































nie ein Meiſter. Ich habe noch nie einen großen Forſcher Fennen ges” 
lernt, fei es perfönlich, ſei es aus feiner Biographie, der nicht im 
Grunde eine Art von Künftler gewefen wäre, mit reicher Fantaſie und 3 
Eindlihem Sinn. Da bin ich denn wieder bei meinem Stecenpferd 4 
angelangt: Wiſſenſchaft und Kunſt ſchöpfen aus derſelben Quelle. 

Die meiſten der Aufſätze von J. Grimm kannte ich; manche 
habe ich ſehr genau ſtudirt, z. B. über Schule, Univerſität und 
Akademie. Die Arbeiten über die Entjtehung der Sprache haben” 
der naturwiffenfchaftlichen Methode auf dem Gebiet der Geſchichte 
Bahn gebrohen. Ich Fann nicht beurtheilen, inwieweit das Alles’ 
heute noch ganz richtig in den Details ift; doc darauf kommt für’ 
mich wenig an. Der Geift moderner Forſchung jchwebt da über’ 
den Waffern. Natürlich fing ich mit der Selbftbiographie und” 
Zugehörigem an. | 

Da kann ich nun freilich einen Gedanfen nicht unterdrüden 
Als ich in den Jahren 1849—50 in Göttingen ftudirte, war die 
Geſchichte der 7 entlaffenen Profefforen noch jehr lebendig an der 
Univerfität. Hätte J. Grimm wohl jeine Stelle aufgegeben, wen 
er eine frau und Kinder — er hätte gewiß 10 gehabt — mit in 
ſein Schickſal hätte hineinreißen müfjen? Er war ſchon damals 
ein Anerfannter Gelehrter! eine Bibliothefarftelle irgendwo Fonnte 
er bald wiederfinden. Die Gefchichte erinnert jest, wo Regenten⸗ 
und Verfaſſungswechſel an der Cagesordnung ſind, mehr an die 
Zeit der Renaiffance in Italien, wo ein bei einem Fürften in Une 
gnade gefallener Gelehrter, Dichter oder Künftlee mit Freuden von 
einem Anderen aufgenommen wurde, Die größeiten Schmerzemy 
welche der gute Jacob font erlitten bei feinen geringen Anſprüchen 
an materielles Leben, beftanden in dem Umräumen einer Bibliothek 
in Caffel unter Jeröme, und dem unnöthigen Schreiben von Cata⸗ 
logen. Sonft aber gar feine inneren und äußeren Anfehtungen. Kein 
Fauftifches Sehnen, darum auch Fein Fauſtiſcher Hochmuth und 
Mebermuth! Keine inneren Seidenfchaften! Alles eben, glatt, claſſiſch, 
wie wir uns einen griechiſchen Philoſophen denken. Goethe hatte 
anders zu ringen und zu kämpfen, trotz der günftigften äußeren Der’ 
hältniſſe. Das beeinträchtigt die Arbeiten nicht in ihrem Wertbi 
doch es erleichterte wohl ihr Hervorbringen. Ei 

Herrlich find die zeitweilig auftretenden Entäußerungen. 
3. B,, was er über die Stiftung eines Schillerfonds zur Unterftügung” 


mittlerer Dichtertalente fagt, wobet ich Iebhaft an Deine Aeußerungen 
über die Dertheilung des Beethoven-Stipendiums denken mußte! 
Nun genug! Gute Nadıt! 
Dein 
Th. Billroth. 
* 


225) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 


Abbazia, 7. Januar 1886 
Morgens. 


Sieber Freund! 


Damit Du einliegenden gejhwäsigen Brief beliebig wegwerfen 
kannſt, jage ich hier folgendes; 

Erſtens: beften Danf für Deinen Brief. Es freut mid, daß 
Did Brandes doch etwas intereffirt hat. Zu viel hintereinander 
darf man davon nicht Iefen. 

Zwyeitens: ich bitte Did, am 17. d. M. nach dem Concert bei 
Sacher mein Gaſt zu fein. Ich möchte dazu einladen ohne Frauen: 
Banslid, Brüll, Rihter*), Faber, Boldmarf, Door**), 
Epftein***), Dömpfe+), Kalbedt+), fuhsttr), Ehrbar*r). 
Mit Dir und mir find wir 13, was vielleicht dem Einen oder Anderen 
ftörend fein könnte. Willſt Du mir noch einige Dir ſympathiſche 
Menſchen nennen, fo wäre es mir lieb. Ic, bitte die Antwort 
direct zu mir in die Alferftraße 20 zu ſchicken. Ich komme nächſten 
Sonntag Mittag an und möchte noch am gleichen Tage die Ein- 
| ladungen verfenden. er 
Ich freue mic) riefig, Deine neue Sinfonie zu hören, die mir als 
Ganzes fehr Scharf im Gedächtniß geblieben it, 

: Dein 







Th. Billeoth. 
* 


III— — 


i ellmeiſter in Wien, 
——6 dm. niert Conſervatorium. 
+) Mufikfritifer (derzeit in Königsberg). 
Fr) Mufikfeitifer in Wien. HR 
Fir) Robert Fuchs, Compontjt MI Wien. 
*+) Clavierfabrifant in Wien, F 
Briefe von Theodor Billroth, 


— DI rm 


































224) An Prof. Czerny in Heidelberg. 
Abbazia, 7. Januar 1886. 
Mein lieber Freund! 


... &s freut mid) immer, von meinen lieben Schülern zu” | 
hören, daß es ihnen gut geht, und daß ſie zufrieden find; ich bilde” 
mir dann ein, daß ich einen Heinen väterlichen Antheil daran habe. ” 
Es ſchmeichelt wohl meiner Eitelfeit, wenn ich in Kiffabon, Madrid, 
Stockholm, Petersburg, Conftantinopel, Athen, Corfu, Heapel ıc. 
von Schülern begrüßt werde; doch es rührt mich, wenn ich hier in’ | 
dein kleinen Drtfchaften oder auf den Inſeln des Quarnero Aerzte 
antreffe, die mid) mit Freude ftrahlenden Blicken als ihren Sehrer 
begrüßen. Da denfe ich mir denn fo für mich: du haft doch viel- 
leicht nicht umfonft gelebt und gearbeitet! Das Alter hat eben auch 
feine beſcheiden-ſtolzen Freuden! Yun heißt es, weiſe fein und ih 
befcheiden, und nicht mehr wollen, als man allenfalls noch fann. J 

Ic danke Ihnen herzlichit für Ihre freundliche Einladung zum 
Jubiläum in Heidelberg; doch ich habe eine ſolche Scheu vor lärmenden 
Feſten und vor dem Zuſammenſein mit vielen Menſchen, daß ich 
Ihnen und Ihrer Schule nur von Ferne meine Grüße ſenden werde. 

Im Sommer fenne ich jest nichts Höheres, als gleidy den 
Bauern in St. Gilgen am Wolfgangfee meinen Garten zu pflegen, # 
zu rudern, auf den Bergen und in den Wäldern herumzufhwärmen. 
— Eigentlich braucht mich die Welt fchon jest nicht mehr; doch ich 
brauche die Welt noc ein Paar Jahre, um das Geſchick meiner” 
Kinder zu fihern. Bätte ich früher daran gedacht und nicht fo gar 
arg verfchwendet, fo Fönnte ich jetst ſchon in St. Gilgen im Frühjahr | 
meinen Kohl felbft pflanzen. Kauft, Ende des zweiten Theils: ich höre” 
in der Frühe in St. Gilgen meine Lemuren arbeiten. Dorläufig 
ſchaffen fie einen Park aus Wald und Wieſen; nicht lange, jo werden 
fie auch mein Grab graben, und ich werde mid) recht behaglich 
müde hineinlegen. Sollten darüber noch ein Paar Jahre vergehen, 
jo wäre es mir recht. Vorläufig befinde ich mid) anfcheinend audy | 
ganz wohl und grüße Sie herzlich! 4 

Ihr 


Th. Billvoth. 





— 2Rs — 


225) An Prof. von Winiwarter in Lüttich. 


Wien, 12. Januar 1886, 


Sieber Freund! 


Herr Dr. Pasquale in Neapel wünfcht, nachdem Sie auf den 
folgenden Ausgaben unferer allgemeinen Chirurgie als Mitverfaſſer 
fungiren, auch von Ihnen das alleinige Ueberſetzungs- und Derlags- 
recht für Italien ſchriftlich zugefihert. Ich bitte Sie daher, bei- 
liegendes Document zu unterzeichnen und es ihm unter der Adreffe: 
Dottor V.Pasquale editore. Napoli. Italia zuzufenden, recom- 
mandirt. Er ift der Einzige von allen 10 oder 12 Ueberfegungs- 
verlegern, weldher anjtändig genug war, mir ein, wenn auch Fleines 
Honorar für die Ueberfegung zu zahlen, Sollten ſpätere italtenifche 
Ueberſetzungen erſcheinen, jo werden wir das Honorar theilen. Die 
jest nad) der 12. deutſchen Auflage erfchienene iſt die 5. italieniſche 
Auflage. 

Freundlichſten Gruß zum neuen Jahre! 


Th. Billvoth. 
5 


226) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
| Wien, 15. Januar 1886. 
Abend. 
Ich hatte eben den Brief an Dich fpedirt, als ich fah, daß ich 
noch Deine Bücher habe, für die ich Dir herzlich danfe. Wenn ich 
fo dies und das fehe, höre, leſe, fo denfe ich denn wohl gar Sl 
dabei: wie würde das Brahms gefallen? was möchte er dazu jagen? 
So lege ich denn auch ein Buch „der Bottfucher" von Rofegger”) 
bei; wenn Du es nicht ſchon kennſt, jo lies es doch einmal — 
Mir hat es einen ganz beſonderen Eindruck gemacht. Die BEN 
Materialiften tragen jich gern mit der Idee, daß doch ans 
Stelle der Religion bei fortfchreitender Auftlärung —— n En 
Poſitives oder Negatives, treten fönnte. Selbft em 2 lann ki 
David Strauß**) ift nicht frei von diefer Anſchauung. In de 





GOeſterreichiſcher Dichter. 
**) Theologe; geit. 1874. er 


— 276 — 


„Gottſucher“ ift eine Schilderung von dem Zuſtand, in welchen ein 
vationelles, nihiliftifches Dolf geräth, wenn es aus den traditionellen 


Banden der landesüblihen religiöfen Anfchauung herausgerifjen | 


wird. Ich finde die Schilderung trefflich und ungemein padend, und 
dabei kommt es mir vor, als wenn der Derfaffer Faum ſelbſt eine 
ganz klare Dorftellung von der Bedeutung der von ihm behandelten 


focialen Frage hat. Ic ftelle das Bud) den beiten Sadhen von I 


Anzengruber an die Seite. Soweit ich das Dolf Fenne, bleibt es 


immer im Stadium der Kindheit und braucht zu feinem Glüd das} 


Märchen. Auch bin ic, der Meinung, daß ſich das im Wefentlichen 
nicht ändern wird. Der heutige römiſche Bauer ift nicht weſentlich 
verſchieden von dem römiſchen Bauer zur Seit Cäſar's. 
Yun verzeih’ mein vieles Geſchwätz! 
Dein 
Th. Billtoth. 
* 


227) An Prof. Ezerny in Heidelberg. | 
Wien, 22. Mai 1886. 


5 Sieber Freund! 


Ich danke Ihnen fehr, daß Sie ſich meines Detters angenommen | 
haben. Die Sahe ſcheint doch nicht fo Ichlimm mit ihm zu ftehen, } 
wie es nach der Beſchreibung fchien, die mir zuging. Ich bitte Sie, | 
den jungen Menſchen im Auge zu behalten. Wenn Sie feinen | 
Derdaht auf Wierenerfranfung haben, fönnte man doch vielleicht 7 
versuchen, ihm Chlorfali zu geben. Don 5 proc. Köfung etwa} 
200 Grammes im Tage verbrauht, habe ich nie Schaden, wohl ) 
aber glänzende Erfolge gefehen. Alle Coccos-formen verſchwinden 
darnach in der Regel nah 10— 14 tägigem Gebrauch, der Urin wird] 
ftarf fauer, es bleibt nur eine unfchuldige Bafteriensform als un⸗ 
vertilgbar lange übrig. Wo ein dauernder Loccos- und Bafterienz | 
Gehalt im Urin ift, find meiner Ueberzeugung nach immer int] 
Gewebe feftfitzende Wefter, denen man mit allen örtlichen Mitteln} 
nie ganz beifommt, wenigftens nicht mit den Concentrationen Bak⸗ | 


terientöötender Cöfungen, die man ohne Gefahr injieiren kann. 


Die Wirkung von Wildungen, Carlsbad, Vichy ıc. in foldhen Fällen } 
beruht wohl nur auf der Aufnahme großer Mengen von Flüſſig⸗ 


en 


wi 0 


— dal — 





4 





—a az — 


Feiten, durch welche die Bakterien endlih mit herausgefhwenmt 


werden. Sublimat habe ich nie in der Blafe angewandt; ich habe 


eine unüberwindliche Antipathie gegen diefes Mittel, Don Salzfäure- 
Injectionen (2 Tropfen auf 100 grammes) und Salicylſäure⸗ In⸗ 


jectionen ſah ich als Adjuvantia der inneren Cur mit Chlorkali 


oder Säuren einige Erfolge. Sitzt der Proceß im Nierenbecken, ſo 
iſt ihm wohl nie ganz beizukommen. Gegen Ppelitis, wenn fie recht 


entwickelt tjt, ift wohl noch fein Kraut gewachlen. 
Was ich von der Blafenftein-Discufftion in Berlin gehört habe, 


hat auf mich den Eindruck des Komiſchen gemacht. Keiner von 


den Sprechern hat auch nur eine mittlere Erfahrung über diefe 
Dinge. Daß fich diefe Herren zu Refolutionen aufgefhwungen haben, 
welhe den Erfahrungen eines Thompfon*) und Dittel fo ziemlich 
ſchnurſtracks entgegenlaufen, ift einfach Fomifch. Wer nur in wenigen 
Dutzend Fällen den Erfolg der Bigelow'ſchen Dperation**) kennen 
gelernt hat, weiß auch, daß durch diefe Mlethode alles Frühere auf 
den Hopf geftellt ift. Daß ein jo nerpöfer Menſch wie Dolfmann 


Feine Kithotripfie machen kann, begreife ich freilich. 


Doch ich fpreche wider Willen von Chirurgie, was ich fonjt 
nur gezwungen in der Hlinif thue. Sieber möchte ih Ihnen von 
meiner Gemüfe- und Rofen-Tultur in St. Gilgen am Wolfgangfee 
in der Dilla meiner frau erzählen, und wie man aus Wiesen, 


Wald, Wildnig und Felſen einen Parf herftellt, wie man Bade 
und Schiffshütten baut und Kielbote und Plätten dirigirt ıc. Doc 
das müffen Sie ſich einmal felbft anfehen. Nicht wahr! Das 
Bauen Fann zun Sport werden. Ich habe mein Haus hier ſchon 


ſo oft umgeboſtelt, in St. Gilgen verfallene Bauernhäuſer zu Villen 
umgebaut und habe eine rieſige Freude an dieſem praktiſchen Nach⸗ 
beten des zweiten Theil „Fauſt“. Nur die „Sorge“ muß man 
nicht hineinlaſſen und das Addiren beim Ausgeben ganz vergeſſen. 


VNothnagel fagte mir heute, daß Sie Ihr neues Haus lau, 


lich aus dem Saufenden gebaut haben. Diel Glüd dazu: Mir de 
es erft mit dem St. Gilgener Bau fo gegangen. Ic A I 
Beine Weiber, Pferde und Hunde und hoffe jo, daß mir BR 
Kinder den Bau-Sport einmal vergeben werden, wozu auch der 





’ Er nt dor Chirurate in Konvon, 
» Sir Heney Chompfon, en 0 elek in Bojton. 
**) Titholapaxy (1878) von Bigelow, Chirurg 


ae — 
























Neubau des ‚„Rudolfinerhaufes” gehört, den meine Frau freilich mit # 
weniger günftigen Augen anſieht. 
Herzlichſte Grüße von Haus zu Haus. 
Ihr 
Th. Billroth. 


228) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 


Wien, 28. Juli 1886. 


In einem Buch, welches mir Hanslick zur Lectüre in St. Gilgen 
gab, fand ich neulich folgenden Rath eines älteren Schriftitellers an 
einen jungen Dichter: „Enfin cherchez-vous vous-meme, en etu- 
diant les autres“. Ich mußte dabei gleich an Dich denfen. Der’ | 
Rath ift wohl nur gut für Leute mit ftarfer Originalität. Schwäh- 
linge fürchten ſich geradezu, zu viel Anderes Fennen zu lernen, aus” | 
Angft ſich dann ganz zu verlieren; und das würde für die Welt fein 
Derluft fein. | # 

Dies beiläufig. Beſten Dank für Deine Sendung und Deinen 
Briefz in welchem mid) das u. f. w. u. |. w. höchlich amüſirt hat; man 
braucht das u. ſ. w. doch auch gelegentlih. „Sur Geneſung“ habe ich auf 
der Eifenbahn mit Behagen gelefen und es dann der Bausbibliothef | 
in St. Bilgen incorporirt. Kurz zuvor hatte ich meiner frau Goethe, 
Schiller und Seffing geſchickt, worauf fie mir jchrieb: „mun bin ich 
erft ganz glücklich hier, da ich die guten Geifter im Haufe habe.‘ 
Dein Buch hat nun auch den Anfang mit den „luftigen‘ Geiftern 
gemacht. Die Meinigen find außerordentlich glücklich in St. Gilgenz 
Du mußt dort meine Schöpfung auch bald jehen. Ich bilde mie 
mehr darauf ein, als auf meine fämmtlichen chirurgiſchen Werke 
Damit nun Frau und Kinder das Alles aud) nach mir noch er# 
halten und genießen Fönnen, muß ich freilich jedes Jahr etwas 
länger in Wien der Praris nachgehen. Das wird mir aber gar 
nicht ſchwer, da ich mir im Winter immer einige Generalpauſe 
erlaube und mit dem Alter doch eigentlich nur meine Cebensfreude 
in dem Glück und der Freude Anderer finde. Das macht fi jo 
ganz natürlich, da ich ein reiches Leben hinter mir habe und in 
meinen Schülern eine herrliche, fruchtbringende Saat auffeimen und 


Be 


UITE RI 7 ’ 





gedeihen fehe. Selten war ein Menfch vom Geſchick fo begünftigt 
wie ih; drum iſt es recht albern von mir, wenn ich zuweilen mes 
| lancholiſch bin und raunze. Du haſt von meiner Altersgeſchwätzig⸗ 
keit zu leiden. Doch nun will ich Dir von Anderen erzählen. 

Hanslick gab mir neulich ein Rendezvous im „Igel“. Der 
Arme war zwei Tage in Wien und ganz caput von der ungewohn- 
ten Biße; er war nad Sondon in Bonn und Öerjau gewefen, 
jehnte ſich nach Wien und fand es als Donau-Dampfkeffel, Ganz 
verſchwollen und congejtionirt nach zwei fchlaflofen Nächten ift er 
nun nach Gloggnis zu Ehrbar gefahren. Er wollte dann hierher 
zurück und dann vielleicht nah St. Wolfgang; doch die glühende 
Diße hier in Wien iſt geradezu gefährlich für ihn, 

Im „Igel“ fand ich denn auch Faber; er war auf der Durch— 
reife ins Engadin. Wir erzählten uns ‚jo Mancherlei“. Er hatte 
Betrübendes über Pohl's Gefundheitszuftand gehört; derfelbe be= 
findet fih auf dem Sande irgendwo und foll in einem jammer— 
vollen Zuftand von Schwäche fein. Heute erhalte ich nun einen 
Brief von einem Dr. Dscar Hafe aus Leipzig, der mich auffordert, 
dahin zu wirken, daß Pohl bet der Enthüllung der Haydn-Statue, 
die er nahe bevorftehend hier in Wien glaubt, von der philojophi= 
{hen Fakultät hier zum Doctor creirt werde. Nach den Vach— 
richten von Faber fürchte ih, daß das zu ſpät fommt. Es wäre 
ein Keichtes gemwefen, ihn in eine forgenfreie Stellung wie Thayer*) 
zu verfegen, doch er war ja eigenfinnig. Jetzt wird feine Haydn- 
Biographie, die ein ftolzes Gut unferer Mufikliteratur hätte werden 
können, ein Torfo bleiben. Ich tröfte mid nur damit, daß er 
ſchon öfter ſolche Anfälle von Schwäche hatte, und daß = wieder 
beſſer wurde, Wenn ich nur wüßte, wo und wie ihm PS 
Kannft Du nicht helfen! Er hat Dich fehr lieb und würde Dir 
vielleicht folgen. i 

I er — bis Mitte Auguſt in Wien, dann in Sr N S 
Ende September. — Ich Fenne den Thuner Ser ſehr — a * 
greife, daß man bei u. ſ. w. dort ſehr ale. fein kann. 2 
Adieu! Lieber Freund! Bring” uns Schönes mit! 


Dein alter Freund 
Th. Billvoth. 


* 


ſul in Trieſt, Biogr Beethoven's. 
) Amerikaniſcher Conſul in Trieſt, Biograph Beeth 


== 280 


229) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 4. Auguft 1886. 
Mein Lieber! 
Jh war gleih nah Empfang Deines Briefes in Pohl’s’ 
Wohnung. Die MWirthin wußte nichts über feinen Aufenthalt, er- 
wartet ihn aber bald zurüd ... Dr. Schmidt theilte mir folgen" 
des mit: Pohl fei vor einigen Wochen hier an Morbus Werlhofi 
erfrankt, d. h. er hatte eine Anzahl von Blutaustretungen unter der 
Haut und in den Muskeln befommen, die mit heftigen rheuma= 
tifchen Schmerzen verbunden waren, und wobei er fehr matt und” 
ſchwach geworden fei. Diefe Krankheit fest immer eine leichte Zer⸗ 
reißbarfeit der feineren Blutgefäße voraus und ift bei Pohl wahr-” 
fcheinlich die Folge des ſchon lange in feinem Bluffreislauf beftehen- | 
den Meberdruds .... Set überzeugt, daß ich es an Nichts fehlen 
laffen werde, wenn ich irgendwie helfen Fann. 
Banslid, der einige Tage bei Ehrbar in Gloggnik war, iſt 
zurücgefehrt und grübelt an einem Feuilleton über Kiszt*). Es 
wird nicht ganz leicht fein, darüber Neues zu. fchreiben; und doch 
muß es bald gefchehen, denn gerade bei Liszt war die Gegenwärtig- 
“ Feit der Perfönlichkeit — faſt Alles. 
Baft Du die Rede vom deutſchen Kronprinzen in Heidelberg” 
gelefen P?**) Ich finde fie vortrefflich, fo ernfthaft und würdig, und 
doch warm und deutjch bejcheiden. / 
Dein  <p, Bilkoth. 

* 


230) An Dr. Gerfuny in Wien. 
Wien, 9. Auauft 1886. 






Sieber Freund! 3 

Ich habe freilich die Abficht, am Samftag in St. Gilgen ein 
zutreffen; doch möchte ich nicht, daß Sie ſich dadurch verjtimmen 
laffen. Gern möchte ich, daß Sie Ihre Koffer noch ungepadt lafjen 
und fich mit Ihrer herzigen, guten Frau nody etwas Ruhe dort” 
gönnen. Ich habe Gelegenheit gehabt, mid; doch jehr von Dr. Dtto's 
Tüchtigfeit und Zuverläfftgfeit zu überzeugen, ebenſo von der Treffe 
lichfeit unferer guten Oberin und unferes Secretairs, daß wir beide” 


Geſt. 31. Juli 1886. 
**) Beim Jubiläum der Univerfität Heidelberg. 





ganz ruhig wieder auf fünf Tage nach Egypten reifen Fönnen, ohne 
daß das Rudolfinerhaus dadurch Schaden leidet. 

Sad) a ſoll jedenfalls bald nach St. Gilgen; er hat ſich die Er— 
holung reichlich verdient und durch ſeine neuen Arbeiten nicht nur 
das Preſtige der deutſchen, ſondern ſpeciell der Wiener Wiſſenſchaft 
wieder coloſſal geſteigert. Ich bin unendlich glücklich, wie ein Jeder 
meiner Schüler an ſeinem Platze das Vortrefflichſte leiſtet. Das ſoll 
mir Einer nachmachen, ſolche Söhne wie Sie, Friſch, Barbieri, 
Czerny, Guſſenbauer, Winiwarter, Wölfler, Mikulicz, 
Menzel, Steiner, Hader, Salzer mit dem Kebsweib Scientia 
chirurgica zu zeugen, Jeder in feiner Art ein LapitaleKerl!! „Nur 
die Cumpe find beſcheiden!“ 

Doch nun kommt ein trauriges Motiv für mein eventuelles 
längeres Derbleiben in Wien. Unfer lieber, guter, alter Arlt ift 
ſchwer franf. Er hat vor etwa acht Tagen ganz plötzlich eine Throm- 
boſe in der Art. poplitea links bekommen; zweifellos durch einen 
anfangs nur auf der Bifurcation reitenden Embolus. Gleich darauf 
abjolute Anämie des Fußes, und nun nad) und nad) Aufhören der 
Circulation im ganzen Unterfchenfel, wenigſtens in den tiefen Partieen. 
Die Haut ift Falt, marmorirt und von einer colofjalen Hyperäfthefte. 
‚Symphangitis an der inneren Seite des Schenfels hinauf. Dabei 
ruhiger, voller Puls und bis jebt feuchte Zunge, Feine Temperatur⸗ 
Erhöhung. Am Herzen nichts Abnormes hörbar und percutirbar; 
von einem Aneurysma Feine Spur zu finden, die Quelle der Embolie 
unfaßbar. Der Körper des T4jährigen Fräftig, wie der eines ojährigen. 
Der Puls von einer Dölle und Kraft und Ruhe und Regelmäßigteit, 
daß ich froh wäre, wenn ich einen folhen Puls hätte, Dabei die 
wahnfinnigften Schmerzen im Bein; es ift herzzerreißend el 
des ftandhaften Mannes zu fehen. Aengjtlich mit allen — 
wie alle alten Aerzte, habe ich ihm heute endlich ey R 
Spritze einer 5procentigen Morfinlöfung unsere 2 Ba 
„Bott ift mein Zeuge! ich bin dazu gezwungen! | Do nn 
endlich Linderung. Schon feit Monaten leidet er 1 en ns 
Und dabei diefe Seibftiofigteit. Allmeyer und id hallor Ihn I 
Injection gemacht gegen Abend; wir blieben bei ihm, bis die 
wirfung eintrat. Und er jagte: „Kinder, —— 
Tag gearbeitet, quält Euch nicht mit mir, geht! 
Stoßartig! welch' ein Menſch! 


Ihr habt den ganzen 
— Iſt das nicht 




































Ich hörte zufällig von feinem Seiden und fuhr vor drei Tagen 
zu ihm hinaus, hörte, daß Weinlehner und Juric ihn behandelten, # 
und daß Allmeyer in Dittel’s Dertretung ihn behandelt. Da 7 
wollte ich mich nicht aufdrängen. Beute erfuhr ich durch Drafche, 
der ihn täglich befucht, daß Weinlechner und Juric abgereift find. 
Salzer ift felbft zu elend, als daß er oft nach Pößleinsdorf hinaus- 
fahren könnte. Arlt in folhem Falle ohne autoritative ärztliche 7 
Behandlung, jest, wo eventuell die Umputationsfrage — gräßlich! 7 
— ernfthaft geftellt werden muß! Das ift unmenfchlich! undenkbar 7 
von unferer ganzen Zunft! Ich werde alfo bleiben, bis es zu einer“ 
Entfheidung gefommen ift. Bis jest ift Feine Ausfiht auf Demar- 7 
cation; eine Amputation jest wäre nach meiner Erfahrung fein j 
remedium, nicht einmal ein anceps, denn die Thrombofe Fann ſich Fi 
ohne Ende hinauf erftreden nad und nah. Ich bin entichlofjen 7 
nur dann die Amputation zu machen, wenn fich eine deutliche Des 7 
marcation gebildet hat. Jetst ift die Frage, ob er das erlebt; fein 7 
jetziger Zuftand ift der Art, daß ich es für möglich halte. Möglich 
ift es aber auch, daß er vorher der Falten Sepfis erliegt. J 

Nun weiß ich ſehr wohl, daß Sie oder MWölfler dieſe Behand⸗ 
lung ebenſo leiſten könnten, wie ich. Doch der alte Arlt ließe ſich 
vom alten Bill roth wohl eher zur gräßlichen Amputation beſtimmen. 
Auch ſchickt es ſich nicht, daß ich ihn jetzt verlaſſe. Hätte Billroth 
eine ſchwere Augenkrankheit und hätte ſich Arlt anvertraut, ſo 
würde Arlt den Billroth auch nicht verlaſſen. Das weiß ih ge) 
wiß. — Kurz bevor nicht eine Entfcheidung eintritt, oder Dittel® 
oder Weinlehner zurüctehrt, kann ich nicht fort. “ 

Uebrigens geht es mir fehr gut, wenn auch heute ein gräße 
licher Tag war, wo die Sonne mit einer Unverfchämtheit geſchienen 
hat, daß man es fchon frech nennen Fönnte. Auch habe ich große” 
Freude. Wenn Wölfler niht noch an den Stufen des Thrones 
ausgleitet, wird er in nächfter Seit zum Drofefjor in Graz ernannt, 
Wahrfcheinlih Fommt auh Bandl*) nach Prag. Ich habe mid 
für Wölfler fo humilirt, daß ich zum erften Mal in meinent 
Seben den Miniſter perfönlih um etwas gebeten habe; es iſt von 
mir mit vollfter Ueberzeugung, und doch mit einer gewiffen Selbſte 
überwindung geſchehen. Gautfch**) hat mir fehr gefallen; er iſt 


— SR —— 
Prof. extr. der Geburtshülfe und Gynäkologie in Wien; geſt. 1894. 
**) Unterrichtsminititer. 4 


ea 





höflich und knapp, verfpricht nichts, aber hört gut zu; er verdiente 
ein Preuße zu fein. — Mikulicz ift in Würzburg durchgefallen; 
man hat ihm auf Dolfmann’s Empfehlung Shönborn — 
gezogen. 
Vielleicht kommt Chrobak mit Frau nächſten Sonntag Vor— 
mittag nah St. Gilgen. Winiwarter und Frau hätten große 
Cuſt, Sie zu befuchen, wenn Sie ihnen ein Wort fchreiben. 


See 
I Th. Billroth. 


251) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
e Wien, 11. Auguft 1886. 
Sieber Freund! 

Pohl ift glüdlich wieder in Wien. ch war geftern bet ihm; 
es geht ihm nicht ſchlechter als gewöhnlih, nur fühlt er ſich noch 
ſchwach. Er war jo gerührt von Deinem Brief, daß er fidy noch 
nicht jtarf genug fühlt, ihn zu beantworten, ch werde noch mit 
dem Dr. Shmidt fprehen, daß für den Fall, daß Pohl in unferer 
Abwejenheit erfranfen follte, wozu für den Augenblick Fein Grund 
vorzuliegen fcheint, Alles zur Pflege Höthige geſchieht. 

Beftern Abend Fam Deine Rolle, herzlichften Dank dafür! ich 
freue mich auf die nächte ruhige Stunde, in welcher ich die Blätter 
entfalten werde. Nicht minderen Dank für Deinen lieben Brief. 
| Wann ich fort kann, weiß ich noch nicht. Mein alter Lehrer 
und College Arlt, der berühmtefte Augenarzt unferer Seit, der 
Cehrer des großen Bräfe liegt an Altersbrand Schwer danieder Arad: 
Auch fonft habe ich viel zu thun, was bei der großen Hitze wohl oft 
recht ermüdend ift. Doch giebt es auch ſchöne Freuden daneben, 
3. B. Deine Rolle, die neben mir liegt. Jetzt muß ich zu Arlt 
nach Pötzleinsdorf; dann habe ich in der Klinik, im Audolfinerhaufe, 
in der Privatpraris mehrere Stunden zu operiren, dann Ordinations⸗ 
ſtunde, Abends einen Patienten in Baden zu befuchen. Es iſt gut, 
daß man bet der Hitze es nicht entbehrt, wenn man Feine Se Sn 
Mittageſſen hat, was mir jebt eintge Male borgekoninten ir ZU 
nem Magen und meinem Fettbauch thut es nichts; un — 
werden etwas rappelig! Das nächſte Mal Al und Befjeres! 
u Th. Billvoth. 
* 


— 284 — 


232) An Dr. Gerfuny in Wien. 
St. Gilgen, 16. September 1886, 
Abend. 
Sieber Freund! 

Ihr freundlicher Brief vom 13. d. M. hat mich fehr beruhigt; | 
denn ich geftehe es offen, daß ich nad einer langen Abftinenz von 
öffentlichen HKundgebungen etwas unficher geworden bin über die 7 
Wirkung deffen, was aus meinem Innern hervorkracht. 

Doch endlich konnte ich die Monſtroſitäten unferer Verhältniſſe 
nicht mehr ertragen, und nachdem ich den Unterrichts⸗Miniſter kennen 
gelernt hatte, der ſich in einem Stadium rührender Naivität über 7 
unfere Fafultät befindet und mir doch den Eindrud eines Fräftigen 
Wollens machte, — entſchloß ich mich, wieder einmal fiesfo zu ” 
fpielen: „Glaubt Ihr, der Löwe ſchläft, weil er nicht brüllt?” Es 
mag ja recht lächerlich fein, daß ih im 58. Jahre noch ſolche Ei 
Schiller'ſche jugendlihe Empfindungen haben kann, und arrogant 
mag es auch dazu fein. Doch Goethe fagt: ‚tur die Cumpe find 
beſcheiden“, und je mehr ich diefen colofjalen Menſchen ftudire, um 7 
fo mehr muß ich ihm Recht geben. 5 
; Ich finde, es ift doch eine Art Feigheit oder Dertrottelung, wenn 
Mlänrter von meiner Stellung zu dem tollften Unfug unferer Seit I 
fchweigen. Wer hat denn eigentlich das Recht, zu reden? Das ift wieder "Hi 
furchtbar arrogant. Ich glaube in meiner Wiſſenſchaft, und in Bezug 
meiner Beftrebungen dieſelbe su fördern, mic; nie überhoben zu 
haben. Doch wo es gilt, der Derfommenheit und dem Halali- 
Gefchrei der Mittelmäßigkeit und hohlen Phrafenmacherei zur rechten 
Zeit ins Wort zu fallen, da meine ich, darf ich nicht fchweigen. 

Der neue Minifterial-Erlaß über den Numerus clausus an 
die Wiener medicinifche Fafultät war für mid, eine Art Appell! 
Doch fah ich die Unmöglichkeit voraus, in einer Fakultätsſitzung das” 
Alles zu entwiceln, was mit der von der Regierung gewiß in befter 
Abſicht geftellten Frage zufammenhängt. Geftaltet habe ich mein 
„Quos ego!“*) auf einfamen Prater- und Rohrenhütten-Spazier= | 
gängen, gefchrieben in drei Tagen und Nächten und hatte eine Art 
Schadenfreude gegen meinen Peffimismus, daß ic) das noch zu 
Stande bradte. N 





) Aphorismen zum Lehren und Kernen der medicinifchen Wiffenfchaften.” 
Wien, Gerold’s Sohn. 1886. & 





Mein Freund =, bei dem ich geftern in Auffee war, war wohl 
fo und jo im Allgemeinen damit einverftanden; doch fand er, daß 
es ſich nicht ſchicke, daß ich in meiner Stellung fo viel von mir, 
von den Auflagen meines Buches, von der Audienz bet der Kaiferin 
von Rußland rede u. ſ. w. Als ich dies C. mittheilte, fagte fie mir 
auch, daß jte finde, daß ich noch nie fo jelbftbewußt und felbft- 
gefällig gejchrieben habe, — doc, da fte mich ſchon feit einiger Zeit 
von dieſer Seite kenne, und diefer neue Charakterzug von Anfang 
bis zu Ende wie ein vother Faden durchgehe, fo habe fie nichts 
gejagt, weil die Abänderung von Einzelheiten das Einzelne nur 
ſteigern würde. 

Diefe Bemerkungen find gewiß jehr richtig. Trosdem fürchte 
ich aber doch nicht, mich bereits im Stadium des Scherr’fchen Kaifer- 
wahnfinns zu befinden; denn ich habe zu oft erfahren, daß man 
nad oben, von wo etwas gefchehen kann und foll, nur auf dieſe 
Weije wirft. 

Gewiß wird man mir imputiren, daß ich von der Kegierung 
etwas will. Sie brauche ih wohl nicht zu verfichern, daß mir das 
ganz fern liegt. Und was die fogenannten „Leute reden, tangirt 
mich nicht. Dielleicht werden mich die Ungarn in meiner erjten 
kliniſchen Stunde auszifchen; — doch das habe ich Alles ſchon zu oft 
durchgemacht, als daß es mich fehr erfchüttern würde, — Yun! 
Alea jacta. Den Alt-Defterreichern mag es fehr ſchmerzlich fein, daß 
ich die Ungarn als „Ausländer” behandele, doch kann ich den Ma— 
syaren nur fagen: Tu Yas voulu, George Dandin! und „lempora 
nfantur et nos mutamur: in ıllis“ Dabei fallt mie ern, daß 
DOppolzer immer ſagte „moriebidur“ ſtatt „morietur“; ich 
gebe zu, daß ein ſolches Prager Küchen-Latein meinem ganz uns 
begründeten lateinifchen Renommee fchaden Fönnte . . » 


r 
= Th. Billvoth. 


* 
255) An Prof. von Dittel in Wien. | 
St. Gilgen, 16. September 1886. 
Abend, 
Sieber Freund und College: | 
Haben Sie herzlichen Dank für Ihren lieben — et 
geftern, der mich aufs lebhafteſte intereſſirt hat. Ih ho 








2 
a — 

286 N 
wärnfte Sympathie für unferen Meifter Arlt und für das trübe i 
Unheil, das ihn betroffen hat. Da er mir fein Dertrauen fchenfte, 
war ich glücklich, ihm in den ſchweren Tagen feiner Kranfheit bei 
ftehen zu dürfen. Ich verehre ihn nicht nur als den „Meiſter der 
Meifter" unter den Augenärzten unferes Jahrhunderts, fondern 
ebenfo fehr als Arzt und Menſch, der mit einer feltenen, anbetungs: 
würdigen anima candida von der gütigen Watur begabt wurde. 
Hoffentlich erholt fi unfer alter Freund nun bald nad) der Ent» 7 
fernung der abgeftorbenen Theile, denn er ift eine jo aufopfernde, 
befcheidene Natur, daß er auch noch einbeinig noch viel Segen durch 
feine fo wohl geordnete Erfahrung ftiften Fann. Ich bitte, ihm recht 
fehr herzlich von mir zu grüßen. 

Ich Fam wohl fpät zu einer Erholung, bin jedoch durch die 
Schönheit des Wetters und der Natur hier vollauf entjchädigt. Es 
hat einen eigenen Reiz aus Fahlen Wiefen, Feld, Steingeröll und \ 
Wald einen der ſchönſten menfhlichen Wohnpläße gefchaffen zu haben. 
Meine Frau und Kinder fühlen fich fo glücklich hier, daß ich dadurch 
für manche kleine Mühen und Sorgen leicht belohnt mich fühle. 

Ich habe das Bedürfniß nach etwas Ferſtreuung, bevor ich 
mich wieder in die Lehrthätigkeit und Praris ſtürze und werde mit 
Elfe «ine kurze Tour nach London und Paris machen. 

Die Meinigen grüßen Sie aufs Herzlichſte. Mit einem Hand- 
fuß Ihrer lieben Frau 


A 
i 
3 
i 


a 


* 


Ihr 


u 


Th. Billvoth. 
* 


254) An Dr. Gerfuny in Wien. 
London, 2. October 1885. 
Samftag Abend. 


ae 


Sieber Freund! 
Heute Abend läuft die erfte Woche unferer Reife ab. Ihr Brief 
war der erſte aus der Heimath und hat fowohl Elfe micht Frl. Elje), 
als mich fehr, fehr herzlich erfreut. Es ift uns beiden manchmal zu 
Muthe, als verflüchtigten wir uns in der Atmoſphäre unferes 
Planeten und fähen uns felbft und unfer Wiener Keim aus der 
Dogelperfpective. Wir kommen uns manchmal ganz wie verzaubert 
vor, und in den fchönen Momenten treffen ſich unfere Blide oft 
mit den Gedanfen: ach! wären unfere Lieben, — und dazu gehören 


4 
J 
ur 


— 





—— ar 


ja aud Sie und Ihre herzige Frau — doch mit einem Hauber- 
ihlage dal Bis jest geht es uns mit der Realifirung unferes 
Programms jo ungemein glüdlih, daß wir fait bange find, es 
Fönnte irgend etwas unfere Freude trüben. Bis vorgeftern Abend 
habe ih an Chrijtel referirt, und fie wird Ihnen unferen Sebens- 
lauf mitgetheilt haben. Yun fahre ich fort zu erzählen mit der 
- Bitte, audy der Alſerſtraße davon Müttheilung zu machen. 
Gejtern Morgen trafen wir Richard Sieben beim Frühſtück. 
Er ſchloß fih uns für den ganzen Tag an. Morgens in die 
St. Paul’s Cathedrale; niht nur eine Copie, fondern ein Pendant 
zum St. Peter in Rom, wenn auch inwendig nicht fo glänzend aus- 
gejtattet. Wir Famen gerade zu einem Früh-Gottesdienſt der high 
church, mit ſehr Fatholifhen Formen und viel ſchönerem Belang, 
als in Rom. Es war die Wirkung des trefflichen Unabenchors in 
den hohen Wölbungen der Kirche geradezu bezaubernd, verflärend. 
Dann zur National Gallery, einer Bilderfammlung erſten 
Ranges. Die Sammlung ift jung und ſtammt meift von Privaten, 
welche diefe Schäße bis vor Kurzem in ihren Käufern hatten. Die 
Holländer und Alt-Deutfhen find fo erhalten und jo wunderbar in 
ihrer frifchen Farbe, daß wir den Eindrud hatten, als hätten wir 
Teniers, Ruysdael, Hobbema, van Eyd, Rubens, Holbein, 
Memling ıc. hier zuerft gefehen. Die Bilder find wie eben von 
der Staffelei gefommen, und das Altmodiſche verſchwindet. Elſ e 
war ganz beſonders begeiſtert. Die Wirkung dieſer Gallerie iſt in 
der That eine der ſtärkſten, auch auf mich; und ich weiß nicht, ob 
der Eindruck bei Elfe fih durch den Koupre in Paris abſchwächen 
läßt, wo man fonft nächſt Florenz das höchſte in der Malerei 
findet. 
Nachdem wir uns durd) Auftern, Hummer, Sherry und Chanı= 
pagner gelabt hatten, — das Rechnen habe ich diesmal — 
gegeben, — fuhren wir in die Colonial- und a 
Das war höchſt intereffant; doch ein glücklicher Sufall ee =“ 
daß diefe riefige Austellung an Stelle einer früheren ie a — 
Ausſtellung errichtet iſt, von welcher noch die a *— 
Condoner Straßen aus dem 16. Jahrhundert übrig sep ns al : : 
jo zauberifch auf unfer deutiches Gemüth wirkte, daß wir a : 
Indiens, Ceylons und des Cap der guten Hoffnuns kaum arjenaitle 
Ind immer wieder in Alt-London herumfpazterten. 


— 288 — E 


nette, Fomifche Oper der „Mikado“. Ic jah Elfe nad) dem zweiten 
Act an, daß fie troß allem Champagner erjchöpft war; doc fie” 
unterhielt fi) zu raſend gut, als daß fie ſich hätte,trennen fönnen, 
und es wurde Mitternacht, ehe wir ins Bett Famen. 
Obgleich Elfe die Naht wie ein Murmelthier bis heute 9 Uhr” 
gefchlafen hatte, wollte fie doch nicht zu Haufe bleiben, troßdem ſich 
etwas Abfpannung in ihren Mienen zeigte. So jahen wir heute” 
den Tower mit feinen Waffenfanmlungen und Kronjumelen. Die 
Capelle, in welcher alle Dpfer Richard IH. liegen, intereffirte Elfe’ 
jedoch viel weniger, als das Erercitium einer Compagnie Schotten” 
mit ihrer Dudelfacpfeifenmufif. — Don da zum British Museum, 
wo wir nur flüchtig auf die Friefe und Metopen des Parthenon” 
im Elgin-Room einen Bli® warfen. — Dann eine halbe Stunde‘ 
per Eifenbahn nad} Sydenham-Crystal Palace, wo die ganze) 
Welt und 7 Dörfer zu fehen if. Zum Ausruhen jchöne Concert 
mufif, zumal auf der Colofjal-Drgel des Händel-Room. Hier trafen. 
wir zufällig wieder Steben. London ift doch ein Neſt! Das Wette J 
war himmliſch; man wußte nicht, ob mehr in die Landſchaft hinaus, P 
oder in die zauberhaften Reconftructtonen der Profan-Bauten aller” 
Zahehunderte: Wohnzimmer, Hallen und Häufer von den Alt 4 
ſyriern an bis auf unſere Zeit. Man kommt ſich da erſt recht wie 
verzaubert vor. Das reconſtruirte pompejaniſche Haus feſſelte uns’ 
am meiften. 2 
Zurück nach London; einftündige Ruhe, dann Diner und 1 Ach 
fogenannter Goethe’fcher „Kauft", um den berühmteften lebenden 
Schaufpielee Englands „Irving“ zu fehen. Wir kamen unglüde 
licherweife zu den Gretchenfcenen, die in fo widerwärtiger Meile 
corrumpirt waren, daß uns ein Edel ergriff, und Elfe ſomit heute‘ 
ihon um 10 Uhr ins Bett Fam. Ich erholte mich im Smoking- 
Room an einer Times und ging dann hinauf. Elfe jchlief ſchon 
feft. Jetzt ift es Mitternacht, doch Sie werden mich noch nicht | 
Ich laffe Elfe nie gehen; wir fahren immer, felbft im Hötel 
auf ımd ab. Elfe hält ſich tapfer, ift eigentlich körperlich nicht | 
ermüdet; doch die Summe von ungeheuren Eindrücden übermannt 
fie zuweilen. Morgen (Sonntag) machen wir mit Paul Fleiſchl 
und Lieben eine Landparthie nach Richmond ohne alle Anftrengung- } 
Montag wollen wir noch die Weftminfter- Abtey und das Kenfing“ 





a, 


ton⸗Muſeum fehen, auch ganz gemüthlih. Dann haben wir noch 
Dienſtag zur Recapitulation der National Gallery. 

Mittwoch in das gemüthliche kleine Paris zurück, eine reizende 
Spazierfahrt von 8 Stunden. Donnerftag und Freitag in Paris 
nur Couvre, Cuxembourg und Hötel Clunp, eine Spazierfahrt ins 
Bois de Boulogne, und Freitag Abend von Paris fort, um Sams: 
tag Abend Programm-gemäß in Wien zu fein. Sollte es Elfe in 
Paris bejonders gut behagen, jo gebe ich wohl noch einen Tag zu. 
Doch nach meiner Erfahrung tritt unter den anregendſten Umftänden 
‚nad 10—12 Tagen eine fhwer zu bewältigende Ueberfättigung in 
der Reception auf, ſodaß ich wohl glaube, daß unfer Programm 
inne gehalten wird . . . 

Ihnen, lieber Freund, habe id, eine neue Arbeit aufgebürdet; 
ſeien Sie mir nicht zu böfe darüber. Gerold will nämlich fofort 
eine neue Auflage meiner Broſchüre druden, wie er mir telegraphiſch 
nad) Paris meldete. Ich habe ihm Sie wieder als, Superrepifor der 
Correctur bezeichnet. und außerdem gewünſcht, daß auf der Lurven- 
tafel die Kinte Ausländer „roth“, die Kinie ausländiihe Ungarn 
rün“ gedruct werde; eine neue Bosheit auf die nationalen Farben 
der Ungarn. Da übrigens jede Auflage von 1000 Exemplaren 200 fl. 
fürs Rudolfinerhaus abwirft, fo habe ich noch weniger Grund, der 
buchhändlerifchen Derbreitung der Aphorismen zu widerjtreben. 
| Sonntag Morgen, 5. October 1886. 

Die Sonme hat mich um 7.7 Uhr gewedt. Die Themfe und 
‚ein Theil von Sondon liegen in wunderbarer Klarheit vor mir; 
zumal wirken die Brücken und die St. Paul’s-Kuppel höchſt maleriſch 
großartig. Elfe ſchlaft noch feſt, fie hat London fo noch —— 
fehen; denn in einer halben Stunde iſt Alles im Nebel. Der Lag 
wird wieder herrlich. Die bekannten älteſten Ceute wiſſen ſich eines 
olchen Wetters in London nicht zu erinnern. ar 
| ren Sie, Chriftel zu jagen, fie ſolle nicht böfe — — 
Elſe nicht ſelbſt ſchreibt; es geht ihr heute wieder friſcher — I 
fe gewöhnt fi, täglich das Ungeheusnfe iu TE, DIS An 
Fehr zu wundern. Am wenigften kann fie ſich u And. 
daß auch hier wie in der Schweiz die meiften Fremden EN — 
Herzlichſte Grüße an Sie, Bertha, Ehriftel, Atartha, 


\Duffi und Alte! i SE Eh, Billroth. 
19) 





















Briefe von Theodor Billroth, 


— 


— 


— 290 — 


255) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Paris, 8. October 1886, Abends. 


Richtiger 9. October Morgens *fzı Uhr 
apres le theätre. 


Sieber Freund! 


Ic habe es fehr bereut, Dir nicht ernfthafter zu einem Spazier- 


gang durch London und Paris zugeredet zu haben. Der Gedanke, 
die Eigenart von England und Frankreich, die ſich ja in ihren 
Bauptftädten concentrirt, für einmal erfchöpfen zu wollen, ift ebenjo 


thöricht als die Idee, Italien mit einer Reife erfchöpfen zu wollen. 


Wir Deutfchen find gar zu gewiffenhaft und fchwerfällig in ſolchen 
Dingen. Wir haben uns garnicht abgehest und doc alles Wefent- 
liche gut und behaglich gejehen. | 

Dor 30 Jahren war ich in London einen Monat und habe 


nur Spitäler und Chirurgen gefehen. Diesmal wollte id nur Kunft- I 
und Maturfchönes fehen, und nach beider Richtung hat mid) Sondon 
überrafcht, ja bezaubert. Ich war in der Stadt mit 4 Müllionen ) 
Einwohner, mit feinen 25 Bahnhöfen in der Stadt, feinen Eifen- 


bahnen über und unter den Häufern auf vieles Intereffante und 


Großartige gefaßt; doc jo viel Schönes und Schönftes zu finden, 


habe*ich nicht erwartet. 

Die National Gallery und die Weſtminſter-Abtey, wo ſich alles 
Größte Englands im Grabe und in herrlichen Denfmälern wieder- 
findet, wo die vielen englifchen Könige und Prinzen, die wir haupt 


fächlich durch Shafefpeare fennen, neben ihm und anderen Heroen | 
der Wiffenfchaft und Kunft friedlich ruhen, lohnen allein einen Aus= | 


flug nad) London. 


Und was foll ich von Paris fagen; es iſt ein urgemüthliches Neſt. 


Natürlich muß man auch Glück beim Componiren der Geſellſchaft 
haben. Frau Wilbrandt*), Lenbach, Munfaczi**) u. A. find 
auf der Reife gelegentlich höchſt amüfant. Elfe hat das tolle 
Sigeunerleben diefer Tage trefflich mitgemadt. 

Da ich fo fehr auf die faulen Wiener Studenten sefhimpft 


habe, fo muß ich als Profeffor wenigftens fleißig fein und Montag 


meine Klini? anfangen, Ich habe mic; in St. Gilgen und in Condon 





Schauſpielerin am Burgtheater in Wien, 
**) Ungariicher Maler; lebt in Paris, 


ware Rue ea 


u eh a NE an 








20 


und Paris fo. voll von Watur und Kunft gefogen, daß ich nun gern 
wieder friſch ins trockene Schulmeiftergefchäft gehe. 
Herzlichen Gruß! 
Dein 


— Th. Billroth. 


236) An Prof. Wölfler in Gras. 
Wien, 15. November 1886. 
Sieber Wölfler! 

.. Ich muß Sie bitten fich nur ein Beifpiel an mir zu nehmen, 
wie ich früher war, als ich mich noch jünger und Fräftiger fühlte; 
nicht wie ich jest bin. Die Tradition, wie fie jetzt ohne mein Zu— 
thun auf meiner Klinik fortlebt, habe ich fchon in Zürich ausge- 
bildet, als ich noch gar Feine weiteren ntereffen als meinen Beruf 
als Lehrer und wiffenfchaftlicher Arbeiter hatte. Ich war faſt den 
ganzen Tag auf der Klinif, in meinem Erperimentirzimmer, oder 
auf der Anatomie. Meine gute Frau denkt nicht gern an dieſe 
Seit zurück, wo ih nur an meine Kranken, meine Erperimental- 
thiere, meine hiftologischen Unterfuchungen und Injectionen dachte, 
und wenn auch zuweilen leiblich zu Haufe, doch mit meinen Öe- 
danken immer wo anders herumfchwärmte. 

Ich habe es auch wohl damit übertrieben; doch es ift mir ſo— 
wohl an Sangenbedf wie an mir klar geworden, daß man nur 
Schüler bildet, folange man noch felber Fräftig und mit ganzer 
Seele mitarbeitet. Sie und Mifulicz find die legten meiner Schüler 
gewefen, welche mich noch in meiner vollen Arbeitsluft gekannt 
haben. Auch jet fehlt es mir nicht an Intereffe an den Dingen; 
doc wenn man älter wird, ermüdet man raſcher, und die aielen 
wiffenfhaftlihen und humanitären Dereine, die Praris, Alles vB 
meine Zeit und meine Gedankenkreiſe in Feten. Ich fühlte, daß 
ich nach keiner Richtung den Verhältniſſen und mir mehr — 
nügen konnte. Unzufriedenheit, alle meine Pläne, an a — 
Verhältniſſen der Fakultät und meiner Klinif etwas zu = Er Br 
zu beffern, verftimmten mic} oft. Ich wurde Die ae Hei 
förperlicher und geiftiger Ermüdung. So habe u Senn Eh 
an mir innerlich herumzerrte, im Lauf der letzten — ee 
geſchüttelt, mache mir feine Sorgen mehr Über Dinge die ich doe 
nicht ändern kann. (g* 


— 292 — 


Yun Hagen meine Freunde hier wohl mit Recht, daß ich mid; 


zu früh aus allerlei Derhältniffen herausgemacht habe, daß ich träge 
und gleichgültig gegen Dieles geworden bin, was mid, früher in 
Harniſch brachte, — und fie haben Recht. Doch ich kann mir nicht 
anders helfen. Ich fühle mich jetst wieder kräftiger als je, jchlafe 
vortrefflih, concentrire mich ganz auf die Klinif, treibe daneben 


wieder Muſik, lebe mit meiner Familie und denfe mir: die Menſchen 


haben hier die Früchte meiner beiten Kraft geerntet, nun mögen 
fie auch den alternden Mann verbrauchen und ertragen. 
Daß ich noch nicht ganz vertrottelt bin, haben wohl Mande 


aus dem Quos ego! erfehen, das ich ihnen in den Aphorismen 
entgegengefchleudert habe, und woran fie noch lange zu verdauen ) 


haben werden. Dorläufig liegt dieſe Fleine Brofchüre meinen Collegen 
noch fehr Schwer im Magen. 


Doh nun genug von mir, Aud in Sürid hatte ich Yoth, ; 


mir im Anfange gleich die nöthigften Hülfsfräfte zu erobern .» 
Yun haben Sie genug fenile Geſchwätzigkeit erduldet. 
Mit freundlichſtem Gruß 
r 
Th. Billroth. 
* 


257) An Prof. von Rindfleiſch in Würzburg., 
Wien, 25. December 1886. 


Mein lieber, alter Freund! 


Was machſt Du für Sachen! Du bit ja noch viel zu jung für I 


arthritifche Niederlagen; das fommt davon, wenn man feiner Seit 
voraneilt. Mit herzlichiter Theilnahme haben wir von Deinen neuen 
Schmerzen gehört; hoffentlich bift Du jest fhon wieder ganz flott 
auf den Beinen. Wenn ich Dir nicht immer das Allerbeſte wünjchte, 
fo Könnte ich Dich um Deinen Humor und Deine Lebensfreude be— 
neiden. Ich ftelle mich bet ähnlichen, wenn auch geringeren Calami= 


täten auch immer fehr geduldig, bin aber eigentlich desparat über 1 


jedes Hinderniß, welches fih meinen Wünſchen entgegenftellt. Da 


finden fich denn in Paul Heyfe’s Spruchbüchlein mancherlet weile I 


und auch Iuftige Ideen; ich habe es gern wieder zur Hand gez 
nommen und danfe Dir herzlich, daß Du mein gedachteſt. 
Ic hatte zwei Mal eine akute Bursitis calcanea, ein Mal im 


—* 


u BAR — 


— 








— 295 — 


Sommer nad einem, für meine Körperlaft etwas zu anjtrengenden, 
vajchen Marſch, das andere Mal vor Kurzem ohne alle Deranlaffung. 
Stedt audy Arthritis dahinter? ich kann es noch nicht recht glauben, 
weil die allerdings recht fchmerzhafte Affaire Faum 8 Tage gedauert 
hat. Ein Kleiner Nierenſtein fteckt mir immer noch unten im linken 
Ureter, der mich vorläufig nicht genirt; nur darf man nicht darauf 
drücen. Was mir aber bejonders läftig ift, find fortwährend chronifche 
Choanen= und Rachencatarrhe, die von Zeit zu Zeit auch wohl in 
den Hehlfopf wandern. Neulich war ich wieder einmal 14 Tage 
- heifer, ja faſt jtimmlos. Da ich doch nicht Klinik halten Fonnte, 
machte ich eine Geſchäftsreiſe nad) Odeſſa. Die Reife durch Podolten 
und Befjarabien war trojtlos. Endloje, — endlofe — endloſe Steppen; 
hier und da bei hellem Mondſchein in der Ferne ein Rudel Wölfe, 
fonft Tage und Vächte lang nichts! Odeſſa und das ſchwarze Meer 
bieten gar keine landjchaftlihen Schönheiten; ic) Fam recht verftimmt 
zurüd, — Ich wüßte ein fehr gutes, radicales Mittel gegen meine 
catarrhalifch-arthritifchen Altersgebrechen: abdanfen, nad St. Gilgen 
ziehen und dort einfach bäuerlich mit einer guten Bibliothek leben, 
den ganzen Tag im Freien fein und forgenlos ins jchöne Sand 
blien, bis die Sonne zum legten Mal untergeht. Chriftel wäre 
ganz dabei. Aber die Kinder wollen nichts davon willen . » » 
Doch genug jebt diefer Weihnachtsplaudereien! Berzlihe Grüße 
und Neujahrswünfche von Haus zu Haus. | 
| Dein 
Th. Billvoth. 
* 


Wien, 10. Februar 1887, 
2 Uhr Morgens. 


238) An Prof. Wölfler in Gras. 


Don allerlei alltäglicher Arbeit ermüdet und abgeſpannt reale 
ich mich um 11 Uhr vecht verdrießlich ins Belt. Was BR 
oft fo verftimmt, iſt hauptſächlich die grenzenlofe en Yen 
meiner Zeit, die geiftige und Förperliche Ermüdung, und = a " ) 
veranlaßte demoralifirende Serfahrenheit, der Mangel an amm N 
und Concentration. Diefe grandige Derftimmung ließ nich Han 
zum Schlafen kommen. Doch die Ruhe that mir wohl. Sa Si 
mich nach einer Stunde einer abfoluten Stille um mich her friſch 


— 294 — 


und munter, ftand auf, zog mid) an, machte mein Simmer hell und 
nahm Ihr neues Budy*) zur Hand, das ich geftern zu meiner großen 
Ueberrafhung und Freude erhielt. Ich las und las, und mit einem 
Male war ic) an der legten Seite, Es waren zwei glüdliche Stunden, 
die ich Ihnen verdanke, 
Das ift eine treffliche, mufterhafte Arbeit, lieber Freund! Ich 
wünfche Ihnen von Berzen dazu Glück. Sie hat mic, lebhaft an 
meine Gefchichte der Schußwunden erinnert. Nur wer jelbit fo 
etwas gemacht hat, weiß, welche intenfive Arbeit in einigen folcher 
Bogen ſteckt, — weiß aber auch, welche innere Freude und Be- 
friedöitgung man bei einer folchen Arbeit empfindet. Nicht wahr? 
es ift ein hohes Gefühl, fich fagen zu Fönnen, diefen Stoff beherrichit 4 
du ganz und vollfommen, wie Fein Anderer. Ich glaube nicht ver- 
blendet zu fein in der Liebe zu meinen Schülern. Doch ih muß 7 
Ihnen fagen, daß ich diesmal ganz befonders erfreut bin nicht nur 
über die Bewältigung des Stoffes, fondern auch über die concentrirte 3 
furze Darftellung, über Ihre fichere Erfenntniß alles MWefentlihen 7 
und Wichtigen. Mir ift dabei der Eindruck Jhrer allererjten Arbeit 
wieder fehr lebhaft geworden; Sie haben eben neben vielen anderen 
"Dingen ein ganz befonderes fchriftftellerifches Talent! Doch ftille, 
ſtillel ich, darf Ihnen das eigentlich gar nicht fagen, Sie werden mir 
am Ende fonft gar eitel! und doc nein! Wer fo viel innerlichen 4 
hiſtoriſchen Sinn hat wie Sie, von dem brauche ich das nicht zu 
fürchten. Was uns die Natur gegeben, dafür Fönnen wir nicht. ° 
Was wir mit den uns verliehenen Baben gemacht haben, das haben 
viele Andere vor uns und neben uns auch fchon gemadht. Stellen — 
wir uns nur neben die Mittelmäßigen unferer Seit, jo Fommen 
wir uns fehr großartig vor. Stellen wir uns in Beziehung zu den 
Größten früherer und unferer Seit, fo müffen wir froh fein, als © 
kleines Kettenglied im Ganzen uns zu fühlen. 4 
Nun friſch an die Magen- und Darm-Chirurgie; mein Material 
ſteht Ihnen zur Dispoſition. Graz wird für Sie werden, was FZürich 
für mich war. Nun werde ich vortrefflich ſchlafen! J 
Ihr 






Th. Billroth. 
* 


*) Die chirurgiſche Behandlung des Kropfes. I. Theil: Geſchichte der | 
Kropfoperationen. "Berlin, A. Birfchwald. ” 


—— 





259) An Prof. von Rindfleifh in Würzburg. 


Wien, 22, März 1887, 
Sieber Freund! 

Elfe, die geftern Abend wohl und munter von Berlin zurückgekehrt 
ift, erzählt mir, daß Du mit Petersjen’s in den Dfterferien an die 
Riviera reifen willſt. Da ich mic mit Martha aud, dort in der 
Gegend herumtreiben werde, fo follte es uns doch fehr leid thun, Euch 
| nicht zu begegnen, Ich notiftcire Dir alfo, daß wir am 29. März von 
hier abreifen wollen und am Donnerftag, den 51. März, in San 
Remo im Hotel Weſtend fein und dort 5—4 Tage bleiben werden. 
Eine Nachricht hierher oder nach San Remo wäre uns fehr er- 
wünjht. Wir hatten zuerft vor, an die italienifchen Seen zu gehen, 
doch das Falte Frühjahr, — es weht hier immer noch eifiger Wind, 
— hat uns für die Riviera beftimmt. Wir werden in der Diter- 
woche über den Brenner oder Gotthard zurückkehren. 

Herzlihe Grüße von Haus zu Haus! 

Dein 
Th. Billroth. 
* 


240) An Prof. von Rindfleiſch in Würzburg. 
Wien, 11. Juni 1887. 


Mein lieber, alter Freund! 


Ich bin heute endlich im Stande, Deinen lieben Brief vom 17. Mai 
zu beantworten. Dom ı7. Mai! alſo fo fange ift es ſchon, daß es 
nad) böfen Tagen wieder befjer mit mir ging*). Dem Reconvales= 
centen vergeht ein Tag wie der andere. Langjam fommt das — 
tereſſe an den vielen kleinen tauſend Dingen, die das tägliche Le an 
ausmachen, wieder. Langſam widelt man fich aus —— — 
haften Zuſtand heraus, in welchen — — kurzer Fei 
ei as afuteren Proceß hineingerathen war. | 

gen Ei A it Sb Gilgen en N 
Alles vor, Am nädhiten Müttwoch hoffe ich mit Chriftel a 
unfer Tusculum zu beziehen. 


Es geht mit mir langſam, langſam bejjer; nut der Schlaf ift 


: t mer ſchweren Kungenentzündung. 
*) Billroth erkrankte im Mat an einer fchweren Kung 3 




















— 296 — 


noch miferabel, und ich habe oft noch fehr ftarfen Huftenreiz. Was j 
fpäter aus mir werden wird, weiß ich nicht. Sobald meine Kräfte einiger- 
maßen reftaurirt find, foll ih etwas thun, um magerer zu werden; 
denn daß mein Bauch innen faft noch mehr voll Fett ift, wie außen, 
darüber find Alle einig; ebenfo daß mein Herz ftarf von Fett überwachen 
und wahrſcheinlich durchwachſen ift. Dertel*) kann nur fehr modi- 
ficirt angewandt werden, da ich meinem Herzen nicht zu viel zu- 
muthen darf. Bei meiner Keigung zu Ballenftein- und Nierenſtein 
bildung und bei dem Umjtande, daß alle meine Drgane gewöhnt 
find, duch viel Flüffigfeit durchſpült zu werden, und Schwigen für 
mich eine Art von Athmung ift, foll auch die Wafferentziehung 
nicht forciert werden! Alfo Alles cum grano salis! Nun, wir 
werden fehen. Soll ih nun einmal nod) Ieben, fo hätte ich freilich 
wenig Freude daran, wenn es unter zu ftarfen Befchränfungen fein 
müßte, 2 
Herzlihe Grüße von Haus zu Haus! 
Dein 
* Th. Billroth. 


241) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
| Wien, 12. Junt 1882. 
Mein lieber Freund! 

Als wir uns zum legten Male fahen und uns für den Sommer 
Adieu fagten, hatte ich die Empfindung, daß ich Did, Faum wieder 
jehen würde, fo frank fühlte ich mic ſchon damals. innerlich. Bei 
nahe wäre vor Kurzem meine Ahnung in Erfüllung gegangen. | 

Ih nahm an einem Tage Abfchied von den Meinen, von 
meinen nächften Schülern und den Freunden, die mich umgabenz 
ich jandte durch Seegen letzten Gruß an Hanslick und durd ihn 
an Di, da Fein direkter Dermittler zwifchen uns Beiden u 
mich war. J 
Ich habe Dir gedankt für das viele Schöne, womit Du meint 
Seben erfreut und gefhmüct haft, £ 

Yun ift das Alles wie ein Traum hinter mir. Doch ich Fan 
nicht fagen, daß ich eigentlich fchon wieder im Leben recht drin 


*) Eur des Prof. Oertel in München zur Behandlung des Fettherzens. 


















‚wäre; denn ein Leben ohne Schaffen, ohne Arbeit i - eigentli 
| fein Leben, des Athmens se an a 
ſprochen; es liegt mir immer noch wie ein Reif um die Bruft, es 
iſt auch noch nicht Alles in Ordnung mit den Kungen; doch geht es, 
‚wenn auch langſam, täglich ein wenig befjer. Yächften Mittwoch, 
den 15. d. A, joll ih endlih nah St. Öilgen, wo ich mid, ftets 
{fo glücklich fühlte, und wo ich ganz zu genefen hoffe, wenigſtens ſo⸗ 
weit, daß ich wieder ohne Beſchwerde im Herbſt meinem Beruf nach— 
Sehen kann. Meine ärztlichen Freunde, meine Familie, meine 
Schüler, Alle haben gewetteifert, mich zu erhalten, mich zu pflegen. 
Ich lag längere Seit in einem nicht unangenehmen Balbihlummer, 
manchmal wohl dabei ärztlich mich beobachtend, wie die Athemzüge 
immer rafjelnder, immer flacher wurden, und mein Beift zu wandern 
ſchien. Jh weiß ganz deutlich, wie id) aus einem Deiner Lieder 
ſprach: „Mir ift, als ob ich ſchon geftorben bin ıc.“ Und das 
Alles war fo milde und fchön, ich fchwebte und fah die Erde und 
meine Freunde fo ruhig und freundlich unter mir! — Mit einem 
Male rüttelte man mid) empor; ich mußte wie ein Soldat auf 
Commando athmen, allerlei Zeug ſchlucken. Ih bat: laßt mid! 
(mir ift fo gut! Doch umfonft, immer wieder rüttelte man mid) 
auf, und aus vielen Stimmen, dies und das zu thun, hörte ic dann 
(die Stimme meiner $rau: „jo thue's doch um der Kinder willen!‘ 
"So lieg man mid) über eine Woche lang nie zum feſten Schlaf 
‚Fommen, — mein Schlaf hatte wohl eine zu große Aehnlichkeit mit 
feinem Smillingsbruder — — x. Die halb träumerifhe, durch die 
Krankheit bedingte Stimmung brachte mich über diefe Dinge leichter 
hinweg, als man meinen follte, Der Menſch vergißt zum Glück 
auch das Unangenehme bald. Der Schlaf, der mic in den Testen 
Jahren fchon oft floh, ift mir auch jetst noch nicht hold; Ku ul 
mich mit 3—4 Stunden begnügen und habe mich gewöhnt, damit 
‚zufrieden zu fein. Das wird hoffentlich Alles beffer werden draußen 
in der freien Watur, in der frifchen Bergesluft. Was fpäter IK 
wird, darüber ift noch nichts entfchieden; man fagt mir, daß —— 
Ausfehen nicht mehr krankhaft iſt. Ob ich den ganzen en 
St. Bilgen bleiben, oder irgendwelchen Curort beſuchen —— — 
läßt fi jelst noch nichts beftimmen. Yun bin ich alfo hoffentlic) 

im Be i 
en der Menfchen um mic, war intenftv und ertenfiv 


2 — — — 


— 298 — 


















der Art, daß ich gerührt und befhänt bin. Doch was kann ich alter‘ 
Mann nun nod) den Menfchen für alle ihre Seichen der Sympathie und‘ 
Siebe bieten? Neues noch ſchaffen? ſchwerlich!! — Doc ich habe 
die Beobahtung gemacht, daß die große Menge der Menschen doch 
noch oft in fehwierigen neuen Fällen fragt, was „Diefer oder Jener“ 
wohl dazu fagt. Solche populäre Perjönlichkeiten Fönnen, ohne 
felbft Neues zu fhaffen, doch dadurd, daß fie zufammenhalten, und 
feft am Tüchtigen, Wahren, Guten und Schönen fefthalten, zum 
Guten und Schönen den großen Haufen hinleiten helfen. Und eine ; 
von Diefen und Jenen zu fein, damit will ich mid) nun gern be 
gnügen. - 
Don Deinen Arbeiten in Thun fagen die Zeitungen allerlet 
Romantifches! Die Beifter laffe ich gern in Ruh; wenn fie etwas 
ſchaffen, fo wird’s ſchon an den Tag kommen. | 
Don Hanslid weiß ich nichts, als daß er von Carlsbad nad} 
Franzensbad übergeftedelt tft. 
Yun noch taufend Dank für Deinen lieben, herzenswarmen 
Brief aus Thun. Behalte mich aud) ferner lieb! : 
Dein 
a: Th. Billvoth. 


242) An Dr. Gerfuny in Wien. 
St. Gilgen, 27. Juni 1887, 
Sieber Freund! 


Für Ihren fehr, fehr lieben Brief vom 19. Junt vielen herzlichen 
Dank! Als ich neulih an Nothnagel fchrieb, war ich auf der 
Höhe der hiefigen Situation; fehr bald darauf wurde mein Zuftand 
wieder etwas läftiger durch die Folgen einer Erfältung, und durch 
eine leichte Intorication mit Digitalis. Erſtere jchien auf eine 
Angina tonsillaris hinzufteuern; doch rettete mich ein altes, in 
meiner familie übliches Hausmittel, nämlich „einen wollenen Strumpf | 
um den Bals tragen”. Db es von befonderer Bedeutung war, dab 
diefer Strumpf aus Puffi’s Haaren bereitet war, will ich dahin 
geftellt jein lafjen . . . 4 

Meine Kräfte haben fich recht gehoben, doch mit meinem Athem 
muß ich immer noch ſehr ſparſam umgehen. Meine gute Frau 
























— 299 — 


‚war über den kleinen Rückfall unglücklicher als nothwendig; ich 
‚wohne jest in ihrem Himmer, und fie fchläft Kadıts in Helenchen’s 
Simmer. Troß ihres tiefen Schlafes wachte fie jofort (troß ge— 
ſchloſſener Thür), fowie ich ftärfer Hufte; wie fie früher gleich er- 
wachte, jowie ein Kind auch nur. leife weinte. Sonderbar, daß eine 
Sinnesempfindung weniger tief fchlafen kann, wie die anderen! 
Was der Himmel für mid) thun Fann, thut er. Don der 
hönheit des Wetters feit den 12 Tagen wenigitens, die ich hier 
bin, hat man Feine Doritellung. Die Temperatur ift gleichmäßig 
warm, nie heiß, mag der Himmel fonnig oder bedeckt fein. Nur 
an Regen fehlt es; unfere Brunnen find fadendünn, und Frau 
Friſch hat ihren Garten heute ſchon aus dem See begießen laffen, 
weil es zu langweilig tft, abzuwarten, bis eine Gießfanne voll läuft. 
Die Gewitter ziehen alle an uns vorüber, und nur zwei Mal erlebte 
ic, jest hier einen Furzen Sprühregen. Und fchön ift es hier! nicht 
sum Glauben! Test beginnt die Rofenpraht mit einer nocd nie 
dageweſenen Ueppigfeit. Und dabei foll man nicht zufrieden und 
glücklich fein! Ja, man follte es wohl! Dod fo ganz ſicher bin 
ich über mic) noch Feineswegs. In meinen Lungen ift noch feines- 
wegs Alles in Drönung, und mein Herz ift ziemlich miferabel, meine 
Eeber ficher verfettet, meine Nieren nicht mehr ganz intact. Es 
giebt Momente, wo ich außergewöhnlich, ſtark moraliſch deprimirt 
bin und mich zwingen muß, daran zu glauben, daß id} noch wieder 
eine Zeitlang arbeitsfähig werden Fönnte. Man wollte mid) jest 
in Wien zum Rector wählen; ich habe dringend gebeten, davon ab⸗ 
zuſtehen, wobei ich meinen jetzigen Zuſtand etwas ins Grauere malte. 
Schon der Gedanke, eine ſolche Laft im Herbft auf mic) zu nehmen, 
‘hat mic einen halben Tag lang aufgeregt. Soeben erhtelt — 
Telegramm, daß man auf meinen entfchtedenen Wunſch von — 
Wahl abſehe; ich bin ſehr froh darüber. Geiſtig bin ich a 
a bas. Die wunderbare Yatur hier, meine Käufer und —— 
haben mich freilich meiſtens jo eingenommen, daß ich — 7 
mals hier geiſtig ſehr rege war, nie viel geleſen, ja “2 ri 
Art Traumleben geführt habe. Auf die Dauer, den a —— 
und Herbſt kann das ja aber nicht ſo en — — 
ich ganz. Vorläufig füge ich mir noch vor, daß für Rec s 
cenlen geiſtige Anftrengung nicht gut iſt. 


— 300 — 

































Dienftag, 28. Juni 1887. 
2. Das Wetter ift heute fo wunderbar, daß ich fat eine) 
erſte Seefahrt risfiren möchte. Heute Abend und Morgen große 
Fefte hier: Einweihung des (ſhon im vorigen Jahre befahrenen) 
neuen fahrwegs auf den Schafberg durch den Salzburger Alpen- 
verein. Heute Abend Seebeleuhtung, Tanz im Seewirthshaus 
Morgen Auffahrt auf den Schafbers. 
Jetzt werden Sie genug von St. Gilgen und mir haben. Herz 
lihe Grüße an Ihre liebe Frau. 


u Th. Billroth 
* h. Billroth. 


245) An Prof. Fick in Würzburg. 
St. Gilgen, 50. Juni 1882. 
Sieber Freund! 

Wir haben fchöne Jugendjahre in Zürich mit einander verlebt 
als Collegen und Freunde, in wiffenfchaftlicher und perfönlicher gegen⸗ 
feitiger Theilnahme. Alles in Allem genommen war es der glück 
lichſte und fruchtbarfte Theil meines Lebens; drum denfe ich jo gern 
an dieſe Seit zurück und an Alle, welche mit derfelben verfnüpft 
find. Es hat mich daher ganz befonders gefreut, daß Sie und Ihre 
fiebe Frau meiner und Chriftel jo freundlich gedacht haben und 
diefem Gedanken einen fo lieben, freundfchaftlichen Ausdrud gaben 

Schon feit längerer Zeit war ich auf eine Kataftrophe in meinen 
Körper gefaßt, da es überall etwas hapert: Nervenſyſtem, Lungen, 
Nieren, Seber, Alles ift ftarf abgebraucht; und der Taft, den das 
Berz zum Trauermarfc des Lebens jchlägt (wie Burns fagt), if 
recht unregelmäßig geworden. — Als ich merkte, daß eine afute 
Eracerbation eines fyftematifch verachteten, tiefgehenden Brondiale 
catarıhs mein Athmen täglich, dann ftündlich fchwieriger machte, 
ohne daß ich dabei viel litt, weil ich meift in mäßiger Kohlenſäure⸗ 
Intorication war, — fo Fam id in eine recht ruhige, behagliche 
Stimmung und hoffte, mich num ganz anftändig und zur rechten Zeit 
empfehlen zu dürfen. Es wäre mir recht bequem fo geweſen, da 
meine Derhältniffe fo erträglich reguliert waren, und id} bei Allem, 
was ich praftifch hier gefchaffen habe, fowie auch in meiner Familie” 
immer dahin ftrebte, daß Alles feinen ruhigen Gang fortgehe, nichts 


— 30] — 


mehr an meiner Derfon hinge und ic fomit unnöthig jet. ch hatte 
mic) in meinem halbbewußten Zuftande fo in dtefe Gedanfen hinein- 
geträumt, daß ich ſchon glaubte, über der Erde und den Wafjern 
materien- und jorgenlos zu fchweben. — Dod als es immer 
wieder Tag und wieder Macht wurde, und ich mir Flar wurde, daß 
es noch nicht zum jchönen Ende, fondern zurück zu Arbeit und Sorge 
ging, da war ich innerlich eigentlich gar nicht froh darüber und würde 
dies Ereigniß auch jest nur fehr Falt objektiv betrachten, wenn ich 
nicht durch die wirklich außerordentliche Theilnahme fo vieler, vieler 
Menſchen an meiner Genefung in einer Weife ausgezeichnet wäre, 
dte weit über das Tonventionelle in ſolchen Fällen hinausgeht; etwas, 
was man mehr fühlt als ausdrüden Fann. 

Wir Haben früher oft miteinander halb ernfthaft, halb im 
‚Scherz über plößlich hingeworfene Thejen phantafirt. „Wie muß 
‚eine Perſönlichkeit befchaffen fein, damit ſich die jogenannte öffent: 
fihe Meinung und per Echo, die große und kleine und Fleinjte 
Preſſe dauernd mit ihr befhäftigt?” Das wäre fo ein Thema zu 
‚einer Iuftigen Discufftion. Was weiß denn das Dolf eigentlich von 
dem, was ic) vielleicht in ernfter Wiſſenſchaft angeregt oder gefördert 
"habe! Gar nichts. Es bildet fich ein Mythus; an Umverftandenes, 
doch halb Beahntes, zum Wunderbaren durd die Dolfsphantafie 
Aufgebauſchtes knüpft der Mythus an. Ich meine, die Kehlfopf- 
‚erftirpation und der Fünftliche Kehlfopf waren der Beginn meines 
Mythus, dann die Darm- und Mlagenrefectionen ur 1. w. — Das 
"Grausliche zieht das Dolf auch an, und dies weiß die Preſſe gut 
auszunutzen. 

— das wäre Alles ganz luſtig und erfreulich. Aber mich 
(bringt denn doch die Ueberſchwemmung von Anerkennuns ” 
"Derlegenheit, und wenn man dann wünfcht, daß ich a oe 
‚zur Förderung der Wiſſenſchaft [eben foll, jo erfaßt EN u — 
von Beſchämung. Denn ich muß mid nun ängjtlich — 
was erwartet man denn eigentlich noch von mir, dem — 
Manne im 59. Sebensjahre? Was ich kann, konnen — ER 
‚auch, vielleicht oft ſchon beſſer! — ae —9*— im 
en Die — * kung if Alfo was joll ich 
"Detail mitarbeitet, nur jo lange ma se Br 
nun eigentlich noch? en da jein, auf —— 
Melt fihtbar, — das ift wenig, wird aber ſchwerlich ME) 










a BD 


































\ 


kommen. Den öfterreichifhen Staat werde ich audy als Herrenhaus= 
mitglied nicht retten. — So fann man in meinen Jahren nur noch 
allenfalls als eventuell nüglicher Wegweiſer angejehen werden, der 
auf den richtigen Weg hindeutet, oder wenigjtens die Richtung des’ 
weiteren Weges marfirt. 
Meine Reconvalescenz ſchritt bis vor Kurzem enorm langfa 
vorwärts; feit einigen Tagen geht es aber entfchieden beffer. Der 
hieſige Drt ift jo recht dazu gemacht, einen Neconvalescenten zu 
fördern, wie Ihnen Freund Rindfleifch, der hier war, Schildern Fann. 
In alter Freundfchaft 
Ihr 


Th. Billroth. 
= h. Billroth 


244) An Prof. Socin in Bafel. 
St. Gilgen, 2. Juli 1887. 
Sieber Freund! 

Ic lebe hier auf dem Wittwenfig meiner Frau von meinen 
Nachlaß, der eigentlich allein für Frau und Kinder beftimmt war, 
- D-b es ſich verlohnen wird, mich, den halb Derftorbenen, hier noch 
eine Zeitlang zu füttern und endlich wieder in fein Amt in Wien 
einzufeßen, das ficherlich jest von einem Jüngeren befjer verjehen 
wäre, — muß die Zukunft lehren. Diejenigen, welche midy am 
15. Juni in Wien in den Salonwagen hineinfriechen jahen, den mit 
die Staatsbahn zur Reife zur Dispofition geftellt hatte, haben wohl 
faum gedacht, daß ich jest hier fchon wieder 2—5 Stunden, went 
auch recht piano, piano fpazteren gehen kann. Kurz, ich glaube jeßt 


} 


meine Werven, meine Leber, meine Nieren — die ganze alte Maſchine 
iſt ftrupirt — auch noch vieler Schonung bedürfen. ri 

Taufend herzlichen Dank für Deinen fehr lieben, herzlichen” 
Brief. Ich hoffe doch, wir fehen uns nächte Dftern in Berlin” 
wieder. Freilich mit dem Diniren und Kneipen tft es nichts meh” 
ich foll in Allem Maß halten, foll magerer werden, d. h. nicht wie 4 


einen plößlichen Strife beantworten könnte. Lohnt es ſich da noch 
der Mühe des Athmens? | 





— 505 — 


Dh! wo find die Seiten, wo wir in Dftende Burgunder und 
Champagner tranfen; fie Fehren leider nicht wieder! „Jung fein, 
ft Alles!“ 5 
Herzlichſten Gruß! 

Dein 
br Th. Billroth. 
245) An Prof. Mifulicz in Königsberg. 


St. Gilgen, 5. Juli 1887, 
Sieber Freund! 


Ihr ausführliher Brief vom 1. Juni hat mir große Freude 
gemacht; ich habe ihn eben noch wieder durchgelefen und dann wieder 
den Eindrud gehabt, daß Sie fich eigentlich jehr rafch in die dortigen 
Derhältnifje gefunden haben. Mir ift das befonders lieb, da ich jehr 
energisch zu dem Derlaffen von Krafau rieth, deffen Wiederbefesung 
große Schwierigkeiten zu machen fcheint. So habe ih nun die 
Freude, dag Czerny, Buffenbauer, Winiwarter, Sie und 
Wölfler ganz behaglid auf Ihren Profefjorenftühlen ſitzen. 

Daß Ihnen als halbem Wiener und befonders Jhrer Frau das 
Scharf ausgeprägte Preußenthum in der Krönungsjtadt der preußiichen 
Könige etwas fremdartig vorfommt, ift ja jehr begreiflich. Dafür 
entſchädigt für manche äußerlich gefälligere Form, dte man fo fehr 
vermißt, fowie man aus Dejterreic, herausfommt, die Empfindung, 
in einem eigenthümlid feftgefügten Drganismus einen Platz aus- 
zufüllen; und man gewinnt dadurch für fi und jeine Derhältnifle 
ein Gefühl der Sicherheit, welhes man bet uns faft täglich mehr 
verliert. Im Ganzen finde ich, daß man im deutjchen Reiche den 
Defterreichern wohlwollender begegnet, als es die Defterreicher den 
Fremden gegenüber zu thun pflegen. Man hat den ne 
perfönlich meift gern und läßt ihm befonders auf dem ‚Sehteie 2 
Künfte gern den Vorrang . . . Hoffentlich bin ich fürs Winter- 
femefter wieder flott. 


Freundlichften Gruß an Ihre Frau! A} 
Ahr 

Th. Billroth. 
* 


— 304 — 


246) An Dr. Gerjuny in Wien. 
St. Gilgen, 16. Juli 1887. 
Sieber Freund! 

Wir hatten uns ſchon fo fehr gefreut, Sie am 20. d. It. zu 
empfangen, und nun müffen Sie, wie id höre, noch 2 Tage länger ” 
in dem heißen Wien aushalten. Ich habe mid) hier in ein folches 
Sclaraffenleben hineingelebt, daß ich mir garnicht vorftellen fann, ° 
dag man im Laufe des Tages irgend etwas Anderes vornehmen 
Fann, als im fühlen Zimmer feinen Gedanken nahhängen, lejen, 
fchreiben, etwas muſiciren 2c. Ich mache meine Spaziergänge jest 
Morgens von 6—8 und Abends ‚von 7—9. Ein Mlorgengang > 
nad) Fürberg und über Aid, zurück ermüdet mich trotz mander 
Steigungen nicht mehr, als im vorigen Jahr, Weit ſchwerer wird 
mir der Abendgang; ich Fomme felten ganz bis Cueg und muß oft 
ausruhen ... . Sie brauchen gewiß die Erholung fehr nöthig und 
werden fie hier finden, wo die Natur fo friedlich und ftill ift, und 
man das Betümmel der Welt bald vergißt. 

| Ihr 


Th. Billroth. 
* 


247) An Prof. von Rindfleiſch in Würzburg. 
St. Gilgen, 31. Juli 1887. 
Sieber Freund! 

Chriftel ift durch Kogirbefuch und häusliche Angelegenheiten 
etwas ſtark in Anſpruch genommen, und jo habe ich mich angetragen, 
den lieben Brief Deiner Frau, der geftern eintraf, zu beantworten... 

Yun jest haft Du alfo audy endlich Ferien! Es ift doch zu 
unftinnig, daß wir fo bis in die größefte Hite hinein mit den Stus 
denten arbeiten müffen; doch es ift nicht zu ändern, jo lange der 
Staat auf Maffenerziehung von Aerzten hinarbeitet, und die mitt» 
leren Durchfchnittsföpfe durch vieles Lernen und Repetiren auf eine 
beftimmte Hochebene des Wiſſens hinaufgefhoben werden jollen. 
Hätten wir lauter talentvolle Schüler, denen ſchon mehr Können 
und Erfennen angeboren ift, als Andere in Jahren doch nicht lernen, 7 
fo brauchten wir weniger zu fchulmeiftern, und die Studenten weniger 
zu lernen und würden fchließlich doch mehr willen, als es jetst dee 
Fall zu fein pflegt. 21 








Ze 057r —— 


Mir geht es recht gut. Der Proceß in meinen Cungen ift 
wie mir meine Aerzte jagen, ganz ausgeheilt. Weigung zu Caleuhen 
noch immer vorhanden, daher noch einige Dorficht nöthig. Yun foll 
ih das Fett vom Herzen fort=örteln. Da ich, aber mit meinen 
Gallen⸗ und VNierenſteinen allzu ſtarke Waſſerentziehung fürchte, ſo 
laufe ich wie wahnſinnig 5—4 Stunden bergauf, bergab und Ken 
ſpirire dabei jehr ſtark. Abends trinke ich, wie ich es feit Jahren 
gewöhnt bin, eine Flaſche leichten öfterreichifchen Wein und rudere 
danach wohl nocd eine Stunde im Mondfchein auf dem See. — 
Wir bleiben bis 1. October hier, dann muß ich leider aus mate- 
riellen Gründen wieder in meinen Beruf nad) Wien; innerlich zieht 
mih nichts dahin. — Hu Eurer Reife wünfhe ich das fchönfte 
Wetter. 

Dein 
Th. Billroth. 
* 


248) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
St, Gilgen, 27. Auguſt 1887. 
Sieber Freund! 

Ic hätte Deinen lieben Brief vom 12. d. AM. ſchon längft 
beantwortet, wenn ich nicht im Kauf der Zeit vom 15. Junt bis 
heute von jener Schreibfaulheit ergriffen wäre, die den Menſchen 
leicht überkommt, wenn er ganz in und mit der Natur lebt. Ich 
komme mir dabei vor wie ein Baum, oder ein Fels, oder jonft etwas, 
was dahin gehört, nur daß ich mich zufällig bewegen kann. 

Ich habe mich im Lauf dieſer Zeit ſo an das Spazieren berg⸗ 
auf, bergab gewöhnt, daß ſelbſt das wiederholte Spazieren über die 
Spitze des Schafbergs und anderer höheren Hügel mich in keiner 
Weiſe ermüdet. Ich bin in meinem ganzen Seben nicht jo viel 
und fo leicht gegangen wie jetzt; es tft eben Uebungsjade. 

Da die Zeitungsfchreiber nichts Erhebliches zu jagen haben, 
und ich allerdings bald diefem, bald jenem Bekannten hier und dort 
begegnet bin, fo erhalte ich unausgejeßt Gratulationsſchreiben und 
Gluckwunſchkarten. Ich bin in der That oft tief gerührt — 
unaufhörlichen Ausdrücke der Theilnahme, die mir von a — 
zugehen und kann es eigentlich nicht recht begreifen, aa ih 
diefer feltenen Ausdehnung einer wirklich herzlichen En un 

Briefe von Theodor Billroth, D 


— 506 — 


gekommen bin. Denn wenn meine befcheidenen wiſſenſchaftlichen 
Seiftungen auch von meinen Fachgenoſſen und Lollegen erheblich 
überſchätzt, doch immerhin geſchätzt find, fo iſt doch das Publikum 
nicht in der Cage, darüber ein Urtheil zu haben. Es iſt curios, 
wie ſich eben um manche Perfönlichkeiten ein completer Mythus 
bildet, ſo auch um Dich neuerdings als Dpern-Componiften. Schade, 
daß es mit dem „Vomantiſchen“ nichts if. Auf das neue Doppel- 
concert bin ich natürlich fehr geſpannt. 

Banslid und Frau waren 2 Tage bei uns. Heute fam faber 
zum Speifen von Iſchl herüber, ift ſchon wieder fort. Wie ift es 
mit Dir? Baft Du nicht Luft, Div auch ein Mal mein Tusculum 
anzufehen, es lohnt ſich der Mühe; vielleicht auf der Rückreiſe nah 
Wien ... Du würdeft uns fehr durch Deinen Beſuch erfreuen und 
kannſt bet uns wohnen. Ein Telegramm am Tage vorher wäre 
erwünfcht, damit ich nicht etwa auf dem Scafberg bin, wenn? 
Du kommſt. B 

Dein 


Th. Billtoth. 
5 


249) An Dr. Gerjuny in Wien. 
St. Gilgen, 24. September 1887. 
Sieber Freund! 

Derzeihen Sie, daß ich Ihren lieben Brief vom 10. d. AT. erſt 
heute beantworte; ich kann zu meiner Entfhuldigung nur jagen, 
daß die Tage bis heute fabelhaft ſchön waren, und daß wir Bejud) 
von frau Seegen für mehrere Tage hatten, und daß ich Abends 
entweder mit dem Fürften und Dtto Taroc oder Skat gejpielt habe, 
oder mich mit frau Groll oder mit Elfe muſikaliſch unterhielt 
und u. . w. 

Es thut mir recht fehr leid, daß Ste mit fo mandherlei Un 
annehmlichfeiten im Rudolfinerhaus zu thun hatten; hoffentlich iſt 
das ſchon verwunden, und ich wünfche von Herzen, daß Sie von” 
jest ab nur Gutes erleben. { 

Yun fchlägt aud bald für mid) und Elfe die Abſchiedsſtunde 
von St. Gilgen, 3], auf Wien. Heute iſt es recht regnerifh und 
kalt, und doch wie gemüthlich in den geheizten Simmern; ich fan 
mich auf Momente ganz dem trügerifhen Wahn hingeben, daß ich J 








— 807 — 


bis Weihnachten und länger hier bleiben könnte. Die Wälder find 
kaum jtellenweife gelb angefärbelt, die Beleuchtungen waren zumal 
Abends wunderbar fhön; der Halbmond thut das Seinige dazu, und 
wenn ich mir die ganze Sandfchaft in Schnee denke, fo muß das 
auch herrlich fein. Leider liegen die Bade» und Sciffshütte und 
das Berfuny=Häufel till wie eingeschlafen da; nur der Garten blüht 
und grünt, als wüßte er nichts von den Menſchen, die ihn gefchaffen 
und fich an ihm gefreut haben. Und wie mäuschenftill ift es im 
Brunewinfel, wo fonft Alles von jubelnden Kinderftimmen erflang. 
| Ih hoffe, Sie werden mit mir zufrieden fein, wenn ich Ihnen 

wahrheitsgetreu berichte, daß ich bei meiner erften Wägung am 
8. Juli 1017 kg wog und am 25. Juli nur 89%, kg, in 11 Wochen 
12 kg verloren und dabei immer musfelfräftiger geworden Bin. 
Ich werde noc einige Zeit fo fortfahren bis zu 85 herunter und 
mich dann zwifchen 85 und 90 erhalten; weit darunter zu gehen, 
erlaubt mir meine Eitelfeit nicht, weil ich fonft, wie id) aus Bis- 
marck's Bildern von Lenbach (befjer umgekehrt) weiß, ſchrecklich 
viel Falten auch im Gefiht befommen würde, 

Ich bitte, mir nichts mehr hierher zu fenden, da ich übermorgen 
über Auffee, Steinah, St. Michael, Bruck nad, Trieft reife, wo ich 
Mittwoch und Donnerftag (Hötel de la ville) bleiben. werde. 
sreitag und Samftag bin ich in Abbazia, Sonntag Dormittag in 
Wien. Elfe reift mit mir bis Brud, dann noröwärts; fie fommt 
Dienſtag Abend in Wien an. Ich denke einige Stunden bei Se 
in Graz zu verweilen. Die herzlichften Grüße von Elfe und mir 
an Sie und Jhre liebe Bertha. 

Auf frohes Wiederfehen! Shr 


$ Th. Billroth. 


250) An Prof. Burlt in Berlin. 


ten, 5. October 1887. 
Mein lieber alter Freund! F 
So ſehr ich auch unſerem guten alten Au. ne 
nach der ich mich während meiner ſchweren nl 
gefehnt habe, fo hat mich doch die Nachricht tie \ — — 
Mich hat das Geſchick wieder ins Leben zurüc — 
dem ich eigentlich ſchon lange ganz fertig bin... 2100 


Er eh ſchwach, daß ich 
erſten Wochen in St. Gilgen fühlte ich mich fo ſchw . al 


— 508 — 


nur daran dachte, meinen Abfchied aus dem Staatsdienft zu nehmen. 
Dann erholte ich mich aber in meinem paradiefiichen Tusculum fo 
vafch, daß ich wieder fräftiger geworden bin, wie feit Jahren. Jh 
war 5 Mal auf dem Schafberg, habe oft Touren von 10— 12 Stunden 
täglich bergauf, bergab gemadt. Noch plagte mich immer die 
melancholifche Idee, daß die Menſchen mic, endlich vergefjen haben, ° 
und meine Praris beim Teufel ſei. Doch da ich meinen Eintritt 
in die ärztliche Thätigkeit mit einer Nierenerftirpation in Triejt be- 
gann und Alles wie fonft ging, und da auch heute, als ich zum 
erften Male meine Sprechftunde abhielt, viele Patienten antraten, 
fo habe ich wieder Courage befommen und will nun fehen, was 
ſich noch machen läßt. Den Hygieniker-Congreß habe idy abſichtlich 
vermieden aus Gründen, deren. Auseinanderfesung hier zu lang- 
weilig wäre. Doch nun genug von mir! 

Ich hatte heute einen Brief von Faltenhagen (Sie kennen 
ihn gewiß, ein alter Freund der Familie Langenbeck, Oberſt a.D.)M 
der mir mittheilte, daß Sangenbed’s Begräbniß*) in Berlin ftatt 
finden werde; er hat feinen Tag angegeben. Mein erjter Gedanke 
war, zu diefem Zweck nad) Berlin zu reifen. Doc, fprechen vielerlei 
° Dernunftgründe dagegen. Ich bin erft geftern angefommen und 
finde zinen Berg von Arbeiten vor; aud will meine Familie, die 
ängftlich über meine Befundheit wacht und mid aufopfernd während 
und nach meiner Krankheit gepflegt hat, nichts von einer neuen 
Reife wiffen, und ich habe darauf einige Rückſicht zu nehmen. | 

Ich bin ganz Ihrer Anficht, daß am Ende des noch nicht aus⸗ 
gegebenen 2. Heftes des Bd. XXXVI etwas über Sangenbed’s' 
Tod gebracht werden muß. Ich möchte Ste aber recht jehr bitten, 
dies zu entwerfen und mir dann zuzufenden als Manufcript. Ein 
Commiffionsarbeit fürs Herrenhaus, eine Lommifftonsarbeit für die’ 
Stadt Wien über Schulbanffrage u. A. muß ich machen; das geht‘ 
mir nach 4monatlicher garftiger Unthätigfeit ſchwer ab. i 

Am Schluß des Nachrufs müßte dann etwas über das weitere: 
Geſchick des Archivs gefagt werden, Wir fonnten uns Kangen® 
bed gegenüber wohl in untergeordneter Stellung als Redacteure 
geriren, doch Feinem anderen Chirurgen der Welt gegenüber 
dürfen wir in zweiter Linie uns auf dem Titel des Archivs jo ver“ ; 












*) Bernhard von Langenbeck ftarb am 29. September 1887 in Wiesbaden‘ 


— 509 — 


halten. Ich bin nun ganz damit einverftanden, wenn es fünftig 
heißt: Arch. f. k. Ch., herausgegeben von Bergmann, Billroth 
und Gurlt (nad) alphabetifcher Drönung), oder von Gurlt, Bill- 
roth und Bergmann (nad hiftorifcher und meritorifcher Drönung) 
und autorifire Sie, in diefem Sinne mit Hirfhwald und Berg- 
mann in Derhandlung zu treten. Wenn Sie dabei, wie bisher, die 
factiſche Saft der Redaction ferner tragen wollen, fo werden Ihnen 
alle Chirurgen deutſcher Hation dafür unendlich dankbar fein. 
Scheint es Ihnen und dem Derleger opportun, daß die Heraus- 
- geber allein dem Deutſchen Neich angehören, fo werde ih darin 
ſicherlich Feine Beleidigung, jondern nur ein fachliches Motiv fehen 
und als bereits einmal Derftorbener und wiſſenſchaftlich nur ſchein— 
bar redivivus gern vom literarifchen Schaupla& abtreten. Ich habe 
das jhon bei der neuen Redaction der „„Deutfchen Chirurgie‘ ge- 
wünſcht; doc; damals lieg mih Enfe nicht los. Inzwiſchen ift 
ein Decennium vergangen, und mein Stern ift im Sinfen. Gewiß 
wäre es für das Gedeihen des „Archivs“ befjer, wenn jüngere 
Kräfte hervorträten, wie Koenig, Dolfmann, Trendelenburg*) 
u. 4. NUeberlegen Sie das wohl. Auch hier gilt mein Wahliprud 
„it is the cause!“ 
Yun aber: wer foll Sangenbed’s Nekrolog jchreiben? Es 
ift eine Schöne, aber fehwierige und große Aufgabe, denn es heißt 
eigentlich eine Befchichte der modernen deutſchen Chirurgie [chreiben. 
Meiner Meinung nah find von Langenbeck's Schülern nur 5 
dazu berechtigt: Gurlt, Esmarch, Billvoth. Ich ftehe Ihnen 
und Esmardy darin gern nad; Sie würden es viel gründlicher 
machen, als Es march oder ih. Esmarch ſtand Langenbed wohl 
perſönlich am nächften. Correſpondiren Sie darüber mit Esmard). 
Ih füge mich Ihnen Beiden unbedingt. Sollte Ihre Wahl auf 
mich fallen, fo müßte ich viel Zeit haben und denfe mir 08 Sache 
folgendermaßen. Der näditjährige Chirurgen-Congreß müßte mit 
einer feierlichen Sitzung in der decorirten Aula beginnen, wo nichts 
; -£eier. Da müßte die Rede gehalten 
vorgeht als die Sangenbed-f — 
werden, die dann mit Anmerkungen vermehrt im ey als F — 
log erfcheinen würde, Die Feier muß großartig in Scene geſetzt 
werden. 





) Prof. der Chirurgie in Roſtock, Bonn, Leipzig. 


— 30° — 
























Derfügen Sie über mich, wie Ste es für guf halten; ich habe 
wenig Arbeitsluft und kann Ste nur bewundern, wie Sie wieder fo 
trefflich über „Krankenpflege“ geichrieben haben. Doc würde ih 
verfuchen, noch einmal den Veſt meiner Kräfte zufammen zu nehmen. 


Ihr | 
$ Th. Billcoth. 


251) An Prof. Öurlt in Berlin. 


Sieber Freund! 
Beiliegend ſchicke ich Ihnen, wie Ste wünfchten, einen Nachruf 
für Sangenbed, der im nächſten Heft des Archivs vornan, mit 
einem ſchwarzen Rande umzogen, zu erfcheinen hätte. Correcturen 
brauche ich nicht. Aendern Sie, was Sie für pafjend halten. 
Was die Bedächtnißrede beim nächſten Chirurgen-Tongreß bes 
trifft, fo wäre es wohl am natürlichſten, wenn Bergmann jelbit” 
die Rede hielte, Je mehr ich darüber nachdenfe, um fo ſchwieriger 
und größer erſcheint mir die Aufgabe; ich weiß nicht, ob ich noch 
im Stande bin ſie würdig zu löſen. Ueberlegen Sie das wohl; 
- Bergmann fönnte die Aufgabe gewiß objectiver löfen. Ich füge? 
mic; „durchaus Ihrem, Esmardy’s und Bergmann's Beſchluß. 
Fällt mir die Aufgabe dennoch zu, ſo würde Bergmann den Act 
einleiten, und ich müßte, um einen paſſenden Anſchluß zu finden, 
vorher wiffen, was er fagt. Jedenfalls müßte ich auf Esmard’s, 
Ihre und Arnold’s*) Müthülfe rechnen können. 
Morgen eröffne ich meine Klinik mit einem Nachruf an 
Sangenbed... 
Ihr 


Wien, 9. October 1887. 


Th. Billvoth. 
* 


252) An Frau Prof. Seegen in Wien. 
Wien, 15. October 1887. 
Derehrte Freundin! 
+ Die Eröffnung meiner Klini? am 10. d. M. muß ih als 
eine Feierftunde meines Lebens regifteiren. Seit dem Riefenfadelzug, 
den mir die Wiener Studentenfhaft bei Ablehnung der Berufung } 





) 3, von Langenbeck's ältefter Sohn, Generallientenant und Divijtonse” 
Commandenr von Kangenbecd in Köntgsberg i/Pr. 





eo Mer 


nach Berlin brachte, habe ich fo etwas nicht erlebt, Es war im 
Anſchluß der Gedächtnißfeier meines unvergeglichen Kehrers wohl 
ein Rauſch der ſchönſten und edelften Empfindungen, Sie werden 
- Alles, was gejprochen wurde, in der nächften Mummer der Wiener 
mediciniſchen Wochenfchrift Iefen; doch der warme, herzliche Klang. 
der Stimme läßt ſich nicht drucken. 

Meine früheren und jetzigen Affiftenten und Dperateure hatten 
mein Simmer in einen Blumengarten verwandelt; in einer Ede 
war ein großer Blumenaufjas von dem Dienft- und Warteperfonal; 
ich war davon wirklich gerührt, Auch jetzt wieder nehmen die 
fchriftlichen und telegraphifchen Gratulationen noch fein Ende. Mein 
Capital an Menfchenliebe trägt in der That die größtmöglichen 
SFinſen. Selbſt die Marktweiber gratuliten Chriftel zu meiner 
Öenefung, und wenn ich durch die Alferftraße gehe oder an einen 
Fiakerſtand Fomme, winken mir Alle zu. Ich hab’ den Leuten doch 
gar nichts Befonderes gethan und frag’ mid) immer wieder: wie 
fommt das Alles? was haben nur die Menfhen an mir? Wenn 
ich dabei immer unausftehlicher werde, fo ift es wahrlich mit die 
Schuld der Menfchen, die mich fo durch ihre Kiebe verziehen . . . 


hr 
Th. Billtoth. 
* 


255) An Prof. Czerny in Heidelberg. 
| Wien, 21. October 1887. 
Kieber Freund! | 

Schade, daß Sie mich nicht in St. Gilgen bejucht haben; es ift 
dort fo paradiefifch ſchön, daß ich die Seit gar nicht erwarten Fann, 
dort ganz zu wohnen. 

Ar * miſerabel gut, d. h. meine Gebirgslaufeut hat 
mich angenehm entfettet, und da ich fie hier nicht fortſetzen kann, 
muß ich hungern und dürſten wie der ärmſte Proletarier; nein, 
ſchlimmer, denn der darf doch wenigſtens Waſſer trinken. Ds 

Su Langenbeck's Gedächtnißfeier am nächjten — 
Congreß komme ich jedenfalls nach Berlin und hoffe auch Sie dor 
zu treffen. 

Herzliche Grüße von haus zu haus! 

Ihr 
Th. Billroth. 
* 


— 312 — 
























254) An Prof. Ezerny in Heidelberg. 
‚Wien, 20. Januar 1888, 
Mein lieber Freund! 


Ihr lieber Brief vom erften Weihnahtstage hat mid) recht er⸗ 
freut; er ift mir ein liebes Seien, daß Sie meiner noch nicht ver= 
geffen haben. Leider entnehme ich demfelben aber auch, daß auch 
an Sie ſchon hie und da Sorgen herantreten, an denen ich ebenfo 
herzlichen Antheil nehme, wie an Ihren Sreuden. Möge ſich Alles 
bald zum Befferen wenden. 

für Ihre neue Photographie noch befonderen Danf. Einen 
Abdrud nach Lenbach's Zeichnung von mir jchide ich auch heute 
an Sie ab. 

Mir geht es andauernd gut. Ic habe mid, im Körpergewicht 
von 110 auf 85 Hilo heruntergebraht, bin dabei fehr viel täglich 
in der frifchen Luft, und wenn id) aud inzwifhen ganz weiß 
geworden bin, fo behauptet doch die böfe Welt, daß ic; viel jünger 
als früher erfcheine und mid) aud) dementfprechend betrage. IK 
war eben früher fehr ſchwerfällig und langſam in meinen Bewegungen 
“ und bewege mich jetst wieder viel leichter. Ich gehe täglich 2 Stunde 
fpazieten bei jedem Wetter. Ueber die Weihnadhtsferien war i 
14 Tage in Abbazta, wo id) täglich 20—26 Kilometer gelaufen bin, 


wenig genug. 
Meine Praris hat in den letzten Jahren rapid abgenomme 
und zwingt mich, eingefchränfter zu leben, und was mir am wehejte 
thut, weniger large nach allen Richtungen zu geben. Meine Kinder 
find alle drei erwachſen; ich möchte gern mein Haus verkaufen, d 
ih zu viel Geld darin verwohne und fehne mich danadı, meine 
Profeffur niederzulegen. Keider geht das der Kinder wegen nicht 
Bergab ift auch nicht immer ſchön! 
Herzliche Grüße! 
Ihr 
Th. Billroth. 











1SS>. 





255) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 


Wien, 15. März 1888, 
Kieber Freund! 

Ich denfe mir die Sufammenfesung des Muſikabends, den Du 
uns für nächte Woche (Donnerftag oder Samftag) verfprochen haft, 
folgendermaßen: der Mleifter, Familie Billroth, Bomperz und 
frau, Higg, Walter*) mit Frau und Tochter, Hornboftel mit 
Magnus, Chrobaf und frau, Dr. Kellinger und Stau, Faber 
und frau, frau Bromeisl-Girzif, Enıma Bamberger, Rotten- 
berg**), Mandyczewsfi***), Hermine und Minna Spießt), 
Hanslif und Frau, Dr. Kresfhmart+), Kalbek und Stau, 
Brüll und Frau, Boldmarf. Zufammen 55 Perfonen, doch Alle 
mit Feuereifer dabei. Kannft Du mir noch Künftler oder Kunft- 
freunde nennen, deren Gegenwart Du wünfcheft, fo bitte ich darum. 
Ich möchte es Dir recht behaglich machen. ; 

Dein 
Th. Billroth. 
* 


256) An Prof. Ezerny in Heidelberg. 
| Wien, 27. Juli 1888. 
Sieber Freund! 

Erft heute am Abend vor meiner Abreife nad St, Gilgen 
komme ich dazu, Ihren lieben Brief vom 25. Mai zu beantworten. 
Sie Schreiben mir von Ihrem Iuftigen Sufammenfein mit meinen 
alten Freunden. Das rief manche liebe Erinnerung an ſchöne 
Jugendzeiten wach, und ich möchte gern einmal wieder in jenem 
mir ſo lieben Kreiſe weilen. Doch ich bin ſehr reiſefaul geworden; 
und ſitze ich einmal am Wolfgangſee, ſo komme ich ſchwer von 
dort fort. ——— 

Es geht mir im Ganzen ſehr gut; ich bin arbeitskräftig, EM 
in meinen beften Tagen, nur nicht jo arbeitsluftig. Ih wünfchte 


*) Hofopern- und Kammerfänger in Wien. 
**) Tonfünftler in Wien. 
***) Mufifgelehrter in Wien. 34 

+) Hermine Spieß, Concertſängerin. 
+7) Muftfdirector aus Leipzig. 


mir jest noch einmal eine große Aufgabe, 5. B. einen Krieg; da 
würde ich noch einmal alle meine Kräfte zufammennehmen und 
glaube noch etwas leiften zu können. Doch die tägliche Schulmeifter- 
und Praris-Arbeit vegt mid) wenig an und ermüdet mich. Leider 
ift mein Wohlbefinden an eine fchwere Kelte gefefjelt, nämlich an 
große Mäßigkeit im Effen, Trinken und Rauchen. In Folge defjen 
fliehe ich alle Gefelligfeit; denn ich verfalle dann leicht wieder in 
mein behagliches früheres Dafein und ärgere mid wüthend, wenn 
ich dann am anderen Tage 2 Kilo mehr wiege. Ich wiege mich 
nämlich jeden Mlorgen und bemefje danach, ob und was ich ejjen 
und trinken darf. Es ift unerträglich; doch ich befinde mich dabei 
wohler als je und muß mic, für Frau und Kinder conferpiren ... 
Sollte Sie Ihr Weg im Auguft oder September einmal ins Salz 
fammergut führen, fo würden Sie uns durch Ihren Beſuch fehr 
erfreuen. Ich war nahesu 8 Wochen allein und freue mich, meine 

Familie in St. Gilgen zu begrüßen. 


Ihr 
Th. Billroth. 
* 
257) An Dr. von Eiſelsberg in Wien, Aſſiſtent Billroth’s. 
+ St. Silgen, 23. September 1888. 


Sieber von Eifelsberg! 

Das Gruppenbild unferer Klinik hängt bereits hier in meinem 
Zimmer; ich danke Ihnen fehr für deffen Sufendung. Grüßen Sie 
alle Herren aufs freundlichfte von mir. 

Ich war hier nicht geradezu faul, denn ich habe mich viel mit 
Pſychologie und Aefthetit befhäftigt. Das iſt eigentlich nur eine 
Beihäftigung mit fi) felbft, wovon Antonio im Taſſo fagt, daß fie 
wohl reht angenehm fein fönne, doch Anderen wenig nützlich. Doch 
gehe ich trotz der letzten wunderbar ſchönen Wochen hier in meinem 
Tusculum gern wieder zu nüglicher Thätigfeit zu meiner Klinik zurüd. 

Uebermorgen reife ih ab, bitte alfo nichts mehr herzuſchicken. 
Ich bleibe noch einige Tage in Altauſſee und dann in München, 
und denke am 6. Detober in Wien einzutreffen, am 8. Dctober die 7 
Klinik zu eröffnen, wenn es die Anderen auch thun. 

Freundlichite Grüße an Alle! 


Ihr 
$ ; Th. Billroth. 





258) An Frau Prof. Seegen in Wien. 


Wien, 15. October 1888, 
Siebe N 2'/2 Uhr Morgens. 

Welche Freude hat mir Ihr lieber Brief bereitet! ein Brief 
von Ihnen und ein Brief aus meinem lieben Abbazia. Wie Fenne 
ich dort jeden Weg, jeden Baum, jeden Fels! Könnte ich mit Ihnen 
die vielen Wege nach Deprinac, nach Coftua u. ſ. w. wandern und 
nad} jeden 10 Schritten Ihnen jagen: wie fhön! wie friedlich! Die 
Natur ijt dort jo liebenswürdig! nicht fo befjhämend großartig, daf 
man in fein Nichts als Menſch zurücdgeworfen wird, Sondern doc) 
noch in Beziehung mit Meer, Felſen, Bäumen, Bergen treten kann, 
ihnen gleihwerthig . . . 

Don mir aus lester Zeit zu erzählen, würde ein dicker Band 
gedruckter — doch nicht gefchriebener — Tagebücher nicht umfaffen. 
Unbewußt empfängt man taufend Eindrücde, die fich dann zufammen- 
ballen zu einer compaften, doch faum entwirrbaren Maffe. Aus 
dieſem unbewußt entftandenen Knäuel etwas Flar Bewußtes zu bilden, 
iſt eine Fünftlerifche Leiftung, der ich nicht ganz gewachſen bin. 

Lenbach's Fünftlerifche Beftaltung von Elfe’s Kopf hat ſich 
für Elfe, für mich zu einem Kebensereigniß geftaltet. Ich Fannte 
Elje faum wieder. Diefe Mimofe hat fih ihm wie der Sonne 
entfaltet... . 

Heute Abend die erfte Dorftellung im Heuen Burgtheater: 
Eſther. Die poetifche Schönheit des zweiten Actes in wunderbarer, 
überfinnlich-finnlicher Darftellung Sonnenthal’s und der Bar- 
fescu erfaßte mich mit foldher Gewalt, daß mir die Thränen von 
den Wangen rollten, Schäme dich, du alter Mann! . . . 

3 Uhr Morgens! doc ich kann noch nicht ſchließen. Mein 
Herz iſt voll, und wenn das Ueberfließende Sie ſtört, wiſchen Sie es 
—* en als die heutige Eröffnungs-Dorftellung im — 
Wunderhauſe der Poeſie war die letzte Vorſtellung im —— 
theater. Antigone, Iphigenie. Mehr als ein ee — 
zwiſchen Sophocles und Goethe, und doch welche — 
Gedanken! Poeſie und Plaſtik ſind doch das einzis RR 
Kunft. Malerei, Mufif, Architektur ꝛc. find viel le ee 
den Zeitgeiſt. Mozart’s Don Juan, Beethoven s Sinfoniee 


— — 


werden erblaſſen, verſchwinden wie die Fresken an der neuen Pina— 


kothek in München; doch Antigone, Hamlet, Fauſt werden das 
Menſchengeſchlecht überdauern. — Ad}! hätten Sie das „Parzenlied“ 
von der Wolter vorgeftern gehört! Das Entftehen und das Der- 
gehen der Welt lag darin! Armfelige ditbändige Philofophen, was 
ſeid Ihr gegen den Poeten! . . 

Yun gute Macht! Ic bin zu müde, den Brief zu überlefen. 
Haben Sie Nachſicht, Sie, Itebe Freundin mit 


Ihrem 
* Th. Billroth. 


259) An Prof. Gurlt in Berlin. 
Wien, 17. October 1888. 


Sieber Freund! 

Ich bitte Sie freunölichft, mich in Beſitz des Reglements für 
die Prüfung der „Beilgehülfen‘ in Preußen zu fesen. Auch möchte 
ich gern wiffen, worauf ihre Chätigfeit beſchränkt tft, und wie Ueber- 
stiffe ihrer Funktion beftraft werden, auch ob es in anderen Derttjcheng 
Sändern die Inftitutionen der „Heilgehülfen‘ giebt. 

Seit die „Chirurgen und „Bader“ bei uns verſchwunden find, 
giebt es außer den Hebammen gar Feine Mittelsperfon zwifchen dem 
Publikum und dem allein zur Praris berechtigten Doctor medicinae 
universalis, der aber troß feines pompöfen Titels oft nicht weiß, 
wie man Blutegel, Schröpfföpfe fest, zur Ader läßt, Savements 
giebt, Bäder herrichtet ıc. Und wenn er es auch jelbit weiß, jo 
kann und foll er es doch eigentlich nicht felbft machen; es giebt aber 
feine officielle Medicinalperfon, welche verpflichtet ift, dieſe kleinen 
ärztlichen Hülfsleiftungen zu fönnen . . . E 


Ihr 
$ Th. Billvoth. 


260) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 4. December 1888. 
Sieber Freund! 
Ich freue mich fehr über Deine Zufage zu Morgen Abend, 
Der Kieder- Abend der Frau Paumgartner-Papier*) ijt über 7 
morgen Abend. 





*) Hofopernfängerin in Wien. 





— le 


Ich bitte Dich, mich durch beiliegende Karte wiſſen zu laſſen, 
ob Du uns die Freude machen willft, nach dem Cheater bei uns zu 
foupiren. Ein „Ja“ oder „Wein“ genügt. Hoffentlic) das erftere, 

Du magjt mic recht auslahen, aber ih bin nun einmal ein 
großer Familien-Simpel geworden, Meine Mädels entwideln ſich 
ſo prächtig, ihre Kenntniſſe erweitern ſich, ihre Empfindungen ver- 
tiefen ſich (ſiehe Llavigo!), daß id) Alles, was. mich bewegt, an 
meinem Familientiſch durchiprehen kann und dann ficher bin, ver- 
ftanden zu werden. 

Ih bin auf der Höhe meines Glücks! und „fürchte die Götter!“ 
Es jtrömen mir dte Mittel zu, mein Rudolfinerhaus zu vollenden; 
Alles deutet darauf hin, daß ich auch auf dent Gebiete meiner Lehr- 
Thätigfeit etwas erringe. ch ftürze mich in die Wogen der Politif 
und fühle mich Förperlich und geiftig frifcher, Fampfesmuthiger denn 
je. Nur bejchleicht mich manchmal der Zweifel, ob man fi inı 
Alter nicht potenter glaubt, als man ift. Doch daß auch ſolche 
Hweifel mich nur vorübergehend plagen, ift mir ein Seichen meiner 
- Gefundheit. 

frau Lucca Elagte geftern Abend über Halsfhmerzen und war 
nicht ganz ficher, ob fie Morgen fingen könnte. Würdeſt Du eventuell 
auch Samftag zum „Tribun von FSamora“ Fommen? 

Dein 
= Th. Billroth. 


261) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 19. December 1888. 
Sieber Herr Profeſſor! 

Ihr Plan“) ift reizend ausgefallen und genügt meinen Sweden 
vollfommen. Jin meiner Arbeit, die, fürchte ich, ziemlich umfang= 
reich werden wird, weil ich Alles von mir Geforderte — 
motiviren muß, werde ich ſagen, daß das Delle = Bar 
richtsräume zu den Kranfenzimmern em ſehr De — 
Ich muß mir einen gewiſſen Spielraum ſchaffen, — 
bietet, irgend einen beſtehenden Trakt des Krankenhauſes nach me 

Ede 
Ideen zu adaptiren Ihr dankbarer —— 
* 


*) Der Plan betrifft den von Billroth beabfichtigten Neubau feiner Klinik. 
; e {3 


— 58 — 


262) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 19. December 1888, 

.. . Öerüchtweife höre ich, der Kranfenhausdireftor tiftele an 
einen Plan der Kranfenhaus-Dergrößerung mit Aufbau eines dritten 
Stodfs. Ich würde dies für weit ungünftiger für die Sufteirculation 
halten, als den Einbau von Pavillons in den erften Hof. 

Ihr 


Th. Billroth. 
— h. Billroth 


265) An Prof. von Gruber in Wien. 


Wien, 23. December 1888, 
Sonntag Morgen. 
Sieber Herr Profeffor! 

Mein Aufjat ift fertig. Der Anfang foll in- nr. 1 der Wiener 
kliniſchen Wochenſchrift am Donnerftag, den 3. Januar, erjcheinen; 
ih gehe gleidy in medias res und beginne mit der Beichreibung 
des Amphitheaters. Womöglich follte alfo der Dlan fchon diefer 
Nummer beigegeben werden. Wann kann ich die Zeichnung zu 
demfelben haben? es drängt, denn zwifchen heute und Mittwoch, den ° 
2. Jañuar, an deffen Abend die Wochenschrift verfandt werden ° 
muß, liegen 5 Feiertage und ein Sonntag. | 

Ihr 


Th. Billeoth. 
* “ 
264) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 24. December 1888. 
Seinem trefflichen, liebenswürdigen Mitarbeiter jendet 
Dr. Th. Billtoth, 
Profeſſor der Chirurgie, 
aus den tiefiter Tiefen feines eigenen Kellers die herzlichiten Wünſche 
zum Feſt und zum Neuen Jahre 1889, in welchem die Blüthen > 
unferer Fantaſie zu reifen Früchten werden follen. 


* 





— 319 — 


265) An Prof. von Winiwarter in Lüttich. 


91 2 3 
—— — Wien, 24. December 1888. 
Ihre liebenswürdige Sendung für den Rudolfinerverein trifft 
mich ins Herz. Es fehlt nur noch wenig, um das ganze Project 
in idealer Geſtaltung zur Ausführung zu bringen. Tauſend Dank! 
Auch meine Klinik werde ich nach meinen Ideen neu bauen, 
dann auch das Llub-Haus für die Gefellfchaft der Aerzte. An — 
Raſtloſigkeit werden Sie erkennen, daß ich wieder ganz geſund bin. 
Im 
Th. Billcoth. 
5 


266) An Dr. von Eifelsberg in Wien, Aſſiſtent Billroth's. 
Abbazta, 1. Januar 1889. 
Sieber v. Eifelsberg! 


Ihr Ehef wird faul; nehmen Sie fich Fein Beifpiel daran. 
Mein Catarrh weicht langſam, und ich möchte mich gern ganz frei 
davon mahen. Ich werde alfo erft am 11. d. M. Dormittags 
in Wien eintreffen und erft am 13. die Klinif beginnen. 

Das Wetter war bisher meift trüb, auch ftellenweife Falt. Doc, 
heute gab es fhöne Momente. Ich fchreibe 10 Uhr Abends bei 
offenem Fenſter, mondfcheinbeglänztem Meer, Sirocco-milder Kuft. 
Das fann man doch in Wien nicht haben. 

Mit Baumgarten bin ic) fertig und habe mic unendlih an 
diefer trefflichen Arbeit erfreut. Yun habe ic heute die „Ballen“ *) 
angefangen und bin nicht minder begeiftert. Ein Flein bischen Ein— 
blick in die Natur ift doch unendlich viel intereffanter, als allzu viele 
Blicke in die menſchliche Gefellihaft. 

Sie müffen allein oder mit Paltauf \ 
Mikrobion finden. Ich hielt die Eriftenz eines ſolchen früher für 
fehr wahrfcheinlich, doch die „Ballen“ und das „Bühner-Epitheltom‘ 
geben wichtige Fingerzeige. Halten Sie feſt an der Bacteriologie! 
es ift num einmal die Zufunft der Pathologie für die nächjte Seit. 


*) Studien über Galläpfel. —— J 
**) Affiftent am pathologiſch-⸗anatom. Inſtitut zu Wien. 


**) zuſammen das Carcinom⸗ 


— 320 — 


Ruhen Sie für jest nur aus! ich habe manche Aufgaben für meine 7 
junge Schule im Kopfe. 4 

Ihnen und allen meinen lieben Freunden und Schülern ein 
herzliches Profit Neujahr! Sp 


r 
Th. Billroth. 


267) An Dr. von Mundy*) in Wien. 
Wien, 19. Januar 1889. 
Mein lieber alter Freund! 


Berzlichften Dank für Ihre lieben Zeilen und Ihre Zufendung, ° 
auch für die früheren (Vorlefungen). Sobald ich ein bischen Kuft 
habe, werde ich mir eine gute Stunde mit der Keftüre machen. Sie 7 
glauben nicht, wie ſchwer das hält neben Amt, Gefhäft und Familie 
auch noch Dinge zu feinem Dergnügen zu treiben. früher brauchte 
ih wenig Schlaf, fünf Stunden haben mir . jahre lang genügt. 
Auch war die Mechanik meines geiftigen Couliffenwechjels eracter 
in ihrer Wirfung. Ic fonnte mich) in Fargen Minuten in die 
heterogenften Gegenftände vertiefen. Das Alles läßt nad, ich werde 
fchwerfälliger. Mein Blick für das Wefentlihe hat fich vielleicht 
geſchärft; doch um mid eingehend mit etwas zu bejhäftigen, in 
Details vorzudringen und aus ihnen, wie es eigentlich nad) induce 
tiver Methode fein foll, zum Allgemeinen vorzudringen, dazu brauche 
ich Seit. Da arbeitet mein Beift Iangfamer. Immerhin beflage 
ic) mich nicht; zuweilen gelingt mir nod) etwas, und das giebt mir” 
wieder Muth, Neues zu verfuchen. 

Kun noh ein Wort — ſchonen Sie Ihre Kräfte! hr 
Werk braucht vor Allem Sie. gIhr 


Th. Billroth. 


268) An Prof. Czerny in Heidelberg. 
Wien, 25. März 1889. 
Sieber Freund! 


Es thut mir fehr leid, daß ich Ste in nächfter Seit wieder eins” 
mal in Wien verfehle., Doch ich muß mid) wieder aus dem mir 








*) Die im Nachlaß des Kreiheren Dr. von Mundy vorgefundenen Briefe 
find, mit Ausnahme von Ar. 358, in Abfchrift der glitigen Dermittlung des” 
Dr. Charas, Chefarzt und Keiter der Wiener freiwilligen Rettungs + Gejellichart, 
zu verdanken, ® 





ee 


zumideren Amt und Beruf für einen Monat herausretten, um für 
den Sommer wieder möglich zu werden. Nächſten oe den 
22.8. at, fahre ich mit Barbieri, Ad. Erner*) und rannte 
nad Sieilien, Capri, Iſchia und Fehre wohl erſt zum 1. Mai nad) 
Mien zurüd. 

Dor dem Chirurgen-Longreß habe ich eine unüberwindliche 
Scheu. Man. hat mich dort als Heißjporn gefannt, und nun foll 
ich als senex decrepidus dort erfcheinen; das überwindet meine 
Eitelfeit [hwer. Auch muß ich fehr mit meinen Kreuzern rechnen. 
.. . Eine Reife nah Berlin ift ein Cuxus, den ih mir nicht mehr 
erlauben darf, Sit transit gloria mundi. 

Ihr 


2 Th. Billroth. 


269) An Dr. von Mundy in Wien. 
Wien, 25. März 1889. 
Sieber Freund! 

Haben Sie herzlichjten Danf für die Ueberfendung Ihrer Bio- 
sraphie und noch mehr für die herzlichen Worte, die Sie mir hinein- 
gejchrieben haben. Ich werde das Buch mit auf die Reife nehmen 
und in Ruhe auf offener See leſen, dabet Ihrer ftets gedenfend. 
Auf ein fröhliches Wiederfehn. 

Ihr 


Th. Billvoth. 
* 


270) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Palermo, 10. April 1889, 
Mittwoch Abend. 

„Wie fternflar ift die Nacht!“ Ich überfehe von meinem Balkon 
den ganzen Hafen von Palermo. Die laue Luft iſt von Drangen⸗ 
blüthenduft erfüllt, wonnevoll, wonne ⸗wonne⸗voll! Monte Pelle⸗ 
grino links und Montebello rechts ſind in Mondesſchleier halb a 
hüllt, und doch erfennt man jeden Bug. Das Mleer — Ir 
von Zeit zu Zeit Blatjcht die brandende Wose dem nu Kande 
ihren Beifall. Den ganzen Tag haben wir heute tn der Campagna, 


*) Prof. der Jurisprudenz in Wien; geſt. 1894 — 


Briefe von Theodor Billroth. 


= B2E 


der Conca d’Oro verbradht. Bald lagerten wir uns unter den 
italtenifhen Eichen ins Gras, bald fpazierten wir am Strande und 
ſchauten dem Spiel der Brandung zu. — Dft gedenken wir Dein, 
nicht am mindeften heute bei den Collationen: Risi-Bisi a la Sici- 
liana, Langusta, Trippa, Insalata lattuga, dazu einen Wein — 
großartig! Wir hatten allerlei Abenteuer vor, Fahrt um den Aetna, 
Reitparthie nach Selimand e daltro. Doch das Wetter war unficher, 
und wir waren faul. April ift eben doch wie ein launiges, hyite- 


vifches Frauenzimmer. Es regnet gelegentlih —2. Stunden, dann 


ift es wieder paradieftich ſchön. 

Wir haben die gleiche Tour gemacht wie vor zwei Jahren, 
nur daß wir jett hier eine Woche in dolce far niente in Palermo 
und Umgegend liegen, mit behaglihen Simmern, die aufs Meer 
fhauen. Man brauchte eigentlich gar nicht auszugehen. 

Syrafus, wofür Erner fo ſchwärmt, hat mic auch diefes Mal 
nicht erbaut, tro& fchönften Wetters. Die Anapofahrt ift recht lang= 
weilis. In Pilla Sandolina habe ich an Platen’s*) Grab Deiner 
befonders gedaht. Du haft ihm den muſikaliſchen Sorbeer ums > 
Haupt gefhlungen. — In Taormina haben wir den Monte Denere 
beftiegen, wo wir nicht waren; es lohnt ſehr der geringen Mühe. 
— Girgenti hat wieder einen großen Eindru auf mic gemacht; es 
ift jetzt auch ein gutes Hotel (Hötel des Temples) dort. — Hier 
in Palermo haben wir früher Baghiera, Kefala und Solanto ver» 
fäumt; Alles fehr ſchön. Doch das Schönfte ift doch die höchſt be— 
queme Befteigung des Monte Pellegrino. Die Ausfiht muß man 
erlebt haben, um fich eine Dorftellung davon zu machen. Ueber die 
Blumenzbefäten Wiefen und dte fonftige Degetation kann ich nur 
das hiefige Sprichwort citiren: Alberi in fiori, cuori in amore! 

Was meine Reifegefährten betrifft, fo kann ich nicht genug 
des Siebenswürdigen und Behaglichen jagen. Zumal würde Did 
Barbiert begeiftert haben; der liebenswürdige Humor, mit welchem 
er mit Jedem anbandelt, ift entzückend. Erner wie Barbieri jind 
eben zwei fo eigene Indipidualitäten, daß man nur wünſchen möchte, 7 
es gäbe viele folche. | 

Aus Deinem lieben Briefe, der mich hier erreicht hat, ſehe ich, 3 
daß Du vorläufig in Wien bleibft. — Ih habe mich auf Bar 8 


*) Dichter Anguft Graf von Platen; geft, 1855 zu Syrakus. 





| 
| 


bieri's kräftiges Zureden entſchloſſen, den Chirurgen⸗Congreß in 
Berlin vom 25.—27. d. M. zu beſuchen. Uebermorgen werden wir 
von hier nach Neapel fahren; und einmal wieder auf Terra firma, 
werde ic dann nad) einigen Ruhetagen in Rom zu Dftern ‚in Wien 
jein, um am zweiten Dftertage nach Berlin. zu fahren, 

Wie die Brandung draußen raufht! Palermo-Berlin. Höchſte 
Poeſie und höchſte Proſa! 

Wenn Du Hanslick ſiehſt, grüße ihn herzlich von mir, Ich 
bin grenzenlos brief-faul; vielleicht finde ich in Rom noch einen 
Moment, ihm zu fchreiben. 

Wie dte Brandung draußen raufcht! 
„Sternklar ift die Macht!” 
Addio caro amico! 
Dein 
2 Th. Billroth. 


271) An Frau. Toppius in Eldagfen. 


Palermo, 10. April 1889, 
Mittwoch Abend. 
Siebes Emmcden! 


Ich habe Deinen lieben Brief von 16. Februar mit auf meine 
Diterferien-Reife genommen und finde erft hier in Palermo, dem 
Paradieſe von Sicilien, an einem ſtillen Abend Seit, Div zu danken. 
Alle Deine Nachrichten haben mich Iebhaft interefjirt. Immer 
kleiner wird der Kreis unferer Generation in der Familie, die fo 
zerftreut ift, daß unfere Kinder fich ſchwerlich wieder zuſammen— 
finden werden. Don Herzen wünfche ich, daß es Eud) Allen auch 
fernerhin gut gehen möge! Ich denke mir, daß Ihr in Eurer 
kleineren Welt weit mehr Befriedigung habt, als ich, der ich der 
großen Welt und allen Leuten angehören muß. Beruf und Amt 
zwingen mich, in Wien immer anderen Keuten zu Dienjten zu fein; 
ich komme da nie zu mir jelbit, und Frau und Kinder find mir faft 
entfremdet. Da fliehe ich denn hinaus, weit, weit fort, um ale 
Ruhe für mich felbft zu haben und meine Kräfte zu neuem Chun 


zu ſammeln. | | 

Ich fcreibe Dir bei offenem Balcon Abends 10 Uhr. Vor 

Mir das endlofe Meer, deſſen Wogen in die Brandung fchlagen. 
21" 


Herrlihe Berge umgrenzen den Hafen. Die Wiefen blühen und 
grünen, wie bei uns im Juni. Mlan lebt hier mit jo wenig Geld 7 
fo gut, wie ein fürft bei uns. Hummer und Auftern find am 
Strand für ein paar Pfennige zu haben, und der Wein ift faft = 
billiger als das Waſſer. Man ift wie betrunfen von aller Natur⸗ 
jchönheit und Iebt wie im Traun, Zu Oſtern bin ic wieder zu © 
harter Arbeit in Wien, — Traum und Leben, Leben und Traum! 7 
fo geht es fort! Addio! Taufend Grüße an alle Lieben! 
Dein 
= Th. Billroth. 


2722) An Prof. von Dittel in Wien. 
Wien, 1. Mai 1889, 
Sieber treuer Freund! 

Sie und Ihre liebe Frau überhäufen mich jo mit Ihrer herz- 
lihen Güte und Freundlichkeit, daß es fchwer ift, Worte des Dankes 
zu finden. Es hätte wahrlich nicht der jchönen Gejchenfe bedurft, 
um mich wiffen zu laffen, wie freundlich Ste mir gefinnt find. Dod 


da Sie es nun einmal fo befchloffen haben, jo jage id es gern, wie FR 


ſehr es mid) freuen wird, Ihr mir gefpendetes, für den Garten be— 
ftimnttes, Etabliffement in St. Gilgen ftehen zu ſehen, und daß ich 
immer dabet Ihrer herzlichit gedenken werde. Alfo taufend herz’ 
lichften Dank Ihnen und Ihrer lieben frau. 

Mit gleicher warmer Theilnahme wie Sie, fehe ich den lange 
famen Derfall unferes lieben Collegen Breisty.*) N. jagte mit, 
daß er der Frau auf ihr Derlangen die volle Wahrheit gejagt hat.” 
Ich gebe zu, daß dies unter Umftänden nothwendig ift; doch hier 
halte ich es nicht für nothwendig, Wie foll die arme Frau ohne 
eine Spur von Hoffnungsshimmer noch die Wochen ertragen, bis 
der Erlöfer aller Seiden fanft an ihren Mann herantritt! Mir 
müſſen ihr immer Muth einflößen und dem armen Kranken Morphin.’ 
Eine harte Arbeit! Doc; bedenfen wir wohl, daß jeder Hausarzt 
Bunderte von Malen in diefer Situation ift und feine unheilbaren? 
Kranfen täglicy oft fehen muß. Ahnte der Jüngling dtefe mora 
lifchen Qualen, wenn er begeiftert in den Tempel Aesfulaps tritt, 





| 
| 


er würde gewiß oft umkehren! Dem unverfchleterten Bild von Sais 
gegenüber zu ſtehen, dazu gehört die ganze unerſchrockene Reftgnation, 
die wir uns nur langfam in unferem Beruf erkämpfen. 


— 


hr 
x Th. Billroth. 


275) An Prof. Czerny in Heidelberg, 
Wien, 9. Mai 1889. 
Herrn Geheimerath Prof. Dr. D. Ezerny. 


Ich bitte Sie, der gefammten Heidelberger Klinik, die mir fo 
freundliche Glückwünſche*) fandte, meinen herslichften Dank auszu= 
Iprehen. Ich Fomme Jedem einen „Ganzen“. Beidelberg Vivat! 
floreat! crescat! 


— 


he 
E . Th. Billroth. 


274) An Dr. von Mundy in Wien. 
Wien, 7. Juni 1889. 

Freundlichften Dank für Ihre Glückwünſche. Die große Hitze 
wird Sie mehr noch, als uns Andere angreifen; nur nicht melan⸗ 
choliſch werden! Mit großer Freude ſehe ich faſt täglich Ihren 
"Bau wachſen. Sie werden über alle Hindernifje triumphiven. Könnten 
Sie nur einige Wochen in einem Schönen Erdenwinkel ausruhen, jo 
würden Sie wieder muthiger weiter fchaffen. 


= Th. Billroth. 





* 


1275) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
St, Gilgen, 16. Juni 1889. 


Sieber Freund! 


Durch einen Zufall höre ih, daß Mandyczewski und Rotten- 
berg bei Dir find. Wir bitten Dich, fie freundlichft einzuladen mit 


! . Bilfrotb it Pie 
*) Zum 60. Geburtstage. — Beren Profeffor Theodor ne Herafie 
Die gefammte Heidelberger chirurgifche Klinif bezeugt an * Kraft ——— 
Theilnahme an feiner Jubelfeier und wünſcht ihm noch lange Are Aus 



































zu uns zu fommen. Wir haben Plat in meinen Haufe, nicht nur” 
Euch drei, fondern auch noch einen vierten, etwa Ignaz Brüll” 
oder Goldmark unterzubringen. Wir würden uns Alle ſehr 
freuen, wern Ihr Alle fämet. Da ich nicht. weiß, ob Goldmarf 
in Baden oder Gmunden, Ignaz in der Brühl oder in Iſchl ift, 
fo bitte ich Dich, fie in meinem Kamen einzuladen. Ein ſolches 
Quartett oder Quintett mit einer Primgeige wie Du, das wäre ein 
Stolz für die Villa Billroth! Alſo, ſei einmal feſch! raſch von Ente 
ſchluß. Das Wetter ift von wunderbarer Conftanz; mir fällt dabet 
immer die Stelle. aus dem Elias ein: „Der Himmel ift ehern über‘ 
mir.” 

Ich rathe Eudy, mit einem flotten Wagen um 5 Uhr Nach— 
mittags von Iſchl direct hierher zu fahren; um 7, ſeid Ihr hier. 
Wir werden im Mondenfchein auf unferer Deranda foupiren. Wein, 
Eis- und Sleifch-Keller find gefüllt. Je früher Ihr fommt, deito 
beffer; morgen Dienftag, oder Mittwoch, oder Donnerftag. 

Am Freitag Nachmittag muß ich wieder nach Wien. Es be 
darf nur eines Telegramms am Dormittag Eurer Abreife mit Ans 
gabe der Zahl der Anfommenden. — Nochmals; wir find hier recht 
“ glüdlih und würden noch glüdlicher fein, wenn Ihr fommt. — 
Alfo ſchneller Entihluß: „Es muß fein!“ 

Dein 
— Th. Billroth. 


276) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 1. Juli 1889. 
Sieber Herr Profefjor! 
>. Soeben war der Kranfenhaus-Director bei mir; er hat 
mir eine Planfeisze für meine künftige Klinif gebracht, die, jo wie 
fie ift, nicht zu brauchen iſt. Ich bitte Sie recht fehr freundlich, 
mir die große Gefälligfeit zu erweifen, mir Ihren Rath darüber ZU 
ertheilen. Wenn ich etwas praktiſch in Angelegenheiten meine 





dauer zu feinem Amte, den Schülern zur Nacheiferung, der Wiſſenſchaft 
Ehre, Im Auftrage Czerny. — J 

Da Billroth an feinem Geburtstage (26. April) in Berlin zum Chirurgen a 
conarek war, wurde die Feier auf ven 6, Mai verlegt. Prof. Guſſenbauer 
bearüfßte Billroth in deſſen Wohnhauſe, und Dr. Richard Kretz als Sprecher DET 
Studentenfchaft in der Klinif, Abends war Bankett im NRiedhof. ww 


— BO 


Klimif erreichen will, jo muß ich gewiffe Concefftonen machen. Der 
Miniſter will zunähft für meine Klini? Geld verlangen und wird 
es befommen, Im Intereffe des Unterrichts muß ih das Eifen 
Ihmieden, jo lange es heiß iſt. Ich beläftige Ste ungern wieder 
mit dieſer Angelegenheit; doch habe ich nur auf Sie das Dertrauen, 
daß Ste das unter den gegebenen Derhältniffen Befte leiften. Alfo 
bitte, helfen Ste mir! Die Sache hat vorläufig einen ganz privaten 
Charakter . . . 
Ihr aufrichtigft ergebener 


e Th: Billvoth. 


277) An Prof. Hanslid in Wien. 
Wien, 16. Juli 1889. 
Sieber Hans! 


Seit Monaten der erite ruhige Morgen, ohne Klinif, ohne 
Eramina, ohne Patienten; Du kannſt Dir gar nicht vorftellen, was 
das jagen will. Die Geftaltung meiner nächſten Zukunft und zumal 
meines $erienaufenthaltes war bisher jo ſchwankend, daß ich fie 
noch nicht feftzuhalten vermochte. Einrichtung der neuen Wohnung, 
Ausrihtung meines alten Haufes, Hodyzeit meiner Martha), 
Wohnungsfuhe für das junge Paar, Neubau im Rudolfinerhaufe, 
Yeubaupläne meiner Klinif, Hofirung der dabei mafgebenden Der- 
fönlichfeiten, endlofe Eramina, jehr viel Privatpraris ıc. Alles 
brummte und brummt mir noch im Kopf herum. Du weißt, wie 
gern ich an Dich fchreibe, da Du die liebenswürdige Schwäche haft, 
mich gern zu leſen; ih will mich alfo nicht weiter entfchuldigen, 
daß ich erft heute Deine lieben Briefe beantworte. 

Berchtesgaden ift mir mit allen feinen Schönheiten jehr wohl 
befannt; wir haben zwet Sommer dort gewohnt; es freut mich herz 
ih, daß es Euch dort fo gut gefällt. Am Königsfee hat der No⸗ 
velliſt Richard Voß ſeine Villa. Ich kenne ihn nicht perſönlich, 
ſchwärme aber ganz beſonders für ſeine italieniſchen Novellen. Ich 
war ſo begeiſtert davon, daß ich mir ſeine ſämwtlichen Werke — 
ließ und fie durchfah; das tft ein probates Mlittel, um die EN 
eines Talentes richtig zu ermeffen, Er hat al un 
novelliftiichem Gebiet das Höchſte geleijtet, was fein Talent vermag. 


— A 4 nr A sure * li Mut n. 
*) Mit Dr. jur. Otto Kottlieb, Beamter im öſterr. Finanz Niniſterim 


Gar 


Sein Ehrgeiz ging nun aufs Drama und auf den Roman; es war 
ein Sprung gegen Felswände, wobei er fich ſchwer verlegt hat und 
nun an den Folgen diefer Fehlſprünge Fränfelt, und die Felfen für 
eine Dummheit der Natur, nämlich für ein dummes Publifum hält; 
er hinft Förperlih und geiſtig. Er muß ein intereffanter Menſch 
fein, der gewiß entzückend fein wird, wenn man ihm zufällig be 
gegnet. Ich habe vermieden, ihn, als er hier war, abfichtlid) zu 
befuhen, weil ich vermuthe, daß der Aufgefuchte unausitehlich fein 
würde. 

Brahnıs’ Seopoldsritterthum*) hat mid) fehr gefreut. Bravo 
Gautfh! Ich habe mich überhaupt über diefen Unterrichtsminifter 
nicht zu beklagen, feitdem ich nicht nachlafje, ihm tüchtig einzuheizen. 
Er hat den Weubau meiner Klinik in Fluß gebradt. 

Dein 
5 Th. Billroth. 


278) An Prof. Socin in Bafel. 
Wien, 12. Juli 1889. 


Mein lieber alter Freund! 


Berzlichen Dank für Deine rafche Antwort. Die Eifenconftruc- 
tion hat doch ihre Bedenken für ein Monftre- Auditorium mit fieben 
Sisreihen. Es geht ein großer Raum unten verloren, den man 
fehr gut für Käften ausnutzen kann; befonders aber ift die Akuſtik 
viel beſſer in einem Auditorium von Holz, das immer mitſchwingt. 
Die Böden der Sitzreihen müſſen eben abſolut dicht ſchließen und 
täglich) nad) der Klinik naß aufgewaſchen werden. 

Ich weiß nicht, ob ich Dir etwas von meinen Brandichriften ° 
über die Nothwendigkeit eines totalen Umbaues des Wiener k. k. ale 5 
gemeinen Krankenhaufes gefchiet habe. Da Du Did, für die Sache 
intereſſirſt, ſende ich Dir die beiden letzten. Sollteſt Du fie ſchon 
haben, ſo wirf ſie in den Papierkorb. Meine neue Klinik wird 
nun als beſonderer Pavillon in dem erſten rieſigen Hof des Kranken⸗ 
hauſes projectirt, und zwar ganz nach meinem Planen 5 4 

Was Du mir vom Berliner Chirurgen-Congreß ſchreibſt, ift J 


wohl zum Cheil richtig; doch urtheilſt Du zu hart über unſeren P 


*) Dr. Brahms war auf Antrag des Unterrichtsminifter Dr. Gautſch mit F 


vem öfterr. Keopoldsorden decorirt worden. 





— 329 — 


en a se machen: pathologifche Bifto- 
2 — e Technik ſind faſt bis zum Grund aus— 
geſchöpft, im Princip und innerhalb unſerer heutigen Anatomie und 
Phyfiologie eigentlich ganz erſchöpft. Es bleiben da alfo, wenn 
Einer durchaus Neues machen will, nur kleine Bafteleien übrig, 
von denen aus man leicht ins Hleinliche verfällt und auf Abwege 
geräth. 

Die Hauptaufgabe der Jetztzeit ift „Kritik“, Dazu gehört 
aber ein gewiſſes Quantum von Wiſſen und Erfahrung und Ruhe, 
wie ſie die aufftrebende Jugend nicht haben Fann, und die ihr auch 
gar nicht gut anftehen würde. Ich habe mich in Berlin rein 
beobadhıtend verhalten, und Du wirft mir Recht geben, daß das 
Niveau des Durchſchnitts-Wiſſens und -Könnens enorm viel höher 
und Flarer ift, als zur Seit, da wir anfingen. 

Die ganze Chirurgie der Welt trägt jest die antifeptifche Uniform, 
und im Militär kann man ſich nur hervorthun, wenn man be= 
jondere Gelegenheit dazu im Kriege hat. Das Individuum tritt 
jest gewaltig in den Hintergrund. Was meinft Du? Soll id, wenn 
ich noch lebe, beim nächſten Congreß einmal eine ntroductions- 
Cectüre über diefe Frage halten? Doch ich komme zu leicht ins 
Schwatzen. Unfere Kunft ift zu %/, Wiffenfchaft und Handwerk ge- 
worden (Kunftgewerbe). Haben wir das nicht Alle angejtrebt? 

Dein 
Th. Billroth. 
* 


279) An Prof. von Gruber in Wien. 


St. Gilgen, 28. Auguſt 1889. 


Sieber Herr Hofrath! 

Auch meine Nachrichten über den Bau meiner Klinik lauten 
durch Miniſterialrath v. David ſo günſtig, daß ich kaum meinen 
Ohren traue. Ich bitte nur, zu Niemandem darüber zu el 
bevor Sie offictell vom Unterrichtsminifter emen — ll 
trag erhalten haben, den definitiven Bauplan zu ee 5 
70 Betten betrifft, fo kann ich nur fagen, daß mein College e e 
fih auch damit völlig befriedigt erklärt, ebenſo wie ee n 0 
laffung des Aushebungsrehtes auf der SE 
Derlegungsrechtes der nicht mehr für den Unterricht verwendbare 


Patienten, fowte des engen Anfhluffes des Ambulatorium (Poli- 
klinik) an unfere Klinik, mit der Berechtigung, aus diefem Ambu— 
(anten-Material direct aufnehmen zu Fönnen. 
Noch kann ich es kaum glauben, daß meine fühnften Pläne 
einem Anfang ihrer Realifirung entgegengehen, denn mit dem Bau ° 
von zwei Pavillons ift: die Breſche in das alte Verſumpfungsſyſtem 
geſchoſſen. Es wird wohl noch viel Waſſer die Donau hinablaufen, 
bevor es dazu kommt. 
v. David ſagte mir, daß die Antwort des Miniſters v. Gautſch 
auf die Voſer'ſche Interpellation, in welcher die Regierung be> 
ftimmt einen Neubau der Klinik sugefagt hat, Refultat eines Be- 
fchluffes des Befammt-Mlinifteriums gewefen fei, wodurch auch v. Du= 

vajewsfy gebunden fei.. - 
Mit freundlicftem Gruß 

I Ihr 
Th. Billroth. 
* 
280) An Prof. Czerny in Heidelberg. 

St, Gilgen, ı1. September 1889. 


Sieber Freund! 
* s 


Ic hatte fehr die Abſicht, zur Yaturforfcherverfammlung nad) 
Heidelberg zu kommen. Es lodte mid, Sie, Beder, Süde und 
andere liebe Freunde wiederzufehen und meinen Collegen zu zeigen, 
daß ich wohl grau, fajt weiß von Haaren, doch immer noch nicht 
ganz todt bin. Doch es will ſich nicht ſchicken. Wir hatten hier 
bisher eine fehr unruhige Seit, immer das Haus voll Gäjte, dann > 
die Hochzeit in Salzburg, wo ic) die Derwandten meines Schwiegers 
fohns einladen mußte: ein Diner von 40 Perfonen, von denen id} 
eigentlich nur 10 Fannte. Das würde mid auch noch nicht ver⸗ 
hindert haben, nad) Heidelberg zu fahren. Doch nun ift meine frau 
ihon fort nach Wien, um den Umzug in eine andere Wohnung — 
ih habe nämlich mein Haus verfauft — einzurichten. Ich brauche 7 
nothwendig noch etwas Ruhe und wirthichafte hier mit zwei Töchtern To 
ganz behaglich. Kurz, es will fih nicht fügen. ® 

Einer meiner Affiftenten, Dr. v. Eifelsberg, fommt nad 
Heidelberg; meine beiden jetzigen Affiftenten, Salzer und Eiſels J 
berg, ſind beide ſehr talentvoll, operiren guſtios. Doch Eiſelsberg 





— Sol — 


iſt mir als Menſch ſympathiſcher; ex iſt etwas ſchüchtern, ſehr be— 
ſcheiden; bitte ihn ein Bischen zu protegiren. Seine Specialität in 
Operationen ſind Magenreſectionen und Uranoplaftit bei kleinen 
Kindern, aljo jo ziemlich die technifch Ichwierigften Operationen. 
Er hat mir verfprochen, von Heidelberg hierher zu mir zu kommen, 
um mir zu erzählen, wie es ihm bei feinem eriten Gaſtſpiel im 
Deutfchen Reich ergangen ift. Ich möchte gern meine Schule auch 
ferner mit derjenigen des Deutfchen Reichs in Derbindung halten. 

Herzlichite Grüße an Ihre liebe Frau und an Kußmaul, für 
den meine Elfe immer noch ſchwärmt. 

SM 


Th. Billroth. 
* 


281) An Prof. Wölfler in Graz, 
St. Gilgen, 13. September 1889, 
Sieber Wölfler! 

Es ift hier fo Schön, fo ftill und friedlich, daß ich oft wünſchte, 
alle meine lieben Freunde hier um mich zu fehen. So dachte ich heute 
auch befonders Ihrer. Sie würden mich ſehr erfreuen, wenn Sie 
mich hier befuchten. Ich empfange hier bis zum 24. d. AT. gern 
liebe Gäſte. Kommen Sie alfo auf einige Tage. Wir haben Gaſt⸗ 
zimmer genug, und wenn ich Ihnen auch nichts weiter bieten kann, 
als mein Haus und mich und die ſchöne Natur, ſo hoffe ich doch, 
daß Sie ſich nicht zu ſehr langweilen werden. 

ye 


Th. Billeoth. 
* 


282) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 15. October 1889. 
Sieber Herr Hofrath! J 

it wegen des Klinifbaues geht — F 
bärmlichen Schneckengang. Der Act liegt a 
Sinanzminifters, Dei welchem id} mich —— aa — 
ee, > ee en die Götter. 
wohl, aber wann? — wiſſe 


... Die Angelegenhe 


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Ol 
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| 


Inzwifchen laufen D. und W., mit großen Plänen bewaffnet, zwifchen 
Unterrichtsminiftertum und Miniſterium des Innern hin und her, 
Hoffentlich bleibt Gautſch feſt. Es ift doch unglaublich, was man 
hier durhmachen muß, um auch nur den Zleinften Schritt weiter 
zu fommen. 
Shr 
Th. Billeoth. 
* 


283) An Prof. Czerny in Heidelberg. 
Wien, 30. October 1889, 
IX, Kolingafje 6. 
Sieber Freund! 

... Mir ift es anfangs recht fchwer geworden, mic, in der 
neuen Miethwohnung zurecht zu finden; doch es ift ja naturgemäß, 
daß man im Alter zufammenfhrumpft . . - 

Ich habe hier noch einige Aufgaben zu löfen: die Dollendung 
des Rudolfinerhaufes, den Neubau einer hirurgiichen Mufter-Klinif 
im erften Hof des Allgem. Kranfenhaufes, und wenn möglich auch 
den Bau eines anftändigen Hauſes für die K. K. Gefellihaft der 
Aerzte, «Ich muß überall meine Perjönlichfeit feſt und wiederholt 
einſetzen, um diefe Dinge langſam, langſam weiter zu fchieben. 
Niemand hilft mir die vielen paffiven und activen MWiderftände zu 
überwinden. Manchmal bin ich ganz verzweifelt über die Indolenz 
und Trägheit der Menfchen. Dann giebt es wieder einen Fleinen 
Stoß vorwärts, und ich faffe wieder Muth. Sollte es mir gelingen, 
diefe Werke für Mufter-Kranfenpflege, für den Elinifchen Unterricht, 
für das collegiale wiffenfchaftliche Leben zu Stande zu bringen, dann, 
denke ich, wird man es mir nicht verübeln, wenn ih mid) zur Ruhe 
begebe. Doc; ich habe mich zu fehr überzeugt, daß in diefen Dingen 
nur durch perfönlichen Einfluß etwas durchzuſetzen tft; drum muß 
ich vorläufig noch aushalten, wenn ich aud) des Schulmeiſterns oft 
recht müde bin und mich felbft frampfhaft dazu anregen muß. Sie 
find noch jung und kennen noch nicht die Müdigkeit des Alters! 
Bleiben Ste frifch und gefund! 

Ihr 
Th. Billvoth. 








284) An Dr. Lewinſtein in Berlin. 


Wien, 31. October 1889, 
Sehr geehrter Herr! 


Ja halte das Tabakrauchen und Schnupfen entfchieden für 
gejundheitsihädlih. Katarıhe des Mundes, des Rad) d 
Magens werden dadurch angeregt und — 

geregt und unterhalten, die Entſtehun 
krebshafter Krankheiten, zumal der Zunge, dadurch begünſtigt. D 
ſtarke Gehalt des Tabakrauchs an Ammoniak und Karbolfäure 
(nach der Analyfe des Prof. Dr. E. Ludwi 
—— | ig) macht dies gar wohl 

Außerdem wirft der Wifotingehalt des Tabafs zweifellos ſchäd— 
lih auf das I \ x 

hc ervenſyſtem. MUebelfeiten, Schwindel, Herzklopfen 

[öglicher Ausbruch # Be 
plöglicher Aus ruch alten Schweißes; kurz, Anfälle von mehr oder 
weniger ſtarken Nikotinvergiftungen kommen bei Rauchern, zumal 
ſtarker, nicht ganz ausgetrocneter Cigarren und auch bei Cigaretten- 
rauchern, häufiger vor, als fie geftehen wollen. Nervöſe Schwäche 
der Augenmuskeln und Augennerven, ſelbſt Blindheit iſt von eng⸗ 
— und amerikaniſchen Aerzten als Folge des Rauchens con— 
atirt. 

Dieſe ſchädlichen Wirkungen begrenzen ſich innerhalb einer ge— 
wiſſen Toleranz und Gewöhnung der einzelnen Individuen an die 
Tabakgifte, wie an andere giftige Subſtanzen. Doch läßt ſich der 
Grad dieſer individuellen Toleranz nie vorher beſtimmen, und ich 
halte es ſomit für befjer, die Jugend nicht an das immerhin efel= 
hafte Safter des Rauchens und Schnupfens abfichtlih durch eine 
Art conventionellen Zwang zu gewöhnen, wie es leider meiftens 
geſchieht. 

In vielen Fällen iſt vieles Rauchen das Product des Müſſig⸗ 
(letztere zumal beim Bauer) und wird 
deshalb, ebenfo wie der Alfoholgenuß, nicht fo leicht zu befeitigen 
fein, da die Menfchheit immer nach Mitteln greifen wird, ſich über 

} RESTE 
die Sangeweile in der arbeitse und ſchlaffreien Seit hinweg zu 
täuschen. ——— 
Daß die Nachkommenſchaft der alkoholiſirten und nikotiſirten 
höheren Geſellſchaft immer nervenſchwächer wird, darf nicht Wunder 
nehmen. Die colofjale Zunahme der Nerven⸗ und Geiſteskrankheiten 
in unferer Zeit ſteht zweifellos unter Anderen auch mit dem zur 


gangs und der Langeweile 


— 354 — 


Gewohnheit gewordenen Alfohol- und Tabafgenuß, und zumal mit 
dem bis zur Ueberreisung des Nervenſyſtems getriebenen Mißbrauch 
mit diefen Giften in Derbindung. 
Hochachtungsvoll 
Dr. Th. Billroth. 
* 
285) An Prof. Meißner in Böttingen. 
Wien, 6, November 1889. 
Sieber alter Freund! 


Ich muß Dich heute mit einer Frage und Bitte plagen, die ich 
ihon lange auf dem Herzen habe; es betrifft Deine von Rofenbad 
mitgetheilten Experimente über die Confervirung von friſch aus 
eben getödteten Chieren entnommenen Theilen, nach welchen letztere 
während des Kebens Feine Mifroben enthalten, die fich nah dent 
Tode weiter entwiceln. 

Deine Experimente find von fo fundamentaler theoretifcher 
Bedeutung, daß es ein Unreht von Dir ift, daß Du fte nicht ſelbſt 
in extenso veröffentlichft. Es kommt wohl nicht häufig vor, daß 
negativen Befunden ein fo großes Gewicht beizulegen ift, wie in 
Deinen» Fällen. 

Wenn es auch immer wahrscheinlicher wird, daß die Degetations= 
formen von Coccen und Bacterien im Magen mit verdaut werden, 
fo zeigen doch die Fälle, in welchen inhalirter Kohlen, Kalk, Blatt- 
gold-Staub in Brondialdrüfen gefunden wurde, daß bewegungslofe 
Körperchen fo weit vordringen. Die meiften Mikroben mögen auch 
auf dieſem Wege zu Grunde gehen; doch daß dies mit allen der 
Fall fein ſollte, ift doch nicht ſehr wahrſcheinlich. Sind die Dinger 
aber erſt in der Lymphbahn, dann kommen fie doch wohl auch 
leicht in die Blutbahr, und von da in die Gewebe. 


Ic gebe zu, daß meine Erperimente und die Anderer in diefer 2 | 


Richtung nicht mehr beweisfräftig find; ich gebe zu, daß man 


mitten in einem in der Leiche faulenden, auch im gangränescirenden 


Gaftrocnemius bei unverletter Haut (wenigſtens mit den früheren 
Unterfuchungsmethoden) Feine Mifroben findet, daß die Mikroben, 
welche man bei unſecirten Leichen im Herzbeutelwaſſer und in der 
Cerebroſpinalflüſſigkeit findet, vom Darmkanal aus hineingelangt 
ſein können. 








> Doch giebt es kliniſche Beobachtungen, bei welchen man fic) 
überhaupt des Denkens ganz entwöhnen müßte, wenn man wicht 
annehmen darf, daß ih Mikroben in den Geweben befinden, die 
nur der Gelegenheit zur Entwiclung bedürfen, um auch ihre fermen- 
tative Kraft zu entfalten. 

Hur folgende wenige Fälle aus meiner Erfahrung: ein Mann 
von fräftiger Conſtitution zieht ſich durch Fall auf die Schulter eine 
Kuration zu; großes Ertravafat, feine Hautverlegung. Nach einigen 
Tagen nad) der Repofition Gasentwiclung im Ertravafat. Incifion, 
Entleerung jtinkender Gaſe und jauchigen Bluts; Fein Rippenbrud, 
feine Communication mit Dleura oder Lunge. — Ein Kind von 
etwa 4 Jahren erfranft unter den Erfcheinungen einer Coritis. 
Nach wenigen Wochen Abſceß auf dem Trochanter, Feine Hautver- 
letzung; Entleerung eines furdtbar jtinfenden Eiters. — Dfteomye- 
litis des Femur nah Stunden langem Stehen im Wafjer entjtanden. 
Der .entleerte Eiter enthält mafjenhaft Streptococcus. — Diteonyes 
litis der Tibia bei einem Kinde nad) leichter Tontufion, ohne irgend 
welche Hautverleßung; der entleerte Eiter enthält maffenhaft Coccen. 

Muß man in folhen Fällen nicht annehmen, daß die Mifroben 
in den Geweben waren und fi in den verlegten, reſp. entzündeten 
Theilen entwicelten? Iſt dies aber einmal zugegeben, dann liegt 
es auch in der Möglichkeit, daß einmal Dperationswunden nicht 
von außen, fondern vom Körper aus mit Müfroben verforgt werden. 

Es wäre höchſt intereffant, wenn Du Deine Derfuche der Art 
modificirteft, daß Du 3. B. Theile von Kaninchen nad) Deiner 
Methode behandelft, welche durch Mlifrobeninfection getödtet find. 

Derzeih, wenn ich Dich mit diefen Dingen langweile; doch find 
fie mir zu interefjant, als daß ich nicht Deine Meinung darüber 
gern vernehmen möchte. 

Dein 


Th. Billvoth. 
* 


286) An Prof. von Friſch in Wien. 


Wien, 14. November. 889. 

Sieber Freund! 
Ich weiß nicht mehr, was id} th 
ſpenſt eines Zungenfrebfes, das er fi 


thun ſoll, um 2. von dem Ges 
ch in feiner Fantaſie herauf- 


befchworen hat, zu befreien. Alles Betheuern und Derfichern hilft 
nichts. Wie foll man einem Xaten begreiflih machen, daß die © 
Zunge, die aus Hunderten von Gruppen einzelner Musfelbündel 
befteht, fich bald da, bald dort weicher oder härter anfühlt, je nach⸗ 
dem fich diefe oder jene Bündelgruppe contrahirt, und daß das Aus— Bi 
fehen die mannigfachften Deränderungen erleidet, je nachdem fi 7 
sufälfig die Epithelien da und dort anhäufen, dichter und fefter 
werden, an anderen Stellen weicher bleiben, und daß die minimiten 
Befäßfüllungs-Differenzen in den Papillen Ausjehen und Confijtenz N 
100 Mal im Tage wechſeln machen können! und daß das Alles 7 
in dem Rahmen und der Breite der gewöhnlichen normalen Der- 
hältnifje wechjeln Fann! 

Solange ich die Zunge unferes malade imaginaire betrachtet 
habe, war fte nie fo normal wie jest; der frühere Catarrh ift jest 
nad! Gebrauch des Carlsbader Waffers völlig befeitigt. Sie wifjen 
ja aus unferer gemeinfamen Erfahrung, wie fchonungslos ich vor⸗ 
gehe, wenn es ſich darum handelt, beginnende Krebsübel fofort 
wegzufchneiden. ’ 

Ich habe ſchon viele Zungen-Hypochonder in meiner langen 
- Praris gefehen und fpreche oft darüber im der Klinik; doch ein jo 
hartnäciger Fall ift mir noch nicht vorgefommen. Wenn der Mann 
nicht mit aller Kraft gegen feine fire dee fämpft, kann es böfe 7 
Folgen für feine Stellung und feine Familie haben. Frauenzimmern 7 
verzeiht man, wenn fie ſich im ihren Santafieen jo gehen lafjen; ” 
doch ein verftändiger Mann follte ſich doc, beherrfchen Fönnen, 
wenn ein Chirurg meiner Qualität, der fich die Entwidlung der 
Krebfe zu einer feiner Lebensaufgaben gemacht hat, verfichert, es 
fet abfolut Feine Erſcheinung vorhanden, die auch nur im Ente © 
fernteften auf die Entwidlung eines Krebsleidens hindeute. | 

Die Sache hat für mich noch eine andere, höchit peinliche Seite. ” 
Sie wilfen, daß meine lieben ärztlichen Freunde es mir nach meiner” 
ſchweren Krankheit zur Pflicht gegen meine Familie gemacht haben, F 
meine Berufsarbeit erheblich zu reduciren. Was meine CLehrthätig⸗ 
keit betrifft, jo will ich lieber darüber zu Grunde ‚gehen, als mir} 
irgend eine Befchränfung auferlegen. Meine Praris kann id aber F 
nur durch Erfchwerungen für das Publifum reduciren. Durch die] 
Steigerung der Drdimationshonorare halte ich mir das erotiihe” } 
galizifche, ungarifche, ferbifhe, rumänische ꝛc. eireumctdirte Publi⸗ | 


* 





kum etwas vom Halſe; ich habe eben keinen anderen Weg gefunden. 
Für unfere Landsleute und zumal für dte Wiener mache ich Feine 
Dreije und gebe oft das Honorar zurüd, wenn ich ſehe, daß es den 
Keuten jchwer wird, es zu entbehren. 

Immerhin bin ic) gewohnt, etwas für das Geld zu thun oder 
zu rathen. Bet unferem Patienten bin ic) in der mir höchft un- 
würdigen Lage, immer 10 fl, annehmen zu müffen für — Richts. 
Was joll ih thun? Das Honorar jeden Monat zurücichiden, 
würde unferen Patienten vielleicht Fränfen, Am ltebjten wäre es 
mir, er betrachtete feine Befuche bei mir als freundfchaftliche. Und 
will er das nicht, jo mag er für 5—4 Confultationen einmal zu⸗ 
ſammen 10 fl. zahlen. Doch das jetzige Verſchwenden eines Hypo= 
honders kann ich nicht länger fortfegen; man Fönnte mid) dafür 
einmal gerichtlich zur Rechenſchaft ziehen. 

Sie kennen unferen verehrten Patienten und feine Familie 
länger; rathen Sie mir, was ich dabei thun foll. 

| Ihr 


Th. Billvoth. 
* 


287) An Prof. Meißner in Göttingen. 
Wien, 19. November 1889. 


Sieber Freund! 


Babe herzlichften Dank für Deinen ausführlichen und hochinter- 
effanten Brief. Leider find meine Affiftenten fo mit den praftifchen 
Verpflichtungen an der Klinik befchäftigt, daß ich feinen zu den be⸗ 
treffenden Verſuchen veranlaſſen kann. Es ſteht mir auch nur ein 
Cokal im pathologiſchen Inſtitut dazu zur Dispoſition, in welchem 
dieſe Verſuche noch ganz beſonders ſchwieris auszuführen ſein Er 

Don allerhöchftem Intereſſe war mir beſonders auch die — 
mittheilung in Deinem Briefe; mir ſteht dabei mein I 
ftand ganz ftill. Wenn man font Froſch— oder anderen 2 — 
einige Stunden im Waſſer liegen läßt, ſo quellen N U 
daß ihre Structur ſchon höchſt bedenklich geftört ie, R ur — 
Bindegewebe. Was ſoll man ſich nun dabei —— daß N — 
bei der wechſelnden Temperatur unferes Klimas — — 
deſtillirtem Waſſer conſervirt bleiben? Das iſt ja el h Se 
Bald ift ſchon gar nichts mehr wahr von dem, was —— amme 


Briefe von Theodor Billroth. 


auf den Göttinger Schulbänfen gelernt haben, außer etwa, was wir J 
ſchon damals wußten, daß 2x2 — 4 tft; wer weiß, wie lange 7 
das noch hält. Fi 
Wie Schade, daß uns fo ein weiter Raum trennt. In den 
Dfterferien entfliehe ich, von dem Winterleben in der ewig wirbeln- 
den Broßftadt (Wirbelthier, Sartorius, Paris!) ganz nervös geworden, 
am liebften nach Italien. In den Herbitferien bin ich am liebjten 7 
in meinem Bauernhaufe am St. Wolfgangfee in St. Gilgen. So 7 
haben wir uns allzu lange nicht mehr gefehen, und als ich vor 
Jahren Di in München traf, Fam gleich ein Berliner Geheimrath 7 
T., der uns auseinander trieb. Doc, ich hoffe immer no, wir 7 
treffen uns einmal wieder; wir hätten wohl jo Manches aus alten 
Seiten zu beſprechen. 
Dein 
3 Th. Billvoth. 


288) An Dr. von Rofthorn in Wien. 


Wien, 21. WMovember 1889, 
Sieber Alfonjo! 


Ich habe Ihre Arbeit, wenn auch mit Ueberfchlagung der J 
Krankengefhichten, mit größeftem Intereſſe durchgelefen und eine 
große Freude daran gehabt, Fann Ihnen nur beftens dazu gratus 
liren. 4 
Db es wirklich opportun ift, alle Krankengefhichten abzudrucken, 1 
darüber wird Ihnen Ihr Chef beſſere Auskunft geben können als 
ich. Man hat das früher gethan, weil ſo furchtbar in der Citeratur 
gelogen wurde. Wir find aber viel moraliſcher und wahrhafter ge⸗ 
worden und bedürfen diefer Protocolle unferer Beobachtungen heut 
zu Tage nur, wenn es ſich um ganz neue Dinge handelt. Niemand 
wird alle diefe Krankengeſchichten Iefen. Machen Ste ſich darüber 
feine lluftonen. Ich würde es für viel praftifcher halten, wenn} 
Sie aus Ihrem reichen cafuiftifchen Material einige typifche Gruppen 
sufammenftellen Fönnten, welche einerfeits den verfchiedenen Graden 
der Krankheit, andererfeits den reflectorifchen (hyitertichen) Beigaben 
entiprechen. Doc, wie gefagt, ich kenne die gynäfologiiche Kiteratur” 
zu wenig, um ein entfcheidendes Urtheil über die Fweckmäßigkeit 
der Deröffentlihung fo vieler Kranfengefhichten zu haben. Wenn} 


— 





— 359 — 


Sie wirfli alle Krankengefhichten drucken lafjen wollen, fo mag 
nicht nur das Detail, jondern Alles von den Krankengefhichten 
„petit“, „jehr petit“ gedruckt werden. 

Beiläufig noch eine medicinifch-orthographifche Bemerkung. 
Sie jchreiben immer „lethal“, ich fchreibe „letal“. In Georges’ 
Kericon heißt es „letalis“ von „letum“: der Tod; und dies von 
einer älteren Form „leo“, jtatt des jpäteren „deleo“. In Kraus’ 
medicinijchem Lexicon ift freilich „letalis“ von „lethalis“ und „lethe“: 
Dergefjenheit, Abjterben und „lethum“: der Tod abgeleitet. ch 
‚möchte aber doch eigentlihh Georges mehr trauen als Kraus, und 
jchreibe daher immer „letal“. Doc, das iſt Geſchmacksſache. Dielleicht 
haben Sie Belegenheit, einmal mit einem Dollblut-Philologen darüber 
zu ſprechen. 

Alfo nochmals beiten Glückwunſch zu Ihrer Arbeit, die ich 
Drof. Chrobaf ſchicke. gIhr | 

Th. Billvoth. 
* 
289) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 17. December 1889. 
Sieber Herr Hofrath! 

Aus beiliegendem Schreiben von Exc. von Gautſch, das id) 
mir morgen zurüderbitte, erjehen Sie, daß ich endlich am ‚Fuß des 
Berges ftehe, auf welchen mein lange eritrebtes Stel, die hirurgifche 
Klinif, vorläufig freilih nod in der Cuft fchwebt, und daß Sie 
dazu auserfehen find, mir hinaufzuhelfen. x 

Yun müffen wir uns raſch an die Arbeit machen. Ich — 
in den nächſten Tagen, trotzdem ic) ſehr bejchäftigt bin, mein Bine 
‚gedructes Bauprogramm, wonach Sie die Güte hatten, die —— zu 
machen, revidiren und bitte Sie, mir den nächſten Sonntag De 
zu widmen. Ich möchte diefe exfte vertrauliche u ee a 
ziehung meiner fehr ausgezeichneten Aſſiſtenten Dr. — 
Dr. v. Eifelsberg am nächſten Sonnlag er RL ei 

1 ; inik abhalten, wenn es Da 
ebene die offtcielle Sufchrift vom Miniſterium 
erhalten haben ... Ihr ergebenfter 

5 Th. Billvoth. 


22* 
22 


— 340 — 


290) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 18. December 1889. 
Sieber Herr Hofrath! 


Ich habe Gautſch gejagt, daß Sie und ich zufammen gewiß 
das Beftmöglichite zu Stande bringen, wenn er uns freie Hand giebt, 
wie er es jebt in feinem Schreiben wirklich gethan hat. Wir müffen 
uns alfo zufammennehmen, damit nicht etwas herausfommt à la 
Neuem Burgtheater. „Drängeln‘ werden wir uns ebenfo wenig laffen, 
wie Bismard... Der Wunſch des Minifters, die Sache vertraulich ° 
zu behandeln, kann wohl von unferer Seite erfüllt werden; doc 
warum foll die Sache geheim bleiben? Es wird doch faum zu ver- 
meiden fein, daß Sie den zur Dispofition geftellten Platz ſelbſt unter 
Ihrer Leitung ausmefjen laſſen ... Wir müfjen uns fehr vorfehen, 
nicht in eine uns geftellte Falle zu gerathen. | 

Ih 


r 
Th. Billtoth. 
> h. Billroth 


291) An Prof. von Gruber in Wien. 
= Wien, 24. December 1889. 

... 2. Ich Fann mid) in Betreff eines größeren, gemeinfamen 
Dormitoriums für die Wärterinnen nur dahin ausjprehen, daß ich 
ein ſolches bei der Qualität unfereer MWärterinnen entfchieden für 
unzwedmäßig halte, jondern das ältere Syftem vorziehe, nämlich: 
neben dem Kranfenfaal ein Simmer für zwei Wärterinnen (der 
Raum durch eine Bardine getheilt). 

Wenn ic) auch garnichts gegen die Derwendung von Schwejtern 
in Spitälern habe, fo find fie auf einer Klinif, wie auf der meinigen, 


wo fo colofjale Anfprüche an die Eörperlichen Kräfte und die Auss 


dauer der Wärterinnen gemacht werden, abfolut unmöglich. 2 
Ganz ohne zweiten Stock für Aerztewohnungen, Infectionse 7 
zimmer ꝛc. werden wir fchwerlich ausfonmen. 4 
Ic ſtehe jeder Zeit zu Ihrer Dispofition und bitte Sie, mich 

in diefer fo wichtigen und für die Zukunft fo bedeutungsvollen Ans 
gelegenheit nicht zu fchonen ... 
Ihr 


Th. Billroth. 





— 544 — 


292) An Prof. Wölfler in Bra;, 
Abbazia, 1. Januar 1890, 


Sieber Freund! Hotel Stefanie. 


Ich bitte Sie freundlichft um Wachricht über M. Der Suftand 
feines Ellbogengelenfs hat mich jehr beunruhigt. Jedenfalls handelte 
es ſich um eine ſehr intenfive, parenchymatöfe Synopitis mit Be= 
theiligung aller Gelenfenden. Ob xheumatifchen oder tuberculöfen 
Urjprungs, — das weiß ich nicht zu entfcheiden. Ich fürchte Mecrofe 
des Hnorpels und Anchyloſe. Wie fteht es jest mit dem lofalen 
Huftand, mit Bewegungen ıc. 

Hier ift es wundervoll laue Luft, wenn auch feucht. Wir, Elfe 
und ich, Famen als Influenzirte hierher; unfere Catarrhe weichen 
fehr langjam, und eine durch Sirocco beförderte Mattigkeit hält 
uns im dolce far niente. Ich bleibe bis 10. d. M. hier. 

Hoffentlich geht es Ihnen, Ihrer lieben Frau und Ihrem 
Mädel gut. — Zum neuen Jahr alles Befte! 


n Th. Billeot 
-. h. Billeoth. 


295) An Prof. von Gruber in Wien. 

Abbazta, 2. Januar 1890. 

Sieber Herr Hofrath! | 
... Zum neuen Jahr wünfche ich Ihnen und Jhrer werthen _ 
Familie alles Befte, und uns Beiden, daß Sie nicht nur einen Muſter⸗ 
plan für meine Klinik fertig bringen, ſondern daß Ihnen auch die 
Genugthuung zu Theil werden möge, denfelben auszuführen. Mit 
einiger Geduld und mit Gleihmuth gegen alle Machinationen feind- 
licher Elemente werden wir uns wohl wappnen müfjen. Doch ohne 
Kampf ift nicht leicht etwas im Sinne des ee zu erreichen, 

Bi Th. Billroth. 

* 

294) An Dr. von Eiſelsberg in Wien, Affiftent Billroth's. 


Abbazia, 8. Januar 1890. 

Sieber v. Eifelsberg! 

Beute nur foviel, daß ich Samftag, 
eintreffe. Am Sonntag, den 12. d, 21%, 


den 10., Pormittags, in Wien 
ı0 Uhr, kommt v. Gruber 


mit Planffizzen für die neue Klinik; wir werden in meinem immer 
in der Klinik unfere gemeinfchaftliche Sigung mit Ihnen und Salzer 
haben, wie neulich. 
Seit 5 Tagen ift es hier fabelhaftes Sommerwetter. Der Monte 

maggiore ift faft ſchneefrei. Schade, daß ich Sie nicht herzaubern 
konnte, um ihn gemeinfam zu bejteigen. 

| Ihr 
Th. Billtoth. 
* 


295) An Dr. Gerſuny in Wien. 
Abbazta, 8. Januar 1890. 

Sieber Freund! 

.. .. Uns geht es über alles Derdienft gut. Wir Huften gar 
nicht mehr und fchnauben täglich weniger. Elfe mag fi oft lang⸗ 
weilen; doch findet fie ſich nach und nad) in die langweiligen Menſchen, 
hier Curgäſte oder Couriſten genannt. } 
Ich bin grenzenlos faul oder fleißig, d. h. meine Faulheit iſt 

für mich nur Faulheit, für Andere wäre es Fleiß. Denken Sie! 
ich ſchreibe eine Abhandlung, betitelt: „Ueber die Einwirfung leben⸗ 
der Pflanzen und Thierzellen auf einander. Sit das nicht zu 
dumm! Es ift fo ein Unternehmen à la Coccobacteria, eigentlich ° 
weit über meine Kräfte, vielleicht überhaupt über die Kräfte eines’ 
Einzelnen. Doc die modernen Philofophen behaupten ja, es gäbe’ 
feine Freiheit des Willens; man muß, was man thut und thut, 
was man muß! Seitdem ich die Feder in die Hand genommen” 
habe, fließt die Tinte in Strömen, und id, weiß nicht, ob ich hier” 
genug gleichgeformtes Papter auftreiben werde, Die Hauptſache für 
mich ift dabei, daß ich mir einbilde, dabei fehr glücklich zu fein, es 
auch wohl bin. Dielleiht wird es ein Schmarren! Db ich es druden 
laffen werde, foll noch fpäter überlegt werden.“) J 
Heute war ein göttlicher, ſonnenwarmer Frühlingstag, den wir 

zu einer fahrt nach Chero benugten. i 





hr 
Th. Billroth. \ 
a * J 
*) Ueber die Einwirkungen lebender Pflanzen- und Thierzelfen auf einander F 


Eine biologiihe Studie, (Sammlung medicinijcher Schriften. Wien 189077 
A. Hölder.) N +1 


— 315 — 


296) An Frau Prof. Seegen in Wien. 
Wien, 30. Januar 1890, 
Morgens 2 Uhr. 

Schlaflofigfeit!! Jedermann begreift fie, wern man nervös fehr 
aufgeregt iſt, Schmerzen oder Hunger hat. Doch es giebt eine Schlaf- 
lofigfeit mit unbewußten Urſachen, oder folhen, auf die man erft 
jpäter kommt. Wir hatten heute fehr gemüthlich foupirt, plauderten 
behaglich noch eine Weile; um 9 Uhr 3098 ich mid) zurüc und fchrieb 
con amore an der Skizze zu einem Dortrag, den ich nächitens in 
der Geſellſchaft der Aerzte halten will; durhaus nichts Aufregendes 
oder Alühfames. Um halb 11 Uhr fühlte ich etwas Sand in den 
Augen (Sie fennen das gewifje Prideln und leichte Brennen in den 
Augenwinkeln) und freute mich auf eine behaglihe Nacht. Die 
vorige Nacht war köſtlich, der Schlaf dauerte ununterbrochen von 
11 bis *,8 Uhr Morgens, wo ich mit dem Gefühl der Erquidung 
erwachte. Ich hatte heute befondere Freude an meiner Klinif. Site 
ahnen nicht, welch” herrlichen Kreis von jungen, talentvollen, pflicht- 
treuen Menfchen ich da um mich habe: 12 Stück; das will was 
fagen, einer beffer wie der andere. Und wie fie alle an mir und 
meinem Wort hängen, ja an jeder Miene! und wie jeder in dieſen 
Kreis Eintretende eine Zeit lang halb unwillig widerftrebend bald 
mit meinem Beift und meiner Perjon verſchmilzt! Wahrlich, ich 
brauche keinen Kaiſer zu beneiden! Dann war ich bei Ihnen, 10 
ich jo gern mein Dlauderftünöchen halte, jo behaglid wie möglich. 
Und fpäter blieb ich zu Haufe, es war Alles heute fo behaglich wie 
möglich! Und doch Fan ich nicht fchlafen. Ich bin auch nicht 


franf! alfo warum? . . - 
* 


v in Wien. 
297) An Prof. von Grube Mer 164 Sekten 1&oh: 
Sehr verehrter Herr Hofrath! — — 
Aus Rydygier's?) Beſchreibung ſeiner Knie u Ri in 
fehen, daß man im Material nicht gefpart hat; wur efenböden 
eventuell darauf berufen. Dies gilt zumal von den See nr 
und der Derwendung von Kacheln überhaupt . ... Die mus 


*) Prof. der Chirurgie in Krakau. 


auch hier, wie in Krafau in dem Hlinifbau, etwas aufs Aeußere 
Rücdfiht nehmen, während wir im Rudolfinerhaufe nur das abfolut 
Nothwendige und Zweckmäßige verwenden dürfen, weil uns dort ° 
eine Ueberjchreitung des Koftenanfhlags in arge Derlegenheit 
bringen Fann. 

Hu einem Garderoberaum für die Studenten haben wir feinen 
Platz, felbft wenn man ihn einrichten wollte, was ſich auf dem 
Plan immerhin gut ausnehmen dürfte, wenn aud, die praftifche 
Derwendbarfeit wegen der jehr raffinirten Rocdiebe (leider oft die 
Studenten felbft) zweifelhaft it... . 

Ic bin mit unferem zuleßt feftgeftellten Grundriß ganz zus 
frieden. Nur die Reduction von 96 auf 76 Betten macht meinen 
Affiftenten Kummer; das ift nicht zu ändern... 

Der Rudolfinerverein ift Gerfuny fo enorm verpflichtet, daß 
ih ihm gern plein pouvoir geben mödte, foweit unfere Mittel 
LEICHE 

Ic) bin etwas nervös abgefpannt und werde die nächſte (Faſching— 
Woche aus Wien verfhwinden; vom Samftag, den 22ften an, bin 
ich wieder da. u 

Mit freundlichitem Gruß 
Ihr 


Th. Billroth. 
* 


298) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 


Soll ich denn dieſen Jammerbrief Dir wirklich fenden? 
Ih ſchwanke: — thu' es! — thue es nicht! — und endlich: thu's! — 
Wir waren ja fo oft in frohem Muth beifanımen, 
Hmm nad) den fonnigen Zeiten audy den Regen hin! 
Du wußteft ja dem Regen Töne*) zu verleihen, 
Die Anderen als Sonne in die Herzen Flangen! 
Wien, 5. März 1890, 
Abends 212 Uhr. 
Es war ein bewegter, meift herber Tag heute — wie ges 
wöhnlich. Alles nad) der Uhr. Ich erwachte früh von einer Wunde 
am finger, die fich durch Berührung mit Eiter entzündet hatte; 


*) ‚‚Regenlied‘’ von I, Brahms. Op. 59, Heft ı, Ar. 5. 





— 345 — 


doch das bin ich gewohnt, es wird bald beſſer ſein. Dann ewige 
Klingelei; man ließ mich kaum ruhig mit Frau und Kindern früh— 

RE üb- 
ſtücken. Lohndiener von Hotels, die Stunden für Conſilien ver— 
langten, der Secretär vom Rudolfinerverein, der Unterſchriften 
wünſchte u. |. w. Endlich Bejuche bei geftern Privat-Dperirten, 
nun zur Klinik! Aſſiſtenten, Operateure, Directions-Erlaffe, Jeder 
Ri etwas. Bimmel-Sacrament, es iſt ſchon 20 Minuten nad) 
10 Uhr! Dorwärts! Hinein ins Auditorium. Zwei Stunden Schul⸗ 
meiſterei und Operationen. Kaum aus dem Operationsſaal heraus, 
fallen mic) wieder Menfhen an. — Endlich nach Haus. 20 Minuten 
zum Efjen. Dann zu einer fehr fchweren Operation, die über zwei 
Stunden dauert! Kühne Dorficht, endlich Sieg! Alles geht gut. 
Raſch 2 Blas Cognac! — Zu Baus! 6 Patienten theils mit Baga= 
tellen, theils unheilbar: Züge, Lüge als Troft. — 15 Minuten für five 
o’clock tea mit Familie. Nun wieder 4 Kranfenbefuche. Zu Baus. 
Eine halbe Stunde Ruhe! Welches Glüd! — Widmann’s Buch 
zu Ende gelejen. — Yun ins Renaiffance-Loncert! Ic hatte große 
Freude! 1’ Stunden Ruhe in ruhiger Mufif. Die Aufführung 
fchien mir vortrefflih! Der Chor von wunderbarer Reinheit. 
Walter wirflidy edel und groß, wie ich ihn felten fo trefflich ge- 
hört; hie und da modern fentimental, da und dort etwas zu viel. 
Doh im Ganzen von feinem modernen Sänger erreichbar. Sehr 
ausgewähltes Publifum, andächtig, ſympathiſch geftimmt. Alles jo 
gedrungen, Furz, ſchön! Yun zu Haufe in befter Stimmung, endlich 
etwas Ruhe. Höchft behagliches Abendeffen in der familie, — 
Kun 6 nothwendige Gefchäftsbriefe! Endlich! „Enfin seul.“ 

So habe ich mir jede Stunde erfämpfen müffen, in welcher ich 
Widmann’s reizendes Buch gelefen habe; fo muß ich es mir's 
erfämpfen, Dir dafür zu danken, daß Du es mir gejchiekt haft. Ich 
habe glückliche Stunden durch dies Buch gehabt. Mit wenigen 
Ausnahmen Fenne ich alle Städte und Sandfchaften, deren — 
wähnt; das gehört doch eigentlich dazu, um das Buch recht gentepen 
zu fönnen. Er befitt ein glückliches Yaturell, um das ich ihn be= 
neiden könnte; er muß aber aud) ein feiner Beobachter und —— 
Pſycholog ſein. Dazu hat er einen reizend natürlichen Humor, 
Seine Schreibweife hat mic) oft an Hanslid erinnert, Wie el 
lich find doch diefe Menschen, die fich eine Grenze —— — 
erreichen wollen, zu ziehen im Stande ſind, und ſich in dieſen 


— 546 — 


Grenzen behaglich erpandiven. Das Glüd liegt am Ende doch in 
der unbewußten Reſignation. 

Mir ift das leider nicht gegeben. ch bin ein alter Mann, 
aber jede Grenze ift für mid unerträglih. Eine Sehnjucht nad 
Etwas, was ich felber nicht weiß, ftört mich im ruhigen Lebens— 
genuß. Es ift zu dumm! Doch ich kann es nicht ändern. 

Der letzte Sat Deiner C-moll-Symphonie hat mic, neulich 
wieder fürchterlich aufgeregt (ähnlich wie der 5. Theil von Schu⸗ | 
mann’s fauft). Was nütst die vollendete, Flare Schönheit des 


Bauptmotivs in feiner thematiſch geſchloſſenen Form. Zuletzt kommt 1 


doch wieder das Horn mit ſeinem ſchwärmeriſchen Sehnſuchts⸗Schrei 
wie in der Einleitung, und Alles zittert in Sehnſucht, Wonne und 
überſinnlicher Sinnlichkeit und Seligkeit! 

Du ſagteſt neulich, es gäbe doch nichts Schöneres, als gleih in ° 
den frifchen Morgenftunden ſich mit ſchöner, ernfter Sectüre oder 
Kunft zu befhäftigen! Da dachte ich mir: ich armer Teufel, wie 


felten Fommt dir das! was Du, beneidenswerther Menſch, jeden © 


Tag haben Fannft! — Es war früher doch auch anders mit mir; 
ich hatte mehr Spannkraft; es iſt der Jugendfranz, den ich ſuche! 
"Die Sehnſucht nach mir felbjt! Das Elingt verteufelt arrogant, doc 
Du wirst es verftehen! In taufend Feten tft mein Dafein, meine 7 
Kraft, meine Arbeit zerfplittert. Meine Kraft nimmt ab, doc; die 7 
Ansprüche der Menſchen an mid) nehmen zu. — Früher madte ih 7 
in folhen Stimmungen auch Gedichte und kann der Derjuhung 7 
nicht widerftehen, Dir eins auf der folgenden Seite hinzufchreiben. 

Jetzt lege ich mich refignirt und erschöpft ins Bett und erflehe 
oft Stunden lang Morpheus’ Umarmung! 3 

Doch genug der Raunzerei. Glaube mir, daß ich Dir immer 7 
derfelbe bin. 

Dein treuer 
| Th. Billroth. 
Sturm. 
12. Februar 1885. 

Yur Kampf! und immer wieder Kampf! 

Wann giebt’s denn endlich! endlich Frieden? 

Es thut nicht gut! Ich Fann’s nicht mehr ertragen, 

Wie mic) die Menfchen täglich, ſtündlich quälen, 

Wie fie Unmögliches von mir begehren! 





Weil ich ein wenig tiefer wohl als Andere 

In der Hatur geheimftes Wefen drang, 

So meinen fie, ich könnte gleich den Göttern 

Durch Wunder Leiden nehmen, Glück erzaubern, 

Und bin doc nur ein Menſch wie Andere mehr. 

Ach! wüßtet Ihr, wie's in mir wallet, fiedet, 

Und wie mein Herz den Schlag zurüce hält, 

Wenn id) ftatt Heilung mit unficheren Worten 

Kaum Troft Fann fpenden den Derlorenen. 

Ihr fagt dann wohl: „Die Welt bewundert ftaunend”, 

„Das Du vermagjt, wo Andere ſtutzen;“ 

„Der Dank von Taufenden ift Div beneidet“ 

„In aller Welt, die Dich fo glücklich preift.” 

Ich kann und will nun einmal mid) nicht fügen 

In den Bedanfenfreis der Alltagsmenschen, 

Ih will, ich will nichts hören von den Grenzen, 

Die menfhlih Thun befhränfen; denn mein Sehnen 

Geht dort hinauf, wo’s Feine Grenzen giebt. 

Und muß ich denn vor diefen Grenzen weichen, 

So laßt mic fort, laßt mich der Menſchheit Weh' 

Nicht fehen mehr und hören, laßt allein 

Der Kunft und meiner Neigung nur mid, leben! 

Ich habe eine ganze, große Welt in mir! 

In diefer möcht’ ich endlich glücklich fein! F 
„Du Fannft es nicht mehr, denn mit Deinem Leben n, 
„Bängt Alles feſt zufanımen, was Du von Dir sl) 

So höhnt Ihr mich! Was foll denn aus mir werden? 

Aus mir, dem viel bewunderten, ee 
ier mag ich nicht verbleiben, dort ver zei man 

En — — Helft mir, Ihr Don 

Und gebt den „Kinderfinn” des Lebens mir zurück! 

Nachklang. 
1889. f 

Br 7 — Eee —— 

u Stolzer! es verlor Pe KEN 
"Dem in Ben ben Chun“ Du Di „ verloren" wähnf 
‚Was follen denn die Anderen — nennen! 

Ein ſchwacher Troft! ich höre nur „perloren! 

* 


— 348 — 


299) An Dr. von Eifelsberg in Wien, Affiftent Billroth’s. 
Wien, 15. März 1890. 
Sieber v. Eifelsberg! 

Ih gratulire Ihnen zu Ihrem Erfolg noch heute Abend *). 
Daß Ihnen das Collegium faft einftimmig die Probevorlefung er- 
laffen hat, erſpart Ihnen nicht nur Seit, fondern ift eine Auszeich- 
nung, mehr werth als ein Orden. Hofrath Albert hat den Antrag 
geftellt. Ich halte es für gentleman-like, wenn Sie zu ihm gehen 
und ihm perfönlich dafür danfen. Höflichkeit und Danf in ſolchen 
Eleinen Dingen find mächtige Faktoren, wenn es ſich in anderen 
Fällen um Principienfragen handelt, in denen man nicht nach— 


geben darf. 
Ihr 


Th. Billroth. 
* 


500) An Prof. von Rindfleiſch in Würzburg. 
| Wien, 29. April 1890. 
Sieber Edi! 

Nachdem ich einmal durch die Derhältniffe gezwungen bin, troß 
meiner 61 Jahre noch im Amte zu bleiben — kaum noch adoles- 
centiae propior — glaubte id} doch noch, wieder ein Lebenszeichen 
geben zu follen, daß ich den naiven Bewegungen unferer Wiſſen— 
ihaft, foweit die Kräfte reichen, folge. Es ift mir rührend, wie 
freundlich meine fentlen, geſchwätzigen Betrahtungen von allen Seiten 
aufgenommen werden. — Es wird natürlicdy auch nicht an Leuten 
fehlen, die es lächerlich finden, daß id) mich noch in ſolche Dinge 
mifche. Doc, ich werde fo von derartigen Gedanken geplagt, daß 
ich mic) nur durch Schreiben und Druden für eine Seitlang davon 
befreien Fann. 

Mein Leben ift hier fo zerriffen, zerfett, daß ich nur in den 
Ferien zuweilen Zeit finde, mich mit mir ſelbſt zu befchäftigen. In 
den letzten Jahren habe ich viel Pfychologte und Ethik getrieben 
und hätte da auch wohl Manches zu fagen; doch bisher habe ich 
nur die Titel „Beiträge zur Anatomie der menjchlichen Geſellſchaft“, 
oder „Das Gute im Menſchen“, oder „Mitbewegung und Mit— 





*) Dr. v. Eifelsberg’s Colloquium als Docent für Chirurgie. 





— 599, — 


Sm TOUng als Fundament der Ethik, oder „our Dhyfiologie der 
Muſik oder „Was iſt mufifalifch?”, oder „Wohin wird uns die 
Abgsõötterei, die wir mit unſerer Intelligenz und unſerer Empfindung 
treiben, führen?” u. ſ. w. u. Ik. sis); 
Ic freue mich fehr, Deinen Walter nächſten Herbft in die Kur 
zu nehmen. Grüße den guten Jungen von mir! 
Dein 


Th. Billroth. 
* 


501) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 12. Juni 1890. 
Sehr geehrter Herr Hofrath)! 

Miniſterialrath v. David proponirt Dienftag, den 17. d. M., 
12 Uhr. In der Hoffnung, daß es Ihnen möglich fein wird, fich frei 
zu machen, bitte ich Sie, fich zu diefer Seit im Büreau des Herrn 
Minijterialvathes v. David einzufinden und die Pläne nebft Beilagen 
dorthin Schaffen zu laffen. Ich werde mich auch zu diefer Seit dort 
einfinden. 

Das Programm habe ich unterzeichnet, dte Erläuterungen zum 
Koftenanfhlage gelefen. Der Minifter wird fehr erjchreden. Doc 
kann ich Ihre Motivirungen nur billigen. ' 


— 


hr 
Th. Billroth. 
* 


502) An Prof. E. Küfter in Berlin, 
Wien, 24. Juli 1890. 
Sieber Herr Lollege! 

Schon feit 3 Wochen bin ich für Dienftag, den 5. Auguft, zum 
Diner bei Martin*) eingeladen, wo id angenommen habe, dann für 
den gleichen Tag bei Leyden*”), wo ich abgejagt habe, und leider 
kann ich alfo an diefen Tage auch bei Ihnen nicht ſpeiſen. Das 





tshülfe ßynäkologie in Berlin, 
*) Prof. extr. der Geburtshülfe AN ELN > 
*#*) Drof. der inneren Medicin in Berun. 


Programını des Congreſſes*) tft ein jo überreiches, daß es unmöglich 
ift, Alles mitzumachen. 

Jh muß wegen Samilienangelegenheiten jhon am 3. Auguft 
in Berlin fein, wo ich bei Derwandten wohnen werde. Am 4. Auguft 
Dormittag gegen 10 Uhr treffe ich bei Ihnen ein. Ich habe dies 
abfichtlih fo arrangirt, um für die Longreßtage ganz frei von 
Familie zu fein. Ich möchte Sie und Ihre Frau Gemahlin möglichſt 
wenig ftören, freue mich fehr darauf, bei Ihnen zu wohnen; da wird 
ſich doch wohl hie und da ein Stündchen zum gemüthlichen Plaudern 
finden. 

Auf baldiges Wiederjehen! 

Ihr 
Th. Billroth. 


505) An Prof. Gurlt in Berlin. 


Wien, 8. Auguft 1890. 
Sieber Freund! | 


Ich bin geftern wiederholt in der Ausitellung herumgelaufen, 


um die Schriften des Miniftertums über die preuß. medic. Unter- J 


richtsanſtalten und die von der Stadt Berlin herausgegebene Schrift 
zu bekommen. Leider vergebens. Mir liegt aber viel an dem 
Beſitz beider Schriften, und Sie würden mich daher ſehr verpflichten, 
wenn Sie die große Güte hätten, falls dieſelben nicht im Buchhandel 7 
find, mir diefelben unter Kreuzband nach St. Gilgen bei Salzburg ° 
zu ſchicken. 


Es war fehr großartig und Schön in Berlin, und ich bin noh 


ganz beſchämt über die viele Ehre, die man mir erwiefen hat. Dod © 


es war für mich die höchfte Zeit, abzureifen; ich vertrage dergleichen 7 


nicht mehr; dabei die wahnftnnige Hitze! — Heute Abend veife ih I 

nach St. Gilgen, wo ich mich bis Ende September ganz ftill halten 

will, um fürs Winterfemefter wieder frifch zu fein. % 
Herzlichite Grüße! 

Ihr 

£ Th. Billroth. 


*) Internationaler medicinifcher Congreß in Berlin, 





— 55 


504) An Prof. von Dittel in Wien. 


St. Gilgen, 7. September 1890. 
Kieber Freund! 

Ih habe in Berlin 4 Tage bei Küfter gewohnt; wir haben 
uns aber in dem Trubel wenig gejprochen. Die Atmofphäre im 
Haufe war für uns Gäfte (Koenig und mid) dadurch etwas peinlich, 
daß Lüſter's einziger I4jähriger Sohn an Perityphlitis ſchwer er- 
franft war; es geht ihm zum Glüc beffer. Küfter ift ein aus- 
gezeichneter Chirurg und vortreffliher Menſch; man kann fic darauf 
verlajfen, was er jagt und fchreibt. Ich bin fehr gefpannt, etwas 
Näheres über die von ihm ausgeführten Proftatectomieen zu Iefen; 
er wird die Fälle gewiß veröffentlichen . . . 

Ich will erft am 6. Dctober in Wien eintreffen, es zieht mic) 
nichts dahin. Es ift hier gar zu fchön, aud) wenn es regnet. 


— 


Ihr 
Th. Billroth. 
* 


505) An Dr. von Eiſelsberg in Wien, Docent und Aſſiſtent 
ns St. Gilgen, 25. September 1890. 
Sieber v. Eifelsberg! 


Ic habe feinen bejonderen Ehrgeiz mehr, es meinen Collegen 
an Schulmeifterfleig vorzuthun, und da meine Ferien diesmal eigent= 
lich doch erſt am 10. Auguft begonnen haben, jo werde ich auch erſt 
am 13. Dctober die Klinif beginnen. Dom 26. Sept. an bitte ic) 
meine Briefe nach Abbazia (Hotel Stefanie) zu adreſſiren. 

Ich bin damit einverftanden, daß Sie die Kipplavoirs auf 
kliniſche Rechnung machen lafjen. 7 

ee mich hier befucht und fich des herrlichſten 
Wetters erfreut. Von Salzer**) hatte ich einen, lieben Brief a 
Utreht. Er wird einige Mühe haben, die dortigen Derhältnifie en 
feinem Wunfch zu geftalten; doch das Reuſchaffen mit Hinderntjen 
hat ja auch feinen Reis. 

*) Ehemaliger Afjiftent Billroth’s- 


**) Drof. der Chirurgie in Utrecht; geit. 1895. 


© 
oı 
ID 


Ich war geftern wieder einmal auf dem Schafberg; die Aus- 
fiht war fo tadellos klar, wie id) fte noch nie gehabt habe. Seit ° 
8 Tagen haben wir hier jo wunderbares Wetter, wie ich es in ° 
diefer Dauer noch Faum hier erlebt habe. Ich fchneide jeden Nlorgen 
einen großartigen Strauß NRofen für unferen Tifh. Wir fpeifen ° 
Mittags und Abends auf der Deranda. Ich lebe in einem dolce 
far niente, daß ich Mühe haben werde, mich wieder an die Wiener 
Arbeit zu gewöhnen. 

Bitte Prof. Kundrat zu fagen, daß ich für die Geſellſchaft 
der Aerzte erft am 17. Dctober disponibel fein werde. Daß der ° 
Kaufcontract über den gewählten Bauplat endlich perfect geworden 
ift, hat mir Dr. Spigmüller gefchrieben. | 

Berzlichfte Grüße an alle Mitglieder meiner Klinif, wozu ich 
auch unferen jungen Fuchs Walter rechne, von 

Eurem faulen, alten Chef 
Th. Billroth. 
* 


506) An Prof. von Gruber in Wien. 


Wien, 20. October 1890. 
Sieber Herr Hofrath! 

. . . Ich kann Ihnen nun audy) einen Schmerz nicht erjparen. 7 
Folgendes unter ftrengfter Discretion. Hofrath Albert hat eine ” 
Eingabe direct ans Miniftertum gemacht und die Hebelftände feiner 
Klini? der Art gefchildert, daß ein Neubau dringend nothwendig 
ift. Ich habe fofort im Collegium den Antrag geftellt, den Antrag ° 
Albert’s zu befürworten. — Dann fam ein anderer College mit 
einer langen Rede, daß ein Gerücht ginge, man plane einen neuen 
Pavillon im erften Hofe des K. K. Allg. Kranfenhaufes für eine 7 
Klini? für mih. Es fei zwar undenfbar, daß fo etwas gejchehen 
fönne, ohne die Direction des Kranfenhaufes und die Fakultät 
darüber zu befragen; doch wolle er fchon jetst als Primararzt und 
Mitglied des Collegtums dagegen Derwahrung einlegen. Der einzige 
Weg, allen Mebelftänden abzuhelfen, fei, einen zweiten Stoc überall 7 
aufzubauen, welcher Weg fchon im Jahre 1885 durch eine competente” 
Commiſſion befchloffen fei; es habe fich feitdem nichts in den Der- 7 


hältniffen geändert, und er werde feiner Zeit im Dber-Sanitätsrath i 
| 






darauf zurückkommen und allen ſeinen Einfluß aufbieten, die Ver— 
bauung der Höfe zu verhindern, weil dies aus fanitären Gründen 
ein Derbrechen gegen die Humanität ſei ... Ich habe darauf ge— 
antwortet, daß ich nicht in der Lage ſei darüber zu jprechen, da 
der Miniſter mir das Derfprechen abgenommen habe, alle be— 
treffenden Dorgänge unter Discretion als rein perfönlihe Be— 
fprehungen anzufehen. 

Ich halte es nun für fehr wahricheinlih, daß man die Sache 
dahin wenden wird, daß meine Klinik nicht gebaut wird. Ich 
glaube auch, daß Gautſch dieſe unterirdifchen Mächte unterſchätzt, 
und daß der mir freundlich gefinnte Sectionshef ſich von oben 
überreden lafjen wird, feine Conceffion für den Neubau im I. Hofe 
zurück zu ztehen, Man braucht bei uns nur etwas Gutes anzu= 
itreben, um von 100 Perfonen 90 gegen fich zu haben. Jedenfalls 
haben wir das Bewußtfein, unfer Möglichftes gethan zu haben und 
werden uns mit diefem Bewußtfein wohl begraben laffen müfjen. 
Ich jehe ſehr fchwarz in dieſer Sache. 

Anſer Rudolfinerhaus wollen wir aber fertig machen und 
unfere Freude daran nicht verfümmern laffen. 
Ihr 
Th. Billvoth. 
* 


307) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 50. October 1890. 
Derehrtefter Herr Hofrath! 

... In Betreff Ihres Projektes für meine Klinik bitte ich 
Sie, beſonders und wiederholt zu betonen, daß ich meine Ans 
fprüche im Derhältniß zu denen anderer Kliniker auf das geringſte 
für Wien mögliche Maß redueirt habe, jowohl in Betreff 2 
Plabes, als der Ausftattung. Es würde meiner Meinung I Er 
feinen Hygienifchen Nachtheil weder für die ——— im 
hauſe, noch für die Menſchen, welche in der — Hr — 
haben, wenn die Hälfte des Areals des erſten a “ & 
fo daß auf jeder Seite nach Abreißen des jetzigen ne 
ein fhöner, großer Pavillon zu ftehen käme, es wit — 
decorativ mit den Gartenanlagen und Veranden am hübjcheften ſo 


25 
Briefe von Theodor Billroth. 


— 354 — 


machen laſſen. Das iſt aber zu natürlich und zu vernünftig, als 
daß es Ausficht hätte bei uns durchgeführt zu werden. Wir müffen ° 
uns alfo mit dem uns in bejchränfter Weife angewiejenen Plat 
durchfretten. Ich habe alfo zu einer Reduction der Bettenzahl 
greifen müffen, vorausgejett daß man mir die der Klinik abgängigen 


Betten anderswo anweift. Ic) habe abftrahirt von dem an den 


neueren chirurgifchen Kliniken neben dem Dperationsfaal liegenden 
Chloroformirzimmer und dem Simmer zum Aufenthalt nad) der 
Dperation. Ich habe jchmerzlichit verzichtet auf befondere Arbeits 
zimmer für mich und die Affiftenten für mikroscopiſche Unter- 
fuhungen, zu Thierverfuchen nebft den Räumen für die Erperimen- 
talthiere, zu bacteriologifhen und zu chemiſchen Unterfuhungen, 
und begnüge mi, alle die Sachen, für welche andere Klinifer 
4—6 Simmer beanfpruchen, mit meinen Affistenten und. Operateuren 
in 1). Simmern im pathologifhen Inftitut zu betreiben. Die frage 
wegen der Garderobe habe id) auch wegen Platzmangel fallen lafjen, 
werde aber vielleicht genöthigt fein darauf zurüczufommen. Mir 
haben von einer Auskleidung der Fußböden und des unteren Theils ° 
der Wände des Dperationsfaales und der Desinfections- und anderer 
Webenräumlichfeiten mit Marmorplatten oder Kacheln, wie fie an 
anderert neuen Klinifen gemacht find, fowie von jedem Cuxus ab= 
ſtrahirt und uns auf das billigite Material befhränft, infofern es 
nicht zweckwidrig erfcheint. 

Wenn nun troß aller diefer uns auferlegten, durch die Fnappen 
Raum und Finanzverhältniſſe bedingten Reductionen und Rüdfichten 
wieder einmal nichts zu Stande Fommt, und man mein Flinifches ° 
Inftitut zur Schande unferer Wiener Schule und unferes Daterlandes 
wieder unter einem Schutthaufen von Bedenklichfeiten, von „Wenn's“ 
und „Aber's“ begräbt, dann werde ich mic, mit dem Bewußtfein, - 
das Beſte angeftrebt, doch nichts troß aller Mühe und Arbeit er= 7 
reicht zu haben, ruhig begraben laſſen müffen. Seit zum Warten 7 
habe ich ja nicht mehr viel; vielleicht wird mein Nachfolger glüd- 7 
licher in feinen Beftrebungen fein. i 

Mit dem beften Wunfche, daß Sie als Apoftel des Fortichritts 
die Ungläubigen befehren, die Schwachen und Balben zur That Ki 
bringen, die Feinde beftegen mögen, verbleibe ich Ihr treuer Mit 


arbeiter 
2 — Th. Billroth. 








— A) 


508) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 4. November 1890, 
Derehrtefter Herr Hofrath! 

Aergern Sie ſich nicht zu fehr. Man Fann doch nur Mitleid 
und Bedauern haben für Mlenfchen, die meift nicht in der Sage 
waren die Welt außerhalb Wien und Defterreich Fennen zu lernen, 
und die Feine anderen Motive für eigenes Handeln Fennen, als per⸗ 
ſönlichen Vortheil, Eitelkeit oder Benachtheiligung Anderer, und 
daher auch bei Anderen keine anderen Motive vorausſetzen. Der 
Neid macht die Leute blind. Sie begreifen nicht, daß es in der 
Folge nur zu ihrem Vortheil ſein wird, wenn die Regierung nur 
irgendwo einmal anfängt eine Klinik im modernen Stil zu bauen; 
es ift traurig, daß der Fortfchritt bei uns in folchen Händen liegt . . . 

Daß man überhaupt immer von einer Klinif für mic) fpricht, 
und nicht für die Univerfität, ift charakteriftiich für die Auffaffung. 
Die Jahre des Baues und der Einrichtung werden unruhig genug 
für mich fein, wenn ich es überhaupt erlebe. Wollte ich jest nur 
für mich forgen, ich ließe gern Alles beim Alten. Daß ich mic 
mit Rudolfinerhaus, Klinik und einem Haus für die Gefellihaft 
forge und plage, — dahinter wittert man irgend etwas, was mir 
perfönlichen Dortheil bringen könnte; man weiß freilich nicht was? 
aber daß ich es um der Sache willen thue, ift den Meiften abjolut 
unverftändlich! 

Doch ich laſſe mich durch das Alles nicht beirren und bitte Sie, 
mir auch ferner treu beizuftehen. She 


Th. Billroth. 
* 


309 An Prof. von Gruber in Wien. 


Wien, 17. Vovember 1890. 


Verehrteſter Herr Hofrath! — 

Ich kann Ihre Arbeitskraft, Ihre Energie und — a 

muth nicht genug bewundern. Ic ſchwinge A I Er 
weile zu einzelnen Actionsmomenten auf, doch erlahme ich 


wieder. Wenn die neue Klinik wirklich zu Stande kommen follte, 


; ‚ 2 aaa syötenst daran, 
fo haben Sie gewiß mit das größefte Derdienf Bo 


zo) 


— 800 m 


Daß ein gewiffer Neid gegen mein rafches Auffteigen in früheren 
Jahren beftand, Fann ich begreifen; daß man mir aber jest, wo 
ich doch nur für die folgenden Generationen kämpfe und ftrebe, 
noch feindlich gegenüber tritt, verftehe ich nicht. 

Wir befinden uns in einer fchwierigen Swangslage. Beharren 
wir Punft für Punkt auf unferem Project, und fcheitert daffelbe | 
daran, fo werden unfere Widerſacher uns allein die Urfache des 
Sceiterns in die Schuhe ſchieben. Ich glaube, wir Fönnen unferen 
Feinden feinen übleren Gefallen erweifen, als auf ihre Wünſche 
foweit als möglich eingehen, damit fie endlich zuftimmen. Wir ° 
müſſen dann nachher trachten, dennoch ſoviel wie möglich von unferem 
Project wieder hineinzubringen. J 

Eine Reducirung der Betten der 2. chirurgiſchen Klinik ſteht 
garnicht in meiner perfönlichen Hand; das ift Sache des Unterrichts- 
mintftertums. Was man der Klinik in. dem Neubau an Betten 
entzieht, muß man ihr in anderen Theilen des Kranfenhaufes er- 
gänzen. Die Motivirung der Erhaltung der jetzigen Bettenzahl 
glaube ih Har und fcharf in meiner eigenhändig gejchriebenen 
Erpofition dargelegt zu haben. Ich bin überzeugt, daß jelbit 


Albert das anerkennen wird. Es kann ſich alfo nur um die im I 


Pavillon in erfter Linie als kliniſch zu bezeichnenden Betten handeln, 
Wenn es fein muß, fo fönnen wir dieſe Loncefjton am leichteften 


machen. Doch die Reduction der Bäder und fonftigen Veben— 4A 


räumlichfeiten ift abfolut unzuläffig; wir haben das ſchon aufs 
Hothdürftigfte beſchränkt. Wir haben ja nicht einmal Reconvales- 
centenzimmer projectiet wie im Rudolfinerhaufe, und wie ſie Böhm*) 
im FranzJoſef⸗Spital eingerichtet hat. 

Muß ein zweiter Stod durchweg zu Hülfe genommen werden, 
nun in Bottes Namen; wenn die Stiegen bequem und die Aufzüge 


leicht und mit dem gehörigen Bedienungs-Perjonal verjehen find, 


fo mag es ja gehen... - J 
Ic bin ſehr geſpannt, in welchem Zuſtande unfer Project ans 


Unterrichtsminiſterium zurückkommen wird, und — — wann? ... 


Ihr 
Th. Billroth. 
* 


*) Director des k. k. allg. Krankenhauſes Rudolfſtiftung in Wien. 





— 507 — 


510) An Dr. Eifer in Frankfurt a M. 


Wien, 5. Februar 1891. 
Mein lieber alter Freund! 


Ih weiß über Miofetig’s*) Derfuche, inoperable Tumoren 
durch parenchymatöfe Injectionen zum Wadsthums-Stillftand oder 
Schrumpfung zu bringen, nichts Weiteres, als was er legten Freitag 
in der k. k. Gejellihaft der Aerzte vorgetragen hat. Diefer Dor- 
trag iſt in der heutigen Nr. 5 der Wiener Elinifchen Wochenschrift 
abgedrudt, dte Ste wohl in Frankfurt werden auftreiben Fönnen. 

NMofetig ift ein tüchtiger Chirurg von unanfehtbarem Charak— 
ter, wenn aud etwas enthufiaftifch optimiſtiſch bet therapeutifchen 
Derfuhen; doc wer wäre das nicht! Wer das nicht ift, giebt die 
Sache bald auf, wie ich es bei meinen früheren derartigen Derfuchen 
gethan habe. Ich halte es für fehr verdienftlich, wenn fich immer 
noch wieder Aerzte finden, die in diefer Richtung nach Neuem 
juhen; denn daß da etwas zu finden ift, halte ich für ſehr wahr- 
ſcheinlich. 

Von den zwei vorgeſtellten Fällen war in dem einen Sarcom 
des Unterkiefers) zweifellos eine Schrumpfung auf etwa ein Drittel 
des früheren Volumens eingetreten. In dem anderen Falle (ein in 
Serfall begriffenes Sarcom unterhalb der linken Clavicula) war es 
mir zweifelhaft, ob die Derfleinerung nicht mehr durd) Serfall und 
Ausftogung, als durch Schrumpfung bedingt war. Den dritten Fall 
habe ic nach Moſetig's Behandlung nicht gefehen. Daß = 2 
Fälle ohne Erfolg behandelt hat, erwähnte er auch; freilich waren 
es meift fälle, welche aus pecuntären Gründen nicht lange “u 
Spital behalten werden konnten. — Ich werde in den ———— 
Tagen die Verſuche mit Methylblau oder violett beginnen. „Pros 
biren geht über Studiren!” = " 2 

Freundlichſte Grüße! Hoffentlich geht es Ihnen wie uns gut! 

a 
Th. Billroth. 





' re orte, dor Chirurgie in Wien. 
*) Ritter von Mofetig-Moorhof, Prof. extr. der Chirurg 


— 358 — 


311) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 14. Sebruar 1891. 












Sieber Herr Hofrath! 


. .. Nachdem von denjenigen Mitgliedern des Rudolfinerverein- 
Ausfhuffes, welhe es für ein Bagatell erflärten, das Geld für den 
Lapellenbau aufzutreiben, — nichts geſchehen ift, habe ich mich 
endlich zu einigen Revolver-Attentaten ermannt und auf Kaifer und 
Fürſten gefchoffen. So find nun etwa 10000 fl. beigebraht. In 
Summa haben wir jest etwa 20.000 fl. noch zur Derfügung; damit | 
muß die jetzige Bauperiode incl. der Tapelle zum Abſchluß gebracht 
werden. 

Wenn Sie bedenken, daß ich außer Klinik und Rudolfinerhaus 
auch noch die Derantwortung für den Neubau eines Haufes für die 
k. k. Geſellſchaft der Aerzte im Kopfe habe, der 150000 fl. Eojtet, 
und für welchen nur 40.000 fl. vorhanden find, auch Fein Geld, um 
etwa aufzunehmendes Capital zu verzinfen, fo werden Sie mir wohl 
glauben, daß ih in meinem Alter neben den laufenden Berufs= 
Geſchäften und mancherlei anderen Sorgen wünfche, daß ein Schlag⸗ 
-anfall mich von allen dieſen Dingen möglichſt bald befreit. | 

& | Ihr 
2 Th. Billroth. 


312) An Prof. won Gruber in Wien. 
Wien, 16. februar 1891. 
Sieber Herr Hofrath! | 
Baben Sie herzlichften Dank für Ihren lieben, theilnahmsvollen” 
Brief, der mir wirklich) wieder Muth gemadt hat. Wenn man 
älter wird, erfcheint einem zuweilen jeder Hügel wie ein unüber— 
fteiglicher Berg. Ich habe in meiner guten Seit immer zu viel ge⸗ 
wollt und zu viel in Angriff genommen, da id) meine Arbeitskraft 7 
für unerfchöpfbar hielt; nun will der alte Pfeiler die ftarfe Belaftung” 
nicht mehr recht tragen und knarrt und Fracht zuweilen. 2; 
Sehr tröftlich war mir befonders, was Sie mir über den Tenor | 
des Butachtens des Dber-Sanitätsrathes gefchrieben haben, zumal der 
Paffus, daß der Bau des Flinifchen Pavillons an der geplanten 
Stelle nicht hemmend für den Umbau des k. k. Kranfenhaufes im 2 


Großen jet. Ich hatte ſehr gefürchtet, daß meine Gegner an dieſem 
Punkt die Hebel anfeen würden, um den Bau meiner Klinik ins 
Endloſe zu verfchteben. Wenn der Bau zu Stande kommt, fo haben 
Sie jedenfalls ein jehr großes Derdienft daran. 

Der Kejjeleiß in der neuen Küche [im Rudolfinerhaufe] iſt höchit 
fatal; jedenfalls muß die Reparatur fo ficher als möglich gemacht 
werden, Hätten wir nicht eine jo tüchtige Dberin, die nie den Kopf 
verliert und fich in den fchwierigften Situationen ſchon oft tapfer 
bewährt hat, jo wären wir in einer noch viel fchlimmeren Lage 
gewefen. Sie hat von den erften Anfängen des Haufes an bis jetst 
ſchon viel durchgemaht und fih auch dies Mal wieder in ihrer 
Beiftesgegenwart bewährt. 

Mehr noch ruht das Heil des Haufes auf Berfuny’s opfer- 
willigen, ausdauernden Chätigkeit. ur feinem jteigenden Ruf als 
Arzt und Dperateur verdankt es der Derein, daß das Haus ſich 
nicht nur in fich felbft erhält, fondern daß aus dem Ordinarium 
fo viel Ueberſchuß an Einnahmen vorhanden ift, daß wir epentuell 
eine Schuldenlaft von 100000 fl. tragen könnten. Ich wiederhole 
daher meine Bitte, ihm den Dperationsfaal ganz nad) feinem Wunſche 
einzurichten und wiederhole Ihnen auch meinen Dank für Ihre aus- 
dauernde, opferwillige Thätigfeit bei dem Rubdolfinerhausbau. 

Derzeihen Sie, lieber Herr Hofrath, wenn ich Sie neulich mit 
meinem verftimmten Brief geplagt habe, und feien Sie überzeugt, 
daß ich Ihnen für die fräftige Unterftügung meiner Unternehmungen 
durch Ihr Talent und Ihre eminente Arbeitsfraft, die ich jehr hoch⸗ 
ſchätze, ſtets dankbar ſein werde. 

Mit herzlihem Gruß Ser 
Th. Billvoth. 
* 


sty in Wien, 


313) An Prof. Dictor von Rofitan 
Wien, 17. Februar A89\. 


Sehr verehrter Herr! 

Ihr treffliches Buch „Ueber Sänger und — A a 
ungemein interefjirt und äußerft ſympathiſch berührt. Es De 
doh noch Künftler und Lehrer, welche ſich unter gun le 
dramatifchen Lärm die feine Empfindung für die Schönheit der 


— 1560. > 


menfchlichen Stimme in ihrer vollendeten Ausbildung bewahrt haben, 


Daß der Sinn dafür zu fchwinden fcheint, liegt gewiß daran, daf 


das Publifum fo felten etwas davon zu hören befommt, und ihm 


eine Erziehung und Gewöhnung in diefer Richtung mangelt. Denn 
darüber dürfen wir uns nicht täufhen: die Werthſchätzung des bel 


canto hängt nicht nur mit fehr muftfalifcher, ich möchte fagen fpe- ° 


cifiſch tonlicher Empfindung zufammen, fondern auch mit fehr fein 


ausgebildeter Empfindung und Intelligenz überhaupt, und alle diefe 


Eigenfchaften müffen dazu noch geübt, erzogen und innerlich ver- ° 


arbeitet fein. 


Ich habe nun im Kaufe meines Lebens und bei vielem Dpern- 
und Concertbeſuch niht nur an mir felbft mandye Wandlungen in 


diefer Richtung durchgemacht, fondern auch gefunden, daß die Zahl 


ſpecifiſch mufifalifch geborener und erzogener Menfchen felbft in 
großen Städten wie Berlin und Wien eine ungemein kleine ift; im 


Concertſaal dürften auf 100 etwa 10, im Opernhaus auf 1000 etwa 
20 fommen. Bei den UÜebrigen ift es das Beiwerf, wie Kibretto, ° 


Spiel, Perſönlichkeit der Künftler, Siedertert, Wirkung der Rhythmik, 


das Symbolifhe und Malende im Orcefter, die Mode, die Eitelfeit 
über Alles mitreden zu wollen, was fie ins Concert und in die 


Dper zieht. Es hat für die nicht ſpecifiſch Muſikaliſchen etwas ihre 


Eitelkeit Kränfendes, Deprimirendes, daß es eine Kunftform giebt, 


welche nur wenigen Auserwählten zugänglich fein foll; drum die 


vielfeitigen Frampfhaften Anftrengungen, ſich den Anjchein zu geben, 


als gehörten fie auch zu dem Kreife der Auserwählten, oder ftünden 
diefem Hreife wenigftens nahe. 

Wollten die Sänger und Sängerinnen und die Opern-Inſtitute 
nur für den Eleinen Kreis der Mufifalifchen wirken, welche die Ge— 
jangsfunft als ſolche, ich möchte fagen, abftract Tieben und ſchätzen, 
ſich einzig und allein in den rhythmifirten Klang als alleinigen In— 
halt der Muſik verſenken, — fo müßten fie Alle banfrott machen. 


Die moderne Dper erhält ſich nur am Leben durch das Hinein= 


jtehen der anderen Künfte; da findet denn wohl jeder DOpernbefucher 
etwas, was ihn unterhält oder gar im befjeren Sinne intereffirt: 
Rahmen und Bild verfhwimmen in einander; man hat ein Kagouf 
von Künften mit einer modern pifanten „dramatifchen, charafte- 
riſtiſchen“ Sauce, aus der ſich Jeder etwas herausichmect, In meinen 
Augen hebt fich dramatifch und muſikaliſch fo ziemlich auf. 





Es iſt übrigens in der Malerei ganz daffelbe, Der wirfliche 

Maler-Künftler fieht an einem Bilde immer zuerst das ſpecifiſch 

Maleriſche in den Linien und Farben; was das Bild darftellt, inter- 
eſſirt ihm entweder gar nicht, oder nur nebenbei. | 

Das find veraltete Anfichten, wird man uns zurufen! Doch 
wohl nur vorübergehend. Das Wefen der Künfte hat ja doc feine 
Quelle in unferen finnlichen Wahrnehmungen, und diefe ändern ſich 
— wir werden nie mit den Ohren ſehen und mit den Augen 

ören! 

Ich begegne in Ihrem Buche einem Gedanken, den ich auch 
hege, nämlich, daß ſich möglicherweiſe aus der Dperette wieder eine 
Iyriiche und Fomifche Dper, das muftkalifche Suftfpiel und Singfpiel 
entwickeln wird. Bei der großen Dper find wir ja eigentlich Schon 
beim Melodram angelangt. Die totale Auflöfung der mufifalifchen 
Form iſt für mich gleichbedeutend mit dem Aufhören der Muſik. 

Derzeihen Sie diefe lange Erpectoration. Ic bitte Sie, daraus 
nur zu entnehmen, wie fehr mich Ihr fehr zeitgemäß gefommenes 
Buch erfreut hat. Eviva il bel canto! 


— 


* 
Th. Billroth. 
* 


514) An Dr. Sauenftein in Hamburg. 
Wien, 20, Februar 1891. 
Sieber College! 

Wie gern würde ih Ihrem Wunfhe, Frau X. hier in ihren 
künſtleriſchen Beftrebungen zu fördern, entfprechen. Doch die Ver⸗ 
hältniſſe haben ſich derart bei mir verändert, daß ich ihr in feiner 
Weiſe zu nützen vermag. — Ich habe mid ganz aus dem gefelligen 
Derfehr zurückgezogen, habe mein Haus verfauft, meine —— 
abgeſchafft, und behelfe mich, wie's eben seht, in einer — 
Miethswohnung. Ich bin ſo nervös, daß ich Muſik, — Ka 
und Theater fliehe und eben nur meinem Ant 2 — — 
Meine Beziehungen zur hieſigen Künſtlerwelt, die früher h N: * 
gedehnt waren, und die doch immer nur darin ERS, u nn 
diefe Art Leute einladet, find ſchon feit mehreren Jahren N Rn 
abgebrochen. Ich Iebe in der Großſtadt wie in a im 
im Gebirge als Einfiedler, und bin ein müder, verdrteßlicher, alte 





Mann geworden. Ein ſchönes Leben liegt hinter mir; vor mir 
habe ich nur Kummer und Sorgen und hoffe, daß es nicht zu lange” 
dauern wird. 
Sie begreifen wohl, daß ich unter folhen Derhältniffen nichts 
für frau X. thun Fann, 
Ihrer lieben Frau und Ihnen herzlichen Dan? für Ihr freund 
liches Gedenken. Behalten Sie mic in freundlichem Andenken. 
Ihr 
Th. Billroth. 
* 


315) An Prof. Hanslick in Wien. | 
Wien, 21. Februar 1891. 
Sieber Hans! 


Als ich heute aus dent Renaiffance-Concert, — dem einzigen 
das mic, heuer intereffirt, weil mir das Alte das Neue ift — fan, 
that Elfe allerlei verfängliche tagen an mid über das Zeitver⸗ 
hältniß von Händel zu Marcello, Schütz, Haſſe u. A. über 
" Madrigal-, Pfalm- und Artenformenıc. Ich verwies jie auf ein 
Muſik⸗Cexicon, das ich ihr einmal auf Deine Empfehlung hin geſchenkt 
hatte; wir ſuchten es in unſerer ſehr großen Bibliothek, — leider 
vergebens. Darf ich Dich bitten, mir noch einmal den Titel auf⸗ 
zuſchreiben; es war ein ſehr gutes Buch zum Nachſchlagen, 
welchem nicht nur alle Biographieen hervorragender Muſiker, ſon 
dern auch alles Vöthige über muſikaliſche Formen, Tänze x. Zu 
finden war. 

Marcello hat mich doch weit mehr intereſſirt, als M., und 
wenn ich die Augen ſchloß und mich bei dieſen Harmonieen in das 
Halbdunkel der Markuskirche hineinträumte, wurde mir doch ganz 
eigen poetiſch zu Muth. Der Vergleich von Marcello’s Madrie 
galen, Pfalmen und Opernftücen hat es mir wieder bekräftigt, daß 
der Unterfchted von weltlicher und geiftlicher Muſik nie im Weſen 
der Muſik gelegen hat; es giebt immer nur eine Muſik der Het 
Und was wir heute den Stil geiftlicher Muſik nennen, ift nicht 
anders aufzufaffen, als wenn ein moderner Maler heute im Stil 
Derugino’s malt. u} 

Es ift nach meiner Empfindung aud ein Unfinn von fpecie 12 

















_- 





— 85065 — 


religiöfer Empfindung : i 
weder eine — — — I man fo nennt, ift ent- 
Ey ah jchwärmerifche Stimmung, die fi is 
Hallueination fteigern Fann und zum Inhalt i — — 
hat, welches den Gläubigen oder er — — — 
es iſt bei Fanatikern eine geradezu ee ot 
Betbewegungen bei den Muhamedanern — Be En — 
— rsningen ‚ das Tanzen der Derwilche, 
für die — ee ee an 
‚ als Sraut für die Mö £ 
Es ijt in gewiſſem Sinne ee darauf hin. 
Aphroditen- und Bacchusfeſte. Der Menſch a 
oder feinen Öott jtets nach feinem Ebenbilde geformt und ö 
jingt ihn, 8. h. eigentlich fich, mit den Kunftformen der Zeit Er 
Weil das ſogenannte Göttliche immer nur eine en en 
sc einer oder mehrerer menjchlicher Eigenſchaften in 
chſt denkbaren Potenz ift, kann menſchlich und göttlich, weltlid 
und religiös auch nicht verjchteden fein. Der Menſch Bern — 
haupt nichts Uebernatürliches denken und nichts Unnatürliches — 
— a nur mit menfhlihen Eigenfhaften denfen und 

Derzeih? diefe phyftologifche Excurſion; fie iſt einem Abſchnitt: 
„Homo bestia“ entnommen, in welchem ich auseinanderjese, daß 
die Schöpfung des höchſten Kunftwerfes eine ebenfo beftialifche That 
ift, wie es die Mordthaten eines Richard IM. find, und daß ſomit 
alles Gute ebenfo beftialifch ift, wie alles Schlechte. Nur die Con: 
vention beſtimmt die Darianten. 

Dein heutiges Feuilleton war ebenfo geiftreich, humoriſtiſch und 
vernichtend, als nach jeder Richtung wahr. Ich habe allen Grund, 
dem Lomponiften AT. fehr dankbar zu fein; denn troßdem ich vor— 
geſtern Abend nur ein Fleines Glas Bier und eine Fleine Gumpolds⸗ 
firchner getrunfen habe, jo fchlief ich doch von elf Uhr Abends bis 
neun Uhr am anderen Morgen wunderbar ruhig und fanft, ohne 
zu träumen. Zehn Stunden ununterbrochener Schlaf in dieſem 
Jammerleben ift doc; ein Hhochgenuß erjten Ranges! Es ift doch 
rein modern conventionell, wern wir beanspruchen, durch die Kunft 
in einen aufgeregten Zuftand verfeßt zu werden. Die Sehnfucht 
nach fortgefetster Aufregung ift doch ein pathologiicher Zug unjerer 
Zeit. — Schlafen, ſchlafen! ohne zu träumen iſt, was wir anſtreben 
müſſen, und das Geſtorbenſein iſt ſchließlich der höchſte Lebens» 


— 564 — 


genuß. Marcello hat mid aufgeregt; ich fürchte, ich werde die | | 
Nacht von ihm, von der Marfusfirhe, von Denedig träumen, 
Gute Nacht! 

Dein 


Th. Billroth. 
Th. Billroth 


316) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 15. März 1891. 
Sieber Herr Hofrath! | 

... Exc. Taaffe empfing uns heute fehr freundlich und gab uns ° 
die Derficherung, daß unfer Wunſch, daß das k. k. allg. Kranfen- 
haus ganz und gar zu Unterrichtszweden verwendet werde, jeine 
volle Sympathie habe. Die Derhandlungen darüber, jowie über die 
Ausihaltung der niedersöfterreihifchen Gebär- und Findel-Anſtalt 
feien in der lebhafteften Bewegung und würden in „ganz wohl ab” 
fehbarer Zeit” zu einem Abſchluß gelangen. 

Yun wünfhe ich im Intereffe unferer Fakultät, daß das Mi— 
nifterium Taaffe im neuen Reichsrath eine Majorität findet, und 
Taaffe und Gautſch wenigitens fo lange bleiben, bis das Project 
zum fäit accompli wird. So weit es in meiner Macht liegt, werde ih 
dahin wirken, daß Ihnen der großartige Plan der Umwandlung des” 
k. k. allg. Kranfenhaufes in ein UniverfitätseKranfenhaus übertragen 
werde. Mlöglicy wäre es allerdings, daß dadurch der Bau der chirur— 
giſchen Kliniken verzögert würde; ich würde das gern verjchmerzen, 
wenn wirklich etwas Broßartiges gefchaffen wird; habe ich doch im 
günftigften Falle die Ausficht, den eventuellen Neubau nur noch 
wenige Jahre benutzen zu können. 

Sollte die Sache im Princip befchloffen werden (die Alferfaferne 
will das Militär, wie ich höre, auf feinen Fall Ioslafjen), jo würde 
dann dem Profefforen-Collegium die Aufgabe zufallen, ein Baus” 
programm aufzuftellen. Das wird ein großer Kampf werden; denn 4 R 
foweit ich aus den bisherigen Erfahrungen urtheilen Fann, find die” 
Forderungen einzelner Herren geradezu unfinnig, Auch hängt noh 
etwas Anderes mit der Sache zufanımen. Es wird nämlich wieder 7 
einmal eine neue Studien» und Rigorofenordnung geplant, wobe 
man auf eine ftrengere Dertheilung der Hörer auf die einzelnen 4 
Klinifen hinarbeiten will ... Das fteht Alles mit der Auftellung” 4 


4 





J 





— 505 — 


des Bauprogramıms in mehr oder weniger naher Beziehung, und 

es muß zugegeben werden, daß die Löſung dieſer complicirten Ver— 

hältniſſe ſchwierig iſt und Feit erfordern wird, Doc, lösbar find 

diefe Fragen alle, fowie einmal der Unterrichtsminifter allein auf 

dem geſammten Terrain des k.k. allg. Kranfenhaufes Herr ift ... 
Ihr 


x Th. Billeoth, 


517) An Drof. Wölfler in Gra;. 
t Wien, 24, April 1891. 
Sieber Wölfler! 

Ich bin ſchon wieder einmal von einem ziemlich afuten Katarrh 
der Luftwege, zumal des Larynx und der Trachea befallen und habe 
daher bejchlofjen, morgen ins Freie hinauszugehen ins Hotel Sacher 
im Helenenthal bei Baden und dort einige Tage ftumm zu bleiben... 
Ich kann Ihnen in den beiden von Ihnen angeregten Punften 
leider nicht viel helfen , . . 

Was den zweiten Dunft, die eventuell neue Rigorofenordönung 
betrifft, jo habe ich es von vornherein abgelehnt, in die betreffende 
Commiſſion einzutreten. Ein Grund ift Altersfaulheit, und eine 
gewiffe Ermüdung in dem Nachdenken über die Dinge. Der Haupt- 
grund ift aber der, daß ich mir durch Wort und Schrift zu ſehr die 
Hände für eine freiere Action in diefer Richtung gebunden habe. 

Der Minifter, reſp. feine Beamten haben die Dorftellung, daß 
alle unzulänglichen Derhältniffe im Staat und im foctalen Leben 
durch Geſetze und Derordnungen regulirt werden Fönnen: alſo der 
Mangel an Aerzten auf dem Lande, die mangelhafte a ns 
der Aerzte an den Hochſchulen, die Koftipieligteit des medicinijchen 
Studiums, die ungleiche Dertheilung der Medicin - Studirenden 
auf den verſchiedenen Univerſitäten — durch eine neue Rigoroſen⸗ 
ordnung. * Ta 

Das alle diefe Dinge fehr verſchiedene, theils a an 
fociale Gründe (zumal totale Deränderung in der Fr — 
Aerzte zum Publikum) haben, und nur — — 
Reformen auf dem politiſchen und ſocialen Gebiet gel ei a 
Fönnen, davon will man nichts wiffen, weil man N n Th 
neue Befichtspunfte in ihren Confequenzen nicht liebt. Parlamen— 


—— 5500: — 


tarifche Staatsverfafjung, Sandesverfaffung, Gemeindeverfaffung find 
politifche Fortichritte, aber focialfortfchrittliche Hemmmifje. 5. B. der 


Miniſter möchte, daß jeder Mediciner nad dem Rigoroſum noh 


eine Zeitlang im Spital dient, ehe er in die Praris geht; gewiß ein 
fehr guter, in Bayern ſchon einmal durchgeführter Gedanke, im 7 
Ganzen auch in Franfreih und England durchgeführt, doch bei 7 
uns!!!! Die Zahl der Staatsfranfenhäufer, in welche der Miniſter 
des Innern nod).allenfalls diefe Hofpitanten hineinoctroyiren Fönnte, © 
ift fehr gering. Ueber die Sandes-Spitäler hat er ſchon gar nichts 
mehr zu fagen, und noch weniger über die Beszirfsipitäler. 

Doch nehmen wir einmal an, es würde den Primariern aller 
Staats-, Sandes-, Stadt-, Bezirfs-, Gemeinde-Spitäler durch ein Ge- 
walt⸗Geſetz octroyirt, daß ſie junge Doctoren zur Belehrung auf⸗ 
nehmen müſſen. Was werden die jungen Herren dort lernen! 
Höchſtens bei intelligenten Primarärzten praktiſche Voutine, meiſt 
aber höchſte Schlamperei. Die Spur von ärztlicher Gewiſſenhaftig⸗ 
keit, welche ſie auf den Kliniken gelernt haben, wird verſchwinden; 
ſie werden lernen: es geht formell auch ſo, ohne daß man ſich 
irgendwie anſtrengt und denkt. Die ſchon auf einem guten Wege 
“waren, werden wieder verdorben, und die Denk- und Arbeits-Faulen 
ganz ruinirt. Habe ich Recht? Haben Ste nicht Aehnliches bei jungen 5 
Collegen erlebt, die fich unter der Anleitung eines fchlampigen Pri⸗ 
mararztes nur verſchlechtert haben, anftatt ſich zu befjern? Dielleicht 
täufche ich mich, vielleicht ift es befjer mit den Kranfenhäufern und 
Primarärzten geworden; es follte mich freuen. Doch daß der ſitt⸗ 
liche Ernft dort nicht fein kann, wie im den Kliniken, ift Mar; um 


die Erfolge oder Mißerfolge eines Primararztes kümmert ih ie 


mand. Der Klinifer denkt, fpricht, handelt immer auf dem Forum, 7 
Mit feinem fittlichen Ernft, feinem Gefühl der volljten Derantwortung 
dem Staat und den heranzubildenden Aerzten, wie den Kranken 
gegenüber, hebt er den Charakter der Jugend, die ihm inftinctiv © 
folgt. Seine Erfolge werden in die Welt hineinpofaunt, feine Miß⸗ 
erfolge freilich oft auch an den Pranger einer urtheilslofen, hafjenden 
Ntenge geftellt. J 

Für dieſe Unterſchiede von Klinik und Abtheilung haben ſelbſt 
die maßgebendſten Keute der Regierung Fein Verſtändniß; fie fehen J 
nur den Hochmuth des Profeffors und die Mehrkoſten der Kliniken; 
die ethifche Bedeutung der Kliniken für die Charafter- Ausbildung” 








— 567 — 


der Aerzte it für Beamte abfolut unfaßbar. — Warum ich diefen 
Punkt überhaupt jo hervorgehoben habe? Nur um zu zeigen, daß 
die jogenannte praftiiche Ausbildung der jungen Aerzte in einen 
- beltebigen Spital mir weder wiſſenſchaftlich, noch ethifch von fo hohem 

Rn, wie es bei oberflählicher Betrachtung der Fall 

Was unferen medicinifchen Unterricht betrifft, fo jtehe ich da 
auf einen geradezu reaftionären, antedilupianiihen Standpunkt: 
mediciniſche Schulen, bei welchen in den Kliniken die Zahl von 100 
nicht überfchritten werden darf. In Defterreich müßten wir alfo 
deren wohl 15—20 haben (vielleicht weniger; an der Hand der 
Statiſtik der legten 10 Jahre ließe fich das ja ganz genau berechnen). 
Der Numerus clausus würde die gleihmäßige Dertheilung der 
Schüler reguliren. 

Jede medicinifchenaturwifjenfhaftliche Schule müßte ſich in einer 
mittleren Stadt (in großen Städten Fönnten 5—4 folder Schulen 
neben einander fein) um ein Spital gruppiren, das vom Staat auf 
die höchfte moderne Stufe als Elinifches Inftitut geftellt würde. Diefe 
medicinifchenaturwiffenfchaftlihen Schulen müßten ganz von den 
Univerfitäten abgelöft werden, in jeder Beziehung vollendete wiſſen⸗ 
ſchaftliche Muſterſchulen ſein. Auf dieſe Weiſe würde man gewiß 
gleihmäßig vortreffliche Aerzte erziehen. Streng ſchulgemäße Claſſen⸗ 
einrichtung, Ausſchaltung der Talentloſen und Faulen. Geiſtig 

Sanitätsbeamte. — Es iſt lächerlich, 
uniformirte Staats⸗ und Volks-Sanitäts 
wenn man glaubt, man könne in ſolchen Schulen das —— 
genialer Menſchen hemmen; doch man kann die Menſchen dadurch 
vor dem Humbug der achtel und ſechszehntel Genies bewahren, was 
a re, N 
ce der Staat freie, ärztliche Niederlaſſuns et 5 
Städten über 20000 Einwohner; fonft aber fei jeder ärztliche S iS £ 
der feinen Mann ernähren Fann, vom Staat a 
erfahrungsgemäß ein Arzt in einem gewiſſen Ba ni 
kann, da gäbe der Staat ihm einen beſtimmten Bene IR — 
auf Verbeſſerung in einigen Jahren. Bei eine SR 
Freizügigkeit der Aerzte kann eine gleichmäßige * fi — 
Aerzte nie Statt haben. Wie Finnen Sie ernennen. geh? 
Schufter in einer Gegend miederläßt, wo ale Ah ihedorf ver 
te Aannen Sie erwarten, dag ein, Arzt in einen RES 


ZOOS — 


bleiben foll, wo der Bauer wohl einen Thierarzt holen läßt, oder 7 
gar höchft perfönlic felbft mit Wagen abholt, wenn feine Kuh mit ” j 
dent Kalben nicht zu Stande kommt, doch der Hebamme verbietet, ® 


De 


einen Arzt zu holen, wenn fte wegen einer Querlage, bei der die | 


Hebamme nicht eingreifen darf, nicht entbinden kann, — unter Der- % 
hältniffen alfo, wo aus praftifhen Gründen die Erhaltung eines 7 


Menfchenlebens feinen Werth hat, Die genügjamen bäuerlichen 
Derhältniffe der alten Landchirurgen find längft dahin. Bei uns in 


St. Gilgen verdient der Arbeiter im Sommer 1,20 bis 1,50; in 


Wien verdient der Kabrifarbeiter 5—4 fl. täglich. Und der Land- 7 


hirurg, der nach 3 jährigem Studium endlich zur Praris fommt, 
er foll fi mit einem Erwerb von 50—80 Krz. per Tag (mehr 
kann er jchwerlich verdienen) begnügen? Vein! jo genügjame 
Mienfhen giebt es nicht mehr, man wird fie auch nicht mehr hervor- 
zaubern, wenn man die alten Chirurgenſchulen, deren Chirurgen 


jedenfalls gleich den Badern heillofes Unglück angerichtet haben, 


wieder auferftehen machte, Die Zeit läßt ſich nicht zurüdichrauben. 7 


für alle dieſe focialen Conflicte muß der Staat eintreten, oder 
die Gemeinden, Wie wird fich bei der ‚Freizügigkeit der Aerzte über 
ganz Defterreich-Ungarn, und bei der Kategorifirung der Aerzte als 


„‚Kunftgewerbtreibende” von. felbft eine gleichmäßige Dertheilung 
der Aerzte ausgeftalten, mögen dte Regierungen verfchtedenfter Dartei= 


färbungen noch 100 neue Rigorofenordnungen machen. ur wenn © 
man die Aerzte, zumal auf dem Lande, als Staats= Landes- oder 


Besirts-Beamte behandelt, wird man Erfolge in Betreff ihrer gleich⸗ 


mäßigen Dertheilung erzielen. So ift es in der Republif Srant- 


reich. Der größefte Theil der Aerzte führt den Namen „officier Fi 
de santé“; der Staat weift ihnen ihre Thätigkeit an, wie es zu 7 
meiner Studienzeit noch in Hannover, Heſſen, Braunſchweig der 


fall war. 


Die Millionen, welche zur Durchführung aller diefer Principien i 
und zu ihrer Aufrechterhaltung nöthig find, find für uns Steuer= 
träger wohl in Anfchlag zu bringen; doch wir würden fie immerhin | 
noch lieber für eine ſolche fanitäre, dem ganzen Dolf zu Gute” 


fommende Maßregel zahlen, als für die Umwandlung von Morde 7 


waffen, für welche als für das Großartigfte auf dem Gebiet des 
Maffenmordes viele Millionen bewilligt werden. 


Die Regierung wird natürlich mit der Errichtung einer medis 


* ee 





— 569 — 


ciniſchen Fakultät in Lemberg zeigen wollen, wie fie für die Der- 
mehrung der medtcinifchen Schulen im Sande bedacht ift. Das ift 
natürlicy ein politifcher Trik. Die Errichtung einer medtcinifchen 
Fakultät in Czernowitz wäre viel wichtiger (praftifch, deutfch-öfter- 
reichiſch, culturell für die Oſtmark genommen) gewejen. Doch die 
Herren Polen haben das nicht erlaubt. Ih war neulich in Galizien 
und habe das Thema wiederholt zur Sprahe gebraht. Krafau’s 
mediciniſche Fakultät ift Feineswegs überfüllt und würde für Galizien 
vollfommen ausreichen. Doch es find einige Collegen in Semberg, 
die eine politiihe Volle fpielen und auch gern Profefforen fpielen 
möchten. — Yun, ſchaden wird es ja nicht; je mehr medicinifche 
Schulen, un fo befjer, wenn auch gerade die Polen ebenfo wie die 
Ungarn naturwiſſenſchaftlich unbildfam find (nur dte Cſchechen haben 
naturmwifjenfchaftliches Talent)! 

Kun genug meines fenilen Geſchwätzes! Machen Sie damit, 
was Sie wollen. 

Berzlichfte Grüße von Ihrem alten Zehrer und Freunde 

Th. Billeoth. 
* 


318) An Dr. von Eiſelsberg in Wien, Docent und Aſſiſtent 

Billroth’s. 

Baden, 27. April 1891. 

Sieber v. Eifelsberg! 

Ihnen und Ihren Collegen an unferer Klinif, fowie an Töröd 
und die Tafelrunde im Riedhof meinen herzlichen Danf für Ihre 
lieben Beburtstagswünfche. Das 63. Sebensjahr und das 63: Pro⸗ 
fefforen-Semefter fängt nicht gut an. Der Catarrh meiner Reſpi⸗ 
rationswege will nicht weichen trotz Luftveränderung, Vorſicht und 
Schonung. Wenn ich den ganzen Tag abſolut nicht rede, mich 
ruhig im Zimmer verhalte, wenig eſſe und trinke, ſo iſt ee ie: 
erträglich. Im der Nacht ſchlafe ich jehr unruhig, muß ein ER 
und auffisen, Dabei bin ich fehr matt geworden; leſe Sn I — 
ich, ſo ſchlafe ich ein; lege ich mich zum Schlafen, ſo fahre — 
wieder auf. Vielleicht iſt etwas Influenza dabei. 0 
ift auf Amts=- und Berufsthätigfeit in diefer Wo ir ni —— 
denken . .. Wenn dringende Sachen zu unterfchreiben ji A N 
giren Sie auf meine Rechnung einen Dperateur hierher zu kommen; 


A 
24% 
Briefe von Theodor Billroth, 


a 920, 


er muß fi) am Bahnhof einen Comfortable nehmen hierher, da 
die Tramway erft am 1. Mat eröffnet wird. Ich möchte fehr 
ungern officiellen Urlaub nehmen, da ich von Woche zu Woche 
Befferung erhoffe. 

Ihr 


Th. Billroth. 
5 


319) An Dr. von Xofthorn in Wien. 
| j Wien, 3. Mai 1891. 
Sieber von Boſthorn! 


Ihre lieben Zeilen von vorgeftern haben mich warm bewegt, 
und ich möchte nichts von Ihrer herzlichen Liebe verlieren. Alan 
wird habfüchtig um folche treue Liebe und Anhänglichfeit; je älter 
man wird, um fo mehr, denn viel Zeit hat man nicht mehr, Heues 
zu erwerben. 

Mein jesiger Krankheitszuftand war eine ſchwache Wiederholung 
des gleichen Dorganges vor 4 Jahren; doch es Fam feine Infiltra— 
tion des Lungengewebes hinzu, und die Lirculationsftörungen wurden 
durch das ſyſtematiſch gefräftigte Herz leicht ausgeglichen . . . 

Für Ihre vortreffliche Arbeit beiten Dank. Jahren Sie fo fort, 
nur Tüchtiges und wohl Ueberdachtes dem wiljenjchaftlichen Pus 
blikum darzubringen, und denken Sie bei Ihren Arbeiten immer nur 
an ein foldhes. Balten Ste fid) immer in geiftigem, hiftorifchen 
Contact mit den großen Forfchern und Aerzten aller Seiten. Wenn 
wir immer im Bewußtfein bleiben, wie viel Großes und Gewaltiges 
der Menſch fich Ichaffen mußte, bevor er da ftehen Fonnte, wo wir 
ftehen, jo werden wir nicht gar fo großartig davon denken, daß wir 
in einigem Detail etwas mehr wiffen. Ob über die Sebens-Procefje 
im Ganzen und Großen unfere Kenntnißzunahme gerade einen jo 7 
fehr großen Zuwachs in den Iesten Decennien erhalten hat, ift 
mir zweifelhaft. | 
Ihr 

Th. Billroth. 





m oa Se 


320) An Prof. Bergmeifter in Wien. 


Wien, 6. Mai 1891. 
Kteber College! 


Endlich beruhigt ſich der acute HSuftand meines Catarıhs der 
Art, daß ich mich übermorgen zur Beſchleunigung der Reconvalescenz 
in die Berge nach St. Gilgen begeben kann und die Öefahr einer 
etwa noch hinzufommenden Pneumonie als Defeitigt anfehen darf, 

Da mir nun fehr daran liegt, daß die gleich zu erwähnenden 
Derfendungen von Drudichriften an die „ordentlichen Mitglieder 
der k. k. Gefellihaft der Aerzte“*) erfolgt, fobald diefe Schriften 
fertig und in Ihren Händen find, fo erlaube ich mir folgende Er- 
läuterungen und Bitten: 

M An alle ordentlihen Mitglieder find zu fenden: 

a) der Jahresbericht pro 1890/91 (im Drud bei Jasper, 
von Ihnen zu corrigiren, 500 Eremplare). 

b) „Unfer Baus.” Zweite Mittheilung des Präfidenten 
(im Drud bei I. N. Dernay, Mariannengaffe 17). 
Die zweite Correctur wird Ihnen zur Repifton zugehen; 
bitte dann 500 Eremplare zu beftellen. N.B. Die Reſte 
von a und b find für mich aufzuheben. 

2) Den Sendungen an die 28 neuen Mitglieder ift noch bei- 

zufügen: 

a) je ein Eremplar von „Unfer Haus erjte Mittheilung 
(50 Eremplare in beifolgendem Packet), 

b) je ein Exemplar der früheren Jahresberichte 1887— 1890. 
(6 Eremplare liegen bei; die übrigen find von Herrn 
Dr. Hajed aus der Bibliothek zu erheben.) ws 

ipatim die Koften für alle diefe Druckſchriften trage, 
n, Ei: — Gefellf — die Koften der 
übernehmen. — Am 25. Mat will idy meine Klinif wieder eginnen. 
Ihr 
Th. Billroth. 
* 


— ‘= zu feinem Tode Präſident der 
December 1888 bis zu jeinen Bone KIEL 
*) Bilfroth war vom ?; "rdien Prof. Bergmeifter Secretait derfelben. 
# k. Gefellfchaft der Aerzte in ' 2a* 


321) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 7. Mat 1891. 
So bracht’ der Iesten Tage Unbehaglichkeiten 
An ſchlimmre Zeiten mahnende Erinnerungen 
Wohl manche mit. Den Blick nad) vorwärts 
Kann das von Krankheit müd’ bejchwerte Auge 
Kaum noch in der verkürzten Zukunft Bild erfafjen. 
Seh? ich wohl recht! Gebt’ mehr mir Sicht! 
So nah? doch Fann des Fernpunkt's Ende 
Mir noch nicht fein! Und doc wie ſchön das Ende 
Des unftät ruhelofen Strebens! Sel'ge Ruhel!! 
Zurück nun wende ich den Blick und den?’ der Lieben, 
Die meine Sebensbahn mit Freundfhaft und mit Kiebe 
Zur Schönften Freudeftraße bahnten, die von mir 
Nichts Weiteres erwarteten, als gleichgejtimmt 
In gleichem Glücksempfinden mit ihnen gleich zu fein. 
Den® ich nun dran, mein lieber alter Freund! 
Wie fehr Du mir mein Leben haft verklärt 
Durch Deine Kunft, und wie jo viele Stunden 
Don meinem reichen Leben nur allein durch Dich 
Des Seben’s werth erfcheinen — herrlich ſchöne Stunden! — 
So nimm dafür zum heutigen Tag den wärmiten Glückwunſch hin! 
Den Berzens-Danf für Alles, was ich Dir verdankel! 
Ich ſuche Morgen ſchon am fchönen See mein Tusculum 
Für vierzehn Tage auf; die faule Bärenhaut 
Behagt mir freilich nicht. Noch fühl ich Kraft 
In meinen Sehnen, meiner Knochen Mark! 
Bergpfalmen werd’ ic} fingen dort auf Wolfgang's Felfen! 
Des Himmels und der Seen und der Bletfcher Kraft 
Zich ih in mich hinein! und donnernd Fehr’ ich heim! 
In Bergnatur gepanzert, meine Knaben lehren, 
Die Speere werfen und die Götter ehren! 


* 
322) An Prof. von Dittel in Wien. 
St, Gilgen, 10. Mat 1891. 
Sieber Freund! 


Ihr theilnehmendes Telegramm hat mid) hocherfreut. Es geht E | 


mir. hier ftündlich befjer. Huften fchwindet, die Stimme faſt Far, 





— 55 — 


Nächte vortrefflih. Das Wetter it aber auch großartig, fo warn, 
daß wir alle Mahlzeiten auf der Deranda nehmen. Meine Frau 
iſt wie immer hier in glüclichfter Stimmung und freut fich meiner 
Geneſung und Kräftigung. In der Hoffnung, daß dies wunderbare 
Srühlingswetter anhält, haben wir Sie und Ihre liebe Frau, da 
Ste Beide jo viele Freude an Ihöner Natur haben, fchon öfter her- 
gewünſcht. Sie find ja zufammen ein fehr mobiles Paar. Machen 
Sie uns die Freude, uns zu Pfingften auf einige Tage hier zu be- 
fuhen. Morgens 28 von Wien, um 3 in Iſchl, von da mit 
einem flotten Wagerl in 1"). Stunden Hier, Unfer Haus ift voll- 
jtändig gerichtet; an Logirzimmern Fein Mangel, wenn Sie ländlich 
vorlieb nehmen. Alſo feien Sie Beide wie immer fefh! und Fommen 
Sie. Mleine frau vereinigt ihre Bitten mit den meinen. — Nach 
Pfingſten will ic) wieder jehr fleißig in Wien fein und alles Der- 
ſäumte nachholen! 
Mit herzlichſten Grüßen 
| Ihr 


Th. Billroth. 
C3 


525) An Dr. Gerfuny in Wien. | 
St. Gilgen, 20. Mat 1891. 
Sieber Freund! 


Welch' ein Morgen! Weldy ein Tag! Welch' ein Abend! Es 
iſt, als hätte die Natur all ihren geheimſten Sauber über uns Ne 
ausgefchüttet. Soeben haben wir auf der Deranda nn 
Ich fie jest in meinem Simmer bei offenem Fenſter; der aan 
„füllt“ Bufh und Thal, der Brunnen rinnt, Nachtfalter MR 
meine Sampe. Drunten in der Küche plaudern unfere 5 De cute 
(für 4 Perfonen!) bei ihrem Nachtmahl behaglich und — I 
wie die Berrfchaft der behaglicen Eriftenz auf dem mondſchein— 

ä trum mundi. 5 
—— — zum erſten Male „Gockel, Hinkel a: 
gelefen habe, ift mein einziges Streben nach dem el Be 
werde ihn drehen und Sie und Ihre liebe Bertha As A 
Freunde hierher wünſchen und Sie — wenn es Be a 
muß — Morgen in Wien erwachen laſſen. © . hi 2. 
unten Alles gerichtet; Sie werden dort große Malven . 


blumen haben und Clematis u. ſ. w. Die Plätten waren jchon 
für Sie gerichtet, und das Waſſer hatte ich für Sie zum Bade ſchon 
einige Male Mittags auf 16° R. gebradit. Es hat nicht follen 
fein, „es wär’ zu ſchön geweſen.“ 

Ich hatte heute Abend den frevelhaften Gedanken, ich möchte 
8 Jahre älter fein, um mit Recht mich meiner Faulheit zu pflegen! 
Doc; fort mit diefen weichlihen Bedanfen. Samitag Abend bin ich 
in Wien und will 2 Monate tapfer fleißig fein und thun, als ſei 
ic) ein junger Mann... 

Herzlihe Grüße von Haus zu Haus! h 

r 


Th. Billroth. 
& h. Billroth 


324) An Frau Prof. Seegen in Wien. 
Wien, 5. Juni 1891. 
Kiebe Freundin! | 

Es ift wohl felbftverftändlih, daß ich heute bei der Nachricht 
von Basner’s*) plötzlichem Hinſcheiden gleich Ihrer und Ihres 
nächſten Freundeskreiſes gedachte. Doch auch Selbſtverſtändliches 
auszuſprechen, kann zum Bedürfniß werden, wenn es mit einem 
Ueberfließen warmer Empfindung verbunden iſt. So ſtolz wir uns 
auch in unſerem Ich empfinden, wir bedürfen doch immer zu unſerer 
eigenen Befriedigung und Freude der Mitempfindung und Theil⸗ 
nahme Anderer. Es giebt im Leben ſtolz und eigenartig empfinden⸗ 
der Männer Perioden, wo ſie ſich über die Theilnahme anderer 
Menfhen hoch erhaben fühlen, wo energifches, charaftervolles Hans ’ 
deln fich felbft genügt. Doch wird man älter, fo Elingen wieder 
mehr und mehr die Saiten der Empfindung au; fait möcht! ih 7 
fagen, der Mann wird weiblicher im Alter, die Frau wohl männ- JF 
licher, und ſo verſtehen beide dann ſich beſſer. So giebt es dann 


eine Harmonie der älteren Generationen unter einander, die ihr 


Glück und Behagen nicht mehr in dem fuchen, was jie haben J 
möchten, fondern in dem, was fie wirklich haben. 

Aus diefem Kreife ift uns nun wieder Einer entfchwunden, 
Einer, den wir Alle liebten, und unter deffen äußerer Eigenart wir 


*) Unterrichtsminifter und Schöpfer des modernen Dolfsfhulwefens in] 
Oeſterreich. a 








800: = 


fühlten, daß cr uns doch wohl wollte. Er fpielte mit dem Pefft- 
mismus voller Humor und war doch ein Ihwärmerifher Idealiſt. 
Daß er Jhnen und Pepi ganz befonders lieb war, die Sie ein 
langes Leben jeines höchſten Strebens mit ihm durchlebten, Fann 
ih ganz und voll begreifen. Doc auch mir war er in aller feiner 
Sonderlingsnatur unendlich fympathifch, und wenn er oft zu er- 
fennen gab, daß er das Keben und feine Täufhungen recht fatt 
habe, jo glaubte ich ihm doc nur halb. Auch Chriftel und be- 
ſonders Elfe haben ihn fehr gern gehabt; fie hatten die Empfin- 
dung eines unbewußten perfönlichen Derftändniffes unter einander. 
Elfe war ganz erjhüttert von der unerwarteten Nachricht. 

Wir fühlen eine Flaffende Lücke mit feinem Binfheiden. Ihn 
kann ich nur beneiden. Ein Einfchlafen und nicht mehr Erwachen, 
was fann es Schöneres geben! Beneidenswerther todter Mann! 
Wir denken dabei wohl auch, wer wird der Mächfte fein? Die 
Welt geht weiter drum, doch unfere Welt find wir; für uns ver- 
fchwindet auch die Welt mit uns, die Welt mit allem Freud und 
Seid. Und diefes Freud und Leid find doch vor Allem die Menſchen, 
die Gleiches mit uns durchleben und empfinden. In unferem Alter 
haben wir Faum Ausficht uns neue Freunde zu erwerben; drum 
trifft uns alter Freunde Derluft um fo tiefer. , | 

Broße Menfchen bleiben ſelbſt als Rieſen unter ihres Gleichen 
halbe Kinder. Es iſt mir unvergeßlich, als Hasner vor einigen 
Jahren von Iſchl zu Ihnen nach Auſſee kam und voller Stolz 
Ihnen einen Korb prächtiger Krebfe in die Küche brachte. Wie 
Eindlich Iuftig vertrieb er fich einmal bei uns während eines — 
Salzkammergut⸗Regens in St. Gilgen die Zeit mit Kegelſpie an 
Kun ift das Alles vorbei, fein reiches Seben tft Ba ie 
Erinnerung an feines Geijtes reichen Gaben, an denen — — 
Theil hatten, wird uns als ein Cheil unſeres — is zum 
Ende unſerer Tage unvergeßlich ſein! Friede feiner Aſ — 

ſie werden früher oder 

Ich fende diefe Zeilen nad) Auſſee; ſie en a 
fpäter in Ihre Hände gelangen. Ich hätte nen n —— 
SEE — er ee Freude 
einander gebunden hätte. Es bindet uns Sr i ER ee Hefe 
neue un Sr it we I ann auch 
empfundener Dank. ——— ER Sie und Pept mit ihr 
jeßt nicht müde werden zu jagen, wie Id = 


— 3756 — 


waren. Ich will nicht davon reden, wie dankbar ich Ihnen Beiden 
bin, daß Sie Elfe fo ganz als Tochter in Carlsbad bei ſich geführt 
haben. Ic erfenne darin nur, daß wir uns unter einander lieb 
haben, und für Siebe danft man nur durch Kiebe. Lafjen Sie es 
fo verbleiben! . . . 


5 


525) An Prof. Mikulicz in Breslau, 


Wien, 26. Juni 1891. 
Sieber Freund! 


Ihr Brief enthält manches Schmerzliche, doch auch viel Erfreu- 
liches. Seien Sie überzeugt, daß ich an Beiden den herzlichiten 
Antheil nehme. Dor Allem wünſche ich Ihnen, daß Ihre liebe 
Frau den ſchweren Derluft bald überwinde und wieder zu früherer 
Kraft und Geſundheit fomme. 

Es ift fehr wohl möglich, daß ich Sie einmal in Breslau be⸗ 
ſuche, zumal wenn es wirklich zu meinen Lebzeiten zum Bau einer 
neuen chirurgiſchen Klinik kommen ſollte ... Im jüngſter Seit iſt 
die eventuelle Uebernahme des ganzen allgemeinen Krankenhauſes 
durch das Unterrichtsminiftertum für Furze Zeit ganz ernfthaft in 
Betraht gezogen worden. Dod nun ruht Alles wieder. Ich bin 
auch fchon recht müde in meinen fruchtlofen Beftrebungen geworden, 
die hiefigen Derhältniffe zu beffern. Nichts ift lähmender, als innmer 
freundliche Derficherungen mit paffivem Widerſtand verbunden . .. 

für die Meberfendung Ihres Atlas*) herzlichiten Danf; id 
werde ihn in der Klinik zu Demonftrationen jehr guf verwenden 
können. 

Mir geht es recht gut, ebenſo den Meinen. 


Freundlichſte Grüße von Haus zu Haus. 


— 


Ihr 
Th. Billroth. 
* 


„73. Mikuliez und P. Michelſon. Atlas der Krankheiten der Mund» und 
Rachenhöhle. I. Hälfte. Berlin. A. Hirfhwald. 1891. : 





| 


are — 


526) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 20. Juli 1891. 
. Kieber Herr Hofrath! 

Jalea est acta!*) Die Sparcaffe hat unfer Geſuch um ein neues 
Anlehn abſchläglich befchieden. Somit ift an einen MWeiterbau des 
Rudolfinerhauſes vorläufig nicht zu denken. Auch die Ausfichten 
auf eine Speciallotterie für den Rudolfinerverein find fehr ſchwach. 
Kurz, ich bin vorläufig fehr desperat! Wenigftens wiffen wir doch, 
woran wir find ... 

‚ Ihr 


r Th. Billroth. 


327) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 24. Iult 1891. 
Sieber, verehrter Hofrath! 

Als ich Ihnen neulich ſchrieb, war id) noch ganz perpler von dem 
über den Schlußbau des Rudolfinerhaufes hereingebrohenen Schick— 
falsihlag und ließ fogar einen Wippchen-Witz aus Galgenhumor 
ftehen, inden mir ftatt „Alea est jacta“ „Jalea est acta“ in ‚die 
Feder Fam. Es bleibt nichts übrig, als ſich in das Unvermeidliche 
zu fügen. { ’ RR 

Wie foll ich Ihnen danken, daß Sie fo viele Mühe, N — 
mit detaillirten Decorations⸗Feichnungen gehabt haben, — ol⸗ 
finerhauſe umſonſt gewidmet haben wollen! Ich bitte Bi 
jedenfalls zu geftatten, dies im nächjten Jahresbericht als Ihre 
Spende zum Capellenbau danfend zu erwähnen u — 

— iſt es möglich, im nächſten Frühjahr zu beginnen, 
wenn es mir gelingt im Herbſt einige Millionäre zur N 
des Torſo's hinauszubringen und ihr Herz zu rühren. Keider — = 
wir viel Concurrenz: die Poliklinik, Haase's en ve 
die Schweftern in der Hartmanngafje x. Dod 1m versweifele ich 
nicht. Dazu ift immer noch Seit. 


Nochmals herzlichften Dank für alle Güte. 
Ihr 
Th. Billroth. 


* 


*) Siehe Brief ir, 327. 


328) An R. Toppius, Rittergutsbefißer in Eldagfen. 


St. Gilgen, 11. Auguft 1891. 
Sieber Rudolf! 


» +. Dein Brief hat mid) lebhaft intereffirt. Sch bin immer 
noch von Dank erfüllt für die fhönen Tage meiner Jugend, in 
denen ich in Deinem gaftlichen Haufe lebte und dort meine erften 
naturwiffenfchaftlihen Forſchungen an Schneden begann. Ich war 
damals ftolzer und beglüdter über jeden mir neuen Befund mit denı 
Mifroffope, als fpäter über jeden Erfolg und alle mir zu Theil ” 
gewordenen Auszeihnungen vor der großen Welt. D! fchöne Jugend 
zeit der Träume und der ſelbſt gefchaffenen Ideale! 

Aus den Schilderungen der vielfachen Mißgeſchicke, die den 
Sandwirth betreffen Fönnen, entnehme ich, daß in jedem Stand, in 
jedem Beruf daffelbe Schickſal den Menſchen treffen Tann. Der 
Capitalift ift abhängig von der Börfe, der Fabrifant von den Con— 
juncturen und den Anfprüchen feiner Arbeiter, der Arzt und der 
Advofat von dem Dertrauen des Publiftums ıc. Meberall Wechſel 
von günftigem Geſchick und Mißgeſchick! 

i Seit einer Woche habe ich die drücende Stadtatmojphäre ver- 
laffen und bin hier mit meinen zwei umverheiratheten Töchtern auf 
meinem Tusculum. In einigen Tagen kommt meine frau, die” 
noch zur Pflege der Wöchnerin, Martha Gottlieb, in Wien ges’ 
blieben ift, auch Hierher mit dem übrigen Theil der Familie. So 
werden wir uns dann einige Wochen eines behaglichen Sujammen- 
feins der Familie erfreuen Fönnen. h 
++ Auch mir und den Meinigen geht es gut. Ich muß jehr 
zufrieden fein, daß ich geftern in meinem 65. Lebensjahr noch eine 
Bergtour von 7 Stunden ohne erhebliche Ermüdung machen konnte. 
Meine Praris iſt freilich durch die vielen vortrefflichen Schüler, die n 
ich gebildet und denen ich ihren CLebenspfad geebnet habe, ftart N 
zurücigegangen; doch das ift ganz natürlich, und ich darf mich glüde 
lih ſchätzen, von allen meinen Schülern geltebt zu wifjen. J 

Daß es Robert gut in feiner Praris geht, freut mid ſehr. 
Es war vielleicht gut gethan von ihm, nicht nach Wien zu kommen; 
denn ich habe öfter die Erfahrung gemacht, daß junge Keute nad) J 
einem längeren Aufenthalte in Wien ſich nur ſehr ſchwer in eine | 
Sandpraris eingewöhnen. Ich habe die Erfahrung zumal aud an 


4J 








meinen Leffen Paul, dem Sohn meines Bruders Robert ge= 
— — Lebe wohl, bleibt gefund! Herzliche Grüße von Baus 
zu Baus. 
Dein treuer Detter 
R Th. Billtoth. 
529) An Prof. von Dittel in Wien. 

St. Gilgen, 17. Auguft 1891, 

| Abends "/.1o Uhr. 

Pöllerihüffe, die ein minutenlanges Echo hervorrufen, Volks— 
hymne vom Dampfſchiff herüber klingend, welches mit Sampions 
decorirt von einigen vierzig, ebenfalls mit Sampions decorirten, 
Booten umgeben ift, verfünden unferes Kaiſers 60. Geburtstag. 
Unfer hiefiger College, ein noch von der Salzburger Ehirurgen- 
ſchule jtammender Aesculap hat nah allen diefen Anzeichen fo- 
eben den Toaft auf den Kaifer ausgebraht. Ich war bis jekt 
auf dem Balkon unferes Haufes mit meiner frau und Senden. 
Der Mond fchien bei wolfenlofem Himmel über See und Berge; die. 
Reflere anı See, und die fi davon abhebenden Silhouetten der 
Bäume, die ftumme Macht und Kraft der umgebenden Natur fchien 
auf diefes fonderbare Menfchengetriebe lächelnd, übermächtig herab- 
sufehen. Don Weiten geſehen ſchien doch Alles diefes ‚muntere 
- Menfchengetriebe, fo breit es fih auch machte, faum ein Daar 
Wogen zu gleichen, die an ein felfiges Ufer Schlagen. 

Und wie hatten fih die guten Menſchen angeftrengt! Der 
Menſch ift doch das befte Thier, wenn ſich unfere modernen Schrift⸗ 
ſteller auch bemühen, es ſo ſchlecht als möglich darzuftellen: Don 
allen Höhen leuchten die Bergfeuer herab; mußten da nicht Sn 
Menge armer Teufel für ein Paar Kreuzer 2-5 Stunden HE 
frareln und in der Wacht wieder herunterlaufen? und ſie thaten es 
willig mit einer Art von Bewußtfein der Mitwirkung zu — 
gemeinſchaftlichen Feſt. Am Ufer entlang brennen SEEN En 
Bränze, auf dem See Schwimmen Ettemmend, DL ne 
arme Gemeinde giebt Geld her für Pulver für die —— — 
Raketen, Feuerräder, Seuchtfugeln. Und was —— — 
twürßigfte it; in dieſem armfeligen St. Gilgen von Far mine an 
600 Einwohnern befteht eine Kapelle von Blasinftrumenten: Be ’ 


Bandwerfer, Knechte. Ste bringen vierftimmige Harmonteen ganz 
1; 


a 512,00 — 


gut zu Stande, wenn aud die Reinheit einiges zu wünfchen übrig ; 


läßt; aber doch fo, daß man die Muſik ganz gut verftehen kann. Jeder J 


iſt mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit bei der Sache. Drüben von 
den Bergen klingt mehrſtimmiger Geſang, und Jodler und Juchzer 
ertönen aus kräftigen Kehlen. 


Und doch! von unſerem Balkon Alles das hörend, war doch 


der Eindruck einer feierlichen Stille in der nächtlichen Natur vor— 
wiegend. Armſeliger Menſch! Die Ruhe in der großen Hatur über- 
tönt doch dein ftärfftes Schreien und Jubeln! — Soeben fommen 
unfere $amiltenmitglieder, die fih an dem Dolfsfeft betheiligten, 
und unfere Dienftleute, die natürlich auch dabei waren, fingend und 
plaudernd Iuftig nach Haufe. Bald wird Alles ftille, jtille fein, und 
die große ftille Natur, vom Mond beglänzt, wird allein herrfchen! ° 
Da haben Sie, lieber Freund, ein Fleines Stimmungsbild aus unferem 
trauten St. Gilgen. 
Baben Sie herzlichen Danf für Ihren lieben Brief und ganz 
befonders für Ihre Güte und Liebe zu Martha und ihrer neuge- 
gründeten familie. Ich bin, wie auch meine Frau, tief gerührt 
von aller Ihrer gütigen Theilmahme und noch befonders für das in 
-Ausficht geftellte Billroth-Simmer .... Der Eleine Hans gedeiht 
und ift, wie mir fheint, ſchon über fein Alter hinaus geiftig ent- 
widelt ... 
Mir zählen fiher darauf, daß Sie uns im September bier für 
einige Tage befuchen und freuen uns ſchon herzlichit darauf. Taufend 

Grüße von Haus zu Haus. 
Ihr 
$ Th. Billtoth. 

350) An Dr. von Mundy in Wien. 

St. Gilgen, 29. Auguſt 1891. 
Sieber Freund! 
Berzlichen Dank für Ihre geftrige Depefche und die darin ause | 
gefprochene freundliche Theilnahme an meinem Schmerzensfind, dem 
Audolfinerhaus. Jede Ausfiht auf die Dollendung defjelben ift für 
die nächften Jahre gefhwunden. Die Sparcafje will Fein Geld mehr 
dafür hergeben. In Betreff der Lotterie macht der Minifter der⸗ 
artige Bedenken, daß ich auch diefe eventuelle Einnahmequelle [hon 
als verfiegt betrachte. Ich brauche für die Vollendung des Haufes 








— 3581 — 


noch einfach 100000 fl.; weniger Fann mir nichts nüßen. Mein 
Intereffe an diefen Unternehmen ift bereits total atrophifch, ebenfo 
an dem VNeubau der Klinif und an dem Haus der Befellfchaft der 
Aerzte. Ich befinde mich diefen, wie den meiften anderen Dingen 
in und außer der Welt gegenüber bereits in dem Zuftand der voll- 
kommenen Wurftigfeit. 

Hier ift mein Leben nicht fo ruhig, wie ich wohl wünschte. Ich 
fonnte es einige Male nicht vermeiden, zu Confultationen nah Iſchl 
oder Auffee zu fahren, diverfe Tonfultationen hier anzunehmen. Die 
ftarfen Spaziergänge, die ich bisher machte, und das ftundenlange 
Rudern ermüden mein Nervenſyſtem, fo daß ich fte reduciren muß. 
Ich tranfpirire dabei recht ftarf, befie aber nicht mehr die Charafter- 
ftärfe, meinen furchtbaren Durſt wenn auch nur nad Waſſer zu 
bemeiftern, und werde dabei eher fetter als magerer. Kurz, ich bin 
noch nicht recht mit meinen Serien-Refultaten zufrieden, Hoffentlich 
geftaltet fich der September befjer. Am Ende komme ich noch darauf, 
in den Ferien in Wien zu bleiben. Mit herzlichitem Gruß 


r 
Th. Billroth. 
* 


351) An Prof. von Gruber in Wien. 
St. Gilgen, 12. September 1891- 


Derehrtefter Herr Hofrath! — 
Sie können überzeugt ſein, daß ich mich ebenſo wie Sie über 
die offenbar abſichtlich verſchleppte Angelegenheit des Klinik⸗Baues 
ärgere. Ich habe die Empfindung, daß Gautſch ſich — — 
Anwandlung, einmal etwas Rechtes zu thun, hat — dat 
fich aber erft fpäter darüber Flar geworden iſt, daß er ie 
er uns beiden die Anfertigung des Planes überragt —— 
Wespenneſt des Beamtenthums geſtochen hat fi au fun 
Wespen fürchtet. Mir ift eine Aeuferung Don so “ RR Bau 
gefommen, daß es nod) einige Jahre dauern würde, eh 
meiner Klinif effectuirt würde - + - — * 
Viel mehr een mich, daß es Lich Me Pr Si 
diesjährigen Wohlthätigeits-Lolterte — nvorl ergefehenen 
nicht der Fall, jo müfjen wir bei immer neuen, U yerg 


Ausgaben trog Gerſuny's viefiger Arbeit uns banferott erklären 
5 


und à la Morpungo liquidiren. Das Hohngelächter meiner Feinde 


würde ich noch überftehen, jchwer aber das Mißlingen des ganzen, 


fo mühfam zufammengebraditen Werkes verwinden. Yun, vielleicht - 


fehe ich zu fchwarz. Hoffen wir das Beſte. 

Geht unfer Klinik-Bau nicht durch, jo wird es wohl SE Befte 
fein Sie reihen Ihre Rehnung und ich ‚meine Demiffion ein. 
Dann. werde ich den Herren eine Broſchüre widmen über diefe An— 
anne, die fie fich nicht hinter den Spiegel ſtecken werden. 


* or Th. Billeoth. 


32) An Prof. von Dittel in Wien. 
Sir. ——— 15. September 1891. 
. Sieber Freund! 
Schon lange freuen wir uns auf Ihren und Ihrer lieben Frau 
Befuh. Nun fast uns Martha, daß Ihre Frau ihr gejchrieben 
hat, daß Ste uns nur einige Stunden widmen wollen. Damit find 


wir aber Feineswegs zufrieden; Sie müffen uns einige Tage widmen. 


Daß Sie zuerft bei Ihren Kindern in Auffee weilen wollen, 
-1ft ja natürlih. Doc) foviel ich auch das Salzfammergut in neuefter 
Seit mieder bereift habe, jo muß id doh nad) Altauffee unferer 


Dilla bei St. Gilgen den zweiten Preis zuertheilen. Die Tage find 


jest hier von wunderbarer Herrlichkeit. Der Mondſchein ift zaube- 
tisch. Jede Art von Spaziergängen fteht Ihnen hier zur Dispofition: 
eben oder bergig auf guter Straße, oder fteinig wild auf ungebahnten 


Bergwegen. Mir wird es eine große Freude fein, mit Ihrer lieben 


Frau vierhändig zu muficiren; ich habe eine ganze Fiteratur hier, 


nicht nur alle Claſſiker, fondern auch die Romantifer: Brahms, 


Dvorak und die Lyriker: Fuchs, Reinhold ıc. Unfere Fremden 7 
zimmer find nicht groß, doch behaglich. jeder Iebt bei uns, wie 
er mag; man frühftücht, diniet, jauft, fonpirt mit einander, geht 
allein oder in Gruppen fpazieren, rudert, fährt auf dem Dampf 
boot ıc,, wie man will. „Hoc; foll die Freiheit leben“, heißt es auch 


bei uns, wie auf Don Juan's Villa. Großväter wirft der Teufel 
nicht in den Höllenrachen, und fo riskire ich nichts mit dem Don” 


Juan-Dergleih. Alfo, warn kommen Sie? Wir freuen uns jhon $ 


Alle darauf, It 
3 
$ Th. Billroth. 


— — 





4 


— Se — 


555) An Prof. Hanslick in Wien. 
Sieber Hans! 


Ih erhielt heute noch einen Abdruck von Erner’s Rede*) und 
habe fie mit Begeifterung gelefen; fie enthält unendlich Vieles, was 
Dich interefjiven würde. Ich habe Erner gebeten, Dir und Brahms 
ein Eremplar zu ſchicken. Ich ftimme nicht mit Allem, was Erner 
fagt, überein; doch wie er Alles „bringt“, ift famos geiftvoll. Er 
moquirt fih u. U. auch darüber, daß man jest Alles „Phyſiologie“ 
nennt: der „Siebe (Mantegazza), des „Rechts (Strider) ıc, 
I ftehe da ganz auf feinem Standpunkt in Betreff der „Phyſiologie“ 
der Muſik. 

Sollteſt Du die Broſchüren, welche Du mir neulich zeigteſt, 
geleſen haben und entbehren können, ſo thue mir den Gefallen, ſie 
mir zukommen zu laſſen; ich vermuthe Unſinn darin, doch möchte 
id) mich davon überzeugen. Addio! 


Wien, 22. October 1891. 


Dein 
Th. Billtoth. 
* 


554) An Prof. Hanslick in Wien. 


Sieber Hans! 
Was Du mir gütigft gefandt, hat mic nicht ſehr erbaut. ””) 
Wenn der Direktor eines Mufif-Confervatoriums fchreibt: „Compo⸗ 
niren heißt: die hörbare Ausathmung bei der Daralyje des Gefäß- 
frampfes Stimmung fünftlerifch zu gejtalten, zu idealiſiren“ as. 55), 
fo muß man Erner Recht geben, wenn er jagt, die naturwiſſen⸗ 
ſchaftliche Behandlung aller Gegenſtände ſei der Zopf des 19. Jahr⸗ 
hunderts. 
Das Hineinziehen von Serſtörungen einzelner, SE 
Dorgang der Sprache vermittelnden Hirntheile in die UNE 
haft (PP giebt es eine foldhe? kann es eine folche geben?) Ib ei 
falls ein Zopf der Zeit. Bekannte Erfahrungen werden dadurch 
nicht verftändlicher. 
*) Rede von Prof. Adolf Exner beim Antritt des 


ee ] kiebach, Director des 
**) „Die Phyfiologie der Tonkunſt“ (1891) von Otto Fiebach, 


Eonfervatoriums in Königsberg. 


Wien, 26. October 1891. 


Rectorates der Wiener 


— 384 — 


Das fehr fleißige Referat von Meinung über Stumpf’s 
Tonpfychologie kann doc nur abjchredend wirken. Vachdem ich Fr 
mich mühfam durch dte Bücher von Wundt durchgearbeitet habe, 
der mir noch der erträglichite unter den Pfychologen zu fein jcheint, 
und auch bei ihm fand, daß er eigentlich wie alle Philofophen immer 
dafjelbe jagt, habe ich von diefer Sorte genug. A 

Wenn man einen behaglich im Grünen liegenden Ochſen ftunden- 
lang wiederfäuend fteht, fo hat man doch noc die ganze jchöne, 
ihn umgebende Natur dazu und denkt ſich, der Ochs gehört eben ° 
dazu; er verlangt ſich auch gar nicht, daß man ihm sufieht. Wenn 
man aber fo einen ftubenhocenden Gelehrten in feiner Studirjtube 7 
ewig wiederfäuend fieht und merft, wie er, ſich jelbit als höchites 
Derftandesthier anbetend, fi fo ungemein intereffant vorfommt, daß 
er ſich felbft in feiner höchſten Dollfommenheit kaum noch verſteht, 
— fo ift mir doch der Dchs noch lieber. 

Es ift eben jehr ichwer, über Kunft etwas Dernünftiges zu 
ſchreiben. Selbft die Gefcheidteften treffen es nicht. Mit Brüde’s 
phyſiologiſch⸗äſthetiſchen Schriften über Derskunft, über die Schönheit ° 
des menfchlichen Körpers ıc. weiß ich auch gar nichts anzufangen! 
Es ift, als wollte man befchreiben, wie ein guter Apfel jchmedt; 
man muß ihn eben felber efjen; merft man's dann nicht, dann ſoll 


man bei Kartoffeln bleiben. 
Dein 
Th. Billroth. 3 
5 j 


355). An Prof. Czerny in Heidelberg. 
Wien, 9. November 1891. 

Sieber Freund! 
... Was den Plan für Ihren neuen Dperationsfaal nebit 
Anhängen betrifft, jo Fann ich nicht fagen, daß er mir beſonders 
gefiel. Dor Allem halte ich die runde Form für jehr ungünftig 
in Betreff der Afuftif. Seien Sie froh, daß Sie feine  gewölbte” 
Dede befommen; es würde fo hallen, daß man £ein Wort verſteht. 
Ich habe das Ganze für meine Klinik zufammendrücen laſſen, ſo⸗ 
daß eine eckige, längliche Form herauskommt. Hwei hintereinander € 
itehende Tifche genügen; zwei nebeneinander ftehende geniren. Die” 
Studenten haben von außen direct zum Auditorium feinen Eingang. 
Die Sage des Chloroformirzimmers ift zu weit vom Dperationsfaal. 4 


* er: 
En ren 





= — 


Inſtrumentenzimmer? iſt das eine hiſtoriſche Sammlung ? Ich ver= 
lange, daß alle wirklich zu brauchenden Inftrumente im Dperations- 
faale find, — Mir fcheint das Ganze im Grundriß fo verfehlt, fo 
wenig durchdacht, als hätte ein Stadthalterei-Baumeifter den Plan 
gemacht. An dem großen feitlichen Fenſter habe ich auch feftgehalten. 
Im Weſentlichen ift der definitive Plan für den Neubau meiner 
Klimi nicht fehr verfchieden von meinem Sdeal-Plan. ch Fenne 
aber Ihre Bedürfniffe in Heidelberg zu wenig; drum Fann ich nicht 
auf Einzelnes in Ihrem Plan eingehen, 

Derzeihen Sie meine Offenheit! Bei uns befommen die Miniſter 
ſehr bald ein ſo dickes Fell, daß ſie weder auf Freundlichkeit noch 
auf Grobheit reagiren; ich werde den Neubau meiner Klinik ſchwer⸗ 
lich erleben ... 

Ihr 


Th. Billroth. 
* 


356) An Dr. von Mundy in Wien. 
Wien, 4 December 1891, 
Nachts 2°), Uhr. 
Mein lieber, alter Freund! 

Ihr liebes, gutes Schreiben giebt mir wie immer viel zu viel 
Ehre. Ic habe verfucht, meine Schuldigfeit zu thun; wenn es mir 
gelungen ift, um fo beffer. Aber daß Ste mir rathen, eine Broſchüre 
zu ſchreiben, das iſt doch boshaft von Ihnen, da Sie ja doch am 
beſten wiſſen, daß man damit garnichts ausrichtet. 

Sch habe heute mit wenig Unterbrechung von 10 Uhr DE 
mittags bis 27 Uhr Abends in den Delegationen verweilt 
konnte nicht fort, weil ich das Schlußprotocoll unterſchreiben Der 
das ins Reichsarchiv kommt. Hätte ich in der ganzen — — 
ich wäre nicht ſo abgeſpannt geweſen. Nun habe ich er nn 
Stunden an dem Stenogramm meiner Rede corrigirt; es iſt 
harte Arbeit, wenn man das geſprochene Blech ee * 
hämmern ſoll. Das Einzige, wozu ich mich — Ei bat 
Tagen der Ruhe noch aufzuraffen im Stande u A — 
ich meine Delegationsrede ſo niederſchriebe, A: ER “ —5 
halten wollte. Es iſt wirklich kein Spaß, En a f ee “ Diele 
das Herz voll ift, mit der Uhr in der Le) u ie Y * Seit 
waren empört, daß man mid) nicht von vornheret © 


Briefe von Theodor Billroth, 


25 


= 8800 7 


befchränfte, fondern mic gewiffermaßen zur Drönung rief, obgleich 
ich das Ohr des Haufes von der erften bis letzten Secunde hatte. 
Ohne felbft eine Ahnung davon zu haben, foll ich die Sache fehr fein 
und vornehm durchgeführt haben. Vielleicht wird doch noch etwas 
aus mir, dem armen Pfarrersfohn von Bergen auf der Inſel Rügen! 
Ich habe keinen Groll auf den herzensguten, liebenswürdigen Fürſten 
Schönburg; er hat mir eigentlih einen großen Dienft geleiftet. 
Man war entrüftet, nicht mehr von mir hören zu Fönnen; es war 
wirklich mäuschenftill in dem fonft fehr unruhigen Haufe. So war's 
doch beffer, als wenn ich das Haus durch eine zu lange Salbaderet 
gelangweilt hätte. Eigentlich war id} ja aud) fertig, nur hätte ich 
zur Motivirung des zweiten und dritten Theils meiner Rede noch 


Einiges zufügen Fönnen. Da hatte ich auch einen ſchönen Panegyricus 


auf Sie am Berzen, der da fchon lange liegt und herunter follte. 
Dody man ließ mid) eben nicht ausreden. Ich dachte mir: eigent- 
lich bift du doch fchon ein senex loquax, hüllte mich verſchämt in 


meine Berrenhaus-Toga und brach unbewußt verlegt ra ab. ° 
Yun ift auch diefe Comödie vorbeil Das Terrain der Politik it 
mir doch nicht behaglih; ich mußte zwei Tage der Delegations⸗ 


Sitzungen wegen meine Klinik ſchwänzen und freue mich, morgen 
(beſſer Heute, denn es iſt inzwifhen °/,5 Uhr Morgens geworden) 
wieder unter meines Gleichen in der Klinik zu fein. Gute Macht! 


Ihr. alter 
R: ; Th. Billeoth. 


357) An Dr. von Mundy in Wien. 
Wien, 7. December 1891. 
Unermüdliher Kämpfer! Lieber Freund! 


Die alte Literarifche Raufluft fcheint Ste wieder angepadt zu 
haben. Sie find und bleiben doch ein blutzunger Mann! Ic bin 


natürlich fehr gefpannt auf Ihre Entgegnung, bitte Sie jedoch, mich 


möglichft dabei aus dem Spiel zu lafjen. 


Nach meiner Rede hat man mich erſucht, mic doch wieder ; 
am „Rothen Kreuz” zu betheiligen. Yun liegt das ganz außer dem 
Bereich meiner Alters-Weigung und Kraft. ch habe genügend mit - 


der Bewältigung meines Kehrberufes, meiner Praris ꝛc. zu thun und 
kann mich nicht entſchließen, jetst noch wieder in dieje Dinge em? 


= 
ee rn tn 


Fi 








zugreifen. - Da fände ich es denn ganz natürlih, wenn man fagte: 
„Schöne Reden Fann der Billroth halten und räfonniren, aber 
mitthun will, er nicht.“ Ich werde es alfo damit bewenden laſſen, 
die Sache wieder einmal angeregt zu haben und auch nichts weiter 
ſchreiben, nicht einmal meine Rede ausarbeiten. 

Um die Frage, wie viel größer die Wirkung mit den neuen 
Präcijionswaffen und dem rauchloſen Pulver fein wird oder Fann, prä= 
ciſer zu beantworten, hätte ich alle einzelnen Befehtsmomente 
und Gefechtsarten viel detaillirter beſprechen müſſen; das hält eine 
Delegation nicht aus, Ich Fonnte mic) daher nur auf einige Haupt— 
momente beziehen. Wollte ich das näher in einer Brofchüre be- 
leuchten, jo müßte ich mir dabei Raths erholen bei einem Dfficier, 
der moderne Schlachten mitgemacht hat. Sie bedürfen deffen nicht 
und Fönnen daher das Material beffer beherrfchen. 

Mir geht es eigentlich nicht befonders gut; ich bin fehr ſchlaf⸗ 
los, nervös und habe wenig Athem; mein herzſchlag iſt fo untegel= 
mäßig, wie er fchon lange nicht war. Ic Fann leider nicht mehr 
viel geiftige Arbeit hintereinander aushalten. Bätte ich Ihre aus- 
dauernde Kraft und Energie! Ic bewundere Sie wie immer, 

r 
Th. Billroth. 
* 


358) An Dr. von Mundy in Wien.*) 
Wien, 9. December 1891, 
Mittwoch Morgen 4 Uhr. 
Mein lieber, alter Freund! | 
Es ift doc nur eine Convention und Gewöhnung, wenn 3% 
Menfh glaubt, er müffe die ganze Nacht fchlafen und — 
Tag wachen. Nachdem ich mich geftern um Al Ahr Nele — 
und vor einer halben Stunde ganz friſch erwachte, muß ich och 
nun immer wieder an Sie und Ihre letsten Briefe denken, die 
zugleich erhoben und befhämt haben; und ich El ER u Ei 
wieder einichlafen, bevor ih Ihnen gedankt und gean a 4 5 
Was meinen Zörperlichen Suftand betrifft, jo habe ic ? R * 
pfindung, daß Nothnagel mir ungefähr daſſelbe ſagen würde, wie 


to ‘of. Wölfler in Graz. 
*, dv, Mundy fchenfte diefen Brief an es 0] j ns 


— 9588 — 


Ihnen einft Bamberger*), wenn ich die leifefte Spur einer Pneu⸗ 
monie oder einer capillaren Bronchitis attrapiren würde: „Adieu, 
lieber Billroth! leb' recht wohl!” Ich pulvre mich mit Strophan⸗ 
tus und Cognac auf, und wer mich in dieſen Tagen in der Hlinif 
hörte oder operiren jah, wird fich vielleicht denken: der Menſch iſt 
nicht umzubringen! Und doc habe ich bei den fonderbaren Caprio- 
fern, welche mein Herz macht, die Empfindung, daß es fi} aud) 
einmal den Spaß machen Fönnte, ganz ftill zu ftehen! Denken Sie 
den Jubel unter den jungen Chirurgen. Da man meine Stelle 
nicht mit einem Privatdocenten beſetzen wird... ., fo wird es eine 
Reihe von Verſchiebungen und Derbefferungen für viele meiner 
jungen Freunde geben, und fo wirfe ich noch nach meinem Tode 
erfreulich und erwerbe mir wahrhafte, perfönliche Dankbarkeit. Es 
ift eigentlich ſchändlich, daß ich, den die Schüler fo auf Händen tragen, 
fo daher ſchwätze; doch der Balgenhumor bringt folhe komiſchen 
Burgeltöne nun einmal hervor. 

Dod nun will id) einmal ausnahmsweife ernfthaft fein. Ihr 
letter Brief von geftern bei Gelegenheit der Erpectoration von 
Exc. Waldftätten ift — ganz abgefehen von Ihrer Kiebe zu mir 
— das Schönfte, was ich aus Ihrer Feder kenne; es hat mid) tief 
ergriffen. Sie dürfen dieje Feder noch nicht niederlegen, weil fie 
nie wirffamer fhrieb als jest. Wohl find Sie immer noch der alte 
Beißfporn, doc in einer Art milder Derflärung. Sie haben das 
humanitäre Wirfen auf den Schlachtfeldern und in den Irrenhäufern 


zu Ihrer hohen Sebensaufgabe gemacht; ich habe auf letzterem 3 


Bebiet nichts, auf erfterem nur dilettantifches geleiftet. Daß Sie 
früher felbft activer Militär waren, giebt Ihnen über alle militär- 
ärztlichen Schriftfteller ein Präponderanz; auch ann fich an perföne 7 
licher Erfahrung Niemand mit Ihnen, lieber ‚Freund, mefjen. Mein 


Sebenslauf und das Gebiet meines Denkens und Grübelns lag von 


Anfang an auf einer anderen Seite. 

Als Menfchen fanden wir uns bald ganz, foweit es die Haupt 
fache, die Empfindung, betrifft. Unfere wiſſenſchaftlichen und humas 
nitären Beftrebungen fanden fich erit auf den Schlachtfeldern. Ing 


einem differiren unfere Charaktere vermöge ihrer ganzen Anlage, 


nämlich in der Art und Weife für das zu wirken, was wir für das 


*) Prof, der inneren Medicin in Wien; geit. 1888, 





— 58 


Hoͤchſte halten. Während Sie vor Allem von Haß gegen das Mittel- 
mäßige und Miſerable erfüllt werden und mit heroifcher Impetuo⸗ 
ſität darauf losfahren und dadurch am meiſten zu nützen glauben, 
— hat mich eine decennienlange Erfahrung als Lehrer der Jugend 
gelehrt, daß ich, für meine Perfon wenigftens, mehr wirke und 
praftifch mehr erreiche, wenn ich vor Allem das Gute und Tüchtige 
anerfenne, fördere und lobe, das Mittelmäßige und Schlechte unbe- 
achtet bet Seite laſſe und ihm nur dann einen Fußtritt verfete, 
wenn es aufdringlich hervortritt. Bei zunehmendem Alter bin ich 
freilich ungeduldiger, Sie find vielleiht etwas milder geworden, Ich 
fonnte nicht immer mit Ihnen gehen, wenn Sie oft gar fo arg auf 
die Schwächen der Menſchen ſchimpften und abfichtlich auf die em— 
pfindlichen Hühneraugen der misera plebs traten. Sie mögen oft 
meine Ruhe diefer misera plebs gegenüber als Schwäche und Apathie 
genommen haben. 

“ Was unfere gemeinfame Wirfungsiphäre betrifft, jo habe ich 
dabei immer vor Augen, daß wir da nicht, wie in rein natur— 
wiffenfchaftlichen Arbeiten mit Sachen, — jondern mit empfindenden 
Menschen zu arbeiten haben, und daß die ganze Cultur⸗Menſchheit 
ihr ſociales Gebäude viel mehr auf Empfindung als auf Verſtand 
aufgebaut hat, weil die Sinnes-Mahrnehmung und - Empfindung 
doch immer das Primäre bet allen organiſchen Weſen iſt, und der 
Verſtand doch nur der Wächter der Empfindungen iſt. Das Au 
mit welchem wir für das Wohl der Menfchheit wirken und nur 
mit diefem Material wirken Fönnen, find eben die — 
ſelbſt. Wir müſſen bei dem Aufbau unſerer en 
mit der Gebrechlichkeit diefes Materials und mit dem EN feuch 
Untergrund, auf welchem wir bauen, rechnen; jet a A 
Bebäude raſch zufammen. Ich erwarte nicht, daß ee 
Meinung find; doch werden Sie mir vielleicht zugeben, daß etwe 
Wahres daran tft. 

Yun zum Concreten! 
R. Kr. M. Bauer durhaus ml 
dieſelbe darum en icht an einzelne zufällige Perſön— 
wie wir fie verhandeln, dürfen jich 2 — * über die Anregung 
lichteiten knüpfen. — Daß — —— den Gegen 
hinaus verfolge, hat feinen u s ara dafs ich bei einer Schlacht 
ftand nicht ganz; es fehlt mir vor Auem, oep 


Ich bin mit Ihrer Antwort an den 
Ht einverftanden und ſchicke Ihnen 
Gegenſtaͤnde von der Bedeutung, 


— 390 — 


felbft von Anfang bis zu Ende nie zugegen war, Ich ſah nicht 
den Stein ins Waffer fallen, fondern fah nur etwa den zweiten 
Wellfreis und Weiteres von feinen Folgen. 

Yur Sie fönnen die Sache noch einmal ruhig und drum um jo 
wirffamer befprehen. „Noch einmal die neuen Präcifionswaffen 
und das rauchloſe Pulver im Derhältnig zur Sorge für die Der- 
wundeten“, fo denfe ich mir den Titel. Dann wären alle.Befehts- 
momente zu berücdfichtigen, bei denen die ftärfere Dercuffionsfraft 
und die Rauhfhwachheit des Dulvers in Frage fommen fönnen. — 
Dann die Frage: Was Fann diefen vorausfichtlihen Calamitäten 
gegenüber gefchehen? un würde id damit anfangen: Ueber was 
für Mittel disponiren wir in diefer Beziehung? Wie weit find fie 
zureichend oder unzureihend? Einige lobende Worte über das, was 
bei uns vom R. Kr. M,, vom deutfhen Drden, von den Mlaltefern, 
vom rothen Kreuz gefchehen ift. Das wird Ihnen ſchwer werden, 
doch ift es für die Wirfung zum Befjeren abfolut nöthig. 

Denken Sie, daß wir feit 1866, alfo feit 25 Jahren, feinen 
ernften Krieg hatten. Diejenigen Militärärzte, welche den Krieg 
von 66 mit Einfiht mitgemadht haben, müfjen damals doch ſchon 
mindeftens 30-35 Jahre alt gewefen fein. Die Wenigen, die noch 
von diefer Zeit Ieben, find jest 55—60 Jahre alt. Kun iſt es nur 
wenigen Riefen-Waturen, wie Sie eine find, gegeben, noch über 
60 Jahre hinaus ein Dorwärts-Streben zu bewahren! — alfo was 
wollen Sie! Was dürfen Sie, wenn Sie gerecht fein wollen, er= 
warten? Die jesige, Eriegsunerfahrene Generation von AWülitär- 
ärzten u. f. w. kann doch nur akademiſch in diefen Dingen denken 
und handeln, nicht aus dem Impuls eigener, finnlicher Wahrnehmung 
und Empfindung heraus. M. und U. haben feinen Krieg mit- 
gemacht; fie können alfo nichts weiter thun, als mit dem gegebenen 
Menſchen⸗ und Geldmaterial das thun, was fie ſich als Bejtes vor- 
ftellen. X. hat viele Schwächen; doch ich Fann nicht jagen, daß 
ih ihn auf einer Züge je ertappt hätte, Er behauptet, daß die 
Einrichtungen bei unferem rothen Kreuz denjenigen des rothen 
Kreuzes im deutfchen Reich weit überlegen find. Ich kann das 
nicht beurtheilen. Es ift immer hart, befhimpft zu werden, wenn 
man fich bemüht hat, das Befte zu thun, mag das Befte auch noch 
fo unzureichend fein. Jedenfalls müßte man beffere pofitive Dor- 
ſchläge machen bei genauer Kenntniß der zu Gebote ftehenden Mittel. 








—391 — 


— Daß die Geſellſchaften vom rothen Kreuz bei andauerndem 
Frieden ſich auflöfen werden, wenn fie nicht eine ſyſtematiſche 
Friedensthätigkeit entwickeln, ift mir zweifellos, weil eine Gefellichaft, 
deren Sweck nur auf einen Ausnahmezuftand gerichtet ift, in 
meinen Augen überhaupt Feine Sebensfähigfeit hat. Das hat aber 
mit den technischen Dorrichtungen für den Krieg nichts zu thun. 

Wenn Sie ſich entjchließen Fönnten, zur wirklichen Förderung. 
der Sache noch eine Art Teftament zu fchreiben, was ich von Herzen 
wünſchen möchte, jo thun Sie das zunächſt in einer Neihe von 
Artifeln in der N. Fr. Pr., die Sie ja dann fpäter zu einer Bro— 
Ichüre vereinigen Fönnen. In Jhrem letten Briefe find einige Schlager, 
die Ste dabei nicht auslaffen dürfen. So 3. B. daß der Truppen- 
Commandeur ſelbſt eigentlich nie ein Schlachtfeld fieht und fich, feiner 
Aufgabe zu jtegen oder fich zurüczuziehen entjprechend, kaum dafür 
intereffiren Fan. — ferner die Derhungerten unter dem Holzſtoß! 
ein die Fantafie mächtig anregendes Bild! Dann die verhungerte 
Ambulanz im Walde! — Don Zeit zu Zeit muß immer wieder 
fommen, gewiffermaßen als Refrain: Und diefer Derhungerte, Der- 
fommene, Derblutete, Dernadhläffigte ift Euer Sohn! Euer Bruder! 
u. ſ. w. Sie werden das als begabter Dramatifer fhon machen! 

Mir fheint, diefer Brief hat Fein Ende; darum Amputation. 

Dom 26. December bis 6. Januar denke ih in Abbazia zu 
fein. Wie wär's, wenn Ste, Wilczek, Nothnagel mid) dort in 
corpore befuchten. Es gäbe wohl manche anregende und Bun 
bringende Plauderei. — Ihre „Militär-Sanität der Sukunft 
habe ich wieder mit großem Interejje geleſen und behalte mir das 
Eremplar zurück. Beiliegend ein Separatabdrud meiner Aerzte⸗ 
Fammer-Rede, in die Manches hineingeheimnißt ift. 


hr 

Th. Billeoth. 

5 
5 Tundy in Wien. 

—* m Wien, 11. December 1891, 

ı Uhr Morgens. 
Mein lieber, alter Freund! 

Ic habe foeben Ihren lieben Brief von geftern — 
geleſen. Sie thun ſich darin ſelbſt das allermeiſte Unrecht an. WR 
ich Ihnen auch ſelbſt sinmal ſchrieb, daß die vielen Brofhüren un 


_ 592 — 


Dorträge nicht auf die Kreife wirken, welche vermöge ihrer Stellung 
in der Drganifation der Gefellihaft zum Handeln beftimmt find, fo 
haben Sie doch durdy Ihre Ausdauer mehr gewirft für Ihre idealen 
Beftrebungen, als irgend ein anderer Menſch. Sie irren, wenn Sie 
meinen, ich hätte Ihre „Militär-Sanität der Zukunft” nicht wieder 
durchgelefen. Doch wie wollen Sie bei uns gleich den erjten Satz 
durchführen: „An der Spite muß ein friegserfahrener Chirurg ftehen?” 
Woher nehmen! 

Was Ihre imponirenden Anregungen auf. dent Gebiet der 
Irrenheilkunde betrifft, jo habe ich die Empfindung, daß Ihre Dor- 
ftellungen von der Zukunft der Irrenheilkunde ſich in nicht allzu 


langer Zeit verwirklichen werden, ja zum Theil jchon verwirklicht 4 


— 





haben. Ihre wichtigen Anregungen begegnen ſich mit der immer 1 


zunehmenden Häufigkeit der nervöſen Erfranfungen, des Morphinis— 
mus, der Meurafthenie 2c. Die neueren Privatanftalten für alle dieſe 
Kranfe find bereits ganz nah Ihrem Muſter eingerichtet, und das 


wird weitere Wellen fchlagen. Wenn die zunftmäßige Wifjenfhaft = 


von den Gehirnerfranfungen die Therapie vorläufig nicht beachtet, 
fo liegt das eben darin, daß fie mit den localen pathologifch-anato- 
mifchen Forſchungen fo befhäftigt ift, und fich jo fehr mit dem 
diagnoſtiſch⸗experimentalen Grübeln befhäftigt, daß fie für jest auf 
die Therapie vergißt. 

Das haben wir in der internen Medicin und Chirurgie gerade 


fo durchgemacht, und ich bin ein lebendiges Erempel dafür. Es | 
hat Zeiten gegeben, in welchen mir nur die pathologifch-anatomifche 7 


und erperimentelle Forſchung überhaupt des Denkens werth er- 
ſchien ... Das find Phafen, die jede Wiffenfhaft durchmacht. Es 
ift, wenn Sie wollen, eine Art Sopf. Ich habe Jahre lang die 
Sifteret verachtet, weil mir die wifjenfhaftliche Begründung unzus 
veichend erſchien. Erſt als ich felbft meinen Fleinen Theil zu diefer 


Begründung beigetragen hatte, die dann durch die modernen vers 


vollfommneten Methoden Koch’s zu unabweislihen Facten führten, 
bin ich mit Leib und Seele dafür eingetreten. 

Nun wird die moderne Hirnweisheit, foweit fie das Anatomifche 
betrifft, auch bald am Ende fein; dann wird wieder das Theras 
peutifche in den Dordergrund treten. Dann werden Sie Triumphator 
fein. Sie find eben der Zeitrichtung vorausgeeilt. Doch Ihre Arbeit 
war feine vergebliche. 











— 93 


In weit höher 
rem Maße gi 
Gebiete der Militärſanität Sit das für Ihr Wirken auf d 
Triumphe : at. Da haben Sie ja d J 
gefeiert. Erinnern Sie ſi ja doch ſchon die höchſt 
Ihre Principien über di ie ſich denn nicht mehr, wi 
er Z e Eonftruction von D ’ is man 
—— erklärted! Und jetzt fi ı Derwundeten-gügen für 
= — Ja ſogar auf an fe überall anerfannt und 
nication der Wagen unter einander n Hügen werden die Commu— 
Eorridore der Wa ? einander, der Reftaurationsw i 
Sei Waggons eingeführt. Das ift doc J agen, die 
: eißeln Sie ſich doch nicht felbft u iſt od) Ihr Werk!!! 
haben Enormes geleiftet, und nur, daß — als Anachoret! Sie 
fliegen und die ſchwerfällige Menſ heit te immer höher und höher 
Sie zumeilen verdroffen. Nur daß Si ne nicht nachfliegt, macht 
zeiht — der Philiſter nicht! e keiner Zunft angehören, ver— 
aben Sie je erlebt, d 
7 7 a to : — 
—— en ee sn den ARE 
Pettenfofer*), als ich mich herb darüib ae 
nifer ſich nicht mit Energie der Bacteri — ausſprach, daß die Bota- 
aber wahre Fortſchri  Bacteriologie annehmen. Sind nicht 
nie ſchritte auf dieſem Rieſengebiete von Mi 
ern, d.h. von botanifchen Dilettanten a ) 
Wiſſenſchaft kümmert ſich eben nicht Ross LE Menineunie 
großen Phyfifer Gauß und Weber n a praktifche Erfolge. Die 
a claden und Aeirt; ne nn N des electrifchen 
> usbildung für dte prafti 
a intereffirte fte Ei nicht. So — — 
— Dem Theoretiker genügt des Verſtandes Sieg als —— — 
Ira tifer will Erfolge und ftößt dabei natürlich) auf praftifd —— 
——— ihm die Erfolge vereiteln. ie 
ie 2 
—— ns organiſirt, Sie haben den deutſchen 
und größeſte That! a 
8 2 lefe in der heutigen Abendzeitung, daß die betreffende Peti— 
Et er Regierung zugewieſen wurde. Das ift fehr fatal. Ich 
e gehofft, fie würde ins Herrenhaus Fommen und hatte mir 


ſchon eine entfprechende Rede ſkizzirt. Doch die Sache ift denn doch 


u ; — 
groß geworden, um einfach begraben zu werden! Ihre der, 
aß ſich das Kriegsminiftertum dies Inſtitut zu Nutze machen muß, 


* * ’ 24 
) Prof, der Hygiene in München. 


ift noch nicht begraben. Ich habe etwas Aehnliches in meinem 
berüchtigten Buche „Ueber Lehren und Kernen‘, und aud in meiner 
Delegationsrede angedeutet, in Sufammenhang mit dem zu recon- 
ſtruirenden Jofefinum, das ohne Derlegungs-Mlaterial unfruchtbar 
fein wird. Ich verfolge diefen Gedanken mit Tenacität, wenn ich 
auch jest noch nicht fagen kann, wo und wie man darauf mit Er- 
folg zurücdfommen kann. Und nun genug des Schreibens, mein 
lieber, alter Freund! Mir haben Sie in Ihrem lieben Briefe viel 
su viel Ehre angethanz ich bin Ihnen kaum gerecht geworden. 

Mein Programm für die nächte Heit ift Folgendes. Mein 
altes Herz ift außer Rand und Band; oft glaube ich, es Fann Feine 
Stunde mehr dauern. Am nächſten Sonntag oder Montag gehe ich 
auf den Semmering, Südbahnhotel, bleibe dort bis zum 25. d. M. 
Am 24. und 25. bin ic hier, Am 25. Abends fahre ich nad) 
Abbazia, wo ich im Hotel Stefanie bis 7. Jänner 1892 bleiben 
werde, Kommen Sie nady Semmering oder nad) Abbazia; immer 
werde ich mich freuen, Sie um mich zu jehen und mit Ihnen zu 
plaufchen. Dielleicht hedfen wir doch noch zufammen etwas aus; 
und wenn nicht, fo wollen wir uns aneinander erfreuen. 
Ihr 


* Th. Billroth. 
= h h 


340) An Dr. von Mundy. x 
Wien, 14. December 1891. 
Sieber Freund! 


„Catarrh etwas leichter, Nacht abfolut jchlaflos, große Mattig- 
keit.” Das ift das heutige Bülletin über meinen Suſtand. Ic 
babe in der Naht das Buch von Habart durchgelefen, was mir 
fehr gefallen hat. Ich ſchicke Ihmen leihweife mein Eremplar, weil 
theils vom Autor das Wichtigſte (blau), theils von mir Einiges 
(mit Blei) unterftrichen tft. Das Hiftorifhe iſt Ihnen befannt. Alle 
einzelnen Schußwunden-Derfuche durchzulefen, ift unnöthig. Sie be- 
ginnen am beften auf pag. 62, 

Ihr 


Th. Billvoth, 


mit zufallenden Augen. 








341) An Dr. Habart in Wien. 


Wien, 14. December 1891. 
Geehrter Herr College! 


Hätte ich hr. treffliches Bud „Die Gefhoßfrage der Öegen= 
warf” vor meiner Delegationstede gekannt, fo hätte le&tere wohl 
mehr Details über technifhe Dinge enthalten, wäre aber vielleicht 
weniger populär wirffam gewefen, und darauf Fam es mir an. Ich 
habe aber an Ihnen ein Unrecht dadurch begangen, daß ich Ihrer 
trefflichen Arbeit, eben weil ich fte nicht gelefen hatte — nicht er- 
wähnt habe. ch Fann dies Unrecht ſchwer wieder gut machen, 
jondern Sie nur verfichern, daß ich jest Ihre vorzügliche Arbeit 
eifrigft durchgelefen habe und daraus viel gelernt habe. Die Theorie 
mit dem hydraulifchen Druck fcheint mir freilich nicht Alles genügend 
zu erklären. 

Mit Ihren Dorfchlägen für gewiffe Deränderungen der militär- 
fanitätlihen Bebahrungen in der erften Linie Fann ich mid im 
Allgemeinen einverftanden erflären. Doch wenn Ste den Hilfs- und 
Derbandplas zu Einem vereinigen und 2000 Schritt hinter die auf- 
marſchirten Combattanten etabliven, dann hört doch wohl alles 
Tragen der Derwundeten auf; man Fönnte nur mit neu zu con= 
ftruirenden leichten Wagen (wenn es das Terrain irgendwie 
erlaubt) etwas leiften. —— 

Ih finde, daß ſich ſeit 1870/71 einzig und allein die — 
giſche Wiſſenſchaft, entſprechend der Vervolllommnuns der —— 
Projectile, für einen nächſten Krieg vorbereitet hat. Durch — 
iſt unſere Kunft 1) enorm vereinfacht, 2) leichter zu Me 
alfo auch weniger Geübten zugänglicher zu machen. Mi — 
Bänden und reinen Gewiſſen wird der ungeübteſte, Kira a 
ältefte, Militärarzt jest weit beffere Refultate —— * — 
berühmten Profefforen der Chirurgie. Dod; ber 
die Derlegung nicht zu fehr verſchlimmern, und die a öglich 
ein! — Hoffen wir das Beſte! 
tiſch zu operiren, muß gegeben ſein h 

Ihr 
Th. Billroth. 


542) An Dr. von Mundy in Wien. 


Wien, 21. December 1891. 
Sieber Freund! 


„Menſch, ärgere Dich nicht.“ Die Enunciationen von Berlin 


find ganz, wie ich erwartet habe. Man wird dort überhaupt nie 
öffentlich zugeben, daß nicht Alles dort vollfommen, mindejtens 


beffer als irgendwo anders fei. Das fchließt freilich Feineswegs aus, 


daß man heimlid) und in der Stille immer nachbefjert. Für unfere 
Armee hat es aber den großen Nachtheil, daß man auch hier jagen 
wird, es ſei Alles fehr gut, mindeftens ebenfo gut, wie im Deutfchen 
Reid). 

Ihr 


Th. Billroth. 
= h. Billroth. 


345) An Dr. von Mundy in Wien. 
Wien, 21. December 1891. 


Sieber Freund! 


Berzlichften Dank für die täglichen Beweiſe Ihrer Theilnahme. ° 


Mir geht es jest recht gut... Ich Flopfte gejtern bei Kothnagel 


anz doch ſchien ihm der Gedanke, jetst eine Reiſe zu machen, fo uns 


geheuetlich, da er ganz fafjungslos war. 


Daß Sie und Wilczef gleich Neptun und Boreas gelegentlich + 


am Quarnero auftauchen, hoffe ich und würde mich jehr darüber 
freuen. 


— 


hr 
Th. Billroth. 
* 


344) An Dr. von Mundy in Wien. 
Abbazta, 2. Januar 1892. 
Sieber, alter Freund! 


Es ift geradezu unglaublich, was Sie treiben. Ste müfjen eine 
Riefen-Befundheit heute noch haben, zumal fehr gefunde Arterien; 
fonft würden Ste fo viel nicht einmal „wollen“ Fönnen. Ich bin J 
noch immer ganz energielos, jedes „Wollen“ iſt für mich eine un⸗ 


geheuerliche Anſtrengung. Ich habe eine Stunde zu dem Entſchluß 
gebraucht, dieſe Zeilen zu ſchreiben. Darüber iſt die Zeit für die 


Poft vergangen, und Sie erhalten diefelben erft übermorgen, was 7 








— 390 — 


immer noch zu früh für diefes Gefchreibfel ift. Ich bin jest ganz 
in Schlaffucht verfallen und hole das in vier Wochen Derfäumte 
nach. Mein Catarrh ift unter der Hiefigen Sirocco-Luft verſchwunden, 
doch mein Herzichlag ift wieder flatternd geworden, ſodaß ich wieder 
Digitalis zum Aufpulvern nehme. 

Ich habe von meinem dummen Delegationsgefhwät Feine Separat- 
Abdrücke machen laffen, weil es die Druckkoften nicht werth iſt ... 
Ih habe wenig Freude mehr am Leben; nur Pflichten, gar Fein 
Dergnügen. Möchte nicht mehr lange leben! 

—— 
= Th. Billroth. 
345) An Prof. Bergmeifter in Wien. 
Abbazia, 3. Januar 1892. 
Sieber College! 

Es geht mir wohl befjer, doch recht, recht langfam. Den Tatarıh 
bin ich wohl los, aber troßdem Fann ich die Berge nicht mehr 
binauflaufen (ich war im vorigen Jahr noch zu Fuß am Sylvejter- 
tag auf der Mendola von Gries-Bozen aus). Mit meinem Herz⸗ 
fleiſch müſſen miſerable Dinge vorgegangen ſein. Schwamm darüber! 

Ich habe Meynert*) gebeten, mid, nächſten Freitag (den 8./1.) 
in der k. k. Geſ. der Aerzte zu vertreten, da ich erjt am 10./1. Vor⸗ 


mittags nady Wien fomme, Profit — 
r 
Th. Billroth. 
* 


346) An Prof. von Gruber in Wien. 


Wien, 24. Januar 1892. 


Sieber Herr Hofrath! | 

-., Den Bau der Klinif habe ich jo gut wie aufgegeben, en 

ganze Affaire wird jetzt durch einen Antrag mL 

in ein großes Fahrwafjer (Erwerbung des ae ie = 2 

Kranfenhausfond und Erwerbung. der Alſerkaſerne — 

bauung mediciniſcher Inſtitute getrieben. man N 
Weiſe wirklich dazu, dann würde man doch wohl erſt einen 


Y iten in Wien, 
*) Prof, der Nervenkrankheiten ın Wie 


plan nad dem Fafultäts-Programm entwerfen. Kommt es nicht 
dazu, fo wird man jede Derbefferung in diefer Richtung als hoff: 
nungslos bei Seite werfen. 

Ih 


r 
4 Th. Billroth. 
547) An Prof. Czerny in Heidelberg. 
Wien, 26, Januar 1892. 
Sieber Freund! 

Mein Befinden ift ungemein wechſelnd ... Ich fchlief drei 
Wochen hindurh troß aller Mittel faft Feine Wacht länger als 
1—2 Stunden, das ift für einen mehr als Sechziger zu wenig. Mad 
5 Wochen in Abbazia bin ich jest wieder ganz flott. Ich hatte im 
Sauf der Ießten beiden. Jahre wieder von 85 Kilo auf 98 Kilo zu— 
genommen; das war der Hauptfehler. Ich habe mid) endlidy jett 
wieder zu einer Durft- und Hungerfur entjchliegen müffen und in 
10 Tagen fchon 5 Kilo verloren. Keine Spur von Alkohol, nicht 
Rauchen. Morgens, Mittags und Abends ein Weinglas voll Waffer. 
Die Junge Elebt mir jo am Gaumen, daß ich mir in der Klinik 
oft den Mund ausjpülen muß, um überhaupt fprehen zu Fönnen; 
ich habe Kruften an den Kippen, wie ein Typhusfranfer. Dabei 
befinde ic) mich täglid) beffer, gehe leichter. Noch vor 10 Tagen 
vermochte ich Faum eine Stiege langſam hinauf zu Feuchen; heute © 
gehe ich fchon ziemlich fehnell 3 Stiegen hinauf. Die Wirfung iſt 
wunderbar; der Herzichlag wird regelmäßiger und voller, die Diurefe 
iſt colofjal. 

Dod es ift eine Kur zum Derzweifeln, manchmal zum Derrüdt- 
werden; es gehört einige Energie dazu. Möge Ste der Himmel 
davor bewahren! 

Ihr 
Th. Billroth. 
* 
348) An Prof. Guſſenbauer in Prag. 
Wien, Februar 1892.*) 
Sehr geehrter Herr College! 

Die „Geſellſchaft Deutſcher Naturforſcher und Aerzte“ wird ſich 

im Jahre 1894 in Wien verſammeln. Sie werden meinen Wunſch 


*) Rundſchreiben. 








— 39 — 


theilen, daß die Mitglieder der „K, K. Gefellihaft der Aerzte in 
Wien‘ ihre deutfchen Collegen im neuen DBaufe empfangen. Der- 
zeihen Sie daher mein Drängen, den Bau unferes Gejellichaftshaufes 
womöglich noch in diefem Frühjahr zu beginnen. 

IH glaube, für die Durchführung unferes Unternehmens ein- 
jtehen zu Fönnen, wenn fämntliche oder wenigjtens die meiften Mit— 
glieder unferer Geſellſchaft durch einen Bleinen, fei es vorläufigen 
oder definitiven Beitrag von etwa zehm Gulden mich in die Sage 
ſetzen würden, anzunehmen, daß es auch Ihrem Wunfche entfpricht, 
„Anfer Haus‘ reht bald erftehen zu fehen. Ich würde es als ein 
Heihen Ihres perfönlihen Wohlwollens anfehen, wenn Sie fich 
entſchließen Fönnten, meiner Bitte zu entfprehen; ich hoffe dann 
ficher, mein gegebenes Wort einlöfen zu Fönnen. 


Hodhadtungspoll 
Dr. Th. Billtoth, 


Präfivent der K. K. Geſellſchaft der Aerzte 
in Wien. i 
* 


349) An Prof. von Esmarch in Kiel. 
Wien, 13. Februar 1892. 
Mein lieber, alter Freund! 

Soeben erhalte ich Deine „Chirurgiſche Technik“ in Pracht⸗ 
einband mit Deiner lieben Dedication, Ich kann Di nur bewun⸗ 
dern, daß Du noch Luſt haſt, ſo fleißig an einer Arbeit Be; 
gewiß wird das Buch der ftudterenden Jugend und den jüngeren 
Aerzten ſehr willfommen fein! Berzlihen Dank! — 

Wie ſind die ſchönen Zeiten unſerer Jugend ——— 
wie viele ſchöne Stunden erinnert mich plotzlich a 
Handfchrift, Dein liebes Bedenken! Unfer idylliſches — Dirk 
in Zürich, unfere gemeinfamen Wanderungen in en —— 
wieder die Jury über das von der Kaiferin Augufta — — 
Preisbuch über kriegschirurgiſche Technit! 5 hneres iſt 
EN Sr en mit meinen 
mir eigentlich nicht gefommen, als der rege Verkehr 


} F in Zurich! 
gleichalterigen Lollegen in Sich ude am Xeben. Meine Befund» 


icht mehr viel Fre £ 
heit ———— Enorme Arythmie des Herzſchlass, oft mit 


Bronchialcatarrhen und ftarfer Athemnoth verbunden Fehren in 
immer fürzeren Swifchenräumen zurüd. Den Winter follte ic) jebt 
immer im Süden zubringen, denn hier falle ich von einem Catarrh 
in den anderen. Doch, jo lange nod) zwei meiner Töchter unver- 
forgt find, möchte ich ohne dringendfte Nothwendigkeit meine Stelle 
noch nicht aufgeben, und fo radere ich denn immer noch weiter. 

Du haft eine derbere Gefundheit; möge ſie Dir noch recht lange 
erhalten bleiben, 

Mit herzlichſten Grüßen 
Dein 
Th. Billroth. 
* 


350) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 25. Februar 1892. 
Sieber Freund! 


An Deiner freundlihen Zufendung war Dein Autograph jeden- 
falls das Werthvollſte. Ich hatte fchon von dem Unfinn gehört, 
der in dem offenen Brief an mid) ftehen foll, jodaß ich nicht ge— 
nöthigt -bin, ihn zu lefen. Wenn der Derfafjer einmal felbjt an— 
gefchoffen, etwa 24 Stunden bei einigen Hältegraden auf einem 
Schlachtfeld Liegen follte, würde er vielleicht anderer Anficht fein. 

Ic habe übrigens ſchon feit vielen Jahren das Paradoron 
aufgeftellt, daß die fteigende Dervollfommnung der ärztlichen Kunft 
und die Derhütung von Epidemieen durd) die vervollfommneten ſani— 
tären Maßregeln wohl dem Individuum zu Gute fommt, die 
menfchlihe Gefellfehaft aber ruiniren muß, weil die Dermehrung 
und Erhaltung der Menfchen auf der Erde jchließlih zu einem 
Brade von Hebervölferung führen muß, welcher Allen verderblic 
werden wird. — Yun, wir werden das zum Glück für uns nicht 
mehr erleben, 

Ic habe meine ftrenge Kur jetzt beendet und fange wieder an, 
mehr menfchlich zu leben. Hanslick wollte uns ja wieder einmal 
zufammenbringen. Ich bin von foniel Schutt überdedt, faſt darin 
vergraben, daß man mic fchon mit etwas Gewalt herausziehen 
muß; doc) folge ich der Gewalt willig. Selbft herporzufriechen habe 
ih kaum noch Muth, da ich mich unerträglich langweilig finde, 











on 


mid fogar felbft mit mir langweile und mid nah Tarot und 
Whiſt ſehne, um die, wenn auch ſeltene, freie Seit todt zu ſchlagen! 
Es war einſt ſchöner! 
Dein 
= Th. Billroth. 


351) An Dr. von Eifelsberg in Wien, Docent und Afftftent 
Billroth’s. 


Wien, 29, Februar 1892. 
Lieber v. Eifelsberg! 

Milllommen in Wien!*) Jch muß gleich zur Audienz beim 
Kaifer und bin auch heute Nachmittag nicht ganz frei. Wir bitten 
Sie, heute Abend präcis 28 Uhr bei uns zu foupiren; die frühe 
Stunde ift gewählt, weil Helene nachher zum chinefifchen Künftler= 
fejt fährt. Sie finden nur Groll’s, Gerfuny’s und Bottlieb’s 
bet uns und müffen uns viel erzählen. 

| Ihr 


Th. Billvoth. 
* 
352) An Prof. Socin in Bafel. 
Wien, 7, März 1892. 
Sieber Freund! 

Banz zufällig erfuhr ich geftern Abend in einer Geſellſchaft 
durch eine frau H., daß Du in Folge einer Derlegung viel gelitten 
habeft, gefährlich krank gewefen feieft und noch nicht ganz hergeftellt 
wäreft. Die Befchreibungen waren natürlich) ſehr confus. ‚Bitte, laß 
mid) doch wifjen, wie es Dir jetzt geht. Wenn ich auch in meinen 
Alter fehr apathifch geworden bin, fo hänge id} doch ſehr an Te 
alten Freunden. Greife haben ja feine Sufunft und ll ſich, 
um überhaupt noch etwas zu haben, an die freundlichen Erinnerungen 
der Dergangenheit halten. Ich bin alfo doch vecht in a Dr 
Dir eigentlih gefchehen tft; N BI Jeman 

i nicht ſelbſt ſchreiben könnteſt. — 
— Be RN nn ſchuldig, lieber — — 
thatkräftige Theilnahme, welche Du meinem armen >alzer h 


H Ie J J 1 y ! Se 
*) Nach Rückkehr von einer im Auftrage Billvoth’s ge machten Confultation 
reife nach Ddeffa. N 


Briefe von Theodor Billroth, 


angedeihen laffen. Es wurde ja ziemlich von allen Seiten nad) der 
Beobahtung in den erften zwei Monaten der Krankheit eine un- 
günftige Prognofe geftellt; doch höre ich, daß es ihm jest recht gut 
in Utrecht geht. Heimweh, Ungewohnheit der ganz neuen Derhält- 
niffe, übertriebenes Ueberarbeiten ſcheint bejonders ſchädlich gewirkt 
zu haben. Er hat jest einen jüngeren Bruder und einen alten 
Dnkel bei ſich, um deretwillen er einen Haushalt führen und regel- 
mäßige Mahlzeiten einnehmen muß, was er früher nicht that. Hier 
aß er oft Tage lang nichts, dann plößlich einmal wieder colojjale 
Maffen u. f. w. Die Gefahr vor Recidiven ift ja leider bei diefen 
Piychofen ziemlich groß... . Salzer repräfentirt ganz den Typus 
der Siebenbürgner Sachen: ernft, tüchtig, doc zu Heimlichfeiten 
geneigt, verſchloſſen. | i 
Berzlihe Grüße von meiner Frau, die natürlich fehr an Deiner 
Krankheit Theil nimmt. Bis 10. April bleibe ich in Wien, dann 
hole ich meine Elfe von Rom ab. 
Dein : 
= Th. Billroth. 


355) An Prof. Socin in Bafel, 


. 


Wien, 13. Mär} 1892. 
Mein lieber Freund! 


Ich kann es doch nicht unterlafjen, Dir für Deinen lieben Brief 
zu danken und Dir zu jagen, wie ich mich einerfeits freue, daß Du 
Deine ſchwere Kranfheit glücklich überwunden haft, und Dir meine 
herzliche Sympathie andererjeits auszufprechen für die herben Schick⸗ 
ſalsſchläge, die Dich getroffen haben. Ich kann Dich nicht genug 
bewundern, wie tapfer Du Dich bei dem Allen haltft ,„. . Dazu 
nimmt man Alles ſchwerer, je älter man wird; und je weniger 
Zukunft man vor fi hat, um fo mehr forgt man fic für die 
Zufunft Anderer. Iſt man einmal von Frau „Sorge” angehaudtt, 
fo wird man blind gegen die fpärlichen Freuden des Kebens. 

Wie fhön war unfer Sufammenleben in der Schweiz!! es war 
die Idylle meines Lebens. Ic, hatte nicht viel, erwarb wenig, war 
aber innerlich Iuftig und Iebensfroh und glücklich. Auch im erften 
Decennium in Wien ſchwamm ich noch behaglih im Aleer des 
Dafeins. Doc das ift lange vorbei, und ich gäbe wahrlich alle 
meine fogenannte Berühmtheit um meine berühmte Beiterfeit und 








= — 


Flottheit meines früheren Daſeins. Ich bin zum malheureux ima- 
ginaire geworden, Doch was nüßt es, wenn ich mir täglich fage, 
daß es wenigen Menſchen fo gut ergangen ift wie mir; die melan- 
choliſche Grundftimmung ift einmal da, mit oder ohne Brund, das 
it einerlei. Wie gern würde ich Dich einmal wiederfehen, daß wir 
uns Schöner Jugendzeiten gemeinfam erinnerten! 

Don meiner Frau die herzlichften Grüße! Bern möchte ich fagen: 
auf Wiederfehn! Doc mein degenerirtes Herz macht oft zu dumme 
Capriolen, jodaß ich nur in fantaftifchen Stimmungen über Wochen 
hinaus denfe! 

Dein alter Freund 


Th. Billeoth. 
R h. Billroth 


354) An Dr. Eifer in franffurt a. M. 
Wien, 31. März 1892. 
Mein lieber, alter Freund! 


Im vorigen Jahre ließ mir die Großherzogin von Baden durch 
ihren Dberhofmeifter zu meinem 30. Doftor-Jubiläum gratuliren. 
Obſchon ich dies Schon im Jahre 1882 abfolvirt hatte, habe ich mid) 
doch fehr bedankt, denn „la grande duchesse Ya dit“ dachte ich 
in Erinnerung an Delibes’ reizende Dper: „le roi Ya dit“. 

Ihr lieber, herzlicher Brief, und Ihre edle Rofen-Korbeer-Senz 
dung hat mich unendlich erfreut, ja gerührt, obgleich ic) mir nicht 
bewußt bin, gerade jetzt ein Jubelfeſt zu feiern, außer demjenigen, 
das ich täglich feiere, wenn ic) noch fo leidlich friſch bei guter Stim⸗ 
mung meine Lebensarbeit fortſetze. — Ich las neulich in einer hieſigen 
Zeitung, daß meine Schüler ausgewittert haben, daß ich in diefem 
Herbſt 25 Jahre lang in Wien thätig und 40 Jahre lang Doctor bin, 
und daß fie mir dazu im Detober gratuliren wollen. ale) il 
diefe Zeitungsnotiz, die ausnahmsweile richtig ift, in mehr oder 
weniger modiftcirter Form auch zu Ihnen gedrungen. — 

Thut nichts! Sie haben mir, mit Ihrer lieben Frau vereint, 
en rende gemacht, und dafür danke ic Ihnen 
jedenfalls eine große Freude gemacht, 


aufs Herzlichſte. F — 
En a ift es doch, daß wir uns am Gießbach Fenmen 
iellei no Aubiläumssahl! Wie ſchön war unſere 

lernten! vielleicht auch eine Jubiläumszah ur 


29 


— 404 — 


Schweizer Lebens-Jdylle; wir waren jung, und das ift doc das 
Schönfte! 
Meiner frau und meinen Kindern (ih bin ſchon Großpapa) 
geht .es ziemlich gut .. . 
Ihr 


Th. Billcoth. 
— 


355) An Dr. Dehlſchläger in Danzig. 
Wien, 24. April 1892. 
Mein lieber, alter Freund! 

Taufend Dank für Deinen lieben Brief vom 11. d. AT. und 
Deine herzlichen Glückwünſche, die ich dankbarſt annehme, wenngleich 
fie in Folge irriger Seitungsberihte etwas zu früh Fommen. Die 
Jubiläen, welche mir bevorftehen, fallen nämlich, erft in den Herbit. 
Meine Promotion war am 50. September 1852, und erjt mit Ende 
diefes Sommerfemefters bin id) 25 Jahre in Wien. 

Daß es Dir wohl geht und Du noch rüftig fortarbeiteft, freut 
mich ſehr, ebenfo daß Deine Familie gedeiht und fich mehrt. 

Don meinen drei Töchtern hat fich die zweite mit einem Dr. jur. 
Gottlieb verheirathet und hat einen Jungen, der gut gedeiht... . 
Ich arbeite wohl noch fort, doch mit wenig Dergnügen. Daß ich nicht 
im Stande bin, den Meubau meiner Klinik durchzufesen, verjtimmt 
mid) arg und verdirbt mir die Freude an meinem Lehrer-Beruf. 
Mit meiner Gefundheit fängt es auch an immer öfter zu happern... 
Herzlichfte Grüße! 
Dein 
R Th. Billroth. 


356) An Prof. Wölfler in Graz. 


Sieber Wölfler! 

Ihe lieber Brief von geftern hat mich fehr erfreut. Gewiß 
haben Sie den günftigen Erfolg in erfter Linie Ihrer fegensreichen 
Thätigkeit als Lehrer zu verdanken; die Zuftände waren auch gar 
zu arg. 

Meine italienifche Dfterreife hat mir diesmal nicht viel genußt; 
ich hatte meift fchlechtes Wetter und befanı, Faum hier angefommen, 


Wien, 5. Mai 1892. 








— 405 — 


wieder Bronchialcatarıh. Da ich mich aber fehr fchone, fo Fann 
ih meine Dorlefungen halten. Im Banzen ftrengen mich denn 
doch jet diefe längeren Reifen mehr an, als fie mich erfreuen und 
mir nügen. Ich werde mich daher in Sufunft wohl nur auf Abba- 
zia beihränfen, und fowie Ihr neuer Dperationsfaal fertig ift, 
‚ werde ich ihn mir gewiß auf einer meiner Abbazia Keiſen anfehen. 

Von meinem Klinik-Bau ſchweigt Alles; ich habe ihn für mich 
ganz aufgegeben. Auch das Rudolfinerhaus werde ih als Torſo 
zurüclafien. Nur den Bau des Haufes der k. £, Geſellſchaft der 
Aerzte hoffe ich noc zu erleben; er wird in einigen Wochen in 
Angriff genommen und raſch durchgeführt werden. 

Ich hoffe, daß Sie mic, in diefem Jahr in St. Gilgen befuchen. 

5 Ihr Th. Billeoth. 

557) An Prof. von Gruber in Wien. 


Sieber Hofrath! 
So dankbar ich Ihnen für Ihren heutigen Brief bin, jo bin 
ih doch noch ganz ſtarr vor Entjegen über den Inhalt deſſelben. 
Das iſt alſo das Ende eines großen Stückes Lebensarbeit, daß ſie 
durch eine Eifenbahn verſchandelt, wahrſcheinlich ſogar ganz ver— 
nichtet wird! Wer wird ſich in ein Krankenhaus aufnehmen laſſen, 
das ſo unmittelbar an der Eiſenbahn liegt, in einer von Kohlen⸗ 
dunſt verekelten Atmoſphäre!! und doch beruht die Eriften; = 
Haufes gerade auf den zahlenden Kranken, die ‚Sich “ dieſem 
Winkel mit feinem ſchönen Garten jo wohl fühlten!! Es iſt En 
Derzweifeln!! ... Doch gegen Utilitätsgründe kämpft die Ran. 
wahrfcheinlich vergebens. Wenn man nur die antun) ne 
Gebietstheils des Bartens verhindern Fönnte, jo wäre — nn 
etwas gewonnen. Auf alle Fälle wird wahrjcheinlich Kaot ee 
die Nähe der Eifenbahn das Krankenhaus in ER 3 
Grunde gehen!! daß ich das erleben muß, es ae n I ‚horn 
Jedenfalls haben Ste Dank für Ihre Sorge. Se I — 
Si vl — — — er Heuem an! 
haufes endlich zu Ende wäre; um fängt er Ahr 


Wien, 7. Mat 1892, 


Th. Billroth 
desperatus!! 


2) 


— 406 — 


358) An Prof. Hanslid in Wien, 
St, Gilgen, 8. Juni 1892, 
Sieber Hans! 

Ich habe mir das Sommerfemeiter duch willfürlid auf neun 
Tage ausgedehnte Pfingftferten in zwei Hälften getheilt. In Wien 
hatten wir ſchon recht heiß, fodaß wir Abends gern auf die Rohren- 
hütte flüchteten. Der Contrajt ift enorm, denn feit Sonntag Mittag 
vegnet es hier bis jest Tag und Nacht in Strömen, und tft es fo 
fühl, daß wir heizen müfjen, um behaglich zu fein. Doch ſelbſt bei 
diefem fündfluthartigem Wetter (der See beginnt bereits die Ufer zu 
überfchäumen!) thut mir die Stille der Umgebung und die Ruhe im 
Haufe unendlich wohl. Man hat Muße fich wieder einmal auf ſich 
felbft zu befinnen, und es ſich mit ſich und den Seinen wohl gehen zu 
laffen. Mit einer gut ausgeftatteten Bibliothef, einem Ehrbar= 
Flügel, einer mir ins Herz fingenden Tochter und mancherlet Familien⸗ 
Plaudereien fühle ich mic hier als Patriardy, fern vom Weltgetümmel, 
bollkommen befriedigt. Was fann ein alter, franfer Mann mehr 
erwarten und verlangen! Es wird auch im Herbſt nicht viel anders 
werden, denn in Folge meines immer ſchwächer werdenden Herzens 
muß ich, die Bergfrarellei ganz aufgeben und felbft im Simmer 
langſam gehen, um nicht außer Athem zu fommen. Ich bin nicht 
mehr melancholiſch darüber, fondern ganz refignirt. Mein reiches 
Seben betrachte ich als abgeſchloſſen; das Sterben ift nur noch eine 
Formalität, mit der ich auch noch anftändig fertig zu werden ge⸗ 
denfe. 

Du verſprachſt mir einen Brief von irgendwoher Deiner Sommer- 
veife. Ich fange dies Mal an, Ich habe dies Mal befonders viel 
an Dich gedacht, lieber Hans, da Du hier auch fo viel Wetterpech 
ſchon miterlebt haſt, dann auch wegen der Lectüre, die mich augen— 
blicklich wieder ſehr feſſelt. 

Die ſechs Bände Briefwechſel zwiſchen Zelter und Goethe 
bleiben immer in der St. Gilgener Bibliothek. Man fann beliebig 
einen Band herausnehmen und findet immer Interefjantes genug, 
um weiter zu Iefen oder zurück zu blättern. Wenn ic) fage „man“, 
fo meine ich Jemand, der ſich für Theater, Siteratur und Muſik, 
fowie für zwei fo bedeutende Menschen intereffirt. Goethe ift im 
Banzen weniger ausgiebig als Selter, der immer bedeutender wird, 
je mehr man von ihm Fenmen lernt. Selter hat für Goethe eine 








— A0R — 


geradezu abgöttiſche Verehrung. Das kann Goethe doch am Ende 
nicht viel angehabt haben, denn er war es gewöhnt. Die geſcheidt⸗ 
naiven Urtheile und Kritiken Felter's, zumal über das Theater, 
dann Selter's innerſte Theilnahme an jeder kleinſten Production 
Goethe's, das iſt es, was Goethe fortdauernd an Zelter feſſelt. 
Goethe, jheinbar immer über den Wolken fchwebend, hat doch 
immer das Bedürfniß, von Selter Urtheile nicht nur über fich, fon- 
dern auch über gemeinfchaftliche Freunde und Bekannte zu hören; 
er braucht immer menſchliche Theilnahme und fcheut ſich nicht, dies 
offen auszufprehen. So jchreibt er einmal: „Ich möchte feinen 
Ders gefchrieben haben, wenn nicht Taufend und aber Taufend 
Menſchen die Productionen läfen und ſich etwas dabei, dazu, heraus 
oder hinein dächten”, dann: „Wenn die Deutichen fich einer all- 
gemeinen Untheilnahme befleißigen und auf eine häßliche Art das- 
jenige ablehnen, was fte mit beiden Händen ergreifen follten, jo ift 
der Einzelne wirklich himmlifh, wenn er treu und redlich Theil 
nimmt und freudig mitwirkt.“ 

Wir ſprachen neulich einmal über den Werth der Derfönlichkfeit 
beim culturellen Fortſchritt der Völker; ich bin der Meinung, daß 
fie mehr gefchoben wird als jchiebt. 

Dein alter, getreuer Freund 
Th. Billroth. 
* 


359) An Prof. von Roſthorn in Drag. 
St, Gilgen, 26. Juli 1892. 


Sieber von Roſthorn! 


Je älter man wird, um fo mehr freut man fih über treue 
Anhänglichkeit feiner Freunde und Schüler. Und dieſe — wächſt 
um ſo mehr, wenn man ſich dadurch aus melancholiſcher Sn 
herausgeriffen fühlt. So war mir Ihr lieber Brief von geftern eine 
nn * eine ſchwierige, aber für das Da. in — 
überaus wichtige Stelle in Pras und ſind a — — 
Guſſenbauer und Ihren anderen dortigen — — 
Stellung zu wahren. Ihre große Verehruns ne e — 
tief⸗ernſte und edle Perfönlichkeit theile ich — En EN 
ganz Fennt und felber etwas ift, muß ihm ſchatzen umo eben, 


— 408 — 


ic nicht ein glüdliher Mann, daß ich eine ganze Reihe trefflicher 
Schüler fand, von denen Jeder in feiner Art der Welt Refpect 
einflößt! 

Doch nun geht es bald zu Ende; ich Elage nicht darum, doc 
muß ich öfter und länger als jonft ausruhen und glaube ein Recht 
dazu zu haben. 

Wenn Sie uns hier im Kauf der Ferien (ich bleibe bis legten 
September) befuchen wollten, würde es uns fehr freuen. Es wird 
fih immer ein Zimmer für Sie bereit finden. Auch meine frau 
denkt Ihrer forglichen Pflege bei meiner Krankheit befonders danf- 
bar. Sie find uns ftets herzlichſt willkommen. $Freundlihen Gruß 
Ihrem Wirth. 

Ih 


r 
Th. Billroth. 
h h 


360) An Dr. Gerfuny in Wien. 
St, Gilgen, 27. Juli 1892. 
Mein lieber Freund! 


° Ich erhielt heute die vierte Auflage unferer „Kranfenpflege‘ 
und danke Ihnen herzlichit für dte Mühe, welche Sie ſich wiederum 
mit dem Büchlein gegeben haben, Die Abbildungen find recht gut 
ausgefallen, und das Kapitel über Kinderpflege von Dr. D. Rie 
finde ich auch ganz zwedentfprechend. Sagen Sie ihm in meinem 
Kamen Dank dafür. 

Seit drei Tagen haben wir wunderbares Wetter und befinden uns 
dementfprechend bei befferem Humor, nachdem derjelbe durch acht— 
tägigen Regen und befonders durch intenfive Kälte etwas ſchäbig 
geworden war... . Chriftel, Elfe und Helene find wohl. Was 
mich betrifft, fo hatte ich anfangs recht Schlechte Mächte, zumal da- 
durch, daß ich felbft bei fehr hoher Kopflage vor Athenmoth nicht 
fchlafen konnte und von Zeit zu Zeit immer auffisen mußte. Das 
ift nun beffer: ich kann wieder bei hoher Lage ſchlafen, und feitdem 
ich etwas mehr in der Luft fein Fann und etwas fpaziere, ſchlafe 
ich ſelbſt 2—3 Stunden in der Nacht hintereinander, wache dann 
wohl wieder eine Zeitlang, ſchlafe gegen Morgen wieder ein. an 
wird auch darin genigfam und ift mit wenig zufrieden. Mein 
Spasieren ift nun freilich mehr ein Schleichen. Doc war id} heute 








a RE 


ſchon bis Aich und von da über Fürberg zurück. Dazu habe ich 
freilich drei Stunden gebraucht und war dann recht ermüdet; doch 
ſchon die Thatſache, daß ein ſolcher Gang mir noch möglich war 
hat mich erfreut und gehoben. 

Seit ich hier bin, trinke ich abfolut fein alfoholhaltiges@e- 
tränf, nur Quellwafjer und auch das in mäßiger Menge; auch rauche 
ih gar nicht. Daß Alkohol und Tabaf meinem fleifchlichen Herzen 
ſehr unangenehm ſind, habe ich in letzter Feit öfter erfahren; es 
äußert ſich darüber in ganz beſonders unregelmäßigen Purzelbäumen 
und ungeſchicktem Flattern. Ich will daher einmal vier Wochen 
dieſe beiden Herzgifte ganz fortlaſſen und freue mich, bisher dieſe 
Energie noch aufzutreiben. Aber mit meinem Humor ift es dabei 
auch ganz vorbei, und jede Spur von Fröhlichkeit ift gefchwunden. 
Stumm fie ich bei Tiſch und bin nah Tifh noch ftummer. Db 
diefe totale Abjtinenz von Alkohol und Tabak eine Regelmäßigkeit 
meines Duljes und eine Verringerung meiner Athemnoth herbei- 
führen wird? Vederemo. Sollte das nicht der Fall fein, fo werde 
ich mir denn doch von Seit zu Heit ein Glas Bier oder Wein und 
eine leichte Cigarre vergönnen, um einmal wieder mit anderen 
Menſchen gefellig fröhlich zu fein. 

Breuer hat mir zugegeben, daß es fich bei mir jetzt nicht 
mehr um fettummwucherung und nervöfe, abnorme Neiz= oder Schwäche 
zuftände, fondern um myocarditifche Procefje handelt. Das tft auch 
vollkommen meine Anficht. Bei ſolchen Proceffen kann man fic 
ja mit großer Dorficht und Dermeidung von ſtarken Muskel⸗ und 
Nerven⸗Anſtrengungen, zumal auch bei Vermeiduns von intenſiven 
Bronchitiden oder Pneumonieen eine Seitlang hinfretten; doch * 
artige Herzen haben auch die Caprice zuweilen ganz plötzlich ſtill zu 

eißen. 

— — — Vorſorge für die Meinen al a 
Teftament liegt in meinen Geldfaften (in meinem kleinen € 7 Pers 
tionszimmer); der Schlüffel zum Geldkaſten liegt in — ylin 
Bureau inwendig in dem mittleren, durch eine Thür la an J 
Es preſſirt nach meinem Tode nicht mit der —— 
da ich gar keine andere Verfügung über he tn — 
habe als die, daß ich nicht ſecirt zu werden wünſche, Be 1 EN 
der Ausnahme, daß dies geſetzlich erforderlich ee en 

EN „ Ort und Art des Begräbniſſes foll 
fanitätspolizeilic)). Meber Drt un 


meine Familie entfcheiden. Die Schrullen, die ich früher darüber 
hatte und in ein früheres, feitdem vernichtetes Teftament aufgenommen 
habe, habe ich längjt aufgegeben. 

Ueber alles Dies bedarf es Feiner weiteren Erwähnung. Es 
erregt mich nicht einmal befonders, indem ich es niederfchreibe. 
Mein Leben war unendlich reih. Ic habe viel empfangen und 
gern und fo reichlich gegeben, als ich es vermochte. Test ift es 
ausgelebt; es verklingt leife, für mich ſchön und harmonifch, hoffent- 
lich auch ebenfo für meine gute frau, meine lieben Kinder und 
meine treuen, lieben Freunde, zu denen Sie und Ihre liebe Frau ja 
auch gehören. 

Ih 


v 
Th. Billroth. 
— h. Billroth 


561) An Prof. von Dittel in Wien. 
St. Gilgen, 13. Augujt 1892. 
Mein lieber Freund! 

Ihr lieber, guter Brief von vorgeftern hat mir und meiner 
Frau viel Freude gemacht. Wir danken Ihnen herzlichft dafür und 
grüßen Sie Beide aufs Herzlichfte. Wie Ste Beide fi der Redwitz— 
Feier angenommen haben, haben wir mit Freuden gelefen. Es ift 
doch etwas Herrliches, wenn man die Freude am Thun und Mit⸗ 
thun fo bewahrt; das tft nicht nur erquicklich für die Freunde, ſondern 
erhält uns ſelbſt friih . . - 

Ich kann mid nur fchwer, ſehr ſchwer daran gewöhnen, daß 
ich ein Herzkrüppel bin und wünſche oft, daß mir das Glück eines 
plötzlichen Todes zu Theil würde. Der Schritt vom Mebermuth zum 
Sangmuth ift immer fchwer, um fo ſchwerer, wenn er in fo furzer IJ 


Seit, wie von vorigen Herbft bis etwa Neujahr, wo ich mir der 7 


Schwere meines Zuftandes ganz bewußt wurde, gethan werden muß. 
Meine Stimmungen verliefen immer in fteilen Curven, hoch oben 
auf und tief unten; doch jest ift das tief unten jchon lange vor- 
wiegend, und ich fühle, wie es auch auf meine frau und Kinder 
deprimirend wirft, Meine dauernde Derftimmung muß Anderen 
zur Saft fein; ich bin menfchenfcheu geworden und fitse ftumm und 
blöd in der heiterften Gefellfchaft, eine Kaft für Andere. Ich trage 
mich mit dem Gedanken, meine Stelle niederzulegen, trotden ich 








TERN er 


eigentlich nicht die Empfindung habe, daß ich nicht mehr fähig wäre, 
Sen Beruf zu erfüllen; denn gerade die Klinik und das Dperiren 
hat mid noch nie ermüdet, es hat mich eher erfrifcht und aus de- 
fperaten Stimmungen herausgehoben. Breuer und Kothnagel 
waren jo liebenswürdig, mich hier zu befuchen und haben mir. aufs 
Entſchiedenſte von meinem Dorhaben abgeredet. Ich bin fo indolent 
und träg in Entichlüffen geworden, daß mich diefe Entfcheidung 
duch Andere moralifc wieder gehoben hat. Auch iſt ſeit der letzten 
Woche eine geringe Befferung meines Zuftandes eingetreten. Ich 
gehe etwas leichter und habe gute Nächte, während ich in den erften 
14 Tagen hier oft die Nächte hindurch halb fiend und wachend im 
Bett oder auf dem Sofa verbringen mußte. Kunz ich werde die 
Sahe noch etwas abwarten. Doc, der frühere Iuftige, lebhafte und 
auch wohl energiihe Billroth ift begraben; nur fein Schatten 
flackert noch fo hin und her. 

Ich foll mid vor jeder Anftrengung, jedem Zuviel in Effen 
und Trinken, vor ftarfen Gemüthsbewegungen und Bott weiß, wos 
vor fonft noch in Acht nehmen! Eine folge eigentlich nur auf Der- 
bote baſirte Eriftenz iſt für Kinder wohl oft heilfam und nöthig; 
im Alter, wo man fchon fchwerer vorwärts fommt, fühle ich, der 
ich früher Alles that, wozu ich gerade Luft hatte, diefe Derbote wie 
Ketten auf mir laften! Dod genug der Raunzereil es wird drum 
‚nicht beffer. * 

Wenn Sie und Ihre liebe Frau uns die große ‚Freude machen 
wollten, uns auf Ihrer Rückreife hier zu befuchen, fo würden wir 
uns riefig freuen; es wäre eine wohlthuende Freude in unferer Eins 
famfeit, und ich verſpreche, ganz fuftig zu fein und gar nicht zu 
raunzen. Seiten Sie Beide wie immer fefch, und fenden Sie uns 
ein Telegramm am Tag vorher: „Wir kommen“. 

Ihr treuer Freund 
37 Th. Billroth. 


* 


5 Schmidt in Leipzig. | 
— A en St, Gilgen, 50. Auguft 1892. 


ar En 
Derehrtefter, lieber College! | ae 

Beute erfahre ich daß Sie es ware, der an meinen Be In s⸗ 
EIER ig ß. 

hauſe in Bergen auf Rügen eine Gedächtnißtafel“) anbringen ließ 


-_ i i ip i | ) Gedenktafel 
Die vo * 0 ch midt in Lei zig ae ti te 
) nt Pro — D Benn — te — 


Ic bin tief gerührt über Ihre große Güte und Kiebenswürdigkeit 
und fühle mich hochgeehrt durch die große Auszeichnung, welche 
Sie mir haben zu Theil werden laffen. Denn was fönnte mid 
wohl mehr erfreuen, als dte Anerkennung, welche meine fpeciellen 
Fachgenoſſen mir zu Theil werden lafjen für das, was ich mit 
meiner Kebensarbeit angeftrebt habe. Nochmals alſo taufend Dank! 
Ic hoffe, daß es Ihnen und den Jhrigen gut geht. 

Es war mir felbft reht traurig, daß ich nicht zur Einweihung 
des Sangenbed-Haufes nach Berlin fommen fonnte. Nicht das 
Alter ift es, was mic, drüdt, fondern ein durch wiederholte myo— 
carditifche Attacken defect gewordenes Herz, und dazu ein wenn auch 
bisher nody mäßiger Grad von Emphyfem. ch erledige meine 
Berufspflichten ohne alle Anftrengung und, wie ich hoffe, noch leidlich 
gut. Doc alles Gehen, Treppens, Bergefteigen, ja jede raſchere Be- 
wegung, gebeugte Körperftellung oder gerade Rüdenlage macht mid 
dyspnoifh. Ich muß mich drein finden, doch wird es mir fchwer; 
das geftehe ih. Zumal ift es mir peinlich, bei Gelegenheiten, wie 
Congreffen, mit Collegen und Freunden zufammenzufommen, die 
mic) früher Fannten in meinem, jeder [hwerften Anftrengung trotzendem, 
UAebermuth. Auch haben mir meine ärztlichen Freunde und Berather 
jede Anſtrengung unterfast. un: „ich grolle nicht“. Ich habe 
ein reiches Leben hinter mir und fhäte mid) glüdlich, meine Ferien- 
tage hier in aller Ruhe und Stille mit meiner familie zu verleben. 


wurde in deffen Gegenwart am 16. Auguft an dem Haufe der Frau Hauptmann 
von Düring in der Joachimbergſtraße angebradht. Die Broncetafel enthält in 
vergoldeten, römifchen Buchftaben folgende Inſchrift: 
Am 26. April 1829 
wurde hier 
Theodor Billroth 
geboren. 
Nachmals Profefjor der Chirurgie 
in Zürich und Wien. 
Einer der hervorragendften Chirurgen 
feiner Heit. 


Der Anzeiger für die Stadt Bergen und die Infel Rügen vom 20. Auguſt fügt 
diefer Nlittheilung Folgendes hinzu: Chrifttan Albert Theodor Billroth wurde 
hier geboren als Sohn des Predigers Carl Theodor Billroth und der Johanne 
Ehriftiane, geb. Nagel. Der Dater war in Bergen Amtsgehilfe des älteren 
Diafonus Knuft feit Februar 1828 und aing im Jahre 1832 als Paftor nad 
Reinberg bet Greifswald, wo er bereits i. I. 1854, erjt 54 Jahre alt, verjtarb. 








— — 


Ich betrachte jede Freundlichkeit, die mir entgegengebracht wird, als 
— Er liebes Geihen? und bin von ganzem Herzen dankbar 
afür. So auch Ihnen, mein lieber, verehrter College. 


Ihr 


a Th. Billroth. 


565) An Frau Benedir in Bergen auf Infel Rügen.*) 
St. Gilgen, 30. Auguft 1892. 
Siebe Frau Benedir! 


Sie haben mir durch Ihren Brief und Ihre Sufendung der 
Photographie meines Beburtshaufes eine fehr, fehr große Freude 
gemacht, für die ich Ihnen herzlichft danke. Ihr Brief hat mid) 
hier im Gebirge getroffen, wohin ich mid) in meinen ferien während 
der großen Hitze zurücdgezogen habe. 

Mit Bedauern höre ich von Ihnen, daß Sie in letter Zeit 
Belöverlufte gehabt haben. Ich ſchicke Ihnen per Poftanweifung 
100 Mark und bitte Sie, diefe von Ihrem früheren, danfbaren 
Pfleglinge anzunehmen. Schreiben Sie mir auch fonft nach Wien, 


*) Obiger vom Magiftrat der Stadt Bergen eingefandte Brief war von 
nachftehender Mittheilung an den Herausgeber begleitet. Die 78 jährige Frau 
Benedir, ehemals Kindermädchen im elterlichen Baufe Billtoth’s, hatte mit Rüd- 
iht auf die am Geburtshaufe angebrachte Gedenktafel und das bevorftehende 
25jährige Profefforen-Jubiläum Billroth’s an diefen eine nach einer im Jahre 1858 
entworfenen Handzeichnung angefertigte Photographie des Geburtshaufes geſchickt. 
- In dem Begleitfchreiben der frau Benedir vom 26. Auguft 1892 heißt es u. Ar: 

„Ja, wir Bergener find ftol; auf unferen berühmten CLandsmann, und ich 
— feine Jugendwärterin und Geſpielin — erſt recht. Sie waren etwa Iy Jahr 
alt (ih fünfzehn), als Ihre Amme ſich durch Antrinfen eines Raufches verging 
und in Folge deffen von Ihren Eltern aus dem Dienft entlaffen wurde. Daranf 
wurde als Kindermädcen bei Ihnen angeftellt. Im folgenden Jahre wurde 
Ihr Bruder Hermann geboren; nun hatte ich meine Aufmerffamfeit auf zwei 
muntere Knaben zu richten, von denen Theodor jedoch der febhaftefte war, Bet 
der Heberfiedelung Ihrer Eltern nach Reinberg zog ich mit. Dort NL 
ein Schwefterchen Namens Marie geboren, das leider, etwa ei Jahr Ei ver» 
ftarb. Bald darauf verließ ich Reinberg und ging beim Pajtor HE { Rh 
in Jhrem — wohnte, in Dienſt. Die Trennung ESS an 
ihwer. Es iſt mir noch lebhaft erinmerlich, Ele —— 
mich abholenden Wagen bis zum A EN ee as; 


zuruckholte. Diefer erfreute noch im > BR or is mir 
einen eſuch, ie nes feider bald DRS = ar — ee 

* rw ei jand, Seit jener Seit NAT — 
jagte — an Blutvergiftung der einen MC hefer Yöller mir einige Mal von 


über Sie erfahren, bis, wie gefagt, Herr Apot snsreiche irken für 
Ihrer hear Operationsfunft und Ihrem fegensreihen Wirken fi 
die Menfchheit erzählte‘ n. ſ. w. 


— A — 


wenn es Ihnen knapp geht. Ich bin nicht reich, doch gebe 
gern, wo ich eine Freude damit machen kann. 


Ihr 65jähriger Högling 


— 


ich 
Dr. Theodor Billroth. 


564) An Dr. Eifer in Frankfurt a. M. 
St. Gilgen, 18. September 1892. 
Mein lieber, alter Freund! 

Ich komme heute mit einer Bitte zu Ihnen. 

Meine ältefte, unverheirathete Tochter Elfe hat ihre, wenn auch 
nicht große, doch ſympathiſche Mezzo-Sopranftimme unter guter 
Anleitung in Wien recht hübſch ausgebildet. Es ift nun ihr ſehn⸗ 
lichſter Wunſch, zu weiterer Ausbildung diefen Winter bei Stock— 
haufen zu ftudiren. Leider verbietet mir mein Gefundheitszuftand 
weitere Reifen, und fo wird meine frau Elfe etwa Mütte October 
nach Frankfurt bringen. Stodhaufen hat mir freundlichit zugejagt, 
fie als Schülerin anzunehmen. 

Meine Bitte an Sie geht num dahin, daß Sie die große Güte 
hätten, uns Andeutungen darüber- zu geben, wo Elfe mit ihrem 
Dienſtmädchen placirt werden Fönnte. Giebt es in Sranffurt ans 
ftändige Penftonen für Damen oder Chambres garnies? Es wird 
ſich nicht jedes Haus eine Sängerin, die doch üben muß, gefallen 
laffen. Doc; der Fall ift ja nicht vereinzelt, Die befferen Opern 
Sängerinnen müſſen doch aud oft allein wohnen, ebenjo Schau= 
fpielerinnen und andere unverheirathete Damen. Dielleicht wiſſen 
Sie einen Rath. 4 

Natürlich wird meine frau Sie und Ihre liebe Frau mit Elfe @ 
befuhen, und ich empfehle Ihnen beide freundlichft. Meine Srau 
wird nad) einigen Tagen wieder nah Wien zurücfehren, Elje ° 
möglicherweife den ganzen Winter in Frankfurt bleiben, für den 
Fall, daß fih Stodhaufen für ihre Stimme intereffirt, und ihr 7 
freilich ziemlich reizbares Drgan vieles Heben aushält. 

Bis 50. September bin ich hier in St. Gilgen und würde Jhnen 7 
für eine baldige Antwort fehr danfbar jein. Herzlichfte Grüße an 7 
Ihre liebe Frau! 4 

Ihr 


Th. Billroth. 








— Na 


565) An Prof. von Dittel in Wien. 


St. Gilgen, 21. September 1892, 
Mein lieber Freund! 


Herzlichſten Dank für Ihren lieben Brief vom 7. September 
und alle darin enthaltenen Nachrichten. Bor Allem hat mid) der 
Tod Standthartner’s betrübt; wenn ich ihm auch nicht näher 
jtand, jo war er mir doch immer eine fehr ſympathiſche Perfönlich- 
Feit. So leid es uns gethan hat, Sie diefen Sommer nicht mit 
Ihrer lieben Frau bei uns zu fehen, fo begreife ich Ihre Motive 
vollfommen. Sie werden die jebigen herrlichen Herbittage in Dorn- 
bad recht genießen. Auch hier ift es wunderbar: die Tage warm 
und jonnig, die Mächte fühl, und bei dem reichen Thau und den 
Morgennebeln ift die Natur noch frisch; man ſieht noch wenig 
herbjtlihes Laub. 

Den Meinigen und mir geht es erträglih. Ich fahre am 
1. October zu Seegen’s nady Alt-Auffee, während Frau und Kinder 
das Quartier in Wien bereiten. Um 6. October denfe ih in Wien 
einzufreffen und am 12. October mein 51. Semefter in Wien zu 
beginnen .. . 

Ihr treuer Freund und Derehrer 
Th. Billvoth. 
* 


366) An Prof. Hanslick in Wien. 
f St. Gilgen, 22. September 1892. 


Mein lieber Hans! 

Aus Deinem hübfchen Feuilleton über die italieniſche Aus⸗ 
ſtellungs⸗Oper erſehe ich, daß Du wieder in Wien biſt und mit ge⸗ 
wohnter Friſche an den muſikaliſchen Tages⸗Ereigniſſen Theil Zinn 
So komme ich denn heute mit einer Bitte an Dich und hoffe, daß 
Du mir diefelbe nicht abjhlagen wirft. 

Am 3. Detober vollendet mein lieber, alter, Freund Mundy 
fein ſiebzigſtes Lebensjahr. Ich habe für diefe — 
Feuilleton in Form eines Briefes geſchrieben, und es — Sn 
freuen, wenn Du Herrn Dr — we He ale 
ie N ei e, und zwar in die Sonntagsnu er des zwe 
— nen. Sa beanfpruche natürlich fein Honorar, 


doch würde es mic) freuen, wenn ich 6 bis 10 Eremplare der be= 
treffenden Nummer haben Fönnte, 

Mundy ift zweifellos eine der bedeutendften Perſönlichkeiten 
unferer Seit; ich hätte fonft gewiß nicht meine ſchwerfällige Feder 
angefest, um ihm meine Ehrerbietung öffentlich zu befunden. Wenn 
man überdenft, was diefer Mann in feinem langen geben mit 
unermüdlicher Arbeit und genialem Können für die Menſchheit 
sefchaffen hat, fo efelt Einen die Dergötterung eines Nlascagni 
an, die ich immer noch mehr für eine im Intereſſe der Ausitellung 
in Scene geſetzte Reclame, als für den Ausdruck der mufifalifchen 
Kreife Wiens halte. 

Wir haben hier himmlische Herbfttage, und mit Wehmuth jehe 
ich das Ende meiner Ferien Fommen. Wir hatten im Ganzen viel 
Beſuch und erwarten auch jet noch einige Freunde. Schade, Schade, 
daß Du nicht aud) gefommen bift. Es wird wohl der lette Sommer 
fein, den ich hier erlebe, denn es geht mir eher fchlechter als befjer. 

Herzlichſten Gruß! 
Dein 
A Th. Billroth. 


367) An Dr. Eifer in Frankfurt a. M. 
St. Gilgen, 24. September 1892. 
Sieber Freund! 

Taufend herzlichen Dank für Ihren ausführlichen Brief, Wenn 
ich auch einfehe, daß es opportun wäre, ſich ſchon jest über eine 
Wohnung für Elfe zu enticheiden, jo läßt fich doch der Feitpunkt 
ihres Eintreffens in Frankfurt im Moment noch nicht enticheiden. 
Ic bin, wenngleich äußerlich noch rüftig und in meinem Beruf 
noch leiftungsfähig, mit chronifcher Myocarditis, etwas Aorten- 7 
Atherom und Emphyfem behaftet, ſodaß ich viel an Dyspnoe leide, 1 
zumal in der Nacht, wenn mir das Bett nicht beſonders hergerichtet 


iſt; fo fürchte ih denn Nacıtfahrten und Mächte im Hotel. Wenn 7 


Elfe fih in Frankfurt audy leiht an Selbftftändigfeit gewöhnen 
wird, fo möchte ich doch, daß fie durch ihre Mutter dort inftallirt 
würde. Yun erwartet meine zweite, in Wien verheirathete Tochter J 
Anfangs October ihre Miederfunft, wobei ſie die Gegenwart der 
Mutter nicht entbehren möchte. Es läßt fich alfo für den Moment 








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die Frankfurter Reife noch nicht fixiren. Auch ift es immer mißlich 
eine Wohnung zu miethen, die man nicht ſelbſt gefehen hat. Seen 
falls Iheint die Wohnungsfrage nah Ihren gütigen Mittheilungen 
keine allzu ſchwierig zu löſende in Frankfurt zu ſein. — Nun komme 
ich noch mit einer Bitte. Ich hatte mich nämlich zugleich auch an 
Frau Deſ ſoff in dieſer Angelegenheit gewendet. Dieſe hat eine Woh— 
nung bet einer frau N. an der Promenade Weſtend (Nummer Ieider 
nicht angegeben) ganz befonders empfohlen. Kennen Sie diefelbe? 
Iſt fie nicht gar zu weit von Stodhaufen’s Wohnung entfernt? 
Etwas Bewegung würde für Elfe recht gut fein; doch eine gar zu 
große Entfernung wäre auch nicht zwecmäßig. Derzeihen Sie die 
neue Bemühung. Iſt der Frankfurter Hof noch immer das an- 
jtändigfte Hotel in Frankfurt? 

Herzlichſte Grüße von Haus zu Baus. 

In alter, treuer Freundschaft noch vom Gießbach her 


Ihr 
* Ch. Billroth. 


568) An Dr. Gerfuny in Wien. 


Mein lieber Freund! 

Ich kann meinen heutigen Ehrentag*) niht zu Ende gehen 
lafjen, ohne Ihnen noch einmal für alle Siebe und Freundſchaft zu 
danken, welche Ste mir feit 20 Jahren erwiejen haben. Wie arm 
wäre mein Leben gewefen, ohne jo treue Freunde um mic zu haben 
wie Sie! 

Gewähren Sie mir die Bitte, daß wir von nun an das brüder- 
liche „Du” einführen unter uns, und zwar sans facon. 

Behalte mich auch ferner lieb! Deiner lieben Frau herzlichſte 


1 1 f 
Grüße! Den 


Wien, 11. October 1892, 


Th. Billvoth. 
* 


von Billroth's 25 jähriger Thätigkeit an der Wiener Hoch— 
fih am Morgen des Il. October die früheren und dama— 


eratenre im Hörfaale der Klinif. Prof. Ezerny begrüßte 


Re ’ 

*) Zur Feier 
Kane verfammelten 
igen Affijtenten und O ; \ 5 un 
Sen ZH #5 Hberreichte eine Feſtſchrift. Diefelbe enthielt 50 Beträge von 
Schülern Billroth’s aus dem Gebiet der Chirurgie, Gynäkologie und Ophthal- 
mologie, und am Schluß eine Zufammenftellung der in dem Seitranm ‚von 
25 Jahren (1867— 1892) aus der — Klinif hervorgegangenen Arbeiten. 
An dieſe Feier ſchloß ſich im Feſtſaale der Univerſität eine afademifche ‚Feier, mo 
Prof. Albert die Keftrede hielt. x 


Briefe von Theodor Billroth. 7 


369) An Prof. Socin in Bafel. 
Wien, 11. October 1892. 
Sieber, alter Freund! 

Herzlichen Dank für Deine Glückwünſche! Man hat mir heute 
hier ein fehr fchönes Feft bereitet, Die Leute jagen, es ſei erhebend 
gewefen. Ic fage Dir heimlich auf gut wienerifh: „A Schöne 
eich war's!“ So ein Dreiviertel-Begräbniß, wobei man zugleich 
Begrabener und Seidtragender ift. Man hat mich mit Ehre, aber 
nody mehr mit Siebe zugededt. Da wird ſich's denn bald janft 
ruhen lafjen! 

Adel Adel Adel — Still, alter Maulwurf! 

Dein 
C3 Th. Billroth. 


570) An Prof. Wölfler in Graz. 
Wien, 12. October 1892. 
Sieber Freund! 

Wie foll icy Ihnen danken für all die Liebe und Treue, welche 
Sie in Ihren fchönen Worten über mich in der heutigen Nummer 
der Wiener kliniſchen Wochenſchrift*) mir haben angedeihen lafjen! 
„Euch ift“es leicht! mir macht Ihr's ſchwer!“ fagt Hans Sadıs 
am Schluß der Meifterfänger. Wäre bei den vielen mir erwiejenen 
Ehren nicht fo viel Siebe, es hätte mich erdrücen müſſen. Ic Fann 
immer nur wiederholen: Danf! Taufend Dank! 

Es ging mir in diefem Sommer in St. Gilgen oft recht ſchlecht; 
auch noch in den erſten Cagen hier war ich Nachts oft athem— und 
ſchlaflos. „Das letzte Mal!“ klang es mir immer in den Ohren, 
und das ſtimmte mich gar wehmüthig und traurig. Seitdem nun 
die Feſttage vorüber ſind, fühle ich mich freier und beſſer. 

Als ich Sie Alle in dem Operationsſaal um mich ſah, hatte 
ich wohl Urſache mich ſtolz zu fühlen; doch es überwältigte mich: 
„Das letzte Mal!‘ 

Dhne alle Anftrengung habe ich vorgeftern eine complicirte 
Dvariotomie gemacht und heute anderthalb Stunden in der Klinif 
geſprochen. Das hat mir wieder Muth gegeben. 

Die geftrige Feſtfeier war ganz eigenartig erhebend. Albert 








ERLERNT. 








— UN — 


hat vortrefflich und ſehr ſchön geſprochen. — Natürlich hatte mich 
das Ganze innerlich ſehr erregt; ich habe eine ruhige, wenn auch 
abſolut ſchlafloſe Nacht gehabt. Dafür denke ich heute Nacht um 
ſo ruhiger zu ſchlafen. Ich konnte den Tag aber nicht hingehen 
laſſen, ohne Ihnen noch zu danken. 


Ihrer herzigen Frau meinen freundlichſten Gruß. 


Ihr 


Th. Billroth. 
* 


371) An Prof. Mikulicz in Breslau, 


Wien, 14. October 1892, 
Kieber Freund! 


Ih erhielt heute die Hummer der „Deutfchen mebdicinifchen 
Wochenſchrift“*), in welcher Sie fo liebenswürdig über mich ge- 
ichrieben haben. Haben Sie allerherzlichften Dank für Ihre treue 
Anhänglichkeit, für Ihren Beitrag zu meiner Feſtſchrift und Ihre 
Anwefenheit bet meinen Jubelfefte! 3 

r 
Ch. Billroth. 
* 


372) An Prof. von Friſch in Wien. 
Wien, 14. October 1892. 
Sieber Freund! 

Das herrliche Feſt, welches mir meine Freunde bereitet haben, 
hat mir aufs Neue zum Bewußtfein gebracht, wie arm mein Leben 
ohne diefe Freunde geweſen wäre, und wie viel ich ihnen verdanfe, 

Ich hatte das Bedürfniß, diefen Empfindungen Ausdrud zu 
geben und habe zunächſt Gerſuny als dem von mir eingeſetzten 
zukünftigen Berather und Vormund meiner Kinder, ſowie le 
künftigen Adoptivvater meines Rudolfinerhaufes das brüderliche 
„Du’ angeboten. 

Als wir nun geſtern nad N 
gebrachter Weife zufammen arbeiteten, 


ch meinen Feſttagen wieder in alther= 
war es mir doch fchwer, 


SVELUEI EA 27* 


N 
— 420 — 


einen Unterfchted zwifchen meinen drei langjährigen, treuen Freunden 
und Mitarbeitern zu machen, und id bitte Sie daher audy sans 
cöremonie, die Brüderfchaft von mir anzunehmen. 
Alfo, lieber Toni! 
Dein alter Freund 


Th. Billeoth. 
* h h 


373) An Prof. Suffenbauer in Prag. 
Wien, 14. October 1892. 
Mein lieber Freund! 

Welche traurige Heit haben Sie durchmachen müffen, feit wir 
uns in St. Gilgen fahen. Wie fehr Ste mir bei meinem Seite ges 
fehlt haben! Aber bejonders die Urfahe war fo traurig; die Aus- 
ficht, mit Ihren früheren Genofjen sufammen zu fein und froh 
vergangener Jugendtage zu gedenken, wurde gar fo jäh unterbrochen! 
Yehmen Sie meinen herzlichiten Antheil an Ihrem fchweren Derluft. 

Auch die Operation des armen N. rechne ich zu den traurigen 
Ereigniſſen. Nach einigen böfen Tagen geht es ihm heute jo gut, 
daß er die fchwere Operation wohl überftehen wird. Aber dieſe 
infamen*infectiöfen Sarcome an diefer Stelle! fie fcheinen mir nad) 
meinen Erfahrungen ebenfo ſchlimm, wie die Tarcinome diejer 
Gegend; ich fürchte fehr, daß die Recidive nicht lange auf ſich 
warten laffen werden. Doch der Verſuch, Alles zu entfernen, war 
gewiß gerechtfertigt. 

And nun der arme M. Ic höre, daß fein Zuſtand ziemlich 
ftabil fein foll, die Heiferkeit bald mehr, bald weniger. Wenn je, 
fo hätte ich geglaubt, daß nad, Ihrer Dperation Alles hätte ent= 
fernt fein müffen; doch wer vermag den fetten kleinen Deräftelungen 
der Carcinomausläufer in die Gefäßſcheiden nachzugehen! — Klinik 
halten wird MT. wohl nie mehr, man kann ihm nur wünjchen, daß 
das Ende etwa durch eine Blutung ein rafches fein möge. Die 
arme frau! 

Das find Alles recht traurige Dinge, zu viel auf einmal! 
Hoffentlich Fommen auch bald wieder beffere Seiten. Das wünjche 
ich Ihnen von Herzen! 


Ihr 
Th. Billvoth. 











574) An Frau von Ölafer z. 3. in Baden. 


ne Kan Wien, 15. October 1892, 

Sie haben es vollkommen errathen, — was errathen feinfühlende 
Frauen wie Sie niht? — daß ich eine Gratulation von Ihnen in 
. irgend einer Form erwartet habe. Indeß bin ich feit Jahren ſo 
außer aller Verbindung mit den Menſchen, daß ich mich noch viel 
mehr darüber gewundert habe, daß man überhaupt von Seiten der 
Geſellſchaft meiner noch gedenkt, und darf geſtehen, daß es mich 
ſehr gefreut hat, zu erſehen, daß man mich noch nicht vergeſſen hat. 

Wie Sie immer originell find in der Erfindung von allerlei 
neuen formen von Spenden zu SFeitlichfeiten, fo auc dies Mal. 
Sie haben die Badener Kipfel, Trauben und Zuckerl in eine fo 
originelle Derbindung mit Korbeeren gebracht, auf die wohl Niemand 
fo leicht gefommen wäre, Haben Sie herzlichiten Dank für Ihre 
lieben Worte und Glückwünſche und für Ihr freundliches Gedenken! 

Mit der Bitte, mic) auch ferner in wohlwollender Erinnerung 
zu behalten, grüße ich Sie herzlichit! Ih 

r 


Th. Billroth. 


375) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 18. October 1892. 


Mein lieber, alter Freund! 

Gern würde ich zu Die Fommen, um Div auch perfönlicd) für 
Deinen Glückwunſch von Berlin aus zu danfen und zu hören, wie 
gerade diefe illuftre Künftlergefellfchaft dazu Fam, mich in pleno 
zu beglücwünfchen. Doc tft es mir jest phyſiſch nicht mehr möglich, 

iv hinaufzufteigen. 

5 e: — A 2 Se mir feine Erleichterung gebracht. 
Jh war während 2" Monate kaum 20 Mal von meinem Hügel 
bis zur Sandftraße herunter zu gehen fähig, und jeder Da, N 
nur Fleinere Spaziergänge zu machen, erſchöpfte mich der er} = 
ih es bald unterließ. Einmal war ich in Iſchl, wo ich N 
Brüll in der Poft traf und habe diejen Ausflug mit a 
Unwohlfein büßen müffen. Daß man bei ſolchen EN — 
heiter geſtimmt ſein kann, wirſt Du begreifen, und ich habe daher 
gar feinen Verſuch gemacht, Dich zu uns einzuladen. 


Dennoch habe id mich mehr als je mit Dir befhäftigt. Ich 
hatte faft Deine fänmtlihe 4händig arrangirte Muſik bei mir und 
habe fehr viel mit Dr. Fleiſchl aus Rom gefpielt. Er lieſt vor- 
trefflich, iſt ſehr mufifalifh. Kurz, wir fanden uns gut zufammen, 
haben alle fchwierigeren Stellen ernfthaft ftudirt und unendlich viel 
Freude durch Dich gehabt. 

Das Uebermaß von Ehre und Liebe zu meinem Jubiläum 
war wohl ſchön. Doch war es aud) zugleidy eine Art Begräbniß. 
Mit Digitalis und anderen Giften hatte ich meinen Körper joweit 
vorbereitet, daß ich die beiden Feſtacte anjcheinend gefund mitmachen 
konnte, Seit 5 Tagen ging es mir wieder fchlechter und befinde 
ich mic) jest wieder bis Ende der Woche in Digitalisfütterung; es 
geht mir heute fchon wieder befjer. Bis Freitag inclufive foll ich 
Baus und Zimmer hüten. Mach’ mir die große Freude, mic) zu 
befuhen. Mit Ausnahme von I—4 bin idy immer für Dich zu 


ſprechen. 
In unveränderter Liebe und Treue 


Dein 
’ Th. Billeoth. 
376) An Prof, Ezerny in Heidelberg. 
2 Wien, 25. October 1892. 
Sieber Freund! 

Berzlichften Dank für Ihren heute erhaltenen Brief und die 
darin enthaltenen Mittheilungen. Ich hatte ganz unabhängig von 
meinen fefttagen eine etwas üble Woche; doch geht es wieder bejjer. 
Heute habe ic, bereits operirt und beginne meine Klinik morgen. 

Am Freitag Abend wird Elfe nad) Frankfurt abreifen. 

Ihre Arbeit über Magen- und Darmrefectionen*) habe ich mit 
großem ntereffe gelefen, und es hat mic) getröftet, daß Ihre Reſul— 
tate in Summa nicht viel beffer find, wie die meinigen. Die Opera— 
tionen wegen Carcinom wird man wohl immer mehr einfchränfen; 
doch für andere Stricturen und Fiſteln ift doch viel gewonnen und 
wird noch mehr zu erreichen fein. Die folgenden Generationen 
müffen ja auch noch etwas zu thun haben ... . 


Ihr 
* Th. Billroth. 
*) Czerny umd W. Rindfleifch. Ueber die an der Heidelberger chirurgiſchen 


Klinif ausgeführten Operationen am Magen und Darm, Beitrag zu Billroth’s 
Feſtſchrift. 








— 123 — 


577) An Dr. Eifer in frankfurt ala. 
Sieber ee) Wien, 25. October 1892. 

In der Wiener „Deutihen Zeitung” jteht, daß Kapellmeifter 
D. Deſſoff in Frankfurt vom Schlag getroffen und halbſeitig ge— 
lähmt ſei. Da aber die „N. Fr. Pr.“ und andere Feitungen nichts 
darüber bringen, ſo hoffe ich, daß an der Sache nichts iſt. Immer— 
hin beunruhigt es mich, da ich von Wien aus mit Deſſoff be— 
freundet bin und erſt kürzlich von Frau Deſſoff einen ſehr freund- 
lichen Brief erhielt. Ich bitte Sie recht ſehr, mir mit ein Paar 
Worten mitzutheilen, was an der erwähnten Seitungsnadhricht ift. 

Der Grund, weshalb Elfe noch nicht in Frankfurt eingetroffen 
iſt, lag theils in meinen etwas acuteren Unwohlfein, das bereits 
behoben ift und liegt jest andererfeits in einem Unwohlfein meiner 
Frau. Sollte Ießteres anhalten, jo wird vielleiht Frau Moritz 
Hartmann (Wittwe des Dichters Moritz Hartmann), eine intime 
Freundin unferes Haufes, Elfe nach Frankfurt bringen. 

Da ich weiß, welchen liebenswürdigen Antheil Sie an meinem 
Geſchick nehmen, ſchicke ih Ihnen etwas auf mein Jubiläum Be- 
zügliches. Man mag fo ein Jubiläum drehen und wenden wie man 
will, es bleibt immer ein Stüd Begräbnig. un, wenn man zu— 
frieden war mit dem, was Einer bis dahin geleiftet, fo fchöpft einer 
daraus eine Art Berechtigung, fich fernerhin nicht mehr allzu viel zu 

' ine’ ift 
plagen, Und diefer „Eine‘ if Selle Fein | 
Th. Billvoth. 
* 


378) An Dr. Kappeler in Münſterlingen. 
Wien, 5. November 1892. 
Steber Kappeler! | 

Ich habe heute Ihre vortrefflihe Arbeit „Aaxfofe mit Wa 
baren Chloroformmifhungen“ in meiner ‚Feftichrift —— und e 
Ihnen herzlichſt für dieſen ſehr werthvollen — Ne 
Buche. Es ift fehr verdienftlich von Ihnen, daß Sie it ) Ks 
dauernd und intenfiv mit den Angeſtheticis 
Sache immer wieder neue URLS ae abgewinnen. 
Nochmals herzlichſten Vank! Sr 


$ Th. Billroth. 


379) An Dr. Eifer in Sranffurt at. 


Wien, 5. November 1892. 


Sieber Freund! 

Ich habe Ihnen für Dieles zu danken. Zunächſt für Ihre 
Berichte über Deffoff’s Krankheit und Tod. Ein herber Derluft 
für die muſikaliſchen Kreife in Franffurt. Ich habe Deffoff als 
Muſiker und Menſch ſehr geſchätzt. 

Dann für die ſo überaus liebenswürdige Aufnahme meiner 
Frau und Todter. Es wird Elfe wohl manchmal etwas bange 
allein in der Fremde werden. Doc, fie hatte nun einmal feit langer 
Zeit den Wunſch, fi) bei Stodhaufen zu vervolllommnen, daß ich 
ihr nicht entgegen fein wollte... . 

Ihrer lieben Frau die herzlichiten Grüße! 

hr 


Th. Billeoth. 
* 


380) An Prof. Guſſenbauer in Prag. 
Wien, 12. November 1892. 
Sieber Freund! 

re Feſtſchrift ift fo inhaltsihwer, daß ich fie nur langjanı 
lefen kann. Heute habe ich Ihren hocdhintereffanten Aufjas über 
branchiogene Geſchwülſte gelefen und mich befonders daran erfreut, 
daß meine Schüler das für mich immer befonders interefjante Gebiet 
der pathologifchen Hiftiogenefe weiter cultiviren. Ihre Arbeit zeigt, 
wie viel Neues und ntereffantes da noch zu finden tft. 

Unfere jüngften Generationen gehen mir jest gar zu jehr in 
der hirurgifhen Tehnif und in dem Meberbieten, ob man nicht 
noch mehr risfiren Fönnte, auf. ch vermiffe an unferer jüngjten 
Generation oft die finnige Betrachtung der Natur, den Drang nach— 
zufpüren, wie dies oder jenes entfteht, die Zweifel, ob dies oder 
jenes, was in den Büchern fteht, auch wohl fo richtig ift. Meine 
jungen Derren find in der Anfertigung von Schönen Präparaten 
weit gefchictter als ich es je war; doch wenn fie die betreffende 
Keubildung irgendwo ins Schema untergebradht und Fategorifirt 
haben, dann ift auch das Intereſſe erfchöpft. Schon feit Jahren 
habe ich feinen Schüler gehabt, der fid) bet den Meubildungen die 
Frage vorlegt: wie ift denn das fonderbare Gewebe entjtanden, 











— 05 5 


warum hat es fo werden müffen? Es hat fi fo Dieles in der 
Embryologie und Biftiogenefe verändert, es find fo viele neue Auf- 
fafjungen hervorgetreten, deren Derwerthung für die pathologifche 
Hiſtiologie noch ausfteht. 

. Das liegt fo in der Zeitbewegung. Für jest übt die Bacterio- 
logie den größten Sauber auf die talentvollen, jungen Mikroſcopiker. 
Diefe Rihtung wird auch einmal ein Ende haben, und dann wird 
man jich wieder mehr der pathologifchen Bifttologie zuwenden. Der 
Heitjtrom fließt eben in Wellen! 

Mit dem armen A. geht es langfam bergab; er ift fchlecht 
auf uns Chirurgen zu fprechen. Seine Stimmung ſchwankt zwifchen 
Derzweiflung und Hoffnung! — Mir geht es unerwartet erträglich! 

Sl 

Th. Billvoth. 

* 


381) An Prof. von Winiwarter in Kütticd. 
Wien, 15. November 1892. 


Sieber Freund! 


Sie begreifen, daß man ein fo inhaltf—hweres Buch wie meine 
Feſtſchrift nicht fo hinter einander raſch durchleſen kann, und ſo 
ich erſt heute dazu gekommen, Ihre treffliche Arbeit „Sur — 
der Gallenwege“ zu ſtudiren. Ich bewundere Sie wegen ne 
enormen Arbeitsluft und Arbeitskraft, und habe aus ame a = 
handlung eine wefentliche Bereicherung meiner Kenntniffe über 
Begenftand gewonnen. Nach Ihrer interefjanten — ar 
Ihren mitgetheilten Erfahrungen ſcheinen mir dieſe — 
in der That eine große Zukunft zu haben. Ich hatte — 
in ziemlich einfachen Fällen Gelegenheit, —— a 
beide mit gutem Erfolg. Unfere internen Klinifer N a en 
Dperationen vorläufig nicht fehr geneigt. — ab — ne 
8 1 ale hie 
den Muth zu einer folchen Operation gehabt, a aaa 
es Fönnte Darminhalt in die Gallenblaſe treten und | SH ‚je g 
Entzündungen ar Probiren geht et SE Be 

Ich muß geftehen, daß meine Feſtſchrift, je me ek nn 
fchreite, mir immer mehr imponirt. Mindeſtens die Ai 


— 9426 — 


Arbeiten find erften Ranges, die anderen überaus tüchtig, vieles 
Statiftifche fehr Iehrreich. Ic werde fait noch ftolzer auf meine 
Schule, als ih ſchon war. 

Herzlihen Gruß und Dan! 
Ihr 


Th. Billeoth. 
4 h. Billeoth 


382) An Prof. Mifulicz in Breslau. 


Wien, 25. November 1892. 


Sieber Freund! 


Derzeihen Ste, wenn ich Ihnen erjt heute für Ihren werth- 
vollen Beitrag*) zu meiner Feftichrift danfe. Der von Ihnen mit» 
getheilte Fall, und die daran gefnüpften Bemerfungen haben mid) 
auf das Sebhaftefte intereffirt. Ich kann mich nicht erinnern, einen 
ähnlichen Fall gefehen zu haben, welcher dem von Ihnen gegebenen 
Befammtbilde ganz entjprähe. Wohl find mir bet der Kectüre 
ein paar fälle von diffufer, chronifcher Schwellung einer der beiden 
Parotiden in den Sinn gekommen, die ich nicht als eigentliche 
Tumoren acceptiren Fonnte, fondern mehr für eine eigenartige Form 
chronischer Entzündung hielt. Compreffion, graue Salbe, innerlich) 
Jodkalium bewirkten ſtarken Rückgang; was ſchließlich daraus wurde, 
weiß ich nicht. Ich habe an irgend einen Zuſammenhang mit Lues 
gedacht. Dperirt habe ich in diefen „Fällen nicht. Die Sache ift 
jedenfalls unklar, und es tft jehr werthvoll, daß Ste die Aufmerf- 
famfeit auf dtefe Dinge gelenft haben. Nochmals herzlichiten Dank! 

Mir geht es feit etwa 4 Wochen fo gut wie lange niht. Im 
Sommer fühlte ich mic) fo elend, daß ich nicht glaubte den MWinter 
zu überleben; doch muß irgend etwas ji an oder in meinem Herzen 
ziemlich plötzlich gelöft haben, ſodaß es wieder ganz gut functionirt ... 

Ihrer lieben Frau herzlichſte Grüße! 

Ihr 
Th. Billroth. 
* 


Veber eine eigenartige ſymmetriſche Erkrankung der Thränen⸗ und Mund— 
ſpeicheldrüſen. 





385) An Prof. von Roſthorn in Prag. 


Wien, 28. November 1892, 


Lieber Rofthorn! 
Meine Jubiläums=$eftfchrift, auf die ich fehr ftolz bin, ift fo 
inhaltsreich und inhaltsfchwer, daß Sie mir verzeihen werden, wenn 
ich bet voller Berufs- und Praristhätigfeit erft heute dazu gefommen 
bin, Ihre jo intereffante und lehrreiche Arbeit*) zu Iefen. Ich finde 
diejelbe nach Form und Inhalt vortrefflih; fie trägt den Stempel 
Ihrer gediegenen Arbeitsmethode. Daß Sie diefelbe in meine Feft- 
Ichrift gegeben, dafür meinen beften Dant! 

Mit herzlihem Gruß | 
Ihr 


Th. Billroth. 
” h. Billeoth 


384) An Dr. von Eifelsberg in Wien, Docent und Aſſiſtent 

Billroth's. 

Abbazia, 26. December 1892. 
Lieber v. Eifelsberg! 

Herzlichen Dank für Ihren Brief und Ihre ſowie der anderen 
Herren freundliche Wünſche, die ich aufs Befte erwiedere ... Seien 
Sie mit Ihrem Catarrh fehr vorfihtig! Machen Sie ja Feine 
foreirten Touren in der Kälte, Sie Fönnen fi) eine Pneumonie 
holen, an der Sie Ihr Keben lang einen Knar weghaben Fönnen. 
Ih würde Ihnen Meran, Bozen oder Arco empfehlen, von wo 
fich fehr fchöne und nicht zu anftrengende Partien machen laſſen. 
Seien Sie vorfihtig! Ihrer Mutter und auch mir zu Kiebel 

Mein Tatarrh fchwindet allmählich; 2 Wetter ift herrlich. 

Ihr 
Th. Billroth. 
* 


385) An Dr. Gerfuny in Wien, 
Abbazia, 30. December 1892. 
Sieber Freund! | 
Bei den letzten herrlichen Tagen, die wir hier hatten, habe ich 
Euh oft hergewünjdt. Es ift doch Fein leerer Wahn auch im 





kt if C sal-Evite 
*) Beiträge zur Kenntniß der Tubo⸗Ovarial⸗Cyſten. 


— 428 — 


Winter blauen Himmel zu fehen und lichte, warme Sonne zu 
empfinden! Dazu das dunkelblaue Meer, die hübfchen Küftenfelfen, 
die befchneiten Gebirge in der Ferne! Schade, daß ich nicht hier, 
ftatt in Wien Klinik halten kann. Bisher habe ich noch gar Feine 
Sehnfucht in mein dunkles Wiener Zimmer zurüdzufehren. Ich 
gehe hier täglich bergauf bergab, wenn auch piano, drei Stunden 
fpazieren, eſſe ſehr gut, ſchlafe noch beſſer und habe diesmal be— 
ſonders intereſſante CLectüre (Herbert Spencer's Sociology). Dazu 
die vollfommene freiheit und abjolute Rüdfichtslofigkeit gegen 
mein fecundäres Jh! Kurz, es kann mir eigentlich für meine 
jetzigen Derhältniffe nicht beſſer gehen. 

Doc; ich fürchte die Götter, vielleicht, weil ich fie nicht allzu 
fehr ehre, Ich denke immer „dieſer Adler ift dir nicht geſchenkt“. 
Wenn ich daran zurücdenfe, in welch' elendem phyfifhen und pjy- 
hifhen Zuftand ich in St. Gilgen war, fo Fann ich noch garnicht 
an die jetzige Wirklichfeit glauben. Ich fühlte mich damals fo elend, 
daß ich es nicht für denkbar hielt, bis in die Mitte des Winters 
hinein noch zu exiſtiren. Jedenfalls habe ich die Empfindung, daß 
ich etwas dafür thun muß, daß es mir jetzt wieder ſo gut geht. 

Wenn ich zurückkomme, werde ic doch noch wieder neue An— 
ſtrengungen machen, die 50—60 000 fl., die wir noch zur Vollendung 
des Rudolfinerhaufes brauchen, aufzubringen. Ich habe folgenden 
Plan. W. v, 6. ſchwärmt für Kinderfpitäler. Giebt er uns 
60.000 fl., fo Fönnten wir einen Fleinen Kinderpapillon (Ubtheilung 
in dem Pav. III. C1.) mit 10 Sreibetten für Kinder einrichten; ein 
Zimmer mit 6 Kinderbetten war ohnehin projectirt. Die Finanzirung 
ließe ſich machen, wenn wir mit den anderen Freibetten ſparſam 
umgehen. Ueberdenk Dir die Sache. 

An Bertha und Dich fröhliches Profit Heujahr! 


Dein 
Th. Billvoth. 
C3 


386) An Prof. von Dittel in Wien. 
Abbazta, 50. December 1892. 
Mein lieber Freund! 
Ihr lieber, herzlicher Brief hat mir viel Freude gemacht. Ich 
brauche Sie wohl nicht befonders zu verfichern, wie ſehr ich mit 











— 129 — 


Ihnen jympathifire, und wie werthvoll mir Ihre von mir aufs 
herzlichſte erwiederte Freundſchaft iſt. Sind wir doch ſchon ein 
hübſches Stückl Leben mit einander in gleichen wifjenfchaftlichen 
und menjchlichen Streben mit einander vorwärts gewandert, und 
werden diefe Wanderung hoffentlich noch eine Zeitlang zufammen 
fortjegen. 

Alles, was Sie mir über die Gefellihaft der Aerzte fchreiben, 
hat mich fehr intereffirt ... 

Mir geht es fehr gut. Das Wetter war bisher herrlich, wohl 
Morgens und Abends etwas friih; auch hat es in den Mächten 
etwas gefroren. Dody den ganzen Tag über fchien die Sonne 
am wolfenlofen, blauen Himmel fo hell und warm, daß es eine 
Freude war. 

Das Dergnügen, junge frifche Leute um ſich zu haben, kann ich 
Ihnen nahempfinden. Es frifcht auch uns etwas auf, wenn man 
in fühlung mit dem bleibt, wofür ſich die folgenden Generationen 
intereffiren. | 

Sum neuen Jahre Ihnen, Ihrer lieben frau, Leo und frau 
meine wärmſten Glückwünſche. 

In herzlichſter Freundſchaft 
hr 
Th. Billroth. 
* 


387) An Prof. Czerny in Heidelberg. 
Abbazta, 2. Januar 1895. 
Sieber Freund! 

Ihre Keujahrswünfche erwiedere ich für Ste und die Ihrigen 
a ns fih jehr freuen, wenn Sie fte bejuchen. Es geht 
ihr fehr gut dort, fie iſt überall freundlich aufgenommen. Sie at 
bisher nur einige technische ‚Fehler unter Leitung einer ee 
Stofhaufen’s auszubefjern; jetzt wird der Unterricht bet ihm felbft 
Be geht es feit meinem Jubiläum weit bejjer; N 
acquirirten Catarrh habe ich hier bereits verloren. a n 
hatten wir herrlich fonniges Wetter hier. Heute ale: — * 
das vor 6 Jahren um die gleiche Zeit ſchon einmal erlebt. Be 


— 450 — 


Schnee kann auc hier 5—4 Tage liegen bleiben; danach pflegt es 
dann wieder befonders fchön zu werden. 


Nächſten Sonntag bin ich wieder in Wien, und Montag be- 
ginne ich wieder meine Knaben lehren „die Speere werfen und die 
Götter ehren!‘ 


Ihrer lieben Frau und Kußmaul meine herzlichften Grüße! 


Ihr 
Th. Billroth. 


588) An Fräulein Elfe Billroth. 
Abbazia, 5. Januar 1895. 
Siebe Elfe! 
Dor Allem bitte ih Dich, an die gefammte Familie Rind— 


fleifch meine herzlichſten Grüße und Neujahrswünſche auszurichten 
und Onkel Edi in meinem Namen für fein liebes Geſchenk zu 


danfen; es tft hier gerade der richtige Drt, von Zeit zu Zeit ein’ 


Dichterbud) in die Hand zu nehmen. 

Ich habe Dir fehr lange nicht gefchrieben, weil ich gar fo fehr 
damit befhäftigt war, mir Ercerpte für meine Brofhüre zu maden. 
Ich bin noch auf fo Mancherlei gefommen, das ich einfügen und 
erweitern möchte, und konnte doch nicht alle Moten und Bücher, 
deren ich eine große Anzahl brauchte, mit hernehmen. Was ic) 
ſchließlich mitgenommen habe, füllte doch noch eine große Kifte, Ich 
möchte meine Arbeit nicht gelehrt machen; doch es wird darin jo 
Dielerlei berührt, daß doch mehr Arbeit darin ſteckt, als der Leſer 
merken fol. Auf Unrichtigfeiten möchte ich mich nicht ertappen 
lafjen, und da Phyfiologie, Pfychologie, Mufifgefhichte, Aefthetif 
und Sociologie jo ziemlich in gleichem Maße vorfommen, fo muß 
ich, da ich doch nicht auf allen diefen Gebieten gleich zu Haufe bin, 
oft um eines Saßes oder einer Behauptung willen ftundenlang nach— 
ſuchen. Daher komme ich dann wohl aud) auf etwas, was eigent- 
ih ganz von meinem Thema abliegt, was mid; aber um feiner 
jelbitwillen intereffirt; und fo vergeht die Zeit. 

Mir ift es mehr um das Dergnügen am Grübeln, als um die 
Refultate. „Nous ne cherchons jamais les choses, mais la 


a * 








— 45 — 


recherche des choses“ (Pascal). So habe ich unendlichen Genuf 
und fühle mich verjüngt in einer imaginären Welt des Geiftes 
lebend, wo es Feine Widerwärtigfeiten des alltäglichen Lebens giebt. 
Die wiſſenſchaftliche wie die Fünftlerifche Production ftanımen aus 
derjelben Quelle, aus der Fantafte und beglücen den Träumer in 
gleicher Weiſe. Mir ift dabei zu Muthe, wie dem jungen Clavigo, 
da er (gleich in der erſten Scene) zum Carlos fagt, beraufcht von 
den Erfolgen feiner letzten journaliftifchen Arbeit: „Meine Kennt- 
nifje breiten ſich täglih aus, meine Empfindungen erweitern fich, 
und mein Stil bildet fi) immer wahrer und ftärfer‘‘, 

Du wirft denken, liebe Elfe, Dein alter Dapa ſei übergefchnappt. 
Ih fürdhte nicht, denn ich bin mir vollfommen bewußt, daß das 
Alles Jlluftonen find, und daß faft alle alten Gelehrten ihre Greifen- 
arbeit für ihre befte halten. Doch Illuſion ift es, dte den Menſchen 
glücklich macht; ‘ob fie ganz oder vielleiht garnicht mit der Wirf- 
lichfeit übereinftimmt, ift für den geiftig Schaffenden int Moment 
des Schaffens fehr gleichgültig. Der Katenjammer kommt dann 
immer nod) früh genug. Mich hat diefe gehobene Stimmung dies= 
mal über manche Förperlihe Unbehaglichfeiten hinweggeholfen, von 
denen Dir Mama gefchrieben hat. Befonders wurde ic) durch die 
fehr hoch gefteigerte, geiftige Arbeit faſt ganz ſchlaflos und ſo auf⸗ 
geregt, daß die Digitalis bei dieſem Hocdgang meiner allgemeinen 
Nervenerregung ihre Wirfung aufs Herz verlor. So reiſte ich denn 
mit ftarfer Athenmoth ab, faſt erſchöpft durch vier auf einander 
folgende ſchlafloſe Nächte, — doch innerlich beruhigt das Penſ um un) 
was ich mir vorgenommen hatte in Wien noch zu abſolviren, wirk— 
lich abſolvirt zu haben. Es giebt doch eine gewiſſe a 
das durchgefeßt zu haben, was man ſich porgenommen AM is is 
fchlief ich dann in der — ohne Morfin 8 Stunden und er— 

5 ickt in Laibach. 

ee ine Bora, au ih noch Feine a 1 En 
fuma; und doch, welch' ein herrlicher Gegenſatz gegen Wien. ee 

— i iu die Sonne ins ‚Fenfter, daß es eine Freude 
sanzen Tag ſcheint mir —— 
iſt "3a; habe eine freie, herrliche Ausficht aufs Meer, Ziume 
ui sie Infeln, und diefer Wechſel der Beleuchtungen! es iſt gat 


herrlich! 
yerrlich 5 


589) An Prof. His in Leipzig. 


Mein lieber Freund! 


für Dein liebes Bild herzlichften Dank; ich finde es vortrefflich 
und habe eine große Freude daran, Es ift doch ein fchönes, feites 
Band fürs ganze Leben, wenn man einen Theil feiner Jugend mit 
einander verlebt hat. 

Was Du über die größere praftifche Wirfung des Klinifers im 
Derhältnig zum Anatomen fagft, bezieht fi) doch mehr auf die 
Ertenfität des Wirfens und der Erfolge. Doch Du darfit dabei 
der inneren Kämpfe nicht vergefjen, welche ein Praftifer durchzu- 
machen hat, bevor er zu der nothwendigen Xefignation kommt. 
Auch der Forfcher ftößt auf unüberwindliche Hinderniffe, doc} jie 
haben nicht die traurige Beimifhung des menſchlichen Elends. 
Wenn ich 3. B. fehe, wie mein lieber Tollege K., im 44. Kebens- 
jahre auf der Höhe feiner Kraft, im vollen Lebensglüd fo elend am 
Zungenkrebs zu Grunde gehen muß, und welche verzweifelte Opera- 
tionen wir an ihm mit nur wenige Monate dauerndem Erfolge 
vorgenommen haben, jo möchte man die ganze Praris zum Teufel 
wünfchen. 

So ‚ungefhmälert glücklich und zufrieden wie früher am Mi— 
kroſcop war ich felbft bei den erfolgreichften Operationen nicht. Es 
hat jo Alles feine zwei Seiten. Ein anatomifher Beobadhıtungs- 
fehler, ein falfcher Schluß Fann uns jpäter ärgern und .unfere Eitel- 
keit Fränfen; in der Praris Fann es ein Mlenfchenleben Foften. Was 
wir an humanitären und focialnüglichen Dingen zu Ichaffen jtreben, 
ift fchon dadurch ungemein fehwierig, weil wir da mit dem jchwies 
vigften Material, nämlich mit Menfchen für dte Menſchheit arbeiten. 
Was mir am meiften Freude in meinem reichen Leben gemacht hat, 
ift die Begründung einer Schule, welche ſowohl in wifjenfchaftlicher, 
wie in humanitärer Richtung mein Streben fortfest und ihn das 
durch etwas Dauer verſchafft . » » 

Morgen kehre ich zur Arbeit nach Wien zurück, nachdem ich 
mich hier am Quarnero erfrifcht habe. Seit Detober geht es mir 
entfchteden beffer; meine Myocarditis fcheint einen Stillftand gemacht 
zu haben. 


Abbazia, 6. Januar 1893. 


Dein alter, treuer Freund 
Th. Billvoth. 
* 








590) An Prof, von Gruber in Wien. 
Wien, 22, Januar 1893, 
Lieber Herr Hofrath! 

Wenn man hört und lieft, wie die neueren Dperationsfäle in 
Deutſchland jest ſchon wieder umgebaut werden, um den neueften 
Anforderungen zu entfprechen, fo müffen wir uns in Defterreich um 
jo mehr ſchämen, daß wir noch Dperationsfäle haben, die mühſelig 
aus bejtehenden Kranfenzimmern hergerichtet find. Leider genirt 
das unjere hohe Regierung nicht, welche noch immer behaglich auf 
dem alten Ruhme und den Korbeeren der alten Wiener Schule ruht, 
während uns dieſes Kager denn doch Schon recht hart und dürftig 
vorfommt . . . 

Ich wollte Ihnen nur wieder ein Zeichen geben, daß ich nicht 
aufhöre mich mit diefen Dingen zu befafjen, obgleich meine Gefund- 
heit immer mijerabler wird und mir nur ftoßweife geftattet, meinen 
Pflichten nachzufommen. 

Mit herzlichſtem Gruß Ihr | 
Th. Billroth. 
* 


ä i i t + 
a Sn ———— Sen! Wien, 51. Januar 1895. 

. . . In der höchſt wirffamen Schlußfcene am See, in welchem 
die Dphelia ertrinkt, war die 8... . ganz vorzüglich; fie Jans 
glocdenrein und beherrfchte die enorm ſchwere Scene mit vollemoeter 
Meifterfchaft. Sie fingt abwechfelnd ein ſehr ſchönes, melancholiſches, 
ſchwediſches Volkslied und eine Art Coloratur⸗Delirium, das unge- 

euer Schwer fein muß. a 

i — habe ich die Bemerfung gemacht, daß das Pa 
doch eigentlich für die gefangliche=Fünftlerifche Keiftung kaum —— 
ein Verſtändniß hat. Es empfindet es kaum noch, ob Jemand in 
der Oper gut oder ſchlecht ſingt, wenn er nur nicht geradezu elle) 
fingt. Don der meifterhaften Phrafirung Ritter S, zumal feiner 
Schlüffe haben wohl nur fehr Wenige eine al Wenn 
die £ äbgeht kann hier Yiemand die Dphelia — Fa Ki 

H tie techniich © 

ä i welche dieſe hohe Sopranpar 
———— Wozu auch ſich plagen! Ueberall — 
Sä ; d Sängerinnen in den meuen Dpern großen Effect, ohne 

änger und Sänger a 


Briefe von Theodor Bilfroth, 


etwas zu Fönnen. Leider wird echte Geſangskunſt dabei zu Grunde 
gehen; denn wenn Feine Künftler mehr da find, die fingen Fönnen, 
fo müffen fich die Componiften auch danach einrichten. Auch fie 
hören auf, die menjchlihe Stimme als Inſtrument zu ftudiren, 


F 
392) An Dr. Gerfuny in Wien. 


Sieber Freund! 


Es war immer mein Stolz, daß das DOrdinarium des Rudolfiner- 
haus-Budgets bisher ftets mit einem Ueberſchuß abſchloß. Im 
Jahre 1892 haben wir ein Deftcit von 2774 fl. Wenn man rechnet, 
daß wir 1891 einen Ueberihuß von 1182 fl. hatten, jo haben wir 
eigentlich 3956 fl. mehr als vorauszufehen im Jahre 1892 aus- 
gegeben. Diefes Deficit hat mancherlet Gründe, von welchen einige 
in der Folge fortfallen werden. Aber es find doc, zwei Ausgabe- 
poften, die jährlich zunehmen, nämlic die Rubrifen Derbandzeug 
und Medicamente, und Dermehrung und Inftandhaltung des In— 
ftrumenten-Inventars. Diefe beiden Rubriken zeigen gegen das 
Jahr 1891, troßdem 1892 weniger Kranfe waren als 1891, ein 
Plus von, 541 und 715 fl, in Summa von 1254 fl. 

Ic habe daher an F. auch zur Kenntnißnahme feines Collegen 
gefchrieben und ihn gebeten, etwas fparfamer mit Derband- 
materialien ꝛc. umzugehen. Man fann doc) erheblich dabei jparen, 
ohne die Kranken zu ſchädigen; doh muß man ans Sparen 
denfen, was die jungen Herren wohl felten thun. Das Deficit ift 
eine Bahn, die, einmal betreten, leicht bet einem ſolchen Inftitut 
zum Rutſchen in einen Abgrund führen Fann. Wenn Du gelegent- 
lich einmal zu mir kommſt, werde ich Dir den Rechnungsabſchluß 
gern vorlegen. 

Für heute Abend gute Nacht! 


Wien, 2. Februar 1893. 


Dein 
Th. Billroth. 
* 


395) An Fräulein Elfe Billroth. 
Wien, ?. Februar 1895. 
. Morgen Abend werde ich die neuefte Oper von Mas— 
cagni „Die Rantzau“ hören. Für heute gute Nacht. 








——— 455 — 


Mittwoch Abend. 

Ich komme eben aus der Oper. Der Geſammt-Eindruck muſika— 
liſch und dramatifch höchſt unerquiclich. Der vorwiegende Eindrud 
der Muſik ift mufifalifche Häßlichkeit. Anfangs ift man empört 
über die Klangunfchönheit, doch intereffirt durch das Pikante und 
durch das Unerhörte, was ein moderner Componift zu bieten wagt. 
Doch jo wunderbar es erſcheint, das fortdauernd Unfchöne wird auf 
die Dauer ebenfo monoton, wie das fortdauernd Schöne. Immer 
Sturm, Regen und Donner wird uns ja auch ebenfo langweilig, 
wie ewig blauer Himmel, In diefer Dper ift Alles grau in grau, 
immer Seidenjhaft, Zorn, Wuth. Es wäre garnicht auszuhalten, 
wenn nicht die Acte jo Furz wären, wie fonft eine Scene; man kann 
fich doc in den Smwilchenacten etwas erholen. In mittelmäßiger 
Aufführung wäre diefe Dper undenkbar. 

Die hiefige Aufführung ift, wie Alles, was Jahn felbft in die 
Hand nimmt, großartig. Renard, Ritter in den Hauptrollen, 
dann Reihenberg, Schrödter, Horwis, dazu das wunderbare 
Drchefter, als wenn der Tapellmeifter allein pielte. 

Im Ganzen nur melodramatifche Behandlung der Stimmen. 
Drei oder vier Mal dämmert etwas wie Melodie auf, freilich ver- 
zwict, Faum zwei Tafte in Einer Tonart. Was Tonart! giebt es 
da eigentlich garnicht. Tempo! audy nicht; vollftändig rhythmiſche 
Zerfahrenheit. Meiſt Andante, oft ſchleppend. Und doch, es giebt 
dramatifch hochgefpannte und höchſt wirffame Stellen. Die Ge— 
ſchichte fpielt im Elfaß; zwei Bauernbrüder, die fich halfen, deren 
einzige Kinder ſich lieben. Mütter find nicht vorhanden; ſonſt wäre 
es wohl nicht zu der Geſchichte gefommen, wo Alles hart am — 
ſchlagen vorbeigeht. Daß je ein Vollblut⸗Italiener eine len 
lifche Muftt fchreiben Fönnte, habe ich bis jest nicht für möglich 
fogenannte Dper, eigentlich ein Melodram De a 
wird aber doc durch die unglaublich vollendete Bee a 
wegen einiger enorm wirffamen Scenen ſich hier — halten 
der zu grundlos langweilige, läppiſche —— Fritz ee 

Don der muftfalifchen Unverfrorenhett —— * ER 
feine Dorftellung. Er Fennt von ausländiſcher le Ya 
flapifche und ungarifche, durch ihren Xhythmus hervorſte = Es x 
Um in den Chören die elſäſſiſchen Sandleute zu charakteriſiren, läß 


28* 


er fie abwechſelnd ſlaviſch und ungariſch fingen. Ic zweifele, ob 
er den Unterfchted von flavifh und ungariſch gefaßt hat. Als ſich 
am Schluß die feindlichen Brüder in die Arme fallen, heben drei 
Takte eines Czardas an, dann Schrumm Schrumm, der Dorhang 
fällt; aus iſt's. Man muß es gehört haben, um's zu glauben. 
an könnte meinen, er vermeide die Melodie, wie überhaupt jedes 
überfehbare Muſikſtück abjichtlih. Doc glaube ich das nicht. Hätte 
er eine, ihn felbft befriedigende, melodiöfe Erfindung, jo würde er fie 
hergeben; doch um nicht trivial zu werden, biegt er jede melodiſche 
Bewegung in ganz unnatürlihe Richtungen und unterbriht aud 
fofort den Rhythmus (melodie distinguee, Ciszt), damit es nur 
nicht zu irgend einer Klangjchönheit Fommt. Er fällt aber auf 
diefe MWeife ins Manirirte; auch feine Pifanterie der harmoniſchen 
Wendungen iſt bald am Ende, er fängt da ſchon an ſich zu wieder⸗ 
holen; wie kann es anders ſein! Die Fantaſie eines Einzelnen iſt 
doch immer beſchränkt, ſie geht nie über eine gewiſſe Grenze hinaus. 
Db fi) Mascagnt je auf den melodiſchen Weg zurücdmaufern 
wird, wie fih Derdt ins Dramatifhe gemaufert hat, vermag wohl 
Niemand zu fagen. Dielleiht hat er ſich noch nicht gefunden. 
Man denke an MWagner’s Anfang (Feen, Rienzi) und Ende 
(DPareival, 

Ich möchte wohl nach 50 und nach 100 Jahren wieder einmal 
auf die Welt kommen, um zu fehen, was eigentlich aus der „Oper“ 
als Kunftgenre geworden ift. Wenn es jo vom Mufifalifchen ab ins 
Melodramatifche übergeht, jo wird damit jede eigentlihe Gejangs- 
funft aufhören. Dielleiht erwächſt wieder aus der Dolfspofje mit 
Eouplets und aus der Operette das mufifalifche Luftfpiel, dte komiſche 


und romantiſche Dper. © 


594) An Dr. Eifer in Frankfurt a, M. 
Wien, 9. Februar 1895. 
Sieber Freund und College! 

Ihr lieber, ausführlicher Brief hat mir viel Freude gemacht, 
zumal daß Sie ſich bet Ihrer Praris fovtel Intereffe an theore- 
tifchen Fragen bewahrt haben. 

Elfe fchreibt uns oft von der freundlichen Aufnahme, welche 
fie in Ihrem Haufe findet. Seit fie bei Stocdhaufen jelbft Stunde 





er 





— 457 — 


hat, und dabei ‚Boffnung hat, eine Derbefjerung ihrer Gefangs- 
methode zu erreichen, ift fie in der Chat pſychiſch und phyſiſch 
wohler. 
Don meiner Frau die herzlichften Grüße an Sie und Ihre liebe 
Frau; desgleichen von mir, 
Ihr 


Th. Billroth. 
= h. Billroth 


595) An Fräulein Elfe Billroth. 
Abbazia, 25. März 1895. 

Eines haben wir gemeinfam: die Scheu ſich der Deffentlichkeit 
zu erponiren. Ich habe ſtets meine volle Befriedigung in meiner 
Klinif, in meiner Praris, meinen literarifchen Arbeiten gefunden, 
Jede andere Berührung mit dem großen Publifum, bet Jubiläen, 
Dereinsangelegenheiten ꝛc. tft mir ftets äußerst peinlich gewejen; 
mich haben auch dte Außerlichen Erfolge wohl gefreut, doch hätte 
ih fie ganz wohl entbehren Fönnen. Das Sprechen vor einem 
stoßen Publitum, ja felbft das Ausbringen eines Toaftes, das 
Betteln für das Rudolfinerhaus 2c. ift mir eine fürchterliche Dein. 
So fehr ich einzelne Menſchen verehre und liebe, fo fehr verachte 
ich den großen Haufen; ich empfinde es als Erniedrigung, ihn mein 
Beftes, meine Perfönlichfeit zu zeigen, um feine Gunft zu buhlen. 
Nur die Meberzeugung, daß ich, ohne mic wenigjtens theilweife dem 
Moloch zu opfern, für die großen, humanitären Unternehmungen 
nichts leiſten kann, — veranlaßt mid) nad) langen, inneren Kämpfen 
vor dem elenden Haufen, „Publikum“ genannt, meinen ftolzen Nacken 
zu beugen ... 

Wie eine Fünftlerifche Derfönlichkeit aufs große Publikum wirkt, 
ift vorher ebenfo unberechenbar, wie ein Autor nie vorher weiß, 
ob fein neues Stück (jeder Autor pflegt fein neueftes Werk für 
beſtes zu halten) gefallen wird oder nicht. Die Lünſtler — 
hören es ungern, wenn man ihnen ſagt, daß ſie nur vom f Ben au 
abhängen, Der Erfolg ift das Entſcheidende. Beim — en 
Künſtler muß er ſofort eintreffen, beim ſchaffenden ehe — 
neuer Driginalität kann er fich altmählicher — o Sn. 
er nicht bald einen Anhang von Enthufiaften findet, der wächſt, ſo 


ift es auch mit ihm nichts. 


— 458 — 


Es ift auch in der Wiffenfchaft nicht viel anders. Wenn eine 
wiffenfchaftliche Arbeit nicht bald in dem betreffenden Kreiſe An— 
erfennung findet, fo ift fie nicht viel werth. Fuweilen wird Jemand 
durch eine Kleine, gerade in eine Feitfrage eingreifende Arbeit plöß- 
lich berühmt, und da ift es wie in der Hunft: ein erfter, großer Er⸗ 
folg trägt den, dem er geglückt iſt, lange, 


* 


396) An Prof. von Gruber in Wien. ' 
Abbazta, 31. März 1895. 
Sieber Herr Hofrath! 

.... Soweit meine Informationen reihen, hat der in der 
Budget-Tommiffion fehr einflußreihe Abgeordnete Hofrath Beer 
den Minifter wider feinen Willen gezwungen, das Specialgefes wegen 
meiner Klinik einzubringen. Als ich Beer wegen der ftarf redu- 
cirten Summe interpellirte, fagte er mir, daß diefelbe nur eine 
formelle Bedeutung habe, und daß der Minifter bei der detaillirten 
Dorlage audy etwas mehr verlangen Fönne und erhalten werde... 

35h habe Sie in diefe Angelegenheit mit mir hineingeritten, 
und es wäre mir fehr peinlich, wenn Sie wieder vergebliche Arbeit 
machten. * Freilich ift die Situation eine ſchwierige. Wird man 
Ihnen nah aller Ihrer mühevollen Arbeit auch den Bau über- 
tragen? ch würde nur dann dem Bau mit Freudigfeit entgegen— 
fehen, wenn Sie ihn ausführen. 

Wir haben hier göttliches Wetter, 

1% 
E : Th. Billeoth. 


397) An Fräulein Elfe Billvoth. 
Abbazta, 2. April 1895. 

>... Die abfolut Fünftlerifche, muſikaliſche Schönheit genügt 
dem modernen Publiftum nicht mehr, wenigjtens nicht auf die Dauer. 
Die Denus von Milo, der Apoll von Belvedere, Rafael, Titian, 
Bah, Händel, Mozart find gewiß die höchiten Ideale in Plaftif, 
Malerei und Muſik. Doc, diefe abftracte, rein plaftifche, malerifche 
und mufifalifche Schönheit wirft bald monoton. Michelangelo 
und Beethoven haben das ficher auch empfunden; fie trugen das 








— 19 — 


menſchlich Subjective in die Kunſt. Mit i i 
a J : Mit ihnen verlangen wir moderne 

Rn er Schöne, fondern aucd das individuell 

a Diejes Derlangen hat fich, ich geftehe es zu, in der 
egenwart jo gefteigert, daß es zuweilen zur Larricatur ausartet 
und das Deal Schöne fait außer Acht läßt. 

— iſt nicht nur das Bedürfniß nach Abwechſelung, ſondern 
auch die Folge der großen Ausbreitung der Künfte auf ein großes 
Publikum, das innerlich der reinen Kunft fern fteht und doch, um 
— den Parias zu gehören, daran Theil nehmen will. Eine 

unft zu treiben oder wenigjtens daran Theil zu nehmen, ift Node 
geworden. Die Künftler müffen für großes Publifum arbeiten, 
jowohl die jchaffenden wie die ausübenden, denn fte wollen Theil- 
nahme und wollen vom großen Publifum leben, Doch auch die 
modernen Menjchen, welche für die reine, hohe Kunft Begabung 
haben, empfinden anders als die Griehen und als die Menſchen, 
welche zur Zeit der Renaiſſance lebten. Das individuell Menſchliche, 
welches nun einmal in die Kunft hineingebracht iſt, läßt ſich nicht 
mehr herausbringen. Die menſchlichen Gefühle, welche eigent— 
lich nichts mit dem rein Kunſtſchönen und den reinen Kunftformen 
zu thun haben, wollen jest in jeder Kunſt ihren Plat haben. Das 
echte Malertalent denkt bei einem Bilde von Titian nicht daran, 
was es bedeutet, was es darftellt; es fieht nur die rein malerische 
Schönheit, Sinien, Zeichnungen, Compofitionen, Farben. Der Dilettant 
(mern auch noch fo fein gebildet), der das Bild faufen will, fragt 
doch, was es denn eigentlich darſtellen foll. 

Wenn eine fchöne, alte, italienifche Arie gefungen wird, jtört es 
mich nicht, wenn ich vom Tert nichts verftehe. Erxft wenn fie mir 
mufifalifch gefallen hat, frage ich nach dem Tert. Ebenfo geht es 
mir mit franzöfifchen Gefängen. Nur wenn deutfch gefungen wird, 
drängt fich mir das Wort auf, und damit tritt auch das Derlangen 
auf, den Text nicht nur muſikaliſch Schön, fondern auch ſeinem Wort— 
Inhalte nach charakteriſtiſch vorgetragen zu hören. Der rein muſika— 
liſche Vortrag, den man gewöhnlich „Phraſirung“ nennt, iſt der 
gleiche für den Inſtrumentaliſten, wie für den Sänger. Hier genügt 
die Schönheit, das individuell Sympathiſche des Tones. Hie und 
da Schwellungen, Abwechslung in Piano und Forte, da und dort 
ein Rubato, ein Ritenuto :. Je vollendeter die Technik, um fo 
ſchöner der Ton. Derftändnig dafür haben nur die mufifalifch Ge— 


bildeten, auf Andere wird diefe Urt des Dortrags anfangs mit der 
elementaren Kraft der Klangfchönheit als ſolche wirken, doch diefe 
dauert nur Furze Zeit an, dann wird fie monoton. Das ideal 
Schönfte ift nicht viel modellirbar, fonft wäre es eben nicht das Schönfte. 

Das moderne Publifum will beim Befang auch das Wort und 
den Wortgedanfen, — um fo mehr, je weniger muſikaliſch das 
Publifum if. In der zunehmenden Größe des unmuſikaliſchen 
Publifums (für welches immer größere Dpernhäufer und Concert 
fäle gebaut werden müffen) liegt das Beheimniß des Wagnerismus, 
des Verſchwindens der Chormufif, der Arien, Duettezc., des Enjemble- 
Befanges, die Ueberwucherung des Liedes in den Loncerten. 
Beim Lied hat das Publiftum wenigftens das Wort, wenn es aud) 
von der Mufif nicht berührt wird: es ift das allgemein Menſch— 
liche mit der Muſik Derbundene, was den Unmuftkaliichen glauben 
macht, er fei mufifalifih. Auch die wirklich Muſikaliſchen wollen 
und können den in Worte gefaßten Sprach-Gedanken nicht mehr 
entbehren, wenn die menfchliche Stimme, die man fonft nur ſprechen 
hört, anfängt zu fingen. Beethoven unterlag einen jonderbaren 
Irrtum, als er in feiner „Neunten“ mit dem Hinzufügen von 
Wortgedanken am Schluffe die Wirkung der Muſik ſteigern wollte, 
Die Steigung liegt im Hinzufügen der menfhlihen Stimmmaffen 
als neue Blasinftrumenten- &ruppen; fie hätte zum Schluß ſich 
noch durch die Orgel fteigern laſſen: im Wort liegt die Steigerung 
nicht.. Im Gegentheil. Durch die Wortgedanken wird unferer 
reinen Tonfantafte eine beftimmte Form und Bewegung - auf 
gezwungen (philofophifh ausgedrüdt: aufgezwungene Ideen und 
Ton-Affociation, wie ein Portrait eine aufgezwungene, malerische 
und perfönliche Affociatton tft). 

Die Combination von Worten. mit Tönen ift nun einmal feit 
zweihundert Jahren (feit der Eriftenz unferes modernen Tonſyſtems) 
da, und der Wortgedanfe macht fid} immer breiter. Zumal die 
unmufifalifchen und halbmuftfalifchen Menſchen Flammern ſich daran 
und beurtheilen nach feiner Wirfung auf den Hörer den fchaffenden 
Künftler und. noch viel mehr den Sänger. Ebenfo wie das große 
Publifum eine Sandfhaft und ein Portrait faft allein nad feiner 
Achnlichkeit oder fcheinbaren Naturwahrheit; denn die Begabung 
für das rein Malerifche ift ebenfo felten, wie die Begabung für das 
rein Muſikaliſche. 


u. m 


Bleiben wir bein Sänger, fpeciell beim Siederfänger. Er hat 
Wortgedanten, in Worte gefaßte Stimmungen, Erzählungen für ein 
Publikum zum Ausdrud zu bringen und wird dabei durch Töne unter- 
ſtützt. DiefeTöne find dem Bedicht entiprechend rhythmiſch und melodiſch 
geordnet; in einem guten Liede haben diefe Töne eine Form für Sich, 
welche neben oder über dem Text fteht. Für den Muſikaliſchen ift 
die Tonform die Hauptfahe, die Worte geben nur Stimmung im 
Allgemeinen. Für den weniger Muftfalifchen und Unmufifalifchen 
ift der Tert die Hauptſache; er will ihn vorerzählt haben mit allerlei 
mimifchen Bewegungen; der Stimmton ift ihn nicht mehr, als eine 
die Worte erläuternde Klangmimik, 

Stehen wir nun die praftifchen Confequenzen. Der Sänger 
muß mit feinem kleinen oder großen Publitum in Contact treten. 
Was er vorfingt, muß er auswendig wifjen; er muß fingen, als 
hätte er etwas mitzutheilen, wofür er Theilnahme wünſcht; Jeder, 
der ihm zuhört, muß die Empfindung haben, als fänge er ihm 
bejonders vor. Es ift ein Geheimniß erfolgreicher Redner, daß fie 
ihre Augen fo über das Publitum gleiten laffen, daß jeder Huhörer 
ſich angeredet fühlt. Ich mache das bei Dorträgen in der Klinik 
immer fo. Moderne, dramatische, wenig muſikaliſche Sänger ge= 
wöhnen ſich auf den großen Bühnen eine jo groteste, Förperliche 
und Klang- Mimik an, daß fie für den Loncertjaal nur Carricaturen 
bieten, zumal wenn ſie einfache Lieder ſingen. In dem dramatiſchen 
Geſang ift ihr geringer Sinn für einfache, muſikaliſche Schönheit 
aufgegangen. Selbſt „Erlkönig“ von AUT gejungen, ift mir 
fürchterlich; fie vergeffen ganz, daß eine Ballade nicht ein darzu⸗ 
ſtellender dramatiſcher Vorgang iſt, ſondern nur eine theilweiſe 
dramatiſirte Erzählung. Es gehört mehr Intelligenz und Sins 
dazu, als die beiden Genannten befigen, um dtefe Unterſcheidung 
Geltung zu bringen. Der Sänger-Künftler muß eine EOS 
für das haben, was man „eilt“ nennt, Jenny Lind N Sa 
Empfindung; fie hatte einen dramatijchen, einen Siederz, au — 
torien-Stil; ebenſo Stockhauſen. Es läßt ſich das ſchwer lehren; 
wohl nur durch vieles Hören kommt die Empfindung dafür. 


* 


— 442 — 


398) An Dr. Kappeler in Münſterlingen. 


Wien, 30, April 1895. 
Sieber Kappeler! 

Soviel ih mid, erinnere, haben Ste Jemand in Münfterlingen 
oder dort in der Mähe empfohlen, der ſich mit Sprachunterricht von 
Patienten nad Uranoplaftif befaßt, und bei weldhem aucd einer 
meiner Dperirten, ein junger Graf N. war. Ich habe jest wieder 
eine derartige Patientin, eine junge Gräfin aus Dicenza, die aber 
deutſch fpricht.e Es geht mit der Befjerung der Sprache nicht recht 
vorwärts, und die Eltern der Patientin find gewillt, das Mädchen 
irgendwohin zur Sprachbehandlung zu bringen. Darf ih Sie um 
nähere Ausfunft bitten? 

Es ift ein Kreuz mit diefen Dperirten. Ich bin gejpannt, wie 
es fi) in der Folge bei denjenigen Dperirten herausjtellen wird, 
die fchon im erften und zweiten Lebensjahre operirt find. Der ver- 
ftorbene Salzer, und mein jeßiger Affiftent v. Eifelsberg haben 
bereits zwifchen 50 und 40 Kinder operirt; über die Reſultate für 
die Sprache weiß ich nichts. — Das 2 jährige Kind, welches ich in 
Sürich mit vollfonmenen Erfolge operirte, ſprach ſpäter ebenjo 
ſchlecht, wie die ſpät Operirten. 

: Ihr 


Th. Billroth. 
* 


399) An Dr. von Eiſelsberg in Wien, Docent und Aſſiſtent 
Billroth's. 
St. Gilgen, 28. Mai 1895. 
Sieber v. Eifelsberg! 


Ic Hatte vor einigen Tagen einen Brief von Engelmann*), 
der nichts Neues enthielt. E. hat mich wohl nur aus Höflichkeit 
felbft in die Kenntniß der dortigen Situation fesen wollen. Er 
fpricht ſich fehr zunerfichtlich über Ihre baldige Ernennung aus. 
Vederemo. 

Man foll nicht Tügen, ſich nicht einmal vornehmen, lügen zu 
wollen: ich habe denn wirklich einen ſchweren Bronchialcatarrh mit 
allem Zubehör hier durchgemacht und fange eben an, mich zu erholen. 


*) Prof. der Phyfiologie in Utrecht. 


— 445 — 


Taufing kann Ihnen erzählen, wie blau ich immer noch ausſehe, 
und daß ich immer noch viel huſte und wenig ſchlafe. 

Am MWontag, den 5. Juni, hoffe ich, ficher meine Klinif wieder 
abhalten zu Fönnen. Bis dahin beauftrage ich Sie, es ftatt meiner 
zu thun; ich habe es dem Decanat bereits angezeigt. Rufen Sie 
Praftifanten auf, damit wir mit dem großen Schwarm fertig 
werden. 

Es wird Ihnen nicht fhaden, wenn Sie mehr fhulmeiftern 
als operiren und wird auch den Hörern lieber fein. für Utrecht 
müffen Sie ji gewöhnen, Iangfamer beim Vortrag zu fprechen, 
weil die Holländer das Deutſche fonft nicht verftehen. Uebrigens 
kann es auch, für die fchwerfällige Auffaffungsfähigkeit der Majorität 
unferes Auditoriums nur vortheilhaft fein, wenn der Dortrag recht 
langjanı und deutlich ift. Ich habe freilich mein Temperament nie 
andauernd dazu zwingen Fönnen, weiß aber fehr wohl, daß die 
Züricher Studenten die erſte Hälfte des Semefters verbrauchten, um 
mich überhaupt zu verftehen. 

Freundlichſte Grüße von den Meinen. Wir find alle enorm 

eſpannt. 
gejpanı gIhr 


Th. Billroth. 
* 
400) An Dr. von Mundy in Wien. 
St. Gilgen, 31. Mat 1895. 
Sieber, alter Freund! 
für Ihre Zufendung herzlichen Danf; ih kann ——— aufs 
Neue Ihre coloſſale Ausdauer bewundern, Sie Unermüdlicher! | 
Molefchott*) war eine mehr auf Dratorif und De 
angelegte und durch dieſe wirfende Natur; er hat dune —— 
ſirung der Wiſſenſchaft ſehr ſegensreich gewirkt. Sein ala 
Geiſt ging nicht in die Tiefe, wie derjenige des großen ee ) 
der ebenfo viel erforfcht und kritiſirt, als practiſch —— 
— Bei Erfahrungen, wie ſie in dem Artikel „Eine Attaque 
Rettungs⸗Geſellſchaft“ niedergelegt ſind, kann man ME öl er 
ſagen: „Begen die Dummheit fämpfen felbft Götter vergebens, 





— — 2 20. Mai 1895. 
* d h ‚ftologte in Rom ‚ 9 ft. ) 1 du s e 

) rof. der P IY Le 2, s s Y cht; geſt. 1889. 
9 Best der Phyſiologie und Augeñheilkunde —* N 


ee RA ae 


Ich wollte mich hier 14 Tage recht erholen und für die zweite 
Bälfte des Semefters ftärken, nachdem ic) die erfte Hälfte leidlich 
gut durchgebradht hatte. Doch ſchon am erften Tage hier Fam ein 
Influenza-Catarrh über mich; ich hatte wieder- peinliche Tage und 
Nächte, wo ich nicht liegen Fonnte, Schlaflofigkeit zc., Furz, alle die 
alten Befhichten, dazu fteigende Herzſchwäche. Ich wäre fehr glüd- 
lich gewefen, wenn mein Herz bet diejer Gelegenheit einmal ganz 
ftill geftanden hätte; doch leider foll mir dies Glück immer noch 
nicht werden » . » 

Am 5. Juni will id) in Wien wieder meine Hlinif beginnen 
und das Semefter zu Ende führen, fo gut es eben geht. Erhole 
ich mid) dann im Herbt nicht wejentlic (was höchſt wahrjcheinlich 
ift), fo werde ich für den Winter Urlaub nehmen, als Einleitung 
für meinen Abfchied, falls ich ihn erlebe. — „Es ift genug!” 

Wir-haben beide unfere Schuldigfeit gethan. Wer nod eine 
kleine Weile überbleibt, wird des Anderen freundlich gedenfen; def 
bin ich gewiß. . 

x Der Andere. 


401) An Frau Prof. Seegem in Wien. 
St. Gilgen, 10. Juli 1895. 
Siebe Freundin! 

Martha ift fchon feit einer Woche mit ihren Kindern hier, 
Ehriftel und Helene famen heute Hlorgen an, Elfe und id find 
heute Nachmittag hinter unferer Dilla vorgefahren. Das hat aud) 
fein Angenehmes; an das leife Rollen der Süge gewöhnt man ſich 
bald, die Socomotiven find höflich und pfeifen nicht immer bei der 
Balteftelle Billvoth. Nach dem heißen Tage zogen von allen Seiten 
Bewitter auf; es Fam weder Sturm noch Platsregen, fondern nur 
ein feuchtes Flüſtern marfirte die Situation, und eine erquicdende 
Kühle löſt den ſchwülen Drud, unter welchem wir bei der Eiſen⸗ 
bahnfahrt ftanden. 

Ich hatte noch Zeit, meine Rofen zu infpiciren, die in volliter 
Pracht fich entfaltet haben, Nachdem fich jeder fein Sinmer be= 
haglich gerichtet hatte, nahmen wir unfer Nachtmahl auf der Deranda. 
Ich war fehr glüclich, da ich feit langer Seit meine liebe Chrijtel 
und unfere drei Kinder zufammen um uns hatte. Yun find Alle 


— 445 — 


ſchlafen gegangen, doch ich bin noch nicht müde. Bei offenem 
See ſitze ich und plaudere, wenn auch einen Monolog mit Ihnen. 
Der Regen träufelt zu meinem großen Behagen reichlicher. Blitze 
und fern rollende Donner laſſen etwas feuchtere und kühlere Witte— 
rung für die nächſte Feit erhoffen, deren mein Garten dringend 
bedarf. Gleichmäßig rinnt der Brunnen, den ewigen Kauf der Zeit 
ſymboliſirend. Kachtfalter umflattern die Sampe, um mit verfengten 
Flügel das tollfühne Sehnen nad) dem Licht zu bereuen und doc) 
immer wieder von Neuem das Spiel zu beginnen; wie dte Menfchen. 

Ih habe in den letzten 5 Wochen manches Ernfte in Wien 
gefördert und bin zufrieden mit mir, Anfang der lebten Woche 
begannen meine Kräfte zu finfen... Yun, ic) habe mid, ſchon 
fo leidlich in diefe Reſignation hineingelebt; doch manchmal drängt 
fich der Uebermuth als arger Mißmuth an die Oberfläche, und da 
bin ich für meine Umgebung recht zuwider, 

Für Ihren lieben Brief taufend Dank, Diele, viele Grüße von 
Haus zu Haus! 

Ihr alter Freund 
Th. Billeoth. 
C 


402) An Prof. Czerny in Heidelberg. 
St, Gilgen, 22. Auguft 1895. 
Sieber Freund! 

Wir freuen uns fehr, Sie und Kußmaul bei uns zu ſehen. 
Hoffentlich hält das gute Wetter art, Unſere beiden Fremdenzimmer 
für Honorationen find durd) Stodhauf en und Frau befebt. ei 
haben noch ein ziemlich großes Souterrain-Bartenssytmimer zu Ihre 
Derfügung mit 2 Betten; Matratzen etwas hart, mehr für junge 
Seute. Doc find die bäuerlichen Wirthshäufer in St, re — 
St, Wolfgang fo voll, daß ſchwer unterzukommen iſt, und — 
dürften da auch nicht beſſer ſein als bei uns. — 
wünſchen, daß Sie hier übernachteten, da jetzt die Mondſcheinabende 
ung fahren Sie mit der Iſchler nen — 
dem Staatsbahnhof) nach Halteſtelle „Billvoth ; dicht er 
Dilla, wo Frühſtück um 1,9, Mittag I Uhr, Jaufe '/,5, Nachtmah 


8 Uhr bereit ift. Wir bitten um telegraphifches Avifo der Stunde 
Ihrer Ankunft, damit wir Sie empfangen können. Alſo auf baldiges 
Wiederfehen. 

Billroth und Frau. 


405) An frau Prof. Seegen in Wien. 


St. Gilgen, 4. October 1893. 
Siebe Freundin! 


Für diefes Jahr der Iette Gruß aus St. Gilgen. Ich hoffe 
auf ein nächſtes Jahr, und habe fo Manches dafür hier in meinem 
lieben Garten angeordnet. Wie thöricht wir Menſchen doch find! 
Je älter wir werden, und fo Fürzer unfere Zukunft ift, um jo mehr 
forgen wir drum, und freuen uns diefer Thorheit! . . . 

Der diesjährige Aufenthalt war mir einer der liebiten hier in 
dem ſchönen St. Gilgen. Ich habe hier Befferung meiner Leiden 
gefunden, an die ich nicht geglaubt habe. Ich habe neuen Kebens- 
muth und neue Sebensfreude gefunden, und die Refignation auf 
Dieles, was id) früher als unbedingt nöthig für die Behaglichkeit 
meines Dafeins gehalten habe, ftört mich nicht mehr im Kebens- 
genug. sch ftaune felbft, daß mir das gelungen it. Ich hätte 
nicht geglaubt, daß das Alter diefes Wunder an mir vollziehen 
würde; es hat auch mich, den nimmer zu Sättigenden, gebändigt. 
Ih bin am Ende des zweiten Theils Fauſt angelangt. Mögen 
nun die Kemuren Fommen, ſie ſchrecken mid nicht. 

Mein langes Keben hat doc fein Gutes gehabt, vor Allem für 
frau und Kinder . . . 

Was mein wiffenfchaftliches Leben betrifft, jo habe ich gethan, 
was id) vermochte. Meine Thatfraft erlofh, nachdem meine Ge— 
duld für die Detatlarbeit erlofh. Denn nur fo lange wir felbjt im 
Detail forſchen, fhaffen wir etwas Neues in den Naturwiſſenſchaften. 
Es ward mir das Glück, dies auf meine Schüler übertragen zu 
fönnen. Mich 309 es zum Allgemeinen hin. Der Wald intereffirte 
mich fpäter mehr als die Pflanzung neuer Bäume, der Rückblick 
und dte Zufunft mehr als die Gegenwart. Beſchaulich fite ich auf 
dem von mir gepflanzten Baum und fehe, wie dte Jüngeren ihre 
Bäume pflanzen und pflegen. Mehr freut mid) der BhE ms 
Weite, rückwärts und vorwärts. Doc, fteige ich auch wohl noch 


a 


zuweilen gerne herunter und helfe den Anderen bei ihrer Garten- 
arbeit und freue mich, wenn meine Rathihläge und geringe Mit- 
hülfe, meine Erfahrung Anderen zu Gute Fommt. 

So ſteige ich auch jetzt gern nach Wien herunter, um zu ſchauen, 
was meine letzten Rathſchläge genutzt haben. Zwei Bäume, bei 
deren Pflanzung ich geholfen, ſcheinen prächtig zu gedeihen. Das 
Rudolfinerhaus, zu deſſen Grundſteinlegung auch Sie mitgeholfen 
haben, naht feiner Dollendung; der letzte Theil kommt noch dies 
Jahr unter Dad. — Noch weiter ift das Baus der Geſellſchaft der 
Aerzte. Ich hoffe, daß es am 21. d. M. eröffnet werden Fan. Wie 
werden die Aerzte ftaunen über das, was ſie da zu Stande gebracht 
haben, ohne es jelbft recht zu wiffen. Auch Pepi, der fo weſentlich 
dabei mitgeholfen hat, wird ſtaunen, was er da zu Stande ge— 
bracht hat. 

Sie kennen meine Anſicht über den geringen Werth der Per— 
ſönlichkeit in der Weltgeſchichte. Es kommt nur, was kommen muß. 
Der Menſch iſt ein Stück der Natur; ſie hat Geſetze, nach welcher 
ihre Veränderungen vor ſich gehen, Veränderungen, die wir ſo gern 
als Entwicklung mit einem Endzweck im Hintergrunde denken, ohne 
zu wiſſen, ob denn unſer menſchlicher Zweckbegriff überhaupt auf 
die Natur anzuwenden iſt. Wir bleiben immer auf dem anthropo— 
centriſchen Standpunkte; den archimediſchen können wir nicht er— 
reichen und können nicht zu ihm hinauffliegen; und wenn wir zu 
ihm hinaufklettern könnten, würde er zu einem anthropocentriſchen 
werden, und wir wären „jo Flug als wie zuvor”, — 

Ich habe heute den letzten Abſchnitt meiner kleinen Arbeit, die 
ich mir auf dem Gipfel meines Lebensbaumes behaglich ſitzend er⸗ 
grübelt habe, ſtizzirt. Ich bin aber doch nicht ganz ſchwindelfrei 
dabei, d. h. ich vergeffe oft, mid, an meinem Sit feftzuhalten, eu 
ich ins Weite ſchaue — und was heißt das wieder? Das heißt: 
id) habe fortwährend damit zu fämpfen, ‚nicht alle Augenblicke ins 
Allgemeine zu verfallen. Wollte id; mein Gefchreibjel jo drucken 
laſſen, wie die erſten Skizzen find: Fein Menſch BR den ‚Faden 
in der Hand behalten, ihn oft verlieren und ihn beim Suchen kaum 
wiederfinden. Das iſt der Hauptfehler meiner Tugend, den ich beim 
Wiederüberlefen durch Streichen, Ausihaltungen, Derlegen — 
merkungen zu bekämpfen trachte. Und dieſer Seht iſt 
recht tragiſch, da ich dabei die liebſten Kinder meiner Fantaſie todt— 


ichlagen oder fie bet der Erziehung in eine enge Swangsjade bringen 
muß. Doc; das geht nun einmal nicht anders, und man iſt beim 
Todtichlagen nur als Dater gemüthlich betheiligt; es thut ja zum 
Glück den Kindern nicht weh . . » 


$ 


404) An Dr, Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 22. October 1893. 
Sieber Freund! 

Dielleicht intereffiet es Dich, meine jüngfte Schöpfung für Wien, 
das Haus der k. k. Geſellſchaft der Aerzte in der Franfgafje 8 
(vor der Alferfaferne) zu fehen; es ift vecht hübſch ausgefallen. Es 
würde uns fehr freuen, wenn Du uns die Ehre ermeifen wollteft, 
unferer feierlichen Eröffnungs-Sigung beizuwohnen, welche nädjten 
Freitag, den 27, Detober, um 7 Uhr ftattfindet. Ich möchte Dich, 
auch einmal fchön decorirt fehen, 

Paßt Dir das nicht, fo bift Du uns auch in Straßen-Toilette 
willftommen, wo Du Dich auf der (nicht hohen) Gallerie unter den 
jüngeren Aerzten vertheilen kannſt. 

- Paßt Dir aud) das nicht, fo kommſt Du vielleicht zur Beleuch⸗ 
tungsprobe mit Damen am Donnerftag (26.) Abends zwiſchen 7 und 
8 Uhr. 

Am freitag ift ein etwa °, Stunde dauernder Dortrag von 
Prof. Pufhmann „Aerztliches Dereinswefen in alter und neuer 
Zeit”, Mein Hauptaugenmerf bei Conftruction des Sigungsjaales 
war darauf gerichtet, daß man lautlos durd, eine der 20 Thüren 
verfhwinden kann, wenn es langweilig wird; nur ich muß auf 
meinem Präftdentenftuhl ausharren. 

Zedenfalls wird es mic) ſehr freuen, Dich zu fehen. 

ein 
Th. Billroth. 
* 


405) An Prof. von Eiſelsberg in Utrecht. 
Mailand, 1. November 1895. 
Carissimo Tonio! 


Heute ift das Keben doch wieder einmal ſchön! Prädtige Fahrt 
von Wien hierher, Die Sandfchaft ift hier in der lombardijchen 


MO 


Ebene noch herrlich grün, die Miefen ſaftig, die Bäume dur 
herbſtliches Gelbroth bunt; dazu am Abend glänzender en 
Mailand, jo oft ich es auch ſchon gefehen, erfreut immer wieder durch 
jein lebendiges Dafein, durch feine fleißigen, intelligenten Menſchen, 
feine jchönen Gebäude und Kunftihäte. Mir geht es unter diefen 
Umjtänden, und zumal in der Begleitung meines treuen Domenico 
recht erträglich.) 

Wir haben Ihrer oft gedacht. Vor Allem freut es mid, daß 
Ihr Bruder wieder hergeftellt ift; herzlichften Dank für Ihren lieben 
Brief, Da Sie in Holland Feine Berge zu befteigen haben, fo 
wünſche ich Ihnen, daß Ihre Praris bald fo gedeiht, daß Sie ſich 
ein Pferd halten und in den jchönen Allen um Utrecht bei Pußta⸗ 
Beleuchtung umherreiten können. An Engelmann herzlichſte Grüße! 

Ihr alter 


Th. Billroth. 
* 


406) An Fräulein Elfe Billroth. 
Wien, 5. Movember 1893. 

. . . . Mun muß id) Dir vom Paulus erzählen. Das Werk, 
welches jo eng mit meiner Kindheit verflochten ift, fowie in der 
Folge mit meiner mufifalifhen Entwicklung, hat wieder mächtig 
auf mich gewirkt. Ich habe in Greifswald noch als Gymnaſiaſt 
einem freund den Paulus fürs dortige Concert mit Begeifterung 
eingebläut und Fenne daher jede Note. Die geftrige Aufführung 
war im Ganzen gut, wenngleich die Nüancirungen beim Dortrag 
der Chöre unter einem anderen Dirigenten hätten befjer fein können. 
Doch die Klangwirfung des Mendelsſohn'ſchen Satzes, ſowie 
unſeres Chores und Orcheſters mit der Orgel iſt doch immer wunder⸗ 
voll, daß man über den Mangel an detaillirtere Ausbildung des 
Dortrags hinwegkommt. Aufgefallen iſt mir, daß in den Chor— 
ſtimmen doch hie und da etwas Bewegung à la Händel fehlt. 
Auch könnte man da umd dort nach unſerem jetzigen Se 
etwas mehr Härten in der Difjonanz als Gesenſatz zu HA 
Ihönen Klang brauchen. Das Ueble bei den hiefigen Auffü — 
iſt die Mittagsſtunde, und die damit zuſammenhängende Abhetzung 


mit ſeinem Privataſſiſtenten Dr. Barbieri in Mailand, wo 





*) Bilfroth war | 
er En Öfteotomie bei Genu valgum machte. 


29 
Briefe von Theodor Billroth, ( 


— 450 — 


des Ganzen in zwei Stunden. Dadurch wirft felbft diefe Flare, ſchöne 
Mufit ermüdend. Wach meiner Empfindung follte der fehr lange, 
erfte Theil einen Abfchnitt mit 10 Minuten Pauſe, etwa nad) dem 
Tode Stephanus, haben. 

Walter (etwa 60 Jahre alt) hat den Dogel abgeſchoſſen; er 
war fo gut bei Stimme, wie in feinem beften Mannesalter und hat 
ohne Mebertreibung wundervoll vorgetragen. N. war. offenbar nicht 
disponirt. So fehr er mir als fauft bei Shumann gefallen hat, 
fo wenig hat er mich als Paulus und nody weniger als Saulus be⸗ 
friedigt. 

Paulus und Saulus bleiben immer diefelbe Derjon, der gleiche 
Charakter; troß der Wandlungen in Betreff des Glaubens an diejen 
oder jenen Bott ift er immer Fanatiker, Kämpfer. Don dem 
Moment an, wo er mit feiner Derfolgungs-Arte auftritt bis zum 
Schluß, ift er der Held des Stüces, vor deſſen Stimme und Perſön⸗ 
lichfeit Alles verfchwinden muß. Alan Fönnte ihm felbft etwas 
Rohheit verzeihen. 

* 


407) An Prof. Kaſſowitz in Wien. 
= Wien, 25. Movember 1895, 
IX. Kolingafje 6. 
Sehr verehrter Herr College! 


Im Intereffe eines Falls, der mir jehr am Herzen liegt, er— 
laube ich mir die Anfrage, ob Sie immer noch in gleicher Weife 
mit den Erfolgen des Phosphor zufrieden find bei der Rhadıitis, 
und ob Sie bei 5—6monatlihem Gebrauch Feine ntorications- 
erfcheinungen, Darm⸗ oder Lebererfranfungen beobachtet haben. Auch 
bitte ich Sie um Belehrung, in welcher Form und Doſis Sie bei 
Kindern von 12—16 Jahren den Phosphor verabreihen. Ich 
würde Sie nicht mit diefen Fragen beläftigen, wenn ich nicht aus 
eigener Erfahrung wüßte, daß man doc, zuweilen nachträglich aud) 
an veröffentlichten Mittheilungen ändert, wenn ſich die eigene Er- 


fahrung gehäuft hat. 
Hochachtungsvoll 


Dr. Th. Billroth. 
* 


— 1 — 


408) An Prof. von Gruber in Wien. 
Wien, 18. December 1895. 
Derehrtefter Herr Hofrath und treuer Seidensgefährte! 
Endlich! Endlich jehe ich Kand auf unferer Entdedungsteife 
nad) der neuen chirurgiſchen Zukunftsklinik. 

Durch den Sectionschhef Heren Grafen £. ift es mir gelungen, 
den betreffenden Act den Händen unferes größeften Feindes zu ent— 
reißen. Der Mann, welcher jest die Angelegenheit in Händen hat, 
ift der Sectionsrath Dr. 5., ein Mann, der ſich ſehr warm unferer 
Sache annimmt. ch war vor einigen Tagen bei ihm im Miniſte— 
rium. Der Act ift jebt zur Statthalteret geleitet, und wird letztere 
aufgefordert: 1) Ste zu fragen, ob Sie bereit find, den Bau als Archi— 
teft zu übernehmen, und in bejahendem Falle 2) Sie zu erfuchen, 
mit thunlichfter Beſchleunigung die Detailpläne des zweiten, billigeren 
Entwurfes auszuarbeiten. Ihr Elaborat wird dann noch einmal 
in calculatorifcher Beziehung überprüft, und dann ein Baucomite 
ernannt, in welches ich auch hineinberufen werde. 

Wenn nun nicht böswillige Retardationen erfolgen, jo Fann im 
Frühjahr 1894 begonnen werden. Bis zum October müßte der 
Bau unter Dad) fein, und im October 1895 Fönnte ich die Klinif 
im neuen Pavillon eröffnen, falls ich dann noch lebe. Yun, das 
werden wir ja bald jehen. 

Damit Sie nicht glauben, ich fafele (ich kann mir felber faum 
vorftellen, daß ich die Beendigung diefer Angelegenheit erleben jollte!) 
lege ich die foeben vom Sectionsrath Dr. 3. erhaltene Karte bei. 

Ich habe für Januar und Februar Urlaub genommen, um 
während dtefer Heit in Abbazia zu leben und beabjichtige am 
25. d. M. Abends dorthin abzureifen. Für den Augenblid ſieht es 
freilich nicht darnach aus, denn ich bin durch intenſive, rheumatiſche 
Schmerzen im linken Sberſchenkel an ein Fauteuil gefeſſelt und 

—J Schmerz laut aufſchreien. 
möchte bei jeder Erhebung vor Schmerz 
Ihr 
Th. Billroth. 


29* 


— 452 — 


409) An Dr. Johannes Brahms in Wien, 
Wien, 18. December 1893. 
Sieber Freund! 

Unfer geftriges Gejpräh war mir ungemein Iehrreich; und daß 
es auch Dich intereffirt hat, beweift mir Deine heutige Statiftif, 
für die ich Dir ungemein danfbar bin, Es beweift mir, daß man 
bei jeder wifjenjchaftlihen Arbeit nicht forgfältig genug in der Con— 
trolle der Thatjachen fein kann, bevor man zu reflectiren anfängt. Daß 
das mir gerade bei Dur und Moll paffiren muß, während ich in meiner 
Wiſſenſchaft grade durch eine fehr eracte Kritik der Thatfachen eine 
garız neue Bafis für die Statiftif gefchaffen habe, — beweift wohl, 
daß ich auf muftfalifhem Gebiet mic recht dilettantifch gewiffen 
allgemeinen Empfindungs=-Eindrüden hingegeben habe, die ih in 
meiner Wiſſenſchaft fortgefchafft habe. 

Daß Stüde in Moll in uns modernen Menſchen leichter haften, 
giebſt Du ja zu; es ift das wohl damit zu vergleichen, daß uns in 
unſerer nächften Umgebung mattere, janftere Farben im Ganzen 
angenehmer find, als grellere. Sur Seit unferer Jugend war das 
anders, Der moderne Menſch liebt auh in den Zimmern Fein 
grelles Licht. Moderne Dorliebe für gemalte Fenfter. Belle, ſcharfe 
Stimmen find uns unangenehm. Man jpricht im Salon in Moll. 
Es wäre als ein Ausdruck des Heitgefhmads aufzufaffen, der ja 
mannigfach wechſelt, wobei die Urfache des Wechſels und die Rich— 
tung des Neuen felten eract zu begründen, nie vorauszufagen ift. 
Ic halte von den metaphyfiichen Geſetzen der Piychologie gar nichts. 
Auf dem Wege der eracten Naturforfhung Fönnen wir diefen Dingen 
bisher in feiner Weife beifommen; es ift fehr wichtig, daß wir uns 
darüber nicht täufchen. 

Mein Eindruf war im Allgemeinen, daß mit Händel und 
Haydn die Dur=Periode beginnt, und daß vorher, und zumal bei 
den älteften Dolfsliedern Moll vorherrfht. Daß dies unrichtig ift 
in Betreff der Dolfslieder, haft Du mir neulich ſchon bewiefen, wenn 
auch vielleicht bei fchottifchen und ſchwediſchen Polfsliedern mehr 
Atoll vorkommt, wie bet anderen Dölfern. Was die altfranzöfiichen 
Tanszlieder betrifft, fo find die 3 Bände Echo du temps passe 
freilich meine einzige Quelle. Es ift aber fehr möglich, daß der 
Herausgeber ſchon mit Dorliebe Kieder in Moll ausgefuht hat, und 
daß die DursLieder, die in diefen Heften vorhanden find, mir wenig 


— 45 — 


gefallen haben, fodaß fie mir deshalb nicht im Gedächtniß geblieben 
find, Alle Dolfslieder in Dur machen mir, ebenfo wie viele 
moderne Dolfslieder in Dur leicht einen teivtalen, die in Moll einen 
diſtinguirten Eindrud, Eine alte Melodie in Moll erfcheint mir 
weniger veraltet, als eine alte Melodie in Dur. 

Wie fteht es nun mit Rameau, Couperin, Muffat, Schützꝰ 
Ich habe ſie alle in Moll in Erinnerung, was ich davon kenne, 
während mir die alten Italiener vorwiegend als Dur-Meifter vor— 
ſchweben. Leider fteht mir da wenig Siteratur zu Gebote. Am 
liebſten hätte ich mic) gleich auf das losgeftürst, was ich habe; doch 
ich Din feit geftern Nachmittag ein gelähmter Kranich und habe 
Ihauderhafte Schmerzen in meinem linfen Bein, fodaß ich mid, 
faum rühren kann. Diefe Schmerzen waren in der Naht fo 
colofjal, daß ich viel Morfin genommen habe, um fte zu ertragen; 
und da bin ich jest kaum in der Derfaffung, Dur und Moll zu 
unterfcheiden. Auch diefe Yacht werde ich wohl fchlaflos verbringen, 
wie die vorige, | 

Ift es Dir nicht zu fad, Touperin, Rameau, Muffat, 
Schütz und zwei alte Italiener ftatiftifh auf Moll zu prüfen, ebenfo 
die Dolfslieder der Schotten, Ruffen, Schweden, Ungarn, Böhmen, 
Deutfchen, Italiener, Franzofen, fo würde mich das ungemein inter- 
effiren. Ic meine nicht, daß Du das felber thun follit; doch weißt 
Du vielleicht einen zuverläffigen, jungen Mann, der auf Deine Auf- 
forderung ſich diefer Mühe unterziehen würde, und dem Du die 
Kiteratur zur Derfügung ftellen könnteſt. Es wäre damit für alle 
Zeiten die in der Luft fchwebende Idee, daß ein Volk erſt durch 
höhere Eultur zum Dur gelangt, abgethan. —J 

Was den Prinzen Heinz anlangt, ſo waren die in Wolken 
ſitzenden Weiſen auch wohl früher auf der Erde und haben Poſſen 
— die relativ vielen Cantaten in Atoll bei Dapy mit 

dee — indung, daß ſie für die Paſſionszeit ge— 
vielleicht darin ihre Begründung, 
madıt jind? 

Sieben Mal bin ich 
dem etwas morfinifiet: verzeih daher, 
richtigen Platz fteht. A hun EREITE 

; Wie Du über Folgendes? Ja Won, m 
wenn das, was Du das „eigene Befiht” eines Compo ſte 


bei dieſem Brief unterbrochen und außer— 
wenn nicht Alles an ſeinem 


— 454 — 


und was man fonft auch feine fpecififche Driginalität oder feinen 
neuen Stil nennt, hauptſächlich auf neuen, harmonifhen Combina- 
tionen durch die Mittelftimmen beruht, außerdem auf der Eigen- 
artigfeit der verwendeten Ahythmen (Mleyerbeer). Das Aufhören, 
die Motive durch Variation zu fteigern, fie immer nur zu wieder- 
holen, ſowie fie einmal find, fcheint mir für Wagner und moderne 
Franzoſen und Italiener charakteriftiich. Das organiihe Wachſen 
des Muſikſtückes hört dabei auf; es ift mehr ein Sufammenlegen 
mit unveränderlichen Steinen, ein Moſaik oder ein Kaleidofcop mit 
unveränderlichen, bunten Steinen. Das fann fehr hübſch fein; doch 
es ift dabei Feine andere Steigerung möglich, als durch die Inten— 
fität des Karbenglanzes. Nun fange ich wohl an zu fafeln. Schluß. 

Diefer Brief würde wohl nie fertig werden; ich „unterfertige‘‘ 
ihn daher auch nicht; Du weißt auch wohl ohnedies, von went 
er iſt. 


* 


410) (An Dr. Büdinger in Wien, Aſſiſtent Billroth's.) 
An feine Schüler.*) 


Wien, 18. December 1893. 


ns 


Beehrte Herren! 
Meine lieben Schüler! 


Ich hatte die Abficht, die erfte Hälfte dieſes Semeiters bis zum 
nächiten Freitag zu Ende zu führen; leider bin ich durch fehr heftige 
Schmerzen im linken Bein daran gehindert. Für die Monate Januar 
und Februar habe ich meines Bronchtalcatarrhs wegen Urlaub er> 
beten und erhalten. Einer meiner vorzüglichiten Schüler, der Docent 
Bere Dr. v. Hader, wird mic) vertreten umd den Unterriht ganz 
in meinen Geifte fortführen. Ich bitte Ste, meinem Stellvertreter 
die gleiche Sympathie entgegen zu bringen wie mir und hoffe, Sie 
am 1. März wieder freudig begrüßen zu Fönnen. 

Billroth. 
* 


*) Billroth übergab jenes Schreiben feinem Affiftenten Dr. Büdinger mit 
dem Auftrage, dafjelbe in der Klinik vorzulefen. 


al — 


411) An Dr. Büdinger in Wien, Affiftent Billroth’s. 


Wien, 25. December 1893. 
Sieber Konrad! 


M Giebt es Recruten, welche nie Iernen rhythmifch im Marſch— 
taft zu marjchiren? 

2) Wie lange dauert es, bis es die Ungeſchickten, wie lange, 
bis es die Ungeſchickteſten marfchiren lernen? 

Ich weiß wohl, daß Site mir diefe Fragen nicht beant- 
worten fönnen; doch haben Sie oder Einer der anderen Herren 
vielleicht Beziehungen aus Ihrer Dienftzeit zu irgend einem. intelli- 
senten Unterofficier, der etwas darüber aus feiner Erfahrung 
fagen Fönnte. 

5) Ich füge noch einige Fragen hinzu. Wie groß ift die Zahl 
der Ungefchieten (Hälfte? Dritttheil? Diertheil? oder weniger?) 
ungefähr anzugeben? 

4) Giebt es Recruten, welhe mit großer Sicherheit im Taft 
zu marjchiren meinen, und doch ganz falſch marſchiren? 

Bitte um briefliche Antwort nach Abbazia. Ich kann bis 
14 Tage warten. Je mehr Erfahrungen, vielleicht von verfchtedenen 
Ererciermeiftern, um fo befjer. 
Ihr 

Th. Billvoth. 

— 

5) Giebt es unter den öfterreichifchen Nationen welche, die ganz 
befonders ſchwer im Taft marfchiren lernen? 


* 


412) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Wien, 25. December 1895. 
Sieber Freund! 

Ich habe bereits Manches bei Dommer gelejen, — 
gefallen hat; er ſpricht ſehr zuverſichtlich und klar ... En 
des Werkes von Helmhols nur in einer Anmerkung Er % AR 
fi) ganz Furz nicht einverftanden mit H.s — h * 
Diſſonirenden aus den Schwebungen. Soll er RL en — 
ausführlicher darüber ausgeſprochen haben! Vielleicht hat er das 


Buch irgendwo gründlich recenfirt, angezeigt, wie man früher fagte. 
Man muß fih doch fehr vorfehen, einen Mann wie D. anzugreifen. 
Er ift unter den größeften deutichen Denfern einer der allergrößten, 
Phyſiolog und Philofoph zugleih. Es wird jest Mode unter den 
Jüngeren, an dem alten Löwen herum zu nergeln. 

Keider ift mein lieber Lollege N., fonft fehr hervorragend und 
vielfeitig gebildet, fo abfolut unmufifalifh, daß ich nichts mit ihm 
anfangen kann. Er hört gern Muſik, befonders Singen, geht auch 
zuweilen mit feiner mufifalifchen Frau in Concerte. Ich fpielte 
ihm geftern „Mir winden dir” in Fis-dur mit Begleitung in 
F-dur; er jagte gleich, das ift aus dem Freiſchütz, machte aber 
feine weitere Bemerfung. Dann fpielte ich die Melodie in G-dur, 
dte Begleitung in F-dur und fragte ihn, ob er einen Unterſchied 
merke. Antwort: Das erſte gefiel mir beſſer. — Kannſt Du Dir 
eine Vorſtellung von einem ſolchen Ohrzuſtande machen? Es wäre 
intereſſant, öfter ſolche Verſuche zu machen. Man weiß noch gar 
nicht, wie weit das Unmuſikaliſche ſelbſt bei Seuten geht, welche 
fi an der Muſik als rhythmifc geordneten Klang doch in gewiffer 
Weije erfreuen. 

Es wäre mir doch ungemein wichtig, Dich nocd einmal vor 
meiner Abreife über die Verſuche von Helmhol& zu fprechen . 
IH Fann zu Haufe fein, wann Du willft, bin es eigentlich immer. 
Bei meinem augenblidlihen Zuftande Fäme ich ohne Sebensgefahr 
faum zu Die hinauf. Laß Di nicht abfchreden, wenn Du eine 
Tafel an meiner Thür findeft, daß ich fchon abgereift bin. Ich 
bleibe incognito noch bis Mittwoch Abend! 

Dein 
Th. Billtoth. 
* 


415) An Dr. Jankau in Münden. 
Wien, 25. December 1895. *) 
Geehrter Herr! 

Ich würde die einfachite romanische Sprache, alfo ſpaniſch, als 
Öelehrtenfprahe empfehlen; darnach würden fich italienifh und 
franzöfifch, von den germanifchen Sprachen nur englifdy dazu eignen. 

*) Obiger Brief war die Antwort auf die Anfrage, welche Sprache Billroth 
als Gelehrtenfprahe für geeignet halten würde, 


Keßtere Sprahe wäre am empfehlenswertheften, weil fie auch eine 
der einfachiten Sprachen if, Da aber die romanifchen Dölfer fo 
abjolut talentlos in Betreff der Exlernung fremder Sprachen find, 
jo müßte man ihnen wohl in Rückſicht auf ihre großen culturellen 
Keiftungen die Lonceffion machen, eine romaniſche Sprache als 
Gelehrten- reſpective Weltſprache zu wählen. 

Hochachtungsvoll 


— Dr. Ch. Billroth. 


414) An Prof. Wölfler in Graz. 
Abbazia, I. Januar 1894. 
Sieber Freund! 

Wie lieb war es von hnen, mein Zimmer durd) die fchönen 
Blumen zu [hmüden! Sie haben mic herzlichſt dadurch erfreut! 
— Ihre Meujahrswünfche erwiedere ich aufs Wärmfte. Dor Allem 
möge ein gütiges Geſchick Sie in der Folge vor den allerlei Fleinen 
und großen Störungen bewahren, welche Ihnen in letterer Zeit 
allerlei Krankheiten gebracht haben. 

Was die 20 Jahre betrifft, jo wäre mir das zu viel des Alters- 
Sebens. Ich wäre mit 2 Jahren recht zufrieden, damit ich meine 
neue Klinif fertig fehe. — Und dann! nur Fein längeres Siehthum; 
ih habe fo wenig Geduld, es zu ertragen! — Es ift mir für jeßt 
unmöglich, den Berg zu Ihnen hinaufzuflimmen. 

Dor Allem behalten Sie mic, lieb! 
Ihr 
Th. Billvoth. 
* 


415) An Prof. Czerny in Heidelberg. 
Abbazta, 2. Janıtar 1894. 

Sieber Freund! — 
Herzlichen Dank für Ihre lieben Seilen vom 24.12. 95. Ich 
erwiedere Ihre Wünfche aufs Wärmſte. Möge es Ihnen und den 

Ihrigen im Jahre 1894 recht gut gehen. ; 
; Sa bereite fo allmählich meinen Rücktritt vor, Allem Anſchein 
nah wird nun in diefem Jahre der Neubau metner Klinit im 
I. Hof des allg. Krantenhaufes beginnen. Bleibe ich am Leben, jo 


— 458 — 


werde ich die neue Klinik im Herbit 1895 eröffnen und mich dann 
im Sauf des Jahres 1896 vom Amt zurüdsziehen. Es ift mir aber 
bei meiner immer ftärfer hervortretenden Herzſchwäche jehr zweifel- 
haft, ob ich das erlebe. Mir ift Alles reht. Ich bin reifefertig. 
Bedenken Sie freundlichit meiner! 

Ihr 


= pn. 


416) An Dr. Büdinger in Wien, Affiftent Billroth’s. 
Abbazia, Al. Januar 1894. 
Sieber Konrad! 


Ich danke Ihnen fehr für die Mittheilungen übers Marjchiren*). 
Sie find mir außerordentlich werthvoll und vollfommen genügend. 
Ihr 


Th. Billroth. 
% h. Billeoth 


417) An Dr. Johannes Brahms in Wien. 
Abbazta, 12. Januar 1894, 
— Freitag. 
Sieber Freund! 

Daß die nationalsdeutiche Tanz⸗-Muſik fchlieglih am Ländler 
und Walzer hängen geblieben ift, jcheint mir zweifellos; ebenjo, daß 
diefe Melodieen 4 reſp. S-taftig gegliedert geblieben find, wenigitens 
der überwiegend größten Fahl nad). 

Wie fteht es aber bei den deutſchen Volksliedern (ic) beſitze 
leider Feine Sammlung) in Betreff des Taftes und der Taftgliederung? 
ft auch in den Dolfsliedern zumal auch in unferem Jahrhundert, 
und zumal feit fie (außer den Schnadahüpfel, die ich aus Beobadhtung 
gut Fenne) nicht mehr als Tanzlieder gebräuchlich find — der 
3),-Taft vorwiegend geblieben? hat jich die Aund 8-taftige Gliederung 
bei der Melodieenbildung auch in den Dolfsliedern beibehalten? In 
der claſſiſchen Muſik herrſcht letztere entſchieden vor. 6 und grtaftige 
Melodieen find ungemein felten (interefjante Ausnahme Dein wunder- 
volles g-taftiges D-dur-Thema mit Dariationen). Piel eher kommt 





*) Jene Mittheilungen hat Billroth noch zu einer Arbeit, benutt, welche 
nach feinem Tode Prof. Eduard Banslic unter dem Titel: „Wer iſt mujifalifch ? 
(Berlin 1895, Gebr. Paetel) herausgegeben hat. 


in a en, als jelbjt Marfchliedern (Prinz Eugen) 
Setaktiger Rhythmus vor, und zu Zeiten überhaupt Rhythmus= 
Wechſel oft. Marum der 4 und S-taftige große Rhythmus fo fehr 
vor dem 5 und G-taftigen bevorzugt ift, ſehe ich eigentlich nicht ein. 

‚Denn Du Hanslid fehlt, grüße ihn herzlichft von mir; ich 
laſſe ihm fehr für feinen Brief danken. 

Mir geht es hier tro& des wundervollften Wetters immer noch 
nicht gut. Ich ſchlafe faſt gar nicht und habe keinen Athem. 
Meine Grübeleien ſind meine einzigen Unterhaltungen. Ich kann 
wenig ausgehen. 

Dein 
Th. Billroth. 
h. Billroth 
418) An Prof. von Gruber in Wien. 
Abbazia, 17. Januar 1894. 
Sieber Herr Hofrath! 
Ic bitte Ste, mir nur mit zwei Worten auf einer Correſpondenz⸗ 
karte zu ſchreiben, ob Sie den bewußten Auftrag erhalten haben 
oder nicht. Ich mißtraue den Herren der Art, daß ich Gewißheit 


darüber haben möchte. 
u Ihr ergebenfter 


Th. Billroth. 
C 2 
419) An Prof. von Gruber in Wien. Du 
Abbazıa, 18, Januar 1894. 
Derehrtefter Herr Hofrath! 

Unfere Gedanken und Briefe haben fich gefreuzt. Ich wittere 
Binterlift dabei, daß man Ihnen noch nicht definitiv den Bau über 
tragen hat. Man wird Alles aufbieten, um es zu verhindern. Im 
Unterrichts-Miniftertum ift Sectionsrath 5. der Sache günftis; ſonſt 
wünſcht Niemand, daß Sie die Klinik bauen. Wir haben da nur 
Feinde. Bitte, behalten Sie die Sache im Auge. Wenn es nicht 
weiter geht, bitte, gehen Sie dann zu F. 

Die Intriguen gegen mich ſind ſtärker als je. Man kann den 
Zeitpunkt nicht abwarten, daß ich abtrete. Ich werde es aber nicht 
thun, bis die Klinik nicht unter Dach iſt. J 
Th. Billroth. 
* 


— 460 — 


420) An Prof. von Dittel in Wien. 
Abbazia, 19. Januar 1894. 
Mein lieber, alter Freund! 


Dielen herzlihen Danf für Ihre lieben Briefe, die mir den 
Unterfchied zwifchen dem wiffenfhaftlihen Leben in Wien und dem 
faulen hiefigen Dafein fo recht zum Bemwußtfein bringen. 

So ganz, wie ich es wünſchte, ift es mit mir hier noch Feines- 
falls. Daß ich Abends ein Mal ein bischen länger im Saal fa, 
um einer befonders guten Sigeunertruppe zuzuhören und mir einige 
von ihr gefpielten Sieder notirte, beweift eigentlid nichts für die 
Befjerung meiner Athemnoth und meiner Schlaflofigkeit. Es ift 
audh in der That nicht weit her mit diefer Befjerung diefer Zu— 
ftände, wenn auch beffere Tage und Mächte neben reht fchlechten 
vorfommen. Doch es hat im letten Frühjahr auch lange gedauert, 
bevor es in St. Gilgen langſam etwas befjer wurde, daß ih mid, 
nicht beklagen will. 

Ich bin ungemein erfreut über die Nachricht von Ihnen, daß 
der Dortrags-Saal im Aerztehaus ſich bei der ftrengen Kälte der 
legten Wochen heizen ließ... . . In der Beftellung der bisherigen 
Büften find, wir etwas willfürlich vorgegangen; id) glaube, daß alle 
gerechtfertigt find, theils aus ärztlichen Gründen (weil fie Präftdenten 
waren), theils wegen ihrer Bedeutung für den Ruhm unferer Schule 
nad) außen .. . 

Ihrer lieben Frau, Bergmeifter und Paltauf die beiten 
Grüße! 

Ihr treuer Freund 
Th. Billroth. 


— — 


Namen RKegiſter. 





Baum, Wilhelm (Prof, der Chirurgie in Göttingen. Geſt. 1883). 
2, 5, 4, 8, 6, 7, 8 10, Il, 12,.15, 15, 16, 18, 19, 20, 22, 
23, 24, 27, 95, 154, 153, 155, 172, 180. 

Baum, Wilhelm (dirigir. Arzt in Danzig). 162, 197, 199. 

Benedir, Frau (Kindermädchen im elterlichen Haufe Billroth's). 363. 

Bergmeifter, Dtto (Prof. der Augenheilfunde in Wien). 320, 345. 

Billroth, Frau Paftor (in Greifswald, Mutter Billroth’s. Geſt. 
SR) I. 

Billroth, Frau Hofrath (Gattin Billeoth's). 69, 70, 71, 72, 73, 
74, 76, 77, 79, 80, 81, 82 

Billroth, Fräulein Elfe (Tochter Billroth’s). 159, 588, 391, 395, 
395, 397, 406. 

Brahms, Tohannes (Dr. phil. Componift in Wien). 46, 55, 5%, 
105, 120, 130, 133, 141, A51, 1065, 188, 19%, 211, 214, 222, 
223, 226, 228, 229, 251, 255, 241, 248, 255, 260, 270, 275, 
298, 321, 350, 375, 40%, 409, 412, 417. 

Büdinger, Konrad (Affiftent Billroth's in Wien). 410, 411, 416. 

Czerny, Dincenz (Affiftent Billroth's in Wien, Prof. der Chirurgie 
in Freiburg i/Br., Heidelberg). 100, 117, 129, 158, 145, 
165, 169, 170, 171, 175, 174, 202, 203, 224, 227, 255, 25%, 
256, 268, 273, 280, 285, 555, 547, 376, 587, 402, AIDS. 

v. Dittel, Seopold, Ritter (a. o. Prof. der Chirurgie in Wien). 
185, 235, 272, 50%, 522, 329, 552, 561, 505, 586, 420. 

v. Eifelsberg, Anton, Freiherr (Affiftent Billroth's in Wien, 
Prof. der Chirurgie in Utrecht). 257, 266, 294, 299, 505, 
318, 351, 384, 399, 405. 


Eifer, Dtto (pract. Arzt in Frankfurt at). 42, 45, 44, #7, 50, 
220, 510, 554, 50%, 507, 3877, 579, 594. 

v. Esmarch, Friedrich (Prof. der Ehirurgie in Kiel). 28, 30, 31, 
32, 34, 35, 40, Al, 49, 55, 56, 57, 58, 60, 62, 65, 349. 

Fi, Adolf (Prof. der Phyfiologie in Sürih, Würzburg). 245. 

Fiſcher, Georg (dirigir. Arzt in Hannover). 63, 66, 67, 68, 84, 
87, 89, 91, 92, 97, 10%, 126,-127, 139, 152, 166, 178. 

Fock, Carl (dirigir. Arzt in Magdeburg. Belt. 1865). 17, 21, 26. 

v. Friſch, Anton, Ritter (Affiftent Billroth's in Wien, a. o. Prof. 
der Chirurgie in Wien), 179, 286, 572. 

Barfinfel, 5. (Dr. med. Wirfl, Staatsrath in Petersburg). 152, 
192. 

Berfuny, Robert (Privat-Afiftent Billroth's in Wien, dirigir. Arzt 
in Wien). 175, 176, 177, 183, 186, 195, 20%, 215, 250, 
252, 23%, 242, 246, 249, 295, 323, 360, 368, 585, 592. 

v. Blafer, Frau Jenny (Wien). 574. 

v. Gruber, Franz, Ritter (Architekt, Prof. in Wien). 200, 205, 
206° 208, 212,213, 219, 221, 261, 262, 265, 26%, 276, 279, 
282, 289, 290, 291, 298, 297, 301, 506, 507, 508, 509, 51, 
312, 316, 326, 527, 351, 346, 557, 590, 396, 408, 418, 4\9- 

Burlt, Ernft (Prof. der Chirurgie in Berlin). 59, 75, 85, 198, 
250, 251, 259, 503. 


Buffenbauer, Carl (Aſſiſtent Billroth’s in Wien, Prof. der Chirur⸗ 
gie in Lüttich, Prag, Wien). 548, 575, 580. 

Babart, Johann (Regimentsarzt, Docent für Kriegschirurgte in 
Wien). 541- 

Hanslid, Eduard (Dr. juris et phil. Drd. Prof. der Muſik in 
Wien.) 98, 113, 142, 144, 156, 187, 190, 209, 210, 27%, 
315, 333, 35%, 558, 366. 

His, Wilhelm (Prof. der Anatomie in Bafel, geipzig). 9, IX, 25, 
29, 37, 38, 45, 48, 51, 52, 64, 78, 86, 95, 101, 106, 107, 
110, 15%, 168, 217, 589. 


— 465 — 


Jankau, 8. (Dr. med. Redacteur der internationalen mediciniſch⸗ 
photographiſchen Monatsſchrift in München). 413. 
Kappeler, Otto (Affiftent Billroth's in Zürich, dirigir. Arzt in 
Nünfterlingen). 59, 140, 158, 167, 184, 578, 398. 

Kafjowis, Mar (Prof. der Kinderheillunde in Wien). 407. 

König, Franz (Prof. der Chirurgie in Roftod, Göttingen). 85, 201. 

Krönlein, &. U. (Affiftent der hir. Klinik in Zürih, Prof. der 
Chirurgie in Sürih). 94. 

Küfter, Ernft (Prof. der Chirurgie in’ Berlin, Warburg). 302. 

v. Sangenbed, Bernhard (Prof. der Chirurgie in Berlin. Belt. 
1837). 112, 119, 121: 

Sauenftein, Carl (dirigir. Arzt in Hamburg). 181, 514 

Sewinftein, Buftav (Dr. Redacteur der deutfchen Tabaf- Heitung 
in Berlin). 284. 

Soffen, Hermann (a. o. Prof. der Chirurgie in Heidelberg). 182. 

Meißner, Georg (Prof. der Phyftologie in Bafel, Freiburg i/Br., 
Böttingen). 33, 109, 116, 122, 285, 287. 

Menzel, Arthur (Affiftent Billroth's in Wien, dirigir. Arzt in 
Trieft. Geſt. 1378). 88. 

Mikulicz, Johann (Affiftent Billroth's in Wien, Drof. der Chirur⸗ 
gie in Krafau, Königsberg, Breslau). 125, 155, 156, 149, 
150, 160, 161, 191, 207, 245, 525, 571, 582. 

Müller, Mar (dirigir. Arzt in Löln). 61, 102. 

v. Mundy, Jaromir, Freiherr (Gründer der Wiener freiwilligen 
Rettungs=Befellfhaft. Geſt. 1894). 267, 269, 27%, 550, 
356, 357, 358, 359, 340, 542, 545, 5%4, 400. 

Neudörfer, Ignaz (Beneralftabsarzt a. D., Docent der Chirurgie 
in Wien). 128. j 

Dehlfchläger, oh. Bottlieb (pract. Arzt in Danzig). 550. 

Pacher, Fräulein Henriette (Später Gattin von Dr. Joh. Mifulicz 
in Wien). 148: 

v. Renz, Theodor (K. Badearzt a. D. in Wildbad). ILL. 


— 464 — 


v. Rindfleifh, Eduard (Prof. der pathologifhen Anatomie in 
Zürich, Bonn, Würzburg). 12%, 145, 157, 189, 257, 239, 
240, 247, 300. 

Rogowicz, Jacob (in Warſchau, ehemals Kedacteur der War— 
fhauer medicinifhen Wochenſchrift). 137. 

v. Rofitansty, Pictor, Freiherr (Prof. für Gefang a. D. am 
Eonfervatorium in Wien). 3135. 

v. Rofthorn, Alfons (Affiftent von Prof, Chrobaf in Wien, Prof. 
der Geburtshilfe und Gynäkologie an der deutſchen Uni— 
verfität in Prag). 288, 519, 559, 385. 

Shmidt, Benno (Prof. der Chirurgie in Leipzig). 36, 562. 

Shudardt, Karl (Docent der Chirurgie in Halle, dirigir. Arzt 
in Stettin). 218. | 

Seegen, frau Hermine (Battin von J. Seegen, a. o. Prof. der 
Balneologie in Wien, ehemals Arzt in Carlsbad). 90, 99, 
103, 164, 252, 258, 296, 324, 401, 403. 

Socin, Auguft (Prof der Chirurgie in Bafel). 96, 108, 118, 244, 
278, 352, 353, 369. 

Toppius, Rudolf (Rittergutsbefiser auf Paterhof in Eldagien, 
Provinz Hannover). 193, 196, 216, 28 

Toppius, frau Emma (Gattin von Rud. Toppius). 271. 

v. Volkmann, Richard (Prof. der Chirurgie in Halle. Geſt. 1889). 
I A15, 151. 

v. Winiwarter, Alerander (Affiftent Billeoth’s in Wien, Prof. der 
Chirurgie in Lüttich). 125, 146, 147, 225, 269, 881. 
MWölfler, Anton (Affiftent Billroth's in Wien, Prof. der Chirurgie 

in Graz, Prag). 236, 238, 281, 292, 517, 590, 570, 414. 


Drud von Bär & Hermann in £eipzig. 
) 





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